Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Baierlein >

Das Kastell in der Kiloa-Bucht

Josef Baierlein: Das Kastell in der Kiloa-Bucht - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
authorJosef Baierlein
year1909
firstpubunbekannt
publisherJ. Habbel
addressRegensburg
titleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
pages100
created20141125
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

2.

Kurz nach Sonnenuntergang wurde das über dem stürmischen Meer lagernde Dämmerlicht vom Dunkel der schnell hereinbrechenden Nacht aufgesogen.

Die vier europäischen Reisenden hatten sich in die kleine, unter Deck befindliche und ihnen zur gemeinsamen Benützung dienende Kajüte begeben, wo sie beim trüben Schein der unaufhörlich schaukelnden Schiffslampe auf Holzschemeln einander gegenüber saßen und über ihre gegenwärtige Lage plauderten. In einem niedrigen Raum nebenan schnarchte, auf einer Matratze ausgestreckt, der Matrose Ali ben Zeid so kräftig, daß die rauhen Kehltöne selbst im Tosen der an die Borde der Dhau klatschenden Wellen noch hörbar blieben. Der arme Bursch war volle sechs Stunden am Steuer gesessen und von seinem Herrn erst vor kurzem abgelöst worden; jetzt schlief er tief und fest, um wieder bei Kräften zu sein, wenn ihn die Reihe des Wachens aufs neue traf. Der Schiffer Abdul ben Eddin steuerte unterdessen selbst das Boot. Er war der einzige Mann auf Deck und hielt scharfen Ausguck 7 nach den Lichtern eines etwa in der Nähe vorbeisegelnden fremden Schiffs. Denn nichts wäre in solcher Sturmnacht verhängnisvoller gewesen als ein Zusammenstoß mit einem anderen Fahrzeug.

Drunten in der Kajüte war eine kleine Pause im Gespräch der Reisenden eingetreten. Sie hatten das Thema, ob es nicht doch besser gewesen wäre, in Aden auf die Ankunft des Dampfers zu warten, nach allen Richtungen hin erörtert, waren aber zum Schluß gekommen, daß sie im Grunde genommen nichts zu bereuen hätten.

»Wir sind ja alle see- und wetterfest,« sagte der Schwede, »und wenn wir von den Wellen auch tüchtig geschüttelt werden, so hat das nicht viel zu bedeuten. Überdies kann der heftige Wind nicht ewig andauern. Er muß doch einmal wieder aufhören.«

»Wobei nicht zu vergessen ist, daß das Leben in diesem Schiff mir immerhin noch erträglicher vorkommt als im trostlosen Kraterloch von Aden,« setzte der Franzose hinzu. »Das einzige, was bedenklich erscheint, ist, daß wir seit drei Tagen nicht mehr wissen, auf welchem Punkte unseres Planeten das Schiff sich befindet.«

»Weil wir leider seit drei Tagen keinen Sonnenblick mehr hatten, weshalb ich meinen Sextanten nicht benützen konnte,« sagte Dr. Bender. »Doch brauchen wir deshalb keine Angst zu haben. Ich habe mich überzeugt, daß unser Schiffsführer, um vom Wind nicht an 8 die afrikanische Küste geworfen zu werden, wo allerdings die Gefahr des Scheiterns bestünde, immer den Kurs nach Süden statt nach Westsüd einhält. Und da wir auf diesem Wege nirgends auf Land stoßen, haben wir auch keinen Schiffbruch zu befürchten, – es müßte denn sein, daß wir der Küste viel näher sind, als wir denken – –«

»Horch, Vater – –!«

Mit diesen Worten unterbrach der junge Johannes Bender plötzlich die Rede des Doktors, und in der sofort eingetretenen Stille vernahmen die Reisenden deutlich einen Ruf.

»Aje! Aje!« klang es vom Verdeck her.

Das war ein Schrei, den die Araber bei jeder Gelegenheit auszustoßen pflegen, sei es, daß sie etwas Überraschendes entdecken, oder einen anderen darauf aufmerksam machen wollen. Es ist ein Schrei, der Schmerz ausdrückt und Hilfe begehrt, der aber nicht weniger eine Kundgebung der Freude sein kann. Was er in diesem Augenblick zu bedeuten hatte, war freilich rätselhaft.

