Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Bahr >

Das Konzert

Hermann Bahr: Das Konzert - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDas Konzert
authorHermann Bahr
year1909
firstpub1909
publisherErich Reiss
addressBerlin
titleDas Konzert
pages154
created20110917
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zweiter Akt.

Das große Zimmer in der Hütte links. Als Bauernstube hergerichtet. In Zirbelholz.

Ganz vorne links eine kleine Tür zum zweiten Zimmer der Hütte. In der mittleren Wand eine Tür zum Gang und zur Küche. Rechts Fenster.

In der Ecke links von der mittleren Tür großer alter Kachelofen. Rechts von der mittleren Tür, an der Wand, ein sehr breites, altes schwarzes Sofa. In der Mitte des Zimmers ein viereckiger Tisch mit vier Bauernstühlen; darüber eine altmodische Hängelampe. An der linken Wand, zwischen Ofen und Tür, eine Kredenz. In den Fenstern Blumenstöcke. Überall als Schmuck alte bemalte Teller, Krüge, Kaffeeschalen. Am Fenster ein Nähtischchen mit einem gepolsterten Stuhl.

 

Pollinger (starker Vierziger; die sehr dichten, kurz geschorenen Haare an den Schläfen schon stark grau, kurzer, dicker, ergrauender Schnurrbart, sonst rasiert; ein breites, sehr rotes Gesicht mit zornigen Augen und starken Knochen; gedrungen, stämmig, nicht eben groß; ein typisches Beispiel des bäurischen Zechers und Schlemmers, der in die Jahre kommt und es sich nicht merken lassen will, aber von der Furcht vor einem Schlaganfall geplagt wird; Joppe, Lederhose, Wollstrümpfe, dicke Filzschuhe; liegt auf dem Sofa, ein dickes Tuch um die Knie gewickelt, fest schlafend, schnarchend; vor dem Sofa, auf der Erde, sein Stock).

Frau Pollinger (an die Vierzig; groß, stattlich, breit, eine handfeste, riegelsame, mundfertige Person, die sich nichts dreinreden läßt; noch draußen, rufend): Ja, Pollinger! Hörst denn nöt? Pollinger! (Tritt durch die mittlere Tür ein, die sie zuwirft.)

Pollinger (erwacht, setzt sich halb auf, zuckt sogleich schmerzlich zusammen und fährt mit der Hand ans Knie): Himmelherrgottsakra!

Frau Pollinger (verächtlich): Ja, da liegt er natürlich wieder und schlaft!

Pollinger (sich sein Knie reibend; zornig): Wennst schon weißt, daß ich schlaf, so laß mich! (Jammernd) Himmelherrgottsakra! Einen kranken Menschen laßt man! (Will sich wieder legen.)

Frau Pollinger: Horch, Pollinger! Mach dich auf! Der Herr kommt!

Pollinger (die Decke abwerfend, aufspringend, vor Freude ganz verwandelt): Jöi, jöi! Der Herr? Is's wahr? Is's denn wahr? (Bückt sich, um seinen Stock aufzuheben, spürt wieder die Schmerzen im Knie.) Himmelsakra! (Zornig, zu seiner Frau) Kannst mir nicht den Stecken aufheben, wannst schon siehst?

Frau Pollinger (hebt ihm den Stock auf und sieht ihn verächtlich an): Gut schaust aus! Scham dich!

Pollinger: Die Gicht ist keine Schand.

Frau Pollinger: Aber 's Saufen! Wann man's nöt mehr vertragt. 72

Pollinger (an seinem Stock humpelnd; vergnügt): Der Herr kommt! Der Herr kommt!

Frau Pollinger (die nicht so erfreut scheint; ihn noch einmal verächtlich musternd): Der Herr erhalt sich besser. Den reißt's noch nicht. (Geht zur Kredenz und nimmt Geschirr heraus.)

Pollinger: Wann kommt er denn schon? Jessas, der Herr! Neugierig bin ich, was er sich wieder ausg'sucht hat! War mir ja schon ganz bang um ihn! (Nachrechnend) Denn das muß gut seine anderthalb Jahr her sein! Weißt, damals mit der Gräfin!

Frau Pollinger (ihn ungeduldig antreibend): No, mach weiter, mach! Was stehst denn? Was wartst denn?

Pollinger (erschreckt): Ja, glaubst denn, daß er heut noch kommt?

Frau Pollinger (ein Brett mit Gläsern und Schalen auf den Tisch stellend): Gleich müssens da sein!

Pollinger (aufgeregt): Jessas! Bring mir die Schuh.

Frau Pollinger: Der Postmeister hat aus der Klamm heraufg'schickt, dem hat er telegraphiert, grad is der Bub kommen. Also tumml' dich! (Brummend) Weißt ja, wie er is! Da soll all's fliegen!

Pollinger (zornig): Ja, was is denn das? Statt, daß du springst vor Freud, daß der Herr kommt –

Frau Pollinger (mit dem Brett beschäftigt; trocken): Spring nur du!

Pollinger (zornig, mit dem Stock fuchtelnd): Ja, hast denn du ka Freud?

Frau Pollinger (brummend): Der Herr könnt' auch schon einmal gscheit werdn.

Pollinger (breit, stolz): Na! Da kennst unsern Herrn schlecht! Der wird noch lang nicht gscheit, der bleibt jung!

Frau Pollinger (mit einem verächtlichen Blick auf ihn): Bis's ihn auch nächstens einmal umdrehn wird, wie dich. Ihr zwei! 73

Pollinger: Ja freust dich denn du nöt? Hast denn du schon ganz vergessen? Wo wären denn wir ohne ihn? Ich könnt' heut noch die Bierfassln aus der Klamm kutschieren und du könnt'st in der Kuchel stehn!

Frau Pollinger (ärgerlich): Und wo steh' i denn jetzt? Vielleicht nicht in der Kuchel? (Geht zur Tür links und öffnet sie, in das Zimmer sehend.)

Pollinger (humpelt ihr nach; polternd): Aber in meiner Kuchel! In meiner Kuchel stehst! Das is ein Unterschied! Und hast einen Mann!

Frau Pollinger (hat sich überzeugt, daß im andern Zimmer alles in Ordnung ist und schließt die Tür wieder): Und der Mann hat die Gicht.

Pollinger (sich ärgernd): Das vergeht wieder!

Frau Pollinger: Und dann gehst du wieder ins Wildern und ins Saufen und da kommt's wieder! Und ich soll aber dann noch stolz sein, daß ich einen Mann hab'! Wo denn? I merk' nix.

Pollinger: Immer wirfst mir das vor! Das is nicht schön. Der Mensch wird halt ruhiger.

Frau Pollinger (wieder mit dem Geschirr beschäftigt): Im Wirtshaus aber nicht! Und beim Wildern auch nicht! Da stellst noch deinen Mann, was?

Pollinger (wird wehmütig): Mirl, Mirl, Mirl! Wann du wüßtest, wie mir manchmal is! (Kläglich) Mir is gar nicht mehr ums Wildern und ums Saufen! Glaub mir! Aber was willst denn tun? Da kommen die Freunderln und da heißt's: No, gehst nöt mit? Ja, da is es schwer! Soll ich jetzt auf einmal sagen: Na, gehts nur allein? Daß es dann gleich heißt: Schau, schau, der Pollinger mag nöt mehr, den hat's auch schon fest beim Kragen, der wird alt! Möchtst, daß es das von mir heißt? Das kommt mir doch hart an! Wo ich immer g'wohnt war, daß ich überall der Ärgste war! Und jetzt auf einmal –! Und schau, wann man sich einmal gewissermaßen einen Namen gemacht hat –

Frau Pollinger (schimpfend): Ja, beim Saufen und beim Wildern! Ein schöner Name! 74

Pollinger (philosophisch): Ein Name is ein Name. Wo, bleibt sich gleich. Man entbehrt's halt doch nicht gern. Und wann ich denk', daß ich jetzt auf einmal auch schon einer von den Alten sein soll! Ich hab' doch noch Zeit! Wieviel bin ich denn älter als der Herr?

Frau Pollinger: Der wird's schon auch noch einmal büßen. Is mir gar nicht bang!

Pollinger: Na! Denn weißt, Mirl, in der Stadt haben's bessere Dokter, das is es! Ja, wann ich ein' ordentlichen Dokter hätt'! (Sich das Knie reibend.) Es laßt ja manchmal wieder nach und wann's nachlaßt, sollst sehn, daß dann alles wieder geht!

Frau Pollinger (ungläubig): No, ich bin neugierig. (Indem sie mit dem Brett zur mittleren Tür geht) Jetzt mach' aber schon endlich!

Pollinger (jammernd): Bring mir meine Schuh!

Frau Pollinger (wütend): Hol dir's selber! Wost schon siehst, daß ich alle Händ' voll hab'! (Durch die mittlere Tür ab, die sie heftig zuschlägt.)

