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Das Jahr des Gärtners

Karel Capek: Das Jahr des Gärtners - Kapitel 11
Quellenangabe
typeessay
authorKarel Capek
titleDas Jahr des Gärtners
publisherBruno Cassirer Verlag
yearo.J.
illustratorJosef Capek
translatorJulius Mader
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140601
modified201604121
projectid23cc1b32
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Feiertag

. . . Ich aber werde absichtlich nicht den Feiertag der Arbeit besingen, sondern den Feiertag meines Privateigentums. Und wenn es nicht gerade regnet, werde ich ihn, auf den Hinterbeinen hockend, feiern und sagen: »Warte mal, ich gebe dir ein wenig Torf zu, und dieses Wasserreis schneide ich auch weg; und du möchtest tiefer in die Erde, nicht wahr?« Und das Steinkraut erwidert, daß es das wohl möchte, worauf ich es tiefer in die Erde einsetze. Dann ist meine Erde, und zwar wortwörtlich, mit Schweiß und Blut getränkt; schneidet man ein Zweiglein oder einen Trieb ab, schneidet man sich dabei fast immer in den Finger, der auch nur ein Zweiglein oder ein Trieb ist. Der Mensch, der einen Garten besitzt, wird unwiderruflich zu einem Privateigentümer; dann wächst dort nicht eine Rose, sondern seine Rose, dann sieht und stellt er nicht fest, daß die Kirschbäume bereits blühen, sondern seine Kirschbäume. Der Mensch, der Eigentümer ist, kommt in eine gewisse Wechselbeziehung zu seinen Mitmenschen, zum Beispiel, was das Wetter betrifft; er sagt: »Jetzt könnte uns schon der Regen verschonen«, oder: »Da haben wir es hübsch feucht.« Gleichzeitig aber macht sich bei ihm eine nicht minder starke Abgeschlossenheit bemerkbar; so findet er, daß die Bäume des Nachbargartens im Gegensatz zu seinen Bäumen die reinsten Sträucher und Besen sind, oder er stellt fest, daß sich diese Quitte viel besser in seinem Garten als in dem des Nachbarn ausnehmen würde, und so weiter. Es ist somit sicher, daß das Privateigentum gewisse klassenmäßige und kollektive Interessen hervorbringt, zum Beispiel in bezug auf das Wetter; aber es steht ebenso fest, daß dadurch furchtbar starke egoistische, privatunternehmerische Besitztriebe geweckt werden. Der Mensch ginge zweifellos für die Wahrheit in den Kampf, aber noch bereitwilliger und wilder täte er es für seinen Garten. Ein Mensch, der einige Klafter Boden besitzt und darauf etwas anbaut, wird tatsächlich zu einer Art konservativem Wesen, da er von tausendjährigen Naturgesetzen abhängig ist; man kann tun, was man will, keine Revolution beschleunigt die Zeit des Keimens und läßt den Flieder vor Mai erblühen. Da wird denn der Mensch weise und unterwirft sich den Gesetzen und Gewohnheiten.

Dir, Alpenglockenblume, grabe ich dann ein tieferes Lager. Arbeit! Auch dieses Herumtändeln mit dem Finger kann man Arbeit nennen, strengt man doch dabei fürwahr genug Rücken und Knie an. Aber es geht gar nicht um die Arbeit, sondern um die Glockenblume; man arbeitet nicht, weil es schön ist oder adelt oder gesund macht, sondern damit die Glockenblume gedeihe und der Steinbrech sich zu einem hübschen Pölsterchen auswachse. Willst du schon etwas feiern, solltest du nicht diese deine Arbeit feiern, sondern die Glockenblume oder den Steinwurz, für die du sie tust. Und stündest du, statt Artikel und Bücher zu schreiben, am Webstuhl oder an der Drehbank, würdest du die Arbeit nicht um der Arbeit willen tun, sondern weil du dafür Selchfleisch und Erbsen bekommst, oder weil du einen Haufen Kinder hast und leben willst. Und deshalb solltest du heute Selchfleisch mit Erbsen, die Kinder, das Leben und all das feiern, was du für deine Arbeit kaufst und mit deiner Arbeit bezahlst. Oder solltest das feiern, was du mit deiner Arbeit schaffst. Die Straßenwärter hätten nicht nur ihre Arbeit zu feiern, sondern auch die Straßen, die sie durch sie erhalten; und die Textilarbeiter sollten am Feiertag der Arbeit vor allem die Kilometer Zwillich und Kanevas feiern, die sie in der Maschine gewebt haben. Man nennt ihn Feiertag der Arbeit und keineswegs Feiertag der Leistung, und doch sollte man eher darauf stolz sein, was man geleistet hat, als darauf, daß man überhaupt arbeitet.

Ich fragte einmal einen, der den seligen Tolstoi besuchte, wie die Stiefel aussahen, die sich Tolstoi selbst genäht hatte. Angeblich wären sie außerordentlich schlecht gewesen. Wenn der Mensch arbeitet, so soll er es deshalb tun, weil es ihm Freude bereitet, weil er es kann, oder schließlich, um zu leben, aber aus Prinzip Stiefel nähen, aus Prinzip oder aus Tugend arbeiten, heißt eine Arbeit leisten, die nicht viel wert ist. Meiner Meinung nach sollte der Feiertag der Arbeit im Lobpreisen der menschlichen Geschicklichkeit und all der Vorteile und Handgriffe gipfeln, die jene anwenden, welche die Arbeit richtig anzupacken verstehen. Feierten wir heute alle tüchtigen und bewanderten Schlaumeier und Kerle der Welt, würde dieser Tag besonders fröhlich ausfallen; das wäre dann wirklich ein Feiertag, ein Wallfahrtstag des Lebens, der Feiertag aller tüchtigen Burschen.

Gut, aber dieser Feiertag der Arbeit ist ein ernster und strenger Tag. Mach dir nichts daraus, kleines Blümlein der Frühlingsflammenblume, und öffne deinen ersten rosigen Kelch.

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