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Das Hünengrab

Julius Hart: Das Hünengrab - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorJulius Hart
booktitleNeuland
titleDas Hünengrab
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Julius Hart

Das Hünengrab

Ein Leben in Träumen

Hart am Abhang führte der schmale Weg hin, mitten durch das weißrauchige strahlende Licht der Julisonne, leuchtend und funkelnd im Glanz des Sommers, Vorüber an grünen Weizen- und Roggenfeldern, die sich hier und da gelb zu färben anfingen, feucht und saftig von Fruchtbarkeit schimmernd. Blumen und Farben überall, Farben wie auf der Palette, dick aufgesetzt, wirr durcheinandergestrichen: dort nichts als ein großer blauer Flecken am Wege, eine Wildnis von Cichorienblumen, und gleich daneben eine wuchernde weite Fülle goldgelben und süßduftenden Honigkrauts.

Gleich neben dem Wege stürzte der Boden steil und tief in die See hinab, hier und dort eine Schlucht bildend, eine Lithe, wie die Fischer auf der Insel sagen. Die Küste sieht aus wie eine Torte, aus der das Messer an einzelnen Stellen ein Stück geschnitten hat. Über die Kante starrt das Auge in die öde stille Schlucht, die mit bräunlichgrünem Gras bewachsenen Abhänge hinunter, aus denen ein weicher süßer Duft hervorquillt, – der Duft des Honigkrauts, das auch dort unten goldgelb hervorschimmert. Vereinzelt hängt Struth und Gestrüpp an den so nackt und leer aussehenden Wänden, die um ihrer Nacktheit willen noch steiler und tiefer zu sein scheinen. Unten noch ein schmaler Streifen Landes, gelber Dünensand, dicht bedeckt und übersät mit Granitsteinen und Felsblöcken, – ein wilder rauher Pfad, den selten einer geht und der gleich wie ein Stück verlassenen Kirchhofes daliegt, voll von eingesunkenen und umgestürzten, zerborstenen und zerbrochenen Grabsteinen. Nur auf den Steinen, die am weitesten vorgerückt, bespritzt und umspült von den Wellen, in der See liegen, ein zuckendes Hin und Her, sich regende und bewegende, weiße und dunkle Flecken: Möven, welche dort eine kurze Rast gefunden. Ein vereinzelter Mövenschrei tönt von unten herauf. Dort flattert einer der grauen Seevögel wild unruhig über dem ewig wandernden Wasser, sinkt hernieder, stürzt und ist wie in den Wellen verschwunden.

Kühl und frisch atmet es aus der Schlucht empor, – kühler Dunst und Geruch der See. Ein unaufhörliches Gemurmel und Gebrause dort unten, ein Hin- und Herfluten ewig und unabänderlich, das bewegliche Unbewegte. Sinken und Steigen der Wellen, einförmig und immer dasselbe Einerlei, einförmig wie mein Dasein ist, und doch so voll von Unruhe, von Hasten und Treiben. Vorn Wellensturz, Welle neben Welle, Woge über Woge, in der Ferne aber spiegelnde Glätte, sanfte Fläche und Ruhe, bis sich in der letzten Weite alles in Duft und flimmernden Nebel verliert, in violettbläulichem dichtem Dunst. Auch das Meer funkelt und glänzt im Licht des Sommertags, durchleuchtet von Glut und Feuer, und wie ganz verwandelt in fließendes Erz. Da liegt es wie ein in Wind und Sonnenschein wogendes Feld, grünlich schimmernd in allen Abtönungen, tiefschwarzgrün dort hinten, düster über unendlichen Abgründen, allmählich sich aufhellend zu eichengrünem und smaragdenem Glanz und nahe am Ufer, wo die Meereswiesen, nur wenig unter der Flut vergraben, hell hervorleuchten, große Flecken hellsten giftigen Grüns. Und dort wieder braune und schwarzgraue Linien, Streifen und Bänder, drüben tiefe Bläue und nach Norden zu ein zarter silbergrauer Hauch, wie matter Tau über die Wellen ausgebreitet.

*

Hart am Abgrund, weit über die See hinwegschauend, liegt das Hünengrab. Starr und düster ragen zwei mächtige Steinblocke aus dem gewölbten Hügel hervor, höher als ein Mann ist, der eine breit und rund, der andere wie eine phrygische Mütze fast, beide bedeckt mit grünlich-grauen Flechten, verwaschen und gries, vom Alter verwittert. Es sind die Thorsäulen des Grabes, die an seinem Eingänge Wache halten, gleich zwei rauhhaarigen, hundertjährigen, narbenbedeckten Kampfrecken, welche zusammengekauert, das Haupt zum Knie herab, stumm dasitzen. Achtundzwanzig Steine umfriedigen den heiligen Bezirk des Todes, eiförmig den Hügel einschließend, die einen bis an den obersten Rand in der Erde versunken, die anderen noch mit halbem Leibe hervorragend, fast überwuchert von Gras und Blumen.

Zwischen den Totensteinen und im Innenraum des Grabes nichts als lachendes Gras und Blume neben Blume, der ganze Hügel ein einziges Blütenbeet. Alle Blumen des Feldes durcheinander. Thymian wächst dort und Honigkraut, blaßbläuliche und mattrötliche Skabiosen, auf langen Stengeln sich wiegend, stehen inmitten stachlichter Disteln, Scharfgarbe und Hahnenfuß durchflechten bunt das grüne Gras. Leben, goldenes Leben überall, Blühen und Werden. Aus den Lüften klingt ein frohes übermütiges Lachen und von der Erde hallt es zurück. Es ist das Lachen des Sonnenlichtes, das in alle Eckchen und Winkelchen, Ritzen und Spalten hineingekrochen ist, wie ein Regen in Millionen Tropfen an den Halmen und Blättern hängt und hinabfließt, da oben am Himmel aber und in den Lüften als ein unerschöpfliches, uferloses Meer sich ausdehnt. Unter seinen Küssen erschauert das Laub und Gras und seine Farben verklären sich, wie ein Menschenantlitz in großer, großer Liebesfreude sich aufhellt. Überall wird Hochzeit gefeiert; Sonnenstäubchen tanzen und schweben auf und nieder, und der Staub der Blüten fliegt von Kelch zu Kelch, Käfer in grün- und braunschillernden Metallpanzern laufen wie berauscht durcheinander, als hätten sie schon zu viel vom Sommerwein getrunken, und durch all das leise Gesumm klingen laut und lärmend die schnarrenden Stimmen der Grillen, welche an diesem Festtage sich besonders wichtig fühlen, Vogelstimmen von allen Seiten, – ein unsichtbares Orchester, das in der Luft, im Gras und in den Gesträuchen überall verteilt ist. Nur dann und wann sieht irgendwo ein Köpfchen hervor, raschelt ein Flügelpaar und einer der kleinen Sänger fliegt über die Kornfelder dahin wie ein flüchtiger Schatten. Aber das Gezwitscher, Pfeifen und Tirilieren hört nie auf und mit der Sonne lacht alles um die Wette, lacht ohne Aufhören, kichert in sich hinein.

Sommerstimmung und Herbststimmung, Sonnenstimmung – Windstimmung. Vom Meere herüber kommt der Wind, der hier nie einschlummert, kühl, frisch und fast herbe. Ein ewiges leises Brausen in den Lüften und ein dumpfes Rohren unten an der Erde in den Grasflächen, im ewig bewegten, rauschenden Laub. So viel Leben ringsum, und auch so viel Einsamkeit und tote Ruhe. Grabeskühle, Grabesschweigen. Die alten Hünensteine steigen schwarz und leer in die Luft empor und starren augenlos und verlassen über Felder und Ucker und über das weite verlassene Meer. Nichts regt sich auf seinen schillernden Gewässern. Drüben nur liegt regungslos ein verankertes Feuerschiff, das drei nackte, leere Masten in das Sonnenlicht hineinstreckt. Tag und Nacht liegt es so, tot und ausgestorben, wie ein Stück Vergangenheit. Auch die alten Hünensteine sind nichts als Vergangenheit und Erstarrung, bergesalte Wesen, die in sich hineinstieren, dumpf und seelenlos.

Aus dem verwitterten Gefels, dem grüngrauen Moos tönts aber, wenn der Wind dagegen bläst, wie unordentliches Gemurmel, wie der letzte Hall fern-fernabziehender Musik. Und wer mit Dichters Geisterohren zu lauschen vermag, der erkennt dumpf-dumpfpochende Leichenmusik, einförmig hohle Klänge eines altgermanischen Leichenmarsches. Nur die Pauke dröhnt – dumpf – dumpf! Ein Schlag – und dann ein Schweigen – und wieder ein Schlag, wie der Gang und Schritt eines steinernen Rolands. Am Abhang des Meeres entlang kommen, sonst ganz stumm und lautlos, gesenkten Hauptes, die Männer im dunklen Abend herangeschritten. Auf der Bahre tragen sie Beowulf, den alten Sonnenkämpen, den greisen Drachentöter, der nun selber mit zerschundenem Haupt und zerfleischten Gliedern, das greise Haar blutfarbig, daliegt, dem Drachen zum Opfer gefallen. Sein leeres totes Auge stiert in den brandroten Abendhimmel, in das blutige Licht der mütterlichen Sonne und um den wilden Mund liegt erstarrt das letzte Siegerlachen. Hier auf der Höhe, am Rande der See, wo die Stürme nie schweigen, wo der Blick weit, weit über die Wellen hinschweift, wollen sie ihm den Grabhügel aufwerfen und die Steine setzen, achtundzwanzig Steine rings im Kreis und zwei Riesenblöcke als Hüter am Eingang, – hier auf der Höhe des Meeres, wie es seine alte germanische Sehnsucht war, wie er es ihnen sterbend befohlen hatte:

Heißt die Kampfberühmten einen Hügel bauen,
Nach dem Strande blickend an der Brandung Klippe!
Zum Gedächtnis soll der meinem Degenvolke
Hoch sich erheben auf Hrouesnäß,
Daß es die Seefahrer seitdem heißen
Den Berg des Beowulf, die die brandenden Kiele
Über der Fluten Genebel fernhin treiben ...

