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Das Hexenkind

August Sperl: Das Hexenkind - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSo war's!
authorAugust Sperl
year1902
firstpub1902
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDas Hexenkind
pages25
created20140601
sendergerd.bouillon@t-online.de
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August Sperl.

Das Hexenkind.

Eine Justizgeschichte.

 


 

Ich war ganz allein, saß am Ende einer reichgeschnitzten Bank, nahe der feuchten, grünangelaufenen Mauer, und betrachtete einen großen, mit eisernen Klammern befestigten Grabstein. Die Morgensonne goß ihr goldenes Licht in die enge, dumpfe Kirche, und ein Teil der uralten, abgenützten, braunen Bänke glänzte und gleißte, daß mich die Augen schmerzten; die andern standen in tiefer Dämmerung. Es wäre totenstill gewesen, hätte ich nicht fort und fort vom Glockenturme herüber das eintönige Ticken der Uhr und durch die schmalen geschlossenen Fenster das Jubilieren der Vögel gehört.

Der Grabstein beschäftigte mich sehr, und heute noch könnte ich ihn aus dem Gedächtnisse zeichnen in allen seinen Einzelheiten: da ragte in der Mitte das schlanke Kreuz mit dem Dornengekrönten, und an seinem Stamme lehnte der kleine Wappenschild mit der weißen Lilie im blauen Felde; da kniete zur Rechten und zur Linken die ganze Familie, zur Rechten der vornehme Mann mit dem kurzgeschorenen Haupthaare, dem edelgeschnittenen Antlitz und dem langen, wallenden Barte, und vor ihm seine fünf Söhne, alle angethan mit 12 spanischen Mänteln und großen radförmigen Halskrausen, zur Linken die Mutter mit ihren drei Töchtern. Und auf dem Spruchbande unter dem Wappen stand mit kräftigen Buchstaben das schöne Wort: Omnia ad dei gloriam – alles zur Ehre Gottes.

»Omnia ad dei gloriam!« murmelte ich, während ich in mein Schreibbuch eintrug: »Anno Domini 1638 starb der edel und veste Herr Balthasar vom Hohenecke, Ritter, Richter in Velstein, dem Gott genad.«

»Omnia ad dei gloriam!« murmelte ich und trat aus der niederen, spitzbogigen Thür in den sonnigen Morgen hinaus. ›Ja,‹ dachte ich, ›das ist ein wahres Wort.‹ Kalt war der Winter gewesen und hatte den Nordgau weit und breit mit tiefem Schnee verschüttet; kalt war auch der Lenz gewesen – kalt, rauh und windig – man hatte nichts vom Lenz verspürt in den Thälern des Nordgaus. Hernach aber war der Mai gekommen, so recht über Nacht, ein Mai von wunderbarer Schöne, ein Mai, wie er sich nur aus einem solchen nordgauischen Winter emporringen kann. Und nun blühten die Bäume rings um das Kirchlein und streuten ihre weißen Blättchen auf den Weg und auf die halbversunkenen Gräber. Omnia ad dei gloriam! jubelte mein Herz und pochte all der Pracht und all dem Glanze entgegen. Dann aber zog mir auf einmal ein Schatten übers Gemüte, ich wußte nicht, von wannen er kam, aber es war ein tiefer, tiefer Schatten. Und trotz den blühenden Bäumen, trotz den zahllosen summenden Bienen in ihren Wipfeln und trotz den jubelnden Vögeln ringsumher, stieg vor mir 13 das Wort des alten Sängers aus der Tiefe der Vergangenheit empor:

»Es ist die Welt von außen schön weiß und grün und rot,
Doch innen schwarz von Farbe und finster gleich dem Tod.«

Und ich ging in tiefen Gedanken durch den glänzenden Frühling. Warum wohl auf einmal? Ich weiß es nicht. Im Sonnenschein dehnt sich das Land, da schiebt sich eine kleine Wolke, eine kleine weiße Wolke zwischen das Land und die Sonne, und es zieht ein riesiger Schatten über die wogenden Felder. Zwischen die Sonne und mich war wohl auch solch eine Wolke getreten, und auf meine Seele war ein Schatten gefallen.

Ich schritt fürbaß, aufwärts in dem düstern Thale, und summte vor mich hin, während ich an den prächtigen Kopf des alten Richters dachte:

. . . und finster gleich dem Tod.

Dann aber schrie es plötzlich in mir mit Macht: ›Nein! der Tod ist verschlungen in den Sieg.‹ Und die Wolke schwamm weit drüben im Aether, und von meiner Seele war der Schatten gewichen. Omnia ad dei gloriam! –

Es war ein wildes Thal, durch das ich ging, ziemlich breit und zu beiden Seiten mit Gebüsch bewachsen. Mein Weg wand sich zwischen großen Felsblöcken aufwärts, dem Wald entgegen; zur Linken aber gähnten aus langgestreckter Felswand zwei mächtige Höhlenthore auf mich herab.

