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Gutenberg > Hermann Bahr >

Das Konzert

Hermann Bahr: Das Konzert - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDas Konzert
authorHermann Bahr
year1909
firstpub1909
publisherErich Reiss
addressBerlin
titleDas Konzert
pages154
created20110917
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritter Akt.

Dasselbe Zimmer wie im zweiten Akt. Nur lehnt jetzt in der Ecke neben der Kredenz links ein schmales Feldbett, aber schon wieder zugeklappt. Früher Morgen, schöner Tag, helle Sonne.

 

Marie (auf dem Stuhl links vom Tisch, frühstückend; es ist für vier Personen gedeckt): Aber Frau Pollinger! Ich versteh' Sie gar nicht.

Frau Pollinger (hinter dem Tische stehend, klagend): Das geht einem doch zu Herzen, wenn so ein Mann gar keine Vernunft annehmen will!

Marie (vergnügt): Ja, mein Gott, die Männer!

Frau Pollinger: Die erste Zeit sagt man sich doch immer: No, bis er halt nur erst einmal ein bissel älter sein wird! Und wann's dann aber so weit is, is es noch ärger.

Marie: Ja, haben Sie denn noch nicht bemerkt –?

Frau Pollinger: Was denn?

Marie: Die Männer werden nämlich gar nicht älter.

Frau Pollinger (verwundert): Ja freilich?

Marie (lachend): Nein.

Frau Pollinger (rasch): Da sagens aber um Gottes willen nur meinem Mann nix davon! Wann er das noch hört! Das ist noch das einzige Glück, daß er 's Altwerden so fürcht't!

Marie: Nein, die Männer werden nicht älter, die Männer werden immer jünger, Frau Pollinger! Bis sie dann zuletzt, der eine ein bissel früher, der andere ein bissel später, so in der Mitte der Vierzig halt, wieder wie die Kinder sind! Ja, Frau Pollinger, unsere Kinder! Danach muß man sich richten, und wenn man es erst gewöhnt, ist es ganz schön.

Frau Pollinger (klagend): Wann er nur das verfluchte Saufen lassen konnt'! Das Saufen und das Wildern! Aber nein!

Marie: Der eine hat halt das und der andere das, aber lassen kann's keiner.

Frau Pollinger: Und mit jedem Jahr wird's nur ärger!

Marie (zustimmend, bestätigend): Mit jedem Jahr wird's noch ärger. Und deswegen, Frau Pollinger –

Frau Pollinger (gierig auf sie horchend): Ja? 108

Marie: Deswegen ist es not, daß die Frau dagegen mit jedem Jahr gescheiter wird.

Frau Pollinger (nachdenklich zustimmend): Das schon, das natürlich! Aber wenn ein so ein Mann das dann wenigstens anerkennen möcht'!

Marie: Das ist wahr. Aber anerkennen wollen sie uns nicht.

Frau Pollinger: Aber da liegt er dann und brummt das ganze Haus mit seiner Gicht voll und ich möcht' nur wissen, wozu hat man denn eigentlich einen Mann?

Marie: Weil er einen doch braucht! Dazu, Frau Pollinger, hat man ihn.

Frau Pollinger (kopfschüttelnd, mißvergnügt): Das is wenig.

Marie: Aber doch mehr, als wenn man keinen hätt'. Das wär' Ihnen auch nicht recht.

Frau Pollinger (erschreckt): Gar keinen? Nein, das wär' mir freilich nöt recht! Aber das muß ich schon offen sagen: einen anderen, wann ich einen haben könnt', gleich!

Marie: Aber einen anderen, den kriegt man nicht. Denn wenn man einen anderen kriegt, ist's auch wieder derselbe, glauben's mir!

Delfine (kommt durch die Tür links; verlegen grüßend, leise): Guten Morgen.

Marie: Guten Morgen. (Sieht Delfine lächelnd an.) Nun, ausgeschlafen? Die Männer sind schon längst davon.

Frau Pollinger (vor Delfine knixend, indem sie sich anschickt, nach der Kanne zu greifen): Darf ich einschenken?

Delfine (setzt sich auf den Stuhl vor dem Tisch; nickend): Bitte. Ich bin hungrig. (Verlegen) Ich frühstücke sonst immer im Bett.

Frau Pollinger (hat eingeschenkt, sich plötzlich erinnernd): Jessas und den Honig hab' ich ja ganz vergessen! (Geht zur mittleren Tür.) Da wär' der gnädige Herr schön bös! 109

Marie: Hat denn der Herr noch nicht gefrühstückt?

Frau Pollinger (im Abgehen): Nein! (Durch die mittlere Tür ab.)

Delfine (ihr Haar aufsteckend; unglücklich): Ach, und das Kämmen, so ganz allein!

Marie (liebenswürdig): Warum haben Sie mich nicht gerufen?

Delfine (erfreut, überrascht): Ja? Hätten Sie?

Marie (lächelnd): Gern!

Delfine (rasch): Danke sehr! (Ist verlegen und nimmt rasch den Löffel, um zu frühstücken.)

Marie (indem Sie die Hand nach ihr ausstreckt; in einem warnenden Ton): Aber –!

Delfine (gehorsam fragend): Ja?

Marie: Darf ich Ihnen etwas raten?

Delfine: Bitte!

Marie: Ich würde Ihnen raten, lieber mit dem Frühstück noch zu warten, bis mein M– (sie will sagen: Mann, verbessert sich aber gleich) bis Gustav kommt.

Delfine (enttäuscht, kleinlaut): So?

Marie: Er ist das so gewohnt. Er mag es gar nicht, wenn mit dem Frühstück nicht auf ihn gewartet wird.

Delfine (Marie verwundert ansehend, die mit Behagen frühstückt; in einem fast neidischen Ton): Aber Sie?

Marie (als ob sie die Frage gar nicht verstünde): Ich?

Delfine (neidisch): Sie frühstücken doch auch schon!

Marie (als ob sie jetzt erst verstünde): Ach so! (Lachend) Ich brauche doch nicht auf ihn zu warten! Jetzt doch nicht mehr!

Delfine (beklommen): Ja richtig.

Marie: Aber Ihnen könnte er das sehr verargen. Und mit Recht. Denn wir müssen die Gewohnheiten des geliebten Mannes achten. Darum will ich Sie ja, wenn es Ihnen recht ist, auch gern auf alles aufmerksam machen und in alles einweihen. Denn Sie können sich gar nicht vorstellen, wie furchtbar empfindlich er ist! 110

Delfine (beklommen): So? Ich werde Ihnen sehr dankbar sein. (Steht auf und geht nach rechts.)

Marie: Was haben Sie? Wollen Sie nicht noch ein bißchen bei mir bleiben?

Delfine (kleinlaut): Ich möchte mich nur etwas weiter wegsetzen. Nämlich, der Geruch des Kaffees –! (Setzt sich auf den Stuhl am Fenster rechts; traurig) Denn ich bin eigentlich gewohnt, im Bett zu frühstücken.

Marie (streng): Nein, das mag er gar nicht, gar nicht!

Delfine (mehr zu sich selbst, sich ermutigend): Es wird schon gehen.

Marie (nach einer kleinen Pause, in der sie Delfinen vergnügt beobachtet; in einem anderen Ton; leichthin): Haben Sie gut geschlafen?

Delfine (immer recht kleinlaut): O ja, danke.

Marie (leise): Ich bin einmal aufgewacht und da war mir, wie wenn Sie leise weinten.

Delfine (senkt den Kopf, errötend; verlegen): O ich weine oft im Schlaf. (Unwillkürlich gestehend) Und mir war bang. Das alles ist doch so seltsam.

Marie (leichthin): Es läßt sich ja begreifen, Sie hatten sich's wohl anders gedacht.

Delfine (leise): Und mir war so furchtbar leid um den Franz.

Marie (verwundert tuend): Um den Franz? Warum? Wir werden zusammen sehr glücklich sein.

Delfine (ausbrechend): Ich hätte das nie von ihm gedacht! (Steht auf und tritt an den Tisch.) Noch kein Jahr nach unserer Hochzeit! Die Männer sind so schlecht! (Zornig) Ich will von keinem Mann mehr was wissen.

(Nimmt ein Kipfel und beißt hinein.)

Marie: Das glaubt man immer.

Frau Pollinger (mit dem Honig, durch die mittlere Tür): So! Jetzt ist alles bereit.

Marie: Wann ist denn der Herr schon fort?

Frau Pollinger: In aller Früh gleich. (Mit einem Blick auf das Feldbett links) Mir scheint, das 111 Bett war ihm nicht recht. Zwei Stunden ist es wenigstens her.

Marie (mit einem vergnügten Blick auf das Feldbett; zu Delfine): Nun, dann kann's ja nicht mehr so lange dauern, bis er zurückkommt.

Delfine (legt mit schuldbewußter Miene das halbe Kiffel wieder auf den Tisch; zu Frau Pollinger, fragend): Und wann ist denn mein – (sie hält ein, weil sie sich geniert, »mein Mann« zu sagen, und will sich verbessern) wann ist denn der – (sie hält weder ein, weil es doch auch nicht geht, daß sie ihn Doktor Jura nennt; sie macht eine ratlose Gebärde.)

Frau Pollinger (da sie Delfine nicht versteht, breit fragend): Was meinens denn, gnädige Frau?

Delfine (ratlos): Ich meine, wann – ich meine, ob –

Marie (einfallend, um Delfinen auszuhelfen): Die gnädige Frau meint, wann der – (tut, als ob auch sie um den richtigen Namen für Jura verlegen wäre), sie meint, ob – (froh, einen Ausweg zu finden; rasch) ob die beiden Herren zusammen fort sind?

Frau Pollinger: Nein, der andere Herr ist erst viel später fort.

(Sie vergewissert sich durch einen Blick, daß alles in Ordnung ist und man nichts mehr von ihr braucht; dann durch die mittlere Tür ab.)

Delfine (atmet auf, wie Frau Pollinger fort ist): Vor den Dienstboten geniert man sich doch sehr, in solchen Fällen.

Marie: Für die meisten ist es aber noch ein Glück, daß sie sich wenigstens vor den Dienstboten genieren. Sonst –!

Delfine (mit einem plötzlichen Entschluß, sehr entschieden, nach der Kanne greifend): Ich will doch lieber frühstücken. Es tut mir sicher nicht gut.

Marie (besorgt warnend): Frau Jura! Ich weiß nicht! Mich geht's ja natürlich nichts an, aber ich möcht's Ihnen nicht raten! Ich weiß nicht! Ich warne Sie! 112

Delfine (läßt die Kanne los; wütend, rasch): Er kann doch wirklich nicht verlangen, daß –

Marie: Sie werden sich noch wundern, was er alles verlangt! (Sieht sie lächelnd an.) Ja, wenn Sie nun erst mit ihm verheiratet sein werden, da fängt ein neues Leben an! Denn der gute Gustav kann einen schon in Atem halten, ja, ja! Denn eigentlich ist der hochberühmte große Mann doch ein furchtbares Kind, das keinen Schritt weiter kann, wenn man ihm nicht hilft und nicht für ihn denkt und nicht alles für ihn tut! Unter uns, natürlich, aber Sie sagen ja nichts und Sie werden's ja jetzt selbst sehen, wenn Sie nur erst verheiratet sind! Und eigentlich ist das ja etwas sehr Schönes für eine Frau, so das eigene Leben ganz aufzugeben und dem geliebten Mann als Opfer darzubringen, nur noch ihm zu gehören, selbst gar nichts mehr zu sein; vielleicht ist es das Schönste, was eine Frau überhaupt erleben kann. Aber ein bißchen schwer wird's Ihnen anfangs manchmal schon werden, denn es gehört einige Geduld dazu, Geduld und gute Nerven! Aber man gewöhnt es ja und es ist eben das Los der Frau.

Delfine (mit innerem Widerspruch): Darüber denkt man heute doch eigentlich anders, über das Los der Frau. Heute darf doch auch die Frau schon ihr Recht auf eine gewisse Freiheit fordern.

Marie (sehr ruhig): Seine nicht. O seine Frau nicht! (Lächelnd) Das werden Sie schon sehen, wenn Sie nun erst verheiratet sind!

Delfine (rasch): Ich bin doch schon verheiratet!

