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Gutenberg > Margarete von Navarra >

Das Heptameron

Margarete von Navarra: Das Heptameron - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
titleDas Heptameron
authorMargarete von Navarra
publisherWilhelm Borngräber Verlag
printrun16. bis 20. Tausend
translatorCarl Theodor Ritter v. Riba
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
modyfied20140523
created20050906
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Einleitende Betrachtungen

Wenn man ein Werk, das mehr als dreieinhalb Jahrhunderte alt ist, in ungeminderter Jugendfrische vor sich sieht, so mag einen wohl der Gedanke beschleichen, welchen Vorzügen es am letzten Ende seine Lebenskraft verdankt. Wir leben in einer Zeit, die uns jährlich mit Bergen von Büchern und anderen Kunsterzeugnissen beschenkt, deren größter Teil in unglaublicher Eile lautlos, sang- und klanglos in den Orkus verschwindet oder sich höchstens nach einiger Zeit noch als Einschlagpapier bemerkbar macht. Wir sehen Tagesgrößen auftauchen, sehen sie vergehen ohne mit der Wimper zu zucken. Wir sind voll Zweifelsucht, wenn wir jemanden ›unsterblich‹ nennen hören. Ja wir spotten über die ›Unsterblichkeit‹, die einem Spaßvogel zufolge ›selten länger als vier Jahre dauert und von vielen Besitzern dieses Titels gar oft überlebt wird‹.

Wir leben uns in die Vorstellung hinein, daß unsere Zeit so ›schnellebig‹ ist, daß sie die solidesten Größen über den Haufen – lebt, und wir lassen uns mit großer Selbstzufriedenheit beweisen, daß vor dem Glanze unseres Jahrhunderts, unserer unvergleichlichen Fortschritte und Errungenschaften auch der widerstandsfähigste Ruhm vergangener Zeiten verblaßt, um neuen Erscheinungen Platz zu machen.

Alles das sind billige Trostesworte, die unsere unproduktive Gegenwart über ihre Unfähigkeit täuschen sollen, Scheingründe, die gleichermaßen erlauben, die tägliche Mittelware der Jetztzeit als Non plus Ultra, als geniale Taten, als Schöpfungen aus Meisterhand zu preisen und demgegenüber doch ihre schnelle Vergänglichkeit zu begründen. Und was man sich von seinem Schneider nicht gefallen läßt, das läßt man sich von den Literaturhandwerkern mit Schmunzeln bieten: der fadenscheinige Rock wird durch empfehlende Worte in das unzerreißbare Prachtgewand umgedeutet, sein Zerfall ist der übermäßigen Abnutzung zuzuschreiben.

Wie schade, daß der ruhige Beurteiler auf Schritt und Tritt darüber belehrt wird, wie viele gute alte Sachen heute noch, nach manchem Dezennium unserer ›schnell-lebigen‹ Zeit, wie neu aussehen und die Bewunderung – nicht einiger weniger Liebhaber von verstaubten Antiquitäten – vielmehr eines großen Kreises ernstdenkender Menschen auslöst. Die Herren des Tageserfolges blicken mit innerem Neid, über den sie nur einige Dutzend wohlreklamierter Auflagen mühsam hinwegtäuschen, auf die Cervantes, Boccaccio, Dante, Goethe, Dickens und wie sie noch alle heißen, die bis heute ihren Wert nicht verloren haben und trotz aller ›Konkurrenz‹ ihren festen Platz behaupten.

Unter den Unvergänglichen vergangener Zeiten findet sich auch die Königin von Navarra mit ihrem ›Heptameron‹, den zweiundsiebzig Erzählungen, die – oberflächlich betrachtet – doch unserer Denk- und Anschauungsweise so himmelweit fernliegen. Gleich Boccaccios ›Dekameron‹ werden diese Erzählungen – Gott behüte! – nicht in der Schule gelesen: darauf sollen jene aufmerksam gemacht werden, die zwischen unvergänglichem Ruhme und Schulunterricht einen bequemen Zusammenhang bilden wollen, um solch lästige Erscheinungen leichtlich zu erklären! Ich glaube fast versichern zu können, daß beide Werke in der Schule sogar nicht einmal erwähnt werden! Und doch ist die Zahl ihrer Bewunderer Legion, doch werden beide in allen Sprachen der Welt unermüdlich gelesen.

Wenden wir uns zunächst der Person jener königlichen Verfasserin zu. Margarete von Valois wurde am elften April Vierzehnhundertzweiundneunzig geboren. Sie war die Schwester des französischen Königs Franz, ›seines Namens der erste‹, und ging zwei Ehen ein: die erste mit dem letzten Herzog von Alençon, die zweite mit dem König von Navarra, Heinrich d'Albret. Sie sei nicht verwechselt mit den beiden Sprossen gleichen Namens und gleichen Hauses: die zweite Margarete des Hauses Valois nämlich, bekannter unter dem abgekürzten Schmeichelnamen Margot, war Franz' des Ersten Tochter, nachmals Herzogin von Savoyen. Die dritte endlich war Margarete, die Schwester der Könige Karls des Neunten und Heinrichs des Dritten; diese wurde bekannt als letzte ihres Stammes, denn mit ihr ging die Krone Frankreichs auf die Bourbonen über: sie war die erste Gemahlin Heinrichs von Bourbon, auch eines Königs von Navarra, desselben, der als Heinrich der Vierte seinen protestantischen Glauben opferte, weil ›Paris wohl eine Messe wert war‹. Diese Margarete ist besonders abzutrennen, denn auch sie hat sich schriftstellerisch betätigt: sie hat Memoiren hinterlassen.

Auch das ›Heptameron‹ bildet eine Art Memoiren der ersten Margarete ihres Namens. Allerdings liegen die bewegten Kämpfe jener Zeit, die Frankreichs Schicksale ununterbrochen erschütterten, weit im Hintergrunde ihrer Erzählungen. Nur hier und da schimmert ein zeitgeschichtliches Moment durch und gibt dem Leser diesen oder jenen Anhaltspunkt. Aber am letzten Ende ahnen wir wenig von den großen politischen und sozialen Verschiebungen jener Epoche. Mehr schon von den religiösen und wissenschaftlichen, die ihrem Werke fast unabsichtlich eine eigenartige Färbung verleihen.

In den Anfang des sechzehnten Jahrhunderts fällt der Anbeginn der Renaissance. Die Klassiker des Altertums tauchen aus der Versenkung auf, in die sie der Untergang des römischen Reiches und dessen Folgeerscheinungen, in die sie auch das erstarkende und sich ausbreitende Christentum verstoßen hatte. Das umfaßte nun bereits den größten Teil Europas und hatte gar mit dem neuen Glaubensfeinde, dem Islam, männiglich die Waffen gekreuzt. Nun sollte es den inneren Feind bekämpfen, die Reformation.

