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Das Kaiseressen

Adolf Stoltze: Das Kaiseressen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen (Gesammelte Werke Bd. 8)
authorAdolf Stoltze
year1908
publisherVerlag von Heinrich Stoltze
addressFrankfurt a. M.
titleDas Kaiseressen
pages225-256
created20051111
sendergerd.bouillon
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Adolf Stoltze

Das Kaiseressen

Novelle

Orden sind Dinge, die manchen ehren und viele lächerlich machen, denn sie sind nur ernst zu nehmen, wo sie ein wirkliches Verdienst belohnen; ist das nicht der Fall, sind es Almosen, die der bettelnden Eitelkeit gereicht werden. Wie mancher läuft wie ein prämiiertes Schaf in der menschlichen Herde herum, weil er einmal einem König die Stiefel wichste oder bei der Reise eines Fürsten im Gefolge mittrotteln durfte; weil er eine hübsche Schwester hatte oder bei loyalen Kundgebungen den Mund so weit aufriß, daß man ihm bis in den Magen sehen konnte. Er ist stolz auf sein verstopftes Knopfloch und fühlt nicht, daß er die drollige Figur unter ernsten Leuten spielt. Diese Sorte Dekorierter ist zahlreicher als man annimmt, und sie erwecken den Neid armer Schlucker, die unbebändert am Wege stehen und sehnsüchtig nach einer der vielfachen Auszeichnungen für mangelnde Verdienste ausschauen.

Auch Herr Gänseklein fühlte sich tief unglücklich über sein schmuckloses Dasein, zumal seine Kegelbrüder mit Stolz auf ihre Viertklässer deuten konnten. Der Herr Stationsvorsteher, der Herr Zollkontrolleur, der Herr Kanzleirat, sogar der Herr Sterilisationsdirektor und der Herr Badwannenfabrikant, sie alle waren vor ihren Nebenmenschen kenntlich gemacht, nur Herr Gänseklein nicht. Das schmerzt, das tut wehe! Namentlich wenn man sich durch tadellos devote Haltung ausgezeichnet, vor jeder leeren Hofkutsche seine Reverenz gemacht und zweihunderttausend Mark Mitgift mit einer kinderlosen Witwe heimgeführt hat.

Herr Gänseklein bemühte sich deshalb, die in Ordenssachen einflußreichen Persönlichkeiten auf sich und den Hunger seines gähnenden Knopfloches aufmerksam zu machen. Und weshalb nicht? In einer Zeit, wo mächtige Vereine, die einst mit einem Tropfen demokratischen Öls gesalbt waren, glauben, nur noch unter dem Protektorat hoher Herrschaften gedeihen zu können, darf sich der Einzelne schon einen Gummirücken anbeugen.

Da Herr Gänseklein wußte, daß der Herr Polizeipräsident von Auerhahn bei schönem Wetter den Weg nach seinem Dienstgebäude zu Fuß zurücklegte, richtete er es ein, ihm hierbei regelmäßig auf der Straße zu begegnen. Als dies zum ersten Male geschah, und er seinen Hut mit affenartiger Geschwindigkeit von seinem dünnbehaarten Schädel riß, sah ihn der Herr Präsident zwar etwas erstaunt an, dankte aber trotzdem leutselig und verbindlichst. Damit war das Eis für Herrn Gänseklein gebrochen, und der Laubfrosch seiner Sehnsucht quakte, gutes Wetter verheißend.

Wo es nur irgend anging, näherte er sich nun dem ersten Polizeibeamten, der stets jovial die Höflichkeitsanzapfungen des ihm bekannten Unbekannten über sich ergehen ließ. Da aber der Chef der Sicherheitsbehörde häufig von dem Herrn Regierungspräsidenten begleitet wurde, gelang es Herrn Gänseklein, sich auch bei diesem anzugrüßen. Allerdings kosteten ihm diese platonischen Annäherungen jährlich vier neue Zylinderhüte, drei schwarze und einen grauen; aber was war das gegenüber der Wonne, von Leuten in so hoher Stellung bemerkt und vielleicht einmal für eine Dekoration vorgeschlagen zu werden?

Eines nur schmerzte den Ordenssüchtigen, daß sich diese häufigen Begegnungen immer unter freiem Himmel abspielten, wodurch es ausgeschlossen erschien, auch einmal mit einem Händedruck oder gar mit einer Prise Schnupftabak beehrt zu werden. Nur einmal im Jahre war dieser glorreiche Moment möglich, an dem Tage, wo er sich mit all den hohen Herrschaften unter einem Dache befand – bei dem Kaiseressen.

Das Kaiseressen war deshalb auch das größte Ereignis in seinem Rentierleben. Schon acht Tage zuvor trug er während der Vormittagstunden die Bartbinde, jenen Maulkorb für Leute mit aufgezwirbeltem Schnurrbart; ließ sich die tornisterblonden Haare militärisch kurz schneiden und übte sich im Gesang der Nationalhymne.

Als auch heuer wieder der große Tag anbrach, verzichtete er, ganz gegen seine Gewohnheit, nach Einnahme seines zweiten Frühstückes auf weitere Atzung, da er der Ansicht war, daß bei einem Kaiseressen der wahre Patriotismus auch durch einen gesegneten Appetit in Erscheinung treten müsse, zumal wenn das trockene Couvert sechs Mark koste. Schon am Morgen besuchte er den Gottesdienst, erst in der katholischen, dann in der evangelischen Kirche. Diese doppelte Andacht war nötig, um allseitig bemerkt zu werden, denn der Herr Regierungspräsident war römisch-katholisch und der Herr Polizeipräsident protestantisch.

Es hatte während der Nacht heftig geschneit und jetzt war Regenwetter eingetreten, wodurch sich auf den Wegen mächtige Pfützen bildeten und den Fahrdamm fast unpassierbar machten. Herr Gänseklein hatte, als er die Stätte der Andacht verließ, seinen Mantelkragen aufgerichtet und wollte eben um die Ecke biegen, als dicht vor ihm ein General, der die Straße kreuzen wollte, unvorsichtigerweise in eine Lache trat und sich den roten Streifen seines Beinkleides beschmutzte. Kaum hatte Herr Gänseklein den Schaden bemerkt, da stürmte er auch schon auf den Ahnungslosen zu, zog sein Taschentuch und wischte die Kotspritzer weg.

Der Offizier sah ihm einen Augenblick kopfschüttelnd zu und fragte, als er mit seiner Tätigkeit zu Ende war und unter tiefen Bücklingen seinen Hut abnahm, was er schuldig sei.