Langsam und schwer kommen die Männer beim dumpfen Schlag der Pauke herangeschritten und machen schweigend Halt. Nur die Pauke tönt immer zu ... immer zu. Der, welcher den lodernden Feuerbrand trägt, giebt den anderen einen stummen Wink und sie bauen den Holzstoß auf, den sie mit glänzenden Helmen behängen, mit narbenreichen, zerhauenen Waffen, Schilden und Panzern, an deren einem noch das frische Blut klebt und langsam gerinnend träg heruntertropft. Nacht ist schon herabgesunken und fahl blinkt nur hier und da der bleigraue Wellenschimmer draußen auf dem Meer aus der endlosen Finsternis hervor. Da erhebt sich rings ein dumpfes Weinen und Klagen im Kreise der Männer und aus dem Brausen der Winde und der Wasser tönt es fast noch dumpfer und wilder. Auf den Holzstoß legen sie den langausgestreckten Riesenleib des Drachentöters und werfen die Fackel ins aufgehäufte welke Laub und Struppwerk; mächtiger heult der Seewind, jäh schießen und züngeln Flammen an allen Seiten empor und zuletzt schlägt ein großes einziges Brandfeuer in die Luft hinein, düsterrot sie färbend und weithin über das mächtige Meer hinweg leuchtend.

*

Am Hünengrabe ruhten wir beide aus. Schon seit frühem Morgen waren wir gewandert, immerfort der Sonne entgegen und immerfort mitten durch das helle warme Licht des Sommertages. Bald waren wir gelaufen, mit rotglühendem Gesicht und hatten miteinander Fangen gespielt wie die Kinder, und dann wieder gingen wir eine Strecke, eng aneinander gepreßt, Arm in Arm und fielen uns plötzlich um den Hals und küßten uns. Leise hörte ich sie dabei lachen und in meinem Herzen klang es wieder wie das silbrige Schwirren aneinander tönender Weingläser. Mitten durch das Korn waren wir gesprungen, berauscht von unserem Glück und unserer Liebe, vom Lichte und vom frischen Duft der Ähren und waren in die Kniee gesunken, durchschauert von Strömen süßer, heiliger Andacht und schwuren uns, während die Halme über unseren Häuptern wogten, alte Eide zu.

Nun lagen wir ruhig nebeneinander, übersungen von leisen Vogelstimmen, überflogen von bunten Schmetterlingen, braunen Distelfaltern und gelben Citronenvögeln, einer von des anderen Armen umschlungen und genossen still unsere Nähe, den Glanz der Sommerwelt, den Duft des Grases und der Erde und das Rauschen des nahen Meeres. Und ich sann darüber nach, wie das alles so plötzlich gekommen war, diese ganze große Liebe, dieses mächtige, leidenschaftliche Empfinden, dieses unsagbare, tiefe Glück. Vorgestern noch in meiner Seele Haß, Gleichgültigkeit, Erbitterung, Frohheit, wieder eine Leidenschaft abgethan zu haben, und jetzt war sie mein Weib. Mein Weib, – mir, ich fühlte es für alle Zeit. Meine letzte Liebe, die ich tiefer und gewaltiger als meine erste empfand. Hochzeit hatten wir gefeiert, wir beide ganz allein, und kein Gast war zugegen gewesen, nicht Vater noch Mutter, nicht Bruder noch Freund. Niemand hatte uns seinen Segen gegeben, als wir selber uns ganz allein. Wir bedurften keines anderen Segens als nur unserer Liebe. Hier, an der Brust der Erde und der Brust meines Weibes, in der Stille der Einsamkeit und im Angesichte des Meeres, umrauscht von den Atemströmen der Sonne, fühlte ich die süße Luft, ganz frei zu sein, frei von allem Zwang. Zerbrochen hatte ich die Fesseln der Gesetze, die ich mir nicht selber geschrieben hatte, die Fesseln einer Moral, deren ich nicht mehr bedurfte. Philistersitte und Werkeltagsmeinung hatte ich mit Füßen getreten und Staat und Gesellschaft jubelnd verneint. Und ich war glücklich, – ein Erlöster, ein Freier.

Wie rasch war das alles gekommen! Gestern Morgen in der Frühe – da stand sie plötzlich vor mir. »Du bei mir?« hatte ich ihr nicht ohne Erbitterung entgegengerufen. In der Nacht glaubte ich alles niedergekämpft zu haben, was ich an Schmerzen in der letzten Zeit empfunden hatte und verspürte zuletzt fast ein Frohgefühl, wieder frei zu sein von einer Liebe, die seit Wochen mich mit so unendlichen Qualen verzehrte. Da weckte ihr Anblick alle Schmerzen wieder von neuem auf, und ich starrte sie zornig an: »Morgen ist deine Hochzeit. Der bravste und dümmste aller Philister führt dich heim ... Staat und Kirche geben ihren Segen und versichern dich, daß du den besten ihrer Söhne mitbekommen hast ... Was willst du noch von mir? – Und dann fühlte ich mich plötzlich von ihren Armen umschlungen, sie saß auf meinem Schoße und küßte mich unter Lachen und Thränen: »Ich habe dich nur lieb, dich ganz allein. Laß uns fort von hier ... weit fort ... nimm mich mit dir, laß mich mit dir fortlaufen, immer weiter – immer weiter.« Ein Rausch kam da über mich, eine trunkene Stimmung voller Glück und Frohheit, alles fiel ab, was mich bis dahin gezwungen und gefesselt hatte, und goldene Freiheit dehnte sich vor mir aus, weit – unendlich weit.

Ein paar wilde Flüchtlinge irrten wir seit gestern durch die Welt, hatten alles hinter uns im Stich gelassen und wollten uns ein neues Leben zurechtzimmern, Thränen, Spott, Verwünschungen, Flüche, Zorn ... wir wußten, daß das alles uns hinterdrein folgte, aber in dieser ganzen Zeit hatten wir uns nur geküßt, fast immer nur gelacht und gejubelt, und so waren wir wohl im Recht gewesen. Nur einmal hatte ich in ihrem Auge eine Thräne gesehen. Wir saßen am Quai und warteten auf die Abfahrt des Schiffes. Fröhlich stießen wir mit den Gläsern an, als ich plötzlich bemerkte, wie ihre Hand leise zitterte und ein Schatten von Verlegenheit über ihr Gesicht hinflog. Sie wandte ihr Gesicht ab, und es war, als wenn sie sich zu verbergen suchte. An einem der nächstliegenden Tische hatten sich andere Reisende niedergelassen, die fortwährend zu uns herüberblickten und miteinander zischelten und tuschelten, wobei die Gesichter zweier Frauen ein immer entrüsteteres Aussehen annahmen, während die Männer spöttisch-cynisch lächelten. Echte und rechte Philistergesichter. »Da sitzen ein Paar, die dich kennen, Hänschen,« sagte ich zu ihr und drückte fest ihre Hand, wobei sie nur leise und scheu mit dem Kopfe nickte. Gleich darauf stand eine der Frauen auf, welche am entrüstetsten ausgesehen, und kam auf unseren Tisch zu. Ihr Gesicht hatte sich im Nu verwandelt und strahlte von dem gütigsten und wohlwollendsten Lächeln. »Wie kommen denn Sie hierher, liebes Fräulein?« sagte sie so arglos, wie nur möglich, und mein armes, dummes Hänschen flog ganz verwirrt in die Höhe, während eine brennende Röte sein Gesicht bis an die Haarwurzeln färbte. Dann stotterte es verlegen ein paar Worte und lief auf einmal, mit tiefgesenktem Kopfe, fort, dem Schiffe zu.

Nun war sie mein Weib, und neben ihr lag ich hier unter den Hünensteinen, zwischen Blumen und Gras. Wie ein Liebespaar kamen wir uns vor, das Vater und Mutter verlassen und von Hause geflohen ist. Vater und Mutter und Heim hatten wir verlassen, das väterliche Haus, das die Jahrtausende errichtet und an dem seit Jahrhunderttausenden alle Völker gebaut haben, das väterliche Haus der Gesetze, Sitten und uralter Gewohnheiten. Mit glänzenden Augen hatte sie mir, wie oft, gelauscht, wenn ich ihr erzählte, wie eng und dumpf die Winkel im Vaterhause geworden sind, wie morsch das Gebälk, in dem der Totenwurm seit langem haust, wie die Wände zerbröckelt Einsturz drohen, wie durch die engen Fensterlöcher so wenig Licht fällt, wie die Gespenster umgehen im alten Vaterhause. Ein neues Haus wollen wir bauen, und fröhliche Genossen sind überall an der Arbeit, den Grund zu legen. Mit glänzenden Augen hatte sie meinen Reden gelauscht und sie in ihr Herz hineingeschrieben. Zu einem Grabe war uns das alte Haus geworden, aus dessen dumpfer Luft wir entfliehen mußten, und es war doch das Vaterhaus, umwoben von tausend süßen Erinnerungen, in dem wir aufgewachsen waren, das uns so lange als das Heiligste und Hehrste erschienen und das wir einmal liebgewonnen hatten, trotz all seiner dunklen Winkel und dumpfen Grüfte.

