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Das Inselmädchen

Robert Müller: Das Inselmädchen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorRobert Müller
created20010228
titleDas Inselmädchen
senderanonymus@abc.de
publisherRoland Verlag
year1919
firstpub1919
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Robert Müller

Das Inselmädchen

Von allen Erscheinungen der Insel, die ihn beunruhigten, versöhnte den Belgier Raoul de Donckhard das Mädchen auf der Südklippe der Insel zuerst.

Über den Bruchrändern der bassinblauen Muschel der Bucht quoll malachitgrün das Meer, stand Augenblicke wie ein schartiger dicker Stein und zerspähnte sich, bei näherem Hinsehen bewegt, in lange Kammspiralen, die tausendflächig geknittert verkräuselten, von einer unendlich walzenden Maschine aus der Unendlichkeit geschält. Raoul de Donckhard ließ die Bewegung rings um sich wieder narbig versteinern, indem er den Blick von ihr hob. Die Insel lag da wie ein aufgeklapptes Gebiss auf einer Etagere; leer und scharf. Ein blauer Gaumen, unterwölbte sie die Muschel der Bucht. Raoul empfand Abscheu vor diesem Anblick. Die Einsamkeit von Weite und Meer hatte sich zu einem knirschenden Wink gefestigt, ihr Ausdruck war diese weitläufige Klippe.

Raoul nahm das Seeglas vor die Augen. Der harte Schrei fuhr auseinander zu einem Nebel von Linien und Flecken, Raoul schraubte, da gerann es, setzte sich ab in deutlicheren Stufen des Lebens. Die Klippe war leer, aber nicht tot. Aus der Heftigkeit, mir der sie über die Oberfläche gesetzt war, strömte an geborgenen Stellen ein zärtliches Dasein.

Raoul setze ab und blinzelte. Sofort begann der Wellensteinbruch um ihn in Milliarden von Flächen zu zerfallen, arbeitete sich in unendlichfachen Schuppen ab, blätterte, verwitterte augenfällig. Raoul schloß die Augen und sah die Insel und ihre junge Geschichte vor sich.

Auf der Insel war eine blendende, aber zähe Vegetation ausgebrochen. Eines Tages hatte der Meergrund, von einer inneren Wallung getrieben, die Spitzen durch das Meerende oben gestoßen. Das Meer schwoll ab, wie von einem heißen Loch geschlürft. Die Krusten des Meerbodens brachen bei dieser furchtbaren Anstrengung, die kunstvoll gesammelten Korallenbänke zerpulverten an der pressenden Bewegung, die von tiefen Feuermuskeln auf sie überzitterte. Schwarzblasse Tangurwälder starben im kochenden Sonnenschein uns aschten die Ritzen der jungfräulichen Insel, die Verwesung von Fischleichnamen schuf winzige Gärten der Fäulnis, die der herabprasselnde Tropenregen mit unzähligen Händen als Teig der Schöpfung um die ganze Insel knetete. Er stampfte ihn fest, die Sonne gab ihm Halt. Begehrende Erde streckte ihre Schöße, wenn der schwertragende Samenwind von weiten Kontinenten über sie hinschlüpfte und seine feinen Lasten in sie niederließ. Aber Wind und Regen, die Gründe und schräge Hänge und flachen Felder beflorten, wetzte auch die erste furchtbare Verwirrung des Durchbruchs hinweg. Wie schrecklich hart und planlos hier trotzdem noch alles lag! Man konnte am gerechten Sinn der Natur verzweifeln; nur eine starke einfache Idee konnte hier Gerechtigkeit, Form und Wachstum schaffen. Und die Natur, die ihren Anfang so drastisch darbot und die Reste davon unerschrocken aufrecht erhielt, hatte auch diese Idee.

Raoul sah klar vor sich: die Idee. Am Rand und innerst der Insel quetschten polstrige Blöcke die Backen aneinander. Furchtbarer Druck hatte große reine Flächen geschaffen, deren Kanten Meerorkane entschärften. Die Hundertmeter-Erhebungen brachen spitz und steil empor, kleine ausgeprägte Vulkantürme und nichts anderes als zu diesem Zwecke, Rauchschäfte, Essenausgänge; ein gemeiner Winkel herrschte hier vor, eine rücksichtslose Absicht nach oben auch jetzt noch, da alles erloschen war. Von dieser Urabsicht und ihren Bleibseln ging nun wohl die Natur aus. In dieses langsam zu einer organischen Ordnung zerfallende Chaos setzte sie eine gerechte Idee, die sich nicht vollkommen frisch gebärdete, sondern von älterm Willen nährte. Die Natur hält auf Übergänge. Sie setzte eine Vegetation ein, die jene reine Fläche und den übertrieben spitzen Winkel beibehielt, zwei maßlos einfache Prinzipe. Die Baumformen der Insel waren anfängerhaft. Sie wuchsen steif aus der Erde und setzten erst hoch oben Äste an, deren Beblätterung längs des Stammes behälterartig emporstrebte. Ein seltsames Gewächs, eine riesenhaft dicke Distel, knickte ihre Seitensprossen starr nach oben, trug die vollroten Köpfe der Blüte wie die Flammen eines streng geregelten Armleuchters. Die erste Neigung, in die Breite zu gehen, war hier im Kampf einer Natur mit sich selbst zugunsten eines älteren Inselprinzipes gezüchtigt. Raoul vergegenwärtigte sich das lähmende Grauen, das ihn überfiel, so oft er durch den Dschungel der Armleuchterpflanze zu schreiten hatte. Er empfand die gerade Linie, die in den weichen runden Mond hineinwuchs, als faszinierend, aufsaugend, erkältend. Nach oben geschlossen, Gestalten mit vermummten Köpfen, waren die von dem selben Grundsatz hypnotisierten Palmen, die dieser Insel entwuchsen, dabeigestanden.

Steinbäume schlugen ins Blau. Basaltene Sträucher drohten, ein Gewissen der Überlieferung, zum abgearteten Leben verurteilter Grundsatz, Meerweltmotiv, das in Korallenbarrieren vorgelebt haben mochte. Erzenes Adergezweig ahmte in unergründlicher Sehnsucht die Zeichnung nach, die der Wellengang auf der Meerfläche abschlägt. Zäh schlug die Zelle altvorderem Gestaltungstrieb der Welle nach. Die Insel war von der Rasse des Meeres.

Das Zerfallen des Meeres in Flächen war nutzlos. Aber aus den selben Motiven schuf das Meer, Insel geworden, die Typen der Insel, die sie emporbringen sollen, aus reiner Fläche und spitzem Winkel. Erst eine andere Kraft und Überlieferung, dem Meer an Macht und Adel gleich, der Wind, wird anfängerhafte eckige Jugend, Flegeljahre der werdenden Natur, ausgleichen, modellieren und verbreitern.

Raoul sah ein, dass aus der Verwirrung und Beiläufigkeit des Durchbruchs nur eine einfache und harte Idee zur Gerechtigkeit führen konnte. Das neue Leben nahm seine Form vom Toten. Das Tote hatte ihn an dieser Landschaft inmitten schmiedender Hitze kalt bis in die Zunge werden lassen. Er unterdrückte seinen Ekel und anerkannte das Gerechte, das die Natur vorwollte.

Einfach wie ein Kind setzt sie Striche, um eine Ordnung herbeizubringen; dünne riesige Pilze, das waren die Bäume, eine erschreckend simple Landschaft; genug, diese versorgte die Menschen, die von Festländern aus durch Wasser auf sie gedrungen waren. Männer standen Schulter an Schulter in hochgeschwungenen Kähnen, Weiberscharen mit aus den Busen und von den Hüften quellenden Kindern zu Füßen. Mädchen kauerten sich über das Lieblingshuhn, Tauben mit Radaugen saßen Kriegern auf den Schultern und flatterten gegen die Luftwirbel. Der Männer ästig gewachsene Lanzen mit den unebenen Steinsplitterspitzen starrten verkreutzt wie nackte Zeltspieren über das flößende Lager, der Wind faßte sich im Rudel der Stöcke wie in einem Segel und trieb überfüllte Boote an eine Küste, während die Blicke der Insassen noch scheu nach rückwärts loteten, ob die Zornmächte ihrer Urheimat ihnen im Kielwasser folgten.

Sturmhiebe aus der Tiefe des Landes, wandernde Wasserdämme von meerwärts trieben ein großes Volk, als alle Erde dort sich unter Wolkenbrüchen und Flußschwellungen zu gelben Milchfluten quirlte, auf die tanzenden Boote. Tausend Boote kippten in der Schale einer hohlen Woge lautlos um und versenkten mit einschläferndem Schrecken ihre Menschenladung; andere saugten langsam, trugen über Flutsäulen und Wellengrate treu hinweg und schluckten plötzlich irgendwo im stillsten Wasser; Menschen griffen ihren langen Schreien nach, als könnten sie sich an ihnen halten. Die Haie sonnten an diesen Tagen ihre Bäuche. Aber die andern Dutzend Boote blies ein freundlicher Wind an den Stöcken in die Bucht. Seither gilt die Steinscherbenlanze als heilig. War es nicht derselbe Wind, der spät, nachdem die Insel von Kadaveroasen gedüngt und der Leichenhumus in rastloser Arbeit geglättet war, Samen von Kontinenten und anderem Geinsel gebracht hatte? Ein Taifun in asiatischen Meeren saugte Insektenschwärme und Vögel an und führte sie jenseits von stillstehenden Luftbänken über den Erdquadranten, wie Wein in einem Stechheber, bis er flau wurde und alles auf die Insel fallen ließ. Aus den intakten Eiern der ohnmächtigen oder erdrückten Weibchen entstand eine Tierwelt. Diesmal beschämte der Wind die Insel mit Menschen.

Seither gilt der Wind höher als Gott denn jemals, und sein Sausen in den steinernen Lanzen wird angehört. Das muß wahr sein, denn so erzählt es die Mythe der Insel. Als Beweis dessen steht in der zerklüfteten Nische eines alten Kraterbruchs ein Hain von heiligen Lanzen. Raoul de Donckhard schraubte sein Glas und konnte ihn unter der Spitze des steilsten und höchsten Kegels ausnehmen. Wieviel hundert und tausend Jahre waren seitdem vergangen? Die Menschen hatten sich angesiedelt und angepaßt. Sie bauten, erfanden, zeugten, fischten, kämpften und lachten viel. Es war eine Auslese von Glücklichen und Geretteten. Das sanfte und erlöste Lächeln von damals, als die Vorfahren nach stumpfen Tagen und Nächten in der blauen Muschel der Bucht landeten, war ihnen geblieben. Es blieb auch, als fließende Inseln mit symmetrischen Wolken vor den sanftesten Winden daherkamen und Boote abstießen, und schaurig anzusehende blinkende Männer mit Haifischgesichtern und harten Schuppen an den maßlosen Leibern an Land klirrten. Die Inselbewohner hatten wenig fremde Feinde gesehen und ihr ganzer üppiger Kampf war auf Privatstreitigkeiten beschränkt geblieben, nur die Knappheit an ausgiebigen Großtieren ließ ihre Mägen kriegerisch knurren. Ihre Steinlanzen standen längst oben in der Götterspalte unter der alten Vulkanhaube. Sie hatten jetzt kleine Lanzen aus Holz mit einem stark verzierten und nicht ungefährlich gekanteten Blatte. Metall gab es auf der Insel nicht, der brüchige Stein eignete sich wenig zur Behandlung, sie bearbeiteten zäh und erfinderisch Holz mit Holz und Kies.

Aus der Urzeit sprangen sie gleich und frisch nach dem ersten ungeübten Staunen – sie hatten ja wenig Gelegenheit dazu – in eine hochentwickelte Metallperiode.

Sie lächelten noch, als eine bisher sanft gestimmte Mythe zur Geschichte wurde. Sie wandten ihre Holzspeere gegen die Schuppenpanzer und Sturmhauben der Fischmänner kaum erst an, sondern weil sie kein Bedürfnis danach hatten. Sie zitterten, als die schwimmende Insel mit den ganz schmal gewordenen Wolken. Bei deren Anblick ein oder der andre offene Kopf mit aus Betäubung erwachender Dengeln nach dem heiligen Lanzenhain blinzelte, zu donnern begann und ein runder rauchender Ste in, dessen Hitze ihnen die Haaren versengte und dessen unanständiges Winseln sich ihnen mit dunklen Ahnungen auf den Magen legte, knapp über ihren Köpfen dahinschlingerte.