»Unser Schiffer hat gerufen,« sagte der Franzose. »Was will der braune Kerl? Herr Doktor! Wollen Sie nicht die Güte haben, an Deck zu gehen, um ihn zu fragen, was los ist? Sie sind ja der einzige von uns, der das Gekrächze dieser Araber versteht.«

Bereitwillig erhob der deutsche Arzt sich von seinem Schemel und verließ die Kajüte. Doch schon nach wenigen Minuten kam er wieder zurück. Seine Miene erschien jetzt ernst.

9 »Was gibt's? Was gibt's?« riefen der Franzose und der Schwede wie aus einem Mund.

»Meine Herren!« antwortete der Arzt. »Wir werden eine unruhige Nacht bekommen. Denn wir befinden uns hart am Lande, wissen aber nicht, ob wir eine Insel oder die Küste des schwarzen Erdteils vor uns haben. Ein Licht, das immer an der nämlichen Stelle bleibt, also von keinem vorüberfahrenden Schiff herrühren kann, sagt uns jedoch, daß Land in nächster Nähe ist. Wenn es unserm Boot nicht gelingt, gegen den Wind aufzukreuzen und sich in der offenen See zu halten, so besteht Gefahr, daß wir an den Strand getrieben werden. Es bleibt daher nur übrig, den schlafenden Ruderknecht zu wecken; er muß seinem Herrn helfen, ein Segel aufzurollen und die Dhau gegen den Wind zu bringen. Bleiben wir dann die Nacht über in der offenen See, so haben wir gewonnenes Spiel; denn erst bei Tagesanbruch läßt sich entscheiden, ob und wo wir eine Landung bewerkstellen können. Weil aber niemand mit Sicherheit voraussagen kann, wie das Segelmanöver, das die Schiffsleute jetzt vornehmen müssen, abläuft, und ob es ihnen glückt, das Boot trotz des ungünstigen Winds vom Lande abzubringen, ersuche ich die Herren, sich nicht zum Schlafen niederzulegen. Es ist besser, wenn wir auf alle Eventualitäten vorbereitet sind.«

Obgleich der Doktor seine Mitteilung 10 möglichst ruhig gemacht hatte, begriffen die Zuhörer doch schnell den Ernst ihrer Lage. Aber als mutige Männer ließen sie sich keine Bestürzung anmerken. Sie begaben sich zwar auf Deck und überzeugten sich dort, daß in der Entfernung von etwa einer halben Seemeile irgendwo ein Licht brannte, und daß also die Dhau nahe an Land hinfuhr. Aber sie verloren deshalb nicht den Kopf, hinderten auch nicht den Schiffer, der mit dem mittlerweile geweckten Matrosen ein Segel losband, durch unnützes Hin- und Herrennen an den nötigen Hantierungen, sondern betrachteten kalten Bluts das kleine Licht, welches sie noch zur rechten Zeit vor der Strandung bewahrt und dadurch vielleicht ihr Leben gerettet hatte.

»Was halten Sie von jenem Flämmchen dort drüben, Herr Doktor?« fragte der französische Kaufmann den Arzt. »Ist es das Feuer eines Leuchtturms?«

»Nein, Herr Lancier,« entgegnete der Deutsche; »eine solche Annahme erscheint ganz ausgeschlossen. Für ein Leuchtfeuer steht das Licht viel zu niedrig; auch ist es viel zu schwach und zu trüb. Beachten Sie nur, wie es, obgleich stabil, stets zu versinken scheint, so oft unser Schiff sich in einem Wellental befindet; erst wenn die Dhau wieder auf die Spitze eines Wogenbergs emporgehoben ist, wird es aufs neue sichtbar. Das ist ein Beweis, daß der Ort, von dem das Licht ausgeht, sich nur wenig über den Meeresspiegel erhebt. Von einem Leuchtturm, die alle eine beträchtliche Höhe 11 haben, kann daher keine Rede sein. Ich weiß selbst nicht, was ich von jenem Feuerschein halten soll. Jedenfalls befindet sich das Licht ganz nahe am Meeresufer, sonst würden wir's nicht sehen; deshalb könnte man glauben, ein Wachtfeuer vor sich zu haben, das in einem Negerdorf brennt. Aber dazu leuchtet es zu stetig, und es flackert auch nicht im geringsten. Es muß also in einer Laterne oder sonstwie in einem geschlossenen Raum brennen. Allerdings seltsam, – weil ich mir nicht vorzustellen vermag, zu welchem Zweck man eine Laterne oder etwas Ähnliches hart am Meeresufer aufgestellt haben könnte. Doch – was nützt das Nachgrübeln?!« unterbrach da der Arzt selbst seinen Gedankengang. »Die Hauptsache für uns ist, daß wir dem rätselhaften Licht nicht näher kommen, und es scheint auch unsern Schiffsleuten zu glücken, die offene See zu halten.«