»Exzellenz!« stammelte Herr Gänseklein, durch diese huldvolle Anrede betroffen und verwirrt, »es war mir eine hohe Ehre an einem Tag wie dem heutigen, wenn ich so sagen darf, zwar nicht den Rock, aber doch die Hosen des Kaisers gereinigt zu haben.«

»Waren Sie Soldat gewesen?«

»Leider hatte ich nicht die Ehre, aber ich bin Mitglied in einem konservativen Wahlverein und entschlossen, bei Reichstagswahlen ganz im Sinne der Regierung zu wählen.«

»Das ist löblich – danke Ihnen!« und mit einem kurzen Gruße stampfte der Offizier weiter.

Herr Gänseklein sah ihm mit weitaufgerissenen Augen nach. »Das ist löblich,« hatte Exzellenz gesagt. Löblich! ein solches Lob, aus solchem Munde kam ihm wie eine glückbringende Verheißung vor. Sein Gesicht verklärte sich bei dem Gedanken, daß ihn dieser ausgezeichnete Mann bei dem Kaiseressen wiedererkennen, und wenn er seinen Namen erfahren, vielleicht mit dem Herrn Regierungspräsidenten über seine patriotische Gesinnung sprechen werde.

Noch nie zuvor hatte er eine nationale Festlichkeit mit so gehobenen Gefühlen besucht wie heute, obgleich sein leerer Magen bedenklich knurrte, und es darauf anlegte, ihm die gute Laune gründlich zu verderben. Ein Abglanz seiner festlichen Stimmung traf sogar den Droschkenkutscher dreihundertzweiundsiebzig, der ihn nach dem Gebäude fuhr, in dem das Bankett stattfand, und dem er nicht nur die volle Taxe zahlte, sondern auch zur Heimfahrt bestellte.

»Sie erwarten mich hier gegen zehn,« sagte er beim Aussteigen.

»Punkt zehn,« versetzte der Rosselenker.

»Na, es kann auch etwas später werden.«

»Das tut nichts, ich muß nur genau wissen, wann ich vorzufahren habe, wegen der Wartezeit.«

Als Herr Gänseklein den Festsaal betrat, war dieser schon dreiviertel von Herren und Damen besetzt. Hohe Beamte und Militärs, Geheimräte und Reserveoffiziere, Mitglieder der sogenannten Gesellschaft, Hoflieferanten und patriotische Bürger bildeten bunte Reihen. Wohin sein Auge schweifte, Ordenssterne und Kreuze, bewimpelte Knopflöcher und Gnadenketten; entblößte Schultern, hochgezwängte Busen, Jugend und frischangestrichene Kopffassaden, Diamanten und Talmi, losen und angewachsenen Haarschmuck, gefärbte Augenbrauen und polierte Fingernägel. Er schwelgte förmlich zwischen Patschuli, Eau de Cologne und Jockeyklub und schämte sich nur seiner armen Waisenknabenknopflöcher.

Der Mittelteil der in Hufeisenform gedeckten, riesigen Tafel war für die Ehrengäste reserviert. Herr Gänseklein saß auf dem rechten Flügel an zweitletzter Stelle neben der verwitweten Frau Hofkammerjäger Springer, welche wesentlich dazu beitrug, seine Personalkenntnisse der Anwesenden zu erweitern. Sein Platz war ein ganz vorzüglicher, denn von hier aus konnte er nicht nur den ganzen Saal überschauen, sondern mußte auch von dem Herrn Regierungspräsidenten und dem Herrn Polizeipräsidenten bemerkt werden.

»Bitte, Frau Hofkammerjäger,« flüsterte er seiner Nachbarin zu, als der Offizier, dem er am Vormittag die Hosen gereinigt hatte, eintrat, »wer ist der Herr dort, mit dem großen Ordensstern auf der Brust?«

»Meinen Sie den General?«

»Ganz recht, der sich eben neben dem Herrn Polizeipräsidenten von Auerhahn niederläßt.

»Das ist Graf Meyro.«

»Exzellenz Meyro, feiner Herr das!«

»Alter Kunde von meinem seligen Mann – furchtbar viel Mäuse im Schlosse, haben seinerzeit den halben Stammbaum gefressen.«

Herr Gänseklein wollte sich eben nach den näheren Umständen dieser frevelhaften Gefräßigkeit erkundigen, als sich der Herr Regierungspräsident erhob und die Versammlung begrüßte, worauf Graf Meyro das Hoch auf den Kaiser ausbrachte.

Darauf nahm das Bankett den üblichen Verlauf, wobei, nachdem das Rauchverbot aufgehoben war, die Stimmung fortgesetzt eine gehobenere und alkoholfreundlichere wurde.

Herr Gänseklein fühlte sich ganz in seinem Element. Er pokulierte nach rechts mit der Frau Hofkammerjäger Springer und nach links mit dem Herrn Meliorationsoberbauinspektor Zirkel, strampelte mit den Beinen im Takte der Melodien, mit denen die Regimentsmusik aufwartete, und sah unverwandt nach der Mitte der Tafel, wo die Honoratioren saßen, ob ihm nicht von dieser Stelle ein gütiges Kopfnicken zu teil würde.

Der Herr Polizeipräsident hatte sich von seinem Sitze erhoben und machte einen kurzen Rundgang durch den Saal, wobei er auch in die Nähe des Herrn Gänseklein kam. Dieser, im Begriffe sich eine Zigarre anzuzünden, schnellte verwirrt von solch huldvoller Annäherung, wie elektrisiert empor und verbeugte sich in tiefster Ehrfurcht, wobei er das brennende Streichholz wie eine Pechfackel in der Hand hielt.

»Aeh, erraten! Sollten Jedankenleser werden – wahrhaftig – danke, danke Herr – –«

»Gänseklein.«

»Richtig, Jänseklein,« sagte mit herablassender Freundlichkeit der Gewaltige der öffentlichen Ordnung und versuchte seine Havanna an dem flackernden Spänchen in Brand zu setzen. Doch noch bevor dies gelang, erlosch es zum lebhaften Bedauern seines Trägers, der aber, da er sich für solche Fälle vorgesehen hatte, eiligst in die Tasche griff, eine ganze Schachtel Reserven hervorholte und Anstalten traf, ein anderes Hölzchen anzubrennen.

Der Herr Polizeipräsident unterbrach jedoch ebenso schnell diese Bemühungen, indem er die Schachtel mit den Worten an sich nahm. »Bitte, bitte! Jeht schon, danke, danke! – Na, sagen Sie mal, Herr – Herr –«

»Gänseklein.«

»Stimmt! Herr Jänseklein, wie lange ist es wohl her, daß Sie mir täglich begegnen?«

»Nächsten ersten April, vormittags elf Uhr, werden es zwei Jahre, Exzellenz,« lautete prompt die Antwort.

