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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Die Königliche Bibliothek

Der Bibliothekar lud sie ein, Platz zu nehmen, und wies dann mit einer Handbewegung auf die Unmenge Bücher, die an den vier Wänden vom Boden bis zur Decke aufgestellt waren.

»Hören Sie nichts?« fragte er. »Hören Sie den Lärm nicht, den sie machen? Mir sind die Trommelfelle davon geplatzt. Sie sprechen alle durcheinander, in allen Sprachen. Sie disputieren über alles: über Gott, Natur und Mensch, über Raum und Zeit, über die Zahlen, das Erkennbare und Unerkennbare, über Gut und Böse; sie untersuchen alles, behaupten alles, bestreiten alles, leugnen alles. Sie reden Vernunft und faseln. Manche sind leichtfertig, manche gründlich, lustig und traurig, weitschweifig und gedrängt; mehrere reden, um nichts zu sagen, zählen Silben und sammeln Laute nach Gesetzen, deren Ursprung und Sinn sie selber nicht verstehen: das sind die selbstzufriedensten. Einige sind von strenger und finsterer Art; sie spekulieren nur über Gegenstände, die jeder Sinnlichkeit bar und aus allen natürlichen Zusammenhängen sorgsam herausgelöst sind; sie bewegen sich im Leeren und tummeln sich in den unsichtbaren Kategorien des Nichts; und das sind hartnäckige Streiter, die ihre geistigen Wesenheiten und Symbole mit blutgieriger Wut verfechten. Ich will mich nicht bei denen aufhalten, die über ihre Zeit oder vergangene Zeiten Geschichten schreiben, denn niemand glaubt sie ihnen. Es sind im ganzen achtmalhunderttausend in diesem Saale: und nicht zwei darunter denken völlig gleich über irgendeinen Gegenstand; und die, welche sich gegenseitig wiederholen, sind sich untereinander nicht einig. Sie wissen meistenteils nicht, was sie sagen, noch was die andern gesagt haben.

Meine Herren, wenn ich diesen allgemeinen Spektakel mitanhöre, so werde ich schließlich verrückt, wie alle, die vor mir in diesem Saale voller Stimmengewirr lebten, wofern sie nicht von Natur idiotisch waren wie mein verehrter Kollege, Herr Kaltengrund, den Sie mir gegenübersitzen sehen und der mit friedlichem Eifer katalogisiert. Er ist einfach geboren und einfach geblieben. Er war völlig einfach und ist nie vielfach geworden; denn die Einheit kann nie die Vielfalt hervorbringen, und darin, meine Herren, liegt – wie ich nebenbei bemerken möchte – die erste Schwierigkeit, der wir begegnen, wenn wir dem Ursprung der Dinge nachgehen; da die Ursache nicht einfach sein kann, so muß sie zwiefach, dreifach, vielfach sein, was schwer zu begreifen ist. Herr Kaltengrund ist von einfachem Geist und reiner Seele. Er lebt katalogisch. Von all den Bänden, die diese Wände zieren, kennt er Format und Titel und besitzt so das einzige exakte Wissen, das man in einer Bibliothek erwerben kann; und da er nie in ein Buch geguckt hat, so blieb er bewahrt vor der weichlichen Ungewißheit, dem hundertmündigen Irrtum, dem furchtbaren Zweifel, der schrecklichen Ungewißheit – lauter Ungeheuern, die das Lesen in einem fruchtbaren Hirn ausbrütet. Er ist ruhig und friedlich; er ist glücklich.«

»Er ist glücklich!« riefen die beiden Hemdsucher in einem Atem.

»Er ist glücklich«, wiederholte Herr Heißwasser, »doch er weiß es nicht. Und vielleicht ist man es nur unter dieser Bedingung.«

»Ach«, sagte Waldteufel, »das ist kein Leben, wenn man nicht weiß, daß man lebt; das ist kein Glück, wenn man nicht weiß, daß man glücklich ist.«

Doch Vierblatt, der den logischen Schlüssen mißtraute und sich in allen Dingen nur auf die Erfahrung verließ, trat an den Tisch, an dem Kaltengrund inmitten eines Haufens von alten Büchern katalogisierte, die in Kalbleder, Schafleder, Maroquin, Pergament, Schweinsleder und Holzbretter gebunden waren und nach Staub, Stockflecken, Mäusen und Ratten rochen.

»Herr Bibliothekar«, sagte er zu ihm, »seien Sie so gut, mir zu antworten. Sind Sie glücklich?«

»Ich kenne kein Werk unter diesem Titel«, sagte der alte Katalogmann.

Vierblatt erhob verzweifelt die Arme und setzte sich wieder an seinen Platz.

»Bedenken Sie, meine Herren«, sagte Heißwasser, »daß die alte Kybele Herrn Kaltengrund auf ihrem blühenden Busen trägt und mit ihm einen ungeheuren Kreis um die Sonne beschreibt und daß die Sonne Herrn Kaltengrund mitsamt der Erde und all ihren Trabanten von Sternen durch die Abgründe des Raumes nach dem Sternbild des Herkules hinzieht. Wozu? Von den achtmalhunderttausend Bänden, die um uns versammelt sind, kann keiner es uns sagen. Wir wissen es nicht – und alles übrige ebensowenig. Meine Herren wir wissen nichts. Die Gründe unserer Unwissenheit sind zahlreich, doch ich bin überzeugt, der Hauptgrund liegt in der Unvollkommenheit der Sprache. Die Unbestimmtheit der Worte verursacht die Verwirrung unserer Gedanken. Wenn wir uns mehr Mühe gäben, die Ausdrücke, mit deren Hilfe wir Schlüsse ziehen, besser zu definieren, so wären unsere Gedanken klarer und sicherer.«

»Was sagte ich Ihnen, Vierblatt!« rief Waldteufel triumphierend.

