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Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung

Theodor Birt: Das Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
booktitleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
authorTheodor Birt
year1928
firstpub1928
publisherQuelle & Meyer
addressLeipzig
titleDas Kulturleben der Griechen und Römer in seiner Entwicklung
pages459
created20120812
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8. Die Mahlzeiten

Von der Volksernährung habe ich schon gehandelt. Sie war vorwiegend vegetarisch; nur am Festtag, wenn den Göttern geopfert wird, verspeist man das Opferfleisch zu ihren Ehren. Das Volk auf Ithaka sitzt dabei in 9 Abteilungen zu je 500 Menschen geordnet.Vgl. Odyssee 3, 7.

Das Brot war Gersten- und Weizenbrot.Odyssee 20, 108. Transportiert wird das Mehl in Schläuchen. Im Feldlager wird das Brot an die Mannschaften durch die Schaffner verteilt. Diese Schaffner sind keine Soldaten, sondern die rechten 41 Schlachtenbummler; wird das Soldatenvolk zur Versammlung berufen, strömen sie mit herzu und haben da doch nichts zu suchen.Ilias XIX 44.

Man speist Mittags und nochmals gegen Abend. Während dazu in Friedenszeiten die Dienerschaft das Kochen und Aufwarten besorgt, müssen sich im Kriege die Herren hübsch selber helfen. Man höre, wie es dabei im Blockhaus des Achill zugeht. Gäste kommen. Da ist es zunächst Patroklus, der den Wein mit Wasser mischt und den Trunk verteilt. Dann wird von ihm die Fleischbank aufgestellt, Rückenfleisch von Hammel, Ziege und Schwein daraufgelegt. Dann kommt Achill und schneidet es, während ein Dritter es hält, in Stücke. Die Stücke brät dann Patroklus an Spießen, nachdem er Salz daraufgestreut hat. Die Spieße drehen sich auf Gabeln. Achill verteilt dann die Stücke, Patroklus Brot an die Gäste, die schon Platz genommen haben. Achill setzt sich zu ihnen, während Patroklus noch den Göttern die üblichen Stücke opfern muß. Dann wird er sich auch mit zu Tisch gesetzt haben.Ilias IX 202 ff.

Übrigens wurde auch in großen Kesseln das unzerlegte Schwein gekocht; man macht Feuer durch Reiben; die Holzscheite brennen; im Kessel brodelt das Wasser, und das Fett des Schweines schmilzt.Odyssee 21, 362..

Die Freier im Haus des Odysseus sind so zahlreich, daß sie an Einzeltischen essen müssen. Sonst vereinigte man sich an einem Tisch. Es gab anscheinend auch Ausziehtische.Ilias IX 216 und sonst. Dazu das τανύειν τράπεζαν Odyssee 1, 138 und E. Buchholz, Das Privatleben im heroischen Zeitalter II 2, S. 162. Ein Tischtuch fehlt im ganzen Altertum zumeist;Vgl. H. Blümner, Röm. Privataltertümer S. 389 f. man reinigte die Tischplatte mit Schwämmen. Und man saß damals noch bei Tisch; das Liegen wurde erst später üblich.

Ein wie reichhaltiges Menü hätte der Süden nun den vornehmen Herren möglich gemacht: an Fischen und Wild, Obst und Gemüsen! Auch Geflügel mit Absehung von Hühnern wäre leicht zu haben gewesen. Aber sie waren noch keine Lukulle, und jede Abwechselung fehlte. Immer gibt es nur »Fleisch und Brot«, zumeist ohne Nachtisch; zur Auswahl stand Schweine-, Ziegen-, Rind- und Hammelfleisch. Als 42 Nachtisch erscheint einmal Ziegenmagen, mit Fett gestopft.Odyssee 18, 44. Dazu trank man immer nur Wasser mit Weinzusatz. Auch die Frauen waren, wenn sie dursteten, darauf angewiesen; ja, auch schon die kleinen Kinder bekommen Wein, wie die Bayern ihren Säuglingen schon Bier geben.Ilias IX 489. Das ägyptische Bier kam nicht nach Hellas. Wozu also die großen Obstgärten der Vornehmen? Denn in den großen Gärtnereien oder »Paradiesen«, die die Reichsten von ihnen anlegten, wurde nur Obst gezüchtet; Blumenbeete pflanzte man noch nicht.Nicht nur Alkinous, auch Tydeus besaß solche Parks mit Obstpflanzungen: Ilias XIV 123. Gärten und Felder werden auch schon künstlich bewässert: XXI 257 f. Blumenbeete aber fehlen noch. Wenn Mohn im Garten zu finden ist (VIII 306), so ist das Wildwuchs. Vgl. noch Odyssee 5,  72; Ilias XIV 348, auch II 468 und 695.. Wir müssen hoffen, daß die lieben Frauen zum wenigsten mit den Kindern sich an den prangenden Äpfeln und Birnen gütlich taten.