Alte Verse, weinende Worte tauchten von neuem in meinem Geiste auf, die in diesen beiden Tagen immer wieder in meiner Seele ertönten und die ich nicht los zu werden vermochte. Leise klang aus meinem Innern herauf die schluchzende, wehmütige Weise jenes süßen Volksliedes von dem armen Knaben und armen Mägdelein, die heimlich fortliefen von Hause, hin und her gewandert sind, weder Glück noch Stern hatten, verdorben sind, gestorben:

»Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,
Es fiel auf die zarten Blaublümelein,
Sie sind verwelket, verdorret ...«

Aber ich schüttelte die Trauer ab und blickte lachend in die goldene Tageswelt hinein, küßte mein holdes Liebchen und wußte, daß wir nicht sterben und verderben würden. O, ich fühlte in dieser Stunde so viel Kraft in mir, als hätte ich die ganze Sonne mit ihrer Kraft in mich getrunken.

Sanft beugte ich mich zu meinem Mädchen herüber und nahm ihren Kopf zwischen beide Hände.

»Hänschen«, stammelte ich dann auf einmal: »Eine Thräne in deinem Auge? Du weinst?« und heftig hatte sie auf einmal meinen Hals umklammert, preßte krampfhaft ihr Gesicht an meine Brust und schluchzte leise vor sich hin.

»Hänschen, was ist dir so plötzlich? Was fehlt dir?«

Sie hob ihr thränenüberströmtes Gesichtchen zu mir empor und sah mich, während sie meinen Hals umklammert hielt, mit einem jammernden, hilfeflehenden Ausdruck an.

»Verachtest du mich?« stieß sie leise hervor, – »verachtest du mich?«

»Ich dich verachten?« lachte ich fröhlich auf, »dich, die ich anbete, wie eine Heilige, – du meine liebe, liebe Beatrice, meine Führerin durch das Paradies, – dich, mein allerdümmstes, herzigstes Närrchen.«

Aber der Schatten wich nicht von ihrem Gesichte.

»Nein, du darfst mich nicht verachten, – du nicht, nur du nicht«, fuhr sie angstvoll fort. »Wenn mich auch alle schimpfen und lästern, daß ich nur deine Geliebte bin, wenn mich die Leute auch von sich stoßen, daß ich mit dir so gegangen bin, – nein, du darfst mich nimmer, nimmer verachten. Mir ist ja so bang zu Mute, so traurig ... Könnten wir doch immer so allein und einsam sein und brauchten nie – nie wieder unter die Menschen zurück. O, ich fürchte sie so sehr, die Menschen ...«

»Fürchten?« lachte ich noch einmal und drückte sie innig an mich ... »Ich fürchte sie gar nicht, ich fürchte nichts und niemanden. Weine nicht, mein Hänschen, – bei mir bist du sicher, ich schütze dich! Mit meinem letzten Atemzuge schütze ich dich ... Und glaube nicht, daß ich so schwach bin ... Ich fühle etwas in mir vom Geist dessen, der hier unter den Steinen liegt. Beowulfs Schatten umweht mich, sein Blut ist auch in mir ... Sonnenkämpfer – Drachentöter, das wollt' ich immer sein ... O, ich fürchte die Drachen nicht, sicher führ' ich dich heim durch ihre Mäuler ...«

Und mit leuchtenden Augen sah sie mich an und drückte meine Hand an ihr Herz:

»Nein, du wirst mich nie verlassen, – niemals, niemals! Ich weiß es sicher! Nu wirst mir immer zur Seite stehen und mich schützen. Bei dir brauche ich nichts zu fürchten ... Und jetzt bin ich ja so ruhig, – ach, so ruhig ...«

*

Müde vom langen Wege war sie eingeschlafen, eingewiegt vom Summen der Bienen und dem leisen Gesang der Lerchen, der wie ein melodisches Atmen aus den fernen, goldenen Lüften herniederkam. Ihr Kopf lag an meinem Schoße und sie hatte den einen Arm unter ihr Haupt gelegt. Mit stillem Entzücken sah ich sie so lieblich und voller Anmut liegen und versenkte mich ganz in den Reiz dieses Bildes, genoß mit ruhiger Andacht die feinen sanftgeschwungenen Linien ihres Körpers und das in ruhigem Atmen stille Senken und Heben der Brust, und die leisen – leisen Bewegungen der Adern. Ein heiterer Schein des tiefsten Friedens und seliger Zufriedenheit lag über ihrem holden Kinderangesicht golden ausgebreitet und Träume von einem ewigen und unendlichen Glücke schienen ihre entschlafene Seele glänzend zu umschweben.

Nur einmal beugte ich mich zu ihr herab und küßte sie sacht auf die Stirn. Dann lehnte ich meinen Kopf an den Hünenstein und starrte in den blauen Äther hinein, in langsam ziehendes, leuchtendes, schneeweißes Gewölk, fast gedankenlos und nur von einem großen, einzigen, mächtigen Empfinden durchdrungen, daß ich in diesem Augenblicke das vollkommenste Glück genieße. Bunte Phantasien umgaukelten meinen Geist und all die Träume, das Verlangen und die Hoffnungen, die vieltausendjährigen Hoffnungen der Menschheit hatten nun endlich ihre Erfüllung gefunden. Erfüllt war die große Sehnsucht meines eigenen Lebens. Jahrelang war ich durch das graue Meer gefahren, durch tiefe Nebel und wilde Stürme, über die Wasserschlünde und Abgründe dahin, die sich so oft strudelnd und brandend aufgethan hatten, um mich in letzte, grauenhafteste Nacht hinabzureißen, – immer nur das Auge glühend nach Osten gerichtet, immer nur den einen festen Willen in mir, jenes Land zu entdecken, von dem alte Märchen aus der Urzeit uns erzählen, und das sie alle gesucht haben, welche das Leid der Erde und aller Menschheit am tiefsten in sich getrunken. Nun saß ich auf der heiligen Erde von Atlantis und um mich rauschten die Lüfte der Insel der Seligen. In sonnenglänzender, stiller Einsamkeit waren wir beide allein, ganz allein, – alle Welt hinweggesunken, und wir beide waren glücklich. Keinen Wunsch und kein Begehren hatte ich, als immer nur so ruhig liegen, wie in diesem Augenblick, hineinstarren in die Wolken, ihr Haupt in meinem Schoß, und die sanften und doch so glühenden Empfindungen, welche meinen Leib und meinen Geist durchrannen, schweigend zu genießen.

Das Sonnenlicht auf dem Meere bildete eine breite, blitzende, aus Perlen und Diamanten erbaute Straße, die gerade auf den Ort zuführte, wo wir unser Liebeslager gefunden hatten und dort drüben in der Ferne aus weißem Duft und Glanz hervorkam. Es war wie der Pfad des Glückes, der mich zu dieser paradiesischen Küste hingetragen hatte. Keine Palmen über meinem Haupte, keine Rosen zu meinen Füßen, aber in meinem Herzen wuchsen Palmen und Rosen und ihr Wiederschein färbte ringsum Erde und Luft. Der Friede und die Liebe, welche in meinem Herzen wohnten, strömten aus diesen engen Kammern hervor und breiteten sich wie ein Meer von Licht über die ganze Welt aus und erfüllten sie mit dem tausendfachen Geruch und Duft der Sommerblüten. Alle Menschheit umschloß ich mit meiner Liebe, und die feierlichen Klänge erhabener Hymnenworte tönten aus meiner Seele hervor. Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Große Völkerzüge sah ich vorüberwallen, in bunten Trachten und niemand von den Tausenden, die vorüberzogen, glich irgend einem anderen. Aber sie alle waren vereint wie Brüder und Schwestern, und jeder verstand sich und verstand den anderen, fühlte für sich und fühlte mit jedem, jeder ein Diener und doch jeder ein Herr. Frohe Grüße tauschte ich mit allen aus und wie ein Lachen klang es durch alle Lüfte und Himmel dahin. Die Sonne und die Erde waren mir Schwestern und aus der Luft saugte ich Erquickung, wie aus dem Atem meiner Geliebten, zärtlich schmiegten sich die Blumen an mich, und ich drückte innig die Blüten an mein Herz.

Der Glanz, der über meiner Seele lag und aus meinen Augen wie ein Feuer hervorbrach, derselbe Glanz war es, der droben die Sonne erfüllte und von dort durch die Weltenräume ausströmte; ausgestreut sah ich ihn durch das grüne Gras und hervorleuchten aus den Blumen als Farbe, rot, blau, weiß und gelb, und hervorquellen als Duft und Honigsaft. Aus dem Honig aber tranken Bienen und Schmetterlinge von neuem den Glanz der Sonne, den hellen Schein der Liebe, und von den schillernden Flügeln der Falter stäubte das eine alleinzige Licht, das alle Weltenräume durchwärmt und zum Leben erweckt, über die Blumen von neuem dahin. Tief, tief fühlte ich mich durchschauert und ergriffen von dem mächtigen großen Empfinden der Alleinheit alles Erschaffenen und Lebendigen, Freiheit, jubelte es in meiner Seele, Freiheit wurzelnd und erblühend aus der Liebe, – Liebe wurzelnd und erblühend aus dem Wissen und Fühlen der Alleinheit.