Pollinger (zornig): Himmelherrgottsakra! Verfluchte Weiberleut'! Wann's glauben, daß man alt wird, da wär' man dann der Niemand mehr! (Richtet sich zornig auf.) Na, na! Nur nöt alt werden! Und man darf ihm nur nöt nachgeben, dem Altwerden! Nur nix dergleichen tun, sonst hat's einen gleich! Wann man sich aber nöt umschaut nach ihm, dann traut sich's nicht und is wieder stad, für eine Weil'. Na, nur nix dergleichen tun! (Versucht, fest aufzutreten und stampft; da er die Schmerzen im Knie wieder fühlt, zornig) Au, Himmelherrgottsakra! (Man hört draußen Stimmen, die der Frau Pollinger und die Heinks, durcheinander lachend und rufend.) Jessas, der Herr is schon da! (Stürzt zur mittleren Tür.)

Heink (noch unsichtbar, draußen): Bitte nur gradaus! Da geht's in den Palast hinein! (Er öffnet die mittlere Tür und läßt Delfine eintreten.)

Delfine (siebzehn Jahre; mittelgroß, sehr schlank; ein noch ganz kindliches Gesicht, das mit dem kleinen 75 stumpfen Näschen und den weit aufgerissenen Augen etwas neugierig und ratlos Verwundertes hat, was mit ihren Allüren einer großen Dame nicht ganz stimmt; kurzes, mattgrünes Lodenkleid mit kleinem Steirerhut; sie ist vom Gehen erhitzt, von der Luft erregt, von Erwartung erhellt und sieht neugierig über das Zimmer hin; in die Hände klatschend): Oh, das ist lieb! Nein, ist das lieb! Wie reizend!

Heink (folgt ihr durch die mittlere Tür; ohne Automobilmantel, im Jagdanzug; er ist vom Gehen ein wenig ermüdet und will es sich nicht merken lassen; auf die Tür links deutend): Nun mach' dir's aber vor allem bequem! (Zurückrufend) Mirl, der soll gleich die Sachen bringen! (Pollinger erblickend) Ja, Pollinger! Altes Haus! Nun sind wir wieder einmal da!

Pollinger (ganz gerührt, grinsend): Gnädiger Herr! Gnädiger Herr! Ja! Ja! (Ruft wütend hinaus) Die Schuh, Mirl! Wirst mir augenblicklich die Schuh bringen?

Heink (tritt zu Delfine, links vom Tisch, und faßt sie zärtlich an der Hand): Nun? Gefällt's dir, Kleines?

Delfine (lehnt sich an ihn): Wunderschön, Gustav! Alles ist so wunderschön!

Heink: Nur ein bißchen klein, bloß die zwei Zimmer! Das ist nämlich die gewisse kleinste Hütte, wo der berühmte Raum ist! Belieben Hoheit also zu bleiben?

Delfine (mit verliebtem Augenaufschlag): Ach, am liebsten ja mein ganzes Leben! (Kokett) Wenn du willst!

Heink (auf die Tür links zeigend): Jetzt mach' dir's aber vor allem bequem!

Eine Magd (durch die mittlere Tür, trägt Heinks gelben Koffer, das Täschchen, seinen und Delfinens Automobilmantel und ihre beiden Reisetaschen durch die Türe links in das zweite Zimmer).

Pollinger (hilft der Magd und folgt ihr).

Heink (hinausrufend): Und, Mirl, dann sobald als 76 möglich den Kaffee! Zeig' deine Kunst! Mach' mir keine Schand'!

Frau Pollinger (draußen rufend): Is schon gut, gnädiger Herr!

Heink (zu Delfine): Gleich wird alles gerichtet sein! Und dann machst du dir's bequem und dann ruhst du dich schön aus, ganz wie wenn du zu Haus wärst und –

Delfine (selig lächelnd): Ja.

Heink (schmachtend, leise): Und dann –! (Er sieht sie kokett an.)

Delfine (erschauernd; leise, flehentlich): Gustav!

Die Magd (von der Tür links wieder zur mittleren Tür und durch diese ab).

Pollinger (aus der Tür links).

Heink: Nun, Pollinger, ist alles bereit?

Pollinger: Ja, gnädiger Herr!

Heink (zu Delfine, auf die Tür links zeigend): Dann also, Kleines! Und wenn du was brauchst, ich warte hier. Aber laß dir Zeit, du mußt ja schrecklich müde sein, nicht?

Delfine (indem sie zur Tür links geht; lachend): Aber gar nicht! Wovon denn?

Heink: Na, es ist ein ganz ordentliches Stück Weg.

Delfine (schon in der Tür links): Ach, ich wäre am liebsten nur immer noch weiter gegangen! So mit dir durch den Wald! (Sieht ihn zärtlich an; dann, lächelnd) Also! Ich bin gleich wieder da.

Heink (verneigt sich zeremoniell tief vor ihr, feierlich mit beiden Händen grüßend): Auf Wiedersehen!

Delfine (lächelnd links ab, schließt die Tür).

Heink (ihr nachrufend): Und laß dir nur Zeit! Daß du dich nicht müde machst! (Kommt in die Mitte und streckt sich.) Pollinger, so schlecht war der Weg nie.

Pollinger: Aber, gnädiger Herr, das kann doch nöt sein!

Heink (indem er die Füße hebt): Nie. Wurzeln und Steine, grauslich!

Pollinger: Mein Gott, im Wald! 77

Heink: Nein, nein. Früher war der Weg besser. Hoffentlich kommt der Kaffee bald. (In einem andern Ton, indem er sich auf einen Stuhl rechts vom Tische setzt, den Arm bequem auf den Tisch stützt und Pollinger ansieht; lustig) Ja, Pollinger, laß dich ansehen! Was hör' ich denn von dir? Die Gicht? Sagt die Mirl! (Schneidet ein Gesicht.) Gicht? Pfui, Pollinger!

Pollinger: Ja, gnädiger Herr, was soll man machen? Es fangt halt schön langsam an.

Heink (mißtrauisch): Was fängt an?

Pollinger (achselzuckend): Alt wird man.

Heink (empört): Wer? (Vorwurfsvolt) Aber Pollinger!

Pollinger: Ja, mein Gott!

Heink (sehr verwundert): Was willst du denn? Du kannst doch kaum vier, fünf Jahre älter sein als ich?

Pollinger: Drei, gnädiger Herr.

Heink: No, da bist du doch noch ein reines Kind! (Verdrießlich) Laß dir nur nichts einreden, Pollinger! Da steckt gewiß dein Weib dahinter. Die Weiber wollen uns durchaus zur Ruhe setzen. Merke dir, daß ein Mann bis zum Fünfzigsten immer noch in Entwicklung begriffen ist! Erst mit dem Fünfzigsten, oft noch später, erreicht er seine Höhe und kann sich da dann noch viele Jahre behaupten. Du darfst nur nicht so viel saufen, Pollinger!

Pollinger (indem er sich gemütlich auf den Stuhl links vom Tische setzt): Ja, ja, gnädiger Herr! Aber grad, wenn man eben noch, wie der gnädige Herr gesagt hat und was sicher richtig ist, in der Entwicklung begriffen ist, da gehört doch gewissermaßen das Saufen dazu, weil nämlich sonst, weil doch, wenn man das Saufen nachlassen tät, das ein Zeichen wär', daß man selbst glaubt, daß es schon eher mit der Entwicklung aus ist. Und wenn man das einmal glaubt, dann is's bös, mit der Höhe. Deswegen, gnädiger Herr! Warum tut man's denn, als damit man ein' Beweis hat, daß man noch jung ist! 78

Heink (nachdenklich): No ja, natürlich: nachgeben, nachgeben darf man natürlich nicht! Da hast du schon recht, das wäre verfehlt, nur nicht nachgeben! Ist doch auch lächerlich, Pollinger, ein Mann in deinen Jahren! (Ganz ärgerlich über ihn) Ich hätte das nie von dir gedacht! Schau die Mirl an! Wie die sich hält! Die Weiber verstehen's!

Pollinger: Die Weiber leisten halt auch nicht so viel wie wir.

Heink (eifrig): Darauf kommt's gar nicht an, im Gegenteil! Je mehr einer leistet, desto frischer hält er sich. Schau mich an! Und ich schone mich wahrlich nicht. Wer rastet, rostet, sagt das Sprichwort. Ich roste nicht. Nirgends! (Plötzlich schreiend, fast zornig) Schau mich an! Ich bin noch gar nicht alt! Warum denn auch? Ist ja lächerlich! Ich sehe das gar nicht ein! (Plötzlich wieder ruhig) Du darfst nur nicht nachgeben, Pollinger.

Pollinger: Nein, nein, gnädiger Herr, bestimmt nicht! Und gerade darum mein' ich ja, daß es sicher gescheiter ist, daß man das noch nicht aufgibt, das Saufen und das Wildern! Das wär' vielleicht sehr gefährlich.

Heink (nachdenklich): Es mag sein! (In einem anderen Ton) Hast du noch den Kommißtabak?

Pollinger (holt seinen Tabaksbeutel aus der Tasche): Aber freilich, gnädiger Herr.

Heink: Gib! Und bring mir die Pfeife!

Pollinger (bringt aus der Kredenz eine kleine Holzpfeife).

