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Das Kastell in der Kiloa-Bucht

Josef Baierlein: Das Kastell in der Kiloa-Bucht - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
authorJosef Baierlein
year1909
firstpubunbekannt
publisherJ. Habbel
addressRegensburg
titleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
pages100
created20141125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Der Schwede und der Franzose waren am Morgen nach dem eingenommenen Frühstück bald in einen so tiefen Schlaf gefallen, daß alles, was außerhalb der Zelte vorging, für sie verloren war. Sie wußten daher nichts vom Ausflug des jungen Johannes nach dem angeblich von Dschinns bevölkerten Hügel, nichts von der Unterredung, die der Wali deshalb mit dem Doktor gepflogen; sie hatten den Knall des Schusses nicht gehört und es war ihnen unbekannt, welche Entdeckungen der Sohn des Arztes gemacht hatte.

Um so mehr Interesse nahmen sie an der Sache, als ihnen der Doktor nach dem Nachtessen ausführliche Mitteilungen davon machte und die Schlüsse bekannt gab, die er aus den sonderbaren Vorkommnissen gezogen hatte.

»Meine Herren!« leitete der Arzt, nachdem er das Abenteuer seines Sohnes kurz erzählt hatte, seine Schlußfolgerungen ein, »ich habe dem Wali vom ersten Moment an, da ich ihn erblickte, mißtraut und ihn für einen Burschen gehalten, der lichtscheue Dinge zu 36 verbergen hat. Die Entdeckung, die mein Johannes machte, bestätigt nun meinen Verdacht im vollsten Maße. Denn der Wali ist – entweder selbst ein Sklavenhändler oder er steckt mit anderen arabischen Sklavenhändlern unter der Decke.«

»Was sagen Sie?« rief der Franzose lebhaft aus.

»Es ist nicht anders,« fuhr der Arzt fort; »denn hören Sie nur: Die vielen Neger, die in einem alten Turm hinter eisernen Gittern gefangen gehalten werden, sind zweifellos von Sklavenjägern im Innern des Landes geraubt und hiehergebracht worden, wo der Wali sie so lange versteckt hält, bis er sie auf eigene Rechnung oder gegen einen Anteil am Gewinn an arabische Händler übergeben kann. Diese verfrachten sodann die menschliche Ware nach den orientalischen Sklavenmärkten und verkaufen sie dort. Zum Versteck, wie er's sich passender gar nicht wünschen könnte, dient ihm aber der feste alte Turm.«

»Wie kommt nur ein solcher hieher in diese Wildnis?« meinte Herr Erikson nachdenklich.

»Er ist ein Überbleibsel aus der Portugiesenzeit, wie sich deren noch da und dort an der Küste Ostafrikas vorfinden,« erklärte der Arzt. »Als nämlich der portugiesische Seefahrer Vasco da Gama im Jahre 1497 den Seeweg um die Südspitze Afrikas nach Indien entdeckt und das Kap der guten Hoffnung glücklich umschifft hatte, segelte er die 37 afrikanische Ostküste entlang nach Norden, gelangte nach Sofala, Mosambik, Quiloa und Mombaza und nahm die ganze Küste bis hinauf zum Äquator für die Krone Portugal in Besitz. Um diese neuen Erwerbungen vor feindlichen Einfällen und Seeräubern möglichst zu schützen, legten die Portugiesen schon bald darauf Befestigungen an der Küste an, die sie Kastelle nannten, und die so massiv erbaut waren, daß sich manche von ihnen bis auf unsere Zeit erhalten haben. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch der Turm, der jetzt zum Gefängnis für arme unglückliche Neger dient, ein solches Kastell war, und daß wir also in ihm ein Überbleibsel aus dem 15. bis Ende des 17. Jahrhunderts sehen. Denn um die letztgenannte Zeit verloren die Portugiesen alle ihre Besitzungen nördlich von Mosambik an den Imam von Maskat; unter dessen Herrschaft das Land in verschiedene kleine Staaten zerfiel. Erst 1856 sammelte Seyid Medschid, ein Sohn des damaligen Imams von Maskat, alle jene Staaten wieder unter seinem einzigen Szepter und gründete dadurch das jetzige Sultanat Sansibar.«

»Herr Doktor, ich bewundere Ihr vielseitiges Wissen!« rief der Franzose, Herr Lancier, aus.

»Halten Sie es nicht für selbstverständlich, daß jemand, der ein Land durchforschen will, sich zuerst auch mit dessen Geschichte bekannt macht?« sagte der Arzt lächelnd. »Doch um wieder auf Dinge zu kommen, die uns näher 38 liegen, will ich Ihnen erklären, weshalb ich den Wali für einen Sklavenhändler oder wenigstens für einen Komplizen von solchen halte.«

»Ich bin sehr begierig, dies zu hören,« sagte der Franzose.