Marie: Ja, Sie waren schon verheiratet, aber mit Gustav ist das ja ganz anders! Keinen Augenblick hat man da Ruhe! Also gar im Herbst, wenn er seine große Tournee macht! Ach, da war ich oft dann wirklich ganz erschöpft! Ohne mich ging's ja gar nicht, ich muß immer mit, wenn er ein Konzert hat – nämlich wenn es ein (sieht sie lächelnd an) wirkliches Konzert ist! Und die wirklichen Konzerte sind ja doch beinahe noch 113 öfter! Und da ist er ganz anders, da ist er nämlich aufgeregt! O schrecklich! Und ich muß ihn anziehen, wie ein kleines Kind, er vergißt ja sonst alles, und da ist ihm der Kragen zu eng und die Krawatte sitzt nicht und die Schuhe drücken ihn, no schrecklich! Und da in so einem engen heißen Kammerl zu warten, während er draußen spielt, ist auch nicht sehr lustig. Dafür sitzt man dann nachher im Hotel allein, denn er geht noch mit den Enthusiasten aus, und mit den Enthusiastinnen, da kann ja natürlich die Frau nicht mit, ein verheirateter Pianist macht sich nicht gut, er darf es sich nicht merken lassen. Kommt er aber dann ins Hotel zurück, so gegen drei, vier Uhr früh, dann weckt er mich auf, denn dann ist er sehr mitteilsam und will durchaus erzählen. Am Morgen aber muß ich packen, während er noch schläft, denn mit dem ersten Zug geht's ja weiter. Und da dürfen Sie nur ja um Gottes willen nichts reden oder gar ihn fragen, am Morgen verträgt er das gar nicht. Ja, ja, das ist ein ganz anderer Gustav Heink, den Sie dann kennen lernen werden, aber den haben Sie dafür auch ganz allein! Nun, das werden Sie ja alles sehen, wenn Sie nur erst verheiratet sind!

Delfine (unwillkürlich wütend, halblaut): Ich bin ja noch nicht verheiratet!

Marie (als ob sie das falsch verstünde): Wir werden doch alle trachten, die Formalitäten möglichst zu beschleunigen – ich verstehe ja Ihre Ungeduld! (In einem anderen Ton) Nun seien Sie aber nett und erzählen auch Sie mir einiges über meinen Mann oder Ihren Mann. Ich muß doch auch umlernen.

Delfine (zornig): Über Franz? Nein, da müssen Sie mich schon entschuldigen, da weiß ich wirklich gar nichts. Über Franz ist nichts zu sagen, er ist nicht so interessant! (Weint fast vor Zorn.)

Marie (hört ihrer Stimme die Tränen an und tut verwundert): Was haben Sie denn?

Delfine (schämt sich): Ich? Nichts! O gar nichts! Was soll ich denn haben? Hunger habe ich! Ja, Hunger! 114 (Im Anblick des Kaffes wieder zornig) Ich muß ein bißchen in die Luft, ich will da (zeigt auf das Fenster) hinter dem Hause warten, verzeihen Sie!

(Rasch durch die mittlere Tür ab.)

Marie: Ich werde Sie rufen, sobald Gustav kommt. (Sieht ihr einen Augenblick noch lächelnd nach, dann wird ihr Gesicht ernst, sie senkt den Kopf, legt die beiden Hände flach auf das Gesicht und deckt es zu, so sitzt sie, bis sie langsam den Kopf wieder hebt und das Gesicht wieder sein gescheites sicheres Lächeln bekommt.)

Pollinger (durch die mittlere Tür).

Marie: Was ist denn?

Pollinger: Ich soll nur fragen, weil ich jetzt in die Klamm hinuntergehe, was der Fleischer morgen bringen soll.

Marie: Da müssen Sie den Herrn fragen.

Pollinger: Den Herrn hab' ich schon gefragt, aber der Herr hat gesagt, ich soll die gnädige Frau fragen.

Marie: Mich?

Pollinger: Ja.

Marie: Nein, mich wird er nicht gemeint haben.

Pollinger: Ja. Ausdrücklich hat er doch gesagt: Da müssens die gnädige Frau fragen!

Marie: Da hat er aber die Frau Jura gemeint.

Pollinger (leicht verwundert, aber in diesem Haus schon an alles gewöhnt und daher gleich wieder gefaßt): So? – So! Da werd' ich die Frau Jura fragen. Entschuldigen!

(Er öffnet die mittlere Tür, wartet aber an der Tür, bis Heink und Jura eingetreten sind und geht dann erst ab.)

Heink (noch unsichtbar, vor der mittleren Tür draußen; indem er durchaus Jura den Vortritt lassen will, mit fröhlicher Stimme): Nein, bitte! Nach Ihnen, bitte!

Jura (noch unsichtbar, vor der mittleren Tür draußen; indem er durchaus Heink den Vortritt lassen will, lebhaft deprezierend; mit lustiger Stimme): Nach Ihnen! Bitte, nach Ihnen!

Heink: Unter gar keinen Umständen! 115

Jura: Nein, dann geh' ich wieder in den Wald zurück!

Heink (indem er Jura ins Zimmer drängt, lustig): Wir wollen doch sehen, wer der Herr hier ist!

Jura (lachend): Ja, wenn Sie Gewalt anwenden –! (Tritt durch die mittlere Tür ein, erblickt Marie und wird etwas verlegen; er hat die Hände voll nasser Wasserpflanzen.) Guten Morgen, Frau Marie! Wo kann ich denn –? (Er zeigt auf die Wasserpflanzen und blickt verlegen herum.) Wir haben gefischt. Es gibt im Wald einen herrlichen Tümpel!

Pollinger (durch die mittlere Tür ab).

Marie (hat Jura zugenickt, merkt seinen verlegenen Ton und sieht ihn verwundert an).

Heink (ist hinter Jura eingetreten; sehr gut gelaunt): Wunderbar war es!

Jura: Aber wo –?

Marie (nach der Tür links zeigend): Im andern Zimmer, bitte.

Jura (eilig, sichtlich froh fort zu kommen; indem er zur Tür links geht): Ja! Ich bin gleich wieder da. (Schon an der Tür links, indem er sich noch einmal halb umwendet) Ich muß aber heute dann noch einmal zu dem Tümpel. Sie kommen doch wieder mit? Da gibt's noch manchen Fang, Sie werden schauen!

(Vergnügt lachend durch die Tür links ab.)

Heink (küßt Marie gewohnheitsmäßig auf die Stirn; dann, Jura nachblickend): Du, das ist ein sehr netter Mensch! Was der alles weiß und wie dem die Natur überall lebendig ist! Ein ungewöhnlich gescheiter und sympathischer junger Mensch, ich hätte das gar nicht gedacht! (Da er bemerkt, daß Marie lächelt; halb entschuldigend) Wir haben uns auf dem Weg getroffen und nicht wahr, er ist doch schließlich mein Gast? Und so sind wir ins Reden gekommen, er weiß so viel und er gefällt mir überhaupt sehr. (Setzt sich auf den Stuhl hinter dem Tisch.) Wir müssen uns öfter sehen. Es ist eine Schande, wie wenig ich die Natur eigentlich kenne. Und da scheint jetzt eine neue Generation zu kommen, 116 die merkwürdig ist, ganz anders! (Er bemerkt, daß Marie schon gefrühstückt hat; in einem andern Ton, ärgerlich) Was ist denn mit dir heute?

Marie: Ich habe schon gefrühstückt.

Heink (empört, breit): Ohne mich?

Marie (aufstehend): Ich werde gleich Frau Jura rufen.

Heink (ohne sich aufzuregen, bloß leicht verdrießlich, wie man einen unbequemen Scherz abwehrt; kurz): Nun hör schon einmal auf! Verdirb mir nicht den wunderschönen Morgen! (Nett, lustig) Sei nicht dumm!

Marie (links vom Tische stehend; sehr ernst, langsam): Ob ich dumm bin, mein lieber Gustav, ob es nicht vielleicht dumm von mir ist, das, du lieber Gott, kann man doch im voraus nie wissen. Aber nun ist es doch einmal beschlossen!

Heink: Du glaubst doch nicht, ich glaube dir, daß es dein Ernst ist?

Marie: Franz hat mein Wort und ich habe seins.

Heink (mißt sie von oben bis unten): In deinen Jahren! (Achselzuckend, verächtlich) Und dieser junge Mensch!

Marie: Du hast eben erst selbst gesagt, wie gescheit und sympathisch –

Heink (einfallend): Aber er ist um zehn Jahre jünger als du!

Marie: Um wieviel muß sie dann erst jünger sein als du!

Heink (heftig): Aber will ich sie denn heiraten? Ich denke ja nicht daran!

Marie: Du denkst nur daran, mich zu betrügen.

Heink (ärgerlich, ungeduldig): Betrügen! Als ob du's nicht immer gewußt hättest!

Marie: Jetzt aber will ich es nicht mehr. Nein, ich will es nicht mehr ertragen.

Heink (wütend): Jetzt auf einmal!

Marie: Ja, da hast du recht, ich hätte es niemals ertragen sollen! Aber es ist ja noch Zeit!

Heink (springt auf; kindisch klagend, fast weinerlich): 117 Nein, nein, nein! Ich mag das doch nicht! In aller Früh, an solchem wunderschönen Morgen! Wo du doch weißt, daß ich in der Frühe Ruhe brauche! Das ganze Jahr plagt man sich und hat nichts davon, und wenn man sich nun endlich einmal einen freien Tag macht, dann kommst du mir so! (Klagend und bittend) Marie!

Marie: Ja, das tut mir sehr leid, aber, Gustav, wir werden nun doch einmal ernst miteinander reden müssen.

Heink (stark abwehrend): Nein! Ich will nicht! Und wozu denn?

Marie: Denn so wie bisher, lieber Gustav –

Heink (hält sich die Ohren zu, kindisch trotzig): Nein, ich will nicht, ich will nicht, und wenn du nicht aufhörst – (Geht zur mittleren Tür.)

Marie: Ich aber will.

Heink (in höchster Wut): Also nein!

Marie: Und dieses eine Mal im Leben wirst du schon tun müssen, was ich will.

Heink (sieht sie einen Moment betroffen an; dann wieder weinerlich): Nein! (Mit einer heftigen Bewegung beider Arme; in höchster Wut, brüllend) Nein! (Wie ein trotziger Bub, wegrennend) Also nein! (Heftig ab durch die mittlere Tür, die er hinter sich zuschlägt.)

Marie (sieht ihm nach, der Ernst weicht aus ihrem gescheiten Gesicht; sie geht vor dem Tisch nach rechts und ruft zum Fenster hinaus): Frau Jura! (Dann noch einmal und stärker rufend.) Frau Delfine! (Da sie Jura eintreten hört, dreht sie sich nach ihm um, bleibt aber rechts.)

Jura (durch die Tür links; rasch, vergnügt): So, das ist besorgt! (Da er bemerkt, daß Heink fort ist, gleich wieder etwas verlegen) Aber wo ist denn Ihr Mann?

Marie: Seit wann sagen wir uns denn wieder Sie?

Jura (verlegen lachend): Ja so! – Ich dachte nur, wir sind ja unter uns.

Marie (strenge): Franz!

Jura (verlegen): Ja? 118

Marie: Komm einmal her!

Jura (kommt vor dem Tisch zu ihr): Was denn?

Marie: Ich habe fast einen Verdacht.

Jura (lebhaft): Aber nein, aber nein.

Marie: Ich habe fast den Verdacht, als wär's dir nicht Ernst.

Jura (beteuernd): Das ist nur, das glaubt man immer, weil ich halt nicht ernst ausschauen kann! (Lebhaft erklärend) Bei meinen großen Zähnen und weil ich immer den Mund offen habe, meint man immer, daß ich lache. (Sehr ernst) Aber nein! Was ich einmal versprochen habe, Marie, das halte ich schon.

Marie (langsam): Ich hoffe!

Jura (halb zu sich selbst): Das wäre ja schändlich von mir. – (In einem andern Ton) Aber wo ist dein Mann?

Marie (setzt sich auf den gepolsterten Stuhl am Fenster rechts und nimmt eine Handarbeit aus der Lade des Tischchens): Er kommt gleich wieder. Er rast sich nur draußen ein bißchen aus, aber sein Frühstück steht ja noch da. Da kommt er bald.

Jura (tritt neben Marie; treuherzig): Weißt du, Marie, mir kommt vor, als ob du deinen Mann ein bißchen unterschätztest!

Marie: Glaubst du?

Jura (mit großem Eifer); Sicher! Er mag ja manches haben, was für eine Frau vielleicht nicht ganz angenehm ist, zugegeben! Aber ich finde doch, daß er ein sehr merkwürdiger Mensch ist. Ich habe das bisher noch gar nicht so gewußt. Durch seine Maske, durch seine Pose darf man sich nicht täuschen lassen, dahinter steckt doch im Grunde ein sehr echter und wirklicher Mensch, und wer ihn, wie ich jetzt, erst einmal näher kennt und überhaupt die Gabe hat, einen Menschen menschlich aufzufassen, der muß doch sagen –

Marie (einfallend, als ob sie nachdächte): Glaubst Du?