Der Geschichtskenner weiß, wie dieser mit der Renaissance die Wege geebnet wurden. Die Wissenschaft vergangener Jahrhunderte, die auf die etwas stagnierenden christlichen Anschauungen wirkte wie der Hecht im Karpfenteich, erregte die Gemüter, weckte neue Interessen, neue Anschauungen, jähen Wissensdurst; der geistige Horizont wurde plötzlich unermeßlich weit, und an den Lehren des Tages wetzte und schärfte sich das Urteil. Die Buchdruckerkunst erschien darum begreiflicherweise den Herrn Mönchen als eine Erfindung des Teufels, der seit einiger Zeit bereits zu großer Berühmtheit gelangt war. Sein Inventar bestand schon nicht mehr bloß in Schwanz, Hörnern und Pferdefuß, und in seinem irdischen Gefolge befand sich eine ganze Armee von Hexen und Schwarzkünstlern, die ob angeblicher Teufelskünste die verschiedensten Vergehen und Krankheiten mit dem Feuertode, im Vorzugsfalle mit ›milderen‹ Todesstrafen büßen mußten.

Derweile beschäftigten sich die gebildeten Adelskreise, mit einigen Kirchengrößen zusammen, eifriger wissenschaftlicher Studien und wirkten zugleich fördernd auf die geistige Bewegung ein. So die Königin von Navarra. Nicht nur beherrschte sie selbst eine Reihe von Sprachen – Italienisch, Spanisch, Lateinisch, Griechisch und sogar Hebräisch –, nicht nur umgab sie sich mit Dichtern und Schriftstellern, die sich in der nun erst gefestigten französischen Sprache mit Behagen ergingen: sie begeisterte sich auch für die Wissenschaften, drängte mit Budé, dem Bibliothekar, und Duchâtel, dem königlichen Vorleser, ihren Bruder Franz den Ersten zur Gründung des Collège de France und umgab sich in ihrem Hofe zu Pau und Nérac mit ernsten Gelehrten, die in dem ungebundenen, lebensfrohen Treiben der Edelleute und Edelfrauen den sittlichen Untergrund bilden, über dem sich das lockere weltliche Treiben des Hoflebens abspielt.

Gleich ihrem fast abgöttisch von ihr bewunderten Bruder dichtete auch sie. Das mag den Leser nicht beunruhigen. Es war nur eine Vorstufe zu dem Entschlusse, einen französischen ›Dekameron‹ dem italienischen des allbewunderten Boccaccio zur Seite zu stellen. Der Plan hierzu entstand erst mit reiferem Alter in ihr, und zu ihrer Zerstreuung sammelte sie allmählich, zumeist auf der Reise, diese ihre Memoiren von merkwürdigen Ereignissen ihrer Zeit. Der Tod nahm ihr die Feder aus der Hand: als sie am einundzwanzigsten Dezember Fünfzehnhundertneunundvierzig starb, waren erst zweiundsiebzig Erzählungen beendet und so aus dem ›Dekameron‹ (den Erzählungen von zehn Tagen) ein ›Heptameron‹ (Zyklus von sieben Tagen) geworden. Mancher wird mit Bedauern die Schlußzeilen lesen: ›Hier enden die Erzählungen der seligen Königin von Navarra, soweit man solche auffinden konnte.‹ Das ›Heptameron‹ ist ein Meisterwerk, das sich würdig dem ›Dekameron‹ zur Seite stellen läßt, ›obgleich‹ der Verfasser des letzteren ein zünftiger Dichter, die Verfasserin des anderen eine dilettierende Königin war. Sie war sicher eine Poetin von ganzer Seele, das kann man aus so manchem Beispiel herauslesen, selbst aus den rührenden Briefen, die sie an ihren geliebten Bruder geschrieben hat, als er Fünfzehnhundertfünfundzwanzig die unglückliche Schlacht bei Pavia erleben mußte und in Gefangenschaft geriet.

Und sie war noch mehr! Erasmus von Rotterdamm, einer jener Gelehrten, mit denen sie im Briefwechsel stand, schrieb einmal an sie: ›Seit langem schon schätze und bewundere ich an Euch die seltenen Gaben, damit Gott Euch begnadet hat, Eure Klugheit, die eines Philosophen würdig wäre, Eure Keuschheit, Mäßigung, Barmherzigkeit, Seelenstärke und jene nachahmenswerte Nichtachtung alles Vergänglichen.‹ Wer weiß, was Erasmus von Rotterdamm war, braucht nicht zu befürchten, daß sich hinter solchem Lobe leere höfische Schmeichelei birgt. Erasmus war gleich vielen seiner Zeit nicht auf den Mund gefallen, und zwischen solchen Lobsprüchen und den damals üblichen – sagen wir höflich Polemiken gab es einen weiten Raum, darinnen er leicht auch schlichtere Worte finden konnte.

Aber sie war eine lachende Philosophin. Keine galante Frau, wie sie deren so viel schildert und wie es nachmals ihre Namensvetterin, die dritte Margarete ihres Namens, gewesen sein dürfte. Alle Biographen der königlichen Dichterin sind darin einig. So fällt auch der Verdacht fort, daß sie etwa eigene Liebesabenteuer und Jugendsünden in ihre Geschichten verwoben habe. Aber nichtsdestoweniger sind die Geschichten auf wahrem Untergrunde aufgebaut, der sich in vielen Fällen nachweisen läßt. Nach der siebzigsten Erzählung fällt sie sogar so weit aus der Rolle, daß sie den Namen der Heldin in der anschließenden Besprechung nennt. Manche lassen sich selbst aus dem Zusammenhang erraten. Der Leser mag sich daraufhin zum Beispiel einmal die fünfundzwanzigste Erzählung betrachten. Jedenfalls ist die Absicht der Verfasserin, was ihr bei dem Werke vorschwebte, ganz unzweifelhaft in jener Stelle des Vorwortes (eine etwas unglückliche beziehungsweise heute mißverständliche Bezeichnung) angegeben, die da sagt:

›(Bezüglich des ›Dekameron‹) hörte ich jene hohen Frauen (die Gemahlin des Königs Franz und die Prinzessin Margarete – also sie selbst) mit andern Hofleuten darüber beratschlagen, wie man gleiches zustandebringen könne, in einem nur von Boccaccio verschieden: jegliche dieser Novellen sollte ausschließlich wahre Vorfälle behandeln . . . Sie entschlossen sich, jedweder solle zehn Geschichten schreiben, und zudem wolle man – unter Ausschluß aller, die den Wissenschaften und der Schriftstellerei oblägen – die fähigsten Erzähler wählen, bis sie insgesamt zehn an der Zahl waren. Denn der Herr Dauphin wollte keinesfalls, daß Kunstinteressen sich einmischten und die schöne Phrase irgendwie die geschichtliche Wahrheit beeinflusse. Seitdem . . . geriet jenes Vorhaben in Vergessenheit, wir aber können es wohl durchführen . . . So wollen wir . . . Geschichten erzählen, die wir entweder selbst erlebt oder von vertrauenswürdiger Seite gehört haben.‹

Schon damit kann kein Zweifel obwalten, daß alle beschriebenen Vorfälle der Wahrheit entsprechen, und manches, das uns heutzutage unglaublich oder doch zum mindesten sehr merkwürdig erscheint – als zum Beispiel einige jähe Todesfälle aus Scham oder getäuschter Liebe –, wird in ungenügender Beobachtung der tiefsten Ursachen oder in einigen anderen Momenten ihre Erklärung finden müssen, auf die weiter unten eingegangen werden soll.

Hervorstechend ist der Zug von Fröhlichkeit, der die meisten Erzählungen durchdringt und seine Erklärung in der lustigen Lebhaftigkeit der Verfasserin findet. Übrigens war ja das Hofleben der damaligen Zeit überhaupt ein eigenartiges Gemisch von Sentimentalität und ausgelassener Fröhlichkeit, und selbst die ernsten Ereignisse, Kriege und Waffentaten, bekommen dadurch eine Färbung, die uns beim Lesen jener Geschehnisse zumeist entgeht. Uns erscheint jene Zeit gewöhnlich blutrünstiger, rauher, als sie eigentlich war. Der verklärende Schimmer, der darüber lag und sie uns vielleicht menschlich näher brächte, ist in den Folianten verloren gegangen und vom Staube verdeckt worden. Deshalb müssen wir denen besonderen Dank wissen, die es, wie die Königin von Navarra, verstanden haben, uns auch diese Seite vergangener Lebensart zum Bewußtsein zu bringen. Jene Menschen waren wahrscheinlich viel mehr ›Menschen‹ als wir es sind, die als Erziehungsprodukte und lebende Maschinen unter unsern leblosen Geschwistern umherhasten. Wer sich das so recht klarmachen würde, dürfte wohl leicht auf modernen Luxus verzichten wollen und gar die Schrecken jener Zeit mit in den Kauf nehmen, die im Untergrunde drohen – nicht aus blindem romantischen Drange, sondern aus der begreiflichen Sehnsucht nach ›Menschwerdung‹!

Diese Leute vergangener Zeit bestanden nicht nur äußerlich aus Fleisch und Blut. Sie erbebten unter den Leidenschaften, die wir stolz mit Füßen treten, bis sie just am falschen Fleck wieder auftauchen (wie sagt doch Horaz: naturam expellas furca, tamen semper recurrit!) und uns noch unglücklicher machen. Darum steht, ehrlicher als in den tränendrüsenkitzelnden Werken unserer süßlichen Barden, die Liebe im Mittelpunkte dieser Erzählungen. Und neben diesem Hauptthema die Gegenstimme: die Geistlichkeit, insonderheit die Mönche, die auf der einen Seite das offizielle Liebesband knüpfen, auf der andern es selbst zu sprengen und zu beschmutzen suchen; die auf der einen Seite alle Fleischeslust abgeschworen haben und auf der andern ihr in grotesker oder abstoßender Form huldigen und zum Opfer fallen.

Auf diese Herren hat es die Königin besonders abgesehen. Unermüdlich bringt sie neue Beispiele ihrer Fehltritte, häuft die kitzlichsten Aussprüche neben die – peinlichsten Situationen und stellt mit ihren wahrhaftigen Berichten schier die Phantasie des Dichters Boccaccio in den Schatten. Ein tiefinnerer Grund dafür mag ihre Neigung zur Reformation gewesen sein. Brantôme, der Verfasser der ›galanten Frauen‹ und ›berühmten Frauen‹, sagt geradewegs von ihr: ›Sie galt für eine Anhängerin Luthers; zwar hat sie sich niemals offen dazu bekannt – aber wenn sie tatsächlich der Reformation geneigt war und es nur verborgen hielt, so geschah dies um Franz' des Ersten willen, der jener Bewegung abhold war.‹

Man braucht nur die zweiundzwanzigste Erzählung zu lesen, um zu begreifen, wieviel Grund zu dieser Annahme vorliegt: Ein Prior, der im original direkt ›reformateur‹ genannt wird, genießt, offenbar deshalb, Margaretens besondere Gunst. Als er in höherem Alter sein Amt schändet, ist sie tief verwirrt – denn offenbar hat sie große Hoffnungen auf ihn gesetzt –, und nachdem sein Opfer, die Nonne, als Entgelt für ihre Leiden Äbtissin geworden ist, betont die Königin ausdrücklich auch von ihr, daß sie viele Verbesserungen einführte.

Wir verstehen heute sehr gut, daß der Blick, den die beginnende Renaissance für solche Krebsschäden des Gemeinwohles zu schärfen begann, mit Unlust auf einer Institution ruhte, die nicht zum wenigsten durch ihre Übergriffe und Verworfenheit der Reformation die Wege ebnete. Die Sittenlosigkeit der Geistlichkeit war so schlimm, daß nicht nur eine Königin von Navarra, die sich für Luthers Lehre interessierte, daran ihren Spott übte. Die ganze damalige Literatur begann sich bereits auf dieses Thema zu werfen, wie vor noch nicht zu langer Zeit unsere Witzblätter die böse Schwiegermutter mitnahmen. Die Werke der späteren Dichter, besonders jene Gedichte, die unter dem unauffälligen Namen ›Contes‹, bisweilen auch ›Nouvelles‹ segeln, sind voll davon. Aber sie schlagen schon oft übers Ziel. Der Witz, den man in Damengesellschaft nicht erzählen darf, wird den braven Mönchen aufgebürdet, und bald ersetzt das gut Erfundene die wahrhaften Vorfälle, soweit nicht bekannte Themen in verschiedenen Varianten wiederholt werden. In letzterem Falle dient oft genug das ›Heptameron‹ als willkommene Fundgrube. Dieses aber wie auch jene Gedichterzählungen sind eine unerschöpfliche Quelle für Kulturstudien, wenn sie gut gesichtet und richtig ausgewählt werden.