»Woraus schließen Sie das?«

»Aus der unleugbaren Tatsache, daß der Lichtschein von Minute zu Minute schwächer wird. Als der Schiffsführer ihn zum erstenmal wahrnahm, war die Dhau kaum eine halbe Seemeile davon entfernt. Führen wir also dem Lande entgegen, so müßten wir in der seitdem verstrichenen Zeit ihm schon so nahe gekommen sein, daß das Licht sich deutlicher und größer zeigte, ja daß sich sogar seine Provenienz erkennen ließe. Statt dessen erscheint es stets kleiner, und wie Sie sehen, ist es jetzt nur mehr wie ein leuchtender Punkt 12 zu bemerken. Das ist doch ein deutliches Zeichen, daß wir vom Lande loskommen.«

Der Arzt täuschte sich nicht in seinen Schlüssen. Den vereinigten Anstrengungen des Schiffeigners und seines Matrosen gelang es wirklich, gegen den Wind einigermaßen anzukämpfen, und wenn die Nacht für die Reisenden auch schlaflos verlief, so hatten sie dafür die Genugtuung, das Land, das ihnen bald gefährlich geworden wäre, am Morgen wie einen langgestreckten dunklen Streifen in sicherer Entfernung westwärts von ihrem Schiff liegen zu sehen.

Da bei Tagesanbruch auch der Sturm sich mäßigte und nach und nach abflaute, konnte die Dhau dem Land wieder näher kommen und eine geeignete Stelle zum Anlaufen desselben aufsuchen.

Die Reisenden hatten die Küste Ostafrikas erreicht, ohne vorerst zu wissen, an welchen Strand des dunklen Kontinents sie von Wind und Wellen getrieben worden waren. Denn noch ließ sich nicht einmal unterscheiden, ob sie an einer Insel oder am Festland hinfuhren. – 13

 


 

3.

Als das Gestirn des Tages in glänzender Schöne sich aus dem Meeresschloß erhob und mit seinen Strahlenpfeilen die letzten Schatten der Nacht verscheuchte, wurde mit dem abnehmenden Wind auch der Wogenschwall viel schwächer. Die See ging zwar noch hohl und wälzte noch immer schwere schaumgekrönte Wassermassen an den niedrigen Strand; aber die Brandung war doch nicht derart, daß sie die Dhau hätte verhindern können zu landen, wenn sich nur ein passender Platz dazu gezeigt hätte.

Doch einen solchen konnte man lange nicht finden. Erst nach geraumer Weile entdeckte der Schiffer eine kleine, von üppigem tropischen Pflanzenwuchs umsäumte Bucht, deren Eingang von Mimosen und Schlinggewächsen eingeengt und so überwuchert war, daß er der Aufmerksamkeit Abduls beinahe entgangen wäre.

Gewiß ist diese kleine, versteckte Bucht auf keiner Land- noch Seekarte verzeichnet, da sie größeren Schiffen keinen Schutz, auch keinen hinlänglich tiefen Ankergrund böte. Als aber 14 die Dhau mit gerefften Segeln den engen Eingang passiert hatte, kam sie sofort in stilles, vom Wind fast unbewegtes Fahrwasser, und die Reisenden erblickten ein Negerdorf, dessen mit Maisstroh oder dürren Palmblättern gedeckte, von dornigen Sträuchern eingezäunte Hütten rings um die Bucht zerstreut lagen. Von einer dieser Hütten wehte zum Zeichen, daß darin der Wali, der Dorfvorsteher und Richter, wohnte, eine viereckige rote Flagge.