Die Fischmänner gingen auf ihren Inseln, die sich bald als ausgewachsene und erstaunlich gescheite Kähne verstehen ließen, nach einiger Zeit wieder in einer wunderbaren Tracht von Wolken ab. Sie ließen Tand und Wonne zurück und nahmen die blassen festen Früchte der Muscheln mit, die Geschlechter der Inselbewohner mit zusehends gestählten Organen, mit aussparender Technik der Bewegungen und des Atmens zutage gefördert hatten. Der zurückgelassene Tang bei ferneren Besuchen der Schuppenmenschen und Haifischgesichtern vermehrt, an Formen ergänzt, verdünnte durch die neuen Erregungen, die er schuf, geradezu die Nerven des bisher ruhig und gleichförmig lebenden Inselvolkes. Die Taucher gingen jetzt öfter des Tags hinunter in den Kies des aufgebrochenen Meerbodens, wo die Tiefe klar war, innerhalb der Bruchränder der Golfmuschel, diesseits der Grenze der das Meer grün färbenden Tangurwälder. Einige aber übernahmen sich, ermüdeten und kamen geplatzt an die Oberfläche. Ihre Augen hatten allen Glanz verloren und waren zu blutigen Schwämmchen eingefallen, sie hingen wie schlaffe Beutel heraus. Aus den Ohren, Nasenlöchern und zwischen den Nägeln krochen offene Adern hervor. Die Inselbewohner sahen es an, heulten, schüttelten die Schultern, die Weisen gaben abgeklärte Reden, aber alle lächelten sie noch immer; nur war es jetzt ein anderes Lächeln. Die Skeptiker erinnerten sich mit tiefen Falten in Gesicht und Seele an die schwimmende Insel die sich als ein großes Kanu entpuppt hatte und an den Schwindel mit den Wolkenmasten – irgendein Geheimnis des Stammes, der nach der Mythe mit Windlanzen gekommen war, mußte da verlorengegangen sein – und sahen zu den Lanzen der Alten empor, die eines Tages vom Berg wieder in die See wandern würden.

Jahre vergingen. Die Fischmänner kamen wieder, immer wieder und stiegen nach und nach aus ihrem Schuppenkleid; große, prachtvoll gefaltete Matten ruhten jetzt um ihre Häupter und Glieder. Das an Formen ausgehungerte Inselvolk konnte tagelang knien und sich mit schwimmenden Lustaugen in den Gang dieser großen Schurze und Kopfbedeckungen verlieren. Die Linien, mit denen es seine Holzgeräte bisher verziert hatte, waren winkelig gewesen, steil auffallende Strichordnungen, Motive von Fiederungen, barocke Verästelungen, ins Unendliche fortgespielt. Jetzt kam plötzlich ein neuer Geschmack auf, den die alten Künstler heftig bekämpften und als Dekadenz und Ausländer brandmarkten. Aber die jungen Geschlechter siegten wie immer und datierten eine neue weichere und vielseitigere Kunst von dieser fremden Befruchtung her. Die Körpertätowierung bewegte sich in neuen umschließenden Rhythmen, die Beziehungen zwischen Schmuck und Körper vertieften sich, aus dem Kunstwerk als Anhängsel wurde Entfaltung. Das ältere Geschlecht von Inselleuten lachte über diese neumodische Ausdruckskunst, aber den Jungen war es heiliger Ernst. So wirkten die Trachten der europäischen und amerikanischen Seefahrer zuerst auf die Phantasie des Inselvolkes. Mancherlei neue Geflügelarten und kleine Tiere, wie Ziegen und Hunde, kamen ans Land und vermehrten sich; auch die Ratte, die es auf der Insel bisher nicht gegeben hatte. Diese entwickelte sich besonders kräftig und bevölkerte nach vielen Geschlechtern die Insel als ein großes schenantes Tier, das neben der scheuen einheimischen Schildkröte die Jagdinstinkte der Jugend blank hielt.

Nach den französischen Missionären, die eines Tages dauernd von der Insel Besitz ergriffen hatten, kamen als Folge irgendeines politischen Kuhhandels portugiesische Offiziere und Beamte, besserten das Palisadenkloster am Südvorsprung der Insel zu einem Kastell aus, füsilierten anstandshalber ein paar vornehme Familien und machten aus der Insel ein etwas heißeres und noch gelangweilteres Portugal.

Das war die Geschichte der Insel. Zwischen ihrem Anfang und ihrer Gegenwart bestanden möglicherweise bloß Jahrtausende. Über diese Zeitspanne hinweg, die von französischen gelehrten Kuttenträgern in einer Zelle des Palisadenforts nach sorgfältigen Forschungen und in zeitraubenden verliebten Gedankenketten aufgezeichnet war, blickte jetzt Raoul mit einem An- und Absetzen seines scharfen Zweiglases. Vor dem unbewaffneten Blicke lag die Insel noch immer als die nackte Klippe da, als die sie aus Meerversunkenheit gestiegen war, der steinerne Rest einer nutzlosen schönen Naturgewalttat. Im Glase schnellte sie zu einer üppigen, aber etwas starren Pracht auseinander, zu einer ernsten frugalen Vegetation, einer glanzlosen bohrenden Tropenlandschaft.

Raoul de Donckhard richtete das Glas auf die Bäume der Insel, auf die weiten Streifen Land mit Armleuchterpflanzen bedeckt, die ihm stets wie das Zeichen des Unaussprechlichsten der Insel erschienen. Er stieg durch sein Glas auf die Insel, über Zeiten wie in einem vollgeräumten Keller hinab, um Ordnung zu machen – nicht in der Natur, die sich einfache und harte Ideen dafür zurechtlegte, sondern um seine Gedanken über sie Insel zu sichten.

Er vermißte Zwischenglieder zwischen den Formen seines geschliffenen und übergangwilligen Denkens und der Landschaft. Seine Gedanken trugen das Laub einer anderen Zone und breiteten sich mächtig allseits aus. Sein Innenleben dehnte sich vielstreckig in Wölbungen, nicht wie die Tendenz dieser Insel in baren Erstreckungen; sein Weltbegriff war ein volles Ein-und Ausatmen des Weltalls. Wie der Gockel vor dem Kreidestrich war er von soviel Konsequenz des Seins fasziniert, aber auch unbefriedigt. Inmitten der Fülle des Tropischen empfand er dessen Armut und Einseitigkeit und entgleiste in der ersten Woche seiner Ankunft.

Er befand sich unter jenen neutralen Gendarmerieoffizieren, die mit Zustimmung der amerikanischen Regierung nach der Insel berufen worden waren, um die Eingeborenenunruhen zu dämpfen. Von portugiesischer Seite waren bei der Niederwerfung Ausschreitungen vorgefallen, die dem Geiste der -internationalen Staatenliga für Kolonialkultur- zuwiderliefen. Raoul sollte zugleich Aufsichtsperson und gegenüber den portugiesischen Behörden ein gehorsamer Funktionär sein. Er hatte sich in seiner Eigenschaft als Kapitän der belgischen Gendarmerie eben in das internationale Kongo gemeldet, wohin ihn nordische Sucht nach Extremen und nach Wandlungen des Lebensbildes einbildungsmäßig schon früh getrieben hatte. Jetzt sattelte er beschleunigt um; in Vorbereitung seiner afrikanischen Karriere hatte er sich auch mit portugiesischen Kenntnissen versorgt, für die im portugiesischen Angola Absatz war. Der Gedanke in den Tropen, in unmittelbarer Berührung mit der wildesten Natur und mit dem Urmenschen zu arbeiten, stand als Leidenschaft hinter seiner Vorbereitung.

Er besaß, als er endlich im Januar 19.. in die Tropen kam, vom Stofflichsten bis zum Sublimsten vom sportlichen Modeartikel bis zu einem Schatz geographischer Gelehrtheit und beträchtlicher körperlicher Eigenschaften alles, was ein Europäer besitzen kann, der den Äquator noch nicht kennt.

Zu dem Hauptteil seiner Aufgabe kam er natürlich zu spät. Der Aufstand, dessen Aufflammen ihm nach dem ersten Eindruck von der Harmlosigkeit einer kindlichen Rasse unverständlich wurde, war niedergeworfen, die Spuren des Blutbades, das die Portugiesen angerichtet haben sollten, verwischt. Der Aufstand der Inselleute schien in den pathetischen Blättern Lissabons ebenso aufgebauscht worden zu sein wie nachher die Racheakte der Inselherren in den sentimentalen Tageszeitungen Washingtons und Bostons. Raoul de Donckhard meldete sich beim Gouverneur Don Calgareos und stellte sich zur Verfügung; er wurde als Bureauoffizier eingeteilt und versah einen aktenmäßigen Dienst, an dem nur die Amtsstunden exotisch waren.

Er war als psychologischer Tierbändiger gekommen, er hatte erwartet, Menschenfresser mit Maschinengewehren und überlegener Menschenkenntnis in Zucht nehmen zu dürfen. Er machte jetzt Eingaben und schrieb Ziffern mit einer von Wärme sauer riechenden Tinte. War es diese Enttäuschung, die ihn verzweifeln ließ?

Raoul de Donckhard war brav gewachsen, voll und hatte Züge von jener kurzen Verfestigung der Unterpartie, wie man sie bei Briten und Holländern beobachten kann, aber er war Belgier. Er gehörte zu einem Typus, der sich allmählich im Westen Europas herausbildet und über den Norden nach dem Osten verbreitet. Dieser ist keltischer Herkunft und besteht in einem Gezeichnetsein von unwirksam gewordenen Ermüdungen, von einer Sorge, die im Kopfe, nicht im Gemüte ihren Sitz hat, von einem zerebralen Kummer, der um die geistige Bewältigung materieller Probleme entsteht, und den man bei hochstehenden Kaufherren, Ingenieuren, Kriminalpsychologen und Sportsleuten findet. Diese Züge sind eine Folge gedanklichen Trainings.

Er hatte sich mit Urkräften ringen sehen und blätterte beschriebenes Papier um. Bilder von Menschheit, Erde und Kultur, von unbegrenztem Bauen und Formen, von Zukunftsvölkern, von neuartigen menschlichen Zusammenschlüssen füllten sein Gehirn aus, als er in der Barkasse ans Land stampfte. Er hielt zwei Tage stand, unter jochte alle Eindrücke seinen hartnäckigen Vorurteilen, ordnete sie um ein europäisches Lebenszentrum in seinem Innern und brach am dritten Tag wie in einen Hohl raum unter sich ein. Das Tempo und die Richtung außen waren stärker als seine mitgebrachte innere Tropenausrüstung.

Er konnte nirgends anknüpfen. Er konnte weder denken noch träumen, nach dem ersten Anlauf der Gesamteindrücke setzten alle Beobachtungen einfach aus, er schrumpfte ein aus sinnlicher Unterernährung. Dargebotenes lehnte sein Zustand ab. Eine Woche arbeitete er im Bureau und nur im Bureau, wie ein Maniak, ohne sich von der Insel etwas anderes anzusehen, als was der Unterrichtung diente und auf dem Wege zwischen dem Bureau, dem Offizierskasino und seinem Bungalow lag. Er arbeitete, wenn er nicht gedankenlos lange Schläfe bevorzugte, arbeitete, um den Betrieb zu erobern und von diesem Standpunkt aus und nach Erledigung des Einzeltechnischen ins Allgemeine und Große, in die persönliche Aufgabe hinauszusegeln. Er erledigte Referate nach allen Weltrichtungen, saugte mit dem Heißhunger des Ventilators, wie er sich mit messingenem Ton auf einem Gestell bei seinem Schreibtisch drehte, Papierstöße auf, brach die Dinge, die zu begründen waren, mit einem knallfrischen Urteil, dem man noch das europäische Lager anroch, übers Knie und mußte es später, wenn es Vorgesetzte passiert hatte, in ein landläufiges Tempo übersetzt wiederfinden, das ihm wie eine Ohrfeige ins Gesicht ging. Er versuchte kleine Reorganisationen in seinem Arbeitsraum, auf seinem Tisch, bei den Ordonanzen; eine schmächtige Welle von Eifer teilte sich für ein paar Tage seiner Umgebung mit und verlief sich endlich an einem Papierkorb, der dann eine Woche lang ungeleert stehen blieb, während sich um ihn ein Kranz von Papierabfällen bildete. Aber auch der Papierabfall vermehrte sich bald nicht mehr wesentlich. In den weiteren vierzehn Tagen ermüdete Raoul physisch. Die Nebeninstanzen, höher- und niederrangige Kameraden waren von Geschriebenem, das aus seinem Zimmer wirbelte, nicht mehr überhäuft und fanden ihn liebenswürdiger.

