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Das Kastell in der Kiloa-Bucht

Josef Baierlein: Das Kastell in der Kiloa-Bucht - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
authorJosef Baierlein
year1909
firstpubunbekannt
publisherJ. Habbel
addressRegensburg
titleDas Kastell in der Kiloa-Bucht
pages100
created20141125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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11.

Endlich waren die zwei Schiffe so nahe beieinander, daß der britische Kreuzer die Dhau auffordern konnte, ihre Flagge zu hissen. Wider alles Erwarten wurde dem signalisierten Befehl unverzügliche Folge geleistet. Am Hauptmast des Sklavenhändlers stieg eine Flagge empor.

»Was soll das sein? Will uns der Schuft verspotten?« sagte Kapitän Raleigh empört zu seinem ersten Maat. »Er zeigt uns ein beschmutztes Tischtuch mit einem roten Klecks in der Mitte!«

Als sich aber das Tuch ganz entfaltet hatte und in günstiger Sonnenbeleuchtung am Mast wehte, erkannten es die Offiziere zu ihrem Erstaunen als eine zwar alte und sehr unsaubere, immerhin aber als eine wirkliche Flagge. Es waren die Farben Portugals, die zu zeigen der arabische Menschenverkäufer für gut fand.

Der schmale blaue Streifen war jedoch so verblichen, der breite weiße so voll Schmutz und die Stickerei des portugiesischen Wappens derart abgenützt, daß man leicht begriff, wie der Kapitän dieses Flaggenmuster im 79 ersten Moment für ein stark besudeltes Tischtuch ansehen konnte, das nur zum Hohn aufgezogen worden wäre.

Nachdem er aber seines Irrtums gewahr geworden, lachte der Kapitän verächtlich auf.

»Also für solche Tölpel hält uns der Bursche,« sagte er mit einem grimmigen Ausdruck in seinen Zügen, »daß er glaubt, wir würden uns durch einen plumpen Kniff betören lassen! Weil er die Flagge eines europäischen Staates gehißt hat, meint er vor der Durchsuchung seines Schiffes sicher zu sein! Nun, da soll er schnell eines Besseren belehrt werden. Mr. Brown,« befahl er, »lassen Sie das Signal geben, daß die Dhau beizudrehen und daß ihr Befehlshaber an unsern Bord zu kommen hat.«

Und auch die Vorbereitungen, dieser Aufforderung nachzukommen, wurden vom Sklavenschiff ohne Zögern getroffen. Man sah, wie der Segler seinen Kurs änderte und in einem zierlichen Bogen nach Westen abfiel. Dadurch fuhr er mit einemmal wieder mit dem Wind, und es schien, als wolle er dem britischen Dampfer langsam entgegensteuern.

Kapitän Raleigh war eben im Begriff, den ersten Leutnant zu sagen, daß ihm der unerwartete Gehorsam des Sklavenhändlers etwas verwunderlich vorkomme, und daß er schon zu zweifeln beginne, ob er auch geraubte Neger an Bord hätte, – da geschah etwas Erstaunliches.

80 Auf der Dhau waren plötzlich mehrere Mann ins Segelwerk gesprungen; wie von Geisterhand bewegt fiel die aufgebundene Leinwand der beiden Maste auf einen Schlag, der starke Ostwind füllte alle Segel bis zum Zerplatzen, und im Nu flog das Schiff vor dem Wind, einem Renner gleich, der ungeduldig lange darauf gewartet, seine unvergleichliche Schnelligkeit zu beweisen. Es pflügte die See, daß die Wellen hoch aufschäumten und sein Verdeck mit weißem Gischt übergossen.

Das Manöver war so rasch und exakt ausgeführt worden, daß es schon vollzogen war, noch ehe die Offiziere des englischen Dampfers die Absicht des Sklavenhändlers durchschaut hatten. Kaum aber waren sie im klaren darüber, daß der im gleichen Grade kühne wie verschmitzte Führer der Dhau den verblüffenden Versuch wagte, bei Tage und unter den Kanonen eines britischen Kreuzers zu entfliehen, da erwachten auch sie zu energischer Tätigkeit.