Und nun stehe ich still und schaue zurück. Weit hinter mir liegt die uralte Kirche, und über den blühenden Bäumen funkelt das goldene Kreuz ihres Turmes in der blauen Luft. Ich setze mich unter einen wilden Birnbaum, horche, wie die 14 Bienen summen über meinem Haupte, und kann mich nicht trennen von den schwarzen, gähnenden Höhlen da droben.

Rastlos weben meine Gedanken, rastlos summen die Bienen von Blüte zu Blüte.

Was ist die Zeit? Vorhin, als ich den Grabstein des Richters besah, hatte ich gewähnt, in alte Zeit zurückzuschauen. Jetzt aber, vor diesen mächtigen Höhlen da droben – was wurde aus dieser alten Zeit? Das Gestern, das mit zahllosen Fäden das Heute durchzieht und schon hinübergreift in das kommende Morgen. Vor wenigen Stunden hatte der alte Richter sein edles Haupt zum langen Schlaf gelegt, mich dünkt, ich höre seine Kinder noch schluchzen unter den Blütenbäumen, mich dünkt, ich höre den harten Schlag des Meißels, der ins Wappenspruchband die Worte gräbt: Omnia ad dei gloriam, alles zur Ehre Gottes! Das aber, was mich von dort oben herab anglotzt und angähnt, das ist alte, uralte Zeit, so alt, daß ich, ihr Alter zu messen, keinen Maßstab finde in meinen Gedanken.

Aber mein Gehör schärft sich, und meine Augen sehen hell, und ich höre und schaue Wundersames. Vor den finstern Thoren da droben hocken fremdartige Weiber und Kinder; gelb sind ihre Gesichter und schwarz ihre Haare, und fremde Laute schlagen von ferneher an meine Ohren. Blauer Herdrauch steigt wirbelnd empor und zieht in langen Streifen über das Thal. Wilde Rufe kommen von der andern Seite herüber, wilde Freudenschreie antworten von den Höhlen. Die Männer kehren heim vom Jagdzuge des Morgens; dort oben ziehen sie quer übers Thal und klimmen 15 den schmalen Pfad zu ihren Höhlen hinan. Kindlein jauchzen – ganz wie unsre Kindlein jauchzen, klingt es. Menschen wohnen dort oben, Menschen, vom Weibe mit Schmerzen geboren, Menschen, die der Hunger plagt und der Durst, Menschen, die sich freuen im Sonnenschein und zittern im Froste, Menschen wie wir.

Ich stehe auf, und es ist mir, als höre ich ferne von den Waldbergen den Höhlenlöwen brüllen – nein, der Traum ist vorüber, der Platz vor den gähnenden Höhlenthoren da droben ist leer, und nur die Sonnenstrahlen spielen auf den harten, braungrauen Felsen, und aus der Ferne brüllt dann und wann ein Rind in den wonnigen Morgen. Ich schreite rüstig fürbaß, dem Wald entgegen. Was weiß ich von denen da droben, deren Gebeine wohl hinter den glotzenden Thoren modern in irgend einer Tiefe? Was weiß ich von ihrem Lachen und Weinen, von ihren Freuden und Schmerzen? Nimmer und nimmer können sich meine Gedanken in ihre Seelen versenken, sie sind mir fremd, unsäglich fremd.

Aber der Mensch, der da hinten liegt unter der kunstvollen Steinplatte, der Richter mit seinem edeln Angesichte, der Herr, der Anno dazumal auf dem Spruchbande seines Wappens das herrliche Wort vor aller Welt zur Schau trug »Omnia ad dei gloriam,« der ist mir nicht fremd, nein, der ist mir so vertraut, als hätte ich gestern gesprochen mit ihm.

Und als ich dann in den kühlen Buchenwald trat und nach kurzer Zeit hinunterblickte in das andre Thal, war mir's, als käme da drüben aus der verfallenen Burg die gebietende Gestalt des 16 alten, ehrwürdigen Mannes und schritte langsam zum Städtlein hinab, und die goldenen Sonnenstrahlen schossen über seinen glänzendweißen Bart. Er ging wohl in das große Rathaus, das sich da unten aus all den roten Giebeldächern so massig heraushob. Er ging, Recht zu sprechen und Ordnung zu halten in seinem anvertrauten Amte. Omnia ad dei gloriam

Nein, ich hatte geträumt. Der schattenlose Weg da drüben war leer, und in dem Städtlein drunten begannen die Glocken zu läuten. Es war Sonntag, und die Glocken riefen zur Kirche.

»Ad dei gloriam, gloriam, gloriam,« summte die große Glocke fort und fort, und alle andern riefen mit ihren ehernen Zungen und Zünglein ohne Rast und Ruhe: »dei, dei gloriam, gloriam, gloriam!«

Durch einen mächtigen Kranz blühender Bäume kam ich an die halbverfallene Stadtmauer und schritt durch das hallende Thor, ging die holperige Gasse entlang, nahe an den Häusern, über die spitzigen Steine, zwischen denen das grüne Gras schimmerte, und tauschte Grüße mit den Leuten, die langsam und feierlich zur Kirche zogen. Und auch ich betrat die Kirche.