Heink: Ich will's doch wieder einmal versuchen. Das hat mir immer so geschmeckt. Viel besser als die dummen Importen in der Stadt. (Seufzend, indem er durch das Zimmer sieht) Ach, überhaupt! Du hast ja keine Ahnung, wie gut du's hast! Während wir dort unten in der Stadt, brr! (Zündet sich die Pfeife an und schmaucht behaglich.) Wir sind Narren, dort unten! Du kannst mir's glauben. Hier sitzen und nichts mehr wissen und Ruhe haben! Wie oft denke ich mir das, 79 wie oft sehne ich mich! Man ist ja ein Narr! Sonst ging ich doch hier gar nicht mehr weg und bliebe schön bei dir, alter Pollinger! Was meinst du?

Pollinger (sehr erfreut): Aber, gnädiger Herr! Das wär' uns doch die größte Freud!

Heink (reißt sich gewaltsam aus seiner Stimmung): Später, später! Das kommt schon noch. Später einmal. Bis ich einmal alt bin!

Pollinger (lachend): Da hat's schon noch Zeit.

Heink: Ja. Einstweilen sind wir noch nicht so weit! Sie lassen mich noch nicht fort. Solltest nur einmal sehen, was sie mit mir treiben! Du mußt einmal in die Stadt kommen, in ein Konzert von mir – (erinnert sich bei dem Wort und muß lachen, mit einem Blick auf die Tür links) in ein wirkliches Konzert! (Wieder ernst, fast traurig) Nein, geht noch nicht, sie lassen mich noch nicht fort! Man muß schon aushalten, solang man jung ist. (Die Pfeife absetzend, die ihm sichtlich nicht schmeckt; das Gesicht verziehend) Das ist doch nicht derselbe Tabak?

Pollinger: Immer noch, gnädiger Herr!

Heink: Er hat früher anders geschmeckt. (Raucht wieder.)

Pollinger: Vielleicht weil ihn der gnädige Herr jetzt nicht mehr so gewohnt ist.

Heink (nachrechnend): Wie lang ist's denn eigentlich her, daß ich das letztemal da war? Es muß fast ein Jahr sein.

Pollinger: Anderthalb Jahre, genau! Vor anderthalb Jahren im Herbst.

Heink (ganz erstaunt, kopfschüttelnd): Anderthalb Jahre hat das diesmal gedauert!

Pollinger: Wir haben grad den ersten Schnee gehabt. Die Gräfin hat sich noch so gefreut. Erinnern Sie sich, gnädiger Herr!

Heink (von der Erinnerung an die Gräfin unangenehm berührt, das Thema kurz ablehnend): Ja, ja.

Pollinger: Ja, diesmal hat's lang gedauert! 80

Heink (spuckend, die Pfeife weglegend): Das kann unmöglich derselbe Tabak sein! (Verzieht das Gesicht.) Pfui!

Pollinger (beteuernd): Aber sicher, gnädiger Herr, genau derselbe!

Heink (klagend): Der hat mir doch sonst immer so geschmeckt! (Schnuppernd) Tu die Pfeife weg! (Zündet sich eine Zigarette an.)

Pollinger (hatscht herbei, um die Pfeife wegzunehmen): Es verändert sich halt auch der Gusto, mit den Jahren!

Heink (schnalzt ärgerlich mit der Zunge; dann, auf Pollingers Filzschuhe blickend): Was hast du denn da für Schuhe?

Pollinger (verlegen, ärgerlich): Ich hab' doch der Mirl gesagt, daß sie mir meine Schuh bringen soll! Aber vor lauter Freud hat's ganz den Kopf verloren. Ich werd' gleich – (Will, die Pfeife in der Hand, zur Tür.)

Heink: Laß doch! Wozu denn? (Immer aufmerksam die Filzschuhe betrachtend, indem er ein Bein über das andere schlägt und einen seiner Schuhe mit den Fingern abfühlt) Solche Schuhe müssen sehr angenehm sein.

Pollinger: Mich hat's halt jetzt in den Zehen besonders, und da tut nichts einem Fuß so wohl, als wenn er sich schön weich ausstrecken kann.

Heink: Es ist sicher nicht gesund, enge Schuhe zu haben.

Pollinger: Früher hat mir das ja nichts gemacht, aber mit der Zeit wird man halt in allem heikliger. (Hat die Pfeife wieder in die Kredenz getan und schließt diese.) Ich hätt' noch ein zweites Paar, gnädiger Herr! Also wenn der gnädige Herr –?

Heink (rasch): Ja, bring sie!

Pollinger: Gleich. (Will zur mittleren Tür.)

Heink (steht auf; rasch): Das heißt, wart' einmal! (Er macht ein paar Schritte gegen die Tür links hin, blickt auf diese und wendet sich dann wieder um.) Nicht jetzt! Morgen kannst du sie mir, morgen will ich sie (die Worte 81 dehnend, nachdenklich), morgen früh! (In einem andern Ton, rasch) Jetzt schau' lieber, daß endlich der Kaffee kommt!

Frau Pollinger (steckt den Kopf zur mittleren Tür herein): Kann ich den Kaffee schon bringen, gnädiger Herr?

Heink (rasch, erfreut): Aber natür– (bricht mitten im Wort ab und geht wieder zur Tür links), wart' einen Moment! (Klopft an die Tür links.)

Delfine (links draußen, unsichtbar; erschreckt aufkreischend): Nicht herein!

Heink: Der Kaffee wär' da.

Delfine: Nein, noch nicht!

Heink: Dauert's noch lange?

Delfine: Eine Sekunde!

Heink: O weh! (Winkt mit der Hand der Frau Pollinger zu, noch zu warten.)

Frau Pollinger (ab).

Delfine (links draußen, klagend): Ich komme mit den Haaren nicht zurecht.

Heink (gewohnheitsmäßig galant, aber ohne besondere Lust): Soll ich helfen? (Er lehnt sich an den Türpfosten und steckt die Hände in die Hosentaschen.)

Delfine (erschreckt): Nein! Nicht herein! Nicht!

Heink (alles ganz gewohnheitsmäßig, fast mechanisch, mit einem gelangweilten Gesicht und einer eingelernten Zärtlichkeit im Ton): Ich möchte so gern helfen! Und du wirst staunen, wie geschickt ich bin! Darf ich?

Delfine (entsetzt, beschwörend): Nein! Um Gottes willen, Gustav!

Heink (immer in einem heißen Ton und mit einem gelangweilten Gesicht): Nur ein bißchen! Bitte, bitte! Ich mache ja die Augen zu!

Delfine (kreischend): Nein! Nein!

Heink (alles in dem falschen Ton sinnlicher Erregung): Aber doch ein ganz kleines bißchen nur! (Er drückt die Klinke auf, steht aber dabei so, daß man ihm ansieht, wie er gar nicht daran denkt, wirklich einzutreten.) 82

Delfine (kreischt draußen auf, schlägt die Tür zu und stemmt sich gegen sie): Um Gottes willen, Gustav, keine Gewalt, oder, ich schwöre dir, ich springe durchs Fenster!

Heink (gibt gleich nach, macht gar keinen Versuch mehr einzudringen und hält die Hand fest auf der Klinke; erregt flüsternd): O wie grausam! Tantalus, Tantalus! Du forderst das Unmögliche von mir!

Delfine (drohend): Ich springe durchs Fenster!

Heink (bittend): Nein, nein! Ich gehorche ja schon. Ich will trachten, mein pochendes Blut zu bändigen. (Läßt die Klinke los.)

Delfine (in einem andern Ton): Höre, Gustav!

Heink: Ja?

Delfine: Habt ihr denn keinen großen Stehspiegel im Haus?

Heink: Nein, ich hab' wirklich vergessen.

Delfine: Es macht ja nichts, es geht auch so, in fünf Minuten bin ich bei dir.

Heink (von der Tür weggehend, resigniert): Jetzt sind's nur noch fünf Minuten! (Zu Pollinger) Den Stehspiegel vergessen wir auch immer wieder. Schreibe mir doch einmal und erinnere mich daran! (In einem andern Ton, strenge) Und endlich könntest du doch schon einmal lernen, rechtzeitig aus dem Zimmer zu gehen! Ich brauche keinen Zeugen meiner Leidenschaft. (Da Pollinger abgehen will, ihm nachrufend, ungeduldig, ärgerlich) Und die Mirl soll den Kaffee nur schon bringen! Fünf Minuten! Wer kann das berechnen! (Legt sich auf das Sofa und streckt sich behaglich aus.)

Pollinger (durch die mittlere Tür ab, die er offen läßt; rufend): Mirl, den Kaffee! Hörst nicht, Mirl?

Frau Pollinger (draußen rufend): Ich komm' schon!

Heink (sich behaglich dehnend, ein bißchen müde, mit einem Blick auf die Blumen im Fenster): Ach ja! Schön ist's hier! Wir sind Narren.

Frau Pollinger (durch die mittlere Tür, auf einem Brett den Kaffee bringend): Soll ich einschenken? 83

Pollinger (ein Brett mit Gläsern, Wasser und Kognak bringend).

Heink: Ja, schenk' mir ein! Und bring's her! Da sieht man so schön auf die Bäume hinaus!

Pollinger (stellt einen Stuhl zum Sofa).

Frau Pollinger (hat eingeschenkt und stellt die Schale auf den Stuhl).

Heink: Ihr wißt's ja gar nicht, Kinder, wie gut ihr's hier habt! Und der Frühling schaut herein, der Frühling ist wieder da! Das ist es, der Frühling verlockt einen halt immer wieder!

