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Das Kastell in der Kiloa-Bucht

Josef Baierlein: Das Kastell in der Kiloa-Bucht - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
authorJosef Baierlein
year1909
firstpubunbekannt
publisherJ. Habbel
addressRegensburg
titleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
pages100
created20141125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9.

»Haben Sie eine Meinung darüber, Sir, wie weit wir von der versteckten Bucht entfernt sind, die von Ihnen die Kiloa-Bucht genannt wurde?« fragte Kapitän Raleigh den deutschen Arzt, der wieder auf Deck gegangen war, nachdem er sich und die Gefährten in den ihnen angewiesenen Kajüten installiert hatte. »Ich möchte dies gerne wissen,« fuhr der Kapitän fort, »weil ich darnach berechnen kann, ob wir schon bald jene verwünschte Sklavendhau sichten werden, oder ob ich noch länger hier herum kreuzen muß.«

»Nach meiner Schätzung kann es keine bedeutende Entfernung sein,« gab der Arzt zur Antwort; »denn unsere Dhau war kein Schnellsegler, und obgleich wir günstigen Wind hatten, glaube ich nicht, daß wir in der Nacht mehr als 20 englische SeemeilenEine englische Seemeile = 1,153 Kilometer. zurückgelegt haben. Es handelt sich also nur mehr um die Abfahrt des Sklavenhändlers aus der Bucht. Da er nach seiner Landung daselbst ungesäumt die Neger einschiffte, wird er wohl auch ebenso schnell das nötige Trinkwasser und 66 die Lebensmittel eingeladen haben. Er konnte also bis zum Morgen mit den Vorbereitungen zu seiner Abfahrt fertig sein, und wenn er die Bucht bei Tagesanbruch verließ, so werden wir ihn wohl gegen Abend irgendwo in unser Gesichtsfeld bekommen. Dabei nehme ich allerdings an, daß er den nämlichen Kurs zurücksteuert, den er gekommen ist. Wenn er aber statt dessen nach Osten gesegelt sein sollte, dann freilich ist meine Kombination unrichtig.«

»Das macht mir jetzt, wo ich weiß, daß der Bursche in unserer Nähe sein muß, keine Sorge. Ich kreuze so lange und fahnde so lange auf ihn, bis ich ihm, sei er wo er wolle, den Weg verlegt habe. Dagegen fürchte ich, der Schuft wird, sobald er uns sichtet und begreift, daß er auf offener See nicht entrinnen kann, wieder sein altes Kunststück anwenden und doch entwischen.«

»Welches Kunststück wäre das?«

»Er ändert seinen Kurs und trachtet die Küste wieder zu gewinnen, wohin wir ihm nicht folgen können; denn das Fahrwasser ist dort so seicht, das ein großes Schiff wie unsere »Fearleß« auf Grund stoßen würde. Wollten wir ihn aber in unseren Booten verfolgen, so liefe er einfach in einen Schlupfwinkel ein, und deren gibt es an der afrikanischen Küste so viele, daß er unauffindbar bliebe. Im jetzigen Fall bräuchte er zum Beispiel nur in die Kiloa-Bucht zurückzusegeln.«

67 »In die Kiloa-Bucht?« sagte der Arzt. »Das würde ihm nichts nützen.«

»Warum nicht?« meinte der Kapitän verwundert.

»Weil Sie ihn dort immerhin in Ihren Booten aufstöbern könnten,« erwiderte der Doktor.

»Unmöglich. – Ich kenne die Einfahrt nicht. Auch pflegt der Sklavenhändler die Küste immer erst bei völliger Nacht anzulaufen, damit man nicht wahrnimmt, wo er ein Versteck aufsucht. Unseren Booten aber, wenn wir ihm folgen wollten, würde der saubere Wali, von dem Sie uns erzählten, gewiß kein Lichtsignal anzünden.«

»Wir brauchen auch kein solches.«

»Wir brauchen keines? Ich bitte Sie, Herr Doktor, wie soll ich das verstehen?«

»Dahin, daß die Kiloa-Bucht für uns kein unauffindbares Versteck mehr ist. Wir können sie bei Tage oder bei Nacht aufsuchen, ohne lang in der Irre herumzufahren; denn ich habe gestern mittag eine ganz genaue Ortsbestimmung davon aufgenommen.«

»Wahrhaftig?«

»Hier, Herr Kapitän, haben Sie mein Tagebuch. Ich bitte, sich gefälligst zu überzeugen.«

Mit Begierde griff der Offizier nach dem Buch und prüfte die ihm vom Arzt bezeichnete Stelle.