*

Sie begingen heute nach altem Brauche das Kinderfest im Städtlein, und als ich von der Empore hinunterschaute in das große Schiff, da war mir's, als habe der Frühlingswind alle seine weißen Blüten hereingeweht zwischen die dunkeln Mauern des Gotteshauses. O gewiß, es waren die edelsten Blüten, es waren Blüten vom uralten Baume der Menschheit, es waren die Kleinen, es 17 waren die Lieblinge des Heilands. Herrgott im Himmel, es wird mir beim Anblick eines Kindes gar oft andächtiger zu Mute als beim Anhören der tiefsinnigsten Predigt. Ein Kinderantlitz, ein frommer Kinderblick ist ja auch die allergewaltigste Predigt, die Gott selber zu seinen sündigen Menschen spricht. Unerforschliches Geheimnis der fortwährenden Menschheitserneuerung, wunderbares Rätsel der im Verborgenen wirkenden Reinigung des Menschengeschlechts! Immer und immer wieder wird uns in den Kindern das Abbild der göttlichen Gedanken vor die Augen gestellt, und immer wieder wird durch die Kinder klar und hell das Wort in allen Streit und Wust der Welt gerufen: So ihr nicht werdet wie die Kinder, so könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Da saßen sie ganz still und andächtig, die Mägdlein in ihren weißen, steifgestärkten Kleidchen, mit den Blumenkränzen in den Locken, die Knaben in dunkeln Gewändern, alle aber mit Schärpen geschmückt, und ringsumher standen die Eltern und die großen Geschwister, die Vormünder und Freunde. Die Kinder saßen in den Stühlen, die Erwachsenen standen, bis auf ganz alte, gebrechliche Leute. So gebot es die Sitte an diesem festlichen Tage.

Nun bestieg der Geistliche die Kanzel und begann zu predigen. Er war ein hochbetagter Mann, hatte schneeweiße Haare und war dem Grabe so nahe, daß es schien, als spräche er aus einer alten, längstvergangenen Zeit zu den Kindern der neuen Zeit, und auf seinem ehrwürdigen, milden Angesichte lag ein Schimmer und Abglanz 18 unsäglichen Friedens. Ja es schien, als spräche er aus alter Zeit herüber, in Wahrheit aber sprach er zu den Kindern als einer, der selbst in Kürze nach langer Pilgrimschaft als Kind sich legen wollte in seines Vaters Schoß und Arme.

Aus seiner Rede hat sich mir besonders eine Stelle eingeprägt – wohl deshalb, weil sie meine ersten Gedanken beim Anblick der Kinderschar ergänzte. Diese Stelle lautete:

»Eines jeden Kindes Haupt schmückt ein goldener Stirnreif. Und der goldene Stirnreif heißt mit Namen ›Unschuld‹. Unbewußt und sicher trägt ihn das Kind durch die Jahre seiner Jugend; denn neben ihm schreitet sein Engel und hält ihm das Kleinod fest auf dem Haupte. Und die Guten freuen sich an dem Glanze, der von dem reinen Golde ausgeht, die Bösen aber fürchten sich heimlich davor. Ihr tragt diesen köstlichen Stirnreif, liebe Kinder, der Engel hält ihn und bewahrt ihn euch – aber nur so lange, bis ihr zu euern Jahren kommt und selbst die Kraft gewinnt, euch den köstlichen Schatz zu erhalten; dann zieht er leise die Hand ab. Darum werdet stark, damit euch niemand die Krone nehme. Die meisten unter euch verstehen mich jetzt nicht, wer mich aber verstanden hat, der ist nahe an seine Jahre gekommen und soll zu wachen beginnen. Wachet und betet, ihr Kinder, und vornehmlich ihr Erwachsenen. Und denket allzeit an das Wort des Erlösers, ihr Großen – an das Wort, das ihr alle kennt, an das Wort vom schweren Mühlstein.«

Der Gottesdienst war zu Ende, und die ganze Gemeinde strömte in die sonnige Luft. Und die Kinder waren die wichtigsten Leute an diesem 19 festlichen Tage. – Ach, wären sie's doch immer und überall!

*

Eine nicht gewöhnliche Veranlassung hatte mich in das Städtchen geführt. In einer alten Familienchronik war ich auf folgenden Eintrag gestoßen: »Von oftbesagtem Hans Fortunatus ist uns gar wohl bekannt, daß er sich bei währenden Kriegsunruhen zu denen Schweden begeben und für das reine Evangelium unter Gustavus Adolphus gekämpft hat als ein Rittmeister. Ist Hernachmals in der Nördlinger Affaire auch als ein Rittmeister unter dem Generalfeldmarschall Horn vorm Feind ums Leben kommen. Hat sich sein Wittib Kordula Renata, von welcher ich oben schon gehandelt, mitsamt ihrem Töchterlein, genannt Reynheit, zu Fuß ins Neuburgische durchgebettelt. Hat mein Geschwisterkindsvetter Karl Georg, der Pfarrer, mir noch einen alten, beweglichen Brief vorgewiesen, welchen oftbesagte Kordula Renata an seines Großvaters Großvatern, den Amtmann August Erdmann Julius geschrieben hat aus Velstein, was ein klein Städtlein oder Marktflecken in selbiger Gegend ist. Steht auf dem Briefe hinten von des Amtmanns Hand: ›Hab' ihr zehn Gulden lassen zukommen durch einen Nürnbergischen Kaufmann, dieweilen ich selber nit mehr konnt' erübrigen in dieser harten Kriegszeit bei habenden acht lebenden Kindlein. Weiß nit, wie es ihr weiter gangen, hab niemalen mehr etwas in Erfahrung bringen können!‹ – Also läßt auch der Chronikschreiber die Sach auf ihr beruhen.«

