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Das Kastell in der Kiloa-Bucht

Josef Baierlein: Das Kastell in der Kiloa-Bucht - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
authorJosef Baierlein
year1909
firstpubunbekannt
publisherJ. Habbel
addressRegensburg
titleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
pages100
created20141125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8.

Der neue Tag ließ sich herrlich an. Die Sonne stand strahlend am wolkenlosen Himmel und vergoldete die Kämme der während der Nacht fast ganz ruhig gewordenen, nur mäßig sich erhebenden Meereswellen mit flüssigem Feuer.

Die Dhau unsrer europäischen Freunde fuhr mit günstigem Wind, stets die Küste zu ihrem Backbord, nach Norden; der Mast bog sich unter dem Gewicht des voll ausgespannten großen Segels, das eine steife Landbrise blähte. Die vier Passagiere hatten gut ausgeschlafen. Sie saßen im Schatten des Segels auf dem Verdeck und ließen den Wind um ihre Stirne streichen. Denn unter den Tropen versendet die Sonne schon am frühen Morgen glühende Strahlen, und jedes kühle Lüftchen wird als eine angenehme Erfrischung empfunden.

Das Land zur Linken der nach Norden steuernden Dhau zeigte eine eintönige Szenerie. Denn die Küste ist niedrig und die erst weit im Innern sich erhebenden Gebirgszüge sind vom Meer aus nicht erkennbar. Einige 55 Abwechslung in das monotone Bild bringen nur die zahlreichen kleinen, in unregelmäßigen Abständen an der Küste zerstreuten und ihr vorgelagerten Inseln, die fast alle unbewohnt sind und von denen die meisten nicht einmal einen geographischen Namen haben. Es sind Eilande von unbedeutendem Umfang, die nur wenig über das Meeresniveau hervorragen, aber von üppigem Pflanzenwuchs bedeckt sind.

Soeben segelte die Dhau wieder bei einer solchen, wie ein grüner Fleck auf dem Wasser liegenden Insel vorüber, da wandte Johannes sich an seinen Vater.

»Mir scheint,« sagte er, »auf diesem weltverlorenen Stückchen Erde müssen sich Schiffbrüchige befinden.«

»Warum glaubst das?«

»Weil die kleine Insel, die bei jedem heftigen Sturm überschwemmt werden kann, unmöglich zum ständigen Wohnsitz von Menschen sich eignet. Und doch sehe ich Rauch von dort aufsteigen. Sollten also nicht Schiffbrüchige oder sonst auf die Insel Verschlagene uns damit ein Zeichen geben wollen? Vielleicht erwarten sie Hilfe von uns.«

Der Arzt beschattete seine Augen mit der Hand und schaute längere Zeit aufmerksam hinüber zu dem kleinen Eiland.

»Du hast dich getäuscht, Johannes,« sagte er nach einer Weile. »Rauch ist das allerdings. Aber er ist kein Notzeichen von Schiffbrüchigen, sondern qualmt aus dem Kamin 56 eines Dampfers, der uns entgegen kommt, dessen Anblick uns jedoch von der Insel noch verdeckt wird. Sobald er diese passiert hat, werden wir ihn sehen.«

Wirklich dauerte es auch nicht lange, da bog ein großes Schiff, das südwärts steuernd schwarze Rauchwolken aus seinem Kamin ausstieß, um die mit grünem Tropenwuchs bestandene Spitze der Insel herum und zeigte einen mächtigen schwarzen Rumpf sowie drei schlanke Maste mit jetzt gerefften Segeln.

Im gleichen Augenblick, wo der Dampfer unseren Freunden zu Gesicht kam, hatte dieser auch die Dhau wahrgenommen. Denn an seinem Hauptmast stieg eine Flagge empor, und als sie sich im Wind entrollte, wehte die britische Kriegsflagge in der Luft: ein weißes Flaggtuch, von einem roten Kreuz in vier gleiche Felder geteilt, deren oberes nächst dem Flaggstock von dem roten Andreaskreuz bedeckt wurde. Die kleinen rechtwinkeligen, dreieckig geformten Zwischenräume dieses Feldes waren blau, die übrigen drei Felder weiß.

