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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Die Salons der Hauptstadt

So geschah es. Sie sprachen zuerst bei Frau Suppe vor, der Gattin eines Nahrungsmittelfabrikanten, der eine Fabrik im Norden hatte. Sie fanden Herrn und Frau Suppe unglücklich, weil sie nicht von Frau Sterling empfangen wurden, der Gattin eines Hüttenbesitzers und Abgeordneten. Sie begaben sich zu Frau Sterling und fanden sie sowie Herrn Sterling verzweifelt, weil sie nicht von Frau von Colombier empfangen wurden, der Gattin eines Herrenhausmitglieds und früheren Justizministers. Sie gingen zu Frau von Colombier und fanden sie und ihren Gemahl wütend, weil sie nicht zu den Intimen der Königin gehörten.

Die Besucher, die sie in diesen verschiedenen Häusern trafen, waren nicht weniger unglücklich, verzweifelt oder wütend. Krankheit, Herzenskummer und Geldsorgen nagten an ihnen. Die Besitzenden fürchteten zu verlieren und waren unglücklicher als die, welche nichts hatten. Die Niedrigstehenden wollten etwas vorstellen, die Berühmten mehr. Die meisten wurden von Arbeit erdrückt, und die, welche nichts zu tun hatten, litten unter einer Langweile, die grausamer war als die härteste Arbeit. Mehrere litten für andere mit, für ihre Frau, ein geliebtes Kind. Viele siechten an einer Krankheit dahin, die sie gar nicht hatten, aber zu haben glaubten, oder deren Nahen sie fürchteten. Eine Choleraepidemie hatte in der Hauptstadt gewütet, und man erzählte von einem Geldmanne, der aus Furcht vor Ansteckung und nicht wissend, wo er sich in Sicherheit bringen sollte, Selbstmord beging.

»Das Schlimmste ist«, sagte Vierblatt, »daß alle diese Leute, nicht zufrieden mit den wirklichen Übeln, die hageldicht auf sie herabregnen, noch in einen Sumpf eingebildeter Leiden hineinrennen.«

»Es gibt keine eingebildeten Leiden«, antwortete Waldteufel. »Alle Leiden sind wirklich, sobald man sie spürt, und der Traum vom Schmerz ist ein wirklicher Schmerz.«

»Immerhin«, erwiderte Vierblatt. »Wenn ich Steine von der Größe eines Enteneies in meinem Harn habe, so möchte ich schon, daß es ein Traum wäre.«

Waldteufel kam wieder auf die Beobachtung zurück, daß die Menschen sehr oft aus entgegengesetzten und sich widersprechenden Gründen betrübt sind.

Im Salon von Frau von Colombier plauderte er abwechselnd mit zwei geistvollen, aufgeklärten, gebildeten Männern, die durch die Wendungen und Umwege, mit denen sie, sich selber unbewußt, ihren Gedanken Ausdruck verliehen, ihm das moralische Übel enthüllten, das sie völlig erfaßt hatte. Die sozialen Verhältnisse waren für beide der Anlaß ihres Kummers, doch in entgegengesetztem Sinne. Herr Brom lebte in beständiger Furcht vor einer Umwälzung. Bei der jetzigen Stabilität der Verhältnisse, im Schoße des Wohlstands und Friedens, dessen das Land sich erfreute, fürchtete er Unruhen und bangte vor einem völligen Umsturz. Nur zitternd öffneten seine Hände die Zeitungen; allmorgendlich war er darauf gefaßt, von Aufruhr und Tumulten zu lesen. Unter diesem Eindruck verwandelte er die unbedeutendsten Ereignisse, die alltäglichsten Vorkommnisse in Sturmzeichen der Revolution und Vorboten des Zusammenbruchs. Stets wähnte er sich am Vorabend einer allgemeinen Katastrophe und lebte so in fortwährender Sorge.

Das entgegengesetzte Leiden, noch seltsamer und seltener, peinigte Herrn Sandrick. Die Ruhe langweilte ihn, die öffentliche Ordnung machte ihn ungeduldig, der Friede war ihm verhaßt, die erhabene Eintönigkeit der menschlichen und göttlichen Gesetze brachte ihn um. Er wünschte insgeheim Umwälzungen herbei, und während er vorgab, sie zu fürchten, sehnte er sich nach Katastrophen. Dieser Mann, gut, leutselig, menschlich, konnte sich kein anderes Vergnügen denken als den gewaltsamen Umsturz seines Landes, des Erdballs, des Weltalls; bis in die Sternenwelt spähte er nach Zusammenstößen und Weltbränden. Enttäuscht und niedergeschlagen, trübsinnig und grämlich, wenn der Ton der Zeitungen und der Anblick der Straßen ihm die unerschütterliche Ruhe seines Volkes offenbarten, litt er um so mehr darunter, als er durch Menschenkenntnis und Erfahrung in den Geschäften wußte, wie stark der konservative Geist der Tradition, der Nachahmung und des Gehorsams in den Völkern ist und wie gleichmäßig und schleppend das soziale Leben fortschreitet.

