Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Baierlein >

Das Kastell in der Kiloa-Bucht

Josef Baierlein: Das Kastell in der Kiloa-Bucht - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
authorJosef Baierlein
year1909
firstpubunbekannt
publisherJ. Habbel
addressRegensburg
titleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
pages100
created20141125
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

5.

Bald darauf erschien die schlanke Gestalt des Jünglings zwischen dem Gebüsch, das den Strand der Bucht umsäumte. Als Johannes sich den Zelten so weit genähert hatte, daß man seine Züge unterscheiden konnte, bemerkte der Arzt auf dessen Antlitz den Ausdruck einer hochgradigen Erregung. Noch ehe der junge Mann ganz zu ihm herangetreten war, sagte daher sein Vater:

»Fasse dich und laß dir vor diesem Dorfrichter nichts anmerken, wenn dir vielleicht etwas Seltsames begegnet ist. Ich habe allen Grund, dem Araber zu mißtrauen, und halte ihn für einen Spitzbuben, der entweder auf ein Verbrechen sinnt oder ein solches zu verbergen hat. – Und nun erzähle mir ganz ruhig, welche merkwürdige Entdeckung du gemacht zu haben glaubst.«

»Lieber Vater,« entgegnete Johannes, der mittlerweile an des Arzts Seite getreten war, »erscheint es nicht auch dir sehr merkwürdig, daß in diesem versteckten Erdenwinkel, nämlich auf dem bewaldeten Hügel, den man von hier aus ganz deutlich erblickt, ein 30 altersgrauer runder, aus festen Quadersteinen erbauter Turm steht, dessen Fuß die Meereswellen benetzen, und in dessen mit Eisen vergitterten Gewölben oder Kellern schwarze Menschen gefangen gehalten werden?«

»Was sagst du da!« rief der Arzt überrascht aus.

»Die reine Wahrheit. Ich schlenderte, nachdem ich die letzten Hütten des Dorfs hinter mir gelassen, langsam dem Eingang zur Bucht und dem Meer entgegen, als ich plötzlich in geringer Entfernung vor mir ein altes Gemäuer erblickte. Was es war, konnte ich nicht gleich erkennen, weil das ringsum wuchernde Gebüsch mir die Aussicht teilweise versperrte. Aber ich bemerkte einen gut ausgetretenen Fußpfad, der sich durch die Pflanzenwirrnis hinschlängelte, und als ich diesen verfolgte, stand ich bald vor dem alten Bauwerk. Ich sah einen dicken, aus rundbehauenen Steinen zusammengefügten Turm, der mit seinem Fuß bis auf den Meeresspiegel hinabreichte, und der sich an den Hügel anlehnte, ja zum Teil in ihn hineingebaut schien. Die glaslosen Fensterhöhlen des Turms waren mit starken eisernen Gittern versehen. Noch ehe ich näher hintreten und den mir rätselhaften Bau genau betrachten konnte, bemerkte ich aber einen großen Vogel mit prächtigem bunten Gefieder, der auf der Spitze eines Baumes sitzend, mit klugen, gleichsam verwunderten Augen auf mich herabsah. Der Wunsch, schon in der ersten Stunde nach meiner Ankunft in Afrika ein so 31 schönes Tier zu erbeuten, ließ mich plötzlich auf den alten Turm vergessen und raubte mir alle Überlegung. Ich zog den Revolver, zielte und schoß – –«

»Natürlich fehltest du aber den Vogel,« ergänzte der Arzt, weil Johannes einen Moment zögerte, dessen Rede.

»Ja, Vater! Der Schuß ging daneben. Ich hatte eben nicht bedacht, daß es sehr schwer ist, mit dem Revolver ein hoch über uns befindliches Ziel zu treffen. Dagegen hatte mein voreiliges Knallen einen anderen, ganz unerwarteten Erfolg.«

»Du machst mich neugierig.«

»Urteile selbst, Vater! Kaum war der Schuß gefallen, da erweckte er ein sonderbares Echo. Ein vielstimmiges Wimmern, Seufzen und Stöhnen war es, untermischt mit abgerissenen, mir unverständlichen Worten, die mir wie Klagelaute vorkamen. Und als ich mich der Richtung zuwandte, woher das Jammern ertönte, überzeugte ich mich sofort, daß es aus dem alten Turm herausklang. Denn an den vergitterten Fenstern erschienen mit einem Male die Gesichter vieler schwarzen Menschen, die mit erschrockenen verzerrten Mienen auf mich herstarrten. Zweifellos werden in jenem Turm eine Menge Neger gefangen gehalten. Mir aber wurde die Sache plötzlich unheimlich; ich machte mich auf den Rückweg.«