Pollinger: Nicht wahr, gnädiger Herr? Das sag' ich ja auch! Wann halt die schöne Zeit wieder kommt, da kann der Mensch nicht anders, da reißt's ihn!

Frau Pollinger (steht am Sofa, wartend, bis Heink den Kaffee kosten wird; zu Pollinger, trocken): Ja, dich reißt's ins Wirtshaus.

Pollinger (philosophisch): Den einen halt so, den anderen so.

Frau Pollinger (mahnend): Daß der Kaffee nöt kalt wird, gnädiger Herr! (Mit einem plumpen Spaß) Der gnädige Herr braucht's doch nicht, da genügt die Schönheit schon.

Heink (hat den Kaffee gekostet, blickt schnuppernd auf und nickt Frau Pollinger bedeutsam zu): Mmm!

Frau Pollinger (stolz, vergnügt, breit): Nicht wahr?

Heink (trinkt wieder; dann, behaglich): So müßte man einmal ein paar Tage –

Pollinger (erfreut, herzlich): Aber bleibens doch, gnädiger Herr!

Frau Pollinger (herzlich): Bleibens doch wirklich einmal auf länger! Jetzt kommt gerade die schönste Zeit.

Heink: Ja, Kinder! Nicht jetzt, jetzt kann ich nicht, aber nächstens, nächstens komm' ich wirklich einmal auf länger! (Mit einem plötzlichen Einfall, der ihn sehr froh macht) Und da, Kinder, da komm' ich einmal allein! 84

Frau Pollinger (rasch): Das wär' schön.

Heink (sich dehnend; sehnsüchtig): Einmal ein paar Tage bei euch heroben, so ganz allein, und höchstens ein bißchen im Wald spazieren, meistens aber lieber hier auf dem schönen Sofa liegen und einmal gar nichts zu denken haben und einmal allein sein! (Seufzend) Ach ja!

Delfine (durch die Tür links; in einem Negligé; lächelnd): Da bin ich schon.

Heink (noch ganz in seinen Gedanken; nebenhin fragend): Wie? (Bemerkt Delfine jetzt erst und besinnt sich; rasch) Ach so! Ja! (Springt auf, was ihm nicht ganz leicht wird, und nimmt wieder seinen jugendlichen Ton an; mit einem Blick auf ihr Negligé, bewundernd, indem er vorkommt) Oh, oh! Welch ein Gedicht!

Pollinger (beim Erscheinen Delfinens gleich durch die mittlere Tür ab.)

Frau Pollinger (trägt noch die Schale Heinks vom Stuhl auf den Tisch; dann durch die mittlere Tür ab).

Heink (mit der einen Hand auf das Negligé, mit der andern auf die Blumen im Fenster zeigend): Frühling hier und Frühling dort, wer müßte da nicht selig sein!

Delfine (mit einem geringschätzigen Blick auf ihr Negligé): Ach das armselige Fähnchen! (Setzt sich an den Tisch.) Hat's lang gedauert?

Heink (schenkt ihr ein): Entsetzlich lang!

Delfine: Ich war doch so schnell!

Heink: Du warst himmlisch schnell!

Delfine: Also!

Heink (indem er sich auf den Stuhl hinterm Tische setzt): Aber meiner ungeduldigen Sehnsucht war's doch eine Ewigkeit! (Gekränkt tuend) Begreifst du das nicht?

Delfine (schmachtend, leise): Glaubst du denn, mir nicht auch?

Heink (greift mit gemachter Leidenschaft nach ihrer Hand, im Ton sinnlicher Aufwallung): Ach du, du!

Delfine (entzieht ihm rasch ihre Hand, duckt sich zusammen und sagt dann, mit beiden Händen leicht abwehrend, lächelnd, kokett): Erst den Kaffee! 85

Heink (mit einer ungeduldigen Bewegung): Ach! Ich hab's aber immer gedacht!

Delfine: Was?

Heink: Du bist eine durch und durch kalte Natur.

Delfine (ihre Hand ans Herz legend; schmerzlich vorwurfsvoll): Ich? O Gustav!

Heink (immer noch gekränkt): Man sieht es doch! Und erinnere dich: vorhin im Automobil!

Delfine (empört, mit Abscheu): Im Automobil! Pfui!

Heink: Danach fragt die wahre Leidenschaft nicht.

Delfine (in einem bittenden Ton, leise): Du mußt doch auch denken, Gustav: es ist das erstemal!

Heink (Kaffee trinkend; gleichgültig fragend): Wirklich?

Delfine (tief gekränkt): Gustav! (Fängt ein bißchen zu weinen an.) Nein, Gustav, wenn du denken könntest –!

Heink (um sie zu beruhigen, leichthin): Nein, nein, gewiß nicht!

Delfine (hat gleich aufgehört zu weinen; feierlich beteuernd): Du bist doch wahrhaftig der einzige Mann auf der ganzen Welt –!

Heink (leichthin zustimmend, als ob das selbstverständlich wäre): Ja, natürlich.

Delfine (feierlich): Das kann ich dir schwören.

Heink: Das weiß ich doch, Kind! Glaubst du denn, wenn ich nicht das Gefühl hätte –

Delfine: Nicht wahr, das Gefühl hast du?

Heink: Denn glaube mir, nichts ist mir stets verächtlicher gewesen, als wenn es nicht der Ruf des Herzens ist, der zwei Menschen unwiderstehlich zusammen zwingt! Der Ruf des Herzens muß das heiligen und – (bricht ab, da es ihn langweilt; wieder Kaffee trinkend, aus dem Ton fallend, leichthin) und so weiter, du verstehst mich doch?

Delfine (gerührt): Ich verstehe dich. (Mit einem Augenaufschlag) Und wenn du es so fühlst, Gustav – 86

Heink (leichthin bestätigend): So. Natürlich! Ich bin nur nicht der Mensch, große Worte zu machen.

Delfine (glücklich lächelnd): Ich habe dich schon immer verstanden, ohne ein Wort.

Heink (Kaffee trinkend): So muß es sein. (Es wird heftig an die mittlere Tür geklopft.)

Delfine (schreit erschreckt kurz auf und erhebt sich halb).

Heink (erschrocken, ärgerlich, schreiend): Was ist denn? Herein! (Drückt sie wieder in den Stuhl; lächelnd) Keine Furcht, Kind! Hier kommt niemand herauf, der dich kennt.

Pollinger (durch die mittlere Tür, einen großen Gugelhupf bringend; absichtlich von den beiden wegsehend, um nur ja nicht etwas zu bemerken.) Den Gugelhupf haben wir vergessen.

(Stellt ihn auf den Tisch; dann gleich wieder ab, durch die mittlere Tür.)

Heink (hocherfreut, sehr lebhaft): O ja! Gib her! Mir hat doch die ganze Zeit etwas gefehlt! (Schneidet den Gugelhupf und legt Delfinen vor; lustig) Ist es nicht wirklich sehr nett hier? Sag! Oder reut's dich am End?

Delfine (lächelnd): Ich hoffe, daß es mich nicht reuen wird.

Heink (sehr guter Laune): Und wenn ich denk', daß ich eigentlich jetzt dort unten sitzen sollt', Klavierpauken, mit diesen entsetzlichen Weibern, (schüttelt sich vor Grauen) brr!

Delfine (leise zweifelnd, mißtrauisch): Sind sie dir gar so entsetzlich?

Heink: Unerhört!

Delfine: Dann verstellst du dich aber gut. Denn, Gustav, du bist doch mit allen furchtbar kokett.

Heink (überrascht): Ich?

Delfine: Jede glaubt, du bist in sie verliebt.

Heink: Gott, das gehört doch dazu. Bei der Konkurrenz heute! Der Beruf, Kind! Die Pflicht! 87

Delfine (kokett): Wenn du nur nicht mich vielleicht auch bloß aus Pflicht –?

Heink (lustig): Nein, Kind, so weit geht nun wieder mein Pflichteifer nicht! Das mit dir, das sind sozusagen Extrastunden.

Delfine (kokett schmerzlich): Wieviel Extrastunden magst du schon gegeben haben, Gustav?

Heink: Ach Gott, die Leute übertreiben auch fürchterlich. Wie im Steueramt, wo man auch, wenn man nicht gerade ein Bettler ist, gleich zum Millionär gemacht wird!

Delfine: Du bist aber kein Bettler, jedenfalls.

Heink: Nun nein! (Gereizt ärgerlich) Nun fang mir aber nur nicht damit an! Immer die alte Geschichte, da sind doch alle Frauen gleich! (Ruhiger; ins Lustige hinüber) Was hätt' ich denn tun sollen? Wir kennen uns doch seit sechs Wochen erst! Ich habe nicht wissen können, daß eines Tages Frau Delfine Jura plötzlich auftauchen wird! Wärst du vor zwanzig Jahren gekommen!

Delfine: Da war ich doch noch gar nicht auf der Welt!

Heink: No siehst du! Das ist aber dann dein Fehler! Da hab' ich mich eben mittlerweile anderwärts nützlich zu machen gesucht!

Delfine (kokett): Wenn ich aber vor zwanzig Jahren gekommen wäre?