»Merkwürdig, wie Sie das behalten, brächte ich nicht fertig, auf Ehre.«

Herr Gänseklein wollte antworten, wußte nur nicht gleich was, als ein Herr, mit einer Kette um den Hals, an der ein kleines Kreuz hing, auf den Herrn Polizeipräsidenten zutrat und ihm etwas ins Ohr flüsterte, worauf sich dieser mit einem gnädigen Kopfnicken empfahl und ohne, in der Zerstreuung, das Streichhölzerkästchen zurückzugeben, seinen Platz wieder aufsuchte, wo er sich sofort lebhaft mit seiner Umgebung unterhielt.

»Sie sind bei der Polizei gut angeschrieben,« meinte die Frau Hofkammerjäger, als sich mit hochgerötetem Gesicht Herr Gänseklein wieder neben ihr niedergelassen und mit ihr angestoßen hatte. »Das passiert nicht jedem, daß sich ein so hoher Herr Feuer bei ihm ausbittet. Bei meinem Manne selig war das übrigens auch einmal der Fall, und der bekam sogar noch eine Zigarre dazu verehrt, die wir noch heute, nach sieben Jahren in Ehren halten.«

»So, so! Und was folgte darauf?«

»Was darauf folgte? Einige Monate später hatte mein Mann seine Dekoration, nach der er sich, als Fahnenträger des Kriegervereins, so sehr sehnte.«

»Wirklich?«

»Wenn ich Ihnen sage. Ja, die höchste Stelle muß nur auf solche verdienstvolle Männer aufmerksam gemacht werden, und der Vogel ist gleich da.«.

»So ist es!« rief Herr Gänseklein und bestellte eine Flasche Sekt für sich, und da er von Haus aus kein schäbiger Geselle, sondern, im Banne anregender Flüssigkeiten, sogar eine splendide Natur war, auch eine Flasche Wein für den Kutscher dreihundertzweiundsiebzig.

Bei dem Genusse des schäumenden Rebensaftes schweiften seine Gedanken in die Zukunft und malten ihm den glorreichen Augenblick aus, wo er vor seine Kegelbrüder hintreten, auf seine geschmückte Brust zeigen und sagen würde: »Sehet hierher! dem Verdienste seine Kronen.« Er fühlte sich mit jedem Schluck wohler und wurde gesprächiger und gesprächiger. Aber wenn sich auch seine Rede oft genug in unentwirrbare Gedankenknäule verwickelte, sein Auge blieb unentwegt an einem Punkte hangen, an der Mitte der Tafel, wo die Gnadenspender saßen.

Da! was war das? Der Herr Polizeipräsident der sich noch eben herzlichst lachend mit Exzellenz von Meyro unterhalten hatte, klemmte sein Monokel ins Auge und sah nach ihm – ja, noch mehr, er erhob sogar sein Glas und trank ihm mit einem freundlichen Kopfnicken zu.

Herr Gänseklein wußte nicht, wie ihm geschah, er sprang, zur lebhaften Ueberraschung seiner Nachbaren, auf und nahm eine stramme, militärische Haltung an. Am liebsten hätte er, im Ueberschwange seiner Gefühle, in den Saal gedonnert: Der Herr Polizeipräsident, Hurra, Hurra, Hurra! wenn er nicht gefürchtet hätte, damit anderen hohen Herrschaften zu nahe zu treten; er ergriff deshalb nur mit bebender Hand sein Sektglas, salutierte mit demselben vor seiner Nase und trank es bis zur Hefe leer.

Als er sich nach diesem mit Reserveleutnantsschneidigkeit und Grazie ausgeführten Gestikulationstoast wieder gesetzt und den Schweiß von der Stirn gewischt hatte, beglückwünschten ihn sowohl der Herr Meliorationsoberbauinspektor, als auch die Frau Hofkammerjäger zu der Ehre, die ihm von so hoher Stelle zuteil geworden war.

Herr Gänseklein dankte gerührt und bescheiden, wobei er wiederholt auf das Wohl aller guten Freunde trank. Dann beauftragte er den Kellner, dem Droschkenkutscher dreihundertzweiundsiebig noch eine Flasche Wein überreichen zu lassen und ihm selbst eine Flasche Sekt kaltzustellen.

Während er nun mit einem stereotypen Lächeln auf den Lippen seinen Becher füllte und immer wieder füllte, bemerkte er kaum, wie sich die Reihen um ihn lichteten, von den Sternen der Tafelmitte einer um den andern verschwand, und bald vor, bald hinter ihm schwer schwankende Gestalten wie Geister einer muffigen Dunstwelt durch ein Meer von Tabaksqualm an ihm vorbeischoben.

Als die Flammen am großen Kronleuchter erloschen, und nur noch hie und da, aus sogenannten feuchten Ecken gurgelnde Laute erklangen, glaubte er gleichfalls, daß es Zeit zum Aufbruch sei.

»Ober, zahlen!«

Der Oberkellner, der auf diesen Ruf gewartet hatte, eilte herbei, warf einen Blick in sein Notizbuch und sagte: »Einunddreißig Mark vierzig.«

Herr Gänseklein machte einen Versuch sein Portemonnaie zu ziehen; fand aber, daß bei der Tiefe seiner Hosentasche, die Sache nicht ganz so leicht war, als sie aussah. Mehrmals griff er auch neben den Schlitz und fuhr dann mit der Hand blitzschnell längs der Naht bis auf den Stiefel; schließlich aber sagte er: »Ober, probieren Sie mal, ich krieg's nicht heraus!« Dem Oberkellner bereitete die Hebung des Schatzes keinerlei Schwierigkeiten, und so konnte die Abrechnung glatt vor sich gehen.

Nachdem sie beendet war, erhob sich Herr Gänseklein, zwar etwas unsicher, aber doch voll Würde, und verkroch sich, unterstützt von zwei Kellnern, in seinen Ueberzieher, wobei er fortgesetzt behauptete, unter seinen Füßen ein gewaltiges Fernbeben zu verspüren. »Oder«, erweiterte er seine Ansicht, »ist die bauliche Beschaffenheit dieses Hauses eine äußerst schwankende.«

»Das ist in der Regel nach schweren Banketten der Fall«, meinte der Oberkellner und begleitete den späten Gast nach dem Ausgang.

»Sie glauben wohl, ich hätte einen Schwips? Schon möglich – aber ich sage Ihnen, auch ohne Schwips, die Erde unter mir bewegt sich doch!«

Unzweifelhaft hatte Herr Gänseklein mit diesen mühsam hervorgebrachten Worten das Richtige getroffen, denn je mehr er sich der Türe näherte, desto unsicherer wurde sein Gang. Plötzlich blieb er stehen und sagte, indem er unter einen Tisch deutete: »Da hat jemand das Hauptstück seines Hosenbandordens verloren.«

»Ja, ja! ein altes blaues Weiberstrumpfband mit einem Messingschlößchen«, erklärte sein Begleiter.

