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Das hölzerne Bein

Salomon Geßner: Das hölzerne Bein - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorSalomon Geßner
booktitleSchweizerische Erzählungen
titleDas hölzerne Bein
publisherFriedrich Schultheß
editorHeinrich Kurz
year1860
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080715
projectid947a8a2d
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Eine Schweizer-Idylle.

Auf dem Gebirge, wo der Rautibach ins Thal rauschet, weidete ein junger Hirte seine Ziegen. Seine Querpfeife rief den siebenfachen Wiederhall aus den Felsklüften, und tönte munter durchs Thal hin. Da sah er einen Mann von der Seite des Gebirges heraufkommen, alt und von silbergrauem Haar; und der Mann, langsam an seinem Stabe gehend, denn eines seiner Beine war von Holz, trat zu ihm, und setzte sich an seiner Seite auf ein Felsenstück. Der junge Hirte sah ihn erstaunt an und blickt' auf sein hingestrecktes hölzernes Bein. Kind, sagte der Alte mit Lachen, gewiß du denkst, mit so einem Beine blieb ich wohl unten im Thal? Diese Reise aus dem Thal mach' ich alle Jahr einmal. Dieses Bein, so wie du es da siehst, ist mir ehrenhafter als Manchem seine zwei guten; das sollst du wissen. Ehrenhaft, mein Vater, mag es sein, erwiederte der Hirte; doch ich wette, die andern sind bequemer. Aber müde mußt du doch sein. Willst du, so geb' ich dir einen frischen Trunk aus jener Quelle, die dort am Felsen rieselt.

Der Alte. Du bist ein guter Knabe; ein Trunk frisches Wasser wird mich erquicken. Gehst du und holest ihn, so erzähl' ich dir dann die Geschichte von meinem hölzernen Beine. – Der junge Hirt lief, und schnell bracht' er einen frischen Trunk aus der Quelle zurück. Der Greis hatte sich erquickt. Daß mancher eurer Väter, so sprach er, voll Narben und zerstümmelt ist, das sollt ihr Gott und ihnen danken, ihr Jungen. Muthlos würdet ihr den Kopf hängen, statt jetzt an der Sonne froh zu sein und mit muntern Liedern den Wiederhall zu rufen. Munterkeit und Freude tönt jetzt durchs Thal und frohe Lieder hört man von einem Berge zum andern; Freiheit, Freiheit beglückt das ganze Land! Was wir sehen, Berg und Thal, gehören uns; freudig bauen wir unser Eigenthum, und was wir sammeln, das sammeln wir mit Jauchzen für uns.

Der junge Hirte. Der ist nicht werth ein freier Mann zu sein, der je vergessen kann, daß unsre Väter es erfochten.

Der Alte. Und der's nicht eben so thun würde, mein Sohn! Seit jenem blutigen Tag gieng ich alle Jahr einmal auf diese Höhe aus dem Thal herauf; aber ich spür' es, dieß wird wohl das letztemal sein. Von hier seh' ich die ganze Ordnung der Schlacht, die wir für unsere Freiheit gewannen. Die Schlacht bei Näfels, im Kanton Glarus, im Jahr 1388. Sieh, hier an der Seite hervor kam die Schlachtordnung der Feinde; viel tausend Spieße blitzten daher und wohl zweihundert Ritter in prächtiger Rüstung; Federbüsche schwankten auf ihren Helmen, und unter ihren Pferden zitterte das Land. Schon einmal war unser kleine Haufe zertrennt; nur wenig Hunderte waren wir. Wehklagen war weit umher, und der Rauch des brennenden Näfels erfüllte das Thal und schlich fürchterlich an den Gebirgen hin. Aber am Fuß des Berges stund jetzt unser Hauptmann; dort stund er, wo die beiden Weißtannen auf dem Felsen stehen; nur Wenige stunden bei ihm. Mir ist's, ich seh' ihn noch muthvoll dastehen, wie er die zerstreuten Haufen zusammenruft; wie er das Panner hoch in die Luft schwingt, daß es rauscht wie ein Sturmwind vor einem Gewitter. Von allen Seiten her liefen die Zerstreuten zu. Siehst du vom Felsen herunter jene Quellen?

