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Das Kastell in der Kiloa-Bucht

Josef Baierlein: Das Kastell in der Kiloa-Bucht - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
authorJosef Baierlein
year1909
firstpubunbekannt
publisherJ. Habbel
addressRegensburg
titleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
pages100
created20141125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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4.

Der Schiffer und sein Matrose hatten unterdessen die Zelte der Reisenden aus der Dhau ans Ufer gebracht, sie dort aufgeschlagen und mit Matratzen ausgestattet. So erhielten die vier Europäer ein in ihrer gegenwärtigen Lage gar nicht zu verachtendes Unterkommen. Denn eine etwa leer stehende Negerhütte zu beziehen, hätte sich schon aus Gründen der primitivsten Reinlichkeit nicht empfohlen, während ein längerer Aufenthalt unter dem niedrigen Deck der Dhau viel zu unbehaglich gewesen wäre.

Gleich nach der Errichtung der Zelte machte der Doktor sich an den Einkauf von frischen Lebensmitteln. Merkwürdiger Weise verhielten sich aber die Neger sehr zurückhaltend und zeigten anfangs keine Lust, sich in einen Handel mit den Wasunga einzulassen. Erst als der Arzt eine Handvoll deutscher RupienSilbermünze für Deutsch-Ostafrika mit Brustbild des Kaisers im Helm. Ihr Wert beträgt 1 M 36 Pfg. aus seiner Tasche hervorzog, reizte der Klang der glänzenden Silberstücke ihren 21 Erwerbssinn. Dann jedoch brachten sie gerne, was von ihnen verlangt wurde.

Da es auch an Brennholz nicht fehlte, loderte vor den Zelten bald ein kleines Feuer auf, über dem Hühner am Spieß gebraten, Maiskuchen statt des Brotes geröstet und Negerhirse in Töpfen gekocht wurde. Nach der schmalen Schiffskost schmeckte dieses Frühstück, bei dem es auch Eier und frisches Trinkwasser gab, geradezu vortrefflich.

Die Reisenden hatten, um es einzunehmen, sich im Kreise auf der Erde gelagert. Nachdem sie gesättigt waren, sagte der französische Kaufmann zum Arzt:

»Es ist ein wahrer Segen, Herr Doktor, daß wir Sie bei unserer Gesellschaft haben. Denn was sollten wir ohne Sie anfangen? Wie könnten wir uns zurechtfinden zwischen Arabern und Negern mit Wollköpfen, da keiner von uns anderen sich mit ihnen verständigen kann? Wir sind Ihnen daher zu großem Dank verpflichtet.«

Doch der Doktor wehrte ab.

»Nichts von Dank!« sagte er. »Daß ich als Forschungsreisender einige Kenntnisse und Erfahrungen besitze, versteht sich von selbst. Wenn Sie aber auf meinen Rat etwas geben, so möchte ich Sie einladen, ohne Verzug den versäumten Schlaf nachzuholen und zu diesem Zwecke sich in die Zelte zu verfügen. Wie Sie sehen, sind der Schiffer und sein Matrose uns mit ihrem Beispiel schon vorangegangen. Sie liegen bereits in der Dhau und vergessen 22 im Schlafe auf alle Beschwerden der stürmischen Fahrt. Das gleiche wollen auch wir tun, meine Herren; nur dürfen wir die Vorsicht nicht außer acht lassen, und deshalb schlage ich vor, daß stets einer von uns Wache hält, während die übrigen drei der Ruhe pflegen. Auch bei Tage muß unser Lager unausgesetzt bewacht werden.«

»Fürchten Sie irgend eine Gefahr für uns, Herr Doktor?« fragte der Schwede.

