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Das Herz in erhobener Faust

Max Barthel: Das Herz in erhobener Faust - Kapitel 2
Quellenangabe
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typepoem
authorMax Barthel
titleDas Herz in erhobener Faust
publisherGustav Kiepenheuer Verlag
year1920
printrunErstes bis fünftes Tausend
firstpub1920
correctorreuters@abc.de
senderAlexander Barthel
created20111110
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AUFBRUCH

Wir lagen vier Jahre im Krieg und in Blut,
Und trugen knirschend die Schmach.
Aber wir standen aufrecht in Glut,
Als die Hölle hinter uns brach.
Aus engen Verließen nach Paradiesen
Brachen wir auf allesamt,
Als die Posaunen Empörung bliesen,
Als die Revolte entflammt.

Wie biblische Männer in Flammen stehn,
Mit der Inbrunst des Glaubens bewehrt,
So war unser Marsch ein ins Himmelreich gehn
Von der Inbrunst des Glaubens verzehrt.
Ein selig Marschieren durch himmlische Türen,
Die durch der Armut Spott
Die Elenden endlich zur Heimat führen
Hin zu dem Heiland und Gott.

VERFLUCHUNG

Es standen drei Kreuze auf Golgatha,
Und der Vorhang des Tempels zerriß.
Und als die Stunde des Todes geschah,
Kam Schwermut und Finsternis.
Doch in diesen Tagen tun Kreuze aufragen
Im unbarmherzigen Licht.
Und tausend werden ans Kreuz geschlagen,
Und nicht ein Grashalm zerbricht.

Der strahlende Himmel verlöschte und schwand,
Die Raben krächzten im Kolk.
Die Straßen sperrte stahlharte Wand:
Da schoß man unter das Volk.
Blutsaaten säen, da wird man einst mähen
In blutroten Garben das Korn!
Dann krächzen ob euern Häuptern die Krähen,
Dann helfe euch Gott vor dem Zorn.

Denn wer sich vor dem Volke versteckt,
Zum Schutze Soldaten aussucht,
Der ist schon lange verfault und verreckt
Und von den Toten verflucht.
Bei prunkendem Mahle im goldenen Saale,
Bei funkelndem goldgelben Wein,
Entreißen sie euch die vollen Pokale
Und speien Verwesung hinein.

DIE RICHTER

Und immer brachen die Richter den Stab:
Kolumbus, Münzer und Huß.
Der eine stieg mit den Ketten ins Grab,
Der starb im feurigen Kuß.
Der wurde gerichtet und jener vernichtet,
Und der ist im Kerker verreckt.
Das kam, sie hatten Neuland gesichtet
Und Paradiese entdeckt.

Sie wurden gefangen und rechtlos erklärt
Im eisernen Käfig der Zeit.
Denn wer hinaus ins Unendliche fährt,
Der fährt in die Ewigkeit.
Gesetz kommt gekrochen. Ein Stab wird gebrochen.
Sie werden verflucht und verdammt.
Die Richter haben das Urteil gesprochen:
Die Krone des Lebens flammt.

ZUCHTHAUS

Es ist viel Schmach und viel blutige Pein,
Aber darüber flutet das Licht,
Das in den Tränen sich wie in Wein
Mit den himmlischen Farben zerbricht.
Doch es ist ein Haus wie ein Schafott,
Wie ein steingewordener Schrei,
Und das Licht wird blaß und der gnädige Gott
Geht traurig daran vorbei.

Der Dieb und der Mörder büßen die Schuld,
Daß die Welt heimtückisch und schlecht,
Und sitzen in Ketten für die Geduld
Vom Feigling und vom Knecht.
Die aufrecht gangen sind auch hier gefangen,
In schmutzige Zellen gesperrt
Und werden in den schweren und langen
Monaten rechtlos erklärt.

Eine jede Freude hat ihren Schmerz
Und jede Qual ihre Lust
Aber hier brennt das menschliche Herz
In höllischen Flammen die Brust.
Eine Uhr tut schlagen in all diesen Tagen,
Eine Stunde sind sie dann frei,
Sie gehen stumm im Kreis und tragen
An ihrem Leben wie Blei.

Doch manche gehen noch leicht beschwingt
Und lächelnd in blutiger Zeit,
Und wenn die Tür ins Schloß einspringt
Atmen sie auf wie befreit.
Der Knecht ist bezügelt, der Freie beflügelt
Trotz Ketten und finsterem Turm.
Ihr Herz ist wie Landschaft der Zukunft behügelt,
Und sie sind Gewitter und Sturm.