Steine, Felsen und umgestürzte Bäume mögen sich ihnen entgegensetzen; sieh', sie dringen durch; sie stürzen sich weiter und sammeln sich dort im Teiche. So war's, so eilten die Zerstreuten herbei und schlugen durch die Feinde sich durch; stunden um den Held her und schwuren: Wir kleiner Haufe, steht Gott uns bei, wollen siegen oder doch sterben! In gedrängter Schlachtordnung stürmte der Feind auf uns ein. Eilfmal schon hatten wir ihn angegriffen, und zogen dann wieder an den uns schützenden Berg zurück. Ein enge geschlossener Haufe stunden wir wieder da, undurchdringlich wie der hinter uns stehende Fels. Aber itzt, itzt fielen wir, durch dreißig Tapfere von Schwyz verstärkt, in die Feinde, wie ein Bergfall oder ein geborstener Fels hoch hinunter in einen Wald sich wälzt, und vor sich her die Bäume zersplittert. Die Feinde vor und um uns her, Ritter und Fußknechte, in fürchterliche Unordnung gemengt, stürzten einander selbst, indem sie unsrer Wuth wichen. So wütheten wir unter den Feinden und drangen über Todte und Zerstümmelte vorwärts, um weiter zu tödten. Ich auch; aber im Gewühl stürzt' ein feindlicher Reuter mich zu Boden und sein Pferd zertrat das eine meiner Beine. Einer, der neben mir focht, sah rückwärts, rafft' auf seine Schulter mich und lief mit mir aus der Schlacht. Ein frommer Ordensmann betete nicht weit auf einem Felsen um unsern Sieg: Pflege diesen, Vater! er hat gefochten wie ein Mann. Er sprach's und lief in die Schlacht zurück. Sie wurd' gewonnen. Kinder, sie wurd' gewonnen! Mancher der Unsern lag da, über einem Haufen Feinde ausgestreckt, sagte man nachher, wie ein müder Schnitter auf der Garbe ruht, die er selbst geschnitten hat. Ich wurde gepflegt, ich wurde geheilt: Aber meinen Retter kannt' ich nicht; nie hab' ich's ihm danken können, daß ich lebe. Ich hab' ihn umsonst gesucht; umsonst Gelübde, umsonst Wallfahrten gethan, daß irgend ein Heiliger oder ein Engel mir's offenbare. Ach! umsonst. Ich soll ihm in diesem Leben nicht danken.

Der junge Hirte hatte mit Thränen im Aug' ihm zugehört, und sprach: Vater, du kannst's in diesem Leben ihm nicht mehr danken! Erstaunt rief der Alte: Wie? was sagst du? weißt du denn, wer er war?

Der junge Hirte. Mich müßte Alles trügen, oder es war mein Vater selbst. Oft hat er mir die Geschichte der Schlacht erzählt, und dann gesagt: Lebt wohl der Mann noch, welcher so tapfer an meiner Seite focht, den ich aus dem Schlachtfelde trug?

Der Alte. O Gott und ihr Heiligen! der Redliche sollte dein Vater sein?

Der junge Hirte. Eine Narbe hatt' er hier (er wies auf die linke Wange); der Splitter eines Spießes hatt' ihn verwundet, vielleicht eh' er aus der Schlacht dich trug.

Der Alte. Seine Wange blutete, da er mich trug. O mein Kind, mein Sohn!

Der junge Hirte. Vor zwei Jahren starb er; und jetzt hüt' ich, denn er war arm, um schlechten Lohn hier diese Ziegen.

Der Alte umarmt' ihn. Gott sei's gedankt, so kann ich seine Wohlthat in dir ihm wieder vergelten! Komm, Sohn, komm in meine Wohnung; ein Anderer kann diese Ziegen hüten. Und sie gingen hinunter ins Thal, nach seiner Wohnung. Reich war der Greis an Feld und an Heerden und eine einzige schöne Tochter war seine Erbin. Kind! so sprach er, der mein Leben gerettet, war der Vater dieses Knaben. Könntest du ihm gut sein, ich gäb' ihm dich zum Weibe. Schön und munter war der Knabe; gelbe Locken kräusten sich um sein schönes Gesicht, und feuervolle doch bescheidene Augen blinkten draus hervor. Aus jungfräulicher Zucht bedachte sie drei Tage sich; der dritte war ihr schon zu lange. Sie gab dem Jüngling ihre Hand, und der Alte weinte mit ihm Freudenthränen, und sprach: Seid mir gesegnet, itzt, itzt bin ich der glücklichste Mann!








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