Er aber war so weit, dass er sich nicht einmal unerträglich empfand. Er wurde pflanzenhaft und dumm. Obwohl es durch fortgesetzte Tagesausflüge möglich gewesen wäre, die kleine Insel vollständig kennenzulernen, war er über das portugiesische Viertel und die amtliche Umgebung nicht hinausgekommen. Er deuchte sich seit Jahren da und hatte doch keine Lust, mehr zu sehen, als er sehen mußte. Seine Kiefer wurden unfester, sein Gesicht voller und röter. In der Unteroffiziersmesse trank er Schnäpse wie die andern.

In der vierten Woche erholte er sich. Er machte die Entdeckung, dass es einen Zusammenhang mit Europa gab, eine gemeinsame gültige Größe, die nicht in den persönlichen Zusammenbruch verwickelt war, eine objektive Quelle des Menschlichen, und das waren die Akten. Er erholte sich, indem er an ihre Seele geriet, und verstand plötzlich die Inbrunst, mit der die anwesenden Europäer sich bei aller Saumseligkeit in sie vertieften, sich gänzlich in ihre Belanglosigkeiten und technischen Einzelheiten hineinwühlend. An diesen Einzelheiten war gar nichts belanglos. Sie waren die einzigen Zeichen, die von der tektonischen Phantasie beredt waren, mit der Europa zu Werke geht.

Bau, Wille, Zukunft kündigte sich an ihnen verloren an, ein Zusammenwirken, das über diese stehenbleibende, abgeschlossene Insel hinausgeht, war in diesen Fernfunken ausgegeben und von den nach Umfang, Wachstum und Betrieb gierigen Europäerseelen aufgesaugt. Raoul schloß seine Akten, seinem größeren Europahunger gemäß, um eine halbe Stunde später als alle andern. Die Akten, diese Wracks seiner persönlichen Aufgabe, erinnerten ihn dumpf an Größeres, das sich in eines Europäers Sinn bilden kann.

Der Schrecken der tropischen Existenz ist ihre völlige Zukunftslosigkeit. Die Landschaft der mittleren Zone weckt Hoffnungen, Erwartungen gesteigerter Art, zeugt komplizierte Formen, die vielleicht aus dem persönlicheren Zuschnitt des Waldes auf den schauenden Geist eindämmern. Die Tropen sind der Persönlichkeit nicht günstig. Raoul fand, dass sich die Charaktere seiner Begleiter vom Dampfer, Originale aus europäischen Nationen, merkwürdig verwischt hatten, seit sie Gäste des Kasinos und nicht mehr des Salondeckes waren. Die Tropen vernichten die persönliche Aufgabe, nur die allergrößt angelegte Maschine wird hier umwälzend eingreifen können. Raoul erfaßte zum erstenmal seit langem Tatsachen, Differenzen. Erstens: Er war nun tatsächlich in den Tropen. Zweitens: Er war nicht in den Tropen, er hielt sich noch in einer Bastion Europas zurück. Drittens: Die Tropen sind mit der Ordnung des Persönlichen, wie es in Europa im Schatten raunender, gliedernd er Wälder geworden ist, nicht zu erfassen.

Diese durch Hitzen, Ermüdungen, leichte Fieber und Ekel, Blendungen, Ängste hindurch gepflegte und gekelterte Beobachtungen half ihm auf. Er erkannte Umrisse, Licht und Schatten, Differenzen, seine Phantasie setzte sich nach einer Periode der Bewegung wieder langsam und beharrlich in Bewegung.

Sechs Wochen waren vergangen. Es war heute, dass er das erstemal während dieser Zeit wieder eine Anstrengung versuchte und den Blick allgemeiner auf die Insel richtete. Er versuchte es von der Seeseite. Er schnitt sie heraus aus den Wassern, die sie umgaben. Das moderne Mittel des Fernglases ermöglichte ihm, zugleich über und in sie zu sehen. Er saß in einem Bootsgerippe mit hohem Schnabel, von rohen Tierhäuten umspannt, kajakähnlich; einmal hatte geschälte zähe Rinde, wie zu Gummi präpariert, geholfen; das Boot war geschickt balanciert und schwer zu kentern; die unbearbeiteten Ränder der Häute bildeten innen an den Wänden eine durch Schmutz und Salz erstarrte Borte. Das tiefsinnig häßliche Profil eines Meeresungeheuers, etwa eines Rochens, diente als Ruder. Das Boot selbst war schäbig wie ein ausgenommener Haifischrumpf. Raouls Vorstellungskraft saugte Schicksale und Geschichte aus dem Vergleich. Auf diesen Booten, mit ragenden Steinsplitterhölzern, wie französische Missionare die Sage deuteten, waren die Inselleute einst in die Bucht hereingetrieben. Raoul sah die Insel selbst geworden. Er überblickte ihre Geschichte, ihre Aufpflanzung, ihre Vermenschlichung, ihre eindeutigen Ideen. Er sah sich selber nach Franzosen und Portugiesen auf die Insel kommen. Erst jetzt wurde sie wirklich entdeckt, in ihrer ganzen Fremdheit und Bizzarerie, als ein europäischer Inhalt, ein Bewußtseinsreiz jener Menschen, die viel Gedanken auf die Materie verwenden und den kurzen festen Zug um den Mund haben.

Raouls Glas trug weit, aber es hatte ein beschränktes Sehfeld. Während das Boot im Wellengang schlingerte, pendelte die Insel als vager Knäuel durch das feine Fadenkreuz. Ein Stillstand in der Meerbewegung trat ein, da setzte sich das Glas an einem Punkt der Insel fest. Scharf und isoliert sprang eine Figur in das Sehfeld, hintergrundlos im Raume und überraschend nah.

Raoul schraubte die Perspektive auf die vorspringende Felsengruppe, auf der sich die Gestalt befinden mußte, ein. Ein brauner breiter Kopf wurde langsam von West nach Ost gewendet, wie die Perle zwischen den Fingern des Kenners, und kehrte wieder zurück. Raoul fing den klugen traurigen Blick aus solcher Nähe auf, dass er betroffen wurde.

Er befand sich dem Urmenschen gegenüber, einem Exemplar, das sich unbeobachtet fühlte. Das Gesicht mußte genau in die Richtung von Raouls Kanu gewendet sein, eine verstärkte Aufmerksamkeit strahlte von der Stirn des sichtlich angestrengt denkenden Individuums aus. Der Oberkörper war nackt, über die Hüften bis zu den Knien war ein orangegelber Sarong gedreht, der sich um die aufgestellten Schenkel spannte. Die Arme waren vorgestemmt und hielten die Fußknöchel, während sich die Zehen über der blaßgeschundenen Sohle infolge der Konzentration des ganzen Menschen spreizten.

Die durch die kauernde Lage hervorgerufene Einwölbung des Unterleibs verstärkte die Brustfalten, so dass man nicht entscheiden konnte, ob es ein Mann oder ein Weib war. Die Geschlechter unterschieden sich beim Inselvolke im Bau nur wenig, die schrägschultrigen Männer, eine Zucht von Schwimmern, waren nur wenig größer als ihre Weiber, ebenso voll und breithüftig wie diese und hatten dasselbe etwas stumpfe kurzwadige Unterteil. Die ganze Rasse besaß einigermaßen weibliches Aussehen, muskulös aber waren auch die Weiber. Die gedrungenen Körper bewegten sich mit großer Ruhe und Festlichkeit und kamen besonders im Geröll der Basaltberge zur Geltung. Als aber das Wesen auf dem Grat die Hände langsam von den Knöcheln löste und, unverwandt in die Richtung von Raouls Kanu starrend, sich hinter dem Rücken aufstützte, die glänzende Brust mit den ebenmäßigen Vertiefungen und der starken Rille von der Kehle bis zum Nabel in den Raum dehnte, erkannte er an den gerade Schultern und den spitzen Brüsten, dass es vollwüchsiges Mädchen war.

Er beschäftigte sich mit dem Gesichte. Es war dunkel wie das einer Maori, von schwarzen, trockenen Haaren umzottelt; der Kopf war nach europäischen Begriffen zu groß, zwischen den Flächen an der Stirn und in der Gegend der Schneidezähne wuchs in breiter Anlage die Nase, wie hervorgezupft mit zum Munde abfallenden Nüstern und einem vorquellenden Zuge, der zuerst unangenehm berührte. Aus dem Gesichte leuchteten Intelligenz und eine dunkle Lieblichkeit, der unangenehme Zug wurde vertraulich. Die weißen Blitze der scharfen Schneidezähne schossen zwischen dunkelblütigen langen Lippen hervor, die Zähne waren in malmender Bewegung. Der Ausdruck war schwermütig.

Raoul legte sein Glas aus der Hand und griff nach dem Ruder. Er suchte einen orangegelben Fleck auf der südlichsten Klippe, konnte ihn aber mit freiem Auge nicht ausnehmen. Als er mit Rudern innehielt und das Glas vornahm, blieb der blaue Himmelsraum und die Klippe leer.

In Raoul zuckten die Jahre der Sehnsucht nach ungeschmälerter Körperlichkeit. Die Stirn des Europäers wölbt sich über einer ungeheuerlichen erotischen Spannung. Im Kielraum seiner reisigen Seele führt er ein uneingestandenes Geheimnis, eine nährende und anstachelnde Illusion, den nackten Körper. Bei allen seinen Gedanken begleitet ihn ein unausgesprochener Wunsch nach dem Urzustand. Die neuen Erscheinungen, der Sport, die Freiluftbewegung und die exotische Literatur sind Ausflüsse einer verschärften Verriegelung, alles Reisen entwickelt sich ursprünglich aus der Neigung für ins ferne gerückte Urmenschlichkeit.

Dann kommt der Weiße in die Tropen. Er zerfällt in Stücke, was er als Kern in sich vermutet hat, zerschmilzt vor dem großen Leuchten, das den Tag erfüllt und keine Heimlichkeit und keine Schatten duldet. Nicht die Nacktheit und Primitivität der Landschaft mergeln ihn aus, das preisgegebene Geheimnis des Körpers ernüchtert ihn. Die Nacktheit stumpft jeden Stachel ab. Der Tiefsinn des Europäers, ein erotisches Versteck, verflacht sich inmitten bloßer Menschenleiber. Die plötzliche massenhafte Entblößung ist wie ein Chok, dem das Gemüt des Weißen bei der Berührung mit den intensiven Tropen ausgesetzt wird.

Wie alle Weißen hatte sich Raoul die Tropen als eine exzessive und sittenlose Liebesidylle vorgestellt. Er bemühte sich, der Veränderungen habhaft zu werden, denen sein Seelenleben seit sechs Wochen ausgesetzt war.

Er war genau um einen Körper benachteiligt worden, seinen eigenen Körper, den Körper des Menschen. Diesen gibt es inmitten der Tropen als Inhalt der menschlichen Seele nicht. Der Fortfall von Hemmungen zerstört.

Raoul nahm seit dieser Kanufahrt an Gewicht zu und war peinlich berührt, als es der Magister Dr. Lovadel in der Apotheke ablas. Auburn Fowler, der junge Ingenieur aus San Franzisko, bot ihm an, auf dem von Fowler eingerichteten, aber wenig benützen Tennisplatz das Überflüssige abzutrainieren. Der Knabe, von den halben und geschwinden Schulen seiner Heimat zu einem lebenslustigen Selbstbewußtsein promoviert, nahm Raoul unter den Arm und führte ihn schnellzüngig auf das graue Viereck, dessen Geschichte er ihm aufnötigte. Die grünen Büschel zwischen den weißen Leisten waren gewachsen, seit Calgareos nicht mehr ehrgeizig war und die Majorin da Cossilias dick wurde, nachdem sie Monate hindurch Ereignis und Mittelpunkt für eine Schar von Kavalieren gewesen war. Wie, Raoul kannte die da Cossilias nicht? Die große blonde Böhmin? Ach so, die. Die kannte er. Was weiter? Master Fowler, der die Telephonleitungen der Insel einrichtete, sah sich um und legte seinen immer gekränkt aussehenden Indianermund, der etwas an den Raouls erinnerte, inhaltsreich und im schlechtem Französisch an die Ohrmuschel des Begleiters. Raoul blieb stehen, rückte etwas ab und blickte auf den. kleinen Sprechmotor im Gesicht des andern, der in rhythmischen Explosionen arbeitete. Hier gab es Kämpfe um die Frau? Exzellenz und ‚Kid 11' , wie derlei junges Gemüse daheim in U.S. genannt wurde, hatten einst in historischen Tennisturnieren um die barbarische Blondine gerungen? Raoul erinnerte sich der gesund aussehenden Slawin nur als einer Figur von den Familienabenden im Kasino. Der junge Amerikaner brach in ein furchtbares Bedauern aus über die Gewichtszunahme der schönen Blonden, die Kränkungsfalten seines kindlichen Mundes schrumpften zu einer Säuerlichkeit ein, die Beziehungen zu unbekommenen Trauben hat. Er sah beziehungsvoll an den Flanken Raouls hinab.

