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Das Jahr des Gärtners

Karel Capek: Das Jahr des Gärtners - Kapitel 14
Quellenangabe
typeessay
authorKarel Capek
titleDas Jahr des Gärtners
publisherBruno Cassirer Verlag
yearo.J.
illustratorJosef Capek
translatorJulius Mader
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140601
modified201604121
projectid23cc1b32
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Der Gärtner im Juni

Der Juni ist die Hauptzeit des Grasmähens. Doch was uns städtische Gärtner betrifft, glaubt bitte ja nicht, daß wir an einem tauigen Morgen die Sense geradeklopfen und dann in offenem Hemd mit mächtigem Schwunge das glitzernde Gras mähen, daß es nur so pfeift, und dabei Volkslieder singen. Die Sache sieht etwas anders aus. Vor allem wollen wir Gärtner einen englischen Rasen haben, grün wie ein Billardtisch und dicht wie ein Teppich, einen vollendeten Rasen, einen Grasplatz ohne Makel, eine Matte wie Samt, eine Wiese wie einen Tisch. Nun, im Frühjahr stellen wir fest, daß dieser englische Rasen aus ein paar kahlen Flecken, aus Löwenzahn, Klee, Erde, Moos und einigen harten, gelblichen Grashalmen besteht. Das muß zuerst ausgejätet werden. Wir hocken uns nieder und entfernen das niederträchtige Unkraut vom Rasen, bis eine öde, zertrampelte und so kahle Erde zurückbleibt, als hätten Maurer oder eine Herde Zebras darauf herumgetanzt. Dann begießt man es und läßt es in der Sonne aufspringen, worauf wir uns entschließen, es doch lieber abzumähen. Ein unerfahrener Gärtner packt sich nach diesem Entschluß zusammen und sucht die nächstgelegene Peripherie auf, bis er auf einem kahlgefressenen Wiesenrain ein altes Weib mit einer Ziege antrifft, die einen Weißdornstrauch oder das Netz eines Tennisplatzes benagt.

»Liebe Frau«, sagt der Gärtner freundlich, »möchtet Ihr nicht hübsches Gras für Eure Ziege haben? – Bei mir könnt Ihr Euch abmähen, soviel Ihr wollt.«

»Und was gebt Ihr mir dafür?« sagt das alte Weiblein nach einigem Überlegen.

»Drei Mark«, erwidert der Gärtner und kehrt nach Hause zurück, um auf das Weiblein mit der Ziege und der Sichel zu warten. Aber das alte Weiblein kommt nicht.

Da kauft sich der Gärtner eine Sichel und einen Schleifstein und erklärt, er werde niemanden bitten und sein Gras selber abmähen. Entweder aber ist die Sichel so stumpf oder das städtische Gras so hart oder was immer, kurz, die Sichel fängt nicht. Da bleibt nichts andres übrig, als jeden Grashalm am Ende zu packen, aufzurichten und ihn unter großem Kraftaufwand mit der Sichel durchzuschneiden, wobei man für gewöhnlich auch die Wurzeln mit herausreißt. Mit einer Schneiderschere geht es wesentlich schneller. Hat der Gärtner schließlich seinen Rasen, so gut es eben ging, kurz geschoren, abgerupft und verwüstet, kratzt er noch ein Häuflein Heu zusammen, macht sich auf und geht das alte Weiblein mit der Ziege suchen.

»Liebe Frau«, sagt er honigsüß, »möchtet Ihr nicht einen Korb voll Heu für Eure Ziege wegtragen. Es ist schönes, reines Heu. –«

»Und was gebt Ihr mir dafür?« sagt das alte Weiblein nach einigem Nachdenken.

»Eine Mark fünfzig«, sagt der Gärtner und läuft nach Hause, um auf das alte Weiblein zu warten, das das Heu abholen soll; es wäre doch schade, so ein schönes Heu wegzuwerfen, nicht wahr?

Zum Schlusse nimmt sich der Straßenkehrer des Heues an, muß aber zwanzig Pfennige dafür bekommen. »Sie wissen ja, gnä' Herr«, meint er, »wir dürfen's nicht auf den Wagen nehmen.«

Der erfahrene Gärtner kauft sich einfach eine Mähmaschine; das ist so ein Zeug auf Rädern und macht einen Lärm wie ein Maschinengewehr; fährt man damit übers Gras, so fliegen die Halme nur so; ich sage euch, die reinste Freude. Wenn so eine Mähmaschine ins Haus kommt, raufen sich alle Familienmitglieder, vom Großvater bis zum Enkel, darum, wer das Gras mähen wird: ein solches Vergnügen ist es, den üppigen Rasen zu schneiden. »Laßt mich«, erklärt der Gärtner, »ich zeige euch, wie man's macht.« Worauf er mit der Pose eines Maschinenführers und zugleich Pflügers über den Rasen fährt.

»Jetzt ich wieder«, bettelt das zweite Familienmitglied.

»Noch ein Stückchen«, besteht der Gärtner auf seinem Rechte und fährt von neuem lärmend und grasmähend los.

Das ist die erste feierliche Heumahd.