»Ha!« rief er sodann, »das ist vortrefflich. Sie gestatten doch, daß ich mir die Zahlen 68 notiere?« Und nachdem der Arzt bereitwillig die Erlaubnis gegeben, fuhr er fort: »Jetzt sind die Schurken geliefert. Denn jetzt erwischen wir ihre Sklavendhau entweder auf offener See, wo sie trotz ihrer vorzüglichen Bauart niemals mit einem Dampfer wettsegeln kann, oder wir suchen sie mit unseren Booten in der Bucht auf und zwingen sie zur Herausgabe der Gefangenen, falls sie den alten Trick wiederum ins Werk setzen und nach der Küste zurückfahren sollte. – Herr Doktor, ich bin wahrlich sehr erfreut, Sie an Bord meines Schiffes zu haben; denn nun hoffe ich, auf Grund Ihrer Mitteilungen die ostafrikanischen Küstengewässer von dem schlauesten Sklavenhändler zu säubern, der je die Kreuzer Ihrer Britischen Majestät geäfft hat.«

»Segel in Lee!« erklang in diesem Augenblick vom Mastkorb herab der Ruf des Matrosen der in jener luftigen aber schattenlosen Höhe Ausguck nach fremden Fahrzeugen hielt.

Wie elektrisiert sprang bei dieser Meldung der Kapitän hinauf in die Wanten, wo er eine bessere Umschau über die See hatte, und spähte hinaus nach der vom Ausguck angegebenen Richtung. Es gehörte aber ein geübtes Seemannsauge dazu, um in dem kleinen weißen Punkt, der am äußersten Rande des östlichen Horizont, wo Himmel und Meer ineinander überzugehen schienen, dem Flügel eines Vogels ähnelte, ein Segelschiff zu erkennen. Der Kapitän jedoch hatte sehr gute 69 Augen und war bald im klaren, was er in der Ferne erblickte.

»Es ist's,« rief er seinen an der Bordwand stehenden und gleichfalls mit angestrengter Aufmerksamkeit nach Osten schauenden Offizieren zu. »Es ist der gleiche Bursche, den wir schon oftmals und gestern wieder gejagt haben. Um aber ganz sicher zu gehen,« bei diesen Worten wandte er sich an seinen ersten Offizier, »ersuche ich Sie, Mister Brown, mir das Glas zu reichen.«

Dienstbereit bot der Leutnant dem Kapitän, der sich aus den Wanten auf die Kommandobrücke geschwungen hatte, das Fernrohr.

»Kein Zweifel,« sagte der Schiffsführer sodann, »ich sehe deutlich die zwei Maste; das Glas zeigt mir auch den schwarzen Rumpf und das hohe Verdeck. Der Sklavenhändler hat also seine Ladung unglücklicher Neger wirklich noch in der Nacht eingenommen und den Ankerplatz am frühen Morgen verlassen. Weil er aber wußte, daß wir ihm auf den Haken waren, so schlug er, um eine Begegnung zu vermeiden, auf der Rückfahrt einen anderen Kurs ein, als auf der Herfahrt. Er steuert jetzt nach Osten, statt nach Norden, und hofft auf diese Weise seine menschliche Fracht vor uns in Sicherheit zu bringen. Das soll ihm aber diesmal nicht gelingen. – Herr Doktor,« richtete der Kapitän hierauf das Wort an den deutschen Arzt, »möchten Sie sich nicht zu mir auf die Kommandobrücke bemühen, um mir zu sagen, ob auch Sie durchs Fernrohr 70 den Segler wiedererkennen, den Sie heute nacht in die Kiloa-Bucht einlaufen sahen!«

Dr. Bender stieg auf die Brücke und sah angelegentlich durchs Glas.

»Ich glaube beschwören zu können,« sagte er nach einer Weile, »daß jenes Schiff der gleiche Zweimaster ist, dem das heute nacht im Kastell an der Kiloa-Bucht brennende Signal galt.«

»Dann ist eine Verwechslung nicht möglich,« rief der Kapitän erfreut, »drum soll es jetzt eine lustige Jagd geben.« – 71

 


 

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