Waldteufel bemerkte während des Empfanges bei Frau von Colombier ein andres Hindernis, das größer und folgenschwerer war.

In einer Ecke des kleinen Salons unterhielt sich Herr von Galissonnière, Präsident des Zivilgerichts, friedlich und leise mit Herrn Larive-Dumont, Direktor des Zoologischen Gartens.

»Ich will es Ihnen gestehen, mein Freund«, sagte Herr von Galissonnière, »der Gedanke an den Tod bringt mich um. Unaufhörlich denke ich daran, unaufhörlich sterbe ich. Der Tod entsetzt mich, nicht seiner selbst wegen – denn er ist nichts –, sondern um dessentwillen, was ihm folgt: das künftige Leben. Ich glaube daran: ich habe die Gewißheit meiner Unsterblichkeit. Vernunft, Instinkt, Wissenschaft, Offenbarung, alles beweist mir das Vorhandensein einer unsterblichen Seele, alles zeigt mir die Natur, den Ursprung und das Ziel des Menschen so, wie die Kirche es lehrt. Ich bin Christ; ich glaube an die ewigen Strafen; das furchtbare Bild dieser Strafen verfolgt mich ohne Unterlaß; die Hölle flößt mir Angst ein, und diese Angst ist stärker als jedes andere Gefühl und zerstört in mir jede Hoffnung und alle Tugenden, die zur Seligkeit nötig sind; sie stürzt mich in Verzweiflung und setzt mich der Verdammnis aus, die ich fürchte. Die Furcht vor der Verdammnis verdammt mich, die Angst vor der Hölle stürzt mich hinein, und schon bei Lebzeiten erdulde ich im voraus die ewigen Qualen. Keine Marter läßt sich mit der vergleichen, die ich erleide und die sich von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde grausamer fühlbar macht; denn jeder Tag, jede Stunde bringt mich ja dem näher, wovor mir graut. Mein Leben ist ein Todeskampf voller Schrecken und Ängste.«

Während er so sprach, schlug der Beamte mit seinen Händen in die Luft, wie um die unauslöschlichen Flammen, von denen er sich umloht fühlte, zu vertreiben.

»Ich beneide Sie, teuerster Freund«, seufzte Herr Larive- Dumont. »Sie sind glücklich im Vergleich zu mir. Auch mich zerreißt der Gedanke an den Tod; doch wie anders ist diese Vorstellung als die Ihre und wieviel schauervoller! Meine Forschungen, meine Beobachtungen, die beständige Praxis der vergleichenden Anatomie und eingehende Studien über das Wesen der Materie haben mich nur zu sehr überzeugt, daß die Worte Seele, Geist, Unsterblichkeit, Unstofflichkeit nur physische Erscheinungen repräsentieren oder die Negation solcher Erscheinungen, und daß für uns das Lebensende auch das Ende des Bewußtseins ist, kurzum, daß der Tod unsere völlige Vernichtung bedeutet. Es gibt kein Wort, um das, was auf das Leben folgt, auszudrücken, denn der Ausdruck Nichts, den wir dafür anwenden, ist nur eine Verleugnung der gesamten Natur. Das Nichts ist ein unendliches Etwas, und dieses Etwas umgibt uns. Wir gehen daraus hervor und kehren dahin zurück; wir treiben zwischen zwei Nichts wie eine Muschel auf dem Meere. Das Nichts ist das Unmögliche und zugleich das Gewisse; es läßt sich nicht begreifen und ist doch vorhanden. Das Unglück der Menschen, sehen Sie, ihr Unglück und ihr Verbrechen ist, daß sie diese Dinge entdeckt haben. Die übrigen Tiere kennen sie nicht; wir sollten sie für alle Ewigkeit nicht kennen. Sein und Aufhören zu sein! Der Graus dieser Vorstellung läßt mir die Haare zu Berge stehen; er verläßt mich nicht mehr. Das, was nicht sein wird, verdirbt und entwertet mir das, was ist, und das Nichts verschlingt mich schon im voraus. Entsetzliche Absurdität! Ich fühle, ich sehe mich vernichtet!«

