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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9. Der Glaube

Was uns heut in den homerschen Epen, der Ilias und Odyssee, kunstvoll zusammengefaßt vorliegt, ist anfangs in Einzelstücken, die kaum eine Stunde füllten, bei den Gelagen zum Vortrag gekommen. Homer selbst zeigt uns das. Dabei bezieht er sich auf mündliche Tradition.Ilias XX 204. Aber er gibt uns nur eine Auswahl dessen, was damals gesungen wurde.Etwas eingehender versuchte ich dies auszuführen »Von Homer bis Sokrates«³ S. 430 Anm. 32 u. f.

In diesen Poesien aber sind nun die besten Gedanken und schönsten geistigen Werte der Zeit niedergelegt. Nicht etwa die den Gottesdienst verwaltenden Priester, sondern die Sänger rein weltlicher Stellung waren die Denker jenes Zeitalters, sie waren die Lehrer der Menschheit für viele Geschlechter. Versuchen wir uns dies noch in Kürze zu vergegenwärtigen.

Unter die Aristokraten, in die körperlich und geistig gepflegten Kreise – auch die Götter gehören dazu – führt uns der Dichter und handelt nicht vom Leben der Masse. Wieviel blöder Aberglaube steckte im Volk! Homer ignoriert es, schiebt es weg; so auch alles Ordinäre, was damals so gut wie heute über die Gasse scholl. Es ist schon viel, wenn er auf die Unzahl der Lügner hinweist, die auf Erden leben,Odyssee 11, 364 f. wenn er uns im Vorbeigehen auf der Gasse die Weiber zeigt, wie sie keifen oder am Backofen sich treffen und unerträglich plappern,Odyssee 18, 27; vgl. oben S. 16. wenn bei ihm endlich der Ziegenhirt, der Rohling, dem braven Eumäus, der mit dem Bettelmann Odysseus daherkommt, das »Gleich und Gleich gesellt sich gern« an den Kopf wirft.Odyssee 17, 218. Dahin gehört auch der Demokrat und Rabulist Thersites.

Der Vornehme, sagt Homer, zeigt schon auf den ersten Blick durch seine Erscheinung, daß er nicht zum Volke gehört;Ilias XXIV 347. und so ist alles gedacht, flott, aber fein; aristokratisch auch die Ethik, auch das Abfinden mit dem Schicksal und dem Tode.

Natürlich, daß in der wilden Schlacht der Sieger 45 aufjauchzt, wenn er den Gegner stürzen sieht. Drohung und Hohn ist, wo Gott Mars regiert, am Platze. Ins Kannibalische aber verfällt nur Achill in seinem Rasen; er fällt aus der Norm und ist als Übermensch gezeichnet, stierhaft unversöhnlich bis zum Letzten. Da Hektor den Patroklus erlegt, will er Hektors Fleisch roh verschlingen.Ilias XXII 346, vgl. IV 35; XXIV 212. So schrieb aber auch ein Niebuhr im Jahre 1822 in seiner Wut gegen die Türken: »wenn ich so viel zu leiden gehabt hätte von den Türken, so würde ich nicht nur morden, sondern das Blut von meinem Messer ablecken!« S. Karl Dieterich »Aus Briefen und Tagebüchern zum deutschen Philhellenismus« (1928) S. 35. Ganz anders dagegen, wenn der kluge Nestor, um die Schlaffheit der Seinen im Kampf aufzustacheln, lockend ruft: »wir halten durch, bis wir die Weiber des Feinds beschlafen.«Ilias II 355. Das ist Kasernenstil; naturwüchsig; so lockt man die rohe Masse. Empörend wirkt, wenn einmal ein Wüstling seinem Opfer mit Kastrierung, Nasen- und Ohrenabschneiden droht,Odyssee 18, 87. was uns an die schauerliche Justiz im Perserreich gemahnt. Das sind vereinzelte Exzentrizitäten, die der erregte Augenblick schafft, die drastisch erschütternd wirken, aber das sittliche Niveau des Ganzen so wenig stören wie eine Sturzwelle das Niveau der See.

