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Das Jahr des Gärtners

Karel Capek: Das Jahr des Gärtners - Kapitel 24
Quellenangabe
typeessay
authorKarel Capek
titleDas Jahr des Gärtners
publisherBruno Cassirer Verlag
yearo.J.
illustratorJosef Capek
translatorJulius Mader
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140601
modified201604121
projectid23cc1b32
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Der Gärtner im November

Ich weiß, es gibt viele schöne Berufe, zum Beispiel: für Zeitungen schreiben, im Parlament abstimmen, im Verwaltungsrat sitzen, Amtsakten unterschreiben. Obgleich das alles recht schön und verdienstvoll ist, macht man aber weder eine solche Figur dabei, noch nimmt man eine ähnlich monumentale, plastische und geradezu bildhauerische Haltung ein wie der Mann mit dem Spaten. Steht einer so auf seinem Beet, mit einem Fuß auf den Spaten gestützt, sich die schweißtriefende Stirn trocknend und »Uff« sagend, so sieht er geradezu wie eine allegorische Statue aus. Es würde genügen, ihn behutsam samt den Wurzeln auszugraben und ihn auf einen Sockel zu stellen mit der Aufschrift »Triumph der Arbeit« oder »Der Herr der Erde« oder sonst irgendwie. Ich sage das, weil jetzt gerade die Zeit dafür ist, nämlich fürs Graben.

Jawohl, im November soll man die Erde umgraben und auflockern; einen vollen Spaten davon aufnehmen, erweckt ein ebenso schmackhaftes und feinschmeckerisches Gefühl, als hielte man einen vollen Schöpflöffel mit Essen in der Hand. Ein guter Boden darf so wie ein gutes Essen weder zu fett noch zu schwer, weder zu kalt noch zu naß, auch nicht zu trocken oder zu klebrig, weder zu hart noch zu krümlig, noch zu roh sein. Er soll wie Brot sein, wie Lebkuchen, wie eine Buchtel, wie Gärklöße; er soll zerbröckeln, aber nicht bröseln, soll unterm Spaten knistern, aber nicht schnalzen, soll weder Schichten noch Klumpen, weder Fladen noch Knödel bilden, sondern soll, wenn er mit vollem Spaten umgewendet wird, vor Wohlbehagen aufseufzen und in Schollen und grießartige Erde zerfallen. Das ist ein schmackhafter, bearbeitbarer und edler Boden, tief und feucht, durchlässig, atmend und weich, kurz ein guter Boden, so wie es gute Menschen gibt; und bekanntlich gibt es in diesem Tale der Tränen nichts Besseres.

So wisse denn, du Gartenmensch, daß man in diesen Herbsttagen noch umsetzen kann. Zuerst hackt man so tief als möglich um den Strauch oder Baum herum auf und gräbt um, dann packt man ihn mit dem Spaten von unten her, wobei der Spaten gewöhnlich entzweigeht. Es gibt Menschen, hauptsächlich Kritiker und öffentliche Redner, die gern von den Wurzeln sprechen; so verkünden sie zum Beispiel, daß wir zu den Wurzeln zurückkehren, irgendein Übel mit der Wurzel ausroden oder bis zur Wurzel irgendeiner Sache vordringen sollen. Nun, ich möchte sie gern sehen, wenn sie, sagen wir, eine dreijährige Quitte mit den dazugehörigen Wurzeln ausgruben. Ich glaube, sie würden sich nach einigen Versuchen aufrichten und dabei nur ein einziges Wort sagen. Ich könnte Gift drauf nehmen, daß es das Wort »Herrgott« wäre. Ich versuchte es mit den Quitten und bestätige, daß die Arbeit mit den Wurzeln schwer ist, daß es daher besser ist, die Wurzeln dort zu lassen, wo sie sind. Sie wissen schon, warum sie so tief sein wollen; fast mochte ich sagen, sie verzichten gern auf unsere Aufmerksamkeit.