»Honni soit, qui mal y pense! Das verstehe ich besser – es gehört einem Herrn von hoher Stellung. Geben Sie es mir, ich will es aufheben, bis sich der Verlierer meldet.«

Der Oberkellner scharrte es kopfschüttelnd mit dem Fuße näher, hob es auf und behändigte es dem Ordenskundigen, der es glückstrahlend an seiner Uhrkette befestigte.

Als sie auf der Straße den Wagen dreihundertzweiundsiebzig anriefen, war dessen Kutscher fest eingeschlafen, und es dauerte längere Zeit, bis er soweit wachgerüttelt war, um ihm klarzumachen, daß sein Fahrgast einsteigen wolle.

»Was bekommen Sie?« fragte der Oberkellner den verschlafenen Rosselenker.

»Meine Uhr ist stehen geblieben – das hat gute Wege bis morgen.«

»Wie Sie wollen. Sie wissen ja, wo der Herr wohnt?«

»Machen Sie sich keine Sorgen, wir finden schon.«

Herr Gänseklein beteiligte sich nicht an dieser Unterhaltung, er hatte das einzige Bestreben, mit äußerster Anstrengung in das Innere des Wagens zu gelangen. Als ihm dies endlich gelungen war, sank er erschöpft auf das Polster und schlief ein. Der Kutscher, der keinen Augenblick seinen Bock verlassen hatte, kümmerte sich nicht im entferntesten um die Vorgänge zu seinen Füßen, erst als er erfuhr, daß sein Fahrgast eingestiegen sei, ergriff er mit der linken Hand die Zügel, und mit der rechten, anstatt der Peitsche, eine Weinflasche, mit der er in der Luft herumfuchtelte und trieb sein Pferd zu einer schnellen Gangart an.

So ging die Fahrt durch mehrere Straßen und machte schließlich, als sie nach dem Ermessen des Rosselenkers lange genug gedauert hatte, vor einem Hause Halt. Zum Zeichen, daß er sich am Ziele wähnte, ergriff jetzt der Droschkenkutscher aufs neue die Flasche und schlug mehrmals kräftig damit auf das Verdeck des Wagens; dann nahm er eine kleine Herzstärkung, in der Form eines Kümmels, zu sich, lehnte sich auf seinem Sitze zurück und hatte einige Sekunden später die Welt und seinen Fahrgast völlig vergessen.

Herr Gänseklein hatte nichts von dem Gepolter über seinem Haupte gehört, er schnarchte mit einer Kraft und Beharrlichkeit, die auch außerhalb des Wagens vernehmbar war und einige mutwillige junge Leute veranlaßte, den Droschkenschlag leise zu öffnen, und, um den Schlummernden jähling aufzuschrecken, wieder möglichst kräftig zuzuschlagen.

Durch dieses Geräusch war zwar nicht der Insasse des Wagens, wohl aber der Kutscher erwacht und zu der Ueberzeugung gelangt, daß sein Fahrgast ausgestiegen sei. Er machte sich deshalb weiter keine Glossen, sondern kutschierte gemächlich seiner Wohnung zu. Es ist anzunehmen, daß er hierbei nicht gerade den kürzesten Weg einschlug, schließlich aber erreichte er doch die Landstraße, auf der, als letztes einsames Gebäude, seine Besitzung lag.

Die Zügel waren längst seinen Händen entfallen, als sein ortskundiges Pferd, das ohne Führung seines Weges trabte, plötzlich stille stand und mit lautem Wiehern die heimatliche Scholle begrüßte.

Es war ein kleines, ärmliches Anwesen, vor dem das Gefährt hielt. Hinter einem mit rohen spitzen Brettern umschlossenen Hof, der nachts sein Licht von einer draußen stehenden Straßenlaterne empfing, erhob sich ein Wagenschuppen, dessen obere Etage als Kutscherwohnung diente. Unmittelbar neben dieser Gebäulichkeit war ein Stall für drei bis vier Pferde angebaut, der aber nur vom Hofe aus betreten werden konnte.

Als die Stute wieherte, erwachte, wie durch eine Weckeruhr gemahnt, der Kutscher, kletterte etwas schwerfällig von seinem Bocke, öffnete weit das Hof- und Remisetor und schob dann, indem er das Pferd zum Rückwärtsgehen antrieb, die Droschke in den Schuppen.

Nachdem er dieses schwierigste Stück seiner allabendlichen Tätigkeit beendet, spannte er seinen müden Gaul aus und trieb ihn nach dem Hof, stellte die Deichsel aufrecht in die Höhe, löschte die Wagenlaternen und schloß die Tore. Dann führte er seinen vierbeinigen Arbeitskollegen in den Stall, kettete ihn fest, tränkte ihn und steckte ein Bündel Heu aufs Raufen. Jetzt erst überlegte er, ob er seine Schlafstelle aufsuchen oder erst den Rest Wein, der sich noch in der Flasche befand, zu sich nehmen sollte. Er entschloß sich, unter Berücksichtigung des Umstandes, daß seine Ehehälfte sowieso über sein spätes Heimkommen zanken würde, zu letzterem und machte es sich auf einer Haferkiste bequem, auf die durch das Stallfenster ein matter Strahl der Straßenlaterne fiel. Da aber seine Müdigkeit größer als sein Durst war, überwältigte ihn schon nach dem zweiten Schluck der Schlaf mit solcher Gewalt, daß die Flasche seinen Händen entfiel und ihren Inhalt auf die Erde ergoß.

