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Das Jahr des Gärtners

Karel Capek: Das Jahr des Gärtners - Kapitel 5
Quellenangabe
typeessay
authorKarel Capek
titleDas Jahr des Gärtners
publisherBruno Cassirer Verlag
yearo.J.
illustratorJosef Capek
translatorJulius Mader
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140601
modified201604121
projectid23cc1b32
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Samen

Manche sagen, man solle Holzkohle dazu geben, andere bestreiten es; manche empfehlen etwas gelben Sand, weil er angeblich Eisen enthalte, andere warnen davor, aus dem einfachen Grund, weil er Eisen enthalte. Manche empfehlen wieder reinen Flußsand, andere ungemischte Torferde, wieder andere Holzsägespäne. Kurz, das Vorbereiten der Erde für den Samen ist ein großes Geheimnis und eine Zauberzeremonie. Soll man Marmorstaub dazu geben (aber woher nehmen?), dreijährigen Kuhmist (hier ist nicht klar, ob damit der Mist dreijähriger Kühe oder ein drei Jahre altes Misthäuflein gemeint ist), drei Finger voll von einem frischen Maulwurfshaufen, zu Staub zerstoßener Lehm alter, ungebrannter Ziegel, Elbesand (aber keinesfalls Moldausand), drei Jahre alte Treibhauserde und vielleicht noch Humus von Goldsamen und eine Handvoll Erde aus dem Grabe einer erhängten Jungfrau. All das muß ordentlich gemischt werden (die Gärtnerhandbücher sagen nicht, ob bei Neumond oder Vollmond oder in der Philippus-Jakobus-Nacht); wenn man dann diese geheimnisvolle Erde in Blumentöpfe (aufgeweicht in Wasser, das drei Jahre an der Sonne stand) schüttet, auf deren Boden man ausgekochte Scherben und ein Stück Holzkohle legt, wogegen sich allerdings wieder andere Autoritäten aussprechen, – wenn man also das alles getan und dabei hunderterlei grundlegend verschiedene Vorschriften berücksichtigt hat, wodurch die Zeremonie sehr erschwert wird, kommt man zum Kern der Sache, nämlich zum Aussäen der Samen.

Was die Samen anbelangt, ähneln einige dem Schnupftabak, andere hellen und bleichen Nissen, wieder andere glänzenden, schwarzbraunen Flöhen ohne Füße; manche sind flach wie Münzen, andere rundlich voll, wieder andere dünn wie Nadeln, flügelig, dornig, beflaumt, nackt und haarig, groß wie Schwaben und klein wie Sonnenstäubchen. Ich bezeuge es, daß jede Art anders und jede merkwürdig ist; das Leben ist verwickelt. Aus diesem großen, struppigen Ungeheuer soll eine niedere, trockene Distel hervorsprießen, während aus dieser gelben Nisse angeblich eine riesige Kotyledone entsteht. Was soll ich tun? Ich glaube es einfach nicht.

Gut, habt ihr schon gesät? Habt ihr die Blumentöpfe in laues Wasser gestellt und mit Glas zugedeckt? Habt ihr die Fenster gegen die Sonne verhängt und geschlossen, damit im Zimmer eine Treibhaushitze von 40 Grad herrsche? Wohlan, nun beginnt die große und eifrige Tätigkeit jedes Samenzüchters, nämlich das Warten. Schweißtriefend, ohne Rock und Weste neigt sich der Wartende atemlos über seine Blumentöpfe und lockt mit den Augen die Keimlinge heraus, die treiben sollen.

Am ersten Tag gedeiht nichts; und der Wartende wälzt sich in der Nacht im Bett herum und kann den Morgen kaum erwarten.

Am zweiten Tag erscheint auf der geheimnisvollen Erde eine Schimmelflocke. Der Wartende freut sich über die erste Spur des Lebens.

Am dritten Tag kriecht etwas auf einem langen, weißen Beinchen heraus und wächst wie närrisch. Der Wartende jauchzt beinahe laut auf, daß es schon da ist, und hütet den ersten Setzling wie seinen Augapfel.

Wenn am vierten Tag dieser Keimling bereits zu einer unmöglichen Höhe emporgeschossen ist, erfaßt den Wartenden die Unruhe, es könnte vielleicht Unkraut sein. Bald zeigt es sich, daß diese Befürchtung nicht grundlos war. Immer entpuppte sich das erste Lange und Dünne, das im Blumentopf hochwächst, als Unkraut. Anscheinend handelt es sich dabei um ein Naturgesetz.

Nun, so am achten Tag oder noch später öffnet sich plötzlich in einem geheimnisvollen und unbewachten Augenblick (denn nie hat es jemand gesehen, noch sie dabei ertappt) ganz leise die Erde, und der erste Keimling kommt zum Vorschein. Ich dachte immer, die Pflanze wachse entweder wie eine Wurzel aus dem Samen hinunter, oder wie das Kartoffelkraut aus dem Samen hinauf. Ich kann euch sagen, daß es nicht so ist. Fast jede Pflanze wächst unter dem Samen hinauf, wobei sie ihren Samen wie eine Mütze auf dem Kopfe trägt. Stellt euch nur vor, ein Kind würde wachsen und dabei seine Mutter auf dem Kopfe tragen. Es ist einfach ein Naturwunder; und dieses Athletenstück vollbringt fast jeder Keimling. Er hebt den Samen in immer kühnerem Emporrecken, bis er ihn eines Tages fallen läßt oder wegwirft; und nun steht er da, nackt und gebrechlich, rundlich, stämmig oder hager, und hat oben zwei so komische Blättchen, und zwischen diesen beiden Blättchen zeigt sich dann etwas.

Was, das verrate ich euch noch nicht; so weit bin ich noch nicht. Es sind nur zwei winzige Blätter auf einem blassen Beinchen, aber es ist so seltsam, es gibt so viele Abarten dabei; bei jeder Pflanze ist es anders. – Was ich noch sagen wollte? Ich weiß schon, nichts; oder eigentlich nur: daß das Leben verwickelter ist, als man sich vorzustellen vermag.

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