Daraus erkannten die Reisenden, daß sie sich entweder auf einer der zum mohammedanischen Reich Sansibar gehörigen Inseln, oder aber an dem Küstenstrich des ostafrikanischen Festlandes, der dem Sultan von Sansibar gleichfalls unterworfen ist, befanden. Denn im Jahre 1880 hatte der damals regierende Sultan Bargasch ben Said zwar die großen Küsten und Hafenstädte Pangani, Bagamoyo, Dar-es-Salaam und Lindi schon an die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft abgetreten, die Verwaltung des übrigen Küstenlandes sich aber noch vorbehalten. Die Häuser der von ihm eingesetzten Wali waren daher durch sein Hoheitszeichen, die rote Fahne kennbar gemacht.

Als die Dhau in die kleine Bucht einlief, wurde sie im Dorf sofort bemerkt. Die schwarzen Eingeborenen kamen aus ihren Hütten, versammelten sich am Strand und beobachteten neugierig das näher kommende Fahrzeug. Ein Araber, eingehüllt in einen weißen, aber stark beschmutzten Burnus und mit einem ebenso schmutzigen Turban auf dem Kopf, befand sich 15 mitten unter ihnen. Es war der Wali, der gleichfalls herbeigeeilt war, um die fremde Dhau zu sehen.

Er zeigte sich aber sehr überrascht, als statt der arabischen Landsleute, die er im Schiff vermutet hatte, vier Europäer ans Land stiegen. Denn die Weißen benützen bei längeren Seereisen in der Regel keine arabischen Segelboote, sondern fast ausnahmslos nur die Dampfer europäischer Gesellschaften, oder eigene Jachten, wenn sie von einer Küstenstadt zur andern fahren. Beim Anblick der weißen Männer machte er daher ein überaus erstauntes Gesicht, man hätte sogar sagen können, daß er betroffen und unangenehm enttäuscht aussah. Ein um das andere Mal zauste sein braune Hand den grauen bis zur Brust herabwallenden Vollbart; seine tief liegenden stechenden Augen wanderten unruhig hin und her und schienen die Absichten der Fremden aus ihren Mienen ergründen zu wollen, und seine schmalen eingekniffenen Lippen murmelten leise unverständliche Worte.

Aber auch die Neger waren erstaunt, als sie vier Wasungu, Leute aus Uleia erblickten, die in einer arabischen Dhau nach dieser versteckten Bucht gekommen waren. Es mußte das für sie ein sehr seltsames, unvorhergesehenes Ereignis sein, das alle in hohem Grade aufregte; denn sie plauderten laut mit 16 einander, gestikulierten lebhaft und scharten sich endlich dicht um den Wali, um ihn dem Anschein nach mit Fragen zu bestürmen.

Die Reisenden schenkten dem sonderbaren Benehmen des Wali und seiner schwarzen Untergebenen vorerst keine Aufmerksamkeit. Nach der stürmischen, schlaflos zugebrachten Nacht lag ihnen vor allem daran, schnell an Land und dann zur Ruhe zu kommen. Deshalb wandte der Arzt, sofort nachdem die Dhau am Ufer festgemacht war, sich an den Schiffsführer.

»Abdul!« sagte er zu ihm, »wir wollen hier unter allen Umständen einige Zeit rasten, ehe wir wieder in See gehen. Ich glaube, auch du und dein Ruderknecht werdet froh sein, nach der schweren Woche, die wir hinter uns haben, einmal am festen Lande ungestört ausschlafen zu können. Laß also durch Ali unsere Zelte aus dem Gepäckraum herausschaffen, wir werden sie am Ufer aufschlagen, damit wir nahe beim Schiff sind und es immer unter Augen haben. Und weil ich die Sprache dieser Schwarzen verstehe, werde ich trachten, ihnen Lebensmittel abzukaufen. Gebratene Hühner und frisch gebackene Maisbrote dürften ein leckeres Mahl sein für uns alle.«

»Gut, Herr!« antwortete der Schiffseigner. »Es soll geschehen, was du befohlen hast. Ich werde gleich mit Ali euere Zelte ans Ufer tragen. Mir aber und meinem Knecht erlaube, daß wir an Bord bleiben. Da wir fremd in diesem Lande sind und nicht wissen, ob die 17 Schwarzen eine friedliche oder feindliche Gesinnung haben, halte ich es für klüger, die Dhau nicht zu verlassen.«

Als der Wali hörte, daß der Doktor mit dem Schiffer arabisch redete, ging er auf ihn zu, kreuzte die Arme über der Brust zum Zeichen der Ehrfurcht und sprach ihn gleichfalls arabisch an.