Da ich nun andrer Ansicht als der Chronist 20 war und die Sache durchaus nicht »auf ihr beruhen lassen« wollte, hatte ich mich nach Velstein begeben und hoffte im Archiv des Städtchens Nachrichten über die beiden Angehörigen meines Geschlechtes zu finden, die der Sturm vom Jahre 1634 ins Elend gejagt hatte. –

Den ganzen Sonntagnachmittag saß ich in der Urkundenkammer des Rathauses. An allen Wänden lagen in hohen Gestellen alte Ratsprotokolle und Aktenbündel in großen Mengen, und in schweren Kasten ruhten die vielhundertjährigen pergamentenen Urkunden – das Strandgut aus dem Meere der Zeit.

Ich hatte den freundlichen Invaliden bald verabschiedet und mich in eine helle Fensternische zurückgezogen. Es war totenstill ringsumher. Der Sonnenschein spielte in den verödeten Gassen, alt und jung vergnügte sich draußen auf der Festwiese. Vor mir aber lag ein dickes Aktenbündel mit der Aufschrift: »Das Hexenkind Reynheit *** und deren Mutter Kordula Renata, welch letztgenannte aber im Turm Tods verblichen. Anno 1636.« Ich hatte das Gesuchte gefunden, und die Gegenwart versank auf viele Stunden vor meinen Augen.


»Wie alt die Zeugin sei? – Achtunddreißig Jahre. – Seit wann sie des Ungelters Ehekonsortin sei? – Antwort: Sei fünfzehn Jahre her. Hab' ihm drei Söhne geboren und drei Töchter. Seien alle am Leben, ohne das jüngste Töchterlein, welches vier Jahre alt gestorben vor einem Monat. – Soll aussagen, was es mit dem Absterben benannten Kinds für eine 21 Bewandtnis gehabt; soll an ihren Eid denken. – Verspricht's eifrig. Hab' zum Kindswarten die Reynheit des öfteren im Haus gehabt, also auch Montag vor dem Fronleichnamstag. – Ob sie sonst zufrieden gewesen mit der Reynheit? – Antwort: Könnt's nicht leugnen, müßt's zugeben. Sei sanft und sittsam, gar sehr still und sorgsam gewesen mit den Kindern. Haben's die Kinder gern leiden mögen. – Ob sie nit oftmalen gescholten mit der Reynheit? – Antwort: Könnt's nit in Abrede stellen. – Warum? – Antwort: Ob sie das sagen müsse? – Müsse alles sagen ohne Distinktion. – Hab' sie gewurmt, daß ihr Stiefsohn, der Stadtarzt, die Reynheit gern gesehen. – Ob die Magd unehrbar gewesen gegen den Sohn. – Antwort: Niemalen, mit keinem Blick, sondern dagegen sittsam. Hab's ja schon gesagt. Wollt aber ihr Sohn nit lassen von ihr, wo sie doch erst fünfzehn Jahre alt gewesen, habe oft gesagt: ›Die blondhaarige Reynheit, Mutter, wird mein Weib!‹ Und wisse ja doch kein Mensch, woher die Alte kommen mit der Tochter, ob's wirklich gute katholische Christen seien. – Warum sie's dann gescholten hab'? – Antwort: Aus Zorn über den Sohn, könnt's nit leugnen. Müßt ihr auch damalen wohl schon so vorkommen sein, als ob's ein Unhold wär'. Hab's wohl auch ihrem Sohn, der sonst wohlgesinnt und seinen Eltern gehorsam, gewißlich angethan mit Zauberei. – Soll jetzt den ihr bewußten Hergang erzählen. – Also, am Montag vor Fronleichnam, Nachmittag, sei's gewesen. Also, da hab' sie große Wasch gehabt, hab' die kleine Traudel mit der Reynheit gehen lassen; sind vors Thor hinaus. 22 Seien abends alle zwei wieder heimkommen, hab' die Traudel schon einen roten Kopf gehabt. Hab's ins Bettlein gebracht, sei im Fieber gelegen. Hab' irre geredet und von Schlangen erzählt und Feuermännlein. Hernach seien die Krämpfe 'kommen; sei erbärmlich gewesen zum Ansehen. Sei nach dreien Tagen Tods verblichen. Und wie sie's gewaschen, da hab' sie eine kleine, fremde Schaumünzen an einem blutroten Fädlein gefunden um ihr Hälslein; seien fremde, verwunderliche Zeichen geschrieben auf besagter Schau- respektive Denkmünzen oder was es sonst für Teufelswerk. – Von wem's die Denkmünzen umgehängt bekommen? – Antwort: Von der Reynheit ganz ohne Zweifel. – Ob's die Reynheit abgeleugnet hab'? – Antwort: Mit nichten. Hab' gar bitterlich geweint, gesagt, hab' die Denkmünzen dem gar lieben Kindlein geschenkt, ihrer Mutter abgebettelt. – Ob sie's gleich auf den Kopf eine Unholdin genannt hab'? – Antwort: Müßt's zugeben. Glaub's fest, daß die Reynheit Schuld trag' an dem Hinsterben des Traudeleins. – Hebt an zu weinen.«


