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Das Hemd eines Glücklichen

Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorAnatole France
titleDas Hemd eines Glücklichen
publisherVerlag Volk und Welt GmbH
addressBerlin
printrun3
year1951
translatorFriedrich Oppeln-Bronikowski
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20060511
projectidebcd7a2f
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Jeronimo

Die spanische Botschaft leuchtete durch die Nacht. Der Widerschein ihrer Lichter vergoldete die Wolken. Girlanden von Lampen umzogen die Wege des Parks und gaben dem nahen Laubwerk die Durchsichtigkeit und Leuchtkraft von Smaragden. Bengalische Flammen röteten den Himmel über den schwarzen Baumwipfeln. Ein unsichtbares Orchester sandte schmachtende Klänge in den leichten Nachtwind. Die elegante Menge der Gäste bedeckte den Rasenplatz; die Fracks tummelten sich im Schatten; die Uniformen glänzten von Kreuzen und Ordensbändern; helle Gestalten huschten anmutig über den Rasen und zogen ihre Wohlgerüche hinter sich her.

Vierblatt erblickte zwei berühmte Staatsmänner, den Ministerpräsidenten und seinen Vorgänger, die miteinander plaudernd unter dem Standbild der Fortuna standen. Er wollte sie anreden. Doch Waldteufel riet ihm ab.

»Sie sind alle beide unglücklich«, sagte er. »Der eine ist untröstlich, die Macht verloren zu haben; der andere zittert, sie zu verlieren. Und ihr Ehrgeiz ist um so jämmerlicher, als sie beide in einer Privatstellung reicher und mächtiger sind als in der Ausübung der Macht, die sie sich nur durch die demütige und entehrende Unterwerfung unter die Launen der Kammern, die blinden Leidenschaften des Volkes und die Interessen der Finanzleute erhalten können. Was sie so leidenschaftlich erstreben, ist ihre prunkhafte Erniedrigung. Ach, Vierblatt, bleiben Sie bei Ihren Bereitern, Ihren Pferden und Hunden und trachten Sie nicht danach, die Menschen zu regieren.«

Sie gingen weiter. Kaum hatten sie ein paar Schritte getan, so wurden sie durch Lachsalven angelockt, die aus einem Boskett drangen: Sie traten näher und erblickten unter der Buchenlaube einen dicken, nachlässig gekleideten Mann, der auf vier Stühlen saß und Geschichten erzählte, während seine zahlreiche Gesellschaft an seinen Satyrslippen hing und sich über sein Halbgottantlitz beugte, das gleichsam mit der Hefe des Dionysos beschmiert war. Das war der berühmteste Mann des Königreichs und der einzige populäre: Jeronimo. Er sprach übersprudelnd, fröhlich und wortreich, warf Redensarten in die Luft, spann Geschichten an, die einen vorzüglich, die andern weniger gut, doch alle zum Lachen reizend. Er erzählte gerade, wie in Athen eines Tages die soziale Revolution ausbrach, die Güterteilung durchgeführt wurde und die Frauen Gemeingut wurden; aber die Alten und Häßlichen beklagten sich, vernachlässigt zu werden, und zu ihren Gunsten wurde ein Gesetz gemacht, wonach die Männer mit ihnen anfangen mußten, ehe sie die Jungen und Schönen bekamen. Und mit derber Ausgelassenheit schilderte er komische Hochzeiten, groteske Umarmungen und den verzweifelten Mut der Jünglinge beim Anblick ihrer triefnasigen und triefäugigen Geliebten, die zwischen Nase und Kinn Nüsse zu knacken schienen. Dann erzählte er saftige Zoten, Geschichten von deutschen Juden, von Pastoren und Bauern; es war ein ganzes Feuerwerk von Scherzen und ausgelassenen Plaudereien.