»Salem aleïkum!«Arabisch; eigentlich Selan aleïkum, »Friede sei euch,« die gewöhnliche Grußformel, die dann mit Aleïkum selam erwidert wird. begrüßte er ihn. »Herr, du siehst in mir den Wali dieser Ortschaft, und als solcher muß ich dich fragen, wer ihr seid, woher ihr kommt, und was ihr bei uns suchet.«

Bereitwillig gab der Arzt Auskunft. Er erzählte auch, wie die Dhau durch den Sturm aus ihrem Kurs kam, wie die Reisenden durch das plötzliche Erscheinen eines Lichts veranlaßt wurden, an der Küste zu kreuzen, und wie sie am Morgen diese kleine Bucht aufgefunden hätten.

Bei Erwähnung des Lichtscheins erschrak der Wali so sehr, daß er merklich zu zittern begann. Aber er suchte sich zu fassen und verzog sein raubvogelartiges Gesicht zu einem Grinsen, das ein freundliches Lächeln vorstellen sollte.

»Herr!« sagte er, »ihr habt euch getäuscht. Licht oder einen Feuerschein könnt ihr nicht wahrgenommen haben. Denn unser Dorf ist 18 an der Küste weit auf und ab die einzige Ortschaft. Die in unseren Hütten brennenden Feuer können aber vom Meer aus nicht gesehen werden, weil sie innerhalb der lebenden Mauer von Bäumen und Hecken liegen, die den Eingang zur Bucht verdeckt. Ihr habt euch also getäuscht.«

»Ein Irrtum ist unmöglich, weil wir alle das Licht gesehen haben,« erwiderte der Doktor, »und das war auch ein Glück für uns. Sonst wäre unser Schiff wahrscheinlich gestrandet.«

»Nein, nein,« entgegnete der Wali, heftig den Kopf schüttelnd, »woher sollte an dieser Küste ein Licht kommen? Schlagt euch die Sache aus dem Sinn, Herr!«

»Ist denn kein Hafen, keine größere Stadt in der Nähe? Und wo befinden wir uns eigentlich?«

»Auf dem Festland von Sansibar. Die Küste ist unserm Sultan unterworfen. Der nächste Hafen aber ist jener von Kiwindsche; da er aber über hundert Seemeilen von hier südwärts liegt, könnt ihr das Blinkfeuer des dortigen Leuchtturms auch nicht wahrgenommen haben.«

»Ein Blinkfeuer war es auch nicht,« sagte der Arzt nachdenklich.

»Wollt ihr denn lange bei uns bleiben?« fragte der Wali mit gespanntem Gesichtsausdruck. Wie es dem Doktor vorkam, wäre es dem arabischen Würdenträger wohl am liebsten gewesen, wenn die Fremden schnellstens 19 wieder abgereist wären. Doch das ging nicht an. Sie waren von den Strapazen der stürmischen Fahrt so erschöpft, daß sie sich unbedingt zuerst einigermaßen erholen mußten.

»Wir werden uns nur so lange bei euch aufhalten,« sagte daher der Arzt, »bis wir ausgerastet haben und wieder zu Kräften gekommen sind. In zwei, höchstens drei Tagen wird das der Fall sein, und bis dahin dürfte auch das Meer sich beruhigt haben. Dann setzen wir unsere Reise nach der Stadt Sansibar fort.«

»Ja,« stimmte der Wali bei, »tut das, – je eher desto besser. Denn ihr werdet hier nur wenig Bequemlichkeit finden. Auch sind die Leute im Dorf sehr arm, und deshalb Lebensmittel nur schwer aufzutreiben«

»Da wir alles bar bezahlen, hoffe ich doch zu bekommen, was wir brauchen. Ich will gleich mit deinen Schwarzen reden.«

»Verstehst du denn auch das Kisuaheli, die Sprache der Neger an unserer Küste?« fragte der Wali verwundert.

»Gewiß, da ich schon zwei Jahre in euerm Lande gelebt habe.«

»Aje! Nun, dann wünsche ich dir Glück zum Handel mit den Leuten meines Dorfes. Salem aleïkum, Sidi Hekim

»Aleïkum salem, Sidi Wali!« erwiderte der Doktor höflich.

Damit schloß das Gespräch der beiden. – 20

 


 

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.