*

Leer und einsam war es um uns und ferne alte Vergangenheit träumte über dem Hünengrabe. Wie müde sank mein Haupt auf die Brust herab und ich lauschte in die Erde hinein, aus der ein fernes dumpfes Tönen hervorkam, ein Klingen und Singen von Hörnern und Trompeten, während ein kalter Hauch über mein Gesicht hinlief und allerhand Schattenhaftes hastig an mir vorüberschoß. »Beowulf,« sagte ich leise vor mich und wiederholte noch einmal Beowulf. Etwas Rotglänzendes schwebte dabei vor meinen Augen, wie der blutübergossene Glanz einer Rüstung, aber ich suchte vergebens feste Formen, die Umrisse einer Gestalt festzuhalten. Und doch rann es wie ein heiliger Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele, des Gefühls der Nähe erhabener Geister. Wie aus entlegenen Weiten tönte das Rauschen des Meeres, der leise Gesang der Brandungswogen in meine Seele hinein und weckte den Hall von dumpfgemurmelten Worten auf und gleich einem einförmigen Kirchengesange klang es durch die stille Glut des Sommertages »Beowulf ist nahe – Beowulf – Beowulf – Beowulf ist nahe.« Und aus dem Grabe hervor, durch saftdunkle Erde, durch Gras und Kraut tönte es heimlich – tief feierlich: »Beowulf ist nahe.«

Zwischen Himmel und Erde stand ein goldener Schein, der aus der Sonne hervorfloß und seine Schleppe über das Grab ausgebreitet hatte. Gold und Silber blitzte über mich, der Feuerglanz eines Panzers, die Glut eines Schwertes, das durch die Wolken ausgestreckt war. Ein Schild war über mich gehalten, und ich lag wie auf den Knieen meines Vaters und lächelte leise vor mich hin und flüsterte, von Andachtsschauern durchdrungen: Beowulf.

»Beowulf! ...«

Die Glut, die von ihm ausstrahlte, umhüllte und erfüllte mein Herz, daß es wie eine neue Sonne der himmlischen entgegenstrahlte.

»Sonnenkämpfer,« lallte ich mit schwerer Zunge. »Drachentöter! Ich bin wie du – bin dein Kind – bin Beowulf. Heimat des Lichtes – Land der Ruhe und des Glückes ... Führe mich hin zu ihm, Beowulf ... Lehre mich die Drachen töten ... Schütze mein armes Kind vor den Drachen ...«

»Schütze mein Kind vor Beowulf!« lallte ich auf einmal, als hätten meine Gedanken allen Zusammenhang verloren, als stellte ich plötzlich nur noch Wortklänge zusammen, die zufällig in mir wach geworden. Ein jäher Schreck durchfuhr meine Glieder und ich starrte in die Höhe. Feuer regnete von oben auf mich hernieder, ein erstickender heißer Dunst in allen Lüften, Flammen und brennende Asche, durch finsteren Qualm und schwarzen Rauch herniederprasselnd, stürzten über mein Haupt und gerade über mir gähnte weitgeöffnet das mit roter Glut angefüllte Maul eines Drachen ... Beowulfs Haupt, von goldblonden Locken umwallt, war hinweggesunken, zum feuerspeienden Drachenhaupte umgewandelt, und mit wildem Schrei fuhr ich in die Höhe:

»Schütz' mich vor Beowulf ...«

*

Inmitten des Grabes stand ich, vor den niederregnenden Flammen unter die Erde geflohen.

Ein paar Spangen aus Bronce lagen zu meinen Füßen, die ich bei Seite stieß, die rostzerfressene Spitze einer Lanze mit Runenzeichen bedeckt, zerbrochene Urnen. Ein tiefes und dunkles Schweigen ringsum, eine dumpfe Luft voller Verwesung, feucht und schwül. An den engen Wänden tappte ich mich herab, den Nacken vorgebeugt, und schwer und mühsam atmend. Wer kann leben in diesem erstickenden Dunst von Gräbern, stöhnte ich mühsam hervor und preßte beide Hände gegen meine heiße schmerzende Stirn, welche wie von eisernen Klammern umschnürt und zusammengedrückt wurde. In der Werkstatt der Würmer! Verächtlich stieß ich hart mit dem Fuße gegen eine Urne, die noch unversehrt zu Häupten des Grabes erhöht auf einem Steine dastand, hart stieß ich dagegen, daß sie umstürzte und zerbrach. Eine graue Staubwolke stieg aus ihr hervor und ein Häuflein Asche fiel über den Boden.

»Beowulfs Asche,« sagte ich hohnlachend. »Zu Asche und Staub ist der Sonnenkämpfer geworden. Wer wird dich jetzt noch fürchten, armer Drachentöter? Wo sind deine Schwerter und Speere, wo dein starker Schild und deine glänzende Brünne – wo dein frohes Lachen und dein heller Ruf – dein lautes Siegesgeschrei? Verklungen ist deine Stimme und erloschen dein Licht. Und kämst du heute noch einmal zur Erde zurück, du armer Schelm, mit all deinen Waffen und all deinen Panzern, – all deine Kraft, du Drachentöter, vermöchte nichts gegen eine einzige Kugel aus dem Lauf unserer Gewehre. Sonne von gestern, die Nacht hat dich verschlungen, Leben, du bist zum Tode geworden. Wer soll dich noch fürchten, Beowulf, dich und dein Grab? Nichts bist du als Asche und nichts hast du zurückgelassen als Würmer ...«

Nichts als Würmer.

Ich starrte auf die Erde und auf die Reste, die übrig geblieben waren von dem, der einst so herrlich im Licht der Sonne geleuchtet hatte, dem Frühlingsgott, der die Winter- und Eisriesen bezwungen. Nun war er selber ein Grabwesen geworden und nichts als modernde Vergangenheit. Fort aus den Gräbern, empor zum Licht! Der schwüle feuchte Verwesungshauch des Grabes aber fiel wie ein schwerer Nebel auf mein Gehirn und all meine Sinne, und ein Taumel überkam mich, eine Art Rausch und Schlafsucht, als sollte ich mich hinwerfen und liegen bleiben, hier zwischen der Asche der Toten und ewig vom Grab gefangen gehalten. In den Ecken und Winkeln des düsteren Ortes war ein beständiges Schleichen und Bewegen, ein Hin- und Herhuschen von umrißlosen Schatten und Gestalten und ein höhnisches Flüstern und Wispern ... Nur ein letztes dumpfes Verlangen nach grüner Erde, nach Licht und buntem Leben glühte noch in meiner Seele und ich sah wie aus weiter Ferne einen hellen Streifen von Glanz und Farbe und hörte aus unendlichen Höhen das süße Tirilieren einer Lerche, einer einzigen Lerche; wie ein weicher, sanfter Frühlingshauch, wie der Atem eines Veilchens berührte mich der ferne, lockende Ton und wieder überfiel mich das Grausen vor der dumpfen Enge dieses Grabes und eine Stimme rief in mir: Fliehe vor Beowulf, fliehe den toten Drachentöter ... Seine Asche ist Gift, sein Grab ist die Hölle ... Fürchte die Gräber ...

Aber umsonst tastete ich nach einem Ausweg, lief und lief, in Schweiß gebadet, unendlich sich hinziehende, enge, modererfüllte Höhlen und Gänge hinunter. Grab neben Grab, Höhle neben Höhle. Mit leeren Augen starrten von allen Seiten tote Gestalten mich an. – assyrische Könige, die Hände flach auf die Schenkel gelegt, in starre, glänzende Purpur- und Seidengewänder gehüllt, nur das Gesicht, welk und zusammengeschrumpft, wie zerknittertes, gebräuntes Pergament, – Mumien ägyptischer Pharaonen, von morschen, zerfressenen Bändern umschnürt – und übereinandergetürmte Schädelberge, – ein an ein Kreuz genageltes Skelett, das grinsend in die Höhe stierte. Die ganze Welt ein Kirchhof – Hünengrab neben Hünengrab ... Und zwischen den Gräbern zogen Prozessionen von Menschen, hohle, dumpfe Totenweisen singend; vor jedem Toten lagen in den Staub gestreckte Gestalten, zitternd, das Gesicht entstellt von Angst und Entsetzen, welche die Knochen und Asche anbeteten, von heiligen Ehrfurchtsschauern durchdrungen. Priester schwangen ihre Weihrauchskessel vor den Skeletten auf und nieder und verhüllten die Düsteren mit grauen Dampfwolken, daß der scharfe, süße Rauch die Verwesungsdünste wegfraß und nur hier und da noch ein Stück des Gerippes, einen Schädel, das ausgestreckte Skelett einer Hand sehen ließ. Über alles mächtig ragten die Toten über die Welt dahin, und zu ihren Füßen lagen die Lebendigen, anbetend in Sklavenfurcht.

*

Am Himmel stand auf einmal die Scheibe des Vollmondes, die trüb und dunstig in der graudämmerigen einförmigen Luft hing. Die wolkenlose Nacht war nur halb erhellt von ihrem fahlen bleiernen Schein, und alles wie in dunkelgespenstische Nebel aufgelöst. Kein Stern am Himmel und auch der Mond hatte nichts Leuchtendes und Glänzendes an sich. Die glatte See blinkte wie ein kahles und ödes Eisfeld in letzter Dämmerungsstunde und von einem zarten dunstigen und trüben Silbergrau lag sie umschleiert da. Nur dann und wann und hier und da blitzte für einen Augenblick lang eine Welle hellerleuchtend auf, während doch sonst das Mondlicht alle Kraft verloren zu haben schien und nirgendwo sich wiederspiegelte.

