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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10. Ethisches und Ästhetisches

So weit der Glaube. Wo das Wissen versagt – und was wußte der homerische Mensch von der Naturgesetzlichkeit im All? –, da ersetzt der Glaube das Wissen, und der Glaube ist es, der dem Menschen die sittliche Haltung gibt. Aber nicht nur er; wir sehen, wie auch der Unglaube eigenartig richtunggebend mitwirkt. Es ist die Frage: wozu wird man geboren und was ist Ziel und Zweck des Lebens? Der homerische Junker denkt wie der Jude des alten Testaments: es gibt kein Nachleben und Werden nach dem Tod; es gibt nur ein Diesseits für die Lebendigen. All unser Streben ist nichts als ein Blühen und Welken.

Des Sterbenden Seele flattert welk durch den Erdspalt in den Orkus hinab, wo es schattenhaft nur Bewußtlosigkeit gibt, die dem Nichtsein gleichkommt. Daher wird in der 50 homerischen Welt die Leichenkonservierung in tiefgelegten Gräbern, die das Volk sonst liebte, vermieden, und keine Spenden werden dem Scheidenden, als könnte er davon noch Genuß haben, mitgegeben. Das Volk fürchtete die Seelen der Abgeschiedenen, als lebten sie und gingen wie Gespenster um, und suchte sie alljährlich durch Opfer zu beschwichtigen. Die Herren, für die Homer dichtet, wissen davon nichts. Der Mann, der geendet, wird mit seiner besten Habe auf dem Holzstoß verbrannt, und kein tiefes Schachtgrab, das dem Versteck gleicht, nimmt seine spärliche Asche auf, sondern ein künstlich aufgeschütteter Hügel, der weithin sichtbar an den, der gewesen, erinnern soll. Diese Freigeister hofften nichts, ein energischer Pessimismus. Der Gewesene kommt dem gleich, der noch nicht geboren ist.

Und nun die Folgerung: wie unser Leben sich nur im Diesseits auswirkt, so also auch die Strafe, die dem Schuldigen droht; alle Schuld rächt sich schon auf Erden. Die Götter sorgen dafür, daß noch vor dem Tode der Schädling gefaßt wird, und des Menschen Pflicht ist es somit auch, selbst Vergeltung zu üben, wenn ihm Unrecht geschah. Allemal tut er es im Sinne der Gottheit, im Namen des Schicksals. Orest erschlägt den Sünder Ägisth; Athene die kluge Göttin, billigt es ausdrücklich.Odyssee 1, 300. Odysseus vollführt den Freiermord; dieselbe Göttin leitet ihn dazu an. So auch die großen Kriege dieser Zeit; es sind Vergeltungskriege, Strafvollzug,Die Kriege sind Strafvollzug für Vergehen. Trefflich formuliert Menelaus die Ursache des trojanischen Krieges Ilias XIII 624 f.: Bruch des Gastrechts. Fürstenhaus gegen Fürstenhaus, und die Götter geben acht; sie selbst tragen Waffen, schmieden Waffen. Mag die Entscheidung lange schwanken, sie wenden den Sieg auf die Seite des Rechts.

Was aber hat der Tugendhafte von seiner Tugend, da das Jenseits ihn nicht lohnt und kein Himmel sich öffnet? Es ist der gute Name allein. Um ihn geht alles. Er soll nachklingen bis über den Tod hinaus, und das genügt. Der Held geht ins Gefecht, um entweder den eigenen Ruhm zu mehren oder den Ruhm anderer.Ilias XII 328. Modellmenschentum, das war das 51 hochgestellte Ideal, rühmlich zu leben und zu sterben, um Vorbild zu sein auch noch für die Zukünftigen. Das ist Verewigung. Daher der starke Herzschlag dieser Edelleute, das mächtige Ehrgefühl.

Aber es kam noch eins hinzu, und es sind vielmehr zwei Motive, die da walten; die Ehre und das Schöne. Auch das Schöne. Dies zeigen uns alle Gesänge Homers.

Wir fragen nicht, ob damals wirklich Menschen von der Feinheit und Noblesse, wie der Dichter sie vorführt, anzutreffen waren. Aber ein Ideal hat er damit aufgestellt, und es war das Ideal der Zeit. Kultur beruht nicht auf Wissen, wie heut manche glauben. Denn was war damals das Wissen? Auch der so kenntnisarme Südländer von heute zeigt oft mehr Kultur als der vielwissende Gelehrte bei uns, der sich groß tut und doch ab und an wie ein Prolet beträgt. Ehrenhaft sein und schön sein zugleich: das steht, wie ich hoffe, auch heute noch als das Höchste vor uns. Es ist die Kultur der Seele.