Jura (lebhaft): Sicher! (Da er bemerkt, daß sie lacht; fast heftig) Ihr seid alle ungerecht gegen ihn, das hab' 119 ich schon bemerkt! Ich selbst war's auch, aber warte nur, jetzt, wo ich ihn kenne, werde ich nicht nachgeben, bis ihr –

Marie (einfallend; ironisch): Schön, Franz! Das war doch aber eigentlich nicht der Zweck, weshalb wir hergekommen sind.

Jura (kleinlaut, sehr rasch): Nein, eigentlich nicht! (Sieht einen Moment verdutzt vor sich hin, muß es dann selbst komisch finden und fängt, indem er sich die Hände reibt, herzlich darüber zu lachen an; breit, vergnügt) Nein, eigentlich nicht.

Delfine (durch die mittlere Tür; betreten, da sie Jura erblickt): Mir war, als ob Sie mich gerufen hätten, Frau Marie?

Marie (steht auf und geht vor dem Tisch nach links): Ja.

Jura (rechts um den Tisch herum, auf Delfine zu; sehr eifrig): Du kommst mir gerade recht. Wir streiten nämlich, weil Frau Marie, wie das so oft in der Ehe vorkommt, ihren Mann völlig verkennt und nicht ahnt, wie er eigentlich ist, ja ich muß schon sagen, den inneren Wert dieses Mannes gar nicht sieht, es ist wirklich ein Verhängnis mit der Ehe! Aber du, nicht wahr, du wirst mir doch beistimmen, du hast doch auch das Gefühl, daß er – (verstummt plötzlich, da Marie laut zu lachen anfängt, und sieht sie verwundert an.) Was ist denn? Was lachst du denn?

Marie (hört zu lachen auf und macht ein ernsthaftes Gesicht): Nein, nein, ich lache gar nicht.

Jura (kopfschüttelnd): Wie man mit Frauen einmal ernst redet, fangen sie zu lachen an.

Marie (schneidet eine Semmel, streicht Butter auf und belegt sie mit Schinken): Zunächst ist es aber für Frau Delfine wichtiger, daß sie jetzt seine Schinkenschnitten lernt. Die Heink-Schnitten, wie er sagt. Übrigens gibt es auch eine Heink-Torte, Sie dürfen mich nicht vergessen lassen, Ihnen das Rezept zu geben! Denn in diesen Dingen ist er so furchtbar empfindlich! 120 – Haben Sie bemerkt? Möglichst dünn geschnitten, das Brot nämlich möglichst dünn, aber möglichst dick belegt; und er liebt eine zierliche Form. Es kann ihm nämlich sonst den ganzen Vormittag verderben, er nimmt das sehr genau! (Indem sie Delfinen das Messer reicht) Bitte!

Delfine (links am Tisch, neben Marie, schneidet eine Semmel und belegt sie).

Jura (setzt sich auf den Stuhl rechts vom Tisch und frühstückt; den beiden zusehend, lachend, zu Delfine): O du mit deinen ungeschickten Pfoten, da bin ich neugierig!

Heink (durch die mittlere Tür, gleich auf den Stuhl hinter dem Tisch zu; zu Delfine): Guten Morgen, Del– (der Name bleibt ihm im Halse stecken, er schluckt und wiederholt dann sehr förmlich) Guten Morgen. (Setzt sich und beginnt mit großem Appetit zu frühstücken; zu Jura, sehr herzlich) Nun, alles besorgt?

Jura (nickt; dann sehr eifrig): Wir müssen aber jedenfalls noch einmal zu dem Tümpel.

Heink: Natürlich. Ich bin sehr gespannt, es regt mich förmlich auf. Wie sagten Sie, daß diese Dinger eigentlich heißen? Eu–?

Jura: Euglenen.

Heink: Es klingt auch sehr gut. Und Sie behaupten, daß man nicht entscheiden kann, ob es Pflanzen oder Tiere sind?

Jura (sehr lebhaft, fast triumphierend): Sie selbst können sich nicht entscheiden, die guten Euglenen selbst, die bald der Neigung, Tiere zu werden, kaum mehr widerstehen, bald wieder doch wie durch Angst zurückgehalten werden, und so schweben sie zwischen Tier und Pflanze, von jedem ein bißchen, nichts ganz, ebenso wie, (fängt zu lachen an) wie der heutige Mensch zwischen Tier und Gott schwebt und sich auch nicht entscheiden kann. Ist das nicht herrlich?

Delfine (reicht Heink den Teller mit den Schnitten hin).

Heink (Jura zustimmend): Herrlich. (Bemerkt den 121 Teller mit den Schnitten; mißtrauisch) Was soll's? Was ist das?

Marie: Deine Schnitten hat Frau Jura dir bereitet.

Heink (nimmt den Teller und stellt ihn mißtrauisch weg; ärgerlich, zu Marie): Was heißt denn das nun wieder? Du weißt doch, daß ich sie nur von dir mag!

Marie: Sie muß es jetzt doch lernen.

Heink: Das kannst nur du.

(Er nimmt den Teller wieder, sieht ihn nochmals mißtrauisch an und stellt ihn ärgerlich weg. Kleine Pause, in der alle verlegen sind.)

Delfine (geht gekränkt links um den Tisch herum und setzt sich auf den Stuhl vor dem Tisch, um endlich zu frühstücken).

Jura (ist mit dem Frühstück fertig und steht rasch auf): So! Ich gehe voraus. Es ist wirklich um jede Minute schade, die man im Zimmer verbringt. Beim Tümpel also! (Geht zur mittleren Tür.)

Heink: Ich komme dann gleich nach.

Jura (an der mittleren Tür; mit einem plötzlichen Einfall, zu Marie): Und dann möchte ich aber auch, wenn Sie, wenn du einen Moment Zeit für mich hättest –

Marie (macht Miene aufzustehen): Aber immer, Franz! Wann du willst! Für dich doch immer!

Jura (rasch): Nein, so wichtig ist es gar nicht! Ich melde mich dann schon. (Ihr noch freundlich zunickend, eilig durch die mittlere Tür ab, um sie gleich noch einmal zu öffnen; indem er den Kopf hereinsteckt) Adieu, Delfindl! (Ab.)

Heink (gereizt, zu Marie): Was will er denn von dir? (Boshaft) Oder interessierst du dich auch für die Euglenen?

Marie (achselzuckend): Vielleicht.

Heink (seinen Ärger plötzlich gegen Delfinen kehrend): Ich muß Ihnen übrigens sagen, Frau Delfine, daß Sie mir Ihren Mann ganz falsch geschildert haben. Nach Ihren Beschreibungen habe ich einen langweiligen 122 trockenen Wissenschaftler erwartet und – finde den merkwürdigsten Menschen, eine durch und durch künstlerische Natur, die von Jugend sprüht! Daß Frauen doch für den inneren Wert eines Mannes so gar keinen Blick haben! Ich mache Ihnen übrigens daraus keinen Vorwurf, es scheint dies schon einmal in der Frauenart zu sein. (Mit einem Seitenblick auf Marie und in einem Ton tiefer Kränkung) Frauen sind imstande, zehn Jahre mit einem Mann zu leben, ohne zu bemerken, was er ist und was die Frau an ihm hat. Ja, merkwürdig!

Pollinger (durch die mittlere Tür; geht links vom Tisch vor und tritt neben Delfine; zu dieser): Wieviel Fleisch soll denn geholt werden, gnädige Frau?

Heink (blickt vom Frühstück auf und sieht zunächst Pollinger nur verwundert an.)

Marie (nach einer kleinen Pause; da Delfine nicht antwortet): Frau Delfine, der Pollinger fragt Sie.

Delfine (erschreckt): Mich?

Pollinger: Ja, wieviel Fleisch bestellt werden soll.

Delfine (ängstlich, hilflos): Ich weiß doch nicht!

Heink (heftig): Pollinger!

Pollinger: Ja?

Heink: Bist du schon am frühen Morgen betrunken?

Pollinger (verwundert): Nein.

Heink (fährt ihn an): Wen fragst du denn?

Pollinger: Die gnädige Frau! – Der gnädige Herr hat gesagt, ich soll die gnädige Frau fragen, und (blinzelt nach links auf Marie) die gnädige Frau hat gesagt, ich soll (blinzelt nach rechts auf Delfine) die gnädige Frau fragen.

Heink: Ochse!

Pollinger (der sich ärgert, fast grob): Mir is's ja ganz gleich, ich muß aber wissen, wieviel Fleisch.

Heink (jähzornig, brüllend): Wer ist denn hier die gnädige Frau?

Pollinger (brüllt auch): Ja, ich hab' ja so glaubt, (mit dem Kopf auf Marie zeigend) die gnädige Frau ist die gnädige Frau, aber die gnädige Frau hat g'sagt, (mit 123 dem Kopf auf Delfine zeigend) die gnädige Frau ist die gnädige Frau! Wie soll denn ich da –? Ich kenn' mich ja nicht so aus!

Marie (auf einen bösen Blick Heinks; unschuldig tuend, achselzuckend): Ich dachte –!

Heink (fertigt Pollinger kurz ab): Es ist gut. Später! (Während Pollinger zur mittleren Tür geht; mit neuer Wut) Und komm nicht so herein, wenn dich niemand gerufen hat! Klopf wenigstens an!

Pollinger (schon an der mittleren Tür; wendet sich überrascht noch einmal nach Heink um; seine Verwunderung sehr stark ausdrückend, unwillig und laut): Ja jetzt auch?

Heink (brüllend): Ja jetzt auch! Warum denn jetzt nicht?

Pollinger (unwillig, sehr laut): Gut!

(Durch die mittlere Tür ab.)

Heink (zornig): Der alte Säufer! (Zu Marie, noch heftiger) Aber du bist doch auch unglaublich! Als ob du's darauf angelegt hättest, mich – (bricht plötzlich ab, mit einem Blick auf Delfine, beherrscht sich und sagt zu Delfine, in einem ebenso höflichen als unfreundlichen Ton) Darf ich Sie bitten, so freundlich zu sein und uns jetzt einen Augenblick allein zu lassen? Ich habe mit meiner Frau zu reden. – (In einem andern Ton, indem er auf die Tür links zeigt) Drin steht ja mein altes Pianino, Sie können üben, es wird Ihnen gar nicht schaden.

Delfine (steht zögernd auf, mit einem traurigen Blick auf das Frühstück).

Marie: Laß sie doch aber erst frühstücken!

Heink (ungeduldig, rücksichtslos): Gott, sie wird auch einmal ein bißchen später frühstücken können, seid nicht so schwerfällig! (Delfinen fast anschreiend) Nicht wahr, das macht Ihnen doch nichts?

Delfine (schon zur Tür links gehend, mit einem letzten traurigen Blick auf das Frühstück, eingeschüchtert): Nein, gewiß nicht! (Durch die Tür links ab.)

Heink (ihr nachrufend, mechanisch): Sie sollten 124 überhaupt jeden Morgen zunächst ein paar Stunden üben, sonst wird Ihr Anschlag niemals Energie bekommen.

Marie (im Ernst etwas ärgerlich): Du bist nicht sehr artig mit deinen Gästen!

(Sie steht auf und geht wieder zum Tischchen rechts am Fenster, um sich dort zu setzen und ihre Handarbeit aufzunehmen!)

Heink (kurz): Kind, das ist alles recht schön, aber schließlich werd' ich doch noch das Recht haben, auch einmal ungestört mit meiner Frau allein zu sein. (In einem andern Ton, leise, fast weich!) Du weißt, wie lieb mir diese halbe Stunde beim Frühstück mit dir ist! Sonst hab' ich dich ja so fast nicht mehr. – (Da Marie schweigt, wieder in einem anderen Ton, ärgerlich klagend) Und was soll denn das? Was fällt dir ein, dem Pollinger zu sagen, daß er Frau Jura um die Wirtschaftsdinge zu fragen hat?

Marie: Ja, lieber Freund, ich habe doch jetzt kein Recht mehr, hier Anordnungen zu treffen –

Heink (noch in demselben ärgerlich klagenden Ton): Kind!

Marie (fortfahrend): Und da war's mir doch sehr willkommen, meine Nachfolgerin einzuführen, damit sie nach und nach –

Heink (springt auf; heftig): Laß doch den Unsinn endlich! (Zündet sich eine Zigarette an; dann, ruhiger) Soll ich dir noch einmal feierlich erklären, daß es mir nicht einfällt, sie zu heiraten?

Marie (leichthin): Arme Frau! Was wird sie dann anfangen?

