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Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer

Jean Paul Richter: Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSämtliche Werke Abteilung I Band 4
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleDas heimliche Klaglied der jetzigen Männer
pages1087-1120
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1801
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Jean Paul

Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer

Eine Stadtgeschichte


Erste Ruhestunde

Räsonierender Katalog der handelnden Personen – der Aprilnarr

Kleidete ich diese Ruhestunde in einen Komödienzettel ein, so höb' ich freilich an: der Schauplatz ist in Krehwinkel, einem hübschen, aber sehr kotigen und steinichten Landstädtchen in Flachsenfingen, woraus drei farbenstriemige Holz-Ellenbogen jeden, der sich unter dem Tore nach Wegweisern umsieht, in drei Weltgegenden versenden. Allein die Ruhestunde ist mehr eine Komödie als ein Zettel davon, und Krehwinkel ebensowohl die Schauspielertruppe als der Schauplatz. Seit Jahren rang schon die Stadt nach nervis probandi und ganz entscheidenden Schlüssen in Festino, Darapti, Barocko und Ferison, daß der schönlockige Konsistorialrat Perefixe wirklich die Ehe breche mit der Berggeschwornen, der Madame Traupel; vermuten konnt' es jeder. Nur über die Frau waren die Frauen nicht zweifelhaft, sie warfen mit gewöhnlicher Wahl (wie man bei neugebornen Hündchen tut) bloß das schönere Geschlecht ins Wasser. Jede Krehwinklerin wünschte eine Helferin in jeder Not und besonders eine Geburtshelferin zu sein, bloß um die Hülfe so lange zu verweigern, bis nicht nur der Vater des Lebens-Prätendenten angegeben war, sondern auch die sämtlichen Vettern, Basen, Stiefgeschwister und Stiefeltern des Wurms. Überhaupt gibts in kleinen Städten keinen verdrüßlichern, windigern Ort – der Pranger ist dagegen ein Luststand – als ihre Gedächtnistafel, dieses Portativ-Drillhäuschen, das man immer voll auf jedem Kanapee aufstellt und umdreht. Die Vergißmeinnichte – welche schon die Botaniker unter die Giftpflanzen stellen, und welche es durch die Liebe noch leichter werden – sind, aus der Hand eines Städtchens gereicht, ein Blumenstrauß, den man einem armen Sünder ansteckt. Beschädigen will dabei niemand, weil jeder weiß, daß der Pranger-Statist immer in der Stadt so vollgültig nachher kursiere als vorher, so wie Juden, welche die Goldstücke in Scheidewasser einweichen, nur ihr Gewicht, nicht ihr Gepräge ändern wollen, sondern den fernern Kurs vielmehr herzlich verlangen.

Die Frage nun, welche – so wie Newton, Bernoulli, Leibniz schwere Probleme und Resultate in den Leipziger actis eruditorum ausstellten, damit das ganze mathematische Europa darauf vernünftig antwortete – ebenso der Rat Perefixe und die geschworne Traupel in den Krehwinklischen actis sanctorum dem Städtchen über ihren gegenseitigen Ehebruch vorlegten, damit es entscheide, war wie folgt abgefasset, so wie überhaupt die ganze Historie wie folgt angeht:

Der Konsistorialrat Perefixe war ein Mann, den man – wenn er im Sommer in den Damenklub des Nußmannschen Gartens trat, mit jugendlichen Blicken und offner heiterer Stirn, so gewandt und zierlich und als leichter Regisseur der sitzenden Truppe von ersten Liebhaberinnen – schwerlich für einen Konsistorialis nahm, geschweige für den ersten Sänger des heimlichen Klaglieds: Er gehörte unter die Leute, die in Deutschland von keinem Gewichte sind, weil sie mehr Quecksilber haben als Blei, obgleich jenes = 13,568 wiegt, dieses aber nur = 11,352; alles schien und war den Krehwinklern zu schnell an ihm, seine Sprache, seine Rührung, seine Liebe und Gefälligkeit, und dabei zu stark; jeder Fremde interessierte ihn so sehr, und jede Fremde zu sehr. Die bleierne Stadt will erweisen, daß er den Bettelstab in Händen hätte, wenn das salische Gesetz noch regierte, das einen Mann für jeden Druck einer fremden weiblichen mit 15 Goldschillingen abstrafte; und sie bewahrt Leute auf, die es aus dem eignen Munde dieses lutherschen Konsistorialrats vernommen, daß er sich gewünscht, ein – Kardinal zu sein, bloß weil dieser das Recht genösse, jede Fürstin und KöniginAusgenommen die französischen, nach Voltaire. auf den Mund zu küssen. Ein närrischer Mann! Doch in letzterem Wunsch ist ihm heutzutage nachzusehen, und ich trüge selber mit Vergnügen einen roten Hut. –