Herr Gänseklein in dem Innern der Droschke war noch immer nicht aus seinem tiefen Schlummer erwacht, wohl aber durch eine ungeschickte Bewegung von seinem Sitze auf den Boden gekollert. In qualvoller Enge fühlte er sich zwischen den nachgerutschten Polstern eingeklemmt und machte unbewußt krampfhafte Anstrengungen, in eine bessere Lage zu kommen. Diesem vergeblichen Ringen folgte ein Dämmerzustand, in dem er sich im Kampfe mit unbekannten Gewalten glaubte, bis er schließlich völlig erwachte und mit weitaufgerissenen Augen in die undurchdringliche Finsternis starrte, ohne sich irgendwie klar zu werden, wo er sich befand. Er überlegte, ob er nicht bei sich zu Hause sei und rief seiner Frau zu: »Marie, Marie! ich glaube, das Bett ist durchgebrochen, mach doch einmal Licht.«

Da die erwartete Antwort ausblieb, tastete er mit den Händen nach allen Seiten und berührte zuletzt das Glas der Wagentüre. »Marie, Marie! warum hast du das Bett ans Fenster gerückt?«

Auch hierüber äußerte sich seine Frau nicht und steigerte dadurch sein Gefühl der Unbehaglichkeit bis aufs höchste. Um endlich aus diesem Dilemma herauszukommen, wollte er sich erheben, in dem Augenblicke aber, als er, um sich aufrecht zu stellen, mit besonderer Kraft in die Höhe schnellte, wurde ihm von oben mit solcher Wucht der Zylinder eingetrieben, daß ihm die Krempe bis auf die Schultern zu sitzen kam. Herr Gänseklein, überzeugt, daß er einer raffinierten Räuberbande in die Hände gefallen war, schlug wütend mit den Fäusten um sich und hätte gerne laut um Hilfe geschrieen, wenn ihm der Zylinder nicht den Mund verschlossen hätte.

Endlich, als er sich von diesem enganschließendem Maulkorb befreit hatte und sich klar geworden war, daß der unheimliche Huteintreiber einzig in der niedrigen Decke über seinem Haupte zu suchen sei, traf er aufs neue Anstalten, sich über seinen Aufenthaltsort zu orientieren.

Seine Tastversuche führten ihn auch an die Klinke des Wagenschlags. Ein Druck, und die Türe sprang so rasch auf, daß er Gefahr lief, hinauszustürzen.

Eine kalte, feuchte Luft drang ihm entgegen und erfrischte seinen Geist, aber trotz allem Grübeln und Sinnen reichten seine Erinnerungen nur bis zu dem Zutrinken des Herrn Polizeipräsidenten, was weiter geschehen, war seinem Gedächtnis völlig entschwunden. Vorsichtig streckte er jetzt erst die Hand, dann einen Fuß aus dem Wagenschlag in die Urnacht der fensterlosen Remise, und da er nirgends auf Widerstand stieß, bemächtigte sich seiner die Vorstellung daß er sich in einem lenkbaren Luftballon oder einer Flugmaschine viele tausend Meter über der Erde befände.

Wenn er nur wenigstens ein Zündholz besessen hätte, um in das Weltall zu leuchten, aber er erinnerte sich, daß er seinen ganzen Vorrat an den Chef der Polizeibehörde abgetreten hatte und fand Trost bei dem Gedanken, daß ihm ein Hölzchen ohne die dazu gehörige Reibfläche doch nichts nützen würde.

Da er unter allen Umständen das Terrain auf dem er sich befand, erforschen wollte, ließ er sich vorsichtig auf dem Boden nieder und hängte die Beine zum Wagenschlag hinaus, wobei er ganz zufällig das Trittbrett berührte. Nun wuchs ihm der Mut, denn er fühlte etwas Festes unter sich und wagte sogar, sich mit beiden Füßen auf den Tritt zu stellen, wobei er sich allerdings vorsichtshalber mit den Händen krampfhaft an dem Türrahmen festhielt. Auch ein weiterer Versuch, die Tiefe noch mehr zu ergründen, war von bestem Erfolg begleitet, und erleichtert aufatmend begrüßte er die Gewißheit, sich nicht von der Erde entfernt zu haben.

Vorsichtig versuchte er jetzt, das Gehäuse zu umkreisen, in dessen Innerem er wähnte, gefangen gesessen zu haben. Er entdeckte hierbei die Speichen der Räder und war sofort der festen Ueberzeugung. daß er ein Automobil vor sich habe, mittelst dessen er vom Kaiseressen entführt worden sei. Diese Vorstellung dauerte aber nur solange, bis er das Vorderteil der Droschke erreichte und durch eine zufällige Bewegung die hochgestellte Deichsel zu Fall brachte, welche ihm unsanft den Arm streifte.

Erschrocken wich er einige Schritte zurück und stieß dabei wider Strohbündel, Stalleimer und Geschirrböcke, und im Weitertasten an eine schmale Treppe, welche nach oben führte.

In der Hoffnung, vielleicht von der Höhe einen Ausblick ins Freie zu gewinnen, kletterte er auf Händen und Füßen empor und gelangte schließlich an eine Türe, welche nur angelehnt war und bei dem leisesten Druck nach innen zu aufging. Ohne sich zu besinnen, benützte er diesen Eingang und schlüpfte, so leise er es vermochte, in den dunkeln Raum, in dessen Hintergrund er ein dichtverhängtes Fenster wahrzunehmen glaubte.

Mit vorgestreckten Armen wollte er sich dieser Lichtquelle nähern, als ihm eine gellende Weiberstimme im höchsten Diskant entgegenschrie:

»Schleich' nur, schleich' nur wie ein Dieb, ich höre dich doch! Pfui, so ein Wirtshausbruder, so ein Saufaus! Vorgestern war es zwei, gestern drei, und heute gar vier Uhr, bis du nach Hause kommst – schäm dich! Wenn dir dein Nachteulenklub lieber ist als Frau und Kind, so bleibe doch dort und störe uns nicht in der Ruhe!«

Herr Gänseklein stand einen Augenblick wie gebannt, dann versuchte er so schnell und geräuschlos als möglich, den Rückzug anzutreten, hierbei stieß er jedoch so heftig an einen Gegenstand, daß ihm der Hut im weiten Bogen vom Kopfe flog. Erregt griff er nach der Richtung, die der Flüchtling eingeschlagen hatte, erwischte aber statt seiner Kopfbedeckung eine warme Flasche mit klebrigem Gummischnuller. Obgleich er sie ebenso rasch wie angefaßt wieder fallen ließ, erhob doch ein junger Weltbürger, dem sie vermutlich gewaltsam entrissen worden war, einen schreienden Protest, dem sich die schrille Frauenstimme mit ungewöhnlicher Energie anschloß.

»Was treibst du dich bei dem Kinde herum?« schrie sie. »Mach', daß du weiter kommst! Sei still, Herzchen! Dein Vater ist kein Vater. Ich glaube gar, er hat dir die Flasche genommen, freilich er kann nicht genug kriegen. So, mein Schäfchen, da ist sie wieder. Laß deinen Vater nur gehen, dem ist im Stall am wohlsten.«

Herr Gänseklein hatte das Ende der Rede nicht abgewartet; er hatte den Ausgang glücklich erreicht und war, so schnell er es vermochte, die Treppe hinuntergekrochen.

