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Das Kastell in der Kiloa-Bucht

Josef Baierlein: Das Kastell in der Kiloa-Bucht - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
authorJosef Baierlein
year1909
firstpubunbekannt
publisherJ. Habbel
addressRegensburg
titleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
pages100
created20141125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Obwohl der Sturm ausgetobt hatte, war das Meer doch unruhig und das kleine Schiff wurde von den Wogen mächtig geschaukelt, nachdem es die Bucht hinter sich gelassen und die offene See gewonnen hatte.

Die Herren Erikson und Lancier sowie Johannes begaben sich daher in die gemeinsame Kajüte; nur der Arzt blieb auf Deck und nahm neben dem das Steuer führenden Bootseigner Platz.

Die kurze Tropendämmerung war der schnell sich hernieder senkenden Nacht gewichen. Am Firmament, das nur da und dort noch dünne Wolkenschleier bedeckten, glänzten die Sterne, nicht gleich flimmernden Punkten, wie sie unter nördlichen Himmelsstrichen erscheinen, sondern groß und strahlend wie Feuerbälle.

Es war eine feierliche Nacht, deren Stille nur unterbrochen wurde vom leisen Wehen des Landwinds, gerade hinreichend, das Segel des Boots mäßig zu füllen, und vom Geräusch der noch immer aufgeregten, an die Schiffswand klatschenden Wellen.

46 »Welchen Kurs soll ich steuern, Sidi?« fragte Abdul ben Eddin, als die Dhau schon ziemlich weit von der Küste entfernt war. »Du wirst jetzt wohl den kürzesten Weg nach dem Hafen von Sansibar kennen, da du heute die Sonne und später den Stand der Gestirne beobachten konntest.«

»Gewiß kenne ich ihn,« antwortete der Arzt. »Unser Kurs geht nordwärts der Küste entlang. Das Land bleibt stets zu unsrer Linken. Wenn du mir aber einen Wunsch erfüllen willst, so kreuze noch einige Zeit vor der Bucht, die wir soeben verlassen haben. Die Verzögerung unserer Fahrt wird voraussichtlich nicht lange dauern, und ich will dir für deine Mühe noch extra ein Bakschisch von zwei Rupien geben.«

Das Versprechen eines Bakschisch übt im ganzen Orient eine zauberhafte Gewalt aus und zeigte auch im gegenwärtigen Falle seine Wirkung.

»Gerne, gerne tue ich das,« rief der Schiffsführer aus. »Aber sage mir, Herr, was suchst du noch in der Nähe der Bucht?«

»Ich möchte das geheimnisvolle Licht wieder erblicken, das wir in der vergangenen Nacht sahen.«

»Aje! Und du glaubst, es wird auch heute wieder leuchten?«

47 »Wenn mich meine Voraussetzungen nicht täuschen, so wird es sogar recht bald erscheinen.« –

Der Araber schwieg und auch der Arzt setzte das Gespräch nicht fort. Dagegen schauten beide Männer aufmerksam nach Westen hinüber. Die niedrige Küste ließ sich im nächtlichen Dunkel nicht mehr erkennen; sie schien mit dem Meer zusammenzufließen.

Wohl zehn Minuten mochten die zwei Männer schweigend beisammen gesessen sein, da berührte der Schiffsführer plötzlich die Schulter des Arztes.

»Dort – dort!« sagte er nur; aber der heisere Ton seiner Stimme verriet ein gewisses abergläubisches Entsetzen. Denn er hatte den ganzen Tag, mit Ausnahme der zweimaligen Pausen während der Mahlzeiten, in seinem Boot geschlafen, weshalb der Doktor keine Gelegenheit gefunden hatte, auch ihn über die vom jungen Johannes gemachte Entdeckung und über die Schlüsse, die er, der Arzt, daraus gezogen, aufzuklären.

Als sich daher die Voraussage des Doktors erfüllte, und das geheimnisvolle Licht auch heute wieder in Gestalt eines kleinen, scheinbar auf dem Meeresspiegel liegenden Flämmchens sich zeigte, kam dem uneingeweihten Abdul ben Eddin die Sache unheimlich vor, und er konnte sich eines gelinden Schauers nicht erwehren.

48 Deshalb konnte er auch nur die zwei Worte »dort – dort!« herauspressen und mit zitternder Hand nach Westen hinüber deuten, wo das Licht, wie ein aus dem Meer aufgetauchter Stern, gleichsam auf dem Wasser schwamm.

