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Das Jahr des Gärtners

Karel Capek: Das Jahr des Gärtners - Kapitel 13
Quellenangabe
typeessay
authorKarel Capek
titleDas Jahr des Gärtners
publisherBruno Cassirer Verlag
yearo.J.
illustratorJosef Capek
translatorJulius Mader
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140601
modified201604121
projectid23cc1b32
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Gesegneter Regen

Wahrscheinlich hat jeder von uns ein Stück Bauer in sich, auch wenn weder Pelargonien noch Meerzwiebeln in unseren Fenstern wachsen. Sobald aber eine Woche lang die Sonne scheint, beginnen wir sorgenvoll zum Himmel zu blicken und zu Bekannten, denen wir begegnen, zu sagen: »Regnen sollte es.«

»Ja, das sollte es«, meint der andere Städter darauf. »Ich war unlängst am Belvedere, dort ist es schon so trocken, daß die Erde springt.«

»Und ich fuhr unlängst mit der Bahn nach Kolin«, sagt der erste. »Ich glaube, es ist furchtbar trocken.«

»Ordentlich regnen sollte es«, seufzt der zweite.

»Wenigstens drei Tage lang«, fügt der andere hinzu.

Indes brennt die Sonne, in der Stadt beginnt es nach erhitztem Menschenfleisch zu riechen, in der Straßenbahn gerät die menschliche Körperfülle melancholisch in Schweiß, die Leute sind gereizt und irgendwie ungesellig.

»Ich glaube, es wird regnen«, sagt ein verschwitztes Wesen.

»Es sollte«, stöhnt das zweite.

»Wenigstens eine Woche lang sollte es regnen«, sagt das erste, »das täte dem Gras und allem andern gut.«

»Es ist zu trocken«, meint das zweite.

Inzwischen brütet schwül die Sonnenhitze, schwere Spannung gärt in der Luft, Gewitter wälzen sich am Himmel hin, bringen aber weder der Erde noch den Menschen Erleichterung. Ein andermal wieder dröhnen die Gewitter am Himmel, weht der mit Wasser gesättigte Wind, und schon fängt es an: in Strömen prasselt der Regen auf das Pflaster nieder, die Erbe seufzt geradezu laut auf, das Wasser rauscht, trommelt, peitscht, klirrt gegen das Fenster, klopft mit tausend Fingern in den Dachtraufen, läuft in Rinnsalen ab und gluckst in den Pfützen; und der Mensch möchte vor Freude laut aufschreien, steckt den Kopf aus dem Fenster, um ihn von der himmlischen Nässe abkühlen zu lassen, pfeift, lärmt und würde sich am liebsten barfuß in die gelben Sturzbäche hineinstellen, die durch die Straßen treiben. Gesegneter Regen, kühlende Wonne des Wassers, bade meine Seele und wasche mein Herz rein, glitzerndes, kaltes Naß. Die Hitze hat mich böse gemacht, böse und faul; faul und schwerfällig, stumpf, massig und egoistisch; ich verdorrte in der Trockenheit und erstickte an der inneren Schwere und dem Mißbehagen. Klinget, silberne Küsse, durch die die durstige Erde den Aufschlag der Tropfen empfängt! Rausche, wehender Wasserschleier, der alles rein wäscht! Kein Sonnenwunder kommt dem Wunder des gesegneten Regens gleich. Lauft, trübes Wässerchen, durch die kleinen Rinnen der Erde, tränke und durchdringe den lechzenden Boden, der uns gefangen hält. Alle haben wir aufgeatmet, das Gras, ich, die Erde, alle; so ist uns wohl.

Der rauschende Guß hat aufgehört, als hätte man an einer Leine gezogen; die Erde erglänzt im silbrigen Dunst, im Gebüsch wird eine Amsel laut und führt sich wie verrückt auf; auch wir würden es tun, indes aber treten wir barhäuptig vors Haus und atmen die frische, funkelnde Feuchtigkeit der Luft und der Erde ein.

»Ein schöner Regen«, sagen wir.

»Schön«, sagen wir, »aber es sollte noch mehr regnen.«

»Ja, das sollte es«, antworten wir, »aber auch das war ein gesegneter Regen.«

Eine halbe Stunde später regnet es wieder in langen, dünnen Fäden; das ist der richtige, sanfte, gute Regen; ruhig und breit regnet die Fruchtbarkeit. Das ist nicht mehr die spritzende und strömende Flut, sondern ein sanft rauschender, luftiger, stiller Strichregen. Von dir, sanftes Naß, geht nicht ein Tropfen verloren. Doch die Wolken teilen sich, und durch die dünnen Fäden dringen die Sonnenstrahlen; die Fäden reißen, der Streifregen hört auf, und die Erde atmet warme Feuchtigkeit aus.

»Das war ein richtiger Mairegen«, freuen wir uns, »jetzt wird alles schön grün werden.«

»Noch ein paar Tropfen«, sagen wir, »und dann genug.«

Die Sonne stemmt sich kraftvoll gegen die Erde, dem feuchten Boden entströmt heiße Glut; man atmet schwer und drückend wie in einem Treibhaus. In dem einen Himmelswinkel ballen sich von neuem Gewitterwolken zusammen. Man atmet den heißen Dampf ein, schwere Tropfen fallen zur Erde, und von irgendwo aus einer anderen Gegend weht ein mit Regenkühle gesättigter Wind. Man ermattet in der feuchten Luft wie in einem lauwarmen Bad, atmet die Wassertröpfchen ein, watet durch kleine Wasserrinnen, sieht am Himmel weiße und graue Dampfknäuel sich auftürmen, als ob sich die ganze Welt in dem warmen, weichen Mairegen auflösen wollte.

»Es sollte noch regnen«, sagen wir.

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