»Ich kann darauf keine bestimmte Antwort geben. Aber mir gefällt dieser Wali nicht; er hat das ausgeprägteste Spitzbubengesicht, das mir je im Leben begegnete. Auch habe ich die Empfindung, daß hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Der Wali kennt sicher die Bedeutung des von uns erblickten Lichts, weil er mir hartnäckig einen Irrtum und die Unmöglichkeit, ein solches gesehen zu haben, einreden will. Sein Drängen, wir sollten schnellstens wieder in See gehen, erscheint mir auch auffallend, und ich habe ihn sogar im Verdacht, daß er die Neger anstiftete, uns keine Lebensmittel zu verabfolgen, damit wir dadurch zu einer schnelleren Abreise gezwungen wäre.«

»Was könnte den Mann veranlassen, sich feindselig gegen uns zu erweisen?«

»Darüber habe ich zur Zeit nicht einmal eine Vermutung. Nur ein undefinierbares vages Gefühl warnt mich vor ihm und sagt mir, daß wir auf unserer Hut sein müssen. 23 Immerhin weiß ich aber jetzt vom Wali, wohin wir vom Sturm verschlagen wurden.«

»Ah! Und wo befinden wir uns, Herr Doktor?«

»Auf dem Festland von Sansibar an der Küste Ostafrikas. Der Wali sagte mir nämlich, daß etwa 100 Seemeilen südlich von dieser Bucht die Hafenstadt Kiwindsche liege, und da die Suahelineger mit diesem Namen Kiloa bezeichnen, so dürfen wir annehmen, daß wir ungefähr 8 Breitengrade südlich vom Äquator an Land gekommen sind. Ich werde daher diese kleine versteckte, bisher namenlos gebliebene Bucht, in der wir heute eingelaufen sind, in meinen Tagebüchern als »Kiloa-Bucht« aufführen. – Doch es wird Zeit, meine Herren, daß Sie sich zum Schlafen in die Zelte zurückziehen. Die erste Wache bei Tage übernehme ich.«

Doch davon wollte Johannes nichts wissen.

»Nein, Vater!« sagte er. »Ich bitte dich, laß mich den ersten Wachtdienst tun. Ich bin jung und kräftig und habe die Ruhe nicht so nötig wie du. Zudem fühle ich nicht das geringste Schlafbedürfnis. Im Gegenteil. Ich könnte jetzt nicht einmal schlafen, weil der Eindruck, den dieses fremde Land auf mich macht, viel zu mächtig ist. Zum erstenmal betritt mein Fuß die afrikanische Erde, zum erstenmal sehe ich solchen wuchernden tropischen Pflanzenwuchs, zum erstenmal habe ich auch Gelegenheit, schwarze Menschen in ihrem 24 naturgemäßen gesellschaftlichen Zusammenleben zu beobachten. Das alles interessiert mich so sehr und bewegt meinen Geist derart, daß ich nicht zur Ruhe käme. Laß also mich, Vater, – ich bitte dich wiederholt darum, – die erste Wache halten und lege du dich schlafen.«

»Wenn nicht bald wieder Negerfrauen, die ich hierher bestellt habe, um ihnen Lebensmittel für unser Abendessen abzuhandeln, zu den Zelten kämen, würde ich deinen Wunsch wohl erfüllen. So aber hat man mir versprochen, ein Zicklein zu bringen, und diesen zarten Braten darf ich mir nicht entgehen lassen. Da du nun mit den Schwarzen nicht reden kannst, muß notgedrungen ich wachen und warten, bis die Leute herbeikommen.«

»Dann bitte ich dich, lieber Vater, erlaube wenigstens, daß ich einen kurzen Spaziergang am Ufer hin mache. Es drängt mich, die Neger mehr in der Nähe sowie ihr Leben und Treiben in den Hütten zu sehen. Ich versichere noch einmal, daß ich nicht das geringste Schlafbedürfnis habe.«

»Wenn du mir versprichst, dich von den Zelten nicht weiter als auf Rufweite zu entfernen –«

»Gewiß, Vater, – gerne.«

»So geh! Nimm aber deinen Revolver mit!« – –

Lächelnd und mit berechtigtem Stolz schaute der Doktor der schlanken und doch kräftig gebauten Gestalt seines Sohnes nach, der 25 elastischen Schritts die linke Strandseite der Bucht gegen das Meer hinging.