Hinter einem Gebüsch lag ich zusammengekauert und starrte zu den Hünensteinen hinüber, die, wie ringsum die Erde, mit Rauhreif überzogen zu sein schienen und fahlgrau schimmerten. Und ich glaubte das Gras im Winde sich bewegen zu sehen, doch ich selber zitterte mehr wie das Gras, erfüllt von einer tiefen Angst vor einem Furchtbaren, von dem ich wußte, daß es bald aus der Nacht hervorsteigen würde. Mit beiden Händen umschloß und drückte ich krampfhaft das kleine hölzerne Kreuz, das an einem Strick hing, den ich um meine Hüfte so fest geschlungen hatte, daß er tief in das Fleisch einschnitt. Inbrünstig, wild preßte ich's an meine Lippen und näßte es mit meinen Thränen und stammelte jammernde hilfeflehende Worte in mich hinein.

»Ach rette mein Kind, – rette, rette mein armes Kind ... Hilf mir in dieser Not, mein lieber, lieber Heiland Jesu Christe. Hunde sind's, heidnische Hunde, verfluchte Wendenhunde, die mein Kind mir töten wollen, mein armes liebes Hänschen mir töten wollen ... Zerbrich ihnen die Köpfe, zerstampfe sie mit deinen Auerochsenfüßen ... Sie haben dir ins Gesicht gespieen, die Satanskinder und sie müssen alle von der Erde vertilgt werden, die Hunde, die Wendenhunde. Ach, rette mein armes Ännchen ... Rette mein Kind ...«

Aber die Furcht ließ nicht von mir los und zitternd stierte ich in die öde Nacht hinaus, und bei jedem verlorenen Laut, der das tiefe, tiefe Schweigen unterbrach, schauderte ich jäh erschreckt zusammen. Einmal kam vom Meere herüber ein knarrender Ton, wie von einem Segel, das leise und behutsam aufgezogen wird oder wie von einem Ruder, das zwischen Sand und Steinen langsam hinknirscht. Wären wir doch erst unten am Strand, den Abhang hinunter, gerollt, gestürzt, hingefallen, aufgesprungen, über uns am Klippenhang das Wutgeheul der Heiden, ... ich mein Ännchen festgepackt an mich pressend und dann ins Schiff hinein ... Rasch – rasch Hettel – rasch – rasch Godefrid!

»Christus, Sohn des Allmächtigen, König der Glorie, Walter über alles, hilf deinem Degenvolke, wenn das Kampfholz dröhnt, Schild anstößt an Speerschaft, Schwertglanz leuchtet im Opferfeuer der heidnischen Hunde ...« betete ich mit fest zusammengepreßten Lippen und drückte das kurze Sachsenschwert an meine Brust und lachte in mich hinein, wie ich's in dieser Nacht gebrauchen wollte, obwohl ich nur ein armer schwacher Geschorener war. Ich wollte lachen, aber es war nur ein schluchzender Laut, den ich aus gequälter Brust hervorstieß.

Stier sah ich meine Schwertgenossen an, die mit mir in der Nacht heimlich über das grauende Meer auf dem Seedrachen herangeschlichen waren und nun neben mir lagen, ganz schwarz die Helme und die Brünnen, die Schilde und Degen, so lautlos stumm dalagen, als wären es Schatten aus dem Reiche der Hel und als wenn sie längst gestorben wären. Ich empfand fast ein Grausen inmitten dieser schweigenden Gesellen, und ich sehnte mich darnach, einen Laut, einen Atemzug von ihnen zu vernehmen, nur das leise Klirren einer Waffe. Ich wollte zu ihnen reden, allerhand Worte, die mir klar vor der Seele standen und die ich in meinem Innern fortwährend wiederholte: »Wacht auf, meine Krieger ... Erhebt eure Hände, gedenkt eurer Kraft ... Seid mutige Helden ... Tötet mir all die Heidenkinder und macht sie mir hauptlos ... Erstickt sie im Todesrauch ...« aber ich brachte die Worte nicht bis an die Lippen, rang krampfhaft mit ihnen und lallte, wie ein Taubstummer, röchelte wirre Silben hervor, die niemand verstehen konnte. Sie schienen auch davon nichts zu hören, meine stummen Ritter. Lang ausgestreckt, die Beine fest zusammengeschlossen, die Arme steif und fest an den Leib gepreßt, lagen sie im Grase da, sonst ganz bewegungslos, nur daß sie fortwährend und alle ganz gleichförmig den Kopf hoben und senkten, als wenn sie in einem fort Ja nickten. Ein Hauch der Verwesung wehte von ihnen herüber, und während ich, von tiefer Angst erfüllt, auf sie hinblickte, stieg plötzlich ein furchtbarer Gedanke in mir auf, der mir in diesem Augenblick, da ich allein in der Nacht dastand und in der nächsten Stunde das Entsetzlichste auf mich niederbrechen sehen mußte, alles Blut zum Herzen trieb. Wenn diese meine Ritter, die mit mir auf dem Seedrachen heimlich über die dunkle See herangeschwommen waren, um mein armes gefangenes Kind hier am Hünenstein aus der Hand der Heiden zu erretten, wenn es nicht Ritter waren von Fleisch und Blut, mir zu Hilfe gesandt von Wiglaf, dem Wägmunding, dem Frommen, dem Heiligen, sondern nur Holzsoldaten aus einer Spielschachtel, womit Kinder spielen?! Qualvoll stöhnte ich auf und starrte mit entsetzten Blicken auf die schattenhaft an der Erde hingestreckten stummen Gefährten, die gespensterhaft waren, wie diese ganze Nacht und ich fühlte mich allein, als Mensch ganz allein unter lauter seelenlosen, irren, wahnsinnigen Schatten, mit denen ich diesen furchtbaren Kampf gegen die alten, blutigen, finsteren Heidengötzen, gegen eine hunderttausendjährige Vergangenheit auskämpfen sollte – allein, ganz allein in Öde und in Finsternis.

Fern – fern durch die Nacht kamen langgezogene gellende Töne herüber, die verwehten heulenden Schreie ihrer heiligen Hörner, mit denen diese falschen Heidenhunde zum Thing rufen und zum Opfer und wenn sie in teuflischer Nachäffung unserer heiligen Religion in Prozessionen umherziehen und ihre Götzenbilder umhertragen. Dumpf zog der Schall durch die verschleierte Nacht hin, mir aber war's, als stieße dort drüben in der unsichtbaren Ferne mein armes gefangenes Kind, mein armes, armes Hänschen einen langen klagenden Schrei aus, einen bangen Schrei wilder Verzweiflung und bitterer Todesfurcht, und als strecke sie jammernd zu mir die gefalteten, blassen, zarten Händchen herüber, über Felder und Wälder herüber: ich fühlte diese Hände plötzlich an meinen Knieen, an meinem Leibe tasten und wie sie mein Mönchsgewand mir zerrissen in krampfhafter Furcht und Qual und ich sah ihre Augen vor mir, sah ihr bleiches Gesicht, ihren verzerrten Mund, hörte sie leise weinen und flehen: »Rette mich – rette mich – rette mich.«

Wild aufspringend stieß ich mit dem Fuße gegen den einen dieser seelenlosen Klötze, die stumm und teilnamlos im Grase umherlagen, mit runden hölzernen Scheibchen unter den Füßen, wie ich jetzt deutlich im fahlblinkenden Mondschein wahrnahm, gerade wie Holzsoldaten aus einer Spielschachtel. Halb im Zorn, halb von Grausen erfaßt trat ich über sie hin und schrie mit unterdrückter heiserer Stimme auf sie ein: »Wacht auf meine Krieger ... Erhebt eure Rotumaras ... Werft die Holzscheibchen unter euren hohlen Kohlensohlen auf eure Rückenkrücken. Ratageila mia zuru boikatalo abru ziganno ...« schrie ich sie an mit Worten, die wie glühendes Feuer aus meinem Munde hervordrangen und mich selber mit Angst und heiligem Schauder erfüllten. Ich hatte ein fernes, dumpfes, ahnendes Empfinden, als wären es allerhand sinnlose närrische Laute, die ich mühsam hervorstieß, aber noch mehr fühlte ich mich von ihnen unsagbar ergriffen und hingerissen. Eine unendliche Wehmut wurde in meiner Seele wach und ich spürte Riesenkräfte in meinen Gliedern. Ich wußte, daß jene Worte, so voll tiefer Begeisterung, voll so erhabenen Schwunges, die ganze Welt mit ihrem Leid und ihrer Freude umspannend, nicht aus meinem armen Geiste hervorgestoßen sein konnten, sondern daß Gott aus mir sprach, wie Feuer aus dürrem Dornenstrauch. Er hatte mich in dieser Nacht zu einem Propheten geweiht und glühende ekstatische Wollustschauer durchrieselten meinen Leib; plötzlich drehte ich mich pfeilschnell um mich selber, magische Zeichen und Beschwörungen über meine schlafenden Gefährten hin machend und flog dann auf einmal über sie hin, stieß sie durcheinander, schlug ihre Köpfe zusammen und trat ihnen gegen den Bauch, indem ich fortwährend wie ein Rad von oben nach unten mich drehte, den Kopf bald oben, bald unten, die Füße jetzt gegen den Himmel und im nächsten Augenblick gegen die Erde gestreckt, tief ergriffen von der Heiligkeit meines Thuns, voll verzehrender Inbrunst und ganz hingegeben der prophetischen Sendung, zu der ich in dieser Nacht berufen worden war.

