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Das Jahr des Gärtners

Karel Capek: Das Jahr des Gärtners - Kapitel 26
Quellenangabe
typeessay
authorKarel Capek
titleDas Jahr des Gärtners
publisherBruno Cassirer Verlag
yearo.J.
illustratorJosef Capek
translatorJulius Mader
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140601
modified201604121
projectid23cc1b32
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Der Gärtner im Dezember

Nun, jetzt ist wirklich schon alles fertig. Bis jetzt grub und hackte der Gärtner, lockerte auf, schollerte, düngte, überfuhr den Boden mit Kalk, mengte die Erde mit Torf, Asche und Ruß, beschnitt, säte, pflanzte aus, setzte um, teilte, stopfte die Zwiebeln in die Erde, nahm über den Winter die Knollen heraus, bespritzte und begoß, stutzte den Rasen, jätete, deckte die Blumen mit Reisig zu oder häufte Erde um ihre Hälschen; das alles hat er vom Februar bis zum Dezember getan; und jetzt, wo der Garten im Schnee versinkt, erinnert sich der Gärtner plötzlich, daß er eines vergessen hatte: den Garten anzusehen. Denn dazu – müßt ihr wissen – hat er niemals Zeit gehabt. Wollte er im Sommer den blühenden Enzian betrachten, mußte er unterwegs stehenbleiben, um den Rasen von Unkraut zu reinigen. Wollte er sich an der Schönheit des aufgeblühten Rittersporns erfreuen, mußte er ihnen Stöcke geben. Als die Astern blühten, lief er mit der Kanne, um sie zu begießen. Stand die Flammenblume in Blüte, jätete er die Quecke aus; blühten die Rosen, suchte er, wo es Wasserreiser abzuschneiden oder Meltau zu entfernen gab. Als die Chrysanthemen aufblühten, stürzte er mit der Hacke auf sie los und lockerte die zusammengedrückte Erde auf. Was wollt ihr, immer gab es etwas zu tun. Kann man denn die Hände in die Taschen stecken und im Garten herumgaffen?

Jetzt ist, Gott sei Dank, schon alles fertig; es gäbe zwar noch allerhand zu tun; dort hinten ist die Erde wie Stein, und die Flockenblume wollte er eigentlich umsetzen; aber Friede sei mit euch, es schneit bereits. Was meinst du, Gärtner, wenn du dir zum erstenmal deinen Garten ansehen gingest?

Also das Schwarze da, was aus dem Schnee hervorlugt, ist die rote Pechnelke, dieser trockene Halm die blaue Akelei, dieses Büschel verbrannter Blätter der Scheingeißbart, und der Besen dort, das ist wohl eine Aster Ericoides; und das hier, was gar nichts gleichsieht, ist die orangefarbige Trollblume, und dieses Häuflein Schnee hier ist eine Nelke, natürlich eine Nelke, und der Stengel dort ist wahrscheinlich rote Schafgarbe.

Brr, das friert! Nicht einmal im Winter kann man sich über seinen Garten freuen.

Nun gut, heizt nur ein; lassen wir den Garten unter dem leichten Schneefederbett schlafen. Es tut gut, einmal auch an andere Dinge zu denken. Da ist ein ganzer Tisch mit ungelesenen Büchern, fangen wir damit an; wir haben so viele andere Pläne und Sorgen, beginnen wir mit ihnen. Ob wir auch nur alles gut mit Reisig abdeckten? Gaben wir der Tritoma genug zum Zudecken, vergaßen wir nicht die Bleiwurz? Den Lorbeer sollte man mit etwas Reisig beschatten. Ob uns der Felsenstrauch nicht erfrieren wird? Und was tun, wenn die Knollen des asiatischen Hahnenfußes nicht aufgehen? Da müßten wir etwas anderes an ihre Stelle setzen . . . einen Augenblick . . . einen Augenblick, gleich sehen wir in einer Preisliste nach.

Der Garten im Dezember ist vor allem in einer Unzahl von Gärtnerkatalogen enthalten. Der Gärtner selbst überwintert unter Glas in einem geheizten Raum, bis zum Hals keineswegs mit Dünger oder Reisig, sondern mit Gärtnerpreislisten und Prospekten, Büchern und Broschüren zugedeckt, denen er entnimmt, daß:

1. die wertvollsten, dankbarsten und ganz und gar unentbehrlichen Blumen diejenigen sind, die er noch nicht in seinem Garten hat;

2. alles, was er dort hat, »etwas heikel« ist und »gern erfriert«, oder er in einem Beet eine Blume angepflanzt hat, »die Feuchtigkeit erfordert«, und daneben eine andere, »die vor Feuchtigkeit geschützt werden muß«; daß das, was dem stärksten Sonnenlicht ausgesetzt ist, »vollen Schatten verlangt«, und umgekehrt;

3. es dreihundertsiebzig und mehr Arten von Blumen gibt, die »größere Aufmerksamkeit verdienten« und »in keinem Garten fehlen sollten«, oder die wenigstens »eine ganz neue und überraschende Abart darstellen, die die bisherigen Ergebnisse weit übertrifft«.