Heink: Dann wär' sicher aus mir der treueste Mann geworden, den es noch je gegeben hat. Das fühle ich. Aber so ist der Posten noch unbesetzt geblieben, durch deine Schuld! Bist du jetzt zufrieden?

Delfine (klagend): Ach, Gustav, du spottest mit mir!

Heink: Keineswegs!

Delfine: Kannst du dir denn nicht denken, wie schrecklich es mir ist – (durch das Zimmer sehend) immer fällt mir ein: mit wie vielen Frauen warst du wohl schon hier?

Heink: Ich kann ja schließlich nicht eine ganze Kollektion von Hütten haben! 88

Delfine: Und bei jedem deiner Worte fällt mir ein: wie vielen Frauen hast du wohl schon dasselbe gesagt?

Heink: Ach, Kind, du hältst mich für furchtbar unoriginell! (In einem andern Ton, ihre Hand nehmend, indem er sich wieder bemüht, zärtlich zu sein) Delfinchen! Guck mich doch einmal an! Fest ins Gesicht! (Hebt ihren Kopf am Kinn empor.) Bist du denn so dumm? Hörst du mir's denn nicht an, daß das noch niemals ausgesprochene Worte sind, die mir jetzt mein Herz diktiert, nur an dich allein?

Delfine (selig, mit geschlossenen Augen): Ja, Gustav? Ja?

Heink (zieht sie an sich, ihren Kopf in seinen Händen): Dummes, liebes Kind, geliebtes Kind! (Küßt sie.)

Delfine (ohne sich zu wehren): Nicht, Gustav! Ich flehe dich an!

Heink (läßt sie gleich wieder los und tritt von ihr weg): Verzeih mir, es hat mich übermannt! (Legt die Hand auf seine Augen und steht einen Moment, wie nach Luft ringend; dann, die Hand von den Augen ziehend, lächelnd, indem er sich wieder setzt) Ich bin schon wieder ganz brav.

Delfine (ist noch einen Moment erwartungsvoll in ihrer hingebenden Stellung geblieben, dann richtet sie sich mit einiger Verlegenheit langsam wieder auf und sagt leise): Ich bin dir so dankbar, daß du so feinfühlig bist! Du fühlst, wie furchtbar das ja für eine anständige Frau ist! (Springt plötzlich auf und schüttelt sich; aufgeregt, mit heißer Stimme, rasch) Aber jetzt komm, komm! Ich bitt dich, komm!

Heink (langsam aufstehend, erschreckt): Wohin?

Delfine: Ich halt' es nicht mehr aus, Gustav!

Heink: Aber Kind!

Delfine: Ich will hinaus, fort, in den Wald, sei lieb, komm mit mir! Ich halte es hier nicht mehr aus!

Heink (erleichtert, beruhigt): Ach so!

Delfine (vor Aufregung fast schwebend): Draußen ist's so wunderschön und alles blüht und die Vögel 89 singen, ich kann nicht hier im Zimmer sitzen, ich habe solche Lust durch den Wald zu rennen, und nur zu rennen, immer tiefer in den Wald, stundenlang, bis die Nacht da sein wird, komm doch, Gustav, komm mit mir, es ist ja so wunderschön, so mit dir im hellen Frühling in den tiefen Wald hinein! Komm, Gustav, komm! (Faßt ihn an den Händen und will ihn fortziehen.)

Heink (der keine besondere Lust zu haben scheint; zögernd): Ich weiß nicht recht, ob das rätlich ist, glaubst du? Machst du dich nicht zu müd? Du bist es nicht gewohnt!

Delfine (sich schüttelnd, lachend): Müd! Was fällt dir ein? Ich hätte Lust bis ans Ende der Welt zu rennen! Komm nur schon, komm doch! – Ganz hoch steigen wir irgendwo hinauf und setzen uns, wo man ganz weit ins Land hineinsieht, und gehen erst zurück, wenn schon die Nacht herabgesunken ist, und ganz finster wird's sein und ich werd' mich so herrlich schön fürchten, und dann nimmst du mich in deinen starken Arm und trägst mich fort, wohin du willst, und ich weiß nichts mehr und bin ganz dein, und fühle nichts mehr als nur dich allein! (Sinkt an seine Brust.)

Heink (dem ihr Sturm unbequem wird): Kind, Kind, erwache! Was hast du nur? Was ist nur?

Delfine (lehnt an seiner Brust, mit geschlossenen Augen, lächelnd, leise): Lieb hab' ich dich, schön ist es!

Heink (besorgt): Und du müßtest dich doch auch wenigstens erst umziehen! Wie die Sonne weg ist, wird's hier oben bitter kalt, man holt sich zu leicht einen Schnupfen! Ich weiß wirklich nicht, ob es nicht gescheiter wär' –

Delfine (macht sich los von ihm und stampft trotzig mit dem Fuß): Nein, nein, nein! Wenn ich nun einmal will? (Lustig) Und ich will nun einmal, ich will, und wenn ich was will, muß es sein! (Nimmt ihn wieder an der Hand, um ihn fortzuziehen.) Also komm lieber gleich, es hilft dir doch nichts, komm doch schon, komm, Gott so ein Mann! (Will ihn zur mittleren Tür ziehen. Es 90 klopft heftig an der Tür. Sie läßt Heink erschrocken los und prallt zurück, unwillkürlich gleich in der Richtung zur Tür links hin.) Um Gottes willen!

Heink (gleichfalls durch das heftige Klopfen erschreckt; wütend, zur mittleren Tür hin schreiend): Was ist denn schon wieder? (Zu Delfine, ärgerlich) Sei doch nicht kindisch! Wer soll uns hier oben –? (Wieder zur mittleren Tür) Also was gibt's?

Pollinger (an der mittleren Tür; er streckt nur den Kopf herein): Gnädiger Herr!

Heink (ungeduldig): Nun?

Pollinger: Gnädiger Herr, ein Herr!

Delfine (drückt sich gleich in die Tür links).

Heink (der es noch gar nicht glauben kann): Wie denn? Wer denn? Hier doch nicht!?

Pollinger: Ein Herr aus der Stadt.

Jura (draußen, noch unsichtbar, rufend): Mein Name ist Doktor Jura.

Delfine (schreit kurz auf und flüchtet ins andere Zimmer; durch die Tür links ab).

Heink (stellt sich unwillkürlich so, daß er immer mit dem Rücken die Tür links deckt; heftig, laut): Ja, sag dem Herrn –

Jura (schiebt den Pollinger weg und tritt ein; mit einem sehr vergnügten Gesicht): Was denn? Es ist doch einfacher, Sie sagen's mir selbst! (Zu Pollinger) Gehen Sie nur, guter Mann! Sie können gehen.

Heink (winkt Pollinger zornig fortzugehen).

Pollinger (ab und schließt die mittlere Tür).

Jura (über das Zimmer hinsehend): Aber wirklich reizend haben Sie's hier!

Heink (hat sich gefaßt und nimmt ein sehr hochmütiges, herablassendes Wesen an; zögernd, gleichsam suchend, als ob er sich nicht recht erinnern könnte): Herr Doktor Jura, Jura?

Jura (Heink ruhig ansehend): Ja, ja. Der Mann von der Frau. – Aber wo ist denn meine Frau?

Heink (gelassen, verwundert): Ihre Frau? Ist Ihre 91 Frau denn mit Ihnen gekommen? (Mit einer Bewegung, als ob er zur mittleren Tür wollte) Dann müßte sie noch draußen sein!

Jura (lacht; breit): Nein, nein! Sie ist schon etwas länger da. (Zeigt auf die Tür links; neugierig) Ist sie da? (Herzlich) Martern wir sie doch nicht! Das muß ihr ja höchst ungemütlich sein, da drinnen! (Will zur Tür links.)

Heink (vertritt ihm den Weg; er will jetzt einen Streit provozieren; in einem hochfahrenden, beleidigenden Ton): Ich muß Ihr Benehmen zum mindesten seltsam finden, lieber Doktor! Höchst seltsam, wahrhaftig! Wir kennen uns kaum und ich weiß wirklich nicht –

Jura (immer sehr vergnügt; nickend): Ja wir kennen uns kaum, aber, (lachend) aber das hat Sie ja auch nicht geniert, mir meine Frau wegzunehmen –

Heink (aufbrausend): Herr!

Jura (gelassen seinen Satz vollendend): Womit doch immerhin eine gewisse Beziehung zwischen uns hergestellt ist. Nicht?

Heink (in einem absichtlich verletzenden Ton, heftig): Herr, ich weiß wirklich nicht, was Sie wollen!

Jura (freundlich): Das will ich Ihnen ja grad sagen! (Bittend) Aber rufen Sie doch meine Frau! Was heißt denn das? Wozu soll ich denn dieselbe Geschichte erst Ihnen und dann noch einmal ihr erzählen, das ist doch zu langweilig! Der Mensch hat wirklich gescheitere Dinge zu tun.

Heink (sehr gemessen, kurz): Ich wiederhole Ihnen, daß ich durchaus nicht verstehe, was Sie eigentlich meinen, es muß irgendein mir unbegreifliches Mißverständnis sein und ich könnte ja einfach (er macht eine Bewegung, als ob er ihm die Tür weisen wollte), aber ich bin für alle Fälle, wenn Sie das beruhigt, gern bereit, Ihnen –

Jura (abwinkend): Ehrenwort, weiß ich, weiß ich, natürlich! Aber halten wir uns doch mit den Formalitäten nicht auf! Warum wollen Sie nicht lieber gleich meine Frau rufen? 92

Heink (brüllend): Wenn Sie schon hören, daß ich –

Jura (hält sich beide Ohren zu): Ich höre.