Und sich an den Bibliothekar wendend: »Herr Heißwasser, was Sie mir da sagen, erfüllt mich mit Freude. Und ich sehe, wir kamen bei Ihnen an die rechte Adresse. Wir kommen, Sie um die Definition des Glücks zu bitten. Es geschieht im Dienste Seiner Majestät.«

»Ich will Ihnen nach bestem Vermögen antworten. Die Definition eines Wortes muß etymologisch und gründlich sein. Was versteht man unter Glück? so fragen Sie mich. Glück, das ist Gelingen, bonum augurium, das heißt eine günstige Vorhersage aus Vogelflug und Vogelrufen, wohingegen Unglück, malum augurium, ein unglückliches Ergebnis der Untersuchung des Federviehs bedeutet.«

»Aber«, fragte Vierblatt, »wie kann man erkennen, ob ein Mensch glücklich ist?«

»Aus der Untersuchung der Hühner!« antworte der Bibliothekar.

»Die Eingeweideschau der Opferhühner«, wandte der Oberstallmeister ein, »ist seit der Römerzeit nicht mehr Mode.«

»Aber«, fragte Waldteufel, »ein Glücklicher, ist das nicht ein Mensch, dem der Zufall hold ist, und gibt es nicht gewisse äußere, sichtbare Zeichen dafür?«

»Der Zufall«, antwortete Heißwasser, »das ist das, was gut oder schlecht ausfällt, das ist das Würfelspiel. Wenn ich Sie recht verstehe, meine Herren, so suchen Sie einen Glücklichen, einen Menschen, den der Zufall begünstigt, für den die Vögel nur gute Vorzeichen haben und dem die Würfel beständig gut fallen. Diesen seltenen Sterblichen müssen Sie unter denen suchen, die ihr Leben beschließen, besonders unter denen, die schon auf dem Totenbett liegen, kurz, unter denen, die keine Hühner mehr zu befragen noch Würfel zu werfen haben. Denn die allein können sich eines getreuen Zufalls und eines beständigen Glückes rühmen. Hat Sophokles nicht in seinem ›König Ödipus‹ gesagt: ›Nennt keinen Menschen glücklich, eh' er stirbt‹?«

Diese Ratschläge mißfielen Vierblatt, dem der Gedanke, das Glück nach der letzten Ölung zu suchen, wenig zusagte. Auch Waldteufel fand kein Vergnügen daran, den Sterbenden ihr Hemd wegzunehmen; doch da er Philosophie und Wißbegier besaß, fragte er den Bibliothekar, ob er keinen von den schönen Greisen kenne, die ihre glorreichen falschen Würfel zum letzten Male warfen.

Heißwasser schüttelte den Kopf, erhob sich, ging ans Fenster und trommelte gegen die Scheiben. Es regnete; der Exerzierplatz war leer. Im Hintergrund ragte ein Prunkpalast, dessen Attika mit Kriegstrophäen geschmückt war und dessen Giebel eine Kriegsgöttin zierte, die auf dem Helm eine Hydra, um die Brust einen Schuppenpanzer trug und ein Römerschwert schwang.

»Gehen Sie in den Palast dort«, sagte er schließlich.

»Wie!« rief Waldteufel überrascht. »Zum Marschall von Volmar?«

»Ohne Zweifel. Welcher Sterbliche ward mehr vom Glücke begünstigt als der Sieger von Elbrüz und Baskir? Volmar ist einer der größten Feldherren, die je gelebt haben, und von allen der, dem das Glück am beständigsten treu war.«

»Das weiß die Welt«, sagte Vierblatt.

»Sie wird es nie vergessen«, fuhr der Bibliothekar fort.

»Der Marschall Stampfer, Herzog von Volmar, kam zu einer Zeit auf die Welt, als die Kriegswirren der Völker nicht mehr die ganze Erdoberfläche gleichzeitig in Brand setzten. Diese Undankbarkeit des Schicksals wußte er wettzumachen, indem er sich mit seinem Herzen und seinem Genie auf alle Stellen des Erdballes warf, wo ein Krieg ausbrach. Mit zwölf Jahren diente er in der Türkei und machte den Feldzug in Kurdistan mit. Seitdem hat er seine siegreichen Waffen in alle Teile der bekannten Welt getragen; er hat viermal den Rhein überschritten, mit so unverschämter Leichtigkeit, daß der alte schilfbekränzte, völkertrennende Strom sich dadurch gedemütigt und verspottet fühlte. Er hat noch geschickter als der Marschall von Sachsen den Lys-Abschnitt verteidigt; er hat die Pyrenäen überschritten, den Tajo-Übergang erzwungen, die Pässe des Kaukasus erschlossen und ist den Dnjepr hinaufmarschiert. Er hat alle Nationen Europas abwechselnd verteidigt und bekämpft und sein Vaterland dreimal gerettet.«

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