Und als hätte ich sie aus ihrem Schlafe damit aufgeweckt, hob sich auf einmal eine dieser dunklen Gestalten langsam und feierlich von der Erde empor, schwarz und dunstig wie ein Rauch emporsteigend. Nur das Gesicht war hell und deutlich sichtbar, von einer bleigrauen trüben Farbe, wie ringsum die Nacht – entstellt aber von dem wildesten Entsetzen, von einer Angst, die jeden Zug und jede Linie verzerrt hatte. Die Haare hatten sich gesträubt, die Stirn war von wirren tiefen Furchen durchzogen, die Augen weit und wild aufgerissen, wie aus den Höhlen hervorgekrochen. Aus dem halb geöffneten Mund, dessen untere Lippe bis an die Zähne krampfhaft zurückgezogen war, drangen allerhand gurgelnde und stöhnende Laute. Immer näher kam's leise auf mich zugetastet und zugekrochen, bis es mir ganz nahe war und ich den Atem seines Mundes dicht an meinem Gesicht verspürte, der nach verwesenden Leichnamen roch, so daß ich von dem ekelhaften Geruch schwindelig wurde und einen Brechreiz verspürte. Vergebens rang es in seiner tiefen grenzenlosen Angst nach Worten und zeigte mit zitternden schlotternden Fingern nach unten hin, auf seine Füße oder auf die Erde – ich konnte nicht verstehen, was es wollte, – während es dabei merkwürdig schlaff und schloddrig in einem fort zusammenknickte, zusammenknickte und sich dann nur mühsam wieder aufrichtete. Wie ein deliriumkranker Säufer suchte es vergebens mit den Händen irgend etwas zu fassen, und tastete immer nur wirr in der Luft umher, bis es ihm endlich gelang, den schwarzen Rauch, der wie ein langes über die Erde schleppendes Gewand herumhing, zu ergreifen und auseinanderzuschlagen. Sein angstzerrissenes Gesicht nahm zugleich einen Ausdruck des tiefsten Seelenschmerzes an und aus seinen Augen drangen jammervolle Thränen hervor. Sich gegen mich vorbeugend, stieß er unter stöhnendem Schluchzen und dann plötzlich fast schreiend hervor, während er mit der Hand nach unten hin zeigte ... »Da ... da ... oh ... Kittbeine ... Ich habe Kittbeine ...« Im selben Augenblicke fühlte auch ich mich von fassungslosem Entsetzen ergriffen und brach in die Knie zusammen vor diesem grauenvollen Anblick, der mir das Fürchterlichste auf der ganzen Erde zu sein schien. Ich sah seine Beine; bleiiggrau, eine formlose wurstartige weiche Masse, welche den oberen Leib nicht zu tragen vermochte und fortwährend zusammenknickte, wobei sie breiartig in die Breite auseinandergequetscht wurde. Der Unglückliche schien immer wieder in seine eigenen Beine hinein zu versinken und sich dann mit unsagbaren Qualen von neuem emporzuarbeiten. Ich konnte mir länger nicht das Entsetzliche verhehlen, daß sie aus weichem Glaserkitt bestanden, und einer Ohnmacht nahe konnte ich nichts stöhnen als »Weg – weg – oh weg ... oh weg ...« Und es war dann ein langer – langer Zug schattenhafter gespenstischer Wesen, der an mir vorüberzog, immer je ein Schatten, der im fahlen trüben Mondlicht geisterhaft an mir vorüberknickte, mit entsetzlich wildem und schmerzverzerrtem Ausdruck im Gesichte, während ich selber von Furcht erfüllt, noch von Angstschweiß, der mir aus allen Poren brach, bewegungslos am Boden kauerte und auf die schwarzen Gestalten mit den bleiiggrauen, weichen und formlosen Kittbeinen hinstierte, bis sie von der Nacht aufgetrunken waren, all meine schwarzen Ritter und Gefährten, mir gesandt von dem frommen heiligen Wiglaf, dem Wägmunding, daß sie mit mir kämpfen sollten gegen die von der Nacht des alten Christentums noch Umfangenen. Über den Hünensteinen lag das fahle Licht des Mondes mit bleigrauem Glanz, und nur der Wind und das Rauschen der Brandung und der Meereswellen waren in dieser Nacht nicht eingeschlafen. Auch mein Auge und meine Seele nicht, noch auch meine Furcht. Drüben, inmitten der Steine, stand eine dunkle, schweigende, tote Gestalt, an der meine Blicke starr und wie gebannt festhingen. Hoch ragte sie, wie mit den Füßen in der Lust schwebend, über die Felsmale hinweg und stierte mir gerade ins Gesicht, stierte nach allen vier Seiten hin mit vier Köpfen, über alle Welt hinweg. Mit fest aneinander gepreßten, formlos ineinander verschwimmenden Beinen und Füßen, wie aus einem Baumstrunk hervorgewachsen, stand sie da und hielt die Arme eng an den Leib geschlossen, daß sie mit diesem ein Stück ausmachten. Einen Bogen trug sie in der einen Hand und das Horn in der anderen.

Regungslos stand die Gestalt inmitten des Grabes, ein formloses, nacktes Stück Holz, aber ich wußte, daß sie über alle Welt herrscht und regiert, weil sie so regungslos und formlos ist. Doch mein Herz ist voll ewiger Bewegung und mein Geist in ewiger Unruhe. Und meine Unruhe zitterte vor der Ruhe, Seele, was vermagst du gegen das Seelenlose, Lebendiges, was vermagst du gegen das Tote? »Swantowit, Gott mit den vier Köpfen, Herrscher des Weltalls, Gott des segenspendenden Goldhorns, Träger des todbringenden Bogens, laß das Gräßliche in dieser Nacht nicht geschehen,« schrie ich mit gellender Stimme herüber; »ich will dir dienen und dich anbeten, ich, der Christ, der Mönch, der Priester des Gekreuzigten, mit Füßen will ich den Leib meines armen, wunden Mannherrn treten und ihm ins Gesicht speien, wie jene Verruchten ihm ins Gesicht spieen, ... nur rette, rette mein armes Kind ...«

Regungslos stand der Gott mit den vier Köpfen, starr und tot und stierte mich mit blinden Augen an.

Da wollte ich, von wildem Ingrimme gepackt, aufspringen und ihn mit meinem Schwert anrennen, in vier Stücke auseinanderhauen. Mit haßfunkelnden Augen starrte ich ihn an und schüttelte die geballte Faust, doch er stand regungslos, starr und tot und hob keinen Arm zur Abwehr. Da sank ich gelähmt, von Entsetzen ergriffen, in mich zusammen und lachte lautlos, wie irrsinnig, in mich hinein. Mit dem Leblosen kämpfen. Immer wird mich dieses Gesicht so anstarren, unverändert, unbewegt, ob es von meinem Schwert gespalten auf der Erde liegt oder dort, wie jetzt, in der fahlen Luft düster schwebt. Das Tote, Dumme und Leere – unbesieglich ist's – ewig, ewig unbesieglich ... Zitternd lauschte ich in die bleiche Nacht hinaus, auf all' die verlorenen Töne und leisen Stimmen, die bald hier, bald dort erwachten und bald von neuem erstarben. Nur in weiter Ferne, in der letzten Dunkelheit ein dumpfes, verworrenes Rauschen und Dröhnen, das nicht mehr aufhören wollte, eine unablässig näherkommende Bewegung: und dann war es mir, als hätte ich schon einmal gehört, was da herankam, dumpf, dumpf pochende Leichenmusik, einförmig hohle Klänge eines langsamen, feierlich schweren Leichenmarsches. Nur die Pauke dröhnt – dumpf – dumpf. Ein Schlag – und dann ein Schweigen – und wieder ein Schlag! Mählich tönt es lauter, tönt es näher, und weit sich öffnend bohrt mein Auge sich in die letzte Dämmerung hinein, aus der sich im nächsten Augenblick loslösen muß, was sich dort hinten so schattenhaft und umrißlos bewegt.

In meiner Seele und in meinem Leibe ist alles straff gespannt und ich höre das Blut leise in meinen Schläfen singen und pochen, während ich mich enger an die thaufeuchte Erde anpresse, ganz eng, daß ich in ihr verschwunden erscheine. Und schon ist es da, kommt es dort hinten hervor, Gestalt neben Gestalt, Kopf an Kopf, auftauchend im bleigrauen Mondlicht; ein dumpfes Scharren und Schleifen am Boden, und das Knarren von Rädern, die durch Heidesand hinknirschen. Einiges ragt über der dunklen Masse unten hervor, heller und weißer, und allerhand Metallenes blinkt durch die Nacht herüber. Sonst zieht es fast lautlos gespenstisch beim einförmig dumpfen Stoß und Klang einer einzelnen Pauke heran.

Allmählich wird es dann deutlicher. Gesichter erkenn ich, vom fahlen Mond beleuchtete Gesichter, in denen jedoch die Züge nicht deutlicher unterscheidbar sind, – nichts als ein matter, lichterer Schein über dunkleren, umrißlosen Körpern ... Einige von den Herannahenden gehen zu Fuß, andere stehen auf niederen Karren und Wagen, die von langsamschreitenden Tieren gezogen werden. Die auf dem Wagen tragen lang herabfließende, weiße Gewänder, deren Schein in der Nacht etwas Graugedämpftes und Mißfarbenes hat. Dumpfes Gebrüll eines Stieres in der nächtigen Stille, einmal, bald wieder verhallend, dann wiederum nichts als einförmiges Wellenrauschen und Wehen des Windes, nichts als der leere, hohle Schlag der Pauke.

Drüben an den Hünensteinen machen sie Halt und stellen sich im Kreise rings umher auf. Da ist es mir plötzlich, als dringe durch die Nacht ein leiser, wimmernder Laut zu mir herüber, und ein wehes, mattes, verhallendes Seufzen, der Klang meines eigenen Namens, klagend hervorgepreßt, und nichts als dieser eine ferne Ruf, und dann wieder tiefe Stille. Wie ein Messer schnitt es in meine Seele hinein, aber ich hatte nicht den Mut, aufzublicken. Mit den Händen preßte ich das Gras und krallte die Finger in die kalte, nasse Erde, drückte das Gesicht wild und fest an den Boden, als wollte ich mich hineingraben und unter der Erde Schutz suchen, Schutz vor diesem wehklagenden Munde, dessen Lachen ich so oft vernommen hatte, von dem ich so oft Küsse getrunken hatte in froher Stunde.