Dies alles stimmt den Gärtner im Dezember recht mißmutig; einerseits beginnt er zu fürchten, daß im Frühjahr infolge Frost oder Verbrennung, Feuchtigkeit, Trockenheit, Sonne oder Mangel an Sonne nicht eine einzige seiner Blumen herauskommen werde, weshalb er darüber nachgrübelt, womit er diese schrecklichen Lücken ausfüllen wird.

Andererseits muß er sich sagen, daß er in seinem Garten, wenn auch nur der kleinste Teil eingeht, fast nichts von jenen »wertvollsten, üppig blühenden, ganz neuen, unübertrefflichen« Arten haben wird, von deren Vorhandensein er gerade aus den sechzig Katalogen erfahren hat; auch das ist sicherlich eine unerträgliche Lücke, die auf irgendeine Weise ausgefüllt werden muß.

Da hört der überwinternde Gärtner auf, sich für das zu interessieren, was er in seinem Garten hat, ganz fasziniert von dem, was er nicht hat und was natürlich bei weitem mehr ist. So stürzt er sich denn auf die Kataloge und streicht darin an, was er bestellen muß, was ihm um Gottes willen nicht fehlen darf. Im ersten Eifer sucht er vierhundertneunzig Perennen aus, die er, koste es was es wolle, bestellen wird; nachdem er sie schließlich zusammengezählt hat, ist er ein wenig abgekühlt und beginnt blutenden Herzens diejenigen zu streichen, denen er für diesmal entsagen will. Diesen schmerzlichen Ausschluß muß er noch fünfmal durchführen, bis ihm nur mehr an die hundertzwanzig der »schönsten, dankbarsten und unentbehrlichsten« Stauden verbleiben, die er – von tiefster Freude beflügelt – sofort bestellt. »Senden Sie sie mir Anfang März!!« – Gott, wenn schon März wäre, denkt er dabei in fieberhafter Ungeduld.

Nun, Gott hat ihn blind gemacht; im März stellt er nämlich fest, daß er in seinem Garten nur mit äußerster Anstrengung kaum zwei bis drei Stellen findet, wo man noch etwas einsetzen könnte, und das noch dazu beim Zaun hinter den Sträuchern der japanischen Quitten.

*

Sobald er die Haupt- und – wie ersichtlich – ziemlich übereilte Winterarbeit vollbracht hat, beginnt sich der Gärtner fürchterlich zu langweilen; da »es im März beginnt«, zählt er die Tage bis zum März, da ihrer aber zu viel sind, rechnet er noch fünfzehn Tage ab, weil »es ja manchmal auch schon im Februar beginnt«. Doch da hilft nichts, er muß eben warten. Daraufhin stürzt sich der Gärtner-Mensch auf etwas anderes, sagen wir auf das Sofa, auf den Diwan oder die Chaiselongue, und bemüht sich um den Winterschlaf der Natur.

Nach einer halben Stunde springt er, von einer neuen Idee inspiriert, aus dieser horizontalen Lage auf. Die Blumentöpfe! Man kann doch Blumen in Blumentöpfen züchten! Plötzlich sieht er ein förmliches Dickicht von Palmen und Latanien, Drazänen und Tradeskantien, Asparagussen, Klivien, Schildblumen, Mimosen und Begonien in ihrer ganzen tropischen Schönheit vor sich. Und dazwischen werden natürlich frühzeitige Primeln und Hyazinthen oder Alpenveilchen blühen; aus dem Vorzimmer macht man eine Äquatorialdschungel, im Stiegenhause werden Ranken herabhängen, und in die Fenster stellt man Blumentöpfe, die wie verrückt blühen werden. Da wirft der Mensch-Gärtner einen raschen Blick um sich und sieht plötzlich nicht mehr das Zimmer, das er bewohnt, sondern einen paradiesischen Urwald, den er hier hervorzaubern wird. Schon läuft er zum Gärtner um die Ecke, um beide Arme voll Schätzen der Vegetation heimzuschleppen.

Als er alles nach Hause bringt, bemerkt er,

  • daß die Sachen, nebeneinander gestellt, nicht wie ein Äquatorialurwald, sondern eher wie ein kleiner Töpferladen aussehen,
  • daß er nichts in die Fenster stellen kann, weil – wie die Weiber des Hauses fanatisch behaupten – die Fenster zum Lüften da seien,
  • daß er nichts ins Stiegenhaus geben kann, weil man damit angeblich Schweinerei mache und Wasser verspritze,
  • daß er sein Vorzimmer nicht in einen tropischen Urwald verwandeln könne, weil es sich die Frauenzimmer trotz seiner eindringlichen Bitten und Verwünschungen nicht nehmen lassen, die Fenster in die frostige Luft hinaus zu öffnen.

So trägt denn der Mensch-Gärtner seine Schätze in den Keller, wo sie, wie er sich tröstet, wenigstens nicht zu frieren brauchen. Wenn er dann im Frühjahr im feuchten Boden graben wird, vergißt er ja totsicher seine Blumentöpfe. Welche Erfahrung ihn keineswegs daran hindern wird, es im nächsten Dezember wieder zu versuchen, seine Behausung mit neuen Blumentöpfen in einen Wintergarten zu verwandeln. Darin seht ihr das ewige Leben der Natur.

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