Soll ich die Tugenden der Helden aufzählen? Mannhaftigkeit (Areté) steht obenan; dazu gehören Gerechtigkeit, Frömmigkeit und Besonnenheit, die Grundpfeiler der späteren Tugendlehre; Homer kennt diese abstrakten Wörter noch gar nicht, aber er kennt die Sache. Aus der Art, wie die Menschen bei ihm sich verhalten, kann man einen Sittenkodex entnehmen, und man hat ihn daraus früh entnommen, der der Griechenwelt diente und auch unsrer Jugend noch dienen kann. Da gibt es keine Kontroversen; Väter und Söhne sind sich einig in den Forderungen des Richtigen. So aber auch im Religiösen. Es herrscht ein unzerrissener Geist. Man ist gläubig und steht viel zu aktiv im Treiben des Lebens, um sich mit Zweifeln aufzuhalten.Ein vereinzeltes Beispiel für Mißtrauen gegen die Gottheiten ist Ilias XXIV 63, wo Apoll ἄπιστος heißt, weil er auf der Hochzeit des Peleus und der Thetis musiziert, also ein Hochzeitslied zu Ehren der Thetis begleitet hat und nun doch gegen Achill, der aus dieser Hochzeit hervorging, sich feindselig verhält. Es fehlt jede hohlwangige Dogmatik, des überlebten Gedankens Blässe. Das Leben blüht. Die Darstellung ersetzt die Lehre. Ein sittlicher Instinkt waltet; wir nennen es Takt, und er beherrscht die Gesellschaft.

Das Volk glaubte an Hexenspuk und Zauber niedrigster 46 Art. Alle sogenannten Götter waren ihm nur Gespenster; so blieb es noch lange. Unheimlich alle Bewegung in der Natur, die uns umgibt; alles unpersönliche Geschehen ist dem Naiven unverständlich. In den Dingen selbst steckt die Tücke der Geister, für die man, um sie beschwören zu können, einen Namen erfindet: im Gewitter, in den Schlünden der Erde, im Walddickicht, in jedem stürzenden Gestein, im knisternden Ofen, im Blick des Feindes, in Eulen und Schlangen. Homer, das heißt: die Phantasie der höherstehenden Gesellschaft, lüftete wunderbar befreiend den Seelendruck, die Angst des Wahns, und hob die Gottheit in den Himmel; es wirkte wie Verklärung. Über dem Erdendasein der Sterblichen atmen nun in der Höhe Geisterwesen, die selig, aber uns ähnlich sind, wie im christlichen Dom die Gemeinde überwölbt wird von der Glorie der Engel oder Gottesboten und der Dreieinigkeit in excelsis, Geister, die unantastbar und ewig ungefährdet leben und deren Zweck und Beruf ist, lediglich über uns zu wachen und unsre Sorgen zu teilen, allgegenwärtig, hilfreich, aber auch zu strafen bereit. Das war das Neue. Homerische Religion, ein erstes Wunderwerk hellenischer Phantasie.

Der Mensch schafft sich Gott nach seinem Bilde. Der Idealgrieche steht in Zeus und den Seinen vor uns. Die Ewigkeit wird diese Phantastik nicht vergessen. Aber Zeus, der gerechte und freundliche, der allmächtige Hüter der Ordnung der Welt, genügt nicht; Hilfsgötter um Zeus sind nötig sowie jene Engel und Erzengel um den Gott Zarathustras und des Christentums. Und der Mensch fühlte sich nun auch diesen Göttern nahe; denn sie haben seine Natur: ein lebendigster Glaube, ein Nahegefühl, das nur, wer selbst im Süden und unter der Sonne Homers lebt, begreift. Sie sind Personen mit feinstem Profil, steigen so in irdischer Gestalt zu uns nieder, beraten den Kämpfer oder den Reisenden mit persönlicher Zusprache, werfen dem Schiffbrüchigen den helfenden Schleier zu und suchen in Liebe das jungfräulich unberührte 47 Erdenweib, um Helden zu zeugen, das ist, um die Menschenrasse zu heben. Der ganze Adel der homerischen Welt hat Götterblut.Der Adel leitet sich gleichsam grundsätzlich von den Göttern her, und zwar zumeist nur in der dritten Generation, wie z. B. Zeus den Deukalion zeugt, Deukalion den Minos, Minos den homerischen Helden Idomeneus (Ilias XIII 450 f.). Wenn W. Otto a. a. O. S. 69 von einer unüberbrückbaren Kluft redet, die den Griechenmenschen von seinen Göttern trennte, so gilt, wie man sieht, für die homerische Welt und für alles, was hernach von ihr beeinflußt blieb, das Gegenteil.