Nun stand er wieder schnaufend an der alten Stelle, von wo er hinaufgestiegen war, und überlegte, trotz der noch nicht ganz verflüchtigten Wirkung der vier Flaschen Wein, die er getrunken hatte, was er tun müsse, um aus diesem verhexten Gemäuer hinauszukommen. Das Resultat war, daß er aufs neue die Wände abklopfte und hierbei alsbald an eine kleine Pforte stieß, die ein vorgeschobener Riegel verschloß. Vorsichtig schob er diesen zurück und drückte auf die Klinke. Die Türe öffnete sich knarrend, und die blendenden Strahlen einer Straßenlaterne fielen ihm in die Augen. Luft, Licht, Freiheit!

Einen Moment später stand er im Hofe und achtete nicht auf die Türe, die ächzend hinter ihm ins Schloß fiel. Eilig untersuchte er die Einfriedigung nach einer defekten Stelle, die er als Durchschlupf benützen könne, und als er keine fand, entschloß er sich, über die Planken zu steigen.

Der geeignetste Platz hierzu schien ihm, an der Straßenlaterne zu sein, weil er deren Pfahl nötigenfalls als Stützpunkt benützen konnte. Nach mannigfachen, vergeblichen Versuchen gelang es ihm schließlich, die Höhe der Palisaden zu erklimmen, aber der schwierigste Teil, der Abstieg, blieb noch auszuführen. Bedächtig ließ er sich hockend oben auf die spitzen Hölzer nieder und probierte, indem er sich mit der einen Hand an der Laterne festhielt, nach der Straßenseite sanft hinabzugleiten. Die Sache ging auch ganz nach Wunsch, nur spürte er beim Tieferrutschen, wie ein spitzes, feuchtes Holz seinen Hosenboden durchbohrte und erst oben an der Weste die intime Berührung wieder aufgab.

Diese Situation war für Herrn Gänseklein fürchterlich. Sein langer Ueberzieher hing bleischwer rückwärts nach dem Hofe, während er selbst wie eine Etikette an dem Zaune feststeckte.

Was tun? Es gab nur eine Möglichkeit, sich aus dieser peinlichen Lage zu befreien, indem er an dem Laternenpfahl so hoch emporkletterte, als nötig war, um die verletzte Stelle seines Beinkleides über die Höhe der Plankenspitze emporzuheben. Mit der Kraft der fortschreitenden Ernüchterung machte er sich ans Werk; keuchend und stöhnend kam er hinauf bis zur strahlenden Flamme, die er versehentlich löschte.

Endlich hatte er sein Ziel erreicht und betrat schweißtriefend die feuchte, von alten Bäumen eingesäumte Landstraße wo ihm ein naßkalter Wind um den schwachbehaarten Schädel und in den zerfetzten Hosenboden strich. Er stand still, um sich zu orientieren, denn er erinnerte sich nicht, jemals in dieser Gegend gewesen zu sein. Hinter ihm schien sich, soweit er bei der herrschenden Dunkelheit erkennen konnte, ein mächtiger Wald auszudehnen. während vor ihm ein dunstiger Lichtbogen am Horizont die Nähe der Stadt verriet.

Rasch setzte er sich in Trab, sie zu erreichen, aber er war noch keine zehn Schritte weit gekommen, als ein Schutzmann, mit einem Hunde an der Leine, hinter einem Baume hervortrat und ihn andonnerte:

»Halt! wohin?«

Herr Gänseklein stand wie gebannt und brachte kein Wort hervor.

»Zum Donnerwetter! tun Se die Schnauze uff – Wo kommen Se her?«

»Vom Kaiseressen!« stotterte der Angeschrieene.

»So, vom Kaiseressen! und da loofen Se die Landstraße lang und drehen die Jaslaternen aus?«

»Ohne Absicht!«

»Nee, Männecken, mit dem Kaff dürfen Se mir nich kommen. Ick beobachte Sie schon 'ne janze Weile. Erst haben Sie und Ihr Komplize die Laternen am Ring ausjedreht, und wie Se mir jemerkt haben, sind Se ausjekniffen und haben Ihren Hut dabei verloren – is et nich so?«

»Ich versichere Sie, es war nur die eine Laterne.«

»Na, wo haben Se dann Ihren Hut?«

Herr Gänseklein wußte keine Antwort, er errötete wie ein Schulmädchen, das aus einer ersten Lüge ertappt wird, und knöpfte in unbeschreiblicher Verlegenheit unaufhörlich seinen Überrock auf und zu, während der Beamte eine kleine elektrische Blendlaterne, die er unter seinem Mantel verborgen hielt, hervorzog und dem Delinquenten ins Gesicht leuchtete.

Der tadellose Frack, die, wenn auch etwas trübe, aber immerhin noch weiße Weste und Binde, schienen den Schutzmann wesentlich milder zu stimmen, denn er sagte in fast väterlich vorwurfsvollem Tone: »Wat haben Se nu von der janzen Jeschichte? Nischt! Wenn Se sich uff der Revierwache nich jenügend ausweisen können, werden Se mit dem jrienen Wagen nach dem Präsidium jeschafft, und det is ooch nich anjenehm.«

Herr Gänseklein schauderte zusammen, daß ihm die Zähne klapperten, und stotterte: »Ausweisen! ausweisen kann ich mich schon. Mein Name ist Gänseklein, Hilarius Gänseklein, Rentier, vierzig Jahre alt, verheiratet, reformiert, Wohnung, Wilhelmstraße acht.«

»Det sagen Sie, ob's Ihnen aber eener jloobt, is 'ne andre Sache. Haben Se 'nen Paß?«

»Nein, der wurde beim Kaiseressen nicht verlangt.«

»Sie müssen sich aber legitimieren können.«

»Der Herr Polizeipräsident kennt mich, er hat mir sogar heute Abend zugetrunken, aber ich möchte um Gotteswillen nicht, daß er von der Geschichte etwas erfährt.«

»Darüber können Se ruhig sin, der hat anderes zu tun, als Nachtschwärmern nachzuspüren. Haben Se ooch keenen Steuerzettel bei sich?

»Ausnahmsweise nicht, aber die Festkarte.«

»Zeigen Se mal her.«

Der Schutzmann schien befriedigt, denn an Handen dieses Ausweises machte er Eintragungen in sein Notizbuch. Als er damit zu Ende war, gab er die Karte zurück und sagte: »Is jut! Nu machen Se aber, daß Se zu Hause kommen. Anjeheitert sin, is an und für sich nich schlimm, aber bis zur Jaslaterne ruff darf's nich jehn!«

Herr Gänseklein bedankte sich mit kurzen Worten für die gütige Entlassung und strebte in Eilschritten, bebend vor Frost, der Stadt entgegen. Glücklicherweise fand er auch bald eine Nachtdroschke, die ihn nach Hause brachte, wo er möglichst schnell und geräuschlos sein Bett aufsuchte und alsbald in einen tiefen Schlummer versank.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als er aus wirren Träumen erwachte. Es war ihm nicht sonderlich wohl zumute, ohne daß er über einen eigentlichen Brummschädel klagen konnte. Dichte Nebelmassen schienen in seinem Gehirn auf- und abzuwogen und sein Erinnerungsvermögen derart zu verschleiern, daß es die Ereignisse von gestern nicht festzuhalten vermochte oder für Traumgebilde hielt.