Wir sehen, wie man gegen die heilige Institution der Ehe schon damals Sturm zu laufen begann. Naive Seelen oder solche, die so scheinen wollen, behaupten heute, die Ehe habe sich für uns fortgeschrittene Menschen überlebt und bedürfe dringend einer Reform, sofern sie nicht überhaupt ganz zum alten Eisen geworfen würde. Wieviel bescheidener und – urteilsfähiger würden doch solche Streiter für den neuen Glauben sein, wenn sie etwas unter den Dokumenten vergangener Zeiten Bescheid wüßten. Es hat schon mehr Epochen gegeben, in denen die Mängel oder Schattenseiten dieser Institution zutage traten. Aber man war so klug, die Menschen und nicht ihre Einrichtung dafür zu tadeln. Wenn eine bewährte Sache plötzlich an allen Ecken und Enden versagt, so ist es noch sehr fraglich, ob man ihr die Schuld geben soll.

Die Königin von Navarra ist darin hellsichtiger und gerechter. Sie läßt die Spötter zu Worte kommen, aber sie gibt auch den Verteidigern Gelegenheit, ihre wohlbegründete Ansicht zu sagen, und eine unparteiische Persönlichkeit versucht dann, das Richtige zu präzisieren. So hält sie es auch mit den Mönchen. Nur ist ihr Urteil in diesem Falle zu sehr unter dem Eindruck der unerträglichen Mängel. Immerhin läßt sie, gleich vielen Zeitgenossen und Nachfolgern, den moralischen Unterschied verschiedener Orden deutlich genug hervortreten. Die Franziskanermönche scheinen sich schon damals eines besonders schlechten Rufes erfreut zu haben: das ›Heptameron‹ schiebt ihnen alle üblen Streiche in die – Sandalen, und nur in einem Falle geht es auch den Benediktinern an die Kehle, aber da läßt die Verfasserin bereits verstehen, daß es sich um einen besonderen Fall handelt. Allzu herrlich scheint es ja in den andern Orden auch nicht hergegangen zu sein. Dafür dienen die verschiedenen poetischen und sonstigen Belege zum Beweis, die andern Orts zusammengestellt wurden. Daß aber die Franziskaner bezüglich schlechten Rufes auch in späterer Zeit den Vogel abschossen, dafür zeugt vor allem ein niedliches Gedicht des Abbé Bretin, das dem Leser hier nicht vorenthalten werden sollVergleiche Ritter von Riba: ›Eheleute und Kirchenleute‹ Vergnügliche Kulturbilder aus galanter Zeit. (In Vorbereitung):

Die Gärtnerin.

Einst wandelt Barbara, die schöne Gärtnerin,
Dürrzweige sammelnd auf dem Weg dahin.
Beim Bücken hebt ein tück'scher Ast
Den Rock ihr auf, und in der Hast
Bemerkt sie nicht, daß der am Tragkorb hängen bleibt.

Dieweil so bös' Geschick ihr seine Possen treibt,
Gehn auch zwei Kapuziner ohne Arg
Selbander dieses Wegs. Da sieht von ohngefähr
Des Jüngern Aug' – als ob's ein Trugbild wär' –
Manch schönes Rund, das sonst der Rock verbarg.
Zum andern spricht er drauf: »Daß Euer Ehrwürden verzeih':
Wer hätte je geglaubt, daß eine Magd so schamlos sei.«
– »Ich seh', ich seh'! Dein Auge mußt du senken.«
– »Doch einen Ausweg sollte man bedenken!«

Und heil'ger Eifer treibt den Jüngling an –
Dies fremde Bild tät frommen Sinn erschrecken. –
Nicht wußt er schier, was er begann:
Er eilt zu Barbara, die Blöße zu bedecken.

Bewegten Herzens tritt er ihr zur Seiten
Und löst den Rock und läßt ihn niedergleiten.
»O Schwester« spricht er, »nicht will ich Euch schelten. Nein –
Doch müßt' solch holde Pracht stets wohl verborgen sein!«
Und sie entgegnet: »Dank sei Euch vielmehr.
Ihr tatet Eurem heil'gen Stand' all Ehr!«

Da sieht sie fernher einen Franziskaner schreiten
Und reckt den Arm, erblaßt, weil sie erschrickt,
Und ruft: »Wie kamt Ihr doch bei Zeiten –
Verloren wär' ich, hätt' mich der zuerst erblickt!«

(1797.)

Eine Erklärung ist wohl überflüssig – jedenfalls aber zugleich der Beweis erbracht, welch wertvolle Kulturdokumente fast unverwertet in den Archiven schlummern. Die Werke Bretins, Grécourts und so weiter werden als unsittlich und was weiß ich noch alles der Öffentlichkeit vorenthalten, und darum ist ein Schöpfen aus diesen Quellen dem armen Wahrheitssucher recht schwer gemacht. Glücklicherweise ist dies Schicksal den deutschen ›Heptameron‹-Ausgaben nur kurze Zeit beschieden gewesen. Das Reichsgericht hat eingesehen, daß ein solches Werk nicht so einfach vom Standpunkt der Moral beurteilt werden kann, maßen es kulturelle Gesichtspunkte behandelt und ›ein der Wirklichkeit entsprechendes Bild der Sittenzustände jener Zeit‹ wiedergibt und seine Spitze ›gegen die damals unter den Adligen und Geistlichen herrschende Sittenlosigkeit richtet, die satyrisch gegeißelt werden soll‹. (Damals ist übrigens nicht so übel!) Damit ist der doppelte Wert dieses Werkes genügend gekennzeichnet. In Erzählungen, deren Inhalt und Wahl für den poetischen Scharfblick der Verfasserin zeugt, und neben ihnen (in den zur Rahmenerzählung gehörigen Diskussionen) enthüllt sich ein Sittengemälde, das uns gern auf lederne Geschichtswerke verzichten läßt. Man sollte überhaupt viel mehr Wert darauf legen, in dieser Form das wissensdurstige Publikum mit den Sitten und Anschauungen vergangener Zeiten bekannt zu machen. Daß es einige erlesene Mitbürger gibt, die darin nur das Anstößige suchen, meistens recht wenig dabei auf ihre Kosten kommen und sich um das wahrhaft Interessante selbst betrügen, kann daran nicht hindern. Es soll alte Herren geben, die für ähnliche Zwecke Balletts besuchen – jeder macht es eben, wie er kann.