Urteilen wir aber nicht vorschnell; denn der Küchenzettel läßt sich doch noch bereichern. Wir hören noch von einem absonderlichen Gericht, das man zum zweiten Frühstück genoß. Rohe Zwiebeln stehen im Metallkorb bereit; dazu gibt es Gerstenmehl in Honig sowie eine Weinsuppe, die wiederum mit Gerstenmehl etwas steif gemacht und in die Ziegenkäse gerieben wird.Ilias XI 623 ff. Wem wird danach die Zunge wässern? In Ermangelung des Löffels trank man die Suppe; sie muß also noch flüssig genug gewesen sein.

Erfreulicher ist es, von der Hauptmahlzeit zu reden. Man hat sich zum Mahl versammelt. Ist der Kreis intimer, so setzt sich auch die Frau des Fürsten mit zur Tafel, nicht aber die Tochter.Helena, nicht die Tochter Hermione, speist mit an der Tafel des Menelaus; ebenso trifft Odysseus die Nausikaa nicht bei den geselligen Veranstaltungen ihres Vaters. Vor jedem Sessel steht ein Schemel. Kein Vorgericht; nur Fleisch und Brot wird vom Schaffner verteilt, und man greift mit den Händen zu:

»Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle.«

Wirklich mit den Händen, als wäre man bei den Indianern und Negern. Diese scheinbar barbarische Sitte herrscht durch die ganze sonst so ästhetische Antike von den Zeiten Agamemnons bis zu Kaiser Justinian. Es fehlten Messer, Gabel und Löffel bei Tisch. Ja, das ging noch durch das ganze Mittelalter weiter, und auch an der Tafel Karls V. und der englischen Elisabeth stand es schwerlich besser.Aus dem Leben der Antike S. 42 ff.

43 Man wird das nicht sehr appetitlich finden. Die vorgeschnittenen Stücke waren klein; man griff sie sich, so heiß sie waren, aus der Schüssel; man reichte sie sich von Hand zu Hand.Zum Beispiel Odyssee 16, 443. An den Fingern troff der Saft; man trocknete sie sich mit Brot. Dennoch zweifle ich nicht, daß bei guter Übung die Mißstände gering waren. Vorsichtig mit den Fingerspitzen griff man zu, und dabei ließ sich sogar viel Grazie entwickeln. Wir haben heut die Eßinstrumente; aber wie ungraziös werden sie oft angefaßt! Oder ein Jüngling zieht sich das Messer gar quer durch die Lippen, indes seine schöne Nachbarin das Mündchen weit aufsperrt, um den Löffel gründlich auszulecken. Kein Sophokles und keine Aspasia hat das getan.

Es gab noch keine Maschinen. Die Hand war die Maschine des Altertums, und sie war Virtuosin in allen Dingen.

Aber das Essen war mühsam; es erforderte die größte Achtsamkeit, und so sprach man während des Essens allermeist kein Wort. Erst wenn abgegessen ist, beginnen, wie wir fast durchweg sehen, die Gespräche.Vgl. Ilias XXIV 627 f.; II 430; VII 323, XI 842 f. u. a. Das war nur zu natürlich.

Also man sprach nicht, aber man wollte hören, und dies wurde nun Anlaß zu dem, was uns jetzt beschäftigt. Aus dem Grunde des ganz Banalen erwuchsen in raschem Aufblühen die ersten klassischen Leistungen des griechischen Kunstgenies. Man wollte Unterhaltung; und der Sänger spielte, wenn Solotänzer befohlen waren, Balletmusik auf seiner Harfe, und es gab ein Tanzdivertissement.Odyssee 4, 18 f. Aber das genügte nicht. Bedeutende Männer verlangten das Bedeutende, und das Bedeutende wurde ihnen gegeben. Der Berufssänger wuchs mit seinen Zwecken; er wurde zum Dichter und Epiker, sein Vortrag ein Fabulieren von Schlacht, Zweikampf, Seefahrt und tausend Abenteuern ritterlicher Menschen, männlich alles und heldenhaft und erinnerungsvoll. 44

 

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