Heink (rücksichtslos): Es geht ihr bei ihrem Mann ganz gut.

Marie: Du vergißt nur wieder, daß ihr Mann ja jetzt mein Mann sein wird.

Heink: Aber nein!

Marie (achselzuckend): Ja, Gustl, jetzt ist es zu spät! Gestern warst du doch ganz einverstanden! Jetzt hat er mein Wort. 125

Heink (geht vor dem Tisch zu ihr hinüber, bleibt vor ihr stehen und sieht sie vorwurfsvoll an; kopfschüttelnd): Was ist euch da nur eingefallen, Marie?

Marie: Wir wollen uns doch unnütze Vorwürfe lieber ersparen und uns den Abschied so schmerzlos als möglich machen.

Heink (rauchend vor dem Tisch auf und ab): Von ihm kann ich's ja allenfalls noch verstehen. Was soll der Prachtmensch mit so einer – Puppe? (Nach ein paar Schritten, indem er sich wieder nach ihr umwendet und stehenbleibt) Aber du! (Vorwurfsvoll, mit Überzeugung) Du hast doch schließlich mich!

Marie (einfach fragend): Wann denn?

Heink (sieht sie verwundert an): Wie?

Marie: Ich frage, wann ich dich habe? Ja, wenn du müd oder krank bist oder wenn du einmal keinen Erfolg gehabt hast! Und, ja, das auch, beim Essen! Zu meiner Kochkunst hast du Vertrauen.

Heink (rasch): Das beweist dir doch –

Marie: Daß ich eine Haushälterin zu deiner höchsten Zufriedenheit bin. Aber schau, Gustl, auf die Dauer ist das doch ein bißchen wenig für eine Frau.

Heink (rasch): Soll ich dir erst noch sagen, wie – (wütend) soll ich dir vielleicht eine Liebeserklärung machen?

Marie (sehr erfreut): O ja!

Heink (wütend): Nein! – Es wär' doch wirklich zu lächerlich in meinen Jahren! (Ernst) Nein, wenn du nicht selber fühlst, was du mir bist, ich kann's dir nicht sagen. Ich kann nicht.

Marie: Man hört doch, du kannst es sonst ganz gut! – Wenn man den Enthusiastinnen glauben darf.

Heink (leichtsinnig, fast verächtlich): Gott, ja, die sogenannte Liebe! (Plötzlich wieder ernst, in einem festen Ton) Aber lieb, das kannst du mir glauben, hab' ich keine je gehabt als dich. (Wieder in einem andern, halb belehrenden, halb ärgerlichen Ton) Es ist doch ein Unterschied, ob man eine lieb hat oder sie bloß ... liebt. 126

Marie: Wenn ich nun aber Lust hätte, gerade dies doch auch einmal zu erleben?

Heink (sich an den Tisch lehnend; treuherzig): Wünsch dir das doch nicht! Es steht wirklich nicht dafür. Ich wenigstens muß schon offen sagen, ich beneide jeden, der davon verschont geblieben ist.

Marie (gemütlich): Aber, Gustl, warum denn dann?

Heink (der sie nicht versteht): Was?

Marie: Warum fängst du denn dann immer wieder an?

Heink (achselzuckend, ärgerlich): Gott, warum?

Marie (ihn fest ansehend): Ja, warum?

Heink (sie betroffen ansehend): Das weiß man doch nicht! (Wieder heftig und ärgerlich losfahrend) Und übrigens bin ich mein eigener Herr und kann tun und lassen, was ich will!

Marie (immer mit ihrer Handarbeit beschäftigt; ruhig): Mit dir! Mit dir kannst du tun und lassen, was du willst. Soweit es dich betrifft. Wenn es aber mich betrifft, mußt du mir schon erlauben, dazu ja oder nein zu sagen, nach meinem Gefühl, wie du nach deinem handelst.

Heink (sieht sie betroffen an; dann, indem er sich nach links wendet und wieder auf und ab zu gehen beginnt, in einem halb ärgerlichen, halb gewaltsam lustigen Ton): Seit wann bist du so furchtbar ungemütlich, Muz? – An einem so wunderschönen Tag! (Aufs Fenster zeigend.) Schau nur! Willst du mir die Laune verderben?

Marie (trocken): Du hast sie mir auch oft verdorben –

Heink (ehrlich erstaunt): Ich dir?

Marie: An den schönsten Tagen, wenn ich allein zu Hause saß und wußte, daß du ein – Konzert hattest, eines von diesen Konzerten. Das war auch ungemütlich, Gustl.

Heink (ernst, leise): Du hast nie etwas gesagt.

Marie: Du hättest es merken können.

Heink (in seinem ungeduldig weinerlichen Ton): Ich soll mich auch um alles kümmern! 127

Marie: Darum habe ich es dir ja jetzt abgenommen und kümmere mich nun selbst.

Heink (in demselben weinerlichen Ton): Was ist denn nur auf einmal mit dir? Was hast du?

Marie: Ich habe – ich habe nachgedacht und da hab' ich gefunden, daß das keine Ehe ist, wie wir zusammen leben.

Heink (im Auf- und Abgehen leichthin fragend): Warum denn nicht?

Marie: Hand aufs Herz, Gustl, kannst du sagen, daß das eine Ehe ist?

Heink (ungeduldig): Kind, Ehe! Mein Gott, Ehe! Das sind so neumodische Sorgen! Was ist Ehe? Aber das kommt alles nur von diesen albernen Büchern, die jetzt geschrieben werden! Lies doch solches Zeug nicht! Ehe! Was ist Ehe? So nenn's anders! Aber, aber wunderschön ist es doch! (Gekränkt) Für mich ist es wunderschön! (Bleibt stehen und sieht auf Marie hinüber; kleinlaut) Für dich nicht?

Marie (langsam): Für mich?

Heink (ungeduldig): Ja.

Marie (abwägend, mit einem besonderen Ton auf der ersten Hälfte des Worts): Wunderschön?

Heink (wütend): Jetzt häng dich nicht an das Wort, du weißt ganz genau, was ich meine.

Marie (langsam): Wunderschön – wunderschön ist mein Gefühl für dich –

Heink (einfallend; kurz, als ob damit alles erledigt wäre): Na also!

Marie (fortfahrend): Auch heute noch, merkwürdigerweise.

Heink (gereizt brummend): Merkwürdigerweise?

Marie: Aber es könnte sein, daß ich gerade deshalb, weil ich mir dieses wunderschöne Gefühl bewahren will, von dir weg muß, bevor es zerbröselt.

Heink (plötzlich wütend eifersüchtig): Und zu dem jungen Herrn dorthin? Der sammelt wohl auch Gefühle, was? Wie seine Eu– (hat das Wort vergessen und 128 sucht) Eu, Eugenien oder wie das heißt? (Dicht vor ihr) Ich warne dich. Hüte dich vor dieser Sorte von Männern! Das sind Blender. Glaub mir, ich kenne die Menschen.

Marie (lächelnd): Nein, Gustl, das tust du nun gar nicht, sondern du richtest dir die Menschen so her, wie's dir bequem ist. Wie du sie gerade brauchst, so siehst du sie. Weshalb du ja auch in mir immer nur eine liebe, stille, kleine Frau gesehen hast, glücklich im Anblick deiner großen Natur, aber unfähig, ihrem Flug zu folgen, gut für die Wirtschaft.

Heink (sehr ernst): Da tust du mir sehr unrecht, Marie. Sondern das Schöne für mich war das sichere Gefühl deiner Freude an mir, an dem ganzen Menschen, der ich nun einmal bin, mit allen seinen Folgen, auch wenn sie nicht immer sehr erfreulich sind.

Marie: Aber mit der Zeit, Gustl, sind doch die, die »Folgen« wie du's nennst, gar ein bißchen viele geworden.

Heink (naiv): Ich hätte mir gedacht, du sagst dir: das gehört nun einmal alles zu ihm, wie er nun schon einmal ist, er wäre sonst nicht komplett und das wäre doch schade, er soll mir nicht (einen Augenblick nach dem Ausdruck suchend) verkümmern, wie die meisten Menschen doch.

Marie: Du mußt mir ja zugestehen, daß ich mir alle Mühe gegeben habe, dich nicht verkümmern zu lassen.

Heink (ohne ihren Spott zu merken): Ja! Und dafür war ich dir auch so dankbar, weil ich annahm, du verstehst, daß es nun einmal zu meiner ganzen Art gehört, Glanz und Bewegung um mich zu brauchen, ob's jetzt schöne Bilder und kostbare Geräte sind oder Schmuck und allerhand Tand und das, das Lächeln der Frauen.

Marie: Sie haben es aber doch ein bißchen übertrieben, das Lächeln.

Heink (wütend): Ich kann nicht wie ein Schneider leben! – (Wieder kindisch trotzig, fast weinerlich) Ich brauche das nun einmal, das Flimmern und Rauschen und Glitzern des Lebens um mich. 129

Marie (von ihrer Arbeit aufsehend, langsam fragend): Noch immer?

Heink (heftig): Jetzt mehr als je! – Ich kann nicht jetzt plötzlich aufhören! Oder findest du mich vielleicht auch schon alt? (Wütend auf und ab.) Ein Kerl in einer Zeitung hat neulich geschrieben: Der noch immer schöne Gustav Heink! Verstehst du die Infamie? »Noch immer!« – Und überall spüre ich das jetzt auf einmal! Weil sie meinem Talent nichts anhaben können, die Herren hinter mir, in ihrer Ungeduld, die durchaus den Platz für sich haben will, rechnen sie mir jetzt meine Jahre vor, vielleicht geht's so, dem Publikum ist ja keine Verleumdung zu dumm! (Schreiend) Ich aber danke noch lange nicht ab, ich nehm's mit der ganzen Bande noch auf! (Den Ton wechselnd, ihr zuredend, daß sie das doch begreifen muß) Und jetzt denk dir, wenn jetzt auf einmal ein braver Ehemann aus mir würde, ja muß es da nicht heißen: Seht doch, seht, er zieht sich zurück! (In einem belehrenden Ton) Ja, Kind, wer sich selbst geschlagen gibt, dem geschieht ja schließlich recht. (Wieder ruhiger) Verstehst du das nicht? Die Frauen, liebe Marie, sind der Erfolg. Deshalb braucht man das. Und man braucht's doch auch für das eigene Gefühl. Ich will noch nicht alt sein.

Marie (lächelnd): Aber, Gustl, ist das nicht ein bißchen so, wie wenn einer die Sommerkleider nicht ablegen wollte, damit der Winter nicht kommen soll? Am Ende kommt der Winter aber doch und du frierst nur desto mehr. (Wieder in ihrem ironischen Ton) Immerhin hast du es mir ja ganz plausibel gemacht, warum du immer wieder anfängst.

Heink (ärgerlich, rasch): Wenn du dir nur abgewöhnen könntest, immer zu sagen: Ich fange an!

Marie: Wer denn?

Heink (heftig): Ich doch nicht!

Marie: Du wirst mir doch nicht einreden wollen, daß sie es sind! Gustav, denk einmal ein bißchen nach! 130

Heink (nachdenklich): Sie? Nun, das will ich auch gerade nicht behaupten. Es fängt halt an.

Marie (leichthin): Ach, das ist dieses Es, das jetzt überhaupt an allem schuld sein soll?

Heink: Es! Ich kann's nicht anders sagen. (Dreht den Stuhl rechts vom Tisch nach ihr um und setzt sich; erklärend) Weißt du, das ist wie bei einem selbstspielenden Klavier, die Rolle wickelt sich herab, ganz mechanisch, verstehst?

Marie (amüsiert): Nicht ganz.

Heink (rasch; erfreut, den Vergleich gefunden zu haben): Oder wie beim Schach! Wenn man's einmal kann! Also denke dir zwei gute Spieler, der eine beginnt, gleich weiß der andere doch: Aha, die spanische Partie oder das Damengambit und so weiter, nicht wahr? Und jetzt geht's, ohne nachzudenken, Zug um Zug, die Finger besorgen das ganz mechanisch, bis man auf einmal schon mitten im Spiel ist, nicht?

Marie: No und?