Raoul stand mit großer Energie ein paar Tage des Morgens um halb fünf Uhr auf, spielte eine Inselstunde, die das europäische Maß etwas zu unterschreiten pflegte, mit rasanten Bällen, hinter denen stapsige Inseljungen gellend einherpurzelten, und erfuhr Bücher über die Beziehungen auf der Insel in einer drink-kalten amerikanischen Mischung von Sport und Liebe, ohne Geschmack und mit viel Braus. Nach einer bis vier Uhr morgens im Kasino durchlärmten Nacht verabredete er mit Fowler eine eintägige Unterbrechung ihrer täglichen Übung, die nie mehr rückgängig gemacht wurde. An diesem Abend war sein Blut heiß geworden. Er gedachte der acht beinahe gelähmten Wochen seit der Abschiedsnacht in Brüssel. Der Inselklatsch, nicht ohne Geist und romanische Feinheit gehandhabt, enthüllte ihm ein Lebensbild, das bei aller Niederträchtigkeit Inhalt und Ersatz bot für die innere Wüste, in die sich des Europäers Seele bei dem Betreten der Tropen wagt. Er faßte zusam men, die Akten, der Kognak, der Tennisplatz, die schlechten Telephonverbindungen Fowlers, der Klatsch waren die eigentliche Kolonie, die Bastion Europas, die für mehr oder weniger europäische Lungen notwendige Atmosphäre. Sie umgibt wie eine Ausstrahlung noch die Weißen, die als Gestrandete auf eine Robinsonade kommen würden.

Er wollte an diesem Abend vergessen, dass es jenseits dieser stillschweigend vereinbarten Welt eine andere, einfachere und zugleich geheimnisvollere gab, die dem Menschen mit den gedankenkauenden Kiefern die persönliche Aufgabe vorstellen müßte. Aber die Liköre, die mit dem letzten Dampfer aus Santiago gekommen waren, machten ihn leicht und spülten schwere Reste seines flämischen Blutes hinweg. Unter einem niedrig hängenden üppigen Sternenhimmel, von dem nur die metallisch tropfende Lichtertraufe aus den Galerien der Lampions trennte, näherte er sich den Frauen und Freundinnen portugiesischer Beamten, den Flirts fremder Beauftragter und Abenteurer. Nicht alle der Frauen waren gelbe Portugiesinnen, die Augen langsam und die Brüste wogend, die Finger behandschuht vom Metall der Ringe, mit kleinen Fesseln aus Filigran am Gelenk und Kettengelenken im Ohrläppchen klimpernd. Die afrikanischen Stirnen und Lippen ihrer Männer strahlten Hitzen in die lichteren Profile nördlicherer und östlicherer Frauen. Frankreich, Wien, Jüdinnen aus Ungarn und Rußland mit Kirgisentyp und ausgesogenem Blond, schneidend sprechende Serbinnen mit einer gewalttätigen Energie des Geschlechts in den Linien, das ganze erotische Genie Europas hatte sich zusammengefunden. Wo kamen alle diese Frauen her? Trieb sie ihr Instinkt? Waren so viele ihres Berufes auf den Weltmeeren unterwegs, dass jedes Netz, das eine so kleine Insel wie diese aushing, mit vollem Fang eingezogen werden konnte? Oder waren es nicht vielmehr die Inseln weißer Männer in der Südsee, die sich in diesem Schleppnetz von Frauen der großen Kontinente wie es die Dampferrouten bilden, fangen und fressen lassen mußten?

Niemand wußte über diese Frauen etwas Bestimmtes; wenn Raoul versteckt und mit dem Recht des Neulings fragte, glitt die vorsichtige Antwort an dem Namen Calgareos' vorbei. Niemand wußte etwas, und niemand interessierte sich im Grunde über die Vorläufer der hin genommenen Tatsache, es war niemand analytisch genug, der die Erscheinung scharf als etwas Besonderes zusammengefaßt hätte.

Mademoiselle Farouche, die niedliche Französin mit den viel gekreppten Haaren, die Freundin eines langen olivengesichtigen Caballero, schlug Raoul mit dem Straußenfächer auf den Mund, in dessen zarte Kraft sie sich, vom Likör zu Deutlichkeiten verführt, für einen Augenblick versenkte. Aber der Likör war nicht stark genug, das Siegel ihrer Herkunft zu lösen, als Raoul sie nach ihrem letzten Aufenthaltsort gefragt hatte. Und die kurze Hingabe der Französin war noch zurückhaltend, gemessen an der gebieterischen Anlehnung der Draga Boguviç, einer Anlehnung im wahren Sinne des Wortes. Die Serbin war auf eine Art schön, die den starken Flämen fesselte. Sie hatte mächtige Brauen und starke Augenhöhlen, ihr grauer Blick ging unvermittelt zu Leibe, in ihrer schneidenden Stimme, an sich wenig liebenswürdig, lag der Tonfall einer bis ins Triviale und gemeine gehende, nicht zu befriedigende Leidenschaft. Sie trug den Stempel echter weiblicher Kraft, das Geschöpf einer Rasse von Müttern; unter all den verfeinerten Exemplaren Amerikas und Europas und den etwas erloschenen Portugiesinnen schien sie die geeignete Persönlichkeit für dieses Leben auf Meeren und Inseln. Sie nahm sich, was ihren weiblichen Gefühlen nottat. Beim Lächeln fletschte sie etwas die Zähne nach Raoul. Er dachte, es gibt noch eine Art Urmenschen in Europa.«Wer von ihnen mein Freund ist?« lachte sie, ihr Blick suchte und blieb an Auburn Fowler hängen. »Ich habe noch keinen gehabt hier«, fügte sie ironisch hinzu und sah Raoul an. »Wie sie fragen! Wer sollte mir gefallen . . . « Sie überschüttete ihn mit Glut in den Blicken, ihre Augen waren weiblichen Geschlechts, Organe für den Liebeskampf. »Der Junge dort? Darüber bin ich hinaus – oder ich bin noch nicht so weit. Der Gouverneur immerhin ist ein schöner Mann«, sagte sie, aus trotz für ihren Geschmack einen Gegenstand wählend, der am fernliegensten sein mußte. »Eine Mannpuppe für Backfische«, gab Raoul, Frauen gegenüber ohne Argwohn, zurück. Sie glimmte Triumph zwischen den Augenschlitzen. »Ach, Sie sind eifersüchtig!« und schlug ihn: »Bei Exzellenz ist eine temperamentvolle Frau gewiß nicht am schlechtesten aufgehoben!« Sie sah ihn neugierig an und glaubte ihm mit diesen Worten genug ihrer Wünsche verstehen gegeben zu haben.

Ihre Forderung an ihn war so hoch geschraubt und augenfällig, dass sie ihm, obwohl sie sich spröde verhielt, auch im Gespräch ununterbrochen den Weg vertrat. Das war auch der Grund, warum er, als sich der Garten leerte und Paare um Paare sich gesellig empfahlen, nicht mit ihr verschwand, wie Frau da Cossilias mit ihrem kleinen chilenischen Professor, der eher aussah wie ein Japaner. Die Boguviç machte Raoul auf dieses Paar aufmerksam, als es sich hinter einem Naturgitter von Sträucherwerk unbemerkt zu treffen wähnte. Sie lachten über den Major, der, als er sich vereinzelt sah, schlechtgelaunt verstummte und böse Ahnungen erst verleugnete, als er Master Fowler erblickte, wie er sein ‚damned old nigger‘ an die farbigen Kellner schickte. Dann geriet der Major an eine schlanke Brünette die Französin oder Kreolin sein konnte. Die Töchter des Gouverneurs, den aufrechten Vater-Witwer hinter sich, graziöse grandes dames mit töricht schönen Gesichtern, folterten den jungen Fowler mit Ansprüchen an amerikanische Galanterie auf die lichtbestäubte Straße hinaus. Raoul aber lehnte sich zurück und blieb, auch als ihn die Boguviç mit ihren Pariser Absätzen, das eine Bein leidenschaftlich gegen den Schenkel gepreßt, in die Wade hakte. Er wischte nicht einmal den Staubabdruck von seiner weißen Leinenhose, er bemerkte eben ihr starkes, aber keineswegs unförmiges Bein gar nicht. Er genoß nicht einmal, dass sie litt, obwohl sie es drastisch preisgab, nur um in seinen geistigen Zügen irgendeinen Reflex ihrer Leidenschaft wieder zu erkennen. Sie widersprach ihm, halb geärgert, halb verächtlich in allem. Er erinnerte sich des Vorkommnisses, das sie ihm zum erstenmal in den Weg geführt hatte.

Er ging damals kurz nach der Ankunft über den Quai am Hafen, als sie ihm den Weg vertrat. Er spürte ihre schönen grauen Blicke um seinen Leib tigern. Sie war nicht groß, aber dieser das Weib vergessende Blick ließ sie beinahe groß und irgendwie furchtbar erscheinen. Er sagte: Pardon! und bog aus, genau in Sicht des Gouverneurs, der die Szene mit schief gelegtem Kopfe beobachtet haben mußte. Später sah er ihr Medusengesicht mit der geraden, gleich aus der Stirn springenden Nase und den geblähten Nüstern wieder. Sie kannte ihn nicht.

Mochte sie allein nach Hause gehen. Fernando, ein diminutiver Leutnant, süß in die glitzernde, goldbenähte Uniform gepreßt und mit lackschwarzem Zwirbelbart, taumelte vorüber, schluckte: Ja, da bist du ja, kleine Bestie!« und lehnte sich vertraulich an sie; sie ließ ihn, bös geworden, zu Boden gleiten; als er aber weiter zu großen Reden emporschwoll und dabei pathetisch ihren goldbraunen Schuh küßte, erhielt ihre angefachte Erregung einen natürlichen Ausfluß. Ohne einen Blick auf Raoul schnatterte sie mit dem Leutnant von dannen. Sie ging so blicklos, dass Raoul einen Druck empfand. Er sah sich komisch geworden, da ein anderer erntete, wo er gesät hatte.

Es blieben nur mehr einige Herren zurück. Sie umarmten sich, weinten, ließen Europa und Lissabon und Paris leben und stießen mit Füßen nach den eingeborenen Kellnern. Raoul, in einen heftig gerittenen Monolog vertieft, schüttelte eine lächerliche wörtliche Verpflichtung ab, er fand es geschmacklos, gegenüber Betrunkenen für die Humanität zu intervenieren. Einer andern Gelegenheit, die heute bereits einmal mit dem Standpunkt ‚damned old nigger!‘ gegeben gewesen wäre, verwehrte er den Zutritt zum Gedächtnis. Aber während er die Frage steigerte: Wo hört auf einer Insel im Weltmeer wie dieser die Betrunkenheit auf und wo hat die Humanität anzufangen, und begann, aufgeregt gegen sich zu werden, suchte ihn Lovadel, der Magister pharmaciae, auf.

Er wies mit dem Daumen nach den Tumultanten und meinte: »Diese Pogromisten, die den Farbigen gehenkt zu sehen wünschen, sind gerade diejenigen, die es mit seinen Weibern halten!« Er hatte ein schlechtes Gewissen für sein Portugiesentum und Takt für die internationale Mission Donckhards, er glaubte die Schreier nicht besser entmündigen zu können, als wenn er sie auf die tiefste Stufe stellte, die eines unerlaubten Verkehrs. Dann war gleichsam die Kolonie nicht für sie verantwortlich.

Raoul zischte gleichgültig, dann kam ihm im Verfolg ein Gedanke und er fragte: »Warum ist es eigentlich verboten?« »Das ist eine große Geschichte!« sagte der Apotheker schmierig lächelnd. »Das scheinbar aus sozialen Gründen erlassene Verbot hat einen hygienischen Hintergrund. Der letzte Aufstand war dadurch hervorgerufen, dass unter einer Anzahl von Inselmädchen die Lustseuche ausbrach. Die Inselmänner führten es auf böse Gifte der weißen Liebhaber zurück. Diese Rassen krepieren rapide an einem solchen Bazillus. Das Gesetz wird vom Gouverneur strenge gehandhabt. Es ist auch ganz vernünftig, immerhin –Politik und Liebe, in der Südsee, sagte er, in einem Tonfall, der, was er sagte, dem Wort nach verneinte.