»Da – da – er will nach dem Land entkommen! Er segelt mit bestem Wind der Küste wieder zu!« schrie der Kapitän aufgeregt. »Und jetzt zeigt er auch sein wahres Gesicht. Statt der portugiesischen Flagge hat er die türkische aufgezogen! Eine solche Frechheit ist unerhört. Mr. Brown, geben Sie's dem arabischen Hund! Fordern Sie ihn auf, die Segel zu streichen!«

81 Im nächsten Augenblick donnerte ein Kanonenschuß über das Wasser, und die Besatzung des Dampfers sah, wie die Kugel hart vor Steuerbord des Sklavenschiffs ins Meer fiel. Die Dhau machte aber keine Miene, diesen deutlichen Befehl zu beachten, sondern setzte ihre Fahrt mit vollen Segeln fort.

»Ich ließe das arabische Fahrzeug in den Grund bohren, wenn mich die Neger nicht erbarmten, die es an Bord hat,« sagte der Kapitän mit zorniger Stimme. »Mr. Brown, schicken Sie ihm noch eine Kugel zu, – diesmal aber in sein Segelwerk, damit er sieht, daß wir Ernst machen!«

Doch der Sklavenhändler hatte, noch ehe das Kommando zur Ausführung kam, schon ein neues Manöver eingeleitet. Denn mit sehr gemischten Gefühlen bemerkte der Kapitän, daß die Dhau plötzlich eine andere Segelstellung vornahm. Sie fiel von ihrem östlichen Kurs einige Striche nach Süden ab und steuerte, unbekümmert um die Kugel, die der Dampfer ihr nachschickte, und ohne ihre Geschwindigkeit im geringsten zu mäßigen, geradewegs dem Nebel entgegen, der sich wie eine feuchte bewegliche Mauer über das Meer hinschob.

Die Besatzung des Dampfers hatte nämlich, von der Jagd auf das Sklavenschiff vollauf in Anspruch genommen, die meteorologische Veränderung, die unterdessen am Firmament vorgegangen, außer acht gelassen 82 oder ihr wenigstens keine hinreichende Aufmerksamkeit geschenkt.

Dem Sklavenhändler dagegen war in den schweren Wolken, die am südlichen Horizont heraufzogen, und die so tief zum Wasser herabreichten, daß sie sich mit dem aufsteigenden Nebel vermischten, ein willkommenes Mittel zu seiner Flucht vor dem britischen Kreuzer geboten. Deshalb mißachtete er dessen zweimalige, durch scharfe Schüsse unterstützte Aufforderung, die Segel zu streichen, und flog mit dem Aufgebot größter Geschwindigkeit der sich heranwälzenden Nebelwand zu, um hinter ihr Deckung zu finden.

Und das verwegene Unternehmen glückte. Kaum war die Dhau in die Nebelregion eingetreten, da wurden ihre Umrisse verschwommen und undeutlich; feuchte Schleier spannen sich um das Schiff, hüllten es von allen Seiten ein, und bald war es wie hinter einem dichten undurchsichtigen Vorhang verschwunden.

Selbstverständlich verlor die »Fearleß« keine Minute, die entflohene Dhau zu verfolgen. Aber die Möglichkeit, sie im wogenden wallenden Nebel, der fortwährend seine Gestalt veränderte und dadurch die wunderlichsten Formen vortäuschte, wieder aufzufinden, war nur gering. Zudem kam jetzt das vom Nebel angekündigte Gewitter zum jähen Ausbruch.

83 Ein Gewitter unter den Tropen ist eine furchtbare Naturerscheinung. Der Himmel schien mit einem Schlag in Flammen zu stehen, und der unmittelbar darauf folgende Donner rollte schrecklich. Dann zuckten blendende Blitze auf, die das wolkenschwere Firmament nach allen Richtungen hin durchfurchten, und jede dieser Entladungen war von einem Krachen begleitet, das den Dampfer erschütterte und den Ozean aufzuwühlen schien. Die Sonne hatte ihren Schein verloren und sandte nur ein fahles, unheimliches Dämmerlicht durch das Gewölk. Der Ostwind hatte sich stoßweise zum Sturm ausgewachsen; er peitschte das Meer, daß es zu berghohen, kochenden, schäumenden Wellen aufstieg, die übereinander stürzten, miteinander kämpften und kämpfend sich selbst vernichteten. Und dann öffneten sich plötzlich die Schleusen des Himmels; der Regen fiel wie aus Kübeln geschüttet, überflutete das Verdeck des Dampfers und durchnäßte die diensttuende Mannschaft bis auf die Haut.