Heink: No und so ist man mit den Frauen auch immer auf einmal mitten im Spiel, bevor man überhaupt noch nachgedacht hat! (Sich im Sessel zurücklehnend) Ja, was bleibt mir denn übrig, sei doch gerecht! In Gesellschaft muß ich nun einmal gehen, das gehört zum Geschäft. Jetzt setzt man mir eine Tischnachbarin hin. Ja, was soll ich denn mit ihr reden? Wovon denn? Und sonst fängt sie mir noch am Ende von Musik an, das hält man doch wirklich nicht aus! Da doch noch lieber, in Gottesnamen! No und so geht's dann halt, wenn einmal eröffnet ist, Zug um Zug, spanische Partie, Damengambit oder schottisches Spiel, je nachdem einmal eröffnet ist, ganz mechanisch, aus dem Handgelenk, während man wenigstens ungestört seinen stillen Gedanken nachhängen kann. (Ungeduldig, lebhaft) Gott, stell' dir das nur vor! Die Dame sitzt da neben dir, erwartungsvoll, denn man hat doch seinen Ruf – was willst du tun? Du langweilst dich, ein wirkliches Gespräch ist mit unseren Damen ja nicht möglich, du kannst doch aber nicht unhöflich sein 131 und also um nur was zu sagen, schaust du sie halt an und sagst: Sie sind ein seltsames Geschöpf! Und da bist du schon verloren. Oder du sagst: Jetzt kommt doch bald der Frühling wieder! Bist du auch verloren. Oder du sagst, in irgendeinem Zusammenhang: Goethe und die Frau von Stein –! Bist du ganz verloren. Du bist immer verloren, denn was du auch sagen magst, sie hackt ein, du natürlich auch wieder, schon aus Bequemlichkeit, denn du brauchst ja nur den Mund laufen zu lassen, und so geht's unaufhaltsam fort und du merkst noch gar nicht, daß ihr schon mitten im Spiel seid! Da kannst du dann aber nun nicht auf einmal aufstehen und erklären: O pardon, ich hab' ja gar nicht spielen wollen! – Sie hat ja wahrscheinlich auch gar nicht wollen, aber Gott, wenn man schon einmal so nebeneinander sitzt – und die Diners werden immer länger – (ungeduldig) du mußt das doch verstehen! (Zusammenfassend, in einem fast pedantisch belehrenden Ton) In meinem Verkehr mit Frauen hat sich eben einmal nach und nach ein gewisser Komplex von Redensarten oder Höflichkeiten oder wie du's nennen willst, herausgebildet, der nun schließlich jetzt schon ganz allein selbsttätig funktioniert, eigentlich ohne mich überhaupt zu fragen – (achselzuckend) Kind, ich kann da wirklich nichts machen!

Marie: Und das nennt man die Liebe?

Heink (bestätigend; ganz ernst): Das nennt man die Liebe. Du kannst überzeugt sein, daß sie in neunhundertneunundneunzig unter tausend Fällen nichts anderes ist – in unserer Welt, mein' ich natürlich, unter (sucht nach einem Ausdruck), unter kultivierten Menschen! Ein Tischgespräch, eine Grammophonplatte, nichts anderes. Wozu nun bei unsereinem dann auch noch die Eitelkeit der lieben Frauen kommt: wenn sie schon das Glück haben, neben einem zu sitzen, benützen sie's halt und wollen durchaus ein, mein Gott, ein Autogramm. (Wieder fast weinerlich) Was soll ich denn tun? Und es gehört einmal dazu. Nicht wahr, das wär' auch ein schlechter Kommis, in den sich nicht beim Einkauf jede 132 Köchin verliebt? (Sieht einen Moment vor sich hin; dann, in einem andern Ton; sehr ernst, leise) Laß mich noch die paar Jahre, ich hoffe, daß wir's dann nicht mehr nötig haben werden. (Den Kopf senkend, nachdenklich vor sich hin, leise) Und dann – (hebt den Kopf und sieht Marie sehr ernst an) dann – (indem er plötzlich aufspringt und neben sie tritt; sehr herzlich, sehr froh, fast ausgelassen; rasch) dann, mein lieber alter Muz, dann ziehn wir fort aus der dummen Stadt und ziehen hier in die Hütte her und dann –

Marie (mit Humor abwehrend): Nein, in die Hütte lieber nicht!

Heink (sehr schnell, sehr froh): Oder wohin du willst, ans Meer oder in einen Wald oder in die Wüste, nur fort aus der Stadt und zu uns selbst! Und dann, Muz, sollst du erst den wahren Gustl kennen lernen, einen noch unentdeckten Gustav, der's nicht mehr nötig hat, der berühmte Heink zu sein! (Übermütig lachend) Und dann kann ich mir ja sogar endlich erlauben, auch alt zu sein! (Klatscht in die Hände und fängt vor Freude kindisch durchs Zimmer zu springen und zu tanzen an.) Wie schön, wie schön, wie schön! (Da er die Tür links gehen hört, bleibt er stehen, plötzlich wieder ernst und schreit Delfine wütend an) Was ist denn? Ich hatte Sie doch ausdrücklich gebeten –! Kann man denn keinen Augenblick –?

Delfine (ist mit einem raschen Entschlusse durch die Tür eingetreten; durch Heinks Wut verschüchtert): Ich dachte nur – und, (mit ihrer ganzen Energie, trotzig) und weil ich doch noch nicht gefrühstückt habe –!

Heink (tritt vor Delfine hin; heftig): Sie wollten doch üben! Ich habe nichts gehört!

Delfine (fast weinend vor Zorn): Nach dem Frühstück!

Heink (schiebt Delfine an den Schultern wieder durch die Tür links hinein; indem er anfängt, sich selbst darüber zu belustigen): Üben Sie nur! Üben Sie nur einstweilen! Ich rufe Sie dann, wenn wir fertig sind. 133

Delfine (von Heink hineingeschoben, durch die Tür links ab; sie fängt drinnen auf dem Pianino Skalen zu spielen an).

Heink (horcht, die Hand auf der Klinke der noch halb offenen Tür links, einen Augenblick auf das Spiel Delfinens; dann kopfschüttelnd, mit Verachtung): In diesem leeren, seelenlosen, nichtigen Anschlag ist die ganze Person. (Mit der Zunge schnalzend) Na! (Schließt die Tür links, man hört das Spiel nicht mehr, er kommt wieder nach rechts; mit einem Blick auf Marie, lustig) Aber was machst du auf einmal wieder für ein betrübtes Gesicht?

Marie (ernst): Ich wundere mich nur.

Heink (macht eine fragende Gebärde).

Marie: Und ich frage mich, ob du denn noch nie daran gedacht hast, daß eine dieser Frauen, denen du dein, dein Autogramm schenkst, ja doch auch einmal ein wertvoller Mensch sein könnte und wieviel du vielleicht in ihr zerstörst!

Heink (leichtsinnig): Ach die heutigen jungen Frauen!

Marie: Sie werden auch nicht alle gleich sein.

Heink (leichthin): Nein, aber du kannst dir denken, daß eine, die ihren Mann betrügt, wohl kaum zu den – »wertvollen« Menschen gehört.

Marie (kopfschüttelnd): Das sagst du? Ihr großen Verführer seid doch immer die ärgsten Philister!

Heink (leicht ärgerlich): Eine »wertvolle« Frau betrügt ihren Mann nicht. Deshalb ist man noch kein Philister. Warum hast denn du mich nicht betrogen?

Marie (lachend): Ja, das weiß ich wirklich selbst nicht! Aber – (wechselt den Ton; mit einer leichten Drohung) aber wenn du zum Beispiel dich jetzt wirklich weigerst, mich meinem geliebten Franz freizugeben –

Heink (lustig, trocken): Ich weigere mich.

Marie (achselzuckend, bedenklich): Ja dann –!

Heink (lustig, gemütlich): No dann?

Marie: Dann allerdings zwingst du mich – 134

Heink: Du meinst –?

Marie: Dann zwingst du mich, dich zu betrügen.

Heink (lustig, kurz): Gut.

Marie: Gut?

Heink (sie mit den Händen segnend): Betrüge mich.

Marie (im Ton Heinks): Gut.

Heink (schadenfroh): Denn du wirst dich blamieren. Du kannst es nämlich nicht.

Marie:, So sicher bist du?

Heink (steht dicht vor ihr, sieht sie nur an und nickt; dann, ernst): Und siehst du, das ist es, was ich eine Ehe nenne, eine wahre Ehe. (Schon wieder leichter im Ton) Dabei kommt's nämlich nur auf die Frau an, nur auf die Frau! (Geht wieder nach links, lachend; sehr übermütig) Jetzt bin ich aber bloß neugierig, wie du das machen wirst! Mit deinem geliebten Franz und mit der – (mit dem Kopf auf die Tür links zeigend) Pianistin! (Schadenfroh) Da hast du dir was Schönes eingefädelt! (Lacht.)

Marie (nachdenkend): Ja, zunächst wirst du –

Heink: Ich? Ich werde gar nichts!

Marie (leicht ungeduldig): Erlaube!

Heink (sehr rasch): Ich erlaube nichts, ich weiß von nichts, mich geht die Sache gar nichts an!

Marie: Du wirst doch Delfinen sagen müssen –

Heink (unerschütterlich): Kein Wort. Das macht euch gefälligst nur untereinander aus! Ich habe nicht angefangen!

Marie: Ja, wer denn?

Heink (ehrlich erstaunt): Ich doch nicht! (Legt beide Hände beteuernd aufs Herz.) Ich? (Indem er sich plötzlich doch erinnert; verdrießlich) No ja, insofern, wenn du's so meinst, allerdings – (wechselt den Ton; ernst versichernd) aber schau, ich kann da wirklich nichts tun, ich bin in Liebeshändeln, wenn sie sich nicht glatt abwickeln, furchtbar ungeschickt, glaub' mir!

Marie (das Wort aufgreifend; spöttisch): Du möchtest lieber doch glatt abwickeln?

Heink (lustig): Nein, nein, Gott behüte! 135 (Schadenfroh) Aber arrangieren mußt schon du's, ich habe da gar keinen Ehrgeiz, ich drücke mich. (Schleicht auf den Zehen zur mittleren Tür.) Die Strafe hast du verdient!

Delfine (durch die Tür links, indem sie mit äußerster Entschlossenheit zum Tische geht): Ich muß frühstücken. (Setzt sich auf den Stuhl vor dem Tische und beginnt mit Leidenschaft zu frühstücken.)

Heink (hinter dem Tisch; plötzlich eine bezaubernde Liebenswürdigkeit spielend; indem er ihr den Teller mit den Schnitten und die Butter und den Honig reicht): Ach ja, richtig! Sie sind wohl am Ende schon hungrig? Ach, mein armes Delfinchen! Und Sie haben ja so fleißig geübt! Hier, bitte hier! (Stellt ihr alles hin; zu Marie) Du sorgst wohl, daß unserem Delfinchen nichts fehlt? Und dann sprecht euch nur aus, sprecht euch nur über alles aus! (In Eile lustig davon; durch die mittlere Tür ab.)

Marie (während Heink abgeht, indem sie sich erhebt und zu Delfine kommt; in einem eigentümlich schweren und breiten Ton): Ja, Gustav! So schwer es mir wird! (Tritt zu Delfine, nimmt ihre beiden Hände und dreht sie zu sich her; sie sieht sie noch einen Augenblick traurig an und umarmt sie dann plötzlich; dann, leise) Seid glücklich! Ich will ja nichts als euer Glück! Und Sie werden ihn glücklich machen, ja, ja! (Sie streicht zärtlich ihr Haar.) Ich hätte ja nie gedacht, daß ich es könnte! Und keiner anderen hätte ich ihn gegönnt! Aber Sie – ich weiß ja selbst nicht wie's kommt, ich kenne Sie ja kaum, aber Ihr Liebreiz macht mich wehrlos – und ich weiß ja selbst nicht, aber, aber ich habe Sie so lieb! (Umarmt sie.) Ich habe Sie lieb, denn er liebt Sie und ich hab' ihn ja so lieb! (Wieder ihr Haar streichelnd) Keiner anderen hätte ich ihn gegönnt! Aber Sie! Er hat recht. Sie werden ihn glücklich machen! Sie sind die Frau, die er braucht. Was bin denn ich? (Traurig lächelnd) Eine alte Frau! Aber Sie werden ihn glücklich machen und ich werde Ihnen helfen, denn ich will immer da sein, wie ein treuer Hausgeist, das hab' ich 136 ihm versprechen müssen und ich gelobe es Ihnen feierlich – ich hab' ihn ja so lieb! (Ausbrechend) Ach, ich hab' ihn ja so lieb!

Delfine (indem sie sich von ihr loszumachen sucht; gereizt): Da Sie nun aber doch Franz heiraten wollen –!

Marie (einfallend; leise verächtlich): Gott, liebes Kind, Franz! Die beiden kann man doch nicht vergleichen, nicht wahr? Ich hab' ja Franz gewiß sehr gern, aber Franz und Gustav!

Delfine (immer gereizter): Sie sind ungerecht gegen Franz!