»Ha!« rief der Doktor bei diesem Anblick aus, »ein britisches Kriegsschiff. Gelegener und mehr nach meinem Wunsch hätte uns kein Schiff begegnen können. Ich wiederhole, daß es keinen Zufall gibt, sondern daß wir in jedem Ereignis den Willen der göttlichen Vorsehung zu erkennen vermögen. – Abdul!« wandte er sich dann an den Schiffseigner, »du mußt jetzt sofort auch die Flagge deiner Dhau 57 zeigen. Die Herren Engländer sind es nicht gewohnt, lange zu warten.«

Da die Hafenstadt Hodeida, woher die Dhau stammte, in Arabien und zwar in der Landstadt Yemen liegt, die dem türkischen Sultan gehört, so hißte Abdul ben Eddin die türkische Handelsflagge, ein grünes Tuch, in dessen Mitte sich der weiße Halbmond, von einem kreisrunden roten Hof umgeben, befindet.

Aber der britische Dampfer schien dieser friedlichen Flagge nicht recht zu trauen; denn unverzüglich stieg an seinem Hauptmast ein Signal in die Höhe: ein kleiner dreieckiger Wimpel, darunter ein runder Ball und unter ihm ein schmales viereckiges Flaggentuch. In der internationalen Flaggensprache bedeutet dieses Signal einen Befehl, der folgendermaßen lautet: »Ihr habt beizudrehen! Jemand von euch soll an meinen Bord kommen!«

»Der englische Schiffskapitän will mit einem von uns an Bord seines Dampfers sprechen,« erklärte der Doktor den Gefährten die ihnen unverständlichen Zeichen. »Haben Sie Lust, die Fragen des Engländers zu beantworten, Herr Erikson? Oder Sie, Herr Lancier?«

Doch beide vereinten dies mit aller Bestimmtheit.

»Ich wüßte nicht, was ich dem Britten zu sagen hätte,« meinte der Franzose, »um so weniger, da ich kein Englisch spreche und deshalb seine Fragen nicht einmal verstünde. 58 Das beste wird wohl sein, daß Sie, Herr Doktor, an Bord des Dampfers gehen. Sie sind ja ohnehin der Nothelfer in allen Fährlichkeiten unsrer abenteuerlichen Reise.«

Da auch der schwedische Kaufmann dieser Meinung war, ließ der Arzt sich nicht lange bitten.

»Abdul,« befahl er dem Schiffsführer, »steure dein Boot zum Dampfer hin und lege es hart bei der Schiffstreppe an. Ich will an Bord gehen, weil der britische Kapitän einen von uns verlangt. Vielleicht begehrt er Einsicht in deine Schiffspapiere zu nehmen, weshalb ich dich ersuche, mir den von der Hafenbehörde in Aden ausgestellten Schiffspaß anzuvertrauen.« –

In kurzem legte die Dhau bei der mittlerweile herabgelassenen Treppe des Dampfers an, Dr. Bender stieg an Bord.

Der Kapitän und einige seiner Offiziere traten ihm auf dem Hinterdeck entgegen. Sie waren aber sehr erstaunt, statt eines schmutzigen Arabers, wie sie einen solchen erwartet hatten, einen Europäer im Tropenanzug zu erblicken, der sich mit weltmännischem Anstand verbeugte und sie in tadellosem Englisch mit einem »Good morning, gentlemen!« begrüßte.

Höflich gaben die britischen Offiziere den Gruß zurück.

»Ich bin überrascht, Sir, statt eines 59 arabischen Schiffers einen Weißen an Bord meines Dampfers zu sehen,« begann der Kapitän hierauf die Unterredung. »Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle. Ich bin William Raleigh, der Befehlshaber dieses Kriegsschiffs Ihrer Britischen Majestät, des Kreuzers »Fearleß«.