Zum Glück dauern die tropischen Gewitter nicht lange. So schnell sie entstehen, so rasch verziehen sie sich auch, und als die Sonne ihrem Untergang nahe war, stand sie wieder an einem klaren wolkenlosen Firmament. Der Nebel hatte sich aufgelöst, die Aussicht über den ganzen Horizont hin war frei, und nur das Meer ging noch hohl und toste um die Bordwände des Dampfers. Doch auch die Wellen mußten sich bald beruhigen, da der 84 Sturm von zu kurzer Heftigkeit gewesen war, um den Ozean mehr als einige Meter tief aufzuwühlen.

Die europäischen Passagiere hatten schon vor Ausbruch des Gewitters ihre Kajüten aufgesucht, da sie keine Lust verspürten, sich dem Regen auszusetzen. Nachdem aber der Aufruhr der Elemente vorüber war, kamen sie alle wieder auf Deck; denn wie die Schiffsmannschaft, so brannten auch sie vor Verlangen, zu sehen, was aus der Sklavendhau geworden wäre.

»Der Racker hat sich gut im Sturm gehalten,« sagte Kapitän Raleigh zu Dr. Bender, als er ihn wieder sah. »Wenn ich den verwegenen Menschenhändler auch in die Abgründe der Hölle hinein verwünschen möchte, so will ich ihm doch Gerechtigkeit widerfahren lassen, indem ich anerkenne, daß er ein vollkommener Seemann ist. Er hat die Vorgänge am Himmel besser beachtet als wir, hat seinen Vorteil wahrgenommen und aus Nebel und Gewittersturm Nutzen für sich gezogen. So sehr ich mich ärgere, daß er mir wiederum – diesmal gleichsam aus der Hand entschlüpft ist, sage ich doch, daß er eine feine Arbeit geleistet hat. Da schauen Sie hinaus, Sir, dort fährt er mit vollen Segeln nach Westen, gewiß in aller Gemütsruhe. Er weiß ja, daß wir ihn vor Nacht nicht mehr einholen können, und daß er nach Einbruch der Dunkelheit vor jeder Verfolgung sicher 85 ist; denn der Bursche zündet allen internationalen Schiffahrtsvorschriften zum Trotz nachts keine Schiffslaternen an.«

»Das ist richtig,« schaltete hier der Arzt ein; »auch in der letzten Nacht sahen wir ihn ohne Lichter fahren.«

»Und wenn er sich bis zum kommenden Morgen der Küste nur auf 9 Seemeilen nähert, können wir ihm wieder nichts anhaben, weil schon in dieser Entfernung das Fahrwasser für meinen Dampfer zu seicht ist. Er darf also getrost jetzt der Küste zusegeln.«

»Morgen ist auch noch ein Tag, Herr Kapitän, und Sie werden ihn morgen um so sicherer fassen, als er ohne Zweifel seinen alten Ankerplatz in der Kiloa-Bucht wieder aufsucht, wo er warten will, bis die »Fearleß« nach einem anderen Wirkungskreis abgedampft ist. Er hat ja keine Ahnung, daß ich eine Ortsbestimmung der Bucht aufgenommen habe, und daß Sie jetzt imstande sind, ihn mittelst Ihrer Boote in seinem Versteck aufzustöbern.«

»Das ist auch meine Absicht,« sagte der Kapitän, »und ich freue mich schon darauf, ihm den Ärger, den er mir seit langem und auch heute wieder bereitet hat, mit Zinsen heimzuzahlen. Sind sie mit von der Partie, Herr Doktor?«

86 »Gerne, wenn Sie erlauben, daß auch mein Sohn Johannes der Expedition sich anschließt.«

»Dann ist die Sache abgemacht. Sie erhalten Plätze in dem Boot, das ich selbst kommandieren werde.« – 87

 


 

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