Raoul ging bei fahlem Morgen ans Meer, sog die Brust voll und leer und voll, kühlte die männlichen Erschütterungen und ließ sich von der ruhig anlaufenden See festigen. Das Wasser rann wie Öl, man hörte in ihm den hingeschleppten Kies knistern, ein Gesang von winzigen Engelschören, eine ununterbrochene meilenweite Rieselmühle.

Um sechs Uhr morgens löste Raoul den kleinen Dienstkutter von der Launch, an die er vertäut lag, hißte das Focksegel und fuhr mit Landwind aus dem Bassin. Er kreutzte vor der Insel und sah sie schnell in die Sonne hineinwachsen.

Es streckte die derben Regungen, in die ihn der schwüle, mit Weibern und Likören gebeizte Abend versetzt hatte. Begierden, die durch die selbstverschuldete Fortnahme einer Frau, die ihm vorher gleichgültig gewesen war, Zähne bekommen hatten, lösten sich zur linden Spannung. Er spürte sich, obwohl er überhaupt nicht geschlafen hatte, mit Kräften versehen. Um sieben trat er zwischen die schmalen harzig riechenden Bretter der Amtsstuben und sah die Akten gehäuft liegen. Er setzt e sich, machte eine Eingabe um Vermehrung seines manipulativen Personals und arbeitete bis zum Dienstschluß um zehn Uhr. Um elf Uhr nahm er den Lunch mit anderen Offizieren in demselben Verandagarten, in dem er zwölf Stunden vorher sich hatte Menschenschicksale im Lampionlicht entwickeln gesehen. In der ziehenden Mittagsonne sah das Ereignisvolle und Persönliche des verflossenen Abends kleiner aus, gewöhnlich und bureaukratisch. Nur die dunkelhäutigen Kellner in den gestreiften Matrosenleibchen und die Sternformen der Vegetation bestätigten den nahen Äquator.

Anstatt sich in die Hängematte zu werfen, auf die ein elektrischer Propeller warme Luftgüsse hauchte, und die heiße Tageszeit bis vier zu verschlafen, drehte sich Raoul einigermaßen unruhig in den wenigen gelben Straßen des Viertels umher. Die hölzernen Villen mit all den gleichen Treppen und offenen Parlours lagen trocken und hart, in einer Art Heißfrost erstarrt. Exzessive Hitze zeitigt dieselben Erscheinungen wie Kälte. Sie lähmt, das Leben gefriert in der Hitze. Das Viertel, sonst ein Zusammenhang von Belebtem, zerbröckelte in ein Gehäuf von undurchsichtigen Kristallen, kein Mensch war auf den gebackenen Wegen zwischen den Vorgärten und ihrer vielen, aber wie im Wachstum überraschten stockenden Vegetation. Nur hin und wieder krachte eine Latte, inmitten der klanggedörrten Stille wie ein Donnerschlag wirkend. Raoul schrak zusammen. Ein Stück Mörtel klatschte, aus einer Ritze kollernd, auf die Dielen eines Aufganges, es war wie ein Felsblock, der zerbarst. Drohten die Flächen der Kuben einzusinken? Die andalusischen Holztürmchen an den Ecken der Villen wollten einander in steife Arme knicken. Das Mittagsgespenst verzauberte die Tropenwelt. Der Heißfrost sog an den Säften.

Er erzeugt auch am Menschen die gleichen Erscheinungen wie die Kälte, das Nervenflackern, die Nervosität, die kleinen lebenswarmen Eruptionen gegen die Stille. Raoul war ein Nordländer; während seine Glieder wie fremde schwere Instrumente an ihm hingen, wölbte sich seine Innnerlichkeit in einem verschlingenden Wunsche nach Tat und Lust über den trägen Widerstand des Fleisches. Er rollte an Zäunen vorbei, schwerfüßig wie ein Seemann, den Kopf mit süßen Bildern aus dem Mittagstod hebend. Als er an einer Verschnitzung lehnte, hörte er Schritte.

Es war eine Zivilisierte, sie hatte europäische Damenschuhe, aber keine Strümpfe, es wirkte unverschämt, weil der Rock kurz war; er entstammte einer etwas verspätet hierher gedrungenen Mode aus den großen Städten der Kontinente und war aus schlechtem Satin; in Taschenhöhe klaffte er harmonikaartig. Er wurde, wie überall bei den Inselmädchen, unschick getragen, hing zu weit oben an den natürlichen weiblichen Hüften, und darum war der Bauch vorgepolstert; bei den Eingeborenen galt gerade dies als hübsch. Eine gelbe Bluse, aus billigem Stoff, deformierte das anmutige Mädchen vollends. Es galt als Vorschrift, dass die sogenannten Zivilisierten, die Angestellten und Manipulanten in Betrieben der Regierung europäisch bekleidet waren, das verlangte das Christentum. Das Mädchen war barhaupt, krampusschwarzes Kurzhaar rollte über die Ohren; die starken Brauen waren Rußstriche und hingen zusammen.

Die Kleine lächelte von weitem und rollte ihre Augen auf ihn. In einer hitzigen bestialischen Anwandlung streckte er das Bein vor; sie wich aus, lachte und eilt e davon.

Er sah ihre dunkle Haut ober den Schnürschuhen und hörte den Satin an ihren bloßen Waden knistern. Plötzlich wurde ihm bewusst, wie er ihr nachsah, den Mund offen, mit laxer Zunge und ein Klopfen in den Kiefern. Er schämte sich, drehte den Korkhelm von einer dumpfen Stelle am Haupte und ging unschlüssig die Gasse hinab, bog in das Amt ein und betrat die knarrenden Treppen. Er kam reichlich vorzeitig, es war niemand da. Er streckte sich auf eine harte Bank aus, das beruhigte ihn. Vor seinen Augen flimmerte Satin und brach sich an strotzendem Fleische. Er faßte einen Vorsatz und schlief, bis ihn das Kommen der andern weckte.

An diesem Abend suchte er die Villa der Boguviç auf. Sie biss nach ihm, war unermüdlich in ihrem Verlangen und entließ ihn am Morgen ausgelassen und glücklich. Sein Gewicht regelte sich, er fuhr im Kutter oder mit dem Kanu um die Insel und drang ins Innere. Langsam gewöhnte er sich an die steifen Formen der Vegetation. Die Baumpflanzen wuchsen wie auf Draht, wie die falschen Nadelbäume vor den Läden in Europa. Große Früchte drückten sich kurzstengelig an die geraden Zweige. Ohne Stamm entsprossen Riesenblätter, um einen Kern geschachtelt in der Art großer Kohlstauden, dem Boden. Geröstet und haarig rundete sich die Kokosnuß zwischen Zacken hervor. An weiten Feuern wurde die Kopra gedämpft. Scharen von kalikobekleideten, halbnackten Gestalten reckten sich an schlanken Stämmen empor und bückt en sich über weite Felder, über die perlmutternd Wasser gestaut war. Zwischen engstehenden Bäumen kletterten Gerüste schräg wie Nester aufwärts. Es waren die Behausungen der Inselleute, die sich vor bösen Springfluten schützten.

An strengen katholischen Feiertagen, und es waren ihrer viele, spielte an Bord des kleinen Kriegsschiffes, das knapp am Quai lag, eine Matrosenkapelle auf glasscharfen Blechinstrumenten. Hier war alles versammelt, man prominierte, eine dunkelgefleckte Gesellschaft, denn zwischen Europäern, Australiern, Amerikanern, zwischen khakifarbenen Kolonialsoldaten liefen dunkelhäutige Seeleute und Maschinenmeister durch und dandyhaft aufgestutzte Prinzen der eingeborenen Bevölkerung, mit deren Hilfe der Gouverneur Politik machte; Ketten von Zivilisierten schwenkten einher in hellen Blusen, die Arme untergefaßt, lachend und große Blüten im Krampushaar.

Der Gouverneur passierte die Promenade und wurde mit schweren Bewegungen gegrüßt. Er war schlank, elegant, hatte einen Kopf wie von einer Münze und starke, an den Schläfen ergraute Haare. Er trug Goldlitzen an den Hosen und auf den Achseln. Sein melancholischer Afrikanerblick schien gutmütig. Aber jetzt legte er den Kopf unter dem Leinwandhelm schief und pfiff dem Polizeihund, Dobermann-Rasse, der ihn beständig begleitete und jede weibliche Person ansprang, auf die ein Blick seines Herrn gefallen war. Der Gouverneur befreite das Eingeborenenmädchen von der gefährlichen Nähe des schönen Hundegebisses und der intelligenten Nase, die wie ein Stift vorgetrieben war; er legte seinen blanken gemünzten Herrenkopf schief, pfiff und drehte das Weiße seiner großen Augen in einer durchaus unmelancholischen Art hervor. Raoul fing einen solchen Blick auf und war unangenehm berührt. Er sah auf den Hund und erkannte das Mädchen. Er hatte es eines Mittags allein getroffen. Das Mädchen blickte dankbar zu dem hohen Herrn hinüber, der es vor dem Hunde bewahrte.

»Eine noble Seele!« sagte Raoul zu dem jungen Fowler, der neben ihm ging. »Der Polizeichef, der alles sieht, alles kennt, alles weiß!« erklärte Fowler die Erscheinung der Exzellenz. »Der Hund ist ein Symbol und Abzeichen. Man munkelt boshaft, der Hund stünde mit inoffiziellen Liebhabereien des alten Herrn in Verbindung.« Fowler fuhr fort, Raoul über Einzelheiten aus dem Leben der Kolonie zu informieren, die sich vollzählig über den Platz drehte, während rasch die Dämmerung hereinschlich und die Kapelle die neuesten Wiener Operetten in einer grotesken Verstümmelung spielte, mit einem kurzatmigen Takt, der zu iberischen Kastagnetten paßt.

Als der Gouverneur seinen monatlichen Inspektionsrundgang durch die Ämter, Kanzleien und Regierungsbetriebe machte, wurden wie gewöhnlich einige Unzukömmlichkeiten bemerkt. Es war zu viel Material vergeudet worden, der Schaden betrug beinahe die Auslage für eines der solennen Abendessen, die mit Hilfe offizieller Zuschüsse im Kasino bestritten zu werden pflegten. Betriebe wurden saumselig verwaltet und brachten nicht die gewünschten Summen ein. Der Tennisplatz, dessen Errichtung Staatskapital verschlungen hatte, lag unbenützt; die Offiziere fuhren, statt ihren Dienst zu machen, auf der See umher und benützten dabei gegen das Verbot die Dienstkutter. Die allgemeine Sittlichkeit sollte nach genauen Berechnungen nicht sehr hochstehen, durch den Zuwachs an neuen Persönlichkeiten auf der Insel war außerdem die Gefahr politischer Kolportage und Intrige gestiegen, und der Chef der geheimen Abteilung, der seinen Dienst nicht mehr bewältigte, wurde abgesetzt. An seine Stelle trat eine festere Hand, der neuangekommene Kapitän Alvarez; er war früher Botschaftsattachè in einer chilenischen Küstenstadt gewesen. Im Departement des Majors da Cossilias, Landwirtschaft, gab es Skandal, weil Gelder fehlten. Der Arme beteuerte seine Unschuld; er hatte einen im fremdem Kurs bezahlten Teil der Summe zwecks späterer Einwechslung in der Hausgeldkassette seiner Frau aufgehoben und begriff absolut nicht, wohin die fremden, unbrauchbaren Banknoten gekommen waren. Die blonden Haare seiner Frau retteten ihn wieder, man war unter Hildalgos, die im Frauendienst bewandt sind; er mußte bar zahlen, gute Bekannte der üppigen blonden da Cossilias erlegten die Kleinigkeit vorläufig für ihn, und er verließ die Insel, um nach Marokko abzugehen. Frau da Cossilias blieb als Pfand am Arm eines der Darleiher zurück und winkte mit dem wohlriechenden Spitzentüchlein dem verschwindenden Dampfer nach. Ihr Galan war ein junger jüdischer Advokat, der mit Kapitän Alvarez gekommen war und sich mit den juristischen Problemen der Südsee bekannt zu machen dachte.