Heink (brüllend): Ich habe nicht die geringste Lust, mich noch länger von Ihnen narren zu lassen!

Jura: Aber warum regen Sie sich denn auf? Ich habe Ihnen ja gar nichts getan, sondern eher Sie mir.

Heink: Und Sie werden mich nur zwingen, Sie kurzerhand hinauszuweisen!

Jura: Glauben Sie? (Sieht ihn von der Seite prüfend an.) Ich glaube gar nicht, daß Sie stärker sind. Ich schau nur so aus. (Streift seinen Ärmel hinauf und fühlt seinen Muskel ab.)

Heink (kurz, voll Verachtung): Es ist einfach läppisch, wie Sie sich betragen!

Jura (mit lustigen Augen): Aha! Jetzt möchten Sie mich gern beleidigen? (Lacht ihn vergnügt an.)

Heink (sehr froh, das Gespräch endlich so weit zu haben; provozierend, höhnisch, achselzuckend): Wenn es Sie beleidigt, bitte, bitte nur, bitte –

Jura (seinen Ton übernehmend, seinen Satz vollendend, rasch): Sie stehen zu meiner Verfügung!

Heink (wiederholend, herausfordernd): Ich stehe zu Ihrer Verfügung!

Jura (lachend, breit): Aber ich nicht! Nein, es gelingt Ihnen nicht. Sie können mich nicht beleidigen.

Heink (dieses Wort aufgreifend, um darüber beleidigt zu sein; schreiend): Ich kann Sie nicht beleidigen? Was heißt das, ich kann Sie nicht beleidigen? Sie werden unverschämt!

Jura (der ihm erklären will, daß er ihn mißverstanden hat): Aber –

Heink (immer heftiger und immer lauter): Was heißt das? Ich muß um Aufklärung bitten, was das heißt! Warum kann ich Sie nicht beleidigen? Was können Sie gegen mich vorbringen? Warum?

Jura (erklärend): Ich meine ja nur: ich lasse mich nicht beleidigen, überhaupt nicht!

Heink (immer lauter): Nun, wenn Sie sich nicht 93 beleidigen lassen, so wehren Sie sich doch! (Brüllend) Denn ich beleidige Sie ja!

Jura (der unwillkürlich auch immer lauter wird; sehr rasch): Aber nein, Sie beleidigen mich nicht!

Heink (sehr rasch): Ich beleidige Sie ja schon in einem fort!

Jura (sehr rasch): Nein, Sie beleidigen mich gar nicht!

Heink (außer sich, sehr rasch): Ja, was wollen Sie denn noch? Soll ich Sie prügeln?

Jura (sehr rasch): Nein! – (Sieht ihn verwundert fragend an; dann, naiv) Warum denn?

Heink (brüllend): Sie müssen doch irgend einen Ehrbegriff im Leibe haben!

Jura (sehr bestimmt, aber sehr ruhig): Nein! Gewiß nicht! Und wär' denn das aber ein Grund, mich zu prügeln?

Heink (brüllend): Also was wollen Sie denn von mir?

Jura (sehr ruhig): Ja, Sie lassen mich ja nicht reden.

Heink (brüllend): So reden Sie doch endlich!

Jura (ruhig, bittend): Aber holen Sie doch zuerst meine Frau!

Heink (brüllend): Ich habe Ihnen schon gesagt –

Jura (ruhig, bittend): Also wollen Sie denn wirklich meine Frau nicht holen?

Heink (beherrscht sich; ruhig, scharf, bestimmt): Ich habe Ihnen gesagt, daß Ihre Frau nicht hier ist. Ich weiß überhaupt gar nicht, wie Sie auf die Idee kommen können. Ich wiederhole Ihnen nochmals, daß das ein mir ganz unbegreifliches Mißverständnis sein muß. Und ich gebe Ihnen nochmals mein Ehrenwort –

Jura: No also! Sehn Sie, daß sie hier ist!

Heink (brüllend): Wenn ich Ihnen schon mein Ehrenwort gebe –

Jura (rasch, lebhaft): Man gibt doch das Ehrenwort nur, wenn es nötig ist! Sonst hätt' das doch gar keinen Zweck!

Heink (abwehrend; eifrig): Wenn Sie meinem Ehrenwort nicht glauben – 94

Jura (lebhaft versichernd): Aber ja! Ich habe darauf gerechnet.

Heink (seinen Satz abschließend): Dann haben wir beide uns kein Wort mehr zu sagen. (Kehrt ihm den Rücken und geht vor dem Tisch durchs Zimmer auf und ab.)

Jura (sieht ihm nach und tritt dann hinter dem Tisch in die Mitte; resigniert): Also gut! Wenn Sie wollen! Also dann ist meine Frau nicht da.

Heink (auf und ab gehend; kurz): Nein.

Jura: Ich muß gestehen, daß mich das in eine nicht geringe Verlegenheit setzt. Es tut mir leid.

Heink (auf und ab gehend, ungeduldig, gereizt): Ja, wünschen Sie, Ihre Frau hier zu finden?

Jura: Ja. Denn wir würden uns dann viel leichter reden. Und das menschliche Leben ist ja so kurz!

Heink (auf und ab gehend; ungeduldig): Ich wüßte nicht, worüber wir noch zu reden hätten.

Jura (vergnügt): O sehr viel! Jetzt fängt's erst an. Sie werden sich noch wundern. (Indem er zur mittleren Tür geht) Nur Geduld! (Er öffnet die mittlere Tür und spricht hinaus) Bitte, liebe Marie, komm doch einmal herein!

Marie (noch draußen, unsichtbar): Ja, Franz! (Sie tritt ein, touristisch gekleidet; Heink freundlich zunickend) Guten Abend, Gustl!

Heink (vor dem Tische stehenbleibend; verblüfft): Marie! Ja, was –?

Jura: Bitte, Marie, nimm nur Platz! (Bietet ihr einen Stuhl links vom Tische an.)

Delfine (aus der Tür links; wütend, auf Jura losstürzend): Wie kommst denn du dazu, zu dieser Frau du zu sagen?

Heink (zornig mit dem Fuß stampfend; zu Delfine): Was fällt dir ein, wie kannst du denn –?

Delfine (fast weinend vor Zorn; zu Heink): Laß mich! Ich werde doch nicht ruhig zuhören, wie mein Mann mit einer fremden Frau – 95

Marie (hat sich gesetzt und sieht Delfine mit einem stillvergnügten Lächeln an).

Jura (immer sehr ruhig und gegen alle sehr freundlich): Gleich, Delfindl! Du sollst gleich alles erfahren. Aber setz dich! (Zu Heink) Entschuldigen Sie, wenn ich aus alter Gewohnheit noch fortfahre, meine erste Frau zu duzen!

Delfine (mit einem kurzen Aufschrei): Franz!

Jura: Gleich, Delfindl! Nur alles schön der Reihe nach. Aber setz dich! (Da Delfine sich auf den Stuhl neben Marie setzen will, indem er auf den Stuhl Marie gegenüber, rechts vom Tische, zeigt) Nein, setz dich, bitte, lieber da! (Mit einem Blick auf die beiden Frauen.) Man kann nie wissen, und ein großer Tisch dazwischen ist jedenfalls besser. (Z« Heink) Und wollen Sie sich nicht auch setzen, Herr Professor?

Heink (kurz ablehnend; ironisch): Sie sind zu liebenswürdig. (Tritt hinter Delfines Stuhl, steht mit verschränkten Armen und sieht nur immer Marie an; kurz, zu Jura) Wollen Sie uns nun endlich sagen, was das alles eigentlich soll?

Jura: Gleich, Herr Professor! (Setzt sich auf den Stuhl hinter dem Tisch.) Es wird gar nicht lange dauern. Wir wollen ja nämlich hier nur Ordnung machen.

Heink (plötzlich zornig): Marie, daß du –!

Marie: Bitte, Gustl, hör ihn doch erst an! Er hat recht.

Jura: Das ist es ja, der Herr Professor will mich nicht anhören. Es könnte schon alles längst erledigt sein.

Heink (erbittert, drängend): Also!?

Jura: Darf ich mir zunächst einige Fragen erlauben? Und zwar vor allem an dich, Delfindl! Also sage mir –

Delfine (mit gepreßter Stimme): Was?

Jura: Sage mir: liebst du den Herrn Professor?

Delfine (zuckt zusammen und senkt den Kopf).

Heink (gereizt): Wie kommen Sie dazu –?

Jura: Man darf doch fragen? Sie kann es ja sagen. Es ist doch keine Schande. 96

Marie (in einem sanften Ton): Wir wollen ja zunächst nur einmal hören.

Heink (gereizt): Was geht denn überhaupt dich die Sache an?

Marie (in einem halb entschuldigenden Ton): Nun, doch eigentlich auch ein bißchen.

Jura: Eins nach dem anderen, bitte! Also sag: Du liebst doch den Herrn Professor?