Natürlich ist er daher wie ein Franzos – und seinem Namen nach gehört er ja zur Kolonie – nicht galant gegen eine Frau, sondern gegen alle; und er dediziert – wie der Italiener jeden Band eines Werks einem andern Mäzen – so jede halbe Stunde einer andern Gönnerin; allein was die Stadt nicht übersieht, ist seine auszeichnende Liebe zu Madame Traupel und seine Besuche bei ihrem Manne. Dieser, von welchem sie den dummen Namen herhat, ist Berggeschworner und weniger auf der Erde bekannt als unter ihr. Dieser Berggeist oder Bergleib mit kurzer Nase und Stirn mag wohl besser und vielhaltiger sein, als ich ihn schildern will – seine Seele ist nicht wie die im orbis pictus aus Punkten, sondern aus Kommaten zusammengeschmiert, die nichts anfangen und nichts endigen – das dicke Fallgatter seiner schmalen Stirn lässet keine fremde Meinung ein, und das wenige, was er mit Wirkung lieset, ist vom Knappschaftsschreiber aufgesetzt – einen Lorbeerbaum, dessen Pfahlwurzel nicht in die Schachte hineinwächset, kann er nach seiner Meinung umblasen, und das A-leder ist ihm die einzige Logenschürze, die rechte bunte Flügeldecke des Menschen – fremder Hochmut setzt ihn ganz außer sich: »Ich könnte so gut prahlen als mancher andere,« (sagt er) »aber mit mehr Recht.« – Ebenso schont er fremde Dummheit nicht: »Ich muß sagen,« sagt er, »einfältige dumme Pinsel sind mir recht verhaßt; ich kann nicht leugnen, einfältiges Ochsen-Volk steh' ich nicht aus, und ich zwick' es nach Gelegenheit erbärmlich.« – Er hat die gute Gewohnheit deutscher Autoren, jeden Gedanken, wie einen Wechsel nach Welschland, stets zweimal nacheinander abzusenden, welches mir schon aus dem Gehirn – wo solcher wächset – einleuchtet, weil jeder Teil und Hügel doppelt daliegt. – –

Zu verwundern ist nur, wie er eine Frau nahm und bekam, welche funfzehn Sommer jünger als er – denn er war funfzehn Winter älter als sie – und überhaupt so schön, klug, keck, arm und gelehrt war, daß er eher in den nächsten Schacht vor ihr hätte untertauchen, als ihr daraus im Bräutigamsrock entgegensteigen sollen. Die geizigsten Männer haben zwar oft eine Stunde, wo die Liebe aus einem Handelsartikel ein Glaubensartikel wird, die wildesten eine, wo sie den Essig erreichen, der sich versüßet, wenn er die heiße Linie passiert, wiewohl er wieder versäuert, wenn er retour geht; aber die Sache war anders, und bloß der April, den die Alten mit einer Blume malten, gab unserem Traupel eine, nämlich seine Frau. Es ging so:

Den ersten April bat sie den Bergmann um die doppelte Erlaubnis, mit einer Freundin aus seinem großen Hause dem Jahrmarkte zuzusehen und ihn da in den April zu schicken. Das war für seinen innern Menschen wahre grüne Fütterung; er gab wohl zu, daß man ebenso klug sein könne wie er, aber nicht klüger; denn das Unverständliche war ihm das Unverständige, und Dunkelheit diesseits seines Augenlides eine jenseits desselben. Er schwur heimlich, nichts zu tun, was sie begehre, um sich in kein Aprilnarrenhaus zu verlaufen. Sie kam und versicherte ihn mit aufreizender Gewißheit, sie werd' ihn dahin verschicken. Er versetzte, wenn ihr das gelinge, erbiet' er sich, sie jedes Jahr, solang sie lebe, ins Karlsbad auf seine Kosten zu schicken; – »und ich«, sagte sie, »wette mich selber, ich heirate Sie.« –

Auf dem Markte war allerlei zu sehen und ebensoviel darüber zu reden; aber Traupel hütete sich vor letzterem. Er sah lieber Ninetten an und lauschte auf jede mimische Woge, die um jede Fischreuse spielte, in die er einfahren, auf jede Schwimmfeder eines Angelhakens, der für seinen Hechtskopf ein Passionsinstrument werden könnte. Auch Ninette schauete weniger die verworrenen Bewegungen des Marktplatzes an als die seiner Physiognomie, anfangs schelmisch, zuletzt teilnehmend. Plötzlich fuhr sie vom Fenster zurück, sie entdeckte einen Schieferdecker im Laufband seines Luftbänkchens den nahen Lorenzturm umrutschend. Dieser im Himmel und an so wenig Hanffasern hängende Laufstuhl machte ihr zu bange. Traupel setzte sich mit ihr aufs Kanapee; die Freundin, eine etwas dickgepolsterte jungfräuliche Fünfundvierzigerin, verharrete am Fensterstock, weil sie in der Welt nichts lieber tat als – sehen, schon aus Mangel der Ohren weniger als des Gehörs. Der feine Traupel hatte bloß den Aprilnarren im Kopf und bedachte alles, was er sagte. Ninetta versicherte, sie versteh' ihn recht gut, er wolle nur das Badreisegeld erretten, sogar auf Kosten seiner und ihrer Freiheit, aber es soll' ihm gewiß nicht so gut werden. Es wurde nun sehr gefochten – er fand freilich schöne Absichten auf sich in ihrer April-Wette und glaubte, sein Bild oder Bildchen sei in ihrem Herzen und gucke, sich auf die Zehen stellend, aus ihrem warmen Auge mit dem Gesichtchen zum Fenster heraus – er wurde noch entschlossener, seine Wette und Ehre und dadurch sie selber zu gewinnen – er machte in der Tarantel-Allemande der Liebe das Kompliment, die pas balancés, die Viertelsphysiognomie, den einfachen Händewechsel, die ½, die ¾, die ganze Physiognomie im Drehen und endlich den halben deutschen Sklaven mit dem pas emboitté und vergaß sich und den April und sprach vom Glückauf dieser Stunde (er ließ eigenhändig eine Repetieruhr an ihrem Halse solche repetieren) und erklärte außer noch andern Dingen seine Liebe – Da sprang sie lachend auf und sagte, daß es beinahe die taube 45gerin störte: »Aprilnarr, Aprilnarr! Wer liebt Sie denn? Ich nicht.« Der Geschworne war halbtot, folglich zum Glück auch halblebendig – sagte, das sei ja gottlos hausgehalten mit ihm – wurde versäuert, wieder abgesüßet – allein nach einigen Tagen gab sie so weit nach, daß sie beide verlieren wollten und sie die Heirat und er die jährliche Badreise verwettet haben sollte.