Marie: Aber nein, nur – Franz ist doch kein Gustav Heink!

Delfine (erbittert): Dann verstehe ich nur nicht –

Marie: Was?

Delfine (empört): Warum Sie dann nicht bei dem Gustav Heink geblieben sind?!

Marie: Aber, liebste Freundin, ich wäre ja sehr gern bei ihm geblieben! Da er aber Sie liebt! Was bleibt mir denn übrig? Da sucht man schließlich eine Zuflucht, wo sie sich nur eben bietet!

Delfine (empört): Zuflucht!

Marie: Ich wünsche mir ja nichts mehr, als mich in einem stillen Winkel ungestört der schönen Erinnerung an Gustav zu weihen.

Delfine (aufspringend, erbittert): Sie scheinen sich ja Franz sehr genügsam vorzustellen!

Marie: Er ist doch nicht verwöhnt!

Delfine (fast weinend): Ich habe doch gemeint, daß Sie ihn wenigstens lieben! Denn –

Marie: Aber ich –

Delfine: Nein, wenn Sie ihn nicht lieben – ich bitte, ich beschwöre Sie –

Marie: Aber ich sage Ihnen ja, daß –

Delfine: Es wäre doch ein Verbrechen, ihn zu heiraten, wenn Sie ihn nicht lieben!

Marie: Beruhigen Sie sich doch nur! Was haben Sie denn? (Achselzuckend, in einem sehr gleichgültigen 137 Ton) Ich liebe ihn ja. Natürlich mit einer anderen ruhigeren Liebe – das ist doch natürlich beim zweiten Aufguß!

Delfine (mit höchster Entschlossenheit): Nein, nein!

Marie: Und er muß eben auch ein Opfer bringen, damit Gustav glücklich wird! Wir müssen doch alle ein Opfer bringen: er, ich, Sie – Sie doch natürlich auch, denn Sie werden ja vielem entsagen müssen, aber was liegt daran, wenn nur Gustav glücklich wird? Wenn nur Gustav glücklich wird!

Delfine (ausbrechend): Nein, nein – lieber verzichte ich!

Marie (ergreift wieder ihre beiden Hände; aufs höchste verwundert): Verzichten? Auf Gustav Heink verzichten? Kind, das ist doch nicht Ihr Ernst?

Jura (rasch durch die mittlere Tür; bleibt stehen, da er Delfine gewahr wird, was ihm sichtlich unangenehm ist): Höre, Delfindl, ich muß dich bitten –

Marie (geht gleich auf Jura zu, beide Arme nach ihm öffnend): Ach, lieber Franz, da bist du endlich! (Reicht ihm das Gesicht zum Kuß.)

Delfine (macht eine zornige Gebärde).

Jura (küßt Marie zerstreut; dann eilig zu Delfine): Ich muß dich bitten, uns jetzt einen Augenblick allein zu lassen.

Delfine (zornig): Ich werde in einem fort weggeschickt!

Jura (sehr eilig): Ich werde dir dann schon erklären –

Marie: Laß sie doch erst endlich frühstücken!

Jura (ungeduldig, sehr eilig): Das hat Zeit! Sonst kommt inzwischen am Ende Gustav wieder zurück und wer weiß, wann wir dann – und ich muß, ich muß jetzt unbedingt mit dir reden. (Sehr ungeduldig, zu Delfine) Nun, so geh doch schon! Hörst du denn nicht?

Delfine (indem sie sich den Kaffee mitnimmt; fast weinend vor Zorn): Ich gehe ja schon! (Geht zur Tür links.) 138

Jura (indem er ihr einen Teller nachträgt): Ah, du hast noch nicht gefrühstückt?

Delfine (weinend): Nein, ich habe noch nicht gefrühstückt! (Durch die Tür links ab.)

Jura (an der Tür links, mit dem Teller; ins Zimmer hinein sprechend, eilig): Da drin ist's ja auch ganz schön! Und du verstehst doch, daß man sich manchmal etwas zu sagen hat, wo jeder Dritte, und wär's der beste Freund – nicht wahr? (Sehr ungeduldig) Bitte, so nimm doch! (Reicht ihr den Teller hinein und schließt die Tür rasch.)

Marie (hinter dem Tisch in der Mitte; durch Juras Eile befremdet, neugierig): Was ist denn, Franz?

Jura (steht vor der Tür links, stemmt die beiden Hände in die Hüften und sieht sie mit seinen großen Augen an): Ja, das ist eine schöne Geschichte! Und das schlimmste ist, daß du jetzt am Ende noch glauben wirst, ich – (Macht zwei Schritte auf sie zu.) Und dabei kann ich dir sagen, daß du mir in diesen vierundzwanzig Stunden, die wir uns jetzt kennen, so wirklich wert geworden und innerlich so nahe gekommen bist wie vielleicht noch kein anderer Mensch. Ich habe selten wen gekannt, mit dem's sich so vom Herzen reden läßt wie mit dir; und du verstehst alles! Es muß sehr schön sein, mit dir verheiratet zu sein. Denn das wär's ja gerade, was man in der Ehe braucht.

Marie (mit Ironie): Nun, damit allein, daß man gern und gut zusammen redet, ist ja schließlich noch nicht alles –

Jura (indem er schon wieder vergißt, was er eigentlich vor hatte; sehr interessiert; einfallend): Ah, du meinst – das andere?

Marie (lächelt nur achselzuckend).

Jura (eifrig): Aber ich weiß nicht, ich weiß nicht, ob das nicht doch sehr überschätzt wird!

Marie (lächelnd, leichthin): Man darf es auch nicht unterschätzen.

Jura (in einem ganz sachlichen Ton): Nein, nein, das 139 will ich auch gar nicht. Gewiß hat das auch seine Bedeutung. (Aufsehend, sie anblickend, lächelnd) Und da wär' mir übrigens ja auch gar nicht bang! (Wieder sehr ernst und sachlich) Nur meine ich, es findet sich doch viel leichter, daß dieses stimmt, das andere, als daß zwei Menschen auch in der Seele zusammenkommen. Wie das bei uns beiden ist. (In einem etwas lehrhaften Ton, indem er den Zeigefinger hebt) Und das müssen wir uns ja doch auch jedenfalls unter allen Umständen bewahren! (Plötzlich lachend) Aber schrecklich dumm ist das doch eigentlich, daß zwei Menschen nur die Wahl haben sollen, entweder einander ganz fremd oder gleich miteinander verheiratet zu sein, während man doch vielmehr trachten müßte, mit möglichst vielen gut zu werden, was wieder durch die Ehe eher sogar verhindert wird! Wie lange wird es noch dauern, bis die Menschen das einmal einsehen und bessere Einrichtungen treffen werden?

Marie (lächelnd): Und um mich das zu fragen –?

Jura (fängt herzlich zu lachen an): Nein, nein, das nicht, aber du weißt ja, wie mir's immer geht: mir begegnen fortwährend Probleme, schrecklich ist das! Aber das schrecklichste von allen Problemen, die mir noch begegnet sind, ist (fängt von neuem zu lachen an, indem er sie kopfschüttelnd betrachtet), daß ein so gescheiter Mensch wie du –

Marie (geziert abwehrend): Aber, aber –!

Jura: Nein, nein, wenn du dich auch noch so verstellst! (Seinen Satz wieder aufnehmend) Also, daß ein so verrucht gescheiter Mensch so dumm sein kann, so dumm! (Mit klagender Verwunderung) Marie! Marie! (Geht auf sie zu und fragt vorwurfsvoll) Hast du denn im Ernst denken können, daß Gustav und Delfine heiraten sollen? Marie! Wo hast du da nur deine Augen gehabt? Die zwei würden doch miteinander die beiden unglücklichsten Menschen der Welt! (Noch stärker anklagend, achselzuckend) Marie!

Marie (leise, mit einem ganz sachlichen Ton, der ihre Ironie verdeckt): Franz, die Idee war gar nicht von mir. 140

Jura (heftig): Aber ich kannte doch Gustav gar nicht! Er ist ja ganz anders, als ich ihn mir dachte! Delfine hat ihn mir doch ganz falsch geschildert! (Ruhig, sachlich, sentenziös) Auf Frauen kann man sich da nie verlassen! (Wieder sehr lebhaft und ärgerlich) Sie hat doch offenbar gar keine Ahnung von ihm! Schwärmt, verliebt sich und rennt hin – und weiß nicht, wer, wie, was – so seid ihr! (Immer eifriger) Denn du doch auch! (Um die Heftigkeit seines Tons abzuschwächen) Sei nicht bös, liebe Marie, aber du mußt doch zugeben – (Wieder sehr heftig) Ich begreife dich einfach nicht! Du hast doch offenbar auch keine Ahnung von ihm – wie hätte dir denn sonst nur einfallen können, von ihm wegzugehen? (Gerät immer mehr in einen zankenden Ton.) Und du hast mit deiner ganzen Gescheitheit nicht bemerkt, daß es Delfinen doch an allem, aber auch an allem zu der Frau fehlt, die Gustav braucht? Du hast nicht bemerkt, daß die zwei, wie sie nun beide einmal sind, nach acht Tagen ja steinunglücklich wären? Das alles hast du nicht bemerkt und hätt'st sie einfach so hineinrennen lassen?!

Marie (demütig): Ja, zank' mich nur aus!

Jura (heftig): Ja, das muß einen doch rasend machen! Denn wenn ich nun nicht zufällig heute früh Gustav draußen treffe und wir haben denselben Weg und kommen ins Reden, ein Wort gibt das andere und ich, mit meinen guten Ohren für den Ton eines Menschen, habe doch gleich – no, es ist ja noch ein wahres Glück! Denn jetzt will ich dir was sagen!

Marie: Nun?

Jura: Jetzt will ich dir sagen, was ich entdeckt habe!

Marie: Oh, du hast etwas entdeckt?

Jura: Ich habe entdeckt, daß es für Gustav auf der ganzen Welt eine einzige Frau gibt, wie dieser merkwürdige Mensch sie braucht. Ja, Marie!

Marie (achselzuckend): No gut.

Jura: Und weißt du aber, wer das ist? 141

Marie (gleichgültig): Nein.

Jura (nach einer kleinen Pause; gewichtig): Du. – Auf der ganzen weiten Welt nur du allein!

Marie: Das hab' ich mir nämlich auch schon gedacht, Franz.

Jura (sehr vergnügt, mit seinem breiten Lachen): Ja, freilich! Das sagt ihr dann immer! Immer habt ihr dann alles schon gewußt und euch alles schon gedacht. Das kennt man!

Marie (lächelnd): Aber, Franz, vor zehn Jahren schon hab' ich mir das gedacht, als ich ihn heiratete.

Jura (ärgerlich): Aber dann, wie das erstemal nicht alles ganz nach deinen Erwartungen ging, da war das natürlich alles gleich vergessen und nur weg von ihm, weg, mag er zugrunde gehen, und vielleicht noch ein anderes Geschöpf mit ihm! Ja, um Gottes willen, mit einem Menschen, zu dem man gehört, muß man sich doch ein bißchen Mühe geben, nicht? (Wieder sehr eifrig) Überhaupt sollte man sich ja mit den Menschen viel mehr Mühe geben, mit allen Menschen!

Marie (stillvergnügt): Ich fange ja gerade an, mit euch dreien!

Jura (durch ihren Ton überrascht; blickt auf; mit einem plötzlichen Verdacht): Oh! – (Fängt zu lachen an; vorwurfsvoll) Aber Marie! Oh, oh!

Marie (unschuldig tuend): Was ist?

Jura: Ich habe einen furchtbaren Verdacht.

Marie: Geh!

Jura (laut lachend): Du hast es am Ende vom Anfang an gar nicht ernst gemeint mit mir?

Marie: Keinen Augenblick, Franz.

Jura (sehr vergnügt): Ich habe ja gleich so ein unsicheres Gefühl gehabt! Aber du kannst lügen! Es ist eine wahre Pracht! (Sieht sie voll Bewunderung an.)

Marie: Die Ehe ist eine gute Schule dafür. Und man will sich doch auch einmal ein bißchen unterhalten.

Jura (lachend): Und du bist also gar nicht beleidigt, wenn ich – zurücktrete? (Plötzlich wieder ernst) Ja 142 doch wirklich nur, weil es für beide besser ist, für ihn und für sie!

Marie (lächelnd): Nein, ich bin nicht beleidigt.

Jura (kindlich vergnügt): Das ist schön, das ist gescheit! Du bist eine so famose Person! Ich bin aber auch ganz verliebt in dich!

Marie (sieht ihm lächelnd zu und schüttelt den Kopf): Aber jetzt sag' mir nur eins! Das möcht' ich zu gern wissen!