Ja, den Boden verbessern. So eine Fuhre Dünger wirkt am schönsten, wenn sie an einem frostigen Tage angefahren wird und wie ein Opferscheiterhaufen raucht. Steigt dann der Rauch bis zum Himmel empor, fängt oben der, der alles versteht, zu schnuppern an und sagt: Aha, das ist ein schöner Dünger! – Hier wäre allerdings Gelegenheit, vom geheimnisvollen Kreislauf des Leben zu sprechen: Ein Pferd frißt sich mit Hafer voll und gibt es wieder an die Nelken oder Rosen weiter, die dafür im nächsten Jahr Gott mit so lieblichem Duft lobpreisen werden, daß es sich gar nicht beschreiben läßt. Nun, diesen lieblichen Geruch ahnt der Gärtner schon im rauchenden, strohigen Düngerhaufen. Genäschig schnuppert er daran herum und breitet die Gottesgabe sorgfältig über den ganzen Garten aus, als striche er seinem Kinde Marmelade auf eine Brotschnitte. Da hast du, Fliedersträuchlein, lasse es dir schmecken! Ihnen, Madame Herriot, widme ich ein ganzes Häuflein, weil Sie so schön bronzefarben geblüht haben. Damit du nicht zu kurz kommst, Mutterkraut, gebe ich dir diesen Krapfen da; und dir streue ich braunes Stroh, eifrige Flammenblume.

Warum rümpft ihr die Nasen, Menschen? Dufte ich vielleicht nicht genug?

*

Noch ein Weilchen, und wir erweisen unserem Garten den letzten Dienst. Noch lassen wir den einen oder anderen Herbstfrost vorübergehen, und dann betten wir den Garten in grünes Reisig, biegen die Rosenstöcke nieder, umgeben ihre Hälschen mit Erde, schichten duftendes Fichtenreisig darüber, und dann gute Nacht. Gewöhnlich deckt man mit dem Reisig noch allerlei andere Sachen zu, wie das Taschenmesser oder die Pfeife; im Frühjahr, wenn man das Reisig abnimmt, feiert man mit allem Wiedersehen.

Aber noch sind wir nicht so weit, noch haben wir nicht aufgehört zu blühen, noch blinzelt uns die Allerseelenaster mit ihren violetten Augen an, noch blühen Himmelsschlüssel und Veilchen zum Zeichen, daß auch der November seinen Frühling hat, und die Indische Chrysantheme (so benannt, weil sie nicht aus Indien, sondern aus China stammt) läßt sich weder durch das schlechteste Wetter noch durch die politischen Verhältnisse davon abhalten, ihren ganzen zarten und ungeheueren Reichtum an Blüten, fuchsroten und weißlichen, goldenen und brünetten, auszugeben. Auch die Rose blüht noch zum letztenmal. Königin, sechs Monate hast du geblüht; gewiss bist du das deiner Stellung schuldig.

Und dann – blüht noch das Laub: gelbes Herbstlaub, purpurnes, fuchsrotes, orangefarbiges, knallrotes und dunkelbraunes, leuchten rötliche, orangefarbige, schwarze und blaue bereifte Beeren und das gelbe, rötliche und helle Holz der kahlen Äste. Noch sind wir nicht fertig. Selbst wenn alles unter der Schneedecke liegt, sind die dunkelgrünen Stechpalmen mit ihren feurigroten Früchten, die schwarzen Kiefern, Zypressen und Eibenbäume da; das nimmt nie ein Ende.

Ich sage euch, es gibt keinen Tod, nicht einmal einen Schlaf. Wir wachsen nur aus einer Zeit in die andere. Wir müssen mit dem Leben Geduld haben, denn es ist ewig.

Aber auch ihr, die ihr kein Beet eigener Erde im Weltall besitzt, könnt euch in dieser herbstlichen Zeit vor der Natur beugen: ihr könnt Zwiebeln von Hyazinthen und Tulpen in Blumentöpfe einsetzen, damit sie euch im Laufe des Winters entweder erfrieren oder aufblühen. Das macht man so: man kauft die entsprechenden Zwiebeln und dazu beim nächsten Gärtner einen Sack voll guter Gartenerde. Dann sucht man im Keller und auf dem Boden alle alten Blumentöpfe zusammen und gibt in jeden eine Zwiebel. Schließlich wird man gewahr, daß man zwar noch einige Zwiebeln, aber keine Töpfe mehr hat. Also kauft man Blumentöpfe, worauf man feststellt, daß man zwar keine Zwiebeln mehr, dafür aber Blumentöpfe und Erde übrig hat. Also kauft man noch ein paar Zwiebeln; weil aber wieder die Erde nicht ausreicht, verschafft man sich noch ein Säckchen Erde. Dann bleibt wieder Erde übrig, die man natürlich nicht wegwerfen will, weshalb man lieber noch einige Blumentöpfe und Zwiebeln dazukauft. Auf diese Weise geht das fort, bis die Hausgenossen Einspruch erheben. Hierauf stellt man die Blumentöpfe in die Fenster, auf Tische und Schränke, in die Vorratskammer, in den Keller und auf den Dachboden und blickt vertrauensvoll dem kommenden Winter entgegen.

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