Aber sie sind mehr als wir; sie sind nicht nur unberührt von Tod und Schicksal, sie können auch das Wunder, das Naturwidrige, schaffen, und ein poetischer Märchenschimmer umgibt sie, der mit dem düster Spukhaften des Volksglaubens wenig mehr gemein hat. Die Luft trägt sie über der Erde; in Vögel können sie sich wandeln und gleichzeitig hier und dort sein, wenn Gebete sie rufen.Vgl. Ilias XVI 515.

So ist denn das ganze Leben des Griechen mit Frömmigkeitsbezeugungen durchsetzt. Kein Mahl, bei dem die Götter nicht Gast sind, keine wichtigere Handlung, ohne daß der Mensch betet. Mit Aufblick betet man zu Zeus, streckt dabei auch die Hände himmelwärts.Ilias XIX 257; III 275. Aber was man will, ist immer nur Hilfe; denn Beten ist Bitten. Man bittet nur, aber man dankt nicht. Das ist ein Zeichen der Kindlichkeit der Antike: Gotteskindschaft. Denn auch das Kind, das andrängend zur Mutter kommt, weiß nur zu bitten, weiß noch nicht zu danken.

Wer schuf den Kosmos? wer schuf Himmel und Erde? und woher stammt das Menschengeschlecht? Diese denkenden Menschen fanden noch keinen Anlaß, danach zu fragen.Zeus heißt zwar πατὴρ ἀνδρῶν τε ϑεῶν τε. Aber das heißt nicht »Vater der Menschen und Götter«, und wir dürfen den Artikel τῶν, den Homers Sprache noch nicht kennt, hier nicht ergänzen. Jene Übersetzung wäre falsch; denn Zeus war ja nicht Vater »der« Götter, sondern nur etlicher Götter; Poseidon, Hera, Nereus u. a. hat er nicht gezeugt. Somit ist zu übersetzen: »Vater von Göttern und Männern.« Dabei ist daran gedacht, daß Herakles, Deukalion, Dionysos, Perseus u. a. Helden oder Halbgötter seine Söhne waren. Töchter sterblichen Geblütes fehlen; solche hat Zeus nicht in die Welt gesetzt. Daher heißt er nicht πατὴρ ἀνϑρώπων, sondern nur ἀνδρῶν. Die Frage nach der Herkunft des Menschengeschlechts ist damit also nicht beantwortet. Aber ein anderes »Woher« war dringender: woher stammt das Böse? Denn der Mensch, der in Konflikten lebt, mochte sich das täglich fragen. Aber die Antwort ist anders als die Zarathustras und seiner Nachfolger. In der Religion Homers gibt es kein Prinzip des Bösen, und der gräßliche Teufel fehlt in der Antike. Keine als Person gedachte überirdische Macht will grundsätzlich das Böse. Das war konsequent gedacht.

Schrecklich und bösartig schien freilich der Vulkanismus, so auch das Meer im Sturm; dem Meer ist der Vulkanismus benachbart, und so steht neben den Erdengöttern der wild daherfahrende Meeresgott Poseidon, der mit seinem Dreizack 48 die Wogen aufwühlt oder ihn in die Erde stößt, und Inseln und Wohnstätten versinken und Gebirge steigen auf, wo sie nicht waren. Aber das sind Nöte der Physik und nicht der Ethik. Auch lebt der Mensch nicht auf dem Meer; er ist wie Zeus auf dem Festland heimisch; den Göttern des Festlandes gilt vor allem das Vertrauen, und die Lehre geht: »Wer auf die Götter hört, den hören auch die Götter.« Deutlicher: »Werke der Bosheit sind ihnen zuwider; sie ehren den Mann, der sittsam handelt.«Vgl. Ilias I 218 und Odyssee 14, 83.