Von obigen Gesichtspunkten geleitet hat der Herausgeber der Rahmenerzählung eine nicht mindere Sorgfalt angedeihen lassen. Hier soll nicht verschwiegen werden, daß jeder Herausgeber, und der Übersetzer im besonderen, nicht ganz objektiv im Urteil über das vorgelegte Werk ist. Man sollte das ohne falsche Scham eingestehen. Der Übersetzer zumal ist ein Stück Autor, und autorenhafte Eitelkeit blendet ihm ebensosehr den Blick, als habe er das ganze Werk selbst geschrieben. Addiere man hierzu noch den Umstand, daß alles, womit sich jemand sehr eingehend beschäftigt, dem Betreffenden so familiär wird, daß er die Schwächen zu übersehen beginnt und auch am Unscheinbaren Reize entdeckt, so ist es begreiflich, daß des Lesers Urteil sich oft nicht mit dem des Herausgebers deckt, und deshalb sollte dieser mit seinen Ansichten recht vorsichtig umgehen.

Das kann uns nicht hindern, auf einige Gesichtspunkte hinzuweisen, die dem Leser bei oberflächlicher Durchsicht wahrscheinlich entgehen werden und deren Erkenntnis schon eine etwas liebevolle Beschäftigung mit dem Buch verlangt. Das sind die Ansichten und Bemerkungen, die in den (zur Rahmenerzählung gehörigen) Diskussionen über die gehörten Erzählungen auftauchen. Der mit weitergehenden Interessen ausgestattete Leser wird vielleicht mit Überraschung entdecken, daß zum Beispiel nach der sechsunddreißigsten Erzählung von ›Affekthandlungen‹ gesprochen wird und über diese Frage, bei der unsere Vorkämpfer des Fortschrittes – mit besonders verächtlichem Blicke auf das geistesdunkle Mittelalter – stolz auf die heutigen Errungenschaften verweisen, ganz moderne Ansichten äußern und zitieren. Derartige Überraschungen können hier natürlich nicht samt und sonders aufgezählt werden, und denen, die an so etwas Freude finden, wird dieser Hinweis genügen.

Aber auch die Psychologie kommt nicht zu kurz: wie scharfsinnig (und wohlbelesen) läßt die Verfasserin so manchen psychologischen Vorgang auf seinen wahren Kern hin prüfen und verurteilen, wie witzig fertigt sie das trügende äußere Gebaren, die pharisäerhafte Selbstzufriedenheit und rein äußerliche Tugendhaftigkeit ab. Solche Laster sind heute ja keineswegs ausgestorben, stehen vielmehr in schönster Blüte. Und wozu der moderne Romancier ein dickes Buch braucht, um mit sogenannter psychologischer Sonde die Mängel und Schwächen bloßzulegen, da begnügt sich Margarete von Navarra mit wenigen Zeilen – aber die tun auch ihre Schuldigkeit. Daß sie zwischendurch auch einmal danebenhaut, mag ihr darob verziehen werden. Das passiert in den besten Familien, und auch die damalige Zeit litt an falschen Vorstellungen, die zwar andere sein mögen als heute, aber sehr wohl danebengestellt werden können. Daß die Königin auch in Fragen objektiv zu bleiben bemüht ist, die ihre eigne Abkunft berühren, beweist etwa jener Streit über Standesunterschiede, der sich der vierzigsten Erzählung anschließt.

Im übrigen stecken natürlich auch die Erzählungen selbst voll Kulturdokumenten. Für die liebe Reinlichkeit, die damals herrschte, mag jener Edelmann ein Beispiel sein, der im Besuche des Abtritts (ich bitte ergebenst um Entschuldigung ob dieses Details) keinen absonderlichen Grund findet, seine Hände zu waschen. (Vielleicht ist dieser mein Hinweis von sehr subjektiven Anschauungen geleitet: es soll Menschen in unserer kulturreichen, hygienischen Zeit geben, die . . .) Man findet diesen feinen Zug in der siebenunddreißigsten Erzählung. – Die Mägde erfreuen sich oft des Titels Kammerfrauen, Kammerzofen und ähnliches. Unsere Stubenmädchen heißen so, weil sie die Stuben reinigen. Jene haben ihre Beinamen, weil sie mit in der Stube der Herrschaft schlafen. Was damals alles in einer Stube, ja, in einem Bette zusammenschlief, mag manchem schwer in den Kopf hinein wollen:

Die Größe besonders der herrschaftlichen Betten gestattete oft bis zu fünf (!) Personen bequem darin Platz zu finden. Die siebenundvierzigste Erzählung gibt unter anderem dafür ein interessantes Beispiel. Noch heute können ja Reisende in südlichen Ländern – sofern sie aus Neugier oder anderen Gründen auf die Hotels mit dem Schema F verzichten – derlei Betten, wenn auch nicht gerade für fünf Menschen, kennen lernen. Und wenn man heute noch im modernen Italien Familien findet (anderorts übrigens auch), die nicht nur ihre zahlreichen Angehörigen, sondern gar Schweine und Hühner in einer Schlafstube vereinigen, dann wird das Mittelalter uns doch nicht so ganz fern erscheinen. Die liebe Sitte, mit Hunden, Katzen und Kanarienvögeln in einem Zimmer zu schlafen, findet sich ja sogar heute noch in allerbesten Kreisen.

So wird das Bemühen, das Mittelalter unserm Vorstellungskreise menschlich näherzurücken, gar nicht so schwer. Man sollte nur die Augen mehr aufsperren und nicht die Unterschiede – eventuell unter Zuhilfenahme von etwas Ignoranz oder Fälschung – allzu krampfhaft betonen. Bleibt uns vor allem nur das Hexenwesen und die Zauberei, wovon ja auch im ›Heptameron‹ einiges zu finden ist. Dies unerschöpfliche Thema soll hier nur mit einem Beispiele gestreift werden: denn erstens gibt es Menschen, denen die Haare zu Berge stehen, wenn man darüber überhaupt nur ein ernstes Wort redet, und dann ist hier wirklich nicht genügend Platz dazu. Die Unbelehrbaren mögen also gleich ein paar Seiten weiter blättern. Die Vernünftigen seien auf die allererste Geschichte aufmerksam gemacht.

›Ein Mann‹, heißt es da, ›fabriziert mit einem Schwarzkünstler Holzpuppen, die später in Wachs ausgeführt werden sollen. Zwei derselben haben die Arme erhoben, bei drei anderen hängen sie herab. Diese Figuren müssen unter den Altar gestellt werden und dort muß ihnen eine Messe mit gewissen Worten gelesen werden. Sie stellen bestimmte Personen dar, von denen die mit gesenkten Armen dem Tode überliefert werden sollen (das heißt ihre Urbilder), von denen mit erhobenen Armen will man Gunst und Geneigtheit erzwingen.‹

Nachdem der Leser diesen anscheinenden Unsinn genügend belächelt hat, schilt er des weiteren über die Torheit des Mittelalters, das es fertig bekommt, die beiden zum Tode zu verurteilen, die sich mit so kindlichen Spielereien abgegeben haben. Gebe der Himmel, es wären wirklich nur so kindliche Torheiten gewesen. Man muß sich leider eines anderen belehren lassen.

