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Das Jahr des Gärtners

Karel Capek: Das Jahr des Gärtners - Kapitel 10
Quellenangabe
typeessay
authorKarel Capek
titleDas Jahr des Gärtners
publisherBruno Cassirer Verlag
yearo.J.
illustratorJosef Capek
translatorJulius Mader
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20140601
modified201604121
projectid23cc1b32
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Der Gärtner im April

April, das ist der richtige und gesegnete Monat des Gärtners. Die Verliebten sollen uns ungeschoren lassen mit ihrem gepriesenen Mai; im Mai blühen die Bäume und Blumen nur, aber im April schlagen sie aus; glaubet mir, dieses Keimen und Ausschlagen, diese Knospen, Knösplein und Keimlinge sind das größte Wunder der Natur – nicht ein Wort verrate ich mehr von ihnen. Hockt euch nur selber nieder, grabt selber mit dem Finger im lockeren Boden und – haltet den Atem an, denn der besagte Finger berührt einen zarten, vollen Keimling. Das läßt sich nicht schildern, genau so wie man Küsse nicht schildern kann und noch einige wenige andere Dinge.

Weil wir schon von diesem zarten Keimling sprechen: niemand weiß eigentlich, wie das kommt, aber es geschieht auffallend häufig: tritt man in ein Beet, um ein Ästchen aufzuklauben oder den verflixten Löwenzahn auszujäten, tritt man gewöhnlich auf die unterirdische Knolle einer Lilie oder einer Trollblume. Es knackt nur so unter dem Fuß, daß man vor Schreck und Scham erstarrt; in diesem Augenblick hält man sich für ein Ungeheuer, unter dessen Hufen kein Gras mehr wächst. Oder man lockert mit unendlicher Vorsicht die Erde im Beete auf mit dem verbürgten Ergebnis, entweder mit der Hacke eine keimende Zwiebel zu zerhacken, oder mit dem Spaten glatt die Keimlinge der Anemonen abzuschneiden; weicht man erschrocken zurück, zertritt man sicher mit seiner Flosse eine blühende Priemel oder bricht einen jungen Trieb des Rittersporns ab. Je größer die Vorsicht ist, mit der man arbeitet, um so größer der Schaden, den man anrichtet. Erst Jahre der Praxis lehren einen die mystische und rohe Sicherheit eines echten Gärtners, der weiß Gott wo hintritt, und dabei doch nichts zertritt; und wennschon, so macht er sich wenigstens nichts daraus. Doch das nur nebenbei.

Der April ist nicht nur der Monat des Ausschlagens, sondern auch der des Aussetzens. Mit Begeisterung, ja mit einer wilden Begeisterung und Ungeduld habt ihr bei den Gärtnern Setzlinge bestellt, ohne die ihr nicht länger leben könnt. Alle Freunde, die Gärtner sind, ginget ihr um Ableger an; nie, sage ich, habt ihr an dem genug, was ihr schon besitzt. Und so kommen daheim eines Tages an die hundertsiebzig Setzlinge zusammen, die in die Erde wollen; im selben Augenblick blickt ihr im Garten umher und erkennet mit niederschmetternder Gewißheit, daß ihr keinen Platz für sie habt.

Im April ist der Gärtner also ein Mensch, der mit welkenden Setzlingen in der Hand zwanzigmal um seinen Garten herumläuft und ein Fleckchen Erde sucht, auf dem noch nichts wächst. »Nein, da ist kein Platz«, brummt er leise, »hier habe ich die verfluchten Chrysanthemen, da würde ihn wieder die Flammenblume ersticken, und hier ist die Pechnelke, hol sie der Teufel! Hm, da machen sich die Glockenblumen breit, und bei dieser Schafgarbe dort ist auch nichts frei – wohin gebe ich es nur? Warte einmal, hierher – nein, da ist schon das Fingerkraut; oder dorthin – dort ist wieder die Dotterblume. Hier wäre ein Plätzchen, doch da ist alles voll von Tradeskantien; und da – was kommt denn da heraus? Das möchte ich doch gern wissen. Aha, hier ist ein winziges Plätzchen. Warte, Setzling, gleich werde ich dir aufbetten. So, siehst du, und jetzt wachse mit Gottes Hilfe.«

Ja, aber nach zwei Tagen bemerkt der Gärner, daß er ihn gerade in die purpurrot hervorsprießende Nachtkerze hineingesetzt hat.