Der Doktor gab sich sodann als Arzt und Forschungsreisender aus München zu erkennen, was den Kapitän zur verwunderten Frage veranlaßte:

»Aber sagen Sie doch, Sir, wie es kommt. daß ich Sie in dieser arabischen Nußschale und in Gewässern antreffe, die mit Ausnahme der europäischen Schiffe und der Küstenfahrzeuge sonst nur von verd– Sklavenhändlern befahren werden. Wie gerieten Sie auf eine arabische Dhau?«

In gedrängter Kürze gab der deutsche Arzt die Gründe an, die ihn und seine Gefährten bewogen hatten, in Aden ein Segelboot zu mieten, um mit ihm längs der afrikanischen Küste nach Sansibar zu steuern. Er erzählte auch, wie sie vom Sturm aus ihrem Kurs geworfen und in eine kleine, bisher auf keiner Karte verzeichnete Bucht verschlagen worden waren.

»Wünschen Sie vielleicht, unsere in Aden ausgefertigten Schiffspapiere zu prüfen, um sich zu überzeugen, daß wir harmlose Reisende 60 sind?« fragte der Doktor, nachdem er seine Darstellung beendigt hatte.

»Ganz unnötig,« versicherte der Kapitän. »Ihr Wort genügt mir vollkommen.«

»Da Sie meinem Wort ein solches Gewicht beilegen,« sagte der Arzt, »so werden Sie auch meiner Beteuerung glauben, daß ich in Ihrem Dampfer, als er vorhin hinter dieser Insel hervorkam, ein mir eigens entgegen geschicktes Werkzeug der Vorsehung erblickte.«

»Wieso? Ich verstehe das nicht. Erklären Sie sich näher!«

»Ich weiß, daß britische Kriegsschiffe hauptsächlich zu dem Zweck an der ostafrikanischen Küste kreuzen, um den schmählichen Handel mit geraubten schwarzen Menschen zu unterdrücken, und nehme an, daß auch Ihrem Schiff, Herr Kapitän, diese Aufgabe zugeteilt ist. Oder sollte ich mich irren?«

»Sie täuschen sich nicht. Der »Fearleß« hat wirklich den Befehl, Jagd auf die Sklavendhaus der arabischen Menschenhändler zu machen. Aber welches Interesse nehmen Sie. Herr Doktor, an der Sache?«

»Das Interesse, welches jeder humane Mann für vielleicht Hunderte von geraubten Negern fühlt, die wahrscheinlich schon im gegenwärtigen Augenblick nicht weit von uns in einer großen Dhau übers Meer geführt werden.«

61 »Was sagen Sie?! Was wissen Sie von einer großen Dhau? Haben Sie etwa kürzlich eine solche gesehen?« rief der Kapitän, der bei den letzten Worten des Arztes ganz Feuer und Flamme geworden war.

Auch die übrigen Offiziere drängten sich näher an die Sprechenden heran.

Da schilderte denn Dr. Bender in knapper aber anschaulicher Weise alle seine und seiner Gefährten Erlebnisse in der Kiloa-Bucht und überzeugte auch den Kapitän, daß er dort einen fast unauffindbaren Schlupfwinkel von Sklavenhändlern entdeckt hatte.

Als er auf die in der Nacht beobachtete große Dhau zu reden kam, unterbrach ihn der Kapitän Raleigh.

»Wie viel Maste hatte sie?« fragte er mit gespannter Erwartung.