Jeronimo war ein wunderbarer Redner. Wenn er sprach, so sprach seine ganze Gestalt vom Kopf bis zu den Füßen, und nie hatte ein Redner so viel oratorische Mimik besessen. Abwechselnd ernst und ausgelassen, erhaben und burlesk, beherrschte er alle Arten der Redekunst; und derselbe Mann, der jetzt unter der Buchenlaube wie ein gelernter Schauspieler alle mögliche Kurzweil für einen Schwarm Müßiggänger und für sich selber zum besten gab, hatte gestern im Parlament mit seiner mächtigen Stimme Beifallsstürme entfesselt, die Minister erzittern lassen, die Tribünen in Aufregung versetzt und durch den Widerhall seiner Rede das ganze Land erregt. Mit gewollter Heftigkeit und berechneter Begeisterung war er zum Führer der Opposition geworden, ohne sich mit der Regierung zu entzweien; er vertrat das Volk und verkehrte mit der Aristokratie. Man nannte ihn den Mann des Tages. Er war der Mann der Stunde: sein Geist paßte sich stets dem Augenblick und dem Orte an. Er dachte so wie alle; sein umfassender, gemeiner Geist entsprach dem Durchschnitt der Staatsbürger; seine ungeheure Mittelmäßigkeit löschte alles Große und Kleine um ihn aus: man sah nichts als ihn. Schon seine Gesundheit hätte sein Glück gewährleisten müssen; sie war fest und klobig wie seine Seele. Als großer Trinker und großer Liebhaber gebratenen und frischen Fleisches nährte er sich von Freude und nahm sich den Löwenanteil aller irdischen Genüsse. Beim Anhören seiner wunderbaren Geschichten lachten Vierblatt und Waldteufel wie die übrigen; und während sie sich, mit dem Ellbogen anstießen, blinzelten sie nach dem Hemd hin, auf das Jeronimo die Soßen und Weine eines fröhlichen Mahles freigebig verschüttet hatte.

Der Botschafter eines hochmütigen Volkes, der dem König Christoph seine selbstsüchtige Freundschaft verschacherte, kam stolz und einsam über den Rasen geschritten. Er trat auf den großen Mann zu und verbeugte sich leicht vor ihm. Sofort verwandelte Jeronimo sich. Eine heitere Würde, eine überlegene Ruhe verbreitete sich über seine Züge, und seine bisher schallende Stimme schmeichelte dem Ohre des Botschafters mit den edelsten Huldigungen der Sprache. Seine ganze Haltung drückte Übereinstimmung in den auswärtigen Angelegenheiten, den Geist der Kongresse und Konferenzen aus; bis auf seine umgewürgte Krawatte, sein sich blähendes Hemd und sein elefantenmäßiges Beinkleid nahm alles an ihm, wie durch ein Wunder, diplomatische Würde und das Air der Botschafter an.

Die Gäste zogen sich zurück, und die beiden berühmten Männer plauderten lange in freundschaftlichem Ton miteinander. Sie schienen auf vertrautem Fuße zu stehen, was von den Politikern und den Damen vom ›Fache‹ sehr beachtet und kommentiert wurde.

»Jeronimo«, sagte einer von ihnen, »wird Minister des Auswärtigen, sobald er will.«

»Sobald er es ist«, erwiderte ein anderer, »steckt er den König in die Tasche.«

Die österreichische Botschafterin musterte ihn durch ihr Lorgnon und sagte: »Der Bursche hat Verstand. Er wird es weit bringen.«

Nach Beendigung dieses Zwiegespräches machte Jeronimo einen Gang durch den Park, mit seinem getreuen Jobelin, einer Art Stelzvogel mit Eulengesicht, der nie von ihm wich.

Der erste Staatssekretär und der Oberstallmeister folgten ihm.

»Wir müssen sein Hemd haben«, sagte Vierblatt ganz leise. »Aber wird er es hergeben? Er ist Sozialist und bekämpft die Regierung des Königs.«

»Bah, er ist kein boshafter Kerl«, erwiderte Waldteufel, »und er hat Geist, Er kann keine Veränderung wünschen, denn er gehört ja zur Opposition. Er trägt keine Verantwortung; seine Stellung ist ausgezeichnet. Ein guter Oppositionsmann ist stets konservativ. Täuscht mich nicht alles, so würde es diesen Demagogen sehr verdrießen, seinem König zu schaden. Wenn man es geschickt anfängt, kriegt man das Hemd schon. Er wird mit dem Hofe paktieren, wie Mirabeau. Er muß nur sicher sein, daß das Geheimnis gewahrt bleibt.«

Während sie so sprachen, schritt Jeronimo vor ihnen her, den Hut auf einem Ohre, indem er seinen Stock in der Luft kreisen ließ und seiner fröhlichen Laune in Späßen, Scherzen, Gelächter, Ausrufen und Trillern, in unanständigen Wortspielen, zotigen und schmutzigen Kalauern Luft machte. Da begegnete fünfzehn Schritte vor ihm der Herzog von Aulnes, der Schiedsrichter des guten Geschmacks und der Fürst der Jugend, einer Bekannten und begrüßte sie sehr einfach mit einer kurzen Geste, die nicht ohne Anmut war. Der Tribun beobachtete ihn mit aufmerksamem Blick, dann wurde er finster und nachdenklich, legte seine schwere Hand auf die Schulter des Stelzbeinigen und sagte: »Jobelin, ich gäbe meine Popularität und zehn Jahre meines Lebens hin, wenn ich den Frack so trüge und so mit den Frauen reden könnte wie der Geck da.«

Sein Frohsinn war verschwunden. Er ging jetzt trübsinnig, mit gesenktem Kopf und blickte ohne Freude auf seinen Schatten, den der höhnische Mond ihm zwischen die Beine warf wie einen chinesischen Hampelmann.

