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Das Jahr des Gärtners

Karel Capek: Das Jahr des Gärtners - Kapitel 25
Quellenangabe
typeessay
authorKarel Capek
titleDas Jahr des Gärtners
publisherBruno Cassirer Verlag
yearo.J.
illustratorJosef Capek
translatorJulius Mader
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140601
modified201604121
projectid23cc1b32
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Die Vorbereitung

Was soll das viele Reden; schon sind alle Anzeichen da, daß sich die Erde, wie man so zu sagen pflegt, zum Winterschlaf niederlegt. Blatt um Blatt gleitet von meinen Birken in schöner und gleichzeitig trauriger Bewegung zur Erde; was geblüht hat, zieht sich in die Erde zurück, von allem, was so üppig sproß, bleibt nichts als ein kahler Besen oder ein feuchter Strunk, zusammengeschrumpftes Blattwerk oder ein vertrockneter Stengel zurück, und selbst die Erde riecht modrig nach Verwesung. Was soll das viele Reden; für heuer ist eben Schluß. Chrysantheme, rede dir nichts mehr ein vom Reichtum dieses Lebens; Fingerkraut, du weißes, verwechsle diese letzte Sonne nicht mit der heiteren Märzsonne. Da hilft nichts mehr, Kinder, die Parade ist vorüber; legt euch schön nieder zum Winterschlaf.

Ach nein, ach nein! Was euch nicht einfällt! Erzählt doch keine Märchen! Was ist das für ein Schlaf? Alljährlich pflegen wir zu sagen, daß die Natur ihren Winterschlaf antrete, aber noch nie haben wir uns diesen Schlaf aus der Nähe angesehen, oder genauer gesagt, noch nie haben wir ihn von unten gesehen. Stellen wir doch einmal die Dinge auf den Kopf, damit wir sie besser kennenlernen; stellen wir doch die Natur auf den Kopf, damit wir in sie hineinsehen können, kehren wir sie nach oben, die Wurzeln. Du lieber Gott, und das soll ein Schlaf sein? Das nennt ihr Ausruhen? Eher möchte man sagen, die Natur habe aufgehört nach oben zu wachsen, weil sie keine Zeit dafür hat. Sie krempelt sich nämlich die Ärmel auf und wächst nach unten; spuckt sich in die Hände und gräbt sich in die Erde ein. Seht doch, dieses Lichte in der Erde, das sind neue Wurzeln, seht doch, bis wohin sie sich vordrängen. Hei ruck! Hei ruck! Hört man denn nicht, wie die Erde unter diesem wütenden, haufenweisen Ansturm kracht? Melde gehorsamst, General, die Schwarmlinie der Wurzeln ist tief in die feindliche Linie eingedrungen; die Vorhut der Flammenblumen hat bereits Verbindung mit den Vorhuten der Glockenblumen. Gut, gut, sie sollen sich im eroberten Gebiet eingraben; das gesteckte Ziel ist erreicht.

Und das Dicke, Weiße und Zarte hier sind neue Schößlinge, neue Keimlinge. Seht nur, wieviel ihrer sind. Wie du heimlich buschig geworden bist, welke, verdorrte Staude, wie du sprühst, wie du vor Leben überquillst! Und das nennt ihr Schlaf? Hole der Teufel die Blätter und Blüten! Hier unten, hier unter der Erde ist die eigentliche Arbeit, hier, hier, hier wachsen neue Stengel; von hier bis dort, in diesen herbstlichen Grenzen drängt das märzliche Leben hervor, hier unter der Erde wird das große Frühlingsprogramm entworfen. Noch hat es keine Minute der Erholung gegeben; siehe, da ist der Bauplan, hier sind die Fundamente ausgehoben und die Röhren gelegt; und wir graben noch weiter, ehe der Frost den Boden erstarren läßt. Der Frühling errichte nur sein grünes Gewölbe über der Pionierarbeit des Herbstes! Wir herbstlichen Kräfte haben das Unsrige geleistet.

Der harte, dickliche Trieb unter der Erde, die Beule am Scheitel der Knollen, der wunderliche Auswuchs unter den Fersen des trockenen Laubwerks: das sind die Bomben, aus denen die Frühlingsblumen hervorbrechen werden. Wir sagen, der Frühling sei die Zeit des Ausschlagens; in Wirklichkeit aber ist es der Herbst. Es ist zwar wahr, solange wir die Natur betrachten, endet das Jahr mit dem Herbst. Aber fast noch wahrer ist es, daß der Herbst der Anfang des Jahres ist. Man nimmt allgemein an, daß im Herbst die Blätter abfallen, was ich wirklich nicht leugnen kann; ich behaupte nur, daß der Herbst in einem gewissen tieferen Sinn die Zeit ist, in der die Blätter eigentlich hervorsprießen. Die Blätter verwelken, weil es Winter wird; aber sie verwelken zugleich, weil der Frühling beginnt, weil sich schon neue Knospen, klein wie Knallerbsen, bilden, aus denen der Frühling ausbricht. Es ist nur eine optische Täuschung, daß Bäume und Sträucher im Herbst kahl sind; sie sind nämlich mit allem übersät, was sich im Frühling an ihnen entfalten und entwickeln wird. Es ist eine optische Täuschung, daß die Blume im Herbst eingeht, weil sie eigentlich geboren wird. Wir sagen, die Natur ruhe aus, indes sie sich wie wild nach vorn durchschlägt. Sie hat nur den Laden gesperrt und die Rollbalken herabgelassen; aber dahinter wird bereits neue Ware ausgepackt und die Fächer zum Brechen gefüllt. Leute, das ist der rechte Frühling; was jetzt nicht fertig ist, wird auch im April nicht fertig sein. Die Zukunft liegt nicht vor uns, sondern ist schon da, in der Gestalt des Keimlings, ist unter uns; und was nicht unter uns ist, wird es auch in Zukunft nicht sein. Wir sehen die Keimlinge nicht, weil sie unter der Erde sind; wir sehen die Zukunft nicht, weil sie in uns ist. Manchmal scheint es uns, als ob wir nach Verwesung röchen, zugedeckt mit allen trockenen Überresten der Vergangenheit; könnten wir nur sehen, wieviel dicke und weiße Triebe sich den Weg im alten Kulturboden bahnen, den man das Heute nennt, wieviel Samen im geheimen keimen, wieviel alte Setzlinge sich sammeln und zu einem lebendigen Trieb vereinen, der einstens zu blühendem Leben aufgehen wird. Könnten wir das geheime Gewimmel der Zukunft unter uns sehen, wir würden wahrscheinlich sagen, daß unser Klagen und unser Mißtrauen eine große Dummheit sind, und daß das Beste von allem ist: ein lebendiger Mensch zu sein; nämlich ein Mensch, der wächst.

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