»Wie die Zeugin heiße? – Antwort: Susel Schleimdinit. – Wie alt? – Dreiundachtzig Jahre. – Soll sagen, was sie weiß. – Sei am Abend vor Walpurgi spät von ihrer kranken Enkeltochter heimgangen, am untern Thor vorbei. Sei aus dem Häusel, wo die Fremde wohnt, eine schwarze Katz' gekommen, unten aus dem Loch in der Thür. – Was da viel zu verwundern sei? – Ei wohl, sei viel zu verwundern, weil die Katz' in dem Haus weiß von Farb' sei. – 23 Weiter! – Hab' sich ihre Gedanken gemacht, da sei die Katz' gegen das Thor hin gelaufen und verschwunden, als ob's der Erdboden verschluckt hätt'. – Ob denn die Nacht hell gewesen? – Sei ganz sternhell gewesen. – Ob sie sonst noch 'was gesehen? – Nein, hab' sich so viel geforchten, sei eilend davon gehatschet. Aber am andern Morgen hab' sie einen alten Besen lehnen sehen an derselbigen Hausthür. – Ob sie sonst 'was Unehrbares wisse von der Alten und von der Jungen? – Antwort: Könnt' ihnen nichts nachsagen, ohne daß sie sich nit gemein machen mit ihresgleichen und daß sie oft abends leis lesen mitsammen aus einem großen, dicken Buch. Hab's durchs Fenster wahrgenommen. – Soll abtreten, wird ihr Stillschweigen auferlegt.«


»Ob die Angeklagte wisse, warum man sie dingfest gemacht samt ihrer Mutter? – Könn' sich's wohl denken, seien im Verdacht, Unholdinnen zu sein. Hebt an zu weinen. – Soll sagen und nit leugnen, warum daß sie's dem Traudelein angethan hab'? – Weint, als ob sie der Bock stöße. Wird verwarnt, soll's stracks bekennen. – Antwort: Sei ganz und gewiß unschuldig, sie und ihr alt Mutterl. Hab' so eine große Lieb' gehabt zu dem Traudelein, nit zum Sagen. Sei eine alte Denkmünzen von ihrem Vatern selig her gewesen, kein Zauberwerk. – Soll's gütlich sagen und bekennen, sonst wolle man sie peinlich befragen. Soll auch sagen, wie oft sie sich in eine schwarze Katz' verwandelt hab' und auf dem Besen ausgefahren sei. Soll auch alles bekennen von 24 dem schwarzen Buch. – Antwort: Wisse gar nimmer, was sie da sagen solle, wisse ihr Herz nichts von alledem. Soll's etwa die Bibel sein, in der sie alle Abend lesen, ihr Mutterl und sie? Wünsch' vor Gott, daß ihr Herz nur eine halbe Stunde ein Spiegel wär', so würde man darinnen ihre Unschuld sehen. – Ob sie nicht auch eine von denen sei, die Kinderherzlein essen? – Antwort: Wisse nichts zu sagen, als daß ihr Seel' nie an solches gedacht. – Werd' ihr Seel' schon noch andres auch gedacht haben. Soll kein solch unschuldig Gesicht machen. Man werde sie peinlich befragen.«


Langsam drehten und drehten sich die schweren Zeiger drüben an der verwitterten Turmuhr – ich bemerkte es nicht, ich las und las. Vieles stand auf den gelben Blättern mit nackten, unbarmherzigen Worten, vieles konnte ich nur vermuten. –

Die Dunkelheit kam aus den Gassen hervor, nur die Dächer glänzten noch im Lichte. Dann verschwammen mir die Buchstaben vor den Augen.

Unten auf der Straße summten viele Stimmen durcheinander, die Kinder und die Großen kehrten heim von der Wiese und lachten und sangen. Da nahm ich wahr, daß es Abend geworden.

Ich schnürte das Aktenbündel zusammen und ging aus der düsteren Kammer in den großen Saal. Der lag mit seinen Tribünen und Bänken, seinen faltigen Vorhängen und zerrissenen Fahnen, seiner massigen, geschnitzten Decke und seinen Fürstenbildern in tiefer Dämmerung da. Ich durchschritt ihn, und meine Schritte hallten.