DIE WÄCHTER

Die Wächter gehn mit vermummten Schuhn
Den lauernden Schritt jede Nacht
Und lauschen, ob die Gefangenen ruhn,
Ob der und jener noch wacht.
Die tückische Runde gehn sie mit dem Hunde,
Der keucht in die Stille vertiert.
Manchmal klirren die Schlüssel im Bunde,
Wenn der Wächter ins Zellenloch stiert.

Oh, lieber einfahren in glühheißen Schacht
Oder ins nördlichste Eis,
Lieber vergraben im Blutsturm der Schlacht,
Wo keiner das Ende weiß:
Als auf samtleisen Sohlen und grausam verstohlen,
Belauern der Elenden Schlaf,
Nachts schlecht sein, weil es die Richter befohlen,
Und Bürger im Tag sein und brav.

Denn nachts erst werden die Dinge klar,
Die der rasende Tag zerschlug,
Und was ganz elend und niedrig war,
Erhebt sich zu himmlischem Flug.
Der Mensch wird entriegelt, sein Herz wird entsiegelt
Aufrauscht ein unsterblicher Baum,
In seine Krone die Lichter gespiegelt
Von einem unsterblichen Traum.

DIE JÜNGLINGE

Das ist kein Haus für Jünglinge: nein!
Nur Männer ertragen die Zucht.
Die Jünglinge wollen Irrende sein,
Dann krönt ihre Krone die Frucht.
Sie wollen erbeben im stürmenden Leben,
Und wenn sie in Wildnis vergehn:
Die stolze Säule der Sehnsucht erheben
Und Sonne über sich sehn.

Doch hier sind die Stirnen so zaghaft und zart
Und die Hände zerbrechlich wie Glas.
Sie gehen auf eine besondere Art:
Wie im Regen flehendes Gras.
Doch über ihnen kein Stern ist erschienen,
Kein Wind hat sie wehend gemacht:
Sie sind nur noch erstarrte Maschinen,
Vom Lärm der Befehle umkracht.

Im Irrtum gut und im Zuchthaus schlecht
Und grau wie Sträflingstuch:
Denn Männer machten Gesetz und Recht,
Das wurde Unrecht und Fluch.
Wer will begreifen wie Seelen schweifen,
Der habe nicht Macht noch Amt.
Der muß den Himmel der Sterne streifen,
Der sei in der Hölle verdammt!

DER DIEB

Da war ein Dieb, der brachte das Mahl,
Wenn zwölf die Glockenuhr schlug.
Dampfende Schüsseln aus Blech und aus Stahl,
Suppe und Brot grad genug.
Noch jung an Jahren mit Knechtsgebaren,
Immer im Nacken die Faust.
Aber die strahlenden Augen waren
Von himmlischen Lichtern durchsaust.

Der Pfarrer kam mit gemächlichem Schritt
Und brachte, weil ich schrieb,
Ein schmales Heftchen Gedichte mit
Von unserem Freund, dem Dieb.
Die alte Geschichte: Erbauungsgedichte
Im Staube stehend ein Knecht,
Im Ohr den Donner der großen Gerichte,
Ein Schuldig dem Menschengeschlecht.

Am Abend brachte der Dieb das Brot,
Die dampfende Schüssel aus Stahl.
Er sah seine Verse und wurde rot,
Da brach er das Schweigen ein Mal:
»Die Verse sind nichtig. Das Herz ist wichtig.
Im Kerker wirst du bestaubt.
Ich bin auch so wie du sehnsüchtig!«
Er ging mit erhobenem Haupt.

DIE DAME

Die schmutzige Zelle stieß bis an das Dach,
Von eisernem Gitter bedroht.
Es war ein Abend. Wir spielten Schach
Gelassen im Abendrot.
Jetzt bin ich noch Ringer. Auf, stürme, mein Springer,
Hoch König, verkrochener Wurm.
Jetzt bist du gefangen in meinem Zwinger,
Anrücken Dame und Turm.

Der König stand an des Abgrunds Rand,
Ich sah schon, wie er fiel.
Da trommelt an unsre Zellenwand
Gelenkiges Fingerspiel.
Süß flötet ein Name. Da fällt meine Dame
Der Freund verkündigt sein Schach.
Mein Turm rückt vor, der furchtlose Lahme,
Da stürzt er der Königin nach.