Jura (fragend): Ja?

Marie: Du warst bereit, deine Frau herzugeben –?

Jura: Ja.

Marie: Und jetzt bist du wieder bereit –?

Jura (nickend): Ja, jetzt bin ich wieder bereit, sie hinzunehmen. Und?

Marie: Und da möchte man doch zu gern wissen: Liebst du denn deine Frau eigentlich oder liebst du sie nicht?

Jura (eifrig): Aber schau', das ist doch sehr einfach!

Marie: Liebst du sie oder liebst du sie nicht?

Jura (treuherzig, sehr eifrig): Ja, je nachdem es eben für sie besser ist! – Darauf ganz allein kommt es doch nur an. Nicht?

Marie (kopfschüttelnd, lächelnd): Du bist ein Unmensch, Franz!

Jura (eifrig, ernst): Ja, das heißt's dann immer, wenn sich einer einmal vernünftig benimmt! Und doch bin ich überzeugt, wir erleben's noch, daß das in Mode kommt!

Marie (ironisch, leichthin): Die Mode schreckt allerdings vor nichts zurück. (In einem andern Ton, sorgenvoll) Aber – was wollen wir denn jetzt eigentlich tun?

Jura (versteht nicht gleich; dann): Ah, du meinst, mit den zwei Verliebten? (Hilflos) Ja, ich habe auch schon nachgedacht.

Marie: Nun?

Jura (achselzuckend): Ja, was glaubst du?

Marie (achselzuckend): Ich weiß es nicht. 143

Jura (kleinlaut): Ich auch nicht.

Marie: Siehst du, was du da angestellt hast? Mit deinem Drang nach klaren Verhältnissen! In unklaren fühlt man sich viel behaglicher und es zeigt sich eben wieder einmal, daß es, wenn eine Frau nun einmal ihren Mann betrügen will, wahrscheinlich doch für alle Beteiligten immer noch das beste ist, nichts dergleichen zu tun.

Jura (eifrig zuhörend): Meinst du?

Marie: Der Mensch soll sich nicht vermessen, in den natürlichen Verlauf der Dinge einzugreifen. Und da wir nun aber schon einmal solche Frevler waren, gibt's jetzt nur eins: wir machen uns so schnell als möglich wieder davon.

Jura: Und die zwei?

Marie: Bleiben hier.

Jura (besorgt): Und?

Marie: Und nach dem natürlichen Verlauf der Dinge, nachher, kehren sie dann schon wieder zu uns zurück, sie zu dir und er zu mir, oh, sicherlich!

Jura (nach einer Pause; kleinlaut, leise): Das möcht' ich doch aber eigentlich lieber nicht.

Marie (gütig lächelnd, leise): Nein?

Jura (nachdenklich, langsam): Nein. Denn –

Marie (langsam): Denn du bist ganz einfach eifersüchtig, Franz!

Jura (verwundert, ernst): Ist denn das eifersüchtig, wenn ich ihr etwas Böses oder Häßliches ersparen will? Für mich gibt es nur eins, wovor man jeden Menschen bewahren sollte: die Reue. (Es klopft heftig an der Tür links, er eilt hin.) Ja?

Delfine (noch links draußen rufend; sehr erbittert): Störe ich?

Jura: Komm nur herein!

Marie (lächelnd): Wir sind eben fertig.

Delfine (durch die Tür links eintretend; in höchster Erbitterung): Oh, ich will durchaus nicht stören! Durchaus nicht! (Will zur mittleren Tür.) 144

Marie (geht zur mittleren Tür): Nein, bitte bleiben Sie doch! Ich muß ja jetzt endlich in die Küche, sonst kriegen wir heute wirklich nichts zu essen. (Kokett) Also bitte, seien Sie lieb und beschäftigen Sie mir Franz einstweilen ein bißchen, sonst kommt er mir ja doch gleich wieder nach!

Jura (dem es gar nicht angenehm ist, mit Delfinen allein zu bleiben; verlegen, zu Marie): Warum willst du denn? Bleib doch!

Marie (kokett klagend, zu Delfine): Er läßt mir keine Ruhe, Sie sehen! (Mit verliebten Augen, zu Jura, bittend) Nur fünf Minuten, Franz! Sei doch gescheit! Dann bin ich ja gleich wieder bei dir! (Entwischt ihm; durch die mittlere Tür ab.)

Jura (versteht sie gar nicht und murmelt nur kopfschüttelnd): Was denn, was denn?

Delfine (über Maries verliebten Ton empört; ihr nach, zur mittleren Tür hin): Das glaub' ich dir! (Marie nachäffend) »Dann bin ich ja gleich wieder bei dir!« (Voll Zorn) Das glaub' ich dir! – (Schießt auf Jura zu und faßt ihn an der Hand.) Franz!

Jura (dreht sich erschreckt nach ihr um): Ja! Was ist denn?

Delfine (in höchster Aufregung): Franz, hör' mich! Wir haben ja keine Zeit zu verlieren. Jeder Augenblick ist kostbar.

Jura (unwillkürlich von ihrer Aufregung angesteckt; eilig): Ja, was denn? Was denn?

Delfine (in einem beschwörenden Ton): Franz, diese Frau meint es falsch!

Jura (sie herzlich auslachend; breit): Aber Delfindl! Diese Frau –

Delfine (voll Angst): Diese Frau ist falsch!

Jura (immer noch lachend): Wie du die Menschen kennst! Das ist –

Delfine (dazwischen sprechend, eilig): Franz, ich –

Jura (weitersprechend, breit): Das ist die famoseste Frau, die ich je – 145

Delfine (beschwörend): Franz, von Frauen verstehst du nichts!

Jura (gutmütig belehrend): Delfindl, dieser Frau verdankst du es –

Delfine (schreiend): Franz, diese Frau ist abgefeimt!

Jura (indem er sich zu ärgern anfängt): Jetzt höre, das bitt' ich mir wirklich aus! Diese Frau –

Delfine (schreiend): Diese Frau, das kann ich dir schwören –

Jura (schreit noch mehr): Du weißt nicht, daß diese Frau –

Delfine (schreit noch mehr): Du glaubst, daß diese Frau –

Jura (wütend): Diese Frau steht überhaupt viel zu hoch als –

Delfine (so laut als sie nur überhaupt kann): Diese Frau liebt dich nicht, Franz!

Jura (hält in seinem Zorn ein; verblüfft, sehr laut, sehr hell): Was? (Sein ganzes Gesicht fängt zu lachen an.)

Delfine (triumphierend): Nein! (Die einzelnen Worte abhackend, jedes für sich gleichmässig betonend) Sie – liebt – dich – nicht! Nein, Franz!

Jura (schüttelt sich vor Lachen und stimmt ihr herzlich zu): Nein!

Delfine (im höchsten Zorn): Lache nicht so albern, Franz, in –

Jura (kann noch immer vor Lachen nicht reden und winkt ihr nur mit den Händen): Aber, aber, aber!

Delfine (unbekümmert weiter sprechend): In deiner entsetzlichen Verblendung ahnst du ja nicht –

Jura (vor Lachen fast erstickend, mit den Händen winkend): Ich ahne ja, ich ahne!

Delfine (immer weiter sprechend): Wie diese verbrecherische Frau doch deine Torheit nur benützen will –

Jura (packt sie bei beiden Händen, schüttelt sie und schreit): Jetzt laß dir doch endlich erklären –! 146

Delfine (in höchster Angst, flehentlich): Nein! Nichts laß ich mir erklären –später, Franz, morgen, Franz, jetzt aber, Franz – (ihn an beiden Händen schüttelnd) Franz, die Zeit verrinnt und jeden Augenblick kann diese fürchterliche Frau ja – (Marie nachäffend) »Gleich bin ich wieder da, gleich bin ich wieder bei dir!« Und dann, Franz, sind wir verloren! Komm! (Will ihn fortziehen.)

Jura (reißt sich von ihr los): Wohin denn nur? So hör' doch erst!

Delfine (atemlos): Fort! Frage nicht! Du wirst alles erfahren, jetzt aber nur fort, wir haben keine Zeit mehr, sonst kommt sie ja zurück und die Macht dieser Frau ist so entsetzlich, Franz –

Jura (brüllend): Aber diese Frau –

Delfine (atemlos): Franz, für diese Frau bist du nur eine – (vor Zorn weinend) eine Zuflucht! Franz, sie hat dich einen stillen Winkel genannt! Franz, lieber, einziger Franz! (Wirft sich weinend an seine Brust.)

Jura (hält die Weinende an seiner Brust): No und Gustav? Was ist denn dann mit Gustav? Du liebst doch aber Gustav?

Delfine (an seiner Brust, heftig schluchzend und weinend wie ein Kind): Nein, nein, nein, ich mag nicht mehr!

Jura: Aber deswegen haben wir ja –

Delfine (plärrend): Nein, nein, nein!

Jura (der wieder sich zu ärgern anfängt): Aber du hast doch Gustav geliebt?!

Delfine (plärrend): Nein, nein, nein! (Noch heftiger schluchzend) Frag' mich doch nicht, ich weiß es doch nicht, quäl' mich doch nicht so! Ich kann das ja nicht wissen! Du mußt mich fester halten, Franz!

Jura (zärtlich ihr Haar streichelnd, mitleidig): Delfindl, armes Delfindl!

Delfine (reißt sich los und zieht ihn an der Hand mit; wieder in dem früheren, von Angst getriebenen Ton): Jetzt aber komm, jetzt aber fort! Bevor die Zeit verrinnt! Komm, komm! Wir müssen fliehen! 147

Jura (lachend): Fliehen? Warum denn fliehen, Kind?

Delfine (in höchster Angst): So komm doch nur, sonst wird es ja zu spät! Franz, Franz, wir müssen fliehen, bevor es zu spät ist, wir müssen, Franz!

Jura (nachgebend): So fliehen wir, gut! Aber empfehlen möcht' ich mich doch.

Delfine (aufschreiend, in höchster Angst): Nein, Franz, nein! Wenn wir erst wieder vor diesen beiden grauenhaften Menschen stehen, sind wir ja verloren! Franz, in einer Stunde können wir unten sein, dort kriegen wir einen Wagen und dann, Franz, so mit dir in den herrlichen Frühling hinein – Franz, wenn du mich je ein bißl lieb gehabt hast – (wirft sich wieder an seine Brust) o Franz, ich hab's ja früher nie gewußt, wie lieb ich dich hab', Franz, mein geliebter Franz – (Sie hört die mittlere Tür gehen, dreht sich erschreckt um, erblickt Heink, schreit auf und rennt davon; Jura mit den Händen winkend, flehentlich) Franz, Franz! (Durch die mittlere Tür ab.)

Heink (hat bei ihren letzten Worten die mittlere Tür geöffnet, macht ein verblüfftes Gesicht, da er sie in den Armen Juras findet, tritt ein wenig nach links, um sie mit einer Verbeugung vorbei zu lassen, und sieht Jura vergnügt an).

Jura (Delfinen nacheilend; im Abgehen, rasch zu Heink; vergnügt erklärend): Wir fliehen nämlich. Ich werde Ihnen einen Brief schreiben. (Durch die mittlere Tür ab; man hört ihn noch draußen zu Marie sagen, eilig, sehr vergnügt): Adieu, Frau Marie, adieu! (Ab.)

Marie (tritt durch die mittlere Tür ein, die sie hinter sich schließt, und sieht Heink lächelnd an): Nun?

Heink (nickt): Bravo. – Das hast du sehr geschickt gemacht.

Marie: Es war doch das bequemste, sie einfach ihren Mann entführen zu lassen.

Heink (durchs Zimmer gehend; aufatmend): Und so sind wir sie los! – (In einem andern Ton, bedauernd) 148 Das heißt, um ihn ist mir eigentlich leid. Aber gerade die nettesten Männer kann man nie genießen, weil sie immer solche Frauen haben. Es ist schlecht eingeteilt. (Bleibt stehen, blickt auf und sieht Marie an; lächelnd, zärtlich) Froh bin ich. Und jetzt – weißt du was? Jetzt bleiben wir zwei ganz still ein paar Tage hier. Magst?

Marie (lächelnd): Wenn du willst?

Heink: Das hab' ich mir doch immer schon so gewünscht, hier heroben einmal allein zu sein! (Sehnsüchtig) Allein!

Marie (lächelnd; in ihrem trockenen, ironischen Ton): Allein.

Heink (sieht betroffen auf und versteht dann den Vorwurf erst; in seinem kindisch ärgerlichen und trotzigen Ton): Ach, du weißt doch, wie ich es meine! – (Von einem plötzlichen Einfall erschreckt) Nur – nein! (Er greift mit der Hand an seine Haare; bedauernd) Nein, es wird leider nicht gehen.