Woher nun in uns die verderbliche Leidenschaft, die tausendfach unser Glück zertrümmert? Eris, die Göttin des Haders, wirft ihren Erisapfel unter die Könige, und der Streit ist da. Das ist wegweisend. Die Götter wirken alles; sie wirken im kritischen Augenblick das Gute, das wir tun, ebenso auch das Schädliche und Schändliche. Unser innerer Impuls ist in Wirklichkeit ein Stoß von außen, göttliche oder dämonische Einflößung. Gleichwohl und dennoch lohnen die Götter das Gute, strafen das Böse, zu dem sie uns trieben. Das bleibt ungelöstes Problem; wir können es nicht rechtfertigen, aber müssen es glauben. Nicht Helena selbst war schuld an ihrer Entführung, sondern die Liebesgöttin,Ilias III 164. kein Gott aber wendet das Unheil ab, das darauf folgt. Ganz ebenso im Guten. Achills großmütige Barmherzigkeit dem Priamus gegenüber am Schluß der Ilias bildet den ethischen Höhepunkt des Ganzen; aber es heißt auch hier wieder: Zeus gab ihm das ein. Ein Gewissen gibt es zwar; aber es wirkt wiederum nur von außen; die Erinyen sind es, die den Muttermörder Orest über die Lande hetzen, bis er durch eine höhere göttliche Instanz entlastet wird.So sind die Götter auch Schuld daran, daß Odysseus einschlief bei den Heliosrindern; trotzdem straft Zeus den Raub der Tiere (Odyssee 12, 372 und 387). Derselbe Gott ist Schuld an des Ajax Ende (11, 559); er ist es, der dem Mann, der verknechtet wird, die Hälfte seiner Tüchtigkeit nimmt (17, 322). Aber auch den Vatermord verhindern gelegentlich die Götter (Ilias IX 459). Der Belege gibt es noch viel mehr, vgl. »Von Homer bis Sokrates«³ S. 39  f. und 443 Anm. 37, 464 Anm. 17.

Übrigens gilt der Satz: jede große Natur ist reich begabt zur Sünde wie zum Segen. Für den Achill Homers, aber auch für die Völker trifft er zu, für das griechische Volk sowohl wie für das der Römer, bei jedem von ihnen in anderer Weise. Aus der Gottheit aber, d. h. aus der höheren Notwendigkeit fließt beides, der Segen wie die Sünde; das zu 49 glauben beruhigt das Herz des antiken Menschen, und er folgt unbekümmerter als wir seinen Instinkten, dem Schicksal, das nicht nur über uns, sondern auch in uns wirkt, skrupellos ergeben, und genießt so tatenfroh jede Stunde und die Gaben des flüchtigen Augenblicks, bis etwa doch das Unheil über ihn kommt; denn die Gottheit straft, wie gesagt, die Verfehlung, als hätte sie nicht selbst dazu den Impuls gegeben.Vgl. die Phaedra, das Schicksal des Xerxes u. a. Wohl läßt sie sich durch reuige Bitten erweichen; aber »diese unsre Bitten sind nur allzu träge im Lauf; die Schuld dagegen rennt schnellfüßig durch alle Länder und bringt uns Schaden und Verderben«.Ilias IX 502 ff.

Die schwierige und ewig ungelöst gebliebene Frage nach Gott und Schicksal und wie weit die Vorbestimmung über den Willensentscheidungen des höchsten Gottes steht, lasse ich hier unerörtert. Das Epos äußert sich darüber verschieden, je nach dichterischem Bedürfnis.Dies ist am eingehendsten sophistisch ausgesponnen bei Lucian im Ζεῦς ἐλεγχόμενος Das soeben Ausgeführte aber wird davon nicht berührt.

 

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