Der Gärtner-Mensch ist ein Produkt der Kultur und keinesfalls einer natürlichen Entwicklung. Wäre er nämlich von Natur aus entstanden, sähe er anders aus, vor allem hätte er Beine wie ein Käfer, um nicht hocken zu müssen, und besäße Flügel, einerseits der Schönheit wegen, andrerseits, um über seinen Beeten schweben zu können. Wer es nicht erlebt hat, ahnt nicht, wie die Beine dem Menschen hinderlich sein können, wenn er nicht weiß, wo er sie hinstellen soll, wie überflüssig lang sie sind, wenn man sie unter sich zusammenlegen muß, wie unmöglich kurz sie sind, wenn man das andere Ende des Beetes erreichen will, ohne dabei auf das Pölsterchen des Mutterkrauts oder einer aufknospenden Akelei zu steigen. Da möchte man am liebsten an einem Riemen angeschnallt sein und sich über den Kulturen hin und her bewegen können, oder wenigstens vier Hände haben und darauf einen Kopf mit einer Mütze und sonst nichts; oder ausziehbare Gliedmaßen, ähnlich einem photographischen Stativ. Da jedoch der Gärtner äußerlich ebenso unvollkommen erschaffen ist wie ihr andern, bleibt ihm nichts andres übrig, als zu zeigen, was er kann: auf der Spitze eines Fußes balancieren, wie eine zaristische Balleteuse schweben, die Beine vier Meter weit grätschen, leicht wie ein Schmetterling oder eine Bachstelze den Boden berühren, auf einem Quadratzoll Platz haben, allen Gesetzen von den geneigten Körpern zum Trotz das Gleichgewicht erhalten, alles erreichen und allem ausweichen und zu alledem noch bemüht sein, eine gewisse Würde zu wahren, damit ihn die Leute nicht auslachen. Allerdings bei einem flüchtigen Blick aus der Ferne seht ihr vom Gärtner nichts als das Hinterteil; alles übrige, wie der Kopf, die Hände und die Beine, befinden sich einfach unter ihm.

Danke der Nachfrage; es ist schon eine ganze Menge: Narzissen, Hyazinthen und Tazetten, Stiefmütterchen, Frühlingsvergißmeinnicht, Steinbrech, Felsenblümchen, Gänsekresse und Gemskresse, Himmelsschlüsseln und Frühlingserika, und was erst noch morgen oder übermorgen aufblüht, da werdet ihr Augen machen!

Natürlich, schauen kann ein jeder. »Ach, ist das aber eine hübsche lila Blume«, sagt so ein Laie, worauf ihm der Gärtner etwas beleidigt erwidert: »Das ist doch eine Petrocallis pyrenaica.« Denn der Gärtner hält auf Namen; eine Blume ohne Namen ist, um es platonisch auszudrücken, eine Blume ohne metaphysische Idee, kurzum, es mangelt ihr die echte und vollwertige Wirklichkeit. Eine namenlose Blume ist Unkraut, eine Blume mit einem lateinischen Namen ist sozusagen in den Stand der Fachkenntnis erhoben. Wächst eine Brennessel im Beet und steckt man ein Täfelchen mit der Bezeichnung »Urtica dioica« dazu, beginnt man sie zu schätzen, ja sogar den Boden ringsum zu lockern und ihn ein wenig mit Chilesalpeter zu düngen. Wenn ihr mit einem Gärtner redet, fragt ihn immer: »Wie heißt diese Rose?« Worauf er euch erfreut antwortet: »Das ist eine Burmeester van Tholle, und die dort eine Madame Claire Mordier«, und dabei hält er euch noch für anständige und gebildete Menschen. Übrigens hasardiert nie selber mit Namen; sagt zum Beispiel nicht: »Da blüht ja eine hübsche Arabis«, weil euch dann der Gärtner zornig grollend erwidern kann: »Aber keine Idee, das ist doch eine Schievereckia Bornmülleri!« Es ist zwar fast dasselbe, aber Name ist Name; und wir Gärtner halten auf einen guten Namen. Deshalb hassen wir auch Kinder und Amseln, weil sie uns die eingesteckten Namenstäfelchen herausziehen und durcheinanderbringen. Dann kann es nämlich vorkommen, daß wir mit Erstaunen zeigen: »Schauen Sie sich mal diesen Goldregen da an, der blüht genau so wie Edelweiß – das dürfte eine lokale Spielart sein; und doch ist es bestimmt Goldregen, es steckt doch mein eigenes Täfelchen daneben.«

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