Auch bei Raoul de Donckhard gab es Anstände. Die Akten lagen gehäuft. Er hatte eine Eingabe um Personalvermehrung gemacht! War auf der Insel schon jemals einer auf einen solchen Gedanken verfallen? Wen sollte man bei der allgemeinen und notwendigen Einschränkung zur Verfügung stellen, vielleicht schwarze Hilfskräfte, eine von den Zivilisierten? Raoul sollte näher unter die Augen des Gouverneurs kommen; es war etwas Unbestimmbares, von undienstlichen Erwägungen Sprechendes in seinem Gesichte, etwas Nagendes in seinem Ausdruck; er ging verkappt auf dem Quai umher, musterte die Menschen mit ungewöhnlichen Blicken, streifte ins Land, war oft von der Insel weg, während die fremden Dampfer ein-und ausfuhren. Die heiße Zeit nach dem Lunch verbrachte er ungewöhnlich, ohne in der Hängematte zu liegen, er forschte wohl, was in den verschlossenen Villen vor sich gehe? Man konnte nicht gut die Anforderungen des regelrechten Portugiesen an ihn stellen. Aber er war anderseits intelligent und geschickt; vielleicht konnte er unter entsprechender Aufsicht noch für Portugal wertvoll werden. Er kam in ein Departement unter der unmittelbaren Kontrolle des Gouverneurs und erhielt die Regierungsoffizin unterstellt.

Der Gouverneur war bestechend freundlich und intim mit ihm, als die Sache erst einmal gedeichselt war. Er führte ihn selbst in den Betrieb ein und überließ ihn dann seiner Arbeit. Raoul prüfte die Setzmaschinen und die Druckpressen. Er las die für den Tag vorgesehenen Pronunziamentos, die für das Auswärtige Amt in Lissabon gedruckten Mitteilungen über das Entwicklungswerk auf der Insel, korrigierte praktische Abänderungen in den Text der Drucksorten. Als er zu den Falzerinnen kam, starrte ihm ein dunkles Gesicht aus den vielen entgegen. Sie lächelten beide und erkannten sich. Er fragte nach ihrem Namen. Sie hieß Marianne. Als er merkte, dass sie ein naives, aber keineswegs armes Französisch sprach, das sie in den Schulen der Mönche gelernt hatte, sagte er ihr freundliche Bemerkungen, sooft er an ihr vorbeikam. Das bedruckte Papier flog, während sie lächelnd und begeistert antwortete, leicht durch ihre geschmeidigen verblaßten Finger. Seine Besuche bei der Boguviç hörten auf. Er kam ins Innere der Insel und fand sich mit Marianne zusammen. Ihre Geschichte war reichhaltig wie ein europäischer Roman, aber sie erzählte sie, als hättet sie von den Tragödien keinen Eindruck davongetragen. Sie hieß mit ihrem eingeborenen Namen Thli. Den andern hatte sie bei der Taufe von den französischen Mönchen erhalten. Ihr Geschlecht war königlich. Um eine Prinzessin ihrer jüngsten Vorfahren waren große Kriege geführt worden. Sie war vierzehn Jahre alt und seit drei Jahren eine Zivilisierte. Ihr Vater war früh im Kampf mit betrunkenen melanesischen Matrosen gefallen, die auf einem britischen Dampfer gekommen waren und einen Streit mit den Anhängern der französischen Mönche über eine einzige Perle gehabt hatten. Der Vater erhielt einen Stich in den Hals, der die Schlagader durchbohrte und ihn tötete. Ihr älterer Bruder hieß Tumri und lehrte sie mit Holzlanzen, die leicht sind, nach den Hälsen von Puppen zu zielen. Als die französischen Brüder, die sehr beliebt waren, abziehen mußten und darüber ein Aufruhr ausbrach, war es Thlis Hütte in den Bäumen, die damals einer Schiffsgranate zum Opfer fiel. Die Mutter war nicht zu Hause. Der Schwester riß es den Magen auf, so schön, so schön lag sie da. Thli schilderte, ohne das Gesicht zu verändern, die natürlichen Einzelheiten des gräßlichen Zustandes. Alle Inselleute kamen nachher, sie anzuschauen, bis sie starb; der innere Mensch hatte für diese Urmenschen keinerlei Widerwärtiges, er war ihnen offenbar im einzelnen sehr bekannt. Tumri und Thli aber würgten nach der Explosion an Gas und Schreck. Tumri wurde deportiert, in ein großes nördliches Land; als er mit anderen Jünglingen auf Verlangen des amerikanischen Konsuls wieder zurückgebracht wurde, starb er an innerlichem Feuer in der Brust. Thli meinte, das sei noch von der bösen Luft des ‚donnernden Steins‘ gewesen, und legte oft ihre Hand an die Brust und bedeutete Schmerzen. Aber sie blieb fröhlich dabei.

Das kleinste Geschwister, ein dreijähriges Bübchen, verschwand bei der Explosion spurlos. Als die Mutter zurückkehrte, wurde sie wahnsinnig, hauste tagelang in dem Schutttrichter und grub mit bloßen Fingernägeln durch die Schlacke, ob sie nicht ein Knöchelchen von dem Bübchen fände. Sie fand nicht ein Knöchelchen. Da beruhigte sie sich wunderbar und glaubte, es sei von den Göttern beschützt und unbeschädigt an Körper und Seele entführt worden.

Thli äußerte sich nicht über die Auslegung der Mutter. Raoul erinnerte sie an die Lehren der Mönche, die vieles in ihr geweckt haben mußten. Aber er bemerkte nur, dass an einer gewissen Grenze ihre Denkkraft, die innerhalb der ihr bequemen Strecke nicht unerheblich war, plötzlich abbrach. Die neue Vorstellungswelt blieb gegenüber der alten völlig subaltern, auch die Mönche hatten ihr keine grundsätzliche Skepsis vor der Erscheinung einimpfen können, was sie an dem jungen Gehirn änderten, waren nur religiöse Zahlen und Formeln.

Um so auffallender war das Verständnis, das Marianne realen Zusammenhängen entgegenbrachte. Raoul war arglos genug, sie in das Kino mitzunehmen, das Auburn Fowler aus San Franzisko hatte herüberkommen lassen. Er hatte das Experiment einmal begonnen und führte es systematisch durch. Marianne folgte den Verknüpfungen, so weit sie nicht durch technische Voraussetzungen, die ihr nicht geläufig sein konnten, herbeigeführt waren, wie ein gescheites Kind. Über Wunderbares jedoch, das sie hätte unbefriedigt lassen müssen, staunte sie nicht im mindesten. Sie sah es als gegeben und nicht weiter analysierbar an. Erotische Szenen ergriffen sie, sie schmiegte sich an, wie ein weißes Mädchen. An die Musik gewöhnte sie sich, sie wußte europäisch zu tanzen.

Wenn sie beide allein waren, warf sie sich über Raoul und küßte ihn, aber nicht auf den Mund, sondern auf die Nase und zwischen die Augen. Sie sagte ihm über sein Gesicht: »Süß. Ratte. Du frißt mich mit dem Gesicht«. Er wartete ohne Begierde auf das Weitere. Aber ihre ganze Leidenschaft äußerte sich in Küssen, sie ahnte weder die verwickelten Liebesübungen der Farouche noch die unstillbare sinnliche Not der Boguviç als er sie daraufhin prüfte. Doch sah er Wollust in ihren Augen, als sie sich an der Metallbrosche seines Schlipses aufriß und Blut kam. Sie duldete es, vor Aufregung zitternd, als er sie biss. Als er ihr sein Taschenmesser schenkte, versuchte sie, die großen Narben ihrer Ohrläppchen, die seit ihrer zivilisierten Periode verwachsen waren, aufzutrennen und das Instrument hindurchzuklemmen.

Raoul versuchte nicht, wie es leicht gewesen wäre, sie in der europäischen Liebe zu belehren, sondern sie zu ergründen. Er sah sie einmal mit ihrer Mutter auf den spiegelnden Feldern, die Füße in dem seichten Geriesel, das wie ein landweiter Fladen langsam von d en Ackerterassen herabwalzte. Sie hatte einen orangefarbenen Sarong um die Flanken gefältelt und Blumen im Haar. Er erinnerte sich ihrer vom Südkap der Insel. Ohne es wahrzunehmen, hatte er nun doch die persönliche Aufgabe in Angriff genommen – so stark war der über ihn gesetzte Trieb, das Gesetz seiner Welteinstellung. Der kurze, feste Zug im lockeren Teil des Schädels, dem Unterkiefer, wuchs wieder. Er wird unausweichlich auf Raouls Nachkommen, auf seine ganze Rasse übergehen.

Raoul verglich die Gesetzmäßigkeiten. Thli staunte, wo sie verstand. Wo sie nicht verstand, staunte sie nicht, sondern nahm ihn, hatte kein Organ dafür. Der Nordländer hatte ein Staunorgan. Unsere Gesichter sind schlechthin immer verblüfft. Je mehr wir wissen, desto verblüffter sind wir. Es gibt welche unter uns, die aus der Verblüffung nicht mehr herauskommen. Sie reiben sich ununterbrochen die Stirn, und das sieht man solchen Stirnen an, sie sind weit, es geht Glanz von ihnen aus.

Raoul staunte über Thli. Es war denkrichtig, anzunehmen, dass er sie verstand. Trotz ihrer Ungeheuerlichkeit und schwierigen Simplizität konnte sie nicht anders sein, als wie er sie dachte, ohne große Geheimnisse, simpel und ein kleines Ungeheuer, der Urmensch.

Eines Tages machte die Zivilisierte Marianne dem Kapitän de Donckhard Zeichen. Er rief sie dienstlich, sperrte die Türe ab und sah sie an. Sie wendete sich, zupfte an der gelben Bluse, lachte und begann dann unvermittelt zu weinen. Sie weinte nicht, sie heulte wie ein trauriges Tier. Obwohl sie für Raoul ein Experiment bedeutete, war sie doch ein Weib, sie hatte den vollen geschmeidigen Körper des unzerstörten Weibes. Er erkannte, dass etwas Abenteuerliches vorging, er witterte einen Liebeseingriff, er konnte sich nicht dagegen wehren, dass sie ihm in ihrer Kränkung plötzlich mehr Weib erschien denn je. Er umarmte sie leidenschaftlich, aber noch immer mit Abstand. Sie erzählte. Sie war zum Fysikus gerufen worden. Man war strenge zu ihr. Man verbot ihr, ohne Namen zu nennen, jede außerordentliche Beziehung zu den Offizieren und drohte, sie ins Lazarett zu sperren. Sie mußte sich in den Stuhl legen. Was mit ihr vorgenommen worden war, konnte sie nicht sagen; sie hatte Angst ausgestanden, etwas Schmerz gespürt und fühlte sich angetastet. Sie hatte versprechen müssen, vollkommen zu schweigen.

Raoul verstand sofort. Zuerst erfüllte ihn Abscheu, er wollte sie wegstoßen, aber dann überkam ihn ein abenteuerlicher Geist, er begriff, dass man ihm, aus welchem Grunde immer, ein Mädchen nehmen wolle, und erinnerte sich seiner Schande am ersten Abend mit der Boguviç. Er umfaßte Marianne leidenschaftlich wie noch nie, nahm sie ohne Anstände auf den Schoß und ging den geraden Weg vor. Sie hielt, ohne sich zu rühren oder zu wehren, ohne entgegenzukommen, mit aufgerissenen Augen aus. Jetzt staunte sie, sie wußte; sie vermochte sich wohl einen weißen Mann in dieser Situation nicht vorzustellen.

Da sprang ein Gedanke in Raoul auf; er schauderte vor einer sehr gewöhnlichen Gefahr. Vielleicht gab es Gründe, dass man sie geprüft hatte. Sie ging, als er es heischte, zur Tür, unberührt. Ihr Blick eines traurigen Tieres machte ihn wieder feurig, er rief sie zurück, küßte sie zum erstenmal voll auf den Mund, preßte ihre Brüste, zögerte, während er auf ihre langen glatten Schulterknochen herabblickte, und schob sie zur Tür hinaus.

Er ging sofort zum Gouverneur. Im Vorzimmer empfing ihn der Adjutant Leutnant Marquis Almavoga. »Gut, dass du kommst! Exzellenz hat nach dir gefragt.« Der Leutnant blickte ihm neugierig in die Augen. »Fatale Sache«, sagte er mit kameradschaftlicher Teilnahme. Er nötigte dem Kapitän seinen Degen um, Raoul war ohne jedes Zeremoniell gekommen.

Der Adjutant meldete ihn. Raoul trat ein. Don Calgareos hatte den goldenen Degen umgeschnallt und ging nach einer kalten Verbeugung, die den militärischen Gruß des Jüngeren erwiderte, mit maurischer Großartigkeit an ihm vorüber. Er sprach kein Wort und schielte nach den Fersen Raouls, bis dieser sie schloß. Raoul, der gekommen war, Rechenschaft zu fordern, stand schweigend in dienstlicher Haltung. Der Gouverneur pflanzte sich vor ihm auf, sein Blick war gerade, vorgesetzt, richterlich und konnte als aufrichtig genommen werden. Seine Augäpfel waren stark gerundet. Während er Raoul sonst mit ‚mein lieber Kapitän‘ anzureden pflegte, sagte er heute ‚Herr Kapitän‘. Raoul stand wortlos.