»Hör mal«, sagt der Gärtner nach einiger Zeit zum zweiten Familienmitglied, »möchtest du nicht die Maschine nehmen und das Gras schneiden? Das ist eine sehr angenehme Arbeit.«

»Ich weiß«, erwidert der andere lau, »aber ich habe heute keine Zeit.«

*

Die Heumahd ist bekanntlich die Zeit der Gewitter. Einige Tage zuvor liegt es dräuend über Himmel und Erde; die Sonne sticht ganz abscheulich, der Boden bekommt Sprünge und die Hunde stinken. Der Gärtner blickt sorgenvoll zum Himmel und meint, es sollte regnen. Worauf die sogenannten unheilverkündenden Wolken erscheinen und ein stürmischer Wind sich erhebt, der Staub, Hüte und welkes Laub vor sich hertreibt.

Da stürzt der Gärtner mit wehenden Haaren in den Garten, keineswegs, um wie ein romantischer Dichter den Elementen zu trotzen, sondern um alles, was im Winde schwankt, festzubinden, seine Geräte und Stühlchen wegzutragen und überhaupt allen elementaren Katastrophen die Stirn zu bieten. Während er vergebens versucht, die Stengel der Rittersporne festzubinden, fallen die ersten großen und heißen Tropfen; einen Augenblick ist es zum Ersticken, und dann bum! geht unter Donnergetöse plötzlich ein schwerer Platzregen nieder. Der Gärtner flüchtet unter einen Dachvorsprung und sieht schweren Herzens zu, wie sich der Garten unter den Hieben des Regens und des Sturmes schüttelt. Wird es am ärgsten, stürzt er wie ein Mann hinaus, der ein ertrinkendes Kind retten will, um eine geknickte Lilie anzubinden. Um Gottes willen, so viel Wasser. Mitten hinein rasseln Hagelkörner, hüpfen am Boden herum und werden durch die Bäche von Schmutzwasser weggeschwemmt. Im Herzen des Gärtners aber ringt die Angst um die Blumen mit einer Art Begeisterung, die große Elementarerscheinungen in uns auslösen. Dann donnert es dumpfer, der Guß verwandelt sich in einen kalten Regen und verdünnt sich zu einem Streifregen. Der Gärtner läuft in den abgekühlten Garten hinaus, blickt verzweifelt auf den mit Sand vollgeschwemmten Rasen, auf die geknickten Schwertlilien und die zerstörten Beete. Kaum jedoch läßt sich die erste Amsel vernehmen, ruft er über den Zaun dem Nachbar zu: »Hallo, es sollte noch regnen, für die Bäume war es zu wenig.«

Am nächsten Tag kann man in den Zeitungen von dem katastrophalen Wolkenbruch lesen, der insbesondere auf den Saatfeldern furchtbaren Schaden angerichtet hat aber kein Wort steht darin von dem schweren Schaden, den er unter den Lilien verursacht hat, oder gar von der Verwüstung unter dem orientalischen Mohn. Wir Gärtner werden eben immer zurückgesetzt.

*

Wenn es etwas nützen würde, fiele der Gärtner täglich auf die Knie und betete ungefähr so: »Herrgott, richte es so ein, daß es täglich von Mitternacht bis drei Uhr früh regne, aber langsam und warm, weißt Du, damit es einsickern kann; doch soll es dabei nicht auf die Pechnelke, Steinkraut, Sonnenröschen, Lavendel und andere Blümlein regnen, die Dir in Deiner unendlichen Weisheit als trockenliebende Pflanzen bekannt sind – wenn Du willst, schreibe ich sie Dir auf ein Blatt Papier auf; ferner soll die Sonne den ganzen Tag über scheinen, aber nicht überallhin (zum Beispiel nicht auf den Spierstrauch und Enzian, noch auf Funkia und Rhododendron) und auch nicht zu stark; dann möge es viel Tau und wenig Wind geben, genug Regenwürmer, keine Blattläuse, Schnecken und keinen Meltau, und einmal in der Woche verdünnte Jauche mit Taubenmist regnen. Amen.« Denn, – glaubt mir, so ist es im Garten des Paradieses gewesen; anders hätte es dort nicht so wachsen können, was meint ihr?

*

Wenn ich schon das Wort »Blattlaus« erwähne, wäre hinzuzufügen, daß man gerade im Juni die Blattläuse vertilgen soll. Es gibt zu diesem Zwecke verschiedene Pulver, Präparate, Tinkturen, Extrakte, Absude und stinkendes Zeug, Arsen, Tabak, Schmieren und andere Gifte, die der Gärtner eines nach dem andern ausprobiert, sobald er sieht, daß sich die grünlichen und üppig vollgesaugten Blattläuse an seinen Rosenstöcken bedenklich vermehren. Wendet man diese Mittel mit einer gewissen Vorsicht und im gehörigen Maße an, wird man bemerken, daß die Rosenstöcke dieses Vertilgen der Blattläuse ohne Schaden überstehen, höchstens daß die Blätter und die Knospen dabei verbrennen; was die Blattläuse betrifft, gedeihen sie während des Vertilgens in ungewöhnlichem Maße, so daß sie die Rosenzweige wie eine dichte Stickerei bedecken. Dann kann man sie – unter hörbaren Äußerungen von Abscheu – Zweig für Zweig zerdrücken. Auf diese Weise also vertilgt man die Blattläuse; aber der Gärtner riecht noch lange nachher nach Tabakabsud und Schmiere.

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