»Meinen Johannes umfängt auch schon der Zauber, dem alle Europäer unterliegen, wenn sie zum erstenmal den Boden des schwarzen Weltteils berühren,« dachte er. »Ich erinnere mich, wie bei meiner ersten Forschungsreise in Afrika auch mich tagelang der Schlaf floh. So mächtig wirkte das Tropenland auf mich ein.«

Plötzlich fuhr der Doktor auf aus seinem Sinnen. Vor ihm stand, wie aus dem Boden gewachsen, der Wali. Er mußte, hinter einem der die Bucht umkränzenden Büsche verborgen, den Weggang des jungen Mannes beobachtet haben.

Ohne sich Zeit zu gönnen, den üblichen Gruß zu sagen, trat er an den Arzt heran.

»Wer ist der junge Mensch, der soeben von dir fortgegangen ist?« herrschte er den Doktor an.

»Es ist mein Sohn,« antwortete der Deutsche, unangenehm berührt von der barschen Anrede des Arabers.

»Dein Sohn? Dann befiehl ihm, schnell zurückzukommen. Mach' hurtig, – rufe ihn zurück, ehe er auf jener Seite der Bucht weiter geht!«

»Warum?« fragte der Doktor, der nicht gesonnen war, der Aufforderung des Wali, ohne ihren Grund zu kennen, blindlings Folge zu leisten.

26 »Es sollte genügen, daß ich dir solches befehle; denn ich bin der vom Imam eingesetzte Vorsteher dieses Dorfes. Aber um ein übrigens zu tun, will ich dir noch sagen, daß ich allen meinen Untergebenen streng verboten habe, jenen Weg zu betreten.«

»Und ich sage dir,« erwiderte der Arzt fest, »daß du mir weder etwas zu befehlen noch zu verbieten hast. Wir alle, die wir heute an diese Küste kamen, sind keine Untertanen des Imams von Sansibar und noch weniger sind wir deine Untergebenen. Wir stehen vielmehr, – bedenke das wohl, o Wali, – auch in deinem Dorf immer noch unter dem Schutz unserer Konsuln.«

Der Araber biß sich auf die Lippen. Es war ihm bekannt, daß in Sansibar die Konsuln der europäischen Staaten residieren, und er wußte auch, daß jene Herren nicht mit sich spaßen lassen.

»Du willst also deinen Sohn nicht zurückrufen?« fragte der Wali, indem er aus seinen düsteren Augen dem Arzt einen Blick zusandte, in welchem letzterer verhaltene Wut, aber auch eine große Angst entdecken zu können glaubte.

»Gewiß nicht, wenn du mir keinen stichhaltigen Grund dafür angeben kannst«

»Nun, so höre denn! Als ich das Verbot 27 erließ, den Weg links um die Bucht herum zu begehen, hatte ich nur die Sicherheit der Dorfbewohner im Auge. Denn auf dem kleinen bewaldeten Hügel, den du dort siehst, hausen,« – hier dämpfte der Wali seine Stimme zu einem Flüstern, – »unzählige Dschinns

Der Deutsche lachte laut.

»Wie? du lachst?« verwies ihm das der Wali. »Weißt du nicht, daß die Dschinns keine Geschöpfe Allahs des Allgütigen und Allerbarmers sind, sondern daß der Scheitan sie formte und als Feinde des Menschengeschlechts aus der Gehenna losließ? Fürchtest du dich nicht vor ihrer Rache?«

»Nein! Die arabischen Gespenster, die nur in eurer Einbildung bestehen, fürchtet kein Europäer. Ich – –«

Der laute Knall eines Schusses schnitt dem Arzt das Wort vom Munde ab.

»Wehe, wehe!« stöhnte der Wali, mit zuckenden Fingern an seinem Bart zerrend. »Der Schuß hat sicher alle auf dem Hügel und in seinem Innern wohnenden Dschinns aus ihrer Ruhe aufgestört.«

Da der Schall von der Gegend hergekommen war, wo der Arzt jetzt seinen Sohn vermutete, 28 legte er seine Hände zu einer Art Sprachrohr zusammen und rief durch dasselbe über die Bucht hinüber:

»Hast du geschossen, Johannes?«

»Ja, Vater! Auf einen Vogel,« tönte es zurück. »Und dabei habe ich eine sehr merkwürdige Entdeckung gemacht.«

»Komm zurück zu den Zelten, Johannes!«

»Ich bin schon auf dem Wege, Vater!« – 29

 


 

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