25 Drunten gab ich dem alten Invaliden die Schlüssel und ging in das Gasthaus hinüber.

*

Vor Schlafengehen stand ich lange noch am Fenster und suchte meinen heißen Kopf zu kühlen – es gelang mir nicht. Vor meinen Augen ragte ja da drüben in der Dunkelheit das wuchtige, massige Rathaus. Die Sterne blinkten am unergründlichen, schwarzen Himmel, und die Bogenfenster waren so nahe, fast konnte ich hinüber greifen. Und da drüben hinter diesen Fenstern lag ja das alte Aktenbündel.

Frühling war's, herrlicher Frühling, bis in die engen Gassen herein sandten die Blütenbäume ihre Düfte, warmer Frühling war's, und doch fror es mich. Langsam suchte ich mein Lager auf, spät erst schlief ich ein.


Da kamen die Träume und spannen schwarze Fäden herüber aus den Bogenfenstern in mein Schlafgemach. Die Sterne blinkten, der Nachtwind strich leise über die Dächer – und ich sah alles, was ich im Sonnenschein gelesen hatte, im Traume mit hellsehenden Augen.

Reynheit stand in dem großen, düstern Saale. Ein Sonnenstrahl hatte sich durch ein Loch des schweren Vorhanges hereinverirrt und spielte zitternd in ihren goldglänzenden Haaren. Und um ihre Stirn war der Goldreif des alten Pfarrherrn geschlungen.

Reynheit stand ruhig da und heftete die großen Augen auf den eisgrauen Richter. Es war der Richter, der da oben in der Gruft ruhte; ich 26 erkannte sein Antlitz gar wohl. Und der Richter fragte sie um Dinge, von denen ihr kindliches Herz nichts wußte. Der Richter drohte – wie häßlich erschien mir doch jetzt das Angesicht, das mich von dem Grabstein droben so ehrwürdig angesehen hatte! Der Richter drohte, Reynheit stand mit demütig gesenktem Haupte und konnte nichts hervorbringen. Sie war wohl in Furcht. Mir aber war's zu Mute, als sollte ich mich stracks auf den stolzen Mann da vorn stürzen und sollte ihn zu Boden schlagen.

Da kam auf einmal der greise Pfarrherr in den Saal, der führte das tote Traudelein an der Hand, nickte der Unholdin freundlich zu und sagte ganz vernehmlich: »Du hast den Stirnreif, du hast den Stirnreif; den wird dir niemand nehmen.« Klein Traudelein aber öffnete den Mund, schüttelte das bleiche Köpflein und sprach: »Gute Reyt, böse Mann.« Dann gingen beide in die Wand.

Reynheit zitterte und wußte noch immer nichts zu sagen. Da befahl der alte Mann auf seinem Richterstuhle, man solle ihr ein wenig die Schrauben anlegen, und dabei strich er gelassen den langen Bart, und die Ringe an seinen Fingern funkelten zwischen den grauen Haaren. Reynheit hörte wohl die Worte, aber den Sinn verstand sie nicht. Der Henker führte sie hinter einen Verschlag, und alle Glocken begannen zu läuten: »Omnia ad dei gloriam, gloriam, gloriam, dei, dei gloriam!«

Ein banger, klagender Laut zitterte durch den weiten Saal und verlor sich in den geschwärzten Ecken und an der geschnitzten Decke. »Dei gloriam, gloriam, gloriam!« summten die Glocken, und ein zartes Antlitz wurde totenbleich, und das Haupt 27 eines Kindes sank schwer auf die Seite, wie das Haupt einer Blume, die der Stock des Buben getroffen hat. Omnia ad dei gloriam, gloriam, gloriam – alles zur Ehre des Herrn!

Mein Traum ging fort.

Langsam hob Reynheit die Lider. Sie saß auf einem Stuhle in der Mitte des Saales und beschaute sprachlos die zerdrückten Glieder an ihren Händen, und immer größer, immer starrer wurden ihre Augen, als vermöchten sie das Ungeheuerliche nicht zu begreifen und zu fassen. Aber auf ihrem Haupte blitzte und funkelte der Stirnreif.

An der Saalthür entstand Lärm. Der große Bruder des toten Traudelein begehrte Einlaß. Er schrie. Man drängte ihn zurück. Er aber schrie lauter, daß die Reynheit keine Unholdin sei, beim dreieinigen, allwissenden Gott, beim allmächtigen Rächer der Unschuld und Reinheit. Er schrie, er schrie. – Was konnte er gegen die Gewalt? Da lag das Buch des Gesetzes, da lagen die Aussagen der Weiber eidlich erhärtet. Man führte ihn mit Gewalt die Stiege hinunter. Er schlug um sich, er schäumte. Du Thor, gieb dich! Omnia ad dei gloriam, gloriam, gloriam!

Immer wieder besah Reynheit ihre zarten Glieder; dann heftete sie die großen Augen angstvoll auf den eisgrauen Richter.

Der Henker an der Thür, der harte Mensch, der schon so viele Unholdinnen gefoltert hatte, strich verstohlen über seine Augen. Er hatte wohl Mitleid. Der Richter aber –. Ein Hexenrichter darf kein Mitleid haben. Mitleid? Es war ja doch alles nur Teufelstrug und höllisches Blendwerk.