Und dann riß es doch wieder mein Gesicht von der Erde hinfort; widerstrebend und zugleich von einer geheimen, dumpfen Gier gezogen, hob ich meine Augen in die Höhe und starrte in ohnmächtigem Entsetzen nach dem Grabe hinüber. Nichts sah ich in diesem Augenblicke als nur die eine – eine Gestalt, mein armes Kind, mein holdes Ännchen, so deutlich, als stände sie vor mir, als könnte ich ihre Hand ergreifen und an mein Herz drücken. Mit bloßen Füßen stand sie auf der kalten, nassen Erde und fühlte nicht, wie kalt und naß diese war, die Hände über den Leib mit rohen Stricken zusammengeschnürt, zitternd und hilflos. Das Haar hing aufgelöst um ihre entblößten Schultern und in dem schmalen, blassen Gesichtchen, das von Furcht und Schrecken wie gelähmt war, wohnte nichts Lebendiges, als nur die großen, weitgeöffneten, dunklen Augen, die mit wildgespanntem Ausdruck in die Ferne starrten und gerade nach mir herüber, gerade in mein Herz hinein, als sähen sie mich hier im Hinterhalte liegen, wie ich das nackte, kurze Schwert mit beiden Fäusten umklammert hatte, nur noch ausspähend nach der rechten Gelegenheit, vorzuspringen und mein gefangenes Kind aus der Gewalt des Todes zu befreien.

Ich fühlte und sah ihre Augen über mir und in mir, und das wehe Zucken ihres Mundes, all die schmerzliche Angst und Furcht, die ihr Gesicht mit fahlem Schein übergoß, erfüllte mich mit einem qualvollen Mitleid, welches mich brannte, wie der Schnitt eines Messers. Aber noch stärker als alle Furcht leuchtete aus ihren Augen die sichere, zuversichtliche Hoffnung hervor, daß ich sie nicht allein lassen, daß ich sie aus der Hand ihrer Feinde retten würde. Meine Nähe schien sie zu fühlen, und ich glaubte allerhand leise Worte zu hören, die über ihre blassen und bebenden Lippen drangen. Sie hatte ihre schwachen Ärmchen um meinen Hals geschlungen und preßte ihre zitternden Glieder an meinen Leib.

»Ich zittere ja nicht,« sagte sie, »ich habe keine Furcht vor den bösen Menschen ... Du bist stark und wirst es nicht dulden, daß sie mir wehe thun ... Du – du wirst mich retten, nur von dir will ich gerettet sein ... Ach Liebster, ... ach Liebster, komm, – komm bald und rette mich! Sieh, wie schon ihre Messer blank und scharf sind ... Wüßtest du, wie furchtbar, wie schrecklich es ist, wenn man sie so nahe sieht, so ganz nahe, wenn man sie klirren hört und weiß, wie wehe sie einem thun wollen ... Ach, das ist noch schrecklicher als das Sterben. Wenn's doch zu Ende, nur zu Ende wäre ... Oh, wüßtest du, wie ich leide, du würdest nicht einen Augenblick mehr mich warten lassen ... Wie wollte ich dich küssen, dich umhalsen und dich immer wieder küssen, wäre ich noch einmal frei, – einmal noch frei! Liebster komm'! Komm', o komm', Liebster! Rette mich – Liebster – rette, rette mich! Es ist so schrecklich, so sterben zu müssen ... Siehst du denn nicht, wie ich vor Angst und Entsetzen bebe. Oh, erbarme dich meiner, ich habe ja schon so viel um dich erdulden müssen ...«

Und durch die Nacht streckte ich die Hand zu ihr herüber und rief leise ihr tröstende Worte zu:

»Ja, ich komme, ich werde kommen. Hoffe auf mich, mein Kind, mein armes, liebes Kind, hoffe ... Nur noch einen Augenblick lass' mich zögern, und dann – dann! Nur einen Augenblick gedulde dich ... Ich komme – komme, allein! Wenn mich auch alle verlassen haben. Christus ist bei mir, der neue Gott, stärker als alles, was vergangen ist ... Christus und mein Schwert sind bei mir ...«

Da war es mir, als hörte ich ein lautes Lachen in der Luft, und jene dunkle, schweigende Gestalt über dem Grabe – ein hohnvolles Lächeln verzerrte die Züge des Vierköpfigen, der über alle Welt hinstarrt.

»Ich bin der allmächtige Gott,« schrie er mit vier Mäulern über die ganze Welt dahin ... »Ich – das Holz – das formlose Holz – das Seelenlose – das Leblose, ich bin das Allmächtige ... Über Gräbern stehe ich und aus Gräbern sauge ich meine Kraft ... Die Verwesung bin ich und stark bin ich durch das Verwesende ... Ich bin alle Vergangenheit und trage in meinen Händen das Glück, die Macht und das Recht. Nur wer mich anbetet, hat das Glück, hat Macht und Recht ... Über den Gräbern eurer Seelen stehe ich und aus ihren dumpfen Höhlen sauge ich meine Kraft ... Ich bin allmächtig, weil ich ein formloser Holzstamm bin, allmächtig durch eure Dummheit ... Swantowit haßt Christus, aber auch Christus wird Swantowit werden ... Nur wenn es alt ist und verwest, siegt das Neue, nur wenn er Swantowit geworden, siegt Christus ... Ich aber bin immer der Eine und Ewige – ich bin der Allmächtige ...«

Und ich, der ich aufspringen wollte, drückte mich furchtsam enger an die Erde, daß sie mich drüben nicht sehen sollten, und meine Hände zitterten, daß sie das Schwert nicht mehr halten konnten. Einer Ohnmacht fühlte ich mich nahe, indeß Angstschweiß meine Stirn befeuchtete, und während die dort drüben mein armes Mädchen in die Mitte des Grabes, vor die Bildsäule ihres Gottes zerrten, starrte ich durch die graue Nacht zu dem Vierköpfigen herauf und stammelte in sinnloser Furcht wirre Worte zu ihm herüber:

»Ich kenne sie nicht ... ich habe keine Gemeinschaft mit dem Mädchen ... Ich habe an dir nicht gefrevelt, wie sie es gestern gethan hat ... Ich verleugne sie – verleugne sie noch einmal ... dreimal verleugne ich sie ...«

In dem ersten Augenblick fühlte ich auch nichts, und all mein Mitleid war plötzlich wie ausgestorben. Schmerzlos sah ich, im halben Schein und Licht der grauen Mondnacht, wie dunkle Gestalten, Gestalten in hellen Priestergewändern sie eine Zeitlang umdrängten und ihr die letzte Hülle von den Gliedern rissen. Lautlos ließ sie alles mit sich geschehen, glitt aus, hin- und hergestoßen, brach unter den rohen Händen in die Kniee zusammen und richtete sich zitternd wieder auf. Für kurze Zeit löste sich dann der Knäul auseinander, und noch einmal erblickte ich sie, wie sie halb gegen die heilige Säule des Gottes hingesunken dastand, die zusammengeschnürten Hände vor die Brust pressend, mit den Fingern das aufgelöste Haar festhaltend, welches sie sich über die Schultern gezogen hatte, um sich damit vor den Blicken der Männer zu schützen. Ihr Haupt hing ein wenig zur Seite geneigt und nach vorn herüber und noch immer starrten die Augen mit einem brennenden, wilden, düsterfragenden Ausdruck nach mir hin.

Dann sah ich, wie einer der Männer plötzlich auf sie zustürzte, an den Haaren packte und wild auf sie losschrie »Dirne!« ... »Dirne«. Und er schrie es mit dem Ton der strafenden Entrüstung, des furchtbarsten Entsetzens, wie ein gottgesandter heiliger Prophet Weherufe ausstößt, Weherufe über so viel Schuld, Laster und Gemeinheit. Und alle drängten sich von neuem um sie: »Dirne« schrie ein jeder und spie ihr ins Gesicht: – »Dirne!« rief und gellte es durch die Stille der Nacht. »Tötet die Dirne – die Verworfene.«

In die Knie zusammengebrochen lag mein armes Kind, den Kopf zurückgelehnt und starrte mit jammernden Blicken in die dunkle Luft herauf, in den schweigenden Himmel, während ein leises Wimmern über ihre blassen und zitternden Lippen drang. Und ganz deutlich sah ich sie wieder vor mir und hörte ihr klagendes Stimmchen. Niemandem klagte sie ihr Leid, als nur sich selber, nur sich selber fragte sie mit hinsterbenden verwehten Lauten, immer wieder – immer wieder: »Was habe ich denn gethan, ... ach, was habe ich denn gethan ... was habe ich gethan?«

Nur der Eine schien es gehört zu haben.

Feierlich reckte er sich auf und breitete die Arme weit gegen das Bild des Vierköpfigen auseinander.