Die ›Kunst‹, mit Wachsbildnissen Schaden zu stiften, ist uralt. Ein ganzer geschichtlicher Überblick würde allein den Umfang des gesamten ›Heptameron‹ weit übertreffen. Daher sollen hier zunächst nur wenige Andeutungen gegeben werden.

Ovid singt in den Heroiden:

›Devovet absentes simulacraque cerea figit,
Et miserum tenues in jecur urget acus.‹

(Zu deutsch: Er behext Abwesende; er stellt Wachsbildnisse her und sticht mit feinen Nadeln in die Leber der Unglücklichen. Ep. 6. Hyps. 91/92.)

Horaz in den Satiren:

›Lanea et effigies erat, altera cerea: maior
Lanea, quae poenis compesceret inferiorem;
Cerea suppliciter stabat, servilibus utque
Iam peritura modis.‹

(Zu deutsch: Es gab eine Puppe aus Wolle, eine andere aus Wachs; die größere, aus Wolle, schien die kleinere züchtigen zu sollen; die aus Wachs war in flehender Stellung, gleich als ob sie bereit sei, elendiglich zu sterben. Lib. 1. Sat. 8, V. 29 - 33.)

In diesen zwei Zitaten sind schon mehr Einzelheiten gegeben als im ›Heptameron‹: man erfährt bei den Versen Ovids, daß man die lästigen Mitmenschen durch Nadelstiche in die Grube beförderte, bei Horaz, daß nicht immer Wachs verwendet wurde, daß dieses sich aber für Ermordungszwecke besonders eignet. Machen wir, da wesentliche Einzelheiten noch fehlen, einen Sprung in das gesegnete Mittelalter.

Anno Dreizehnhundertdreiunddreißig-vierunddreißig fand ein großer Prozeß gegen Robert d'Artois statt, der beschuldigt war, gegen die Frau und den Sohn von Philipp dem Sechsten solches Verbrechen vorbereitet zu haben. In den Akten, die sich im Trésor des Chartes finden, entdeckte man sehr witzige Einzelheiten, die hier, gleich übersetzt, auszugsweise wiedergegeben werden sollen. Der liebe Robert wollte sich einen Mönch kaufen, welcher ihm die beiden Bildnisse taufen sollte. Der Mönch hatte dafür keine Sympathie und seine Aussage kostete nicht zum wenigsten dem angehenden Hexenmeister die letzten Jahre seines irdischen Aufenthaltes. Hier einiges aus den Mitteilungen des Mönches Heinrich:

›(Robert erzählte ihm, daß er von Freunden einen volt oder voust zugeschickt bekommen habe.) Bruder Heinrich fragte ihn: »Was nennet Ihr also?« – »Das ist ein Bildnis,« entgegnete Robert, »so aus Wachs besteht und solches man taufet, auf daß man jene zu Tode bringet, welche man will.« – »Hier nennet man selbige nicht voust,« sagte der Mönch, »man heißet sie manies.«

(Der Mönch ist für seinen Beruf ziemlich gut orientiert. Diese manies bestanden aber zumeist aus Teig. Ihr Name ist wohl eine Entstellung des Wortes Mumie, etwa heute Unterbewußtsein. Volt und voust sind die Wortstämme, aus denen das französische envouter [behexen] entstand.)

›. . . Alsdann öffnete Robert einen Schrein, daraus er ein Bildnis nahm mit einem kreppbedeckten Hute, welches Bildnis einem jungen Manne wahrhaftiglich gleich sah, und wohl ein und einen halben Fuß der Länge nach maß . . . und unter dem Hute schauten Haare hervor . . .‹

Weitere Einzelheiten aus einem Prozeß von dreizehnhundertsiebenundvierzig: Der Beklagte (Pepin) gibt an:

›. . . Mit Wachs, etwa zween Pfund, machte er ein Bildnis mit eigner Hand und stellete es in warmem Wasser her und sprach dabei die nötigen Worte . . . Er erklärte, nur er allein könne verhindern, daß die Person (die dargestellt war) stürbe, wenn ein anderer das Bild verletze . . .‹

Ein anderer gesteht in einem ähnlichen Prozeß: ›Er wollte die gefundenen Wachsbildnisse allmählich bei fünfzehn verschiedenen Graden zerschmelzen lassen, also daß die Personen an Entkräftung unter Qualen zugrunde gingen . . . er wollte diese Qual auf sechs Monate ausdehnen . . .‹

Alle obigen Schandtaten kamen nicht zur Ausführung. Fassen wir, bevor wir die Möglichkeit des Erfolges nach dem Stande modernen Wissens erwägen, den genauen Hergang zusammen: Man verfertigte Wachsbilder, denen man eine möglichste Lebensähnlichkeit gab, das heißt, man versah sie mit Haaren, oft auch Nägeln, Kleidern und so weiter. Man schrieb auf ihre Brust oder Stirn den Namen des Opfers und taufte sie mit Weihwasser, zumeist unter bestimmten Formeln, möglichst in der Kirche. Häufig knetete man in den Teig noch Dinge, die zum Körper des Opfers gehört hatten, zum Beispiel Nägel, Haare, Blut und so weiter oder fügte den Kleidern benutzte Stoffetzen bei. Die Einzelheiten, ›wann‹ solche Prozeduren vorgenommen wurden, gehören nicht hierher. Dann fügte man den Bildnissen je nach Wunsch die verschiedensten Schäden zu (in manchen Fällen umgekehrt wurden dieselben zur Heilung, zum Beispiel von Wunden, Brüchen und so weiter benutzt (siehe Paracelsus und andere) und der Effekt machte sich angeblich spontan bei dem Opfer bemerkbar).

Was sagt hierzu die Wissenschaft? Neben der großen Zahl derer, die einfach lächelten oder verächtlich den Rücken kehrten, befanden sich einige Gelehrte, die sich die Mühe gaben, darüber nachzudenken. Unter diesen gelang es einem eifrigen Forscher auf dem Gebiet des Hypnotismus, Albert de Rochas, festzustellen, daß in einer gewissen Phase hypnotischen Schlafes die Sensibilität des Körpers diesen verläßt und sich schichtweise außerhalb desselben lagert – sich ›exteriorisieren‹ läßt. Das erregte seine Aufmerksamkeit; er brachte vorsichtig ein Glas Wasser in eine dieser empfindlichen Schichten, und siehe da, das Wasser nahm diese offenbar irgendwie materielle, wenn auch unsichtbare Masse in sich auf und wurde selbst empfindlich, das heißt, die Berührung des Wassers wurde von den Hypnotisierten empfunden – und das nicht nur, solange dieselben schliefen, sondern auch nachdem sie erwacht waren, und zwar wenn die Berührung des Wassers in einem entfernten Zimmer vorgenommen wurde, so daß also Suggestion ausgeschlossen war.

