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Das Jahr des Gärtners

Karel Capek: Das Jahr des Gärtners - Kapitel 17
Quellenangabe
typeessay
authorKarel Capek
titleDas Jahr des Gärtners
publisherBruno Cassirer Verlag
yearo.J.
illustratorJosef Capek
translatorJulius Mader
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140601
modified201604121
projectid23cc1b32
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Ein Kapitel Botanik

Bekanntlich unterscheidet man eine Glazial- und Steppenflora, eine arktische, pontische, Mittelmeer-, subtropische und Sumpfflora und noch verschiedene andre; und zwar einerseits nach dem Ursprung und andrerseits nach dem Ort, wo sie vorkommt und gedeiht.

Wenn ihr euch nur einigermaßen für Pflanzen interessiert, werdet ihr bemerken, daß in den Kaffeehäusern eine andere Vegetation gedeiht als zum Beispiel bei den Selchern; daß bestimmte Arten und Gattungen besonders gut auf den Bahnhöfen und andere wieder bei den Streckenwärtern wachsen. Vielleicht ließe sich durch eingehendes vergleichendes Studium beweisen, daß hinter den Fenstern der Katholiken eine andere Flora gedeiht als hinter den der Ungläubigen und Fortschrittler, während hinter den Auslagescheiben eines Galanteriewarengeschäftes tatsächlich nur künstliche Blumen prangen. Da aber die botanische Topographie bisher sozusagen noch in den Windeln ist, halten wir uns an einige scharf begrenzte und charakteristische botanische Gruppen.

1. Die Bahnhofsflora wird in zwei Unterklassen eingeteilt: in die Vegetation am Bahnsteig und in die im Garten des Herrn Stationsvorstandes. Am Bahnsteig gewöhnlich in Körbchen hängend, aber manchmal auch auf Gesimsen oder in den Bahnhofsfenstern gedeihen besonders die große Kapuzinerkresse, ferner Lobelien, Pelargonien, Petunien und Begonien, auf Bahnhöfen höherer Kategorie manchmal auch Drazänen. Die Bahnhofsflora zeichnet sich durch ungewöhnlich reichliche und farbenprächtige Blüten aus. Der Garten des Herrn Vorstandes ist botanisch weniger ausgeprägt; es kommen darin auch Rosen, Vergißmeinnicht, Stiefmütterchen, Lobelien, Geißblatt und andere soziologisch weniger unterschiedliche Arten vor.

2. Die Eisenbahnflora wächst in den Gärten der Streckenwärter. Dazu gehört besonders Eibisch, den man auch Malve nennt, die Sonnenblume, weiter die Kapuzinerkresse, Kletterrosen, Georginen und manchmal auch Astern; wie ersichtlich, handelt es sich meist um Pflanzen, die über den Zaun gucken, vielleicht deshalb, um den vorüberfahrenden Maschinenführern Freude zu machen. Die wilde Eisenbahnflora wächst auf den Eisenbahndämmen. Zu ihr gehören besonders Heideröschen, Löwenmaul, Wollkraut, gemeine Natterwurz, Quendel und noch einige andere Eisenbahnarten.

3. Die Fleischhauerflora gedeiht in den Auslagefenstern der Fleischhauer, zwischen angeschnittenen Rückenstücken, Keulen, Lämmern und Würsten. Zu ihr zählen einige Arten wie Aucuba, Asparagus Sprengeri, von den Kakteen der Kerzenkaktus und Echinops; bei den Selchern kommen in Blumentöpfen die Anden-Tanne und manchmal auch Schlüsselblumen vor.

4. Zur Gasthausflora gehören zwei Oleanderbäumchen vor der Eingangstür und die Schildblume in den Fenstern; Gasthäuser, die die sogenannte Hausmannskost pflegen, haben in den Fenstern auch Zinerarien. In Restaurationen wachsen sogar Drazänen, Philodendrone, großblättrige Begonien, die Buntlippe, Fächerpalmen, Feigenbäume und überhaupt jene Pflanzen, die die Ballreferenten von Anno dazumal mit so treffenden Worten zu schildern pflegten, wenn sie schrieben, daß »die Estrade im üppigen Grün der tropischen Vegetation versank«. In den Kaffeehäusern gedeiht nur die Schildblume; dafür wachsen auf den Kaffeehausterrassen häufig Lobelien, Petunien, Tradeskantien, ja sogar Lorbeer und Efeu.

Soweit mir bekannt ist, gedeihen keine Pflanzen bei Bäckern, Büchsenmachern, in Automobilgeschäften und Geschäften mit landwirtschaftlichen Maschinen, bei Eisenhändlern, Kürschnern, Papierhändlern, Hutmachern und vielen andern Gewerben. In den Fenstern der Ämter gibt es entweder gar nichts oder rote und weiße Pelargonien. Überhaupt sind die Blumen in den Ämtern vom Willen und Wohlwollen entweder des Amtsdieners oder des Amtsvorstandes abhängig. Außerdem entscheidet hier eine gewisse Tradition; während im Bereich der Eisenbahnen die üppigste Vegetation gedeiht, wächst in den Post- und Telegraphenämtern rein gar nichts. Die autonomen Behörden sind, was die Vegetation anbelangt, fruchtbarer als die Staatsämter, unter denen insbesonders die Steuerämter die reinsten Wüsten bilden.

Eine botanische Klasse für sich bildet natürlich die Friedhofsflora und dann selbstverständlich die Flora der Festlichkeiten, die die Gipsbüste der Gefeierten umgibt; zu ihr gehören der Oleander, der Lorbeer, die Palme und im schlimmsten Fall die Schildblume.

Was die Fensterflora anbelangt, gibt es zweierlei: die arme und die reiche. Die bei den ärmeren Leuten ist für gewöhnlich die bessere; außerdem geht sie den Reichen in der Regel ein, während sie auf Sommerfrische sind.

Damit ist natürlich nicht einmal annähernd die botanische Mannigfaltigkeit der verschiedenen Pflanzenfundorte erschöpft. Gern würde ich zum Beispiel einmal feststellen, welche Art von Menschen Fuchsien und welche die Passionsblume züchten, welchen Beruf Kakteenzüchter haben und so weiter. Möglich, daß es eine besondere kommunistische Flora gibt oder eine Flora der Volkspartei. Groß ist der Reichtum der Welt; jedes Gewerbe, was sage ich, jede politische Partei könnte ihre eigene Flora haben.

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