»Zwei. Obwohl nur der Hauptmast ein Segel trug, reichte das Sternenlicht doch hin, um auch den zweiten Mast unterscheiden zu lassen. Die Dhau war überdies von ziemlicher Länge und hatte ein hohes Verdeck.«

»Kein Zweifel,« wandte der Kapitän sich an seine Offiziere, »es war der Sklavenhändler, den wir schon manchmal und gestern wieder vergeblich gejagt haben.« Dann richtete er das Wort wieder an den Arzt. »Diese Dhau,« sagte er, »ist ein vorzüglicher Schnellsegler und hat uns 62 ganz umsonst schon viele Mühe gemacht. Der arabische Schuft, der sie führt, muß ein geriebener und schlauer Bursche sein; denn bisher hat er noch immer Mittel gefunden, uns zu entwischen, selbst wenn wir ihm nahe auf den Fersen waren. Ein nicht ungewöhnlicher Trick von ihm ist es, so nahe an der Küste hinzufahren, daß ihm wegen des seichten Wassers kein Kriegsschiff folgen kann, und dann während der Nacht an irgend einem unzugänglichen Landungsplatz zu verschwinden. Aber ich vergeude mit meinem Reden eigentlich nur die Zeit. Sagen Sie mir lieber, warum Sie, Herr Doktor, glauben, daß gerade jetzt ein paar Hundert Schwarze sich auf jener Dhau befinden und unweit von uns nach einem Sklavenmarkt übers Meer gebracht werden.«

Dr. Bender gab bereitwillig Aufschluß über die Beobachtungen, die er in der letzten Nacht gemacht, und berief sich namentlich auf die Schüsse, die er, bald nachdem das Lichtsignal verschwunden, gehört hatte.

»Dann ist es schon so, wie Sie glauben, Sir,« sagte der Kapitän. »Die Neger wurden noch in der Nacht eingeschifft, und die Dhau schwimmt höchst wahrscheinlich schon auf offener See. Wir sind Ihnen für Ihre Mitteilungen zu großem Dank verpflichtet, Herr Doktor, und ich bin froh, daß ich Ihr Boot, das mir anfangs verdächtig vorkam, angehalten habe. Denn sonst hätten wir von 63 Ihren wertvollen Neuigkeiten nichts erfahren. Deshalb lade ich, um mich wenigstens einigermaßen erkenntlich zu zeigen, Sie und Ihre europäischen Reisegefährten ein, die Fahrt nach Sansibar an Bord meines Schiffes fortzusetzen. Sie werden da besser und bequemer untergebracht sein als in dem kleinen Segelboot. Und Sie werden auch viel schneller nach Sansibar kommen. Denn wenn auch meine Pflicht gebietet, hier noch einige Zeit zu kreuzen, um der von Ihnen gesehenen Sklavendhau den Weg zu verlegen und sie aufzubringenEin Schiff wegnehmen, als Prise erklären., so wird uns diese Aufgabe wohl nicht allzulang in Anspruch nehmen. Ihr arabischer Schiffer aber kann den Kurs nicht verfehlen, da er nur stets an der Küste hin nordwärts zu segeln braucht. – Nun, Herr Doktor, was sagen Sie zu meinem Vorschlag?«

»Für mich und meinen Sohn nehme ich ihn mit freudigem Dank an, vorausgesetzt, daß auch die zwei anderen Reisekollegen damit einverstanden sind. Doch daran ist nicht zu zweifeln,« antwortete der Arzt.

In der Tat ergriffen der Schwede und der Franzose die Gelegenheit, die Fahrt auf einem Dampfer fortsetzen zu können, mit beiden Händen. Der Kapitän Raleigh ließ deshalb die Reiseeffekten der vier Europäer durch einige Matrosen auf sein Schiff bringen, und Abdul ben Eddin erhielt vom Doktor 64 schon jetzt nicht nur seinen vollen Lohn ausbezahlt, sondern überdies ein so reichliches Bakschisch, daß er von seinen Passagieren mit freudigem Gesicht Abschied nahm und Allahs reichsten Segen auf sie herabwünschte.

Nachdem derart alles zur beiderseitigen Zufriedenheit geordnet war, bestiegen die vier Reisegefährten das Kriegsschiff. Die »Fearleß« dampfte nach Süden, Abduls Dhau segelte nordwärts, dem Hafen von Sansibar entgegen. –

 


 

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