»Sie haben hier, Kapitän de Donckhard, eine Mission auszufüllen, die gerade Sie mit einer ganz besonderen Verantwortung belastet. Sie sind der Vertreter des europäischen Urteils über uns, aber auch einer der europäischen Gesittung vor allen Nichteuropäern. Pardon, Herr Kapitän, jetzt spreche ich. Ihr Charakter, Herr Kapitän, ist mir bekannt; auch ihre Intelligenz. Um Leichtsinn, oder sagen wir Mangel an Bewusstsein für eigene Handlungen, kann es sich dabei nicht handeln. Aber mit der Aufgabe, zu der Sie uns empfohlen worden sind, stimmt ihr Verhalten nicht überein. Ich bin milde, wenn ich es als persönlichen … Protest – habe ich nicht recht? – als eine Unterschätzung ihrer Stellung hier . . . bezeichne. Derartiges ist mir während meiner Amtszeit noch nicht vorgekommen. Sie sind mit einer Zivilisierten im Kino erschienen, Herr Kapitän, in den Rängen für Offiziere und deren Damen. Wenn auch von Seiten der Behörden nichts dagegen einzuwenden ist, dass Eingeborene und Zivilisierte, die in den Diensten der Regierung stehen, das Kino besuchen – ich persönlich«, fügte er mit Resignation hinzu, »bin allerdings anderer Meinung, aber von oben her weht nun schon einmal dieser Wind; wenn also im Prinzip den Eingeborenen der Besuch gestattet ist, so muß doch die Distanz eingehalten werden. Noch nie ist einem Offizier etwas Derartiges eingefallen. Und dann, Herr Kapitän, was hat sie gerade an diesem Mädchen zum Narren gemacht … ?«

»Exzellenz, meinen Kopf für das Mädchen«, sagte Raoul heftig und lockerte die Fersenstellung.

Der Gouverneur schielte an den Beinen Raouls hinab, sagte aber nichts darüber und meinte streng:

»Kapitän, das Mädchen paßt nicht für Sie, von allem anderen abgesehen. Nehmen Sie den Rat eines erfahrenen alten Mannes an, der um diese Bescheid weiß und der das Leben in den Tropen kennt. Wir handeln in Ihrem Interesse. Wir werden Sie retten, Kapitän. Ich selbst habe das Mädchen beobachten lassen und selbst beobachtet …« Hier wurde er unsicher und sah in die Ecke.

»Exzellenz,«, sagte Raoul und drängte sich in die Bresche; er stellte den rechten Fuß fort und stemmte sich ins linke Knie … es ist ja ein liebes, gefälliges Dingchen, aber …«, brach der Gouverneur plötzlich mit einer seltsamen Inbrunst heraus.

»Ich will vom Persönlichen schweigen«, fuhr Raoul fort. »Die internationalen Anschauungen, die ich hier vertrete und die sich in den letzten Jahren über die Erde ausgebreitet haben, stellen alle Menschen gleich. Das ist nicht nur Gewissenssache, eine Laune des Christentums« – Raoul drehte durch den Willen seiner Sprache die Augen des Gouverneurs in die Richtung des Kruzifixes, das über dem Schreibtisch hing –, »es kann auch dem Verstande als berechtigt bewiesen werden. Die Natur kann nicht die überwiegende Mehrzahl der Menschen zur Zweitrangigkeit bestimmt haben. So simpel und ungeheuerlich der dunkle Mensch auch ist, es muß einen höheren Zusammenhang zwischen uns und ihm geben!«

Der Gouverneur war über die Verbiegung des Gesprächs peinlich berührt. Aber es schmeichelte ihm, dass man ihn eines tieferen Urteils für fähig hielt. Seine Stimme wurde wesentlich milder, sie gewann die fürstliche Grandezza des nicht nicht nur durch die Stellung Überlegenen. Er vermochte durch einen solchen Übergang aus dem dienstlichen Ton ein dankbares Gefühl im Unterstellten zu erregen, und so war wohl seine Menschenklugheit an diesem Prozeß nicht ganz unschuldig. Seine Züge waren ja fein und nicht leer von geistigen Dingen. Er sagte gutmütig:

»Sie sind ein Idealist, Kapitän. Sie sind naiv, Ich hätte Sie beinahe an Gefährlichkeit überschätzt. Aber Sie haben auch, man könnte sagen, philosophisch unrecht. Die Natur ist gar nicht rational und irrational wie der einzelne Mensch. Sie besteht ebenso aus quellendem Gefühl, wie aus Vernunft. Sie handelt, wenn Sie wollen, ebenso aus Berechnung wie aus Träumerei: die kalte, distanznehmende, einteilende Kraft der Natur heißt Kultur. Vernunft ist in der Natur ebenso geworden wie beim erwachsenen Menschen, mit ihm zugleich, vorher war alles sinnlos. Gegen diese Vorzeit, gegen den Urmenschen, muß sie sich selbst wehren, ihn bändigen, ihn in Distanz halten -sie macht es mittels der Ordnungen unserer Zivilisation, so wie es täglich der Mensch gegen die eigenen Instinkte macht.«

Der Gouverneur schwieg, ohne mit der Stimme zu fallen, in einen Raum hinaus, wie er gesprochen hatte; er sah ein großes Auditorium vor sich, diesen ganzen Erdball, den er nicht mehr verstand, alle seine Gegner. Sein Haupt ragte gleichsam über den Archipel hinaus, das Gesicht nach den großen Kulturländern des Nordens gerichtet, aus denen neue Menschheitslehren kamen. Und er fühlte dieses sein herrscherliches Haupt als ein untergehendes Gestirn, er fühlte die Anstrengung vom Kampf mit einer jüngeren Welt in den noch immer geschmeidigen Nobilekörper. Sein Blick zog sich über Meere zurück auf die Insel, in das Zimmer, in sein Auge. Er umfaßte, mit der Liebe des Siegers zum Besiegten, mit der Noblesse des Stärkeren, der die Dinge nicht auf die Spitze treiben will, den aktuellen Brennpunkt dies es Weltneuen, Raouls plebejischere Gestalt, eine knochige, gymnastische Eleganz, den müden gespannten Zug in einem schwerfällig gemeißelten Gesichte. Der Gouverneur lächelte beschaulich, ein Altes-Herren-Lächeln. Er hatte bewiesen, dass er kein vollkommener Trottel und nicht nur Beamter war. »Bitte, stehen Sie bequem, lieber Kapitän!«

Raoul verbeugte sich leicht. »Exzellenz, ich bin freudig überrascht soviel Nachdenken vorzufinden.« Als sie beide den Sinn ganz erfaßt hatten, lachten sie. »Lieber Kapitän«, und reichte ihm die Hände, »versprechen Sie mir, lassen Sie ab, das Mädchen ist Ihrer nicht wert. – Sie gehen in einem Irrgarten, wenn Sie die melanesische Seele suchen. Hart und planlos wie die Natur ist hier die Seele. Nur eine harte, einfache Idee kann hier Gerechtigkeit, Form und Wachstum schaffen.«

Raoul wurde düster. Er hatte einen falschen Ton, als er den Gouverneur bat dessen graziler Unwiderstehlichkeit er sich nachgeben spürte: »Behüten Sie das Mädchen, Exzellenz, es ist es wert!«

Der Gouverneur lachte mit einem aufgeregtem Jubel. Ja, ja, das will ich tun. Verlassen Sie sich auf mich, Kapitän. Und ich werde Ihnen beweisen, was ich sagte , das Mädchen war Ihrer nicht wert.«

Der Adjutant beglückwünschte Raoul, als er seinen Degen zurückbekam, er hatte lachen gehört.

Raoul sann: Beweisen, beweisen? und lief zum Magister Lovadel, den er um eine Gefälligkeit bedrängte. Lovadel sagte schließlich zu. Nach Amtsschluß begaben sie sich in das Ordinationszimmer des Polizeiarztes, zu dem der Apotheker einen Schlüssel hatte. In dem Rapportbuch, das sie nachschlugen, stand: Zivilisierte Marianne. 14 Jahre. Ledig. Gesund. Virgo intacta.

Was konnte der Gouverneur beweisen? Raoul verzehrte sich den ganzen Tag über nach Thli in einem Feuer, das er auf der Insel noch nie gefühlt hatte. Er war unfähig zur Arbeit und dachte daran, sich der Boguviç zu überlassen oder b den Künsten der Farouche Zuflucht zu suchen. Aber der weiße Körper per langweilte ihn. Als es Abend war und eine Taube draußen vor der Veranda auffällig gurrte, nahm er Thli verabredungsgemäß zum erstenmal in sein Bungalow auf. Sie kam, wie ein Katze, über die Veranda gestiegen, auf einem Wege, den niemand ahnen konnte. Als er sie an sich riß, brach das Fieber in ihm aus. Er schwindelte und sank zurück. »Geh«, schrie er, »er kann es beweisen, er wird es beweisen.« Sie lief planlos auf die Straße. Er folgte ihr, um sie bangend, sie kamen in die Gärten. Er fiel, man fand ihn am Morgen, nachdem man gesucht hatte, in einer eingeborenen Hütte gebettet und brachte ihn nach Hause.

Er phantasierte zehn Tage. Er sah sich durch die Gassen irren und nach Marianne rufen, die man ihm entführt hatte. Plötzlich meinte er sie am Arme des Kapitäns Alvarez einherkommen zu sehen. Einmal des Morgens fand man ihn in den Gassen beim Kasino, an die Verschnitzung einer Villa gelehnt. Er stand auf einem Bein, das andere hielt er töricht, es lüftete fiebrige Vorstellungen. Er mußte über sie Veranda gekrochen sein, wie ein Schlafwandler, das Personal hatte ihn nicht bemerkt.

Die Sorge eines guten Inselgeistes wachte um ihn. Die Medikamente des Apothekers halfen nur wenig, das Fieber ließ nicht nach. Aber von irgend jemandes Hand war über Nacht ein Teig um seinen und den Nabel geschmiert, das Fieber hatte nachgelassen. Lovadel und der Inspektionsarzt sahen sich an, schüttelten den Kopf, greinten die farbigen Wärter aus und entfernten die Schmiere. Ein andermal lagen symbolische Hölzer und luftleichtes ausgesogenes Tiergebein in einer geheimnisvollen Konstellation auf seinen Gliedern. Ein frisch abgezogenes Rattenfell war an die Tür genagelt. Der Polizeihund, den man aufgebracht hatte, um den lächerlichen Aberglauben abzustellen, winselte unter der Veranda, verkroch sich und mußte wieder fortgenommen werden.

Am elften Tage erwachte Raoul aus dumpfem Schlaf und starrte in ein erschreckendes Viehgesicht. Bevor er es sah, hatte er an die käferfarbenene Schuhe seiner Freundin gedacht, an den Satinrock, der vor ihm schwang. Plötzlich gewahrte er das Kräftesymbol vor seiner Stirn, schrie auf, als ob ihm mit kaltem Griff das Rückgrat umgedreht würde, und blieb in Totenstarre liegen. Sein Fieber hatte das Sichtbare vergrößert. Seine gesteilten Blicke isolierten die winzige Insektenmaske, rollende Kauwerkzeuge und schlaffe Beutelaugen zu einer eigenen, raumfüllenden Existenz. So lag er drei Tage, dämonisiert. Am vierzehnten Tage erwachte er gesund.

Man zeigte ihm unter Späßen einen gewöhnlichen schillernden Inselbock, communis insulae cervocephalus, der während einer Nacht gerade über seiner Nase aufgehenkt gewesen war.

Man besuchte ihn. Es war ihm lästig. Als die Boguviç unten an der Veranda sprach, stellte er sich schlafend. Der Gouverneur kam. Er war überströmend und siegreich. »Gratuliere. Nun werden Sie aber das Klima verändern müssen, Kapitän. Sehen Sie, die Natur hilft sich nicht selbst, sie hilft sich mit Kultur nach., Wir haben das Fieber mit Chinin gestopft. Die abergläubischen Beschwörungen Ihrer schwarzen Freunde hätten Ihnen schmerzlich bekommen können.« Raoul dankte leer.