Es pochen zwei Mädchen in meine Not,
Die hurte und jene stahl.
Ganz langsam verflammt das Abendrot,
Die Nacht kommt müde und fahl.
Die armen Dinger mit pochendem Finger
Und lockendem Ruf vor der Nacht.
Da hab ich in dem vergitterten Zwinger
Herrisch und grausam gelacht!

Wie oft schon hat es wo nächtlich gepocht,
Wie oft schon der flehende Schrei:
»Wir liegen in Ketten und sind unterjocht,
O Liebster, mache uns frei!«
Schon oft schlugen Hände an höhnische Wände,
Und wir waren in Freiheit und Spiel.
Geliebte, lebt wohl, der Tag ging zu Ende;
Denn meine Königin fiel.

DER SONNTAG

Sechs Tage aber die Faust im Genick,
Verbissenen Hohn und Spott:
Am siebenten Tag aber reißt der Strick,
Da gehen wir hin zu Gott.
Die kühle Kapelle in silbriger Helle
Und orgelumsausten Chor:
Da steigen wir über die Zuchthausschwelle
In unser Leben empor.

Was bleibt die Lehre von Gott? Ein Wort,
Das müde im Räume verschwebt.
Aber das Leben dröhnt in uns fort,
Was wir getan und erlebt.
In unserem Blute rauscht alles Gute,
Was wir getan und gefühlt:
Waren wir schlecht, so hat uns die Rute
Des Schicksals das Fieber verkühlt.

Aber wir waren mehr gut als schlecht,
Erfüllt vom inneren Muß.
Denn über allen, auch über dem Knecht,
Lächelt ein Genius.
Der Spruch der Gerichte zerschmettert im Lichte,
Wir sind nicht mehr elend und blind.
Und siehe; im Glanz der vielen Gesichte
Verweht unsre Schuld wie ein Wind.

DER ROSENGARTEN

Nach sechs langen Monaten kam unsre Zeit.
Im prunkenden Schwurgerichtssaal
Saßen wir eng an einander gereiht
Ganz ohne Sehnsucht und Qual.
Dem wir entstammen, dem Licht und den Flammen
Das machte uns feurig und klar.
Wir standen auf und schlugen zusammen Hoch
über Gesetz und Talar.

Das kam, wir waren im strahlenden Tag
Eine lange Hofstunde frei.
Der Garten so paradiesisch lag
Voll Rosen und Licht und Salbei.
Die schmalen Hände waren blaß wie die Wände,
Die Stirn wie das Zuchthaus so feucht.
Als ob er unsere Sehnsucht verstände:
Der Himmel war voller Geleucht.

Wir gingen spazieren im Garten der Fraun,
Die Wege bestreut mit Kies.
Wir mußten nur immer aufatmen und schaun
Und denken an unser Verließ,
Wo mit dumpfen Gehirnen und stumpfen Stirnen
Die Männer im Kreise umgehn,
Und daß im Garten die Diebinnen und Dirnen
In blühenden Rosen stehn.

Ein Wächter mit grimmigem Zuchthausblick
Belauert der Männer Trott.
Spricht einer, zieht er am Glockenstrick:
Den Schuldigen gnade Gott.
Er wird auf der Stelle aus gnädiger Helle
Drei Tage ins Dunkle gesteckt,
Da liegt er winselnd danach an der Schwelle
Vor Hunger und elend verdreckt.

Doch blühende Rosen anzuschaun
Ist beinahe so selig und gut,
Wie stehen vor Mädchen und blühenden Fraun,
Das Herz überschwemmt mit Blut.
In gramvollen Wochen von Dornen zerstochen
Und wehmütig sein und verglüht:
Wir haben gesprochen und Rosen gebrochen,
Weil die Rose für Menschen blüht.

Der Wächter machte ein böses Gesicht
In den Rosen und in Salbei,
Aber wir standen im himmlischen Licht:
Zu Mittag sprach man uns frei.
Von erhabenen Firnen das Licht auf den Stirnen,
So schritten wir durch das Tor
Und dachten an den Garten der Dirnen
Schmerzhaft wie nie zuvor.

 

 

*

 

Vom gleichen Verfasser erschienen im Verlag Eugen Diederichs /Jena folgende Gedichtbücher:

1916: Verse aus den Argonnen
1917: Freiheit!
1919: Utopia
1920: Arbeiterseele

Hof-Buch- und Steindruckerei Dietsch & Brückner in Weimar

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