Träge erhob er sich aus den Federn und zog sich gähnend an. Nachdem er sich gewaschen und seinen rotgeblümten, türkischen Schlafrock angelegt hatte, drängte es ihn, sein Kaiseressenkostüm einer näheren Besichtigung zu unterziehen. Erregte der Zustand seiner weißen Weste schon sein lebhaftes Erstaunen, so wirkte der Anblick seines bodenlosen Beinkleides wahrhaft niederschmetternd auf ihn. Erschrocken griff er in die Taschen der so übel zugerichteten Hose, um sich zu überzeugen, ob unter dem hinterlistigen Angriff auf sie, nicht auch seine Börse notgelitten habe. Zu seinem Troste fand er sie unversehrt, und nur der Abgang von achtunddreißig Mark und vierzig Pfennige, den er sich nur teilweise erklären konnte, machte ihm Kopfzerbrechen.

Eilig verbarg er die furchtbaren Zeugen seiner nächtlichen Abenteuer, damit seine mißtrauische Lebensgefährtin nicht zu falschen Schlüssen bezüglich seiner Solidität gelangen konnte; dann suchte er nach seinem Zeitmesser, von dem er überzeugt war, daß er ihn gewohnheitsmäßig auf seinen Nachttisch gelegt hatte.

Als er ihn nicht fand, rief er seine Frau und erkundigte sich, ob sie die Uhr in Verwahrung genommen habe.

»Ja, sie hat mir heute so gut gefallen, daß ich nicht widerstehen konnte,« antwortete diese und sah ihren Mann mit einem durchbohrenden Blick an.

»Ich habe sie auch gestern vom Uhrmacher putzen lassen,« erklärte harmlos Herr Gänseklein.

»Natürlich – was glänzt macht Effekt. Waren viele Damen bei der Festlichkeit?«

»Gewiß, wie immer; neben mir saß die Frau Hofkammerjäger Springer, du kennst sie ja.«

»Ich meine jüngere Elemente?«

»Auch das.«

»Damen mit blauen Strumpfbändern, bei denen man sich bis morgens vier zwanglos unterhalten konnte?«

Herr Gänseklein sah erstaunt in die Höhe. Sollte das vielleicht auf eine versteckte symbolische Anspielung bezüglich seiner zerrissenen Hose hinauslaufen? Auf alle Fälle fand er es für besser, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben, und sagte deshalb mit der freundlichsten Miene der Welt.

»Wer meinst du, Marie, wer mir gestern zugetrunken hat?«

»Wahrscheinlich eine mit dicken Waden.«

»Unsinn, der Herr Polizeipräsident, in Gegenwart der ganzen Festversammlung.«

»Wäre er bei der Nachsitzung gewesen, hätte er es sicherlich nicht getan.«

»Es gab keine Nachsitzung, nicht einmal im Café.«

»So keine!« schrie jetzt wild auffahrend, erbost Frau Gänseklein und hielt ihrem verdutzten Gatten seine Uhr mit dem wunderlichen Schmuck vor das Gesicht. »Da haben die Damen wohl auf offener Straße die Uhrketten der Herren mit ihren Strumpfbändern garniert? Das muß ja reizend gewesen sein! Pfui! ich würde mich schämen als verheirateter Mann, solche Geschichten mitzumachen!«

Herr Gänseklein sah seine Frau mit einer Miene an, als wenn sie Chaldäisch mit ihm geredet hätte, dann besann er sich eine Weile, über was er sich schämen sollte, und wagte schließlich, als ihm nichts einfiel, die Bemerkung:

»Ich verstehe dich nicht.«

»So? Um zwölf Uhr war das Bankett zu Ende, und um vier kommst du heim – und trotzdem keine Nachsitzung.«

»Trotzdem – ich bin direkt nach Hause gefahren.«

»Da hört doch alles auf! Sogar deine Lackstiefel strafen dich Lügen, über und über mit Schmutz bespritzt.«

»Meine Lackstiefel – –«

»Oder hat es in die Kutsche, mit der du gefahren bist, hineingeregnet? Ich muß nur einmal nachsehen, ob deine Hosen auch so zugerichtet sind.«

»Meine Hosen – –«

»Ja, wo hast du sie? Du bist doch nicht ohne Hosen nach Hause gekommen.«

»Ich glaube kaum,« stotterte in grenzenloser Verlegenheit Herr Gänseklein und starrte ratlos vor sich hin.

In diesem kritischen Augenblick öffnete das Dienstmädchen die Zimmertüre und meldete, der Droschkenkutscher dreihundertzweiundsiebzig sei draußen und wünsche den Herrn zu sprechen.

»Soll hereinkommen!« rief energisch Frau Gänseklein und wandte sich dann mit finsterem Stirnrunzeln an ihren hilflos dreinschauenden Gatten. »Das sage ich dir, Hilarius, wenn der Mann meine Vermutungen bestätigt, dann sollst du mich kennen lernen, aber nicht hier, sondern bei meinem Advokaten.«

Das Erscheinen des Droschkenkutschers machte ihren eifersüchtigen Drohungen ein Ende.

Es war ein strammer, stämmiger Mensch, dessen rotem Gesicht man ansah, daß er kein Anhänger der Antialkoholbewegung war. In der einen Hand hielt er seinen Hut, während die andere einen sorgfältig in Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand trug, den er bei seinem Eintritt sofort vorsichtig auf einen Stuhl niederlegte.

»Ich komme von wegen des Fahrgeldes von gestern«, sagte er mit einer linkischen Verbeugung.

»Habe ich das nicht bezahlt?«, fragte Herr Gänseklein und machte ein ungläubiges Gesicht.