»Swantowit – rief er – hast du es vernommen, Swantowit, wie die Dirne dich lästert? Hast du nicht deine Gebote jedem ins Gehirn hineingegraben, daß er sie kennt und weiß, bevor er noch in die Welt eintrat? Leuchten deine Gesetze nicht in unserem Blut, wie die Sonne im Meere leuchtet? Verkündet nicht jeder Atemzug unseres Mundes deine Gebote? O du verworfene Dirne, mich fragst du, was du gethan hast, mich, der dein Vater und dein Priester war, der dich von Kindesbeinen an gelehrt hat, daß du unterthan sein sollst der heiligen Vergangenheit und was vor hunderttausend Jahren der Vierköpfige uns von der Höhe des heiligen Berges herab verkündigte? Bist du nicht mit den Neuerern gegangen und hängtest du nicht, du Priesterin des Swantowit, dein Herz an den Christusjünger, den schwarzen Sachsenmönch? Hat nicht der Mönch gerufen, daß er alle Gräber dem Lichte öffnen wolle. Aber die Gräber sind stärker als du und der Mönch, Swantowit steht hier und hält Wacht. Anders hast du sein wollen, als wir, – lachen, lieben, glücklich sein wolltest du, – ewige Gesetze umstoßen, – die dreimal heilige Vorzeit zerstören und du fragst, warum wir dich eine Dirne nennen, eine Verstoßene und Unreine. Dirne!!« schrie er mit immer mehr sich steigender Wut, von neuem auf mein armes Kind losstürzend, und schleifte sie an den Haaren zu dem Steine hin, der am Eingange des Hünengrabes düster emporragte.

Über dem Stein lag sie ausgestreckt, mit herabhängendem Haar, leise wimmernd – meinen Namen, immer wieder nur meinen Namen vor sich hinhauchend – meinen Namen. Und ich fühlte auf einmal alle Furcht von mir gewichen, sprang mit wildem Kampfschrei auf und stand inmitten des Grabes:

»Ich will mit ihr sterben«, schrie ich und hieb rasend, toll vor Wut mit meinem Schwert um mich, stürzte hin und sprang wieder auf, sah um mich stürzende, ringende, blutübergossene, schwankende Gestalten, rang ermattend, Körper an Körper. Und doch war alles so lautlos und stumm ringsumher, ich hörte kein Klirren von Schwertern, nur das Rauschen des Windes, nur das einförmige dumpfe Brausen des Meeres. Das stumpfe, dunstige Mondlicht, weit über Feld und Acker ausgebreitet, übergoß meine Gestalt und auf einmal erblickte ich gerade vor mir das kalte tote Gesicht des vierköpfigen Gottes und sah all die Priestergestalten ringsumher, gerade wie früher, dort über dem Stein ausgestreckt mein armes unglückliches Kind, und über ihr gebeugt der Eine, das steinerne Opfermesser in der Hand, gerade, als wenn ich nicht da wäre, als sei ich nichts als eine Gestalt aus Luft gewoben. Ich faßte dem Opferpriester wild nach der Hand, ihm das Messer zu entringen, schlug mit dem Schwert ihm einmal, dreimal über den Kopf, aber er fühlte und sah nichts von mir, – den Leib meines Kindes umklammerte ich und wollte ihn emporreißen, aber es war nicht anders, als ob ein Hauch des Windes über ihre Glieder dahinflösse. Umsonst rief ich sie mit allen zärtlichen Namen, und sie hörte meine Stimme nicht. Mit weitgeöffneten Augen starrte sie, unter dem Opfermesser liegend, ziellos in den fahlen Nachthimmel hinauf, leise die blassen Lippen bewegend und nichts als unaufhörlich immer nur das eine in furchtbarster Todesnot vor sich hinflüsternd: »Komm, komm ... Rette mich – rette mich! ... Rasch ... rasch ...« Und ich stand neben ihr, lag zwischen ihr und dem Messer, umklammerte sie, küßte sie, und war doch nur ein Gebilde aus Hauch, das niemand wahrnahm, bis zuletzt ... zuletzt ... Im letzten Augenblicke hatte sie jäh, von wilder Angst vor dem Sterben ergriffen, sich aufgebäumt, die harten Stricke, mit denen sie umschnürt war, zersprengt und zerrissen und warf die Arme weit ausgebreitet in die Nacht und schrie noch einmal gellend meinen Namen.

Da traf das Messer sie gerade mitten ins Herz und dumpfstöhnend sank sie langsam in sich zusammen, fiel, von rauher Hand gestoßen, rückwärts und lag mit herabfallendem Haar tot über dem Hünenstein ausgebreitet. Dunkel floß ihr Blut über meine Hände, und röchelnd schlang ich meine Arme um ihren Leib:

»Hänschen ... mein Kind ... mein Weib ... mein Mütterchen ... Tot um mich, durch mich ... Und ich rette dich, hörst du ... ich schütze dich, ich führe dich sicher unter dem Schutz der neuen Götter ... In das Land des Glückes ... Oh, wie habe ich dich geführt, wie habe ich dich beschützt! mein Mütterchen ... Dirne! sagen sie zu dir, und ich hab' sie nicht zerschmettert, zertreten, zerrissen ... Aber dich haben sie zertreten und ich muß es geschehen lassen ... Oh, mein Hänschen, – mein Kind und Weib, – meine Dirne. Laß mich noch einmal dich küssen auf deine rote Herzenswunde, nur noch einmal rufen durch alle Welt: du meine Dirne ... Ach, immer wieder laß mich stammeln das heilige, süße – süße Wort: Du, meine Dirne!

*

Mit verträumten Augen starrte ich in die Mittagsglut des Tages und über die Felder und das Meer dahin. Um die alten Hünensteine zog leises Seufzen und Klagen und aus dem Grabe hervor, durch Gras und Kraut kam ein kalter Hauch voller Dunst und Verwesung. Müde schauerte ich in mich zusammen, und eine tiefe Wehmut, eine stumme und bange Trauer erfüllte meine Seele. Thränen traten in mein Auge und ich beugte mich über mein schlafendes Mädchen nieder und küßte sie auf die Stirn.

Wer wird dich schützen, du liebes Kind? Ich nicht, – ach ich nicht! Gegen die Grabesgeister kämpfen wir alle vergebens. Auch dich werden sie eine Dirne nennen und mich einen Ehrlosen, und wir wollen doch nichts sein als frei, wir wollen doch nichts als das Glück und die Liebe aller – aller. Du träumst von lichten, frohen Liebestagen, und so hold, so gläubig hast du meinen Worten zugehört und sprachest nichts anderes als immer nur: Führe mich, ich folge dir! Du schützest mich, wie soll mir bange sein. Aber mir ist bange um dich, um deine arme Seele, mein Kind, wenn sie deiner spotten und dich verhöhnen, weil du anders sein willst, als sie. Armes, armes Kind. Kennst du denn das Lied von den armen Liebenden, es klingt so süß, es klingt so trüb ... Sie flohen heimlich von Hause fort, sie sind gewandert hin und her, sie haben gehabt weder Glück noch Stern, sie sind verdorben, gestorben.

Aber aus der Ferne winken zu uns herüber die Schatten von den Inseln der Seligen.

In das funkelnde Lichtmeer, in das Herz der Sonne starre ich und tief atme ich auf. Geist, der dieses Grabmal umweht, Beowulf, du, Drachenkämpfer und Sonnenheld, Du führe mich!

In das Sonnenlicht starre ich und starre in das Grab hinein. Wie ein Klingen tönt es aus den goldenen Lüften hernieder und dumpf kommt ein anderes Tönen hervor aus der Erde und den Hünensteinen. Gesang zittert in den Höhen und allerhand Murmeln dringt vom Meere und mit den Winden, aus dem Rauschen der Gräser und Blumen in meine Seele hinein, und Reime und Rhythmen schwirren durch meinen Kopf:

Hinter Nebeln, hinter Wassern liegt Geheimnis uns verborgen,
Doch ein ferner Purpurschimmer glüht und lockt mein Herz gen Morgen,
Weitherüber, weitherüber aus dem Lichte tönt ein Klingen,
             Geister grüßen von den Sternen,
             Die aus heiligen goldnen Fernen
             Unruhvollen armen Seelen
             Freudenkündende Palmen schwingen.
Durch die Nebel, durch die Wasser, laß Geliebte, laß uns wandern,
Einsam schreiten wir und finster scheiden sich von uns die andern,
Will dich führen und dich leiten, will dich schützen in dem Dunkeln,
Denn dort drüben schau' ich meiner Heimat Bergesfeuer funkeln.

*

»Aus den Wassern, aus den Nebeln steigen finstere Gestalten,
Und die Flut erbraust und brandet von verborgenen Gewalten,
Fahler Schaum und schwarze Wellen, Todesschrei und dumpfes Stöhnen,
             Sieh, dort lauern in den nassen
             Höhlen jene Totenblassen,
             Die nach meiner Seele greifen,
             Die dein armes Kind verhöhnen ...«
›Fahre, fahre! Wirf die Segel an den Sturm! Der Ungeheuer –
Lach der dunklen Brut und fahre! Ich umklammre fest dein Steuer.
Will dich führen und dich leiten, will dich schützen in dem Dunkeln,
Denn dort drüben schau' ich meiner Heimat Bergesfeuer funkeln.«

»Ach, zu weit liegt deine Heimat, und ich darf sie nimmer schauen,
Auf den öden Wassern sterb' ich und ertrinke in den grauen
Schaurigkalten Todesnebeln ... Rings die Gräber stehn schon offen ...
            Weh uns, mit zerbrochnen Rippen
            Kracht das Boot an falsche Klippen,
            Wellensturz und Brandungstaumel,
Und dein Haupt sinkt blutgerötet, von dem stürzenden Mast getroffen.«
Fahre – fahre du zu Grabe. Schon verschlingen mich die Wogen,
Kann dich länger nicht mehr schützen ... Fluch ihm nicht, der dich betrogen!
Einmal nur noch starr ich aufwärts: weithinüber durch die feuchten
Wasser und die Nebelmassen seh ich Bergesfeuer leuchten.«








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