»Ich bin mehr zu beklagen als Sie«, antwortete Herr von Galissonnière. »Jedesmal, wenn Sie dieses Wort aussprechen, dies perfide und köstliche Wort Nichts, liebkost es sanft meine Seele und umschmeichelt mich, wie das Kopfkissen einen Kranken, mit dem Versprechen ruhigen Schlummers

Doch Larive-Dumont: »Meine Schmerzen sind unerträglicher als die Ihren, denn der große Haufe findet sich in die Vorstellung einer ewigen Hölle, während es ungewöhnlicher Geisteskraft bedarf, um Atheist zu sein. Religiöse Erziehung und mystische Denkweise flößten Ihnen die Furcht vor dem menschlichen Leben und den Haß darauf ein. Sie sind nicht nur ein katholischer Christ; Sie sind Jansenist und tragen in Ihrem Busen den Abgrund, der neben Pascal gähnte. Ich für mein Teil liebe das Leben, das irdische Leben, so wie es ist, dieses Hundeleben. Ich liebe es, so brutal, gemein und grob, so stumpfsinnig, blöde und grausam es ist; ich liebe es in seiner Unzüchtigkeit, in seiner Schmach, seiner Niedrigkeit, mit all seinem Schmutz, seiner Häßlichkeit und seinem Gestank, seiner Verderbtheit und Pestilenz. In dem Gefühl, daß es mir entschlüpft und entflieht, zittre ich wie ein Feigling und werde toll vor Verzweiflung.

An Sonn- und Festtagen streife ich durch die Stadtgegenden, wo das kleine Volk haust, mische mich unter die Menge, die durch die Straßen wogt, trete unter die Gruppen der Männer, Weiber und Kinder, zu den Straßensängern und vor die Meßbuden. Ich reibe mich an schmutzigen Röcken und fettigen Hosen, ich sauge die starken, heißen Dünste von Schweiß, Haaren und Atem ein. In diesem Getriebe des Lebens kommt es mir vor, als wäre ich dem Tode entrückt. Ich höre eine Stimme in mir: ›Von der Furcht, die ich dir einflöße, kann ich allein dich heilen. Von der Entmutigung, die meine Drohungen dir bereiten, kann ich allein dich befreien.‹ Doch ich will nicht, ich will nicht!«

»Ach«, seufzte der Beamte, »wenn wir die Krankheiten, die unsere Seelen zerstören, nicht in diesem Leben heilen, der Tod bringt uns keine Ruhe!«

»Und was mich rasend macht«, fuhr der Gelehrte fort, »ist, daß ich, wenn wir beide tot sind, nicht einmal die Genugtuung haben werde, zu Ihnen zu sagen: ›Sehen Sie, Galissonnière, ich irrte mich nicht: es ist nichts!‹ Ich kann mir nicht schmeicheln, recht gehabt zu haben. Und Sie, Sie werden nie enttäuscht sein. Wie teuer bezahlt sich das Denken! Sie sind unglücklich, mein Freund, weil Ihr Denken umfassender und stärker ist als das der Tiere und der meisten Menschen. Und ich bin unglücklicher als sie, weil ich mehr Geist habe.«

Vierblatt, der einige Brocken dieses Gespräches aufgefangen hatte, war nicht sehr betroffen darüber.

»Das sind Geistesschmerzen«, sagte er; »sie können sehr heftig sein, sind aber wenig verbreitet. Was mir mehr Sorge bereitet, sind die gewöhnlicheren Leiden, die körperlichen Schmerzen und Mißbildungen, Liebeskummer und Geldnöte, die unsere Nachforschungen so schwer machen.« »Überdies«, bemerkte Waldteufel, »übertreiben diese beiden Herren ihre Doktrin gewaltig zu ihrem eigenen Unglück. Wenn Galissonnière einen tüchtigen Jesuitenpater um Rat fragte, so würde er bald beschwichtigt sein; und Larive-Dumont könnte wissen, daß man Atheist mit heiterer Seele sein kann, wie Lukrez, und mit Wonne, wie André Chénier. Er sollte sich Homers Verse vorsagen: ›Auch Patroklos ist gestorben und war mehr als du‹, und sich gutwillig darein ergeben, eines Tages seinen Meistern, den antiken Philosophen, den Humanisten der Renaissance, den modernen Gelehrten und so vielen andern nachzufolgen, die mehr waren als er. ›Auch Paris und Helena sterben‹, sagt François Villon. ›Wir sind alle sterblich‹, wie Cicero sagt. ›Wir sind alle des Todes‹, sagt jenes Weib, dessen Klugheit die Bibel im zweiten Buche der Könige lobt.«

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