»Was hat er gesagt ? ...« fragte Vierblatt besorgt. »Macht er sich lustig?«

»Er war nie aufrichtiger und ernster«, erwiderte Waldteufel. »Er hat uns soeben die Wunde gezeigt, die ihn quält. Jeronimo ist untröstlich, daß es ihm an Vornehmheit und Eleganz fehlt. Er ist nicht glücklich. Ich gebe keine vier Dreier für sein Hemd.«

Die Zeit verstrich, und die Suche nach dem Hemd schien mühselig zu werden. Der Staatssekretär und der Stallmeister beschlossen, jeder für sich zu suchen, und kamen überein, sich während des Soupers in dem kleinen gelben Salon zu treffen, um sich das Resultat ihrer Nachforschungen mitzuteilen. Vierblatt stellte vornehmlich den hohen Militärs, dem Hochadel und den Großgrundbesitzern nach und verabsäumte auch nicht, sich bei den Damen zu erkundigen. Waldteufel, der scharfblickender war, las in den Augen der Geldleute und prüfte die Nieren der Diplomaten.

Sie trafen sich zur verabredeten Stunde, alle beide müde und mit langem Gesicht.

»Ich sah nur Glückliche«, sagte Vierblatt, »und ihrer aller Glück hatte einen Knacks. Die Militärs dürsten nach einem Orden, einer Beförderung oder Dotation. Die Vorteile und Ehren, die ihren Nebenbuhlern zufallen, zerfressen ihnen die Leber. Bei der Kunde, daß der General von Klingling zum Herzog der Comoren erhoben worden ist, sah ich sie gelb werden wie Lakritzenwasser und grün wie Eidechsen.

Einer von ihnen wurde feuerrot: nämlich vom Schlagfluß. Unsere Edelleute platzten zugleich vor Langweile und vor Ärger wegen ihrer Güter; ewig prozessieren sie mit den Nachbarn, werden von den Gerichten bedrängt und schleppen ihren drückenden Müßiggang sorgenvoll weiter.«

»Ich fand nichts Besseres als Sie!« sagte Waldteufel. »Und was mich verblüfft, ist, daß die Menschen entgegengesetzte Motive und widersprechende Gründe zum Leiden haben. Ich sah den Prinzen von Estella unglücklich, weil seine Frau ihn hintergeht; er liebt sie nicht etwa, doch er besitzt Eigenliebe. Und der Herzog von Malvert ist unglücklich, weil seine Frau ihn nicht betrügt und ihm so die Mittel nimmt, sein verschuldetes Haus wieder hochzubringen. Dem einen sind seine Kinder zur Last; der andere ist verzweifelt, daß er keine hat. Ich fand Städter, die nur davon träumen, auf dem Lande zu leben, und Landleute, die durchaus in die Stadt ziehen wollen. Zwei Männer mit Ehrenhändeln schütteten mir ihr Herz aus. Der eine war untröstlich, weil er einen, der ihm seine Mätresse genommen hatte, im Duell erschossen hatte, der zweite war verzweifelt, weil er seinen Nebenbuhler verfehlt hatte.«

»Ich hätte nie geglaubt«, seufzte Vierblatt, »daß es so schwierig sei, einem Glücklichen zu begegnen.«

»Vielleicht«, wandte Waldteufel ein, »fangen wir's auch nicht richtig an. Wir suchen auf gut Glück, ohne Methode; wir wissen eigentlich gar nicht, was wir suchen. Wir haben das Glück nicht näher bestimmt. Definieren wir es.«

»Das wäre verlorene Zeit«, antwortete Vierblatt.

»Ich bitte um Verzeihung«, erwiderte Waldteufel. »Wenn wir es definiert, das heißt begrenzt, bestimmt, nach Ort und Zeit festgelegt haben, so haben wir mehr Möglichkeiten, es zu finden.«

»Ich glaube nicht«, sagte Vierblatt.

Trotzdem kamen sie überein, den gelehrtesten Mann im Königreiche, Herrn Heißwasser, den Direktor der Königlichen Bibliothek, um Rat zu fragen.

Die Sonne war bereits aufgegangen, als sie das Schloß wieder betraten. Christoph V. hatte eine schlaflose Nacht verbracht und verlangte ungeduldig nach dem heilenden Hemd. Sie entschuldigten sich für die Verspätung und stiegen in den dritten Stock hinauf, wo Herr Heißwasser sie in einem riesigen Saale empfing, der achthunderttausend gedruckte Bände und Manuskripte enthielt.

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