Delfine (schweigt).

Jura (nach einer kleinen Pause): Denn ich kann mir nicht denken, daß du deine Tage mit einem Mann verbringst oder in der Wohnung eines Mannes verbringst, ohne –

Heink (einfallend, indem er dagegen etwas vorbringen will): Erlauben Sie!

Jura (lebhaft beteuernd; naiv): Aber ich erlaube es ja!

Heink (heftig): Ich meine ja nur –

Jura: Aber lassen Sie sie doch antworten!

Heink (zu Delfine, herrisch, kurz): Antworte!

Jura: Nein, Sie dürfen sie nicht einschüchtern! Sie soll ganz unbefangen die Wahrheit sagen! Sei ganz ruhig! Wenn es etwa so ist, daß du den Herrn Professor am Ende gar nicht liebst, sondern dir vielleicht nur einen Spaß mit ihm gemacht hast –

Heink (wütend): Herr Doktor Jura, jetzt –

Jura (einfallend, sehr bestimmt): Herr Professor Heink, jetzt –

Marie (einfallend): Aber Kinder, jetzt – jetzt laßt doch endlich sie reden!

Jura (ruhig zustimmend): Ja.

Heink (gereizt, drängend): Nun ja!

Jura (zu Delfine, ruhig): Also denke nach und sag es uns, du brauchst dich gar nicht zu fürchten. Und ich versichere dir im voraus, es ist uns alles recht!

Delfine (auffahrend, gereizt, heftig): So? Dir ist es recht?

Jura (verwundert): Ja, warum soll es mir denn nicht recht sein? 97

Delfine (zornig): Dir ist es recht, wenn ich einen anderen liebe? Das muß man ja nur wissen! O wenn es dir recht ist!

Jura: Aber, Kind, ob es mir nun recht ist oder nicht, was soll ich denn dagegen tun? Ich kann das doch geradeso wenig ändern wie du, wenn du ihn liebst!

Delfine (trotzig, herausfordernd): Und ich liebe ihn eben, ich liebe ihn!

Heink (bekräftigend): Sie liebt mich. Natürlich!

Jura (zu Heink, um diesem zu sagen, daß er es gar nicht nötig habe, sich aufzuregen): Ich habe gar nicht daran gezweifelt. (Dann, aufstehend; Heink anblickend) Und Sie, Herr Professor?

Heink: Ich? Ich habe auch nicht daran gezweifelt.

Jura: Nein, das weiß ich schon, aber ob auch Sie sie lieben?

Heink (heftig): Das geht auf der ganzen Welt keinen einzigen Menschen was an!

Jura (ruhig, aber bestimmt): Entschuldigen Sie, das geht uns alle drei sehr viel an.

Heink (wütend): Ich kann lieben, wen ich will. Niemand auf der Welt hat die Macht oder ein Recht, mir das zu verwehren.

Jura: Das können Sie! Und mir gefällt das sogar sehr gut von Ihnen, daß Sie –

Heink (immer gereizter): Ob ich Ihnen gefalle, Herr Doktor, oder nicht –

Jura (einfallend): Es gefällt mir sehr, daß Sie –

Heink (brüllend): Ich will Ihnen gar nicht gefallen!

Jura (auch schreiend): Aber Sie gefallen mir halt! Das können Sie mir nicht verbieten.

Marie (vermittelnd): Darauf kommt's auch eigentlich gar nicht so sehr an.

Jura (schon wieder besänftigt): Nein. Du hast recht. Und ich meinte doch auch nur, daß, wenn Sie den Mut haben, unbekümmert Ihrer Empfindung zu folgen – ja warum wollen Sie denn dann nicht auch den Mut haben und sich auch unbekümmert dazu bekennen? 98

Heink (gereizt): Mut, Mut! Was dazu viel Mut gehört! Zweifeln Sie an meinem Mut?

Jura: Aber nein! Und es wär' auch wirklich gar nicht schön von Ihnen, jetzt auf einmal meine Frau im Stich zu lassen. Also sagen Sie doch schon, daß Sie sie lieben!

Delfine (sieht Heink angstvoll an; leise): Gustav!

Marie (ruhig): Gustav, auf mich brauchst du wirklich keine Rücksicht zu nehmen. Das ist sehr lieb von dir, aber ganz unnötig, ich versichere dich. Und du bist doch sonst nicht so.

Heink. (immer gereizter): Was habt ihr denn alle? Ihr drängt mich ja geradezu dazu!

Jura (gemütlich): So sagen Sie's doch schon! Warum wollen Sie's denn noch leugnen?

Heink (wütend): Ich leugne doch nichts! (Brüllend) No natürlich lieb' ich sie!

Jura (erleichtert): No also!

Marie (erleichtert): No also!

Jura: Und nun sagen Sie mir nur noch, dann sind wir gleich fertig, ich möchte jetzt nur noch wissen, wie lange Sie glauben, ungefähr, daß das dauern wird?

Heink (schreiend): Herr, sind Sie toll?

Jura (unerschütterlich ruhig; zu Delfine): Von dir darf ich ja wohl ohne weiteres annehmen, daß es für die Ewigkeit ist?

Delfine (erbittert, trotzig): Ja, das kannst du.

Jura: Und Sie, Herr Professor?

Heink (erbittert): Haben Sie vielleicht auch einen Notar mit, um eine Urkunde darüber aufzusetzen?

Jura: Herr Professor, Ihr Wort genügt uns.

Heink: Ich bin nicht gewohnt, meine Gefühle mit der Elle zu messen.

Jura: Sie müssen sich aber doch eine gewisse Meinung darüber gebildet haben?

Heink: Nein.

Jura: Sie lieben meine Frau. Aber vor ihr haben Sie doch schon andere geliebt?

Heink (brüllend): Ja. 99

Jura: Da müßten Sie danach doch ungefähr berechnen können, wie lang das bei Ihnen zu dauern pflegt.

Heink (brüllend): Nein.

Jura: Das wundert mich. Mit Ihren Erfahrungen würde ich das berechnen können.

Heink (kurz): Ich nicht. Ich liebe Delfine heute. Ob ich sie morgen noch liebe, weiß ich nicht.

Jura: Das wird ihr aber halt nicht genügen.

Delfine (trotzig, stolz): Mir genügt es. Denn ich weiß es.

Jura (warnend, langsam, ihr mit dem Zeigefinger drohend): No, Delfindl, überleg dir das gut!

Delfine (verbissen): Ich liebe ihn und werde ihn immer lieben und nach allem anderen frage ich nicht! (Ausbrechend, höhnisch) Du liebst ja auch Frau Marie! Also wirst du das ja kennen, wie es ist!

Jura: Nur Ruhe! Das kommt erst. Immer schön eins nach dem anderen! (Sich die Hände reibend) Also Punkt eins wäre abgemacht. Sie lieben meine Frau und meine Frau liebt Sie. Und nun sehen Sie, wie gut das zusammen geht! Denn denken Sie: ich liebe Ihre Frau und Ihre Frau liebt mich! (Schiebt die Arme, übereinandergelegt, auf den Tisch und lehnt sich vor.) Was wir vier eigentlich für ein Glück haben! Und da können wir ja jetzt gleich am selben Tage Hochzeit machen. (Blickt vergnügt lachend um den Tisch herum.)

Heink (plötzlich sehr ruhig, da der Verdacht in ihm beginnt, alles sei nur ein zwischen den beiden abgekartetes Spiel): Sie haben Humor. Denn im Ernst können Sie doch wohl nicht glauben, daß eine Sache von solcher Wichtigkeit –

Jura (dazwischen sprechend): Wichtig ist bloß das Gefühl, das der Mensch hat.

Heink (rasch, ungeduldig): Aber überlegt will es doch wenigstens sein!

Jura: Überlegen hätten Sie sich's eigentlich vorher müssen, (mit dem Finger auf Delfine zeigend) vorher! Übrigens, wie Sie wollen! Ich bin gern bereit, die Sache 100 nochmals mit Ihnen auf das gründlichste durchzunehmen, morgen oder wann immer, ich habe Zeit und kann hier bleiben, so lange es Ihnen angenehm ist, bitte nur ganz über mich zu verfügen! In der Hauptsache sind wir ja einig! Und da bin ich doch sehr froh! (Mit einem Einfall, wie sich plötzlich erinnernd, indem er aufsteht und auf Marie zugeht) Ja und, und nun erst halte ich mich auch für berechtigt, liebe Marie, dir den ersten Kuß zu geben! Das ist doch viel schöner, wenn man es mit gutem Gewissen verrichten kann.

(Er nimmt mit beiden Händen ihren Kopf und küßt ihren Mund)

Delfine (fährt, wie Jura Marie küßt, von ihrem Stuhl auf und wendet sich so heftig ab, daß sie an den hinter ihr stehenden Heink prallt).

Heink (prallt zurück; erschreckt): Was hast du denn?

Delfine (heftig, fast weinend vor Wut, leise): Warum küßt denn du mich nicht? (Will an seine Brust sinken.)

Heink (abwehrend, kurz): Laß! (Indem er von ihr weg zur mittleren Tür geht; laut) Ich finde es nicht sehr geschmackvoll, derlei zur Schau zu stellen.