»Schon bei unserer Landung fiel mir seine unangenehme Überraschung auf, als er sah, daß der Dhau vier Europäer entstiegen statt der arabischen Handelsfreunde, die er sicher erwartet hatte. Ich sage, er hatte sie sicher erwartet und er erwartet ihre baldige Ankunft auch jetzt noch; denn das verrät mir sein ganzes Benehmen. Als Europäer, die den Handel mit schwarzem Menschenfleisch verabscheuen, sind wir ihm nämlich bei dem, was er vorhat und was in kürzester Zeit vor sich gehen soll, im höchsten Grade unbequem.«

»Was hat er denn vor?« fragte der schwedische Kaufmann.

»Die gefangenen Neger auf einer arabischen Sklavendhau einzuschiffen. Davon sollen wir aber nichts ahnen und noch weniger etwas sehen.«

»Was Sie sagen!«

»Gewiß, meine Freunde, so ist es,« fuhr der Arzt, ohne den Zwischenruf zu beachten, fort. »Aus diesem Grunde, nämlich um uns zu veranlassen, einem ungastlichen Strand schnellstens wieder den Rücken zu kehren, hetzte er die Neger auf, uns keine Lebensmittel zu verkaufen. Und als ihm das nicht gelang, ersann er das abgeschmackte Märchen von den 39 im Hügel wohnenden Gespenstern. Denn damit wollte er uns wenigstens von dem alten Kastell fernhalten und verhindern, daß wir den Schlupfwinkel entdecken, wo er die Ware für seinen schwunghaften Menschenhandel zu verbergen pflegt.«

»Schwunghaft? Woraus schließen Sie das?« fragte der französische Kaufmann wieder.

»Hat nicht mein Johannes berichtet, daß ein gut ausgetretener Fußpfad durch das Gebüsch zum Kastell hinführt? Das ist doch ein unwiderleglicher Beweis, daß das alte Bauwerk sehr oft als Gefängnis für Neger benützt wird, und daß also der Handel mit ihnen blühen muß. Andernfalls wäre der Weg zum Kastell nicht so leicht erkennbar. Wenn er nur selten begangen würde, hätte der tropische Pflanzenwuchs schnell jede Spur davon überwuchert.«

»Ihr Scharfsinn ist erstaunlich! Wollen Sie mir noch zwei Fragen gestatten?«

»Gerne.«

»Warum kamen die gefangenen Neger, nachdem Ihr Sohn geschossen hatte, schreiend und weinend an die Fenstergitter?«

»Weil sie den Knall für das Zeichen hielten, daß sie eingeschifft werden sollten. Die arabischen Händler pflegen nämlich, bevor sie die Gefängnisse öffnen, um die darin verwahrten Sklaven auf ihre Dhau zu bringen, stets eine Anzahl blinder Schüsse abzufeuern. Sie beabsichtigen damit die Gefangenen einzuschüchtern und von jedem Widerstand 40 abzuschrecken. Denn die weit im Innern des Landes geraubten Schwarzen haben vor dem Meere, das sie niemals gesehen, eine solche Furcht, daß sie sich schon oft ihrer Einschiffung widersetzten.«

»Ich begreife. Und warum, Herr Doktor, glauben Sie, daß der Wali die Ankunft einer Sklavendhau schon bald erwartet?«

»Weil er ihr bereits Signale gibt.«

»Signale?!« machte der Franzose gedehnt.

»Um mich noch präziser auszudrücken, will ich sagen, er habe ihr heute nacht ein Signal geben wollen. Das seltsame Licht, welches wir sahen, – –«

»Ah – wahrhaftig!«

»– – es stammte her aus einer Laterne, die der Wali in einem Fenster des alten Kastells aufgestellt hatte. Darum erschien es uns nur klein, aber stetig und über die Meeresfläche wenig emporragend. Das Kastell ist ja auch ein verhältnismäßig nur niedriger Bau. Das Licht aber hatte den Zweck, der Dhau, wenn sie nächtlicher Weile eintreffen sollte, die Einfahrt in die Bucht zu signalisieren. Bei Tage werden die Sklavenhändler jedenfalls gewisse Landmarken kennen, nach welchen sie die Lage der Bucht bestimmen und den Zugang zu ihr leicht auffinden.«

»Herr Doktor!« nahm nunmehr der Schwede Erikson das Wort, »Ihre Schlüsse sind so logisch und zwingend, daß ein Zweifel daran nicht aufkommen kann. Wir wissen jetzt bestimmt, daß uns das rätselhafte Licht den Weg 41 zum Schlupfwinkel von Sklavenhändlern gewiesen hat. Aber weil wir dies wissen, drängt sich noch eine andere Frage auf. Ist der längere Aufenthalt in dieser Bucht nicht mit Gefahren für uns verbunden?«