Homer weiß wohl auch von Menschen, die gerne Globetrotter wären und im Geiste über Land und Meer ihre Gedanken senden; sie möchten alles kennen;Ilias XV 81 f. aber es geschah eben nur in Gedanken, und keine seiner bedeutenden Personen zeigt uns in Wirklichkeit eine Forschernatur.

Von den ethischen Forderungen war schon die Rede. Die Volksfürsorge obliegt den Herren, also soziale Gesinnung, sowie eine gerechte Justiz. Dazu kommt Ritterlichkeit, Furchtlosigkeit, Konsequenz im Handeln und Zuverlässigkeit in jeder Lage. Die eheliche Treue ist freilich nur der Ruhm der Frauen; den Mann verherrlicht vor allem, wenn er dem Freund die Treue hält. Männerfreundschaft blieb bei den Griechen gepriesen zu allen Zeiten; sie wird zur Leidenschaft, und die wildesten Teile der Ilias sind von ihr durchflutet. Aber die Treue greift noch höher; sie wird zur Vaterlandsliebe. Kein schönerer Tod als der für Haus und Herd; denn heilig ist der Heimatboden. Auch das geht durch das ganze 52 Griechentum weiter. Die Vaterlandsliebe ist Religion. Wenn Hektor fällt, trauern selbst die Götter.

Alles das klingt schön; anderes berührt uns sonderbar. Dazu gehört das Weinen. Das ist pathologisch; aber die Rührseligkeit galt offenbar als Tugend, wie in den Romanen Jean Pauls, und zwar auch bei den Männern. Schon die alten Römer spotteten über diese weinenden griechischen Helden, und die Beispiele stehen schon bei Homer. Agamemnon wie Herkules haben lose Tränen.Ilias VIII 245; 364; XVII 648. Nichts drolliger als die Szene im Palast des Menelaus, wo während der üppigen Mahlzeit von den Nöten des sehr verehrten Odysseus erzählt wird. Sofort weint Helena, weint Menelaus, weint Telemach, weint auch dessen mit anwesender Freund, und sie können nicht essen, bis endlich dieser letztere verständig bemerkt, bei Tisch passe das Weinen doch übel, und rasch wendet man sich wieder zum Schmaus; aber ein Zaubermittel muß noch erst in den Wein geschüttet werden, damit der Appetit wiederkommt.Odyssee 4, 184 mit herrlicher Anapher κλαῖε . . ., κλαῖε δέ, die auf Rührung berechnet ist. Männlicher zeigt sich zum Glück Achill, der nur sich die Speise versagt, wenn er Kummer hat.

Dann aber die List und das Lügen. Es gehört zu den Virtuositäten, also Tugenden, des Griechen und wird gern bewundert, ist und war übrigens ebenso auch im weiten Orient beliebt. Auch die Götter Homers, oder zum wenigsten die Göttinnen genieren sich nicht. So lügt die Göttin Hera ihrem Zeus auf das Dreisteste ins Gesicht.Ilias XIV 200 f. So aber auch Gott Hermes XXIV 390 ff. Gewiß eine Laxheit der Helden- und Göttermoral. Aber nicht allen haftet sie an. Achill blickt mit Empörung darauf; er haßt alle Verstellung wie die Hölle.Ilias IX 312. Er ist der Große, der auch im Kampf den Hinterhalt nicht kennt; er wäre, um Troja zu nehmen, nie mit in das hölzerne Pferd gestiegen.

Und doch war diese Lüge eine Kostbarkeit; denn sie erfordert Phantasie; sie wird zur Kunst. Es entsteht die Dichtkunst, d. h. die Kunst des freien Fabulierens. Der Grieche selbst nannte das Dichten Lügen; Lügnerinnen heißen die Musen. Wir nennen es Täuschen. Der Erzähler erfindet 53 frei, aber glaubhaft, und der Hörer wird angenehm getäuscht. Das Genie setzt ein, und die große Kunst, die erste der großen Kulturtaten der Griechen kann hiermit beginnen.