Vom Horn zu den Hörnern ist nur ein Schritt: Albert de Rochas nahm statt Wasser – Wachs. Der Effekt wurde besser. Die Berührung einer Wachsfigur im Nebenzimmer wurde von der wachen Person gespürt, doch nur annäherungsweise. Man knetete einige Haare des Objektes hinein: die Berührungsstellen präzisierten sich. Nun wurde der Experimentator modern. Er machte eine photographische Aufnahme auf einer Platte, die man in der sensiblen Schicht ›gesättigt‹ hatte; und dann wagte er es, die Platte im Nebenzimmer an der Stelle, die eine der Hände zeigte, zu kratzen – sofort brach das wache, ahnungslose Objekt in ein Wehgeschrei aus und – horribile dictu – seine Hand wies nachher rote Male wie von Kratzwunden auf! Die Experimente wurden mit Patienten des Klinikers Doktor Luys wiederholt und Herr de Rochas durfte alsbald einigen aufgeregten Berichterstattern dankend quittieren, daß er mit dem Teufel im Bunde steheAlberet de Rochas: L'extériorisation de la sensibilité. Etude expérimentale et historique. Ed. Chamuel. Paris 1895. – Leider ist das Werk vergriffen und eine deutsche Übersetzung gibt es meines Wissens nicht..

Dieser denkende Forscher war kein Wundertier, er hatte nur aus den verachteten Werken eines Paracelsus herausgelesen, daß der Wille eine große Rolle dabei spielt, und sich gesagt, daß es sich dabei irgendwie um eine Verwertung des ›Unterbewußtseins‹ handelt. Weiteres wird den Leser nicht interessieren. Daß diese Tatsachen dem großen Publikum nach Möglichkeit vorenthalten werden, ist ein wahres Glück, denn die Vergangenheit lehrt, welcher Unfug, richtiger welche Verbrechen damit begangen wurden. Und die Neuzeit lehrt ähnliches; denn Dynamit- und ähnliche Attentate wären nicht möglich, wenn die wissenschaftlichen Forschungsresultate der Allgemeinheit nicht allzu zugänglich gemacht würden. Etwas Nachdenken über dies Thema würde jene Schreier für die Popularisierung des menschlichen Wissens schnell und energisch ad absurdum führen. Aber mit dem Nachdenken ist das eben – so 'ne Sache.

Merkwürdiger ist es, daß die Vertreter der Wissenschaft vor diesem Resultat haltgemacht haben, schlimmer noch, daß sie es zumeist ignorieren. Der Leser mag überlegen, wovor sie Angst haben. Freilich, die Experimente sind gefährlich (und ich möchte jedem Leser um Gottes willen raten, seine Finger davon zu lassen!), aber so gefährlich sind sie nicht. Vielmehr gilt es, einen entscheidenden Schritt zu machen, und man mag nun überlegen, ob es ein Schritt ›vorwärts‹ ist. Denn er führt ja geradeswegs in die Anschauungen des Mittelalters! So tritt vor uns die bange Frage: führt denn also ein Schritt in die Erkenntnisse des Mittelalters vorwärts oder rückwärts? – Peinlich!!

Jedenfalls ließ sich hierdurch erweisen, daß uns von jener Zeit nicht so unübersteigbare Schranken trennen, daß vielmehr – zu hoffen ist, daß – der Abstand zwischen jetzt und damals in mancher Beziehung allmählich kleiner wird. Gerade Werke wie das ›Heptameron‹ der Königin von Navarra lehren uns, daß es damals sogar in Laienkreisen recht gebildete, kluge, scharfsichtige Menschen gab, die ganz gut wußten, was sie dachten und taten. Daß sie zu Gottes Ruhm eine Menge von Menschen töteten, die wir heute in die Nerven- oder Irrenanstalt sperren würden, daß sie eine nicht mindere Menge gar verbrannten, während wir sie heute mit Beil, Guillotine oder Strick ins Jenseits befördern! – das ist am Ende kein so trennendes Moment. Vielmehr vielleicht, daß jene Menschen, wie gesagt, mehr – Menschen waren als wir, daß sich in Fällen von Hysterie mehr katastrophale Erscheinungen bemerkbar machen (nebenbei, wie kann ein Arzt heute ernstlich glauben, wenn er zum Beispiel das ›Heptameron‹ gelesen hat, daß die Hysterie und Neurasthenie heute häufiger ist als früher!), darin liegt ein bemerkenswerter Unterschied. Aber wir glauben bei näherer Betrachtung der Weltgeschichte behaupten zu können, daß es sich damit verhält wie mit Ebbe und Flut: das Gefühlsleben der Völker schwillt an und schwillt wieder ab, und die Niveauunterschiede halten nicht an.

Daß der Gegensatz nicht allzu groß ist, beweist der Ruhm, dessen sich ein ›Dekameron‹ und ›Heptameron‹ auch heute erfreut. Selbst wer sich allen kulturgeschichtlichen Interessen fernhält, vermag sich damit manch genußreiche Stunde zu schaffen. Die scharfpointierten, oft spöttischen Bemerkungen werden auch dem ernsten Manne ein fröhliches Lächeln abnötigen, und wer sich über einige etwas sehr ›freie‹ Wendungen in den Gesprächen dieser Edelleute und Edelfrauen entrüsten möchte, mag sich bei dem Gedanken beruhigen, daß diese Dinge um dreihundertfünfzig Jahre und mehr noch zurückliegen, daß bereits wenige Dezennien später der Gesprächston ein viel gemessener wurde und die verhüllenden Feigenblätter der offiziellen Moral ihren deckenden Schutz über allzu unverhüllte Offenherzigkeiten hinbreiteten. Oder aber, er mag sich etwas über den modernen Gesprächston unserer Zeit orientieren: ich glaube, er kehrt beschämt zu den guten Alten zurück und denkt: die Wilden sind doch bessere Menschen.