Jura (den Kopf Maries noch in seiner Hand, sich halb zu Heink wendend): Aber sobald eine Beziehung einmal einen ehelichen Anstrich hat, gehört das doch eigentlich dazu, meinen Sie nicht?

Heink (gleichgültig): Bitte, bitte! (Ruft an der mittleren Tür) Pollinger!

Marie: Was willst du denn?

Heink (im Zimmer auf und ab; kurz, trocken): Licht. Es wird dunkel, man sieht nicht mehr recht und wir verwechseln sonst am Ende noch unsere Frauen.

Marie: Man muß ja dem Pollinger auch sagen, daß hier noch ein Bett aufgeschlagen wird. Jemand kann auf dem Sofa schlafen.

Jura (sehr vergnügt): Ah, es sind nur diese zwei Zimmer hier?

Marie: Ja es sind nur diese zwei Zimmer hier. Sie haben bisher immer vollständig genügt. 101

Pollinger (tritt durch die mittlere Tür ein).

Heink (zu Pollinger): Die Lampe!

Pollinger (steigt auf den Stuhl hinter dem Tisch und zündet die Lampe an).

Heink (auf den Tisch zeigend): Und räum das dann ab! Und sag der Mirl, daß wir zum Essen unser vier sind! Und dann, wir brauchen auch noch irgendeine Schlafgelegenheit, ihr habt doch was?

Pollinger (hat die Lampe angezündet und räumt jetzt das Geschirr ab): Im Keller muß ein altes Feldbett sein. Gleich, gnädiger Herr!

(Mit dem Geschirr durch die mittlere Tür ab.)

Heink (sehr schlecht gelaunt, bei dem Gedanken, im Feldbett schlafen zu müssen): Wer wird denn in dem Feldbett schlafen?

Marie: Wir müssen uns doch überhaupt einteilen.

Heink (gereizt): Ich bin neugierig.

Jura: Wenn bloß zwei Zimmer sind, so kann dies ja nur entweder in der Weise geschehen, daß die Ehepaare zusammen schlafen –

Heink (ungeduldig, gereizt): Sie haben eine Neigung, über alles Witze zu machen!

Jura: Ja ist denn das ein Witz, um Gottes willen?

Heink (ungeduldig): Also weiter, weiter!

Jura (fortfahrend): Und wenn also die Ehepaare, dann wäre noch zu entscheiden, welche, nämlich, ob die früheren –

Delfine (heftig protestierend, haßerfüllt): Nein!

Jura (achselzuckend): Oder aber die jetzigen!

Heink (ungeduldig, ärgerlich): Aber nein! Das ist doch alles Unsinn.

Jura: Ja dann bliebe nichts übrig –

Marie: Das wird auch das Gescheiteste sein. Die beiden Herren schlafen zusammen, und wir beiden auch. (Steht auf und macht vor dem Tische einen Schritt gegen Delfine hin, eigentlich mehr nur eine Bewegung, ihr entgegen zu kommen; lächelnd) Wir werden uns schon vertragen. Nicht wahr, Frau Delfine? Und wir müssen 102 einander ja jetzt doch auch endlich ein bißchen kennen lernen!

Delfine (geht unwillkürlich auf Marie zu, vor dem Tisch, sehr aufgeregt und verwirrt): Ich? Wir? Natürlich, das heißt, aber – (fängt zu weinen an, schämt sich und rennt an Marie vorbei zur Tür links.) Pardon! (Durch die Tür links ab, die sie heftig zuschlägt)

Jura (ist einstweilen, hinter dem Tisch herum, nach rechts zu Heink gekommen; vergnügt): Wir haben das ja eigentlich gar nicht mehr nötig, uns noch erst kennen zu lernen. Wir sind einander doch schon recht nahe gekommen. (Lacht herzlich, reibt sich die Hände und sieht Heink vergnügt an.)

Marie (blickt Delfinen lächelnd nach, geht dann achselzuckend langsam zur Kredenz und öffnet sie, um darin nachzusehen).

Heink (Jura betrachtend; mit seinem früheren Verdacht): Sie haben Humor.

Jura (mit Beziehung): Manchmal ist das ein wahres Glück, Herr Professor!

Heink (mit Beziehung; langsam, halb fragend): Ich hoffe, daß Sie Humor haben.

Jura (versteht ihn; ausweichend, lächelnd): Nun, überschätzen dürfen Sie nun meinen Humor auch nicht! (Lacht.) Aber wir werden uns sicher mit der Zeit sehr gut verstehen. Sie gefallen mir immer besser!

Heink (halb lachend, halb ärgerlich): Lieben Sie vielleicht auch mich? Sie sind ja sehr, sehr gewandt in Ihren Empfindungen, gewandt und freigebig!

Jura (strahlend vor Vergnügen, lebhaft zustimmend): Ja! Denn eigentlich bin ich in alle Menschen verliebt. Es kommt mir nicht darauf an.

Heink (kopfschüttelnd): Sie sind ein merkwürdiger Mensch.

Jura (bescheiden ablehnend): Ich bin nur jung. Das ist es, Herr Professor!

Heink (plötzlich sehr ernst, fast etwas traurig): Ja, das mag sein. 103

Marie (in der Kredenz ein altes Schachspiel mit altertümlichen Figuren entdeckend; sehr erfreut): O da ist ja das alte Schachspiel noch, mit den lieben lustigen Figuren! Schau! (Bringt das Schachspiel auf den Tisch.)

Jura (lebhaft, neugierig): Ein Schachspiel? (Tritt schnell an den Tisch und hilft Marie, die Figuren aufzustellen.)

Heink (erfreut): Ist das noch da? Das wußt' ich gar nicht. (Geht an den Tisch.)

Jura (lachend): Die dicke Königin ist wirklich lieb.

Heink (mit Sympathie zu Jura): Spielen Sie Schach?

Jura: Leidenschaftlich!

Heink (erfreut): Oh!

Jura: Es ist doch auch eine ausgezeichnete Vorübung für das Leben, weil man lernt, daß mit dem Verstand alles geht.

Marie (hat sich auf den Stuhl links vom Tische gesetzt und will beginnen): Also gegen wen spiele ich eigentlich?

Jura (zu Heink): Bitte!

Heink (zu Jura): O bitte!

Jura (hinter den Stuhl Mariens tretend): Nein, nein, ich kibitze sehr gern.

Heink (setzt sich auf den Stuhl hinter dem Tisch; lustig): Ihr müßt euch immer gegen mich verbünden! (Zündet sich eine Zigarette an.) Na, wir werden ja sehen! Also?

Marie (feierlich): Beginne!

Heink: Ja, gestern hast du begonnen. (Tut den ersten Zug.)

Marie (tut ihren ersten Zug).

Jura (beim zweiten Zug Heinks; lebhaft nickend): Aha!

Delfine (durch die Tür links; sieht überrascht auf die Spielenden; da sie von ihnen gar nicht bemerkt wird, geht sie langsam zum Fenster rechts und setzt sich dort auf den gepolsterten Stuhl, hinaussehend).

Heink (wieder einen Zug tuend): Jawohl, meine liebe Marie, wir verstehen uns ausgezeichnet.

(Die ersten Züge geschehen sehr schnell.) 104

Jura (befriedigt zusehend, nickend): Die spanische Partie! Das Spiel des Herrn Rui Lopez de Segura! (Zu Heink) Na warten Sie nur!

Heink (im Spiel): Nein, nein! Behalte deinen Bauer nur! Ich kenne die Falle.

Jura (Heinks Spiel bewundernd): Bei den wahren Künstlern spielt eigentlich die Hand ganz allein, so haben sie es in der Übung!

Heink (im Spiel, nebenher): Ja, man überläßt sich seiner Hand.

Delfine (sitzt am Fenster rechts, hinaussehend, nun blickt sie nach den Spielern auf, die sie gar nicht bemerken, und erhebt sich, in der Empfindung ihrer Verlassenheit, plötzlich, um das Fenster zu öffnen; das Fenster klirrt).

Heink (beim Geräusch des Fensters vom Spiel aufsehend): Was ist denn? (Jetzt erst Delfinen bemerkend; leichthin) Ach du bist da! (Tut wieder einen Zug.)

Delfine (zu Heink): Ich mache nur das Fenster auf.

(Sie steht am offenen Fenster und blickt in den dunklen Wald hinaus.)

Heink (im Spiel Delfinen gedankenlos antwortend): Ja.

Jura (über einen Zug Maries erfreut, eifrig): Ausgezeichnet! (Heink auslachend) Ja, was jetzt?

(Sieht Heink mit gespannter Erwartung an; sich über den Tisch lehnend)

Marie (sieht Heink gespannt an, seinen Zug erwartend).

Delfine (am Fenster stehend, hinausblickend): Nun ist's ganz finster und der Wald rauscht, die Nacht hüllt alles ein.

Heink (über den Zug nachdenkend, den er tun soll; zu Delfine hinüber, mechanisch, leichthin): Nun ja. Das hast du dir ja so gewünscht. Nicht?

(Ergreift den Springer und hebt ihn hoch, noch zögernd.)

Delfine (blickt nach den Spielern und sagt traurig, den Kopf nachdenklich senkend, leise): Ja.

 

(Vorhang.)

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.