Odysseus, der vielgeliebte Held, ist solcher Dichter; Improvisator. Er lügt, wo er als Bettler maskiert ist, mit Grazie über sein Vorleben ganze Histörlein zusammen; sie lesen sich wie Vorstudien zum Epos, und seine Hörer glauben ihm alles. Hernach, wie er die Maske abwirft, verübelt ihm niemand das Geschehene. Dabei sagt er selbst, daß vor allem ein fester Trunk Lust macht zum Dichten und schwindelhaften Erzählen,Odyssee 14, 463 f. eine Wahrheit, von der wohl noch andere sich überzeugt haben.

*     *     *

Reden wir denn endlich von der Kunst; reden wir vom Trieb zum Schönen.

Thronende Göttin

Thronende Göttin

Marmorstatue im Berliner Museum (Nr. 1761), gegen 490 v. Chr. Nach Antike Denkmäler des deutschen archäologischen Instituts Band 3, Tafel 41.

Der Mensch selbst will schön sein. Auch bei Männern wird darauf Wert gelegt. So sagt denn auch Homer von allen besseren Personen, die er vorführt, daß sie es sind. Sogar des Odysseus Schenkel heißen schön, als er zum Zweikampf das Kleid abwirft.Odyssee 18, 68. Häßlich sind nur die SpioneIlias X 316. und Thersites, der bucklige und schielende Kläffer. Das heißt: nur an dem Unedlen haftet die Häßlichkeit. Wer edel, muß auch schön sein.

Eine Plastik fehlte noch, und der Mensch war noch nicht imstande, Kunstgebilde aus sich heraus zu stellen. So machten die Herren sich selbst zum Kunstwerk. Mit dem hemdartigen Chiton ließ sich kein Staat machen, und der edle Körperbau wirkt durch sich selber, auch ohne Kleidung. Der Fürst aber trägt wie die Frauen mitunter ein Unterkleid, das mit der Schleppe den Boden fegt,Die Frauen in Troja heißen ἑλκεσίπεπλοι, die jonischen Krieger speziell ἑλκεχίτονες. darüber, wo er sich in seiner Würde zeigt, den stoffreichen und purpurnen Mantel. Der Purpur war violett oder porphyrfarben, und er blieb für immer der strahlende Ehrenschmuck der Potentaten. In der Schlacht prunkte man in den kostbaren Waffen, auch wenn 54 sie nicht, wie bei den Asiaten, vergoldet waren. Das Haar bleibt stets ungeschnitten in blonder oder dunkler Fülle mit freiem Scheitel, die Locken wie Hyazinthentrauben, stets ohne Diadem. Auch den leidigen Kranz kennt man noch nicht. Auch der Bart wächst voll und lockig, ein Stolz des Mannes, den auch die Weiber bewundern.

Aber auch die Haltung, die Bewegung muß edel sein, und der Leib wird diszipliniert. Zur Beherrschung der Glieder wird man methodisch erzogen;Vor allem im 23. Buch der Ilias. der Sport ist schon entwickelt, von dem der Ägypter und der Orientale nichts wußte, die Leibesübung, die, solange sie nicht übertrieben wurde, eine der schönsten Kulturgaben des Griechentums war. Bei den Sportturnieren werden auch schon Preise verteilt, man wettet sogar schon auf den besttrainierten Kämpfer.Ilias XXIII 485. Begreiflich, daß die Großplastik, wenn sie Männer bilden wollte, hernach vom Sportfeld ihre ersten Anregungen entnahm.

Und damit beginnt die Ästhetik. Sie beginnt beim Ich, bei der Selbstdarstellung, bei den gesellschaftlichen Formen, vor allem der Art, zu sprechen. Homer zeigt uns das alles an seinen Junkern.

Achten wir vor allem auf die Sprache. Seine Helden sind Redner;Nestor heißt der λιγὺς ἀγορητής Ilias IV 293. sie geben uns in der Weltliteratur die ersten musterhaften Proben künstlerischer Sprachbehandlung, einer ästhetisch durchgebildeten Redekunst, wobei auch schon zwei wirksame Sprecharten ausdrücklich unterschieden werden, das kurzgefaßte Wort oder Diktum und sein Gegenteil, die Überredung, die vieler und wohlgeordneter Worte bedarf.Ilias III 213 ff. Fast alles, was wir hören, ist nicht nur klug durchdacht, sondern auch geschmackvoll.