»Habe keine Angst, Abdul!« sagte der Arzt, der die unter den Orientalen allgemein grassierende Gespensterfurcht kannte und richtig in ihr die Ursache von des Schiffsführers Aufregung vermutete, »jenes Licht haben keine boshaften Dschinns angezündet, um uns damit ein bevorstehendes Unheil zu prophezeien, sondern dein Landsmann, der Wali des von uns soeben verlassenen Negerdorfs, hat es aufgestellt. Den Grund, warum er es tat, werde ich dir bei gelegener Zeit einmal sagen. Jetzt aber will ich meine Gefährten rufen, damit auch sie das Licht wieder sehen.«

Mit diesen Worten erhob sich der Doktor von seinem Sitz und ging auf die Luke zu, durch welche man zur Kajüte der Passagiere hinunterstieg.

»Kommen Sie auf Deck, meine Herren!« rief er hinab.

Als die drei Europäer auf dem Verdeck versammelt waren, zeigte der Arzt nach der unsichtbar gewordenen Küste hinüber.

»Was sehen Sie dort?« fragte er.

»Ah, das Licht, das Licht ist wieder da!« schrie der Franzose.

»Wissen Sie auch, wo es brennt?«

49 »Nirgend anderswo, als in dem von Ihrem Sohn aufgefundenen alten Gemäuer. Wenigstens haben Sie, Herr Doktor, uns die Sache derart erklärt.«

»Sie haben ganz recht. Das Kastell in der Kiloa-Bucht ist der Ort, von dem das Signal, das der tückische Wali den Sklavenhändlern gibt, ausgeht. Er hat eine Laternenkerze angezündet und sie in einem Turmfenster aufgestellt. Und weil der Turm nur niedrig ist, erscheint auch das Licht nur in niedrigem Abstand vom Meeresniveau. Daß dann das Signal heute wieder gegeben wird, bestärkt mich in meiner Ansicht, der Wali –«

»Ein Schiff!«

Dieser Ausruf seines Sohnes nahm dem Sprechenden das Wort vom Munde weg, und die Köpfe der Versammelten drehten sich wie auf Kommando der Richtung zu, wohin der ausgestreckte Arm des jungen Johannes wies. Dort aber zeigte sich, etwa eine Seemeile von der Dhau entfernt, ein Fahrzeug, das einen südlichen Kurs steuerte und nahe an der Küste hinfuhr. Obwohl der Mond noch nicht aufgegangen war, reichte bei der kurzen Entfernung doch das Sternenlicht hin, um die Formen des fremden Schiffs unterscheiden zu können.

Es war unstreitig gleichfalls eine arabische Dhau, aber von bedeutend größeren Dimensionen als das Boot, auf dem sich unsere vier Europäer befanden. Dies ging schon daraus hervor, daß es zwei Maste und ein hohes 50 Verdeck hatte, das auf große Räume im Innern des Schiffes schließen ließ. Der Bug war stark und scharf gebaut; er teilte das Wasser mit Leichtigkeit. Wenn die Dhau an ihren zwei Masten alle Leinwand aufgespannt hatte, mußte sie ein vorzüglicher Segler sein; schon jetzt, wo nur der Hauptmast ein großes Segel trug, flog sie gleichsam mit anerkennenswerter Schnelligkeit über das Wasser hin.

»Ich gehe jede Wette ein,« sagte bei diesem Anblicke der Arzt, »daß jenes Schiff die vom Wali erwartete Sklavendhau ist. Er hatte ihrer Ankunft schon in der vorigen Nacht entgegengesehen und ihr deshalb das Lichtsignal gegeben, damit sie die Einfahrt in die kleine Bucht nicht verfehle. Und – sehen Sie, meine Herren! Schon hat auch die Dhau das Licht wahrgenommen; denn sie ändert jetzt den Kurs und steuert dem Lande zu.«

In der Tat fuhr das fremde Schiff nicht mehr in südlicher Richtung wie bisher, sondern nach Westen und der Küste entgegen. In deren Nähe zog es das Segel ein, und nach wenigen Minuten war vom ganzen Fahrzeug nichts mehr zu erblicken. Gleich darauf verschwand auch das kleine Licht, und wer nicht genau wußte, daß der niedrige dunkle Streifen dort drüben die afrikanische Küste war, hätte sie für eine auf dem Meer liegende Wolkenbank oder für einen aus ihm aufsteigenden dichten Nebel halten können.