»Solange die vom Wali erwarteten fremden Araber nicht angekommen sind, glaube ich nicht, daß wir etwas zu befürchten haben,« antwortete der Arzt nach einigem Besinnen. »Wenn der Wali in seinem Dorf jedenfalls auch Helfershelfer haben muß, – denn die Leute, die den Gefangenen die Kost bereiten und ins Kastell tragen, sind sicher auch in seine Geschäfte eingeweiht, – so wird er sich dennoch hüten, mit vier wohlbewaffneten Europäern anzubinden, um so mehr, weil er damit rechnen muß, daß unsere zwei Schiffsleute gleichfalls gegen ihn Partei nehmen würden. Anders freilich steht die Sache, sobald er einen Rückhalt an den fremden Sklavenhändlern erhält. Diesen nämlich muß alles daran liegen, daß ihr Tun und Treiben nicht offenbar wird. Sie werden sich sofort an die Seite des Wali stellen und rücksichtslos alles ihnen Hinderliche oder auch nur Zuwidere aus dem Wege räumen.«

»Meinen Sie damit, Herr Doktor, daß die Händler feindselig gegen uns auftreten würden?«

»Ich meine das nicht nur, sondern ich bin überzeugt davon. Sie müssen ja in uns ihre gefährlichsten Feinde sehen, weil wir ihr Gewerbe und den Versteck, wo sie es betreiben, 42 den Engländern verraten könnten, die in diesen Gewässern stets Kriegsschiffe zur Unterdrückung des Sklavenhandels kreuzen lassen. Die eigene Sicherheit der Händler würde deshalb verlangen, mit uns wenig Federlesens zu machen.«

»Was ist unter solchen Umständen zu tun? Geben Sie einen guten Rat, Herr Doktor! Denn ich gestehe offen, daß ich diesen unerwarteten und außergewöhnlichen Verhältnissen nicht gewachsen bin. Oder wissen Sie einen Ausweg?« wandte Herr Erikson sich an den Franzosen.

Doch Herr Lancier schüttelte mit trübseliger Miene den Kopf. Auch ihm ging der Ernst der Lage zu Herzen.

»Sie sehen also, Herr Doktor,« sagte der Schwede wieder zum Arzt, »daß wir uns ganz und gar auf Sie verlassen müssen. Was schlagen Sie vor?«

»Meine Ansicht geht dahin, daß wir die Ankunft der Sklavendhau gar nicht abwarten dürfen,« erwiderte der Arzt. »Ich rate daher, uns ohne Verzug mit einigen Lebensmitteln und mit frischem Trinkwasser zu versehen, dann aber sofort das Segel zu setzen und die Bucht zu verlassen.«

»Noch in dieser Nacht?«

»Allerdings. Denn das Verhalten des Wali hat uns gezeigt, daß er die Ankunft der Händler stündlich erwartet; sonst würde er auch im alten Kastell kein Lichtsignal geben. Wenn wir also ein Zusammentreffen mit den 43 fremden Arabern vermeiden wollen, dann empfiehlt es sich, unsere Zelte sofort abzubrechen. Die Seefahrt wird von jetzt an auch ruhiger verlaufen; denn der Sturm hat sich gelegt, und da wir auch wissen, wo wir uns zur Zeit befinden, so ist ein Abweichen vom Kurs nicht mehr möglich. Wir brauchen nur immer längs der Küste nordwärts zu steuern und werden dabei nicht einmal das Land aus den Augen verlieren«

»Also zu Schiffe! Zu Schiffe!« rief der lebhafte Franzose.

»Fühlen die Herren sich auch kräftig genug, schon wieder an Bord zu gehen?« fragte der Doktor. »Mein einziges Bedenken ist, daß Ihnen die schnelle Wiedereinschiffung etwa beschwerlich fallen könnte.«

Doch da sowohl der Schwede wie der Franzose versicherten, völlig ausgeruht zu haben, und weil auch Abdul ben Eddin und sein Bootsknecht keine Einwendungen gegen die Abfahrt erhoben, gab der Arzt den Befehl, die Zelte abzuschlagen und wieder in der Dhau zu verstauen.

Kaum hatte der Wali erfahren, daß die Europäer Vorbereitungen trafen, die Bucht zu verlassen, da erschien er auch neuerdings am Ufer. Diesmal zeigte er aber eine kriechende Freundlichkeit, und als er hörte, daß die Weißen nur noch Trinkwasser und Lebensmittel einnehmen wollten, um gleich nach Sonnenuntergang die Bucht zu verlassen, 44 trieb er selbst einige herumlungernde Neger an, alles Nötige herbeizuschaffen.

Bei Einbruch der Dämmerung war die Dhau bereit, wieder in See zu gehen. Sie kehrte ihren Bug dem Ausgang der Bucht zu, und unter dem Druck des gespannten Segels glitt sie graziös durch die Wellen.

»Allah beschütze euch!« rief der Wali den Insassen des Fahrzeugs nach. »Salem aleïkum!«

»Salem aleïkum!«

»Salem aleïkum!« gab der Doktor zurück. Bei sich aber dachte er: »Alter Spitzbube, dich durchschaue ich! Du glaubst jetzt vor uns sicher zu sein; aber – vielleicht mache ich dir doch einen Strich durch die Rechnung.« – 45

 


 

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