So aber auch die Umgangsformen. Ein junger Fürstensohn tritt in den Raum, wo ein ruppiger Bettler sitzt. Der Bettler will aufstehen, er aber heißt ihn freundlich sitzen bleiben: »ich werde mir schon einen Platz verschaffen, fremder Mann.«Odyssee 16, 44. Wie viele von unsren Gebildeten würden 55 ebenso handeln? Als unpassend gilt, daß ein junger Mensch den alten zuerst anredet;Odyssee 4, 159. auch das können wir uns merken. In den Anreden herrscht, außer in der Schlacht, überall die anmutigste Höflichkeit, familiär und ohne den Pomp des Orientalen; typisch so bei der Entgegnung: »Lieber, es steht auch mir wohl zu, ein Wort zu erwidern.« Nichts feiner als die Gastfreundschaft des Phäakenfürsten, als das sittsame und doch freie Benehmen der jungen Prinzessin Nausikaa dem wundervollen Fremdling gegenüber, der aus dem Dickicht am Inselstrand vor ihr auftaucht.

Hören wir noch einiges Weitere. Die Nacht ist kalt; Odysseus ist als Bettelmann unerkannt beim Eumäus eingekehrt; ihn friert; er möchte einen Mantel haben, aber er mag ihn nicht direkt darum bitten, sondern beginnt eine Anekdote zu erzählen von ein paar Kriegern, die in der eisigen Winternacht auf Vorposten liegen; der eine von ihnen hat keinen Mantel und erschwindelt ihn sich von seinem Nebenmann auf das lustigste. Eumäus versteht sogleich, was gemeint ist; er lobt: »schicklich hast du geredet, darum auch nicht erfolglos« und deckt den Gast warm zu.Odyssee 14, 509. Das ist herzgewinnend. Dazu das Verhalten der Männer bei den Wettkämpfen, die zu des Patroklus Ehren geschehen: Achill als leutseliger Veranstalter, der verschwenderisch die Preise setzt und überreichen läßt und auch den, der nichts gewann, liebreich entschädigt und tröstet; und dazu Antilochus, der ganz junge Mensch, wie reizend ist sein Benehmen! Mit einem Trick, der wider die Ordnung, lenkt er bei der Wettfahrt die Rosse so, daß er den Menelaus, der viel bessere Gäule hat, überholt und verlangt auch noch übermütig seinen Ehrenpreis. Der Preis fällt ihm zu; es ist ein Pferd. Menelaus sieht es, zürnt, protestiert und schilt. Sofort aber sieht Antilochus seine Schuld ein und bekennt voll Reue: »es war Übereilung und gedankenlos gehandelt; wir jungen Leute fallen so leicht in Verfehlung; du weißt es selbst. Nimm du den Preis, den ich erhielt, und darf ich dir sonst noch etwas zuliebe tun, ich will dir's geben; nur 56 darf ich dir nicht aus dem Herzen fallen und ich als Frevler dastehen, auch vor den Göttern!« Da durchdringt Wonne das Herz des anderen, so wie der Tau mild auf die junge Saat fällt, und er verzichtet und überläßt dem Jüngling großmütig den Preis.

So haben die epischen Sänger damals die Sitten der gesellschaftlich bevorzugten Familien, ihre kultivierte Lebensart anschaulich in Szenen vorgeführt; so hat aber auch ihr Publikum es hören wollen. Alles gibt sich mit einer natürlichen Vornehmheit, d. h. maßvoll, wo nicht außerordentliche Erschütterungen eintreten. Sinnfälligste Sinnlichkeit im Sexuellen ist heute der Triumph unsrer glorreichen Dichtkunst, ob impressionistisch oder expressionistisch. Jene alten Griechen wissen zu verschweigen, obwohl sie gewiß die Freuden des Lebens gründlich kannten und auch das Gemeine nicht weniger auszukosten wußten als wir. Das ist Anstand, das ist Stil, und der Dichter zeigt sich ebenso zurückhaltend wie seine Helden. Man sieht es mit Erstaunen. Liebesseufzer, erotische Ergüsse, zärtliches Getue gibt es nicht.Nur des Paris Liebeserklärung macht dazu eine Ausnahme: Ilias III 441 f. Im ganzen Homer wird nicht geküßt! Päderastisches fehlt erst recht. Von Beilagern wird oft genug ohne Prüderie geredet, einmal sogar eine höchst frivole und schlüpfrige Novelle von der Hänselung eines Ehemanns mit sichtlichem Behagen eingelegt; aber über das, was den Lüsternen eigentlich reizt, wird auch da rasch der Vorhang geworfen, und man hört nur das Lachen derer, die das arge Liebespaar in der mißlichsten Lage ertappen.