»Nein, meine Uhr war stehen geblieben, und da wollten wir die Sache heute abmachen. Der Oberkellner meinte, es wäre halb eins gewesen, als ich Sie nach Ihrer Wohnung gefahren. Das macht drei Stunden Wartezeit und zwei Fahrten, zusammen sechs Mark und dreißig Pfennige.«

Herr Gänseklein griff mit sauertöpfischem Gesicht in die Tasche und beglich seine Schuld, während seine Frau spöttisch zu dem Kutscher sagte: »Wenn Sie meinen Mann schon um halb eins abholten, müssen Sie große Umwege gemacht haben oder sehr langsam gefahren sein.«

»Ohne Umwege, Trab, Madame; immer Trab.«

»Und haben nirgendswo gehalten?«

»Nur vor dem Hause hier, wo er die Wagentüre zuschlug, daß die Scheiben klirrten.«

»Das verstehe ich nicht, es war längst vier Uhr vorbei, als er seine Wohnung betrat.«

»Er wird keinen Hausschlüssel gehabt haben.«

Durch diese Bemerkung des Droschkenkutschers dämmerte es im Schädel des Herrn Gänseklein, und gierig griff er nach dem rettenden Strohhalm und sagte:

»So ist es.«

»Da hättest du doch klingeln können,« meinte wesentlich ruhiger seine bessere Hälfte.

»Ich wollte dich nicht aus dem Schlafe schrecken.«

»Es war überhaupt eine verflixte Nacht,« nahm der Rosselenker wieder das Wort. »Ich hatte mit meiner Alten auch Krach, ich fand nämlich heute früh den Hut von Ihrem Herrn Gemahl.«

»Im Wagen?«

»I wo, im Bette meiner Frau.«

»Im Bette Ihrer Frau!« schrie Frau Gänseklein entsetzt und krallte ihre Finger. »Da ist auch das Strumpfband sicherlich ihr Eigentum.«

»Nein, Madamchen, meine Frau bindet ihre Strümpfe mit alten Haarbändern; für so himmelblaue Geschichten haben wir kein Geld.«

»Ja, aber der Hut? Vielleicht gehört er gar nicht meinem Mann.«

Statt der Antwort ergriff der Kutscher das mitgebrachte Paket und schälte aus dessen Umhüllung einen zerknitterten Zylinderhut heraus. »Sehen Sie, hier steht sein Name. Meine Frau behauptet, ich hätte ihn ihr ins Bett geworfen und das Kleine damit aufgeschreckt – ich weiß aber nichts davon.«

»Da war mein Mann am Ende doch – –«

»Oho! sagen Sie das nicht, Madame, meine Frau ist eine anständige Frau. Und dann bin ich doch auch noch da, ich würde jedem den Hals abschneiden, der meiner Frau zu nahe kam!«

»Ja aber – –?«

»Ja aber? Das sage ich auch, und meine Frau auch. – Er wird ihn im Wagen zurückgelassen haben. Der Teufel weiß – auf Kaisers Geburtstag passieren allerhand Geschichten.«

Nach dieser tiefsinnigen Erklärung und einer eckigen Verbeugung verließ der Rosselenker schweren Schrittes das Zimmer, es dem Gänsekleinschen Ehepaar überlassend das Rätsel zu lösen.

Herr Gänseklein hatte sich als vorsichtiger Mann mit keinem Worte an der Unterhaltung, welche stellenweise seinem Erinnerungsvermögen mächtig zu Hilfe gekommen war, beteiligt; er hatte es für vorteilhafter gefunden, sich den Anschein zu geben, als wenn ihn die ganze Sache nichts anginge.

Nach dem Weggang des Kutschers machte seine Frau noch einige vergebliche Versuche, die Strumpfbandangelegenheit aufzuklären, als ihr aber immer wieder der Bescheid wurde, daß es sich hier nur um den schlechten Witz eines guten Freundes handeln könne, zog sie sich schließlich in den Schmollwinkel zurück, indem sie auf jede Unterhaltung mit ihrem Gemahl verzichtete.

So verging der Tag. Am nächsten Morgen drängte es Herrn Gänseklein seinen gewohnten Spaziergang wieder aufzunehmen, um dem Herrn Polizeipräsidenten zu begegnen. Er wollte sich vor allem vergewissern, ob das hochvermögende Wohlwollen dieses Herrn ihm gegenüber keine Einbuße erlitten hatte, und ob seine Hoffnungen auf eine Auszeichnung wirklich begründet waren.

Jeder Zweifel in dieser Beziehung schwand, als der Gewaltige vorüber schritt und ihm schon aus der Entfernung huldvoll zurief:

»Morjen, Herr Jänseklein! Jut bekommen?«

»Danke, danke, Herr Polizeipräsident – ausgezeichnet! Hoffentlich Ihnen auch, wenn ich mir die Frage erlauben darf?«

»Famos! War recht stilvoll. Morjen!«

Überglücklich eilte Herr Gänseklein nach Hause und fand zu seiner Überraschung seine Frau in der rosigsten Laune.

Schon bei seinem Eintritt rief sie ihm entgegen:

»Nun ist die Geschichte mit dem Strumpfband aufgeklärt, Hilarius, ich war bei dem Oberkellner des Kaiseressens und habe mich erkundigt. Na, ihr habt aber auch gehörig gebechert.«

Ihr Mann sah sie groß an und beneidete sie im stillen um ihre Wissenschaft, da ihn aber nur ein einziger Gedanke beseelte, sagte er mit freudenstrahlendem Gesicht:

»Denke dir, Marie, ich habe mich eben mit dem Herrn Polizeipräsidenten unterhalten. Du hast keine Ahnung von seiner Liebenswürdigkeit und Herablassung, nun kann die Anerkennung meiner Gesinnungsverdienste unmöglich noch lange auf sich warten lassen.«

»Ich glaube, sie ist schon da,« entgegnete seine Frau, »wenigstens liegt dort ein Brief an dich von dem Königlichen Polizeipräsidium.«

Herr Gänseklein griff mit bebenden Händen nach dem Schreiben und überzeugte sich von der Adresse des Absenders: »Portopflichtige Dienstsache. Marie, Marie, ich bin nur gespannt, ob's ein Kronen oder ein roter Viertklässer ist!«

Zitternd vor Aufregung erbrach er das gelbliche Kuvert und entfaltete ein längliches Papier. Aber noch länger als das Papier ward sein Gesicht als er las: Strafverfügung. Fünfzehn Mark wegen groben Unfug, begangen durch unbefugtes Auslöschen von Straßenlaternen. Im Nichtbeitreibungsfalle drei Tage Haft. Königlicher Polizeipräsident, von Auerhahn.

Herr Gänseklein sank auf einen Stuhl und stöhnte: »Wenn nur meine Kegelbrüder nichts davon erfahren!«

Seine Frau aber, die mitgelesen hatte, fiel ihm um den Hals und rief:

»Gott sei Dank! jetzt weiß ich wenigstens, was du von halb eins bis vier Uhr nachts getrieben hast.«

Vom nächsten Morgen ab ist Herr Gänseklein dem Herrn Polizeipräsidenten nicht mehr begegnet.








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