Marie: Es geht, Gustav. Ich habe das Haarfärbemittel mitgebracht.

Heink (sehr erfreut): Du bist wirklich ein Engel, Marie, du denkst doch an alles! (Sentimental werdend) Ach, überhaupt, Marie, wenn ich dich nicht hätt'! (Da er Marie lachen sieht; ärgerlich) Ja, nun lachst du gleich wieder! Du hast so was Unweibliches in deinem Spott! Man kann mit dir wirklich nie – du hast kein Gemüt, Marie!

Marie (in ihrem ironischen Ton): Das ist es!

Heink (langsam, in einem gekränkten Ton): Und dabei kann ich dir sagen, du bist ja doch die einzige, die ich je wirklich lieb gehabt, in meinem ganzen Leben! Und wenn ich an die anderen denke – du kannst mir's glauben, ich begreife das selber nicht!

Marie (es ihm ironisch erklärend): Nun ja, Gust'l: die spanische Partie, das Damengambit, nicht wahr?

Heink (sieht sie lächelnd an und schüttelt den Kopf; dann, ernst, sehr einfach): Nie mehr. 149

Marie: Gust'l, man soll nichts verschwören.

Heink (fest): Nein, Marie, nie mehr. Das fühl' ich.

Marie (geht zur mittleren Tür).

Heink (da er sie gehen hört, aufblickend): Was ist?

Marie: Ich muß noch in die Küche. Das wird dich ja in deiner guten Gesinnung noch befestigen. (Durch die mittlere Tür ab.)

Heink (ihr nachrufend, sehr erfreut): Ja? Essen wir bald? (Blickt ihr noch lustig nach, geht dann vergnügt zum Sofa, legt sich hin und streckt und dehnt sich behaglich aus.) Wir sind ja Narren, allesamt, dort unten! (Sich zurücklegend, die Augen schließend) Nichts mehr davon wissen und sich um nichts mehr kümmern und nach keinem Menschen fragen! Und kein Konzert, von keiner Art mehr! (Sehnsüchtig) Ach ja! (Es klopft stark an der mittleren Tür, er fährt auf; ärgerlich) Herein!

Pollinger (steckt den Kopf herein; erschrocken): Gnädiger Herr!

Heink (wütend): Was?

Pollinger: Eine Dame! Noch eine Dame!

Heink (in seinem ärgerlichen, raunzenden, fast weinerlichen Ton): Was für eine Dame denn?

Pollinger (achselzuckend; indem er nur mit den Händen die Größe des Huts zeigt): So einen Hut hat sie!

Heink (brüllt ihn an): Wie sie heißt?

Pollinger: Man bringt es nicht heraus, sie ist zu aufgeregt. Aber sie sagt: sonst muß sie sich töten.

Heink (errät, daß es eine seiner Schülerinnen ist): Aha! (Achselzuckend.) No. (Nickt, daß Pollinger sie hereinlassen soll.)

Pollinger (durch die mittlere Tür ab).

Heink (indem er müde langsam aufsteht; verdrießlich, kopfschüttelnd): Achthundertdreiundzwanzig Meter über dem Meer!

Eva (durch die mittlere Tür; Riesenhut, phantastisches Gebirgskostüm; mit einem großen Strauß von weißen und violetten Anemonen; verwirrt, verschämt, hauchend): Meister! (Sie streckt ihm mit Emphase die Blumen entgegen.) 150

Heink (geht ihr entgegen, indem er sogleich seinen gezierten, galanten Ton annimmt und wieder zum Seladon wird): Klein Evchen! Welche Überraschung! Und die schönen Blumen! (Nimmt den Strauß.)

Eva: Ein paar stille Waldblumen vom Weg, aber ich hab' sie für Sie gepflückt, Meister, und an jeder hängt einer meiner Gedanken an Sie und an jeder eine heimliche Träne.

Heink (zerstreut, um nur etwas zu sagen, und immer in dem gewohnten schmachtenden Ton): Ja, sie sind noch ganz naß. – Aber was machen diese zarten Füßchen auf unseren Felsen?

Eva (will niedersinken; ekstatisch): Meister! Können Sie mir verzeihen?

Heink (hebt die Niedersinkende auf und bemüht sich um sie, ziemlich ungeschickt, weil ihn der große Strauß dabei geniert; affektiert tröstend): Evchen! Was ist denn mit Ihnen? Was ist denn mit meinem kleinen Evchen nur geschehen?

Eva (noch bei der Erinnerung wieder atemlos): Es hat mich hergetrieben, wie gejagt war ich ja, gejagt und gepeitscht von Angst und Scham und – (will »Liebe« sagen, wagt es nicht und ersetzt es durch einen Augenaufschlag und den Seufzer) Ach, Meister! (Sie scheint sich zu vergessen und an seine Brust zu sinken.) Was hab' ich getan? Oh, was hab' ich getan?

Heink (fängt sie noch auf und verhindert, daß sie ihm an die Brust sinkt): Klein Evchen! Was ist denn nur? Erzählen Sie doch!

Eva: Ich bin eine Elende!

Heink (indem er die Blumen auf den Tisch legt; zerstreut): So? Nun und? Erzählen Sie nur!

Eva: Werden Sie mir verzeihen?

Heink (ganz leichthin): Aber alles. Wer könnte diesen Augen widerstehen?

Eva (schluchzend): Ich war es ja, ich war es doch, ich, ich – (Deckt ihr Gesicht mit beiden Händen zu.) Oh, gräßlich! 151

Heink (Überraschung heuchelnd): Sie waren es? (Den Ton wechselnd, sachlich fragend) Was waren Sie?

Eva (in einem Ton, dem man doch auch anhören muß, wie stolz sie darauf ist): Ich war es, die dem Doktor Jura telegraphiert hat – (Plötzlich sehr rasch und jetzt in einem unverkennbar echten Ton) Aber doch nur aus Haß gegen diese schamlose Person, die Ihrer nicht wert ist, Meister, denn ich schwöre Ihnen, so wahr ich –

Heink (rasch einfallend, lustig): Sie ist schon fort.

Eva (rasch, dankbar, froh): Sie ist schon fort?

Heink (mit einer kurzen Bewegung der Hand, daß alles erledigt ist): Schon fort.

Eva (mit seligen Augen, die Hand auf ihr Herz pressend): O Meister! (Wieder erzählend, lebhaft beteuernd) Denn wirklich, nur aus Haß gegen diese Person und aus Eifersucht und aus meiner unbegrenzten Verehrung (wiederholt mit einem Augenaufschlag), und Verehrung und – (mit sinkender Stimme) und nicht bloß Verehrung – (sie läßt ihre Stimme zittern und schlägt die Augen nieder) o Meister!

Heink (geschäftig, indem er ihr den Stuhl rechts vom Tisch anbietet): Aber nehmen Sie doch Platz, Kind! Sie müssen ja müd sein, klein Evchen!

Eva (indem sie sich auf den Stuhl rechts vom Tisch setzt): Nein, Meister, o nein, ich bin nicht müd!

Heink (immer bemüht, abzuwiegeln): Und hungrig! Ich will gleich – (Mit einer Wendung zur mittleren Tür.)

Eva (ergreift rasch seine Hand und hält ihn zurück): Nein, Meister, nein! Ich habe ja Sie! – (Den Kopf zurücklehnend, mit geschlossenen Augen) Ach, Meister, Meister, wenn Sie wüßten, was mir das ist, hier bei Ihnen sein zu dürfen, in Ihrer Hütte hier, in der Hütte! (Erschauert, schüttelt sich.)

Heink (indem er sich zu ihr auf den Tisch setzt; leichthin): Ja, nicht wahr, es ist ganz gemütlich hier? Und gar jetzt im Frühling, wo – (bricht erschreckt ab, da ihm einfällt, daß dies ja das Stichwort für die Damen 152 ist, und schneidet ein Gesicht, von der Seite nach ihr schielend)

Eva (mit geschlossenen Augen): Frühling, ja! Denn auch in mir, Meister, ist es ja jetzt Frühling worden! (Erschrickt und fährt auf, da sie Marie eintreten hört)

Marie (durch die mittlere Tür; hat die letzten Worte gehört, lächelt und nickt vergnügt; indem sie zur Kredenz geht, zu Heink, der sich halb nach ihr umgewendet hat): Ich wußte nicht, daß du Besuch hast. Ich muß nur nachsehen, ob – (öffnet die Kredenz, nickt und nimmt eine Flasche heraus) ja.

Heink (geht zu Marie, verlegen; vorstellend): Frau Eva, Eva – (Er weiß Evas Zunamen nicht)

Eva (aufstehend, mit einer leichten Verneigung gegen Marie): Gerndl.

Marie (mit einer leichten Verneigung gegen Eva): Wir kennen uns ja.

Heink (indem er zu Marie geht; verlegen): Eine meiner Schülerinnen! Meiner eifrigsten Schülerinnen!

Marie (die Kredenz schließend; zu Eva): Bitte, lassen Sie sich nur gar nicht stören!

Eva (setzt sich wieder).

Heink (zu Marie; ärgerlich und weinerlich, leise): Was soll ich denn tun? Du siehst doch!

Marie (leise): Ich weiß: spanische Partie, Damengambit –

Heink (von Marie weg wieder in die Mitte gehend; sich wehrend, heftig): Nein, nein!

Marie (schon wieder an der mittleren Tür): Und weißt du, wer auch da ist?

Heink (empört): Wer?

Marie: Unser Fräulein Wehner. Eben angekommen.

Heink (wütend, schreiend): Was will denn die?

Marie (achselzuckend): Sie sagt, es hat sie hergetrieben. Aus Angst, glaub' ich. Übrigens, was liegt daran? (Durch die mittlere Tür ab)

Heink (wütend, heftig): Nein, nein! (Tritt wieder 153 hinter Eva, schneidet ein Gesicht und weiß nicht, was er mit ihr machen soll.)

Eva (ganz still sitzend; nach einer kleinen Pause, leise): Meister!

Heink (nebenhin fragend): Ja?

Eva (leise): Darf ich Ihnen etwas gestehen?

Heink (leichthin, konventionell): Bitte.

Eva (leise): Dies ist die schönste Stunde meines Daseins.

Heink (unwillkürlich wieder in seinen gezierten galanten Ton geratend): Ach, klein Evchen!

Eva: Das Leben kann mir nichts mehr bieten, was schöner wäre.

Heink (setzt sich wieder zu ihr auf den Tisch): Wirklich? (Er legt die Hand leicht auf ihr Haar.) Sie sind ein seltsames Geschöpf. (Erschrickt über seine Worte selbst, zieht die Hand zurück und schneidet ein Gesicht.)

Eva (selig): Woher wissen Sie das? – O Gustav! Sie sind der erste Mann, der mich versteht!

Heink (nickt nur mechanisch, da er gewußt hat, daß sie das sagen wird).

Eva (nimmt seine Hand und preßt sie an ihr Herz): Ja, Gustav, Sie haben mich erkannt! Sie fühlen, daß ich anders bin! Anders als die anderen! Und darum fühlen Sie auch, was ich leiden muß! Da draußen im öden Alltag! Ich in meiner grenzenlosen Seeleneinsamkeit!

Heink (nickend, da er das Wort erwartet hat; es sozusagen registrierend): Seeleneinsamkeit.

Eva: Ach, Gustav! Wenn ich manchmal so daheim sitze, mit meinen stillen, verlorenen Gedanken an dich, in meinem kleinen Musiksalon – der große schwarze Flügel, ein schwarzer Vorhang deckt die Tür zu, schwarz, mit einem Muster von brennenden roten Herzen, und alles ist so feierlich ernst, kein Schmuck, kein Bild als das Ihre und die weiß schimmernde Büste von Goethe.

Heink (mit einer Gebärde, als ob er sagen wollte: Nun also!, nickend): Goethe. 154

Eva: Denn ihr beiden seid die Schutzheiligen meines armen Lebens!

Heink (resigniert, mechanisch): Goethe und die Frau von Stein.

Eva (fährt mit einem Aufschrei empor): Gustav! Wie du meine geheimen Gedanken errätst! (Wirft sich an seine Brust.) Das hab' ich mir doch immer so gewünscht! (In seinen Armen.) Gott, was tue ich? Nicht, nicht, Gustav!

Heink (die Arme um sie schließend; mechanisch): Mein geliebtes Evchen!

Eva (erschauernd): Was tust du? Gustav, Gustav! Nicht, nicht!

Heink (resigniert): Ich muß, ich muß.

 

(Vorhang.)

 

Schluß

 .

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