Nach dem Fieberanfall war Raoul schwach und vertrug keine Belastung, kaum die leichtesten Kleider; alles in ihm ging auf Daunen, seine Empfindungen waren melancholische Reste geworden. Er beachtete nichts und niemanden, sah nur von Schatten aus in die Sonne, bis er einschlief. Schließlich fragte er nach Marianne. Sie war noch vor wenigen Tagen in der Offizin gesehen worden, seither galt sie als verschollen. Raoul war zu müde, um weitere Ideengänge daran zu knüpfen.

Schonend brachte man ihm inzwischen bei, was sich während seiner Ohnmacht zugetragen hatte. Ein Telegramm aus Washington, in Brüssel vidiert, berief ihn sofort von der Insel ab.

Raoul de Donckhard hatte sich der Mission, zu der ihn die offizielle Kulturmenschheit berufen hatte, nicht gewachsen gezeigt. Ein zweiter Aufstand war auf der Insel ausgebrochen. Die Gründe mochten denen des früheren Aufstandes ähnlich gewesen sein, man wußte über diese unerklärliche Begebenheit nichts Genaues. Die Bewegung war nach wenigen Tagen niedergeschlagen. Untersetzte seehundsschultrige Männer mit hervortretenden Kugelgelenken, Frauen unter ihnen, hatten ihre Körper zu bösem Aussehen tätowiert, steckten Feder und Zierat in die Haare, durch die Nase und in die Ohrläppchen und raubten die heiligen Lanzen von Kraterfeld. Sie stürzten sich auf eine Kolonne, die vom andern Ende der Insel heraufzog. Es fiel ein Opfer auf seiten der Weißen, und dies war gerade ein Amerikaner, der junge kühne Auburn Fowler, der mit bloßen Händen in den wildschreienden Haufen hineinlief und aus kurzer Entfernung eine der Steinsplitterlanzen in den Hals bekam. Sie durchstieß die Schlagader, das Blut quoll wie ein dunkles Gewächs hervor, er war sofort tot. Ganz Nordamerikas bemächtigte sich Aufregung.

Raoul legte sich die merkwürdige Veränderung, in die er hineinerwacht war, langsam zurecht. Er verstand nicht und grübelte über die Zusammenhänge.

Er fuhr mit dem nächsten Dampfer. Der ging nach Australien. Die Insel lag wie ein aufgeklapptes Gebiss auf einer Etagere. Die bleue Muschel der Bucht unterwölbte es als Gaumen. Dann kamen die schwarzgrünen Tangurwälder. Als man weit genug war, um den Quai und das Viertel mit freiem Augen nicht mehr wahrzunehmen, hörte Raoul einen melodischen langen Schrei, ein Jauchzen wie von einem Kinde sich über die Insel erheben. Er schüttelte sich, hob den Kopf in die Brise, um diese kleinen Anfälle des Fiebers zu verjagen. So hatte ihm Thli Zeichen zu geben gewußt, wenn sie sich im Innern trafen. Es war eine lange Zeit von dort her.

Gleich nach dem Fieberschrei nahm er das Glas. Ein Vogel erhob sich aus der Mitte der Insel, flog lang und ließ sich auf der letzten Klippe des Südkaps nieder. Es war eine Taube, sie war wie eine europäische Taube, aber kleiner und bunter und hatte Flocken im Schöpfchen, goldenen Räderaugen und, er erinnerte sich des Vogels, einen rollenden Laut.

Von der Südspitze richtete Raoul das Glas auf das Viertel. Er schnitt die Meeroberfläche, aus der eben ein schrägschultriger Taucher mit blinzelnden Augen heraufkam, im Wasser zackig wie ein Amphibium gebrochen. Dieser hielt die Faust geschlossen um Sand, schwarzgrünes Zeug und Muscheln. Von der Meeroberfläche führte Raoul das Glas zu den Quaimauern hinauf. Er traf auf einen dunklen quadratischen Schlund, ein Kanal goß sich hier ins Meer. Aus dem dreieckigen Schatten schossen Ratten, sich überpurzelnd, ihrer mehr an einem Stück Abfall zerrend. Raoul ging mit dem Glas nicht mehr höher, er nahm es schnell von den Augen und versah es. Raoul de Donckhard blieb vier Wochen in Sydney und gesundete im trockenen Klima, das sich hier auch in die Seelen der Menschen erstreckte. Eines Tages hielt er es nicht mehr länger aus, die Zeitungen über den Aufruhr auf der Insel hatte er zu Ende gelesen, er hatte keine Geschäftsverbindungen, die Sprechnebel der lärmenden Volkshalle, die das Land ihm schien, verschlangen die tieferen einsamen Stimmen, die in ihm sprachen. Er nahm abermals einen Dampfer, wie er gerade ging, und fuhr quer durch den stillen Ozean, durch Polynesien und den schwarzen Archipel nach Südamerika.

Er war vollkommen gefaßt und des Abenteuers, seines Rechtes aber auch seiner Entgleisung bewusst. Er kam an vielen Inseln vorüber, die in der Ferne seiner Insel ähnelten. Friede und ein ausgeglichenes Regiment schienen über ihnen zu walten. Hart und planlos wie die Natur lag auch ihre Seele zutage. Nur eine starke einfache Idee kann hier Gerechtigkeit, Form und Wachstum schaffen. Er überlegte alles noch einmal. Der zweideutige Sarazenennachkömmling mit dem Hermeskopf vertrat den produktiven Verstand dieser Zonen. Die Politik jener Südländer, und wieder sah er Don Calgareos vor sich, beruhte auf einer langen Erfahrung. Die Intelligenz von Vorfahren, die Mathematiker gewesen waren, drückte sich in der Gepflegtheit und dem Adel dieser Südseebukaniere aus. Der Gouverneur hatte nicht ganz unrecht. Einen Abstand, den die Natur macht, soll man nicht leichtfertig überbrücken. Aber die persönliche Aufgabe? Der eigene Drang nach der Urseele? Er war das Echo aus den Schreien des Urleibes, der noch in Bildung begriffen ist.

Die Erfahrung der Mathematikernachkommen verschmolz leicht mit der materiellen Grundlinie des Raoulmenschen und fügte wieder einen tieferen Zug in sein und seiner Kinder Gesicht.

Als das Schiff den Äquator passierte, blickte Raoul angestrengt nach Norden und vermeinte, es war aber eine Vision, seine Insel und die Südklippe mit dem Mädchen zu sehen. Er entwickelte sich das Mädchen: Eine Seele aus vulkanischem Erdinnern, kurz nach der Eruption, mit großen reinen Flächen. Das Mädchen war von der Rasse der Klippe.

Er glaubte auch den höchsten Kegel zu sehen, den Krater mit der leeren Nische. Die Lanzen waren, auf dass die Sage sich erfüllte, wieder ins Meer hinausgewandert. Das Museum für Völkerkunde in Heidelberg hatte sie aufgekauft.

In Valparaiso verließ Raoul bald das moderne deutsche Geschäftsviertel und schlug sich auf einem inhaltsreichen Umweg in die internationalen Hotelviertel der Hafengegend durch. Er suchte eine Maison, die ihm empfohlen war. Sie war von besserer Art, für Offiziere, die aus Polynesien zum Urlaub und zur Erholung oder auf der Durchfahrt vorbeikamen.

In der Flucht von überladen ausgestatteten, rot erleuchteten Salons waren Frauen aller Rasse und Schattierungen versammelt. Plötzlich rief ihn eine Stimme deutsch an. Sie gehörte einer großen üppigen Blondine, die damenhaft und in Straßentoilette, nicht wie die andern kostümiert, gekleidet war. Er erkannte sie sofort, sie hatte sich nicht verändert, war nur magerer geworden, die hübsche Böhmin von der Insel, die Frau des Pantoffelhelden da Cossilias. Sie machte hier Sonntagsbesuche, wenn sie die Hotelrechnung und eine neue Toilette verdient hatte, würde sie wieder weiterziehen, auf eine andere Insel und einen Advokaten heiraten, der die Aufhebung ihrer Ehe durch päpstliche Lizenz erwirkt hatte. Ihr früherer Mann war in Afrika verschollen, er schrieb nicht mehr. Ja, manchmal kamen Herren von der Insel vorüber. Es hatte sich viel verändert dort; Calgareos war weg, mit der Boguviç und den beiden Töchtern, die sich Freier mitgenommen hatten. Neue Kontrolloffiziere aus Schweden und Österreich waren angekommen. Und – ja, dass sie ihm das Wichtigste noch nicht gesagt hatte! Eine Überraschung stünde ihm bevor, Bitte, man möge doch Mademoiselle Marianne herbeirufen – sie sprach zu einer alten Person, die den Damen des Salons zur Verfügung stand.

Der Name ging Raoul ins Bewusstsein. Er fragte nach Marianne von der Insel, nach dem Inselmädchen Thli, ob sie wiedergekommen sei? »Sie ist bei Ihnen gesehen worden, während Sie krank lagen. Dann, während des Aufruhrs, als alles drunter und drüber ging, blieb sie verschollen. Alvarez, Sie erinnern sich des ‚neuen Geheimen‘, war hinter ihr her, sie war gleich für ihn da, am nächsten Tage saß sie schon im Lazarett. Alvarez, der hier große Verbindungen hat, handelte aber schließlich sehr nett, er hat auch ihr…«

In diesem Augenblicke kam Marianne von der Insel, Thli, zur Türe herein, wie ein Pfau aufgedreht, eine bizarre dunkle Schönheit.

Als Raoul allein mit ihr war, küßte sie ihn fremd und zwischen den Augen. Er kam nicht weiter mit ihr, ihr Blick war ganz ahnungslos, sie blieb passiv. Er fragte sie aus, sie aber wollte von Vergangenem nicht sprechen. Er ging unausgefüllt und fassungslos von ihr. Die Temperamente waren durch die Kluft geschieden. Sie hatte die Hand auf die Brust gelegt und Schmerzen bedeutet. Die Luft hier und die Insel dort sogen an ihr. Sie würde den Weg ihres Bruders gehen. Eine Königsfamilie starb aus. Es wird nicht in der Weltgeschichte vermerkt sein. Der Urmensch, die Unvernunft der Natur, die Planlosigkeit, eine Rasse von Taubenmenschen mit Goldräderaugen stirbt aus. Granaten, Tuberkulose, Syphilis tun ihr Werk. Das erste, was die Fischmänner mit den glänzenden Schuppen auf die Insel eingeschleppt hatten, waren Ratten.

Raoul fuhr durch den Panamakanal, sein Dampfer hatte die Route nach den Azoren, von wo er sich ins Kongo zum Dienst melden wollte. An Bord lernte er einen amerikanischen Diplomaten kennen, der ihm viel Südseeklatsch erzählte. Von diesem erfuhr er folgende Geschichte:

Auf der Insel herrschte ein portugiesischer Gouverneur, der die übliche südländische Mißwirtschaft duldete. Ein belgischer Kontrolloffizier wurde hingesendet, der als tüchtiger Organisator galt. Aber wie bei so manchem Nordländer war es unter dem heißen Strich mit seiner Energie bald zu Ende. Den Intrigen des Portugiesen, der sich der festländischen Kontrolle zu entziehen suchte, war der Belgier nicht gewachsen. Der Gouverneur verbandelteden Offizier mit einer seiner ehemaligen Freundinnen, einer heißblütigen serbischen Kokotte, die wegen ihres Temperaments im ganzen Archipel berühmt war. Der Belgier erkrankte von dieser Liebe. Da wurde ihm ein Inselmädchen zugeführt. Als unter den Inselleuten Krankheiten ausbrachen, kam es zum Aufruhr. Ein junger, vielversprechender Amerikaner kam dabei ums Leben.

»Wissen Sie genau, dass sich dies alles so verhält?« fragte Raoul de Donckhard den Bürgerdiplomaten.

»Ganz genau« – sagte der Bürgerdiplomat im Brustton des Informierten; er war Südseespezialist; »wir hatten ja unsern Konfidenten dort, der uns bis kurz vor seinem – ja, nämlich das war eben jener junge Amerikaner, der die Lanze in den Hals bekam, ein gewisser Fowler. Dieser informierte uns.«

»Eine nette Rattengesellschaft«, sagte Raoul. »Und nun sagen Sie, wäre es nicht möglich, dass es vielmehr dieser junge Fowler war, gegen den sich die Intrigen des Gouverneurs richteten, hm?«

Der Bürgerdiplomat sah ihn angestrengt an. »Calgareos ist pensioniert, er lebt in Paris!« sagte er leise und zurückhaltend. Man kam in den Golf von Tampico.

»Dann wäre der Belgier also doch nicht allein der Schuldige!« behauptete Raoul.

»Schuldige – da sehen Sie mal, fliegende Fische!« rief der Bürgerdiplomat und stürzte an die Reeling.








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