28 Schwer war mein Traum. Der alte Richter fragte, Reynheit weinte und schwieg. Wieder trat der Henker auf das Geheiß des Harten da droben an ihre Seite. Da begann sie mit leiser Stimme zu erzählen und gestand alles, was ihr der Richter vorsagte. »Von freien Stücken geständig,« diktierte jener und strich den langen, ehrwürdigen Bart – und der Schreiber füllte große Bogen an mit den Dingen, die Reynheit flüsterte, mit den scheußlichen Dingen, von denen ihr unschuldiges Herz nichts wußte und nichts verstand.

Jetzt schloß der Richter die Akten. Ich hörte ihn das Wort »Feuertod« murmeln und sah, wie er nachdenklich die kalten Augen gleiten ließ über das zusammengesunkene Kind und etliche Male mit dem Haupte nickte. Und »Feuertod« flüsterte es in allen Ecken des Saales. Es war ganz finster geworden, nur der goldene Stirnreif blitzte auf dem Haupte der Reynheit. Und ich sah das Leuchten und Blitzen, nur ich – und da wollte ich rufen, helfen, retten – ich vermochte mich nicht zu rühren. Der alte Richter aber ging ehrwürdigen, gemessenen Schrittes aus dem Saale. Es war spät geworden, und zu Hause warteten wohl längst die Kindlein auf ihn. –

Weiter träumte ich. Auf dem Stroh im Turm lag Reynheit, mutterseelenallein. Ihre zarten, runden Wänglein waren verfallen, erloschen ihre großen Augen, eine ganz alte Frau war sie geworden seit wenigen Stunden. Fahl, eingesunken war ihr Antlitz, verwüstet ihre Jugendschöne. Sie weinte nach ihrer Mutter. Ach, sie wußte nicht, daß ihre Mutter schon seit gestern 29 eingescharrt war – draußen, wo die Raben flogen, unter dem Hochgerichte.

Und wieder sah ich den greisen Pfarrherrn herantreten mit dem toten Traudelein an der Hand. Und es ward sehr helle in dem engen Kerkerloche: ein Leuchten ging aus von dem breiten Stirnreife, der mit seinem funkelnden Golde die totenbleiche Stirn umschlang.

Und still atmend lag Reynheit und schlief, derweil zu ihren Häupten das kleine Traudelein kniete mit schönen, weißen Flügeln. Klein Traudelein hatte Reynheit den Schlaf gebracht.

*

Des andern Morgens kam der alte Invalide zu mir und sagte, er habe in einem Winkel noch einen kleinen Aktenbündel gefunden; ich solle doch gleich kommen. Da ging ich mit ihm. –

Und ich saß wieder in der Urkundenkammer, blätterte in einem Stoß vergilbter Papiere und fand einen Brief, den schrieb ich ab, Wort für Wort.

Dann aber verließ ich das Städtlein im hellen Morgensonnenschein und ging den Weg zurück, den ich gekommen war.

Und wieder lag in dem engen Thale das Kirchlein vor mir, und wieder ruhten meine Augen auf den weißblühenden Bäumen. Aber ich ging heute nicht unter diese Bäume und nicht in die dumpfe Kirche, in der jener alte Richter bestattet war. Wozu auch? Sein Antlitz war mir ja fest ins Gedächtnis gegraben, und in den Ohren summte mir unaufhörlich das Wort seiner Devise: Omnia ad dei gloriam! – Nein, ich bog ab von 30 dem schmalen Fußpfade und klomm zwischen dem kurzen Gestrüppe empor zu den großen Höhlen, die so düster ins Land hinausgähnten. Und dort, wo ich gestern im Geiste die fremden Weiber und Kinder hatte hocken und den blauen Herdrauch hatte aufsteigen sehen, dort setzte ich mich auf einen runden Stein, sah lange hinaus in das schimmernde Land und gab mich mannigfachen Gedanken hin. Dann aber zog ich die Abschrift jenes Briefes aus meiner Tasche und las:

»Diesen Brief hat mir, Balthasar vom Hohenecke, Richtern zu Velstein, Rittern, vier Wochen nach dem Schwedeneinfalle, als am 28. Monats Augusti, gebracht bei sinkender Nacht ein Bettelmann auf meine Amtsstuben. Ist alles höllisches Blendwerk. –