Ebenso aber auch der Rausch. Wer wird sich bezechen? Kein homerischer Held tut das. Für bacchantische Extravaganzen, Völlerei und Erbrechen, ist in diesen Kreisen kein Raum.Übermäßiges Trinken wird Odyssee 16, 292 ausdrücklich abgelehnt, die Mänade freilich einmal kurz erwähnt (22, 460), Dionys aber nirgends gefeiert. Die Dionyssage ist noch nicht entwickelt, ganz anders die Heraklessage. Man trinkt, wie wir schon bemerkten, immer nur Wasser mit einem Zusatz von Wein;Vgl. z. B. Odyssee 9, 209. und nur von einem Subalternen hören wir einmal, daß er trunken vom Dach fiel; ein Dämon, heißt es da,Der Dämon ist der ungenannte Dionys: Odyssee 10, 555. hatte ihn zum Übermaß verführt, und was ihm geschah, ist Weh, nicht Wonne.

57 In dem allen wirkt ein ästhetischer Trieb mit dem Ethischen zusammen, und das war es, was auch den Männern, die da beim fröhlichen Mahl dem Dichter zuhörten, genehm war. Auch die Zusammenfassung der einzelnen Gesänge zu den großen Epen der Ilias und Odyssee muß also noch in der Zeit der Fürstenherrschaft selbst geschehen sein,Der Dichter der Schlußbücher war zugleich der Zusammenfasser des Ganzen; s. »Von Homer bis Sokrates«³ S. 428. und diese Werke wirkten dann stilgebend auf alle Besten weiter, ob auch die Zeiten sich änderten.

*     *     *

Homer selbst sagt: man wird alles satt im Leben: den Tanz, das Lieben, den Schlaf, auch den Krieg;Ilias XIII 636. so auch in der Dichtkunst den epischen Vortrag. Mit dem Publikum änderten sich die Interessen; die alte Sängergilde verstummte; die Individuen aus der Masse brachen vor, und die beweglichen neuen Poeten schoben die Helden beiseite, um vielmehr von sich selbst zu reden, und griffen auch ins kleinste und alltäglichste, dem Pulsschlag der Zeit gehorchend. Haß und Liebe kommen jetzt ganz anders zu Wort, und neben das Ungemeine tritt frech und fröhlich auch das Gemeine. Die erste Offenbarung griechischer Kunst jedoch, von der ich gehandelt, hat die Antike an Reichtum und Reinheit nie überboten.Homer selbst weissagt seinem Sang vom Zorn lange Dauer: Ilias XIX 64. Solche Äußerung ist in seinen Epen etwas ganz Seltenes; der Dichter tritt mit seinem Ich sonst ganz zurück.

Der Frühling schmückt den Erdball,
Den Himmel das Sternenheer.
So Hellas die Menschheit, dich aber,
O Hellas, schmückt Homer.

Ein erster großer Rekord war somit aufgestellt, und die Folgezeiten mochten zufrieden sein, wenn sie hinter ihm nicht zurückblieben. Alles sogenannte Literarische lebte bisher nur in mündlichem Vortrag und war dem Gedächtnis der Berufssängergilde anvertraut. Für die Tragfähigkeit des Gedächtnisses der Rezitatoren bei primitiven Völkern gibt es der Belege genug.Vgl. »Von Homer bis Sokrates«³ S. 76 und 430. Es folgte die Einführung der Schrift. Sie war Rettung für das gefährdete erste Geisteserbe der Hellenen, 58 aber führte auch darüber hinaus zu ungeahnten Veränderungen des ganzen Staats- und Volkslebens. Das historische Gedächtnis begann, es begann die gesicherte Überlieferung, und so hörte in der Dichtkunst die große Erfindung auf. Man ist hinfort zu sehr an die Tatsachen gebunden, und wer noch große Stoffmassen literarisch behandeln will, schreibt in Prosa. Es beginnt die Zeit der Inschriftensteine und des Buches. 59

 


 

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