Hier sei nun noch der Textbehandlung einiges gewidmet. Die Sprache des Originals ist jenes alte Französisch, das man als den Anfang der einheitlichen französischen Sprache betrachtet. Die Sprache, die vordem üblich war, ist (wie die Verfasserin selbst vor der siebzigsten Erzählung andeutet) nur dem Eingeweihten verständlich. Aber auch das Original des ›Heptameron‹ dürfte den meisten Nichtfranzosen noch recht erkleckliche Schwierigkeiten bereiten. Darauf sei hier hingewiesen, weil es für die Wahl des Übersetzungsstiles von ausschlaggebender Bedeutung war. Ein moderner Übersetzer hat sich den Virtuosenspaß erlaubt, ein stilistisch recht neuzeitliches Werk, das nur einige Archaismen aufweist, in altertümliches Deutsch zu übertragen. Da er den Erfolg für sich hatte, soll es ihm nicht zu allzuschwerem Vorwurf gemacht werden. Hier aber war dieser Stil eine unbedingte Notwendigkeit. Wenn man vor der Wahl steht, so ist ein Zweifel schon deshalb ausgeschlossen, weil jeder Versuch, in streng moderner Sprache das ›Heptameron‹ wiederzugeben, am Ende doch fehlschlagen wird und zu jener stillosen Halbheit führt, die unsere meisten deutschen Übersetzungen charakterisiert: Gallizismen, häßliche Konstruktionen und stimmungszerreißende Fremdworte. Alte Werke sind nun einmal nur in entsprechendem Stil wiederzugeben, und wer nicht daran gewöhnt ist, wird sich doch wohl bald hineinlesen und an manch putziger Wendung Freude finden, die allein unserm guten alten Deutsch vorbehalten ist zum Unterschiede von modernen, hypersensiblen und sonstigen ›Nuancen‹.

Eine andere Frage war, ob der Text völlig ungekürzt vorgelegt werden sollte. Diese Frage war ebenso unbedingt zu verneinen. Die bisherigen Ausführungen beweisen wohl, daß meine Wenigkeit, der Übersetzer, befleißigt war, jede feinste und kleinste Einzelheit, die nur irgendeinen Leser interessieren konnte, ans Tageslicht zu ziehen und zu erhalten. Aber wie der Gärtner hie und da ein welkes Blatt entfernen muß, um den Rosenstrauß zu voller Wirkung zu bringen, so muß auch der Herausgeber bei aller Hingabe sich klar sein, daß diese und jene Kleinigkeit das Bild beeinträchtigt statt zu heben: es gibt auch im ›Heptameron‹ verblaßte Stellen, endlose Reden, die nichts sagen, und in schwülstigen Wendungen hundertmal dasselbe, längst bekannte wiederholen. Und dabei weiter noch in manchem Dialog phrasenhaftes Gerank, das die Blüten verdeckt, das die Pointen schädigt. Dort mußte im reinen Interesse des Lesers hier und da ein Strichlein angebracht werden, um dafür zu sorgen, daß seine Aufmerksamkeit nicht ermüdet wird und er gar die Lust am Weiterlesen verliert.

Wir leben heute in einer Zeit (ich muß leider diese an sich nicht merkwürdige Behauptung in verschiedenem Zusammenhange wiederholen), die neben andern schönen Eigenschaften eine Neigung hat, das Alte ob des Staubes und Schmutzes zu preisen, der daran klebt. Gleich dem Liebhaber, der einen ehrwürdigen Schreibtisch nicht kaufen will, weil er zu gut erhalten ist, und lieber einen gefälschten erwirbt, weil er Wurmlöcher und zerstoßene Ecken hat, so begeistern sich eine große Zahl unserer Mitbürger (und nicht nur diese) für ein Buch, wenn es recht dreckig und zerrissen ist und eine alte Jahreszahl darinnen steht. Der Inhalt ist ziemlich Nebensache. Ja, schlimmer noch, die geduldige Herde des gutgläubigen Publikums wird auf jede Weise angefeuert, diesen Blödsinn mitzumachen, und die falschen Propheten suchen die Masse der Zuhörer zur Kunstheuchelei zu verführen und haben gar damit Erfolg. Ein Dürerbild ist ein Meisterwerk, auch wenn es verzeichnet ist, das schlechteste Gelegenheitswerk von Bach ein unübertreffliches Kunstdenkmal, nur weil Dürer oder Bach die Urheber waren. Den Leuten sagen, daß Dürer sich bisweilen in der Perspektive etwas geirrt, daß Bach auch einmal eine schwache Stunde gehabt hat, gilt für eine Profanation und den Beweis unbeschreiblicher Unbildung und Verständnislosigkeit.

Das sind traurige Gesichtspunkte, die für die Urteilsfähigkeit dieser Herrschaften ein klägliches Zeugnis ablegen. Man sollte sich doch damit zufrieden geben, daß ein welkes Blatt an einem sonst grünbelaubten Baume weder dessen Krankheit und Absterben, noch das Nahen des Winters ankündigt, daß es dem Laubschmuck nicht zur besonderen Zierde gereicht und daß man nicht zu schreien braucht, wenn der Wind es davonträgt oder der Gärtner es ablöst.

Solcher welken Blätter gibt es auch einige im ›Heptameron‹. Aber der Herausgeber vermeint, daß sie dem lebensfrischen Blütenkranze nicht zum Schmucke dienen, daß ein Weniger hier mehr bietet und daß der Leser ihm für die Entfernung des gottlob so wenigen Dank weiß! Denn ich glaube, die wenigsten werden sich dies oder ein ähnliches Buch kaufen in der Erwartung, sich hie und da durch unerträgliche Phrasen und Lamentationen durcharbeiten zu müssen. Viele essen mit Vergnügen die schön bereiteten Erdbeeren. Aber ehe dieselben Leute sich ihre tägliche wohlgehäufte Schüssel selbst zusammensuchen, überlegen sie sich die Sache doch noch eine Weile und überlassen es lieber anderen. Die wenigsten aber werden mit Überzeugung den Staub um seiner selbst willen lieben und preisen.

Der Leser mag ruhig sein: der Striche sind nicht viele und der unmaßgebliche Verfasser dieser Zeilen hält sie gar für einen Vorzug seiner Ausgabe. Er wird erfreut sein, wenn seine Leser ihm darin beipflichten. Ein Werk, das mit Recht als anmutig und unterhaltsam gepriesen wird, darf ohne Not an keiner Stelle seinen Ruhm beeinträchtigen und Gelegenheit geben, daß man mit müdem Gähnen nach der nächsten Seite blättert. Es soll den Frohsinn seiner Verfasserin widerspiegeln, und seine ernsten oder rührenden Betrachtungen sollen das Gleichgewicht bilden gegen allzuviel Ausgelassenheit.

So mögen die Erzählungen der Königin von Navarra die Stimmungen ausstrahlen, die deren fiktive Zuhörer daran rühmen, die Saiten der Seele zum Mitschwingen bringen, für die sie bestimmt waren.

St. Petersburg, Januar 1913.

Carl Theodor Albert Ritter von Riba.

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