»Die Sklavendhau ist nun in die 51 Kiloa-Bucht eingelaufen,« sagte der Arzt nach einer Weile.

»Herr Doktor!« rief der Franzose eifrig aus, »ich habe schon dort am Lande keinen Zweifel in Ihre Worte gesetzt. Wäre das aber auch der Fall gewesen, so müßten jetzt alle Bedenken verstummen. Alle Schlüsse, die Sie aus der Entdeckung Ihres Sohnes gezogen, sind durch die nachfolgenden Ereignisse als richtig erwiesen worden, und es ist klar, daß wir zufällig den Schlupfwinkel von Sklavenhändlern aufgefunden haben.«

»Ich glaube an keinen Zufall,« erwiderte der Arzt, »und sage deshalb lieber, eine höhere Fügung hat uns nach der versteckten Bucht geführt.«

»Wie Sie wollen! Nur möchte ich gerne wissen, was jetzt den vielen Negern bevorsteht, die der gewissenlose Wali im alten Kastell gefangen hält.«

»Höchst wahrscheinlich werden sie noch in dieser Nacht zu Schiff und dann nach einem der arabischen Sklavenmärkte gebracht, wo sie verkauft werden.«

»Abscheulich! Warum halten Sie es aber für wahrscheinlich, daß man die Neger noch in der Nacht einschifft?«

»Weil der Wali kein Interesse daran hat, sie länger zu füttern. Je schneller er sie loswird, desto höher steigt sein Profit. Da – – horchen Sie, meine Herren! Die Schufte sind schon über ihrem Werk. Wie es scheint, haben sie nicht viel Zeit zu verlieren.«

52 Deutlich vernahmen die lauschenden Europäer vom Lande her den schwachen aber unverkennbaren Knall mehrerer, rasch nach einander abgefeuerter Schüsse. Der Westwind hatte den Schall in der Stille der Nacht bis zu ihren Ohren getragen.

»Sind das nicht die Schüsse, mit denen die Sklavenhändler ihre Opfer, wie Sie uns erzählen, vor der Einschiffung einzuschüchtern versuchen?« fragte der schwedische Kaufmann.

»Gewiß,« antwortete der Arzt, »die arabischen Händler wollen den Negern damit zu verstehen geben, welches Los ihnen bei etwaiger Widersetzlichkeit bevorstünde. In der Regel erfüllen die blinden Schüsse auch ihren Zweck, da die waffenlosen Schwarzen sich dann ohne Widerstand auf das von ihnen so gefürchtete Meer bringen lassen.«

»Herr Doktor!« sagte der warmherzige Schwede, »können wir nichts zugunsten der armen Menschen tun? Es geht mir gegen den Mann, ruhig zuzuschauen, wie vor unseren Augen ein ungeheurer Frevel geschieht. Ich fange an, den Wali, der sein Amt so unwürdig verwaltet, ernstlich zu hassen.«

»Leider steht es nicht unserer Macht, den arabischen Schuften ihre Beute abzujagen,« erwiderte der Arzt; »denn das Gesindel befindet sich zweifellos in der Überzahl und würde vor keiner Gewalttat zurückschrecken. Aber da ich an keinen Zufall glaube, sondern in jedem Ereignis des Walten eines höheren Willens erblicke, deshalb betrachte ich auch unsere 53 Entdeckungen in der Kiloa-Bucht als einen Fingerzeig, daß wir zur Ausführung eines im voraus bestimmten Werkes ausersehen sind. Darum habe ich mir, schon als ich vom Wali Abschied nahm, vorgenommen, ihm wenn möglich einen Strich durch seine Rechnung zu machen.«

»Bei diesem lobenswerten Vorhaben stehe ich ganz auf Ihrer Seite,« versicherte der Schwede.

»Und ich nicht weniger,« stimmte Herr Lancier bei. »Die Frage ist nur, was wir anfangen sollen, um den unglücklichen Negern zu helfen.«

»Warten wir's geduldig ab,« sagte der Doktor. »Da wir aber im Moment machtlos sind, schlage ich vor, wieder unter Deck zu gehen und zu schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag, und es wird gut sein, wenn wir den kommenden Dingen mit frischen Geistes- und Körperkräften entgegentreten können.« – 54

 


 

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