›Wohledel und gestrenger, insonderheit hochgebietender Herr Richter. Nachdem ich anjetzo, wann Ihr diesen Brief leset, schon längst mich und noch wen andern gerettet und geborgen hab', will ich Euch nicht vorenthalten, viel weniger verbergen, wie und auf welche Weise die Sachen alle erloffen sind. Wisset Euch ohne Zweifel noch gnädig zu erinnern, wie dazumal den 27. Tag Monats Julii die Schweden vor das Städtlein kommen sind und was für ein Tumult unter denen Bürgern dabei entstanden ist. Wisset Euch gewißlich auch zu erinnern, wie daß am folgenden Morgen der Amtsknecht das Nest hat leer und den Vogel ausgeflogen gefunden. Sag's aber bloß als Gleichnis, sintemalen es nichts ist mit dem Fliegen, wenn eines nicht einmal zum Gehen seine natürlichen Glieder mehr gebrauchen kann. Daß ich's ohn' Umschweif sag: ich bin's gewesen, der 31 die Reynheit aus seinen eignen Armen auf dem Turm getragen hat in währendem Tumulte bei finsterer Nacht, ich und kein andrer. Hab' die Thür aufgebrochen und hab' sie sänftlich aufgehoben, ich, ganz heimlich und allein. Und ich hab' sie heraufgetragen in den hohlen Felsen und hab' sie verborgen, hab' sie gepflegt und hab' nächtlicherweile weit im Land für sie den Unterhalt gesucht und, Gott sei's geklagt, zu Zeiten auch eifrig gestohlen. Schäme mich aber dessen mit nichten, rühme mich vielmehr. Und wie sie hat wieder ihre gemarterten Glieder gebrauchen können, haben wir uns aufgemacht und sind allfort in der Dunkelheit auf einen gar sichern Ort, weit, weit von Velstein, zugeloffen. Da hab' ich sie zu Leuten gebracht, die sie verpflegen. Ich aber hab' mich lassen anwerben bei fremden Völkern als einen Feldscherer und such' mein Fortun jetzo auswärts. In etlichen Jahren sodann erhoff' ich, die, welche Ihr habt als Unholdin martern lassen, welche ich aber für das reinste und allerbeste Mägdlein taxier' in meinem Herzen, so in dieser sündigen Welt zu finden ist, die verhoff' ich alsdann mit mir als mein ehelich Gemahl in fremde Lande zu führen. Ihr alter, harter Mann! Der Zorn will mir aufsteigen aus meiner Brust und sich als ein glühender Brocken festhacken in meinem Halse. Ihr alter, harter Mann! Ich kenn' den Spruch wohl, den Ihr unter Euerm Wappen geschrieben habt, den Ihr über Eure Hausthür habt einmeißeln lassen, den Ihr allfort im Munde führt: Omnia ad dei gloriam! Habt Ihr nicht Augen, zu lesen in eines Menschen Angesicht? Habt Ihr nicht des 32 Mägdleins Unschuld gelesen aus seinen kindlichen Augen? Heißet sie nicht mit Namen Reynheit, und ist sie nicht das, was sie heißt, lauter und rein? Ihr harter Mann! Auf alter, schwächlicher Weiber Geschwätz habt Ihr gehört, und der Teufel hat Euch geritten, daß Ihr beinahe die Reynheit verbrannt hättet zu Asche. Schmutz und Schande spreiten sich allenthalben auf Erden, und die Reynheit verfolgen sie und sagen, daß es geschehe zur Ehre Gottes. Ich sage Euch, die Engel im Himmel weinen über solches Beginnen, aber der Teufel freut sich, weil's ihm zu Ehren geschieht. Ihr harter Mann – aber halt ein, du Feder, vielmehr sei langsam! Ich gedenke ihrer und schweige und will meinen Mund nicht aufthun zum Fluchen. Segnen aber kann ich Euch nicht; vielleicht wenn ich erst ganz bei ihr bin, vielleicht lern' ich's dann noch von ihr. 'was Böses wünsche ich Euch nicht. Gehabt Euch wohl! Hans Dörfler, doctor medicinae.‹«

*

Ich erhob mich, ging hinab ins Thal und ging meine Wege. Finster glotzten hinter mir die Höhlen. Da kamen mir meine gestrigen Gedanken:

›Das, was mich von dort oben anglotzt, das ist alte, das ist uralte Zeit, so alt, daß ich, ihr Alter zu messen, keinen Maßstab finde in meinen Gedanken‹ – so hatte ich gestern gewähnt. Und was war nun das, was mich hernach aus den vergilbten Akten angegrinst hatte?

Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter, es war mir, als schritte ich über ein großes 33 Lavafeld, dessen Oberfläche seit etlichen Stunden erst erstarrt war. Zweihundertundfünfzig Jahre – welch eine kurze Spanne Zeit!

Und mit bebenden Lippen murmelte ich: »Barmherziger, großer Gott, der du der Urquell der Liebe bist, laß mich nicht schwanken und nicht verzweifeln! Mit Blut ist die Erde gedüngt, und mit Blut ist die Geschichte der Menschen geschrieben. Furchtbare Dinge sind je und je geschehen und geschehen noch heute. Das Furchtbarste aber ist und war und wird sein allezeit, wenn sich deine Geschöpfe verfolgen mit Wort oder That im Wahne, deiner Ehre zu dienen. Herr, der du die Liebe und Barmherzigkeit bist, laß mich nicht schwanken und nicht verzweifeln!«

Und dann ging ich rüstig fürbaß, stieß meinen Stock in die alte Erde, hob zum glänzenden Himmel meine Augen und murmelte aus tiefer Seele das Wort, das ich mir nun gerade zum Sprichwort meines Lebens zu erwählen gedachte:

 

Omnia ad dei gloriam!

 








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