»Und mir verschafft dein Abenteuer volle Klarheit in allem, was mir bisher dunkel erschien, und wofür mir das Verständnis abging. 32 Ich kann mir jetzt das Licht erklären, das wir heute nacht beobachteten; ich weiß nunmehr auch bestimmt, daß der braune Kerl neben uns ein ausgemachter Lump ist, der sein Amt scheußlich mißbraucht – –«

»Was hat dir dein Sohn erzählt?« fiel ihm da der Wali ins Wort. Er hatte dem Bericht des jungen Mannes mit gespannter Aufmerksamkeit zugehorcht, obwohl er keine Silbe von der ihm fremden Sprache verstand. Aber aus seinen unruhigen Augen und starren Zügen konnte man deutlich Angst und Argwohn herauslesen. Es war leicht zu sehen, daß er vor Begierde brannte, alles zu erfahren, was dem Jüngling bei seinem Gang um die Bucht begegnet war.

Dem Arzt fiel es aber gar nicht ein, die Wißbegierde des alten Arabers zu befriedigen. Er hatte seine guten Gründe, ihm die Entdeckung, welche Johannes gemacht, zu verschweigen.

»Mein Sohn erzählte mir,« sagte er daher möglichst gleichgültig, »daß er auf einen Vogel geschossen, ihn jedoch gefehlt hat.«

Der Wali schüttelte den Kopf. Augenscheinlich genügte ihm diese Antwort nicht.

»Um nur das zu melden, hätte der junge Sidi nicht so viele Worte machen müssen. Oder leidet er an Geschwätzigkeit wie die meisten unreifen Leute?« entgegnete der Araber mürrisch. »Sage mir die Wahrheit! 33 Was ist ihm noch weiter zugestoßen bei seiner Wanderung?«

»Nichts.«

»Hat sein Schuß nicht die Dschinns aufgeschreckt? Hörte er kein Weinen oder Schreien?«

»Wali! Mir scheint, die Geschwätzigkeit ist in deinem Dorf ein Übel, das auch den Greisen anhaftet. Denn du belästigst mich schon eine geraume Weile mit unnützen Fragen und Reden. Wisse denn, von euren Dschinns hat mein Sohn keine Spur wahrgenommen; er besitzt nicht einmal eine Ahnung davon, daß es solche Gespenster geben soll. Und nun, nachdem ich dir Aufschluß gab, soweit ich ihn geben konnte, laß mich wieder meine eigenen Geschäfte besorgen! Ich sehe dort eine Negerfrau, die mir das versprochene Zicklein bringt, und muß jetzt mit dieser unterhandeln. Deshalb sage ich: Salem aleïkum, Wali!«

Mit einem giftigen Blick auf den deutschen Arzt, und ohne den Friedenswunsch zu erwidern, entfernte sich der also kurz und bündig verabschiedete Wali. –

Unterdessen hatte Johannes auf seines Vaters Wunsch sich ins Innere des Zelts begeben, um dort den Schlaf zu erwarten. Aufklärung über die Schlüsse, welche der Doktor aus seinem Abenteuer beim alten Turm gezogen, sollte der Jüngling erst erhalten, sobald er und die zwei anderen Weißen ausgeschlafen hätten. Dr. Bender war nämlich der Meinung, daß die Gefährten sicher das gleiche Interesse an der Sache hätten wie er selbst.

34 Dann begann der Doktor mit der Negerfrau um das zu einem Abendschmaus bestimmte Zicklein zu feilschen. Da es aber zu den Gewohnheiten der schwarzen Menschen gehört, für alles, was sie zu verkaufen haben, einen Preis zu fordern, der den Wert der Ware um mehr als das Zwanzigfache übersteigt, so dauerte es länger als eine Stunde, bis Herr Bender endlich mit der Negerin handelseins wurde.

Mittlerweile war aber die Zeit so weit vorgeschritten, daß die Sonne gerade im Zenit stand, als die schwarze Frau wieder nach dem Dorf zurückkehrte. Dr. Bender holte daher sein astronomisches Besteck aus dem Zelte und bestimmte genau die Lage des kleinen, von ihm »Kiloa-Bucht« genannten Einschnitts in die Küste. Hierauf verzeichnete er die Ortsbestimmung sorgfältig in seinem Tagebuch.

Erst nachdem dies alles geschehen, weckte er den französischen Kaufmann, übertrug ihm die Wache und suchte dann selbst das Zelt auf, um sich dem Schlaf zu überlassen. – 35

 


 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.