Wollte der Himmel, ich hätte damals ein Heirats-Bureau offengehalten und die Geschworne wäre in mein Komtoir getreten, ich würd' ihr einen ganz andern Mann, einen, der ein Hausmacht, einen Grafen oder dergleichen zugewiesen haben. Lieset sie nicht die besten Franzosen und kann keinen zu sprechen bekommen, außer unsern Herrn Perefixe? – Hat sie nicht durch Kultur eine gewisse künstliche Einfachheit und Phantasie gewonnen und ist eine unverwelkliche italienische Blume, die sich durch feine Öle den Geruch der natürlichen ansalbt? – Braucht sie nicht entsetzlich viel Geld, so daß ihr Berg-Mann ihr nur als das graue Berg-Männlein erscheint, das den Zeigefinger auf Goldadern ausstreckt: – Ist sie nicht der besten hysterischen Zufälle und Konvulsionen mächtig und hält darin dem Geschwornen die strengsten Bußreden, und sind diese hysterischen Kontroverspredigten nicht den besten Gardinenpredigten, die wir haben, vorzuziehen? – Mit einem Wort, hat sie nicht eine vornehme ahnenreiche Ehe nötig, die, wie ein Konferenzzimmer rangsüchtiger Gesandten, viele Türen und keinen Ofen hat? – Kurz, ist sie nicht der Engel und der Teufel in einer Person?

Was freilich Traupel mit ihr tut, wenn er zuweilen in seine vier Pfähle zurückkommt und der fünfte ist, das wird mir schwerlich können hell gemacht werden. Mit Perefixe ist es etwas anders, aber das ist der Kern meiner Stadtgeschichte.

Kein Krehwinkler – wenigstens Traupel nicht, der nur am Berg-Schabbes, am Sonnabend, nach Hause kam, wo Perefixe Amtswegen zu Hause blieb – kann so oft auf dem bergmännischen Kanapee gesessen sein als eben der Konsistorialis; er schwang sich zum Gesellschafter hinauf, von da zum Hausfreund und hatte nur noch die höchste Charge vor sich, den Hausfeind. Traupel wußt' es zu schätzen, daß sich ein Mann und Vikarius vorfand, der mit seiner Frau parlierte und in ihre »weltweisen Schnurren« (sie war eine Philosophin) einging, da sie jeden andern Krehwinkler aus Ekel vor allem Kleinstädtischen stolz aus ihrem Zauberkreise wies. Sogar wenn sie ihrem Manne, der keinen Vogel lieber schoß als einen festen hölzernen auf der Stange, es erlaubte, eine kleine Schützengesellschaft zu einem Privatschießen zusammenzubieten: so mußten die Schützen poetische Zentauren, halb Menschenpferde, halb Schützen, sein, gebildete Edelleute aus der Nachbarschaft; denn sie sagte, ihr falle am Ende doch alles auf den Hals. Die Herren kannten nämlich des Bergmanns Passion für diese stehende Vogeljagd; folglich suchte jeder ein Vergnügen (er sprach während des Schusses mit der Frau) darin, daß er den Geschworenen für sich schießen ließ, so daß dieser als das repräsentative System der Schützenkompagnie und als ihr Kreisstand und Zentralpunkt immer im Kreis stand und so als bevollmächtigter Gemein-Schütze (in jedem und auch in seinem Namen) den ganzen Vogel allein herunterholte. –

Wie kam ich auf diese Geschichte? – Kurz sie trug am meisten mit bei, daß die sämtliche Geistlichkeit, die ohnehin an ihrem Löseschlüssel längst den Bart abgedreht hatte, und die sämtliche Dienerschaft und der Wirt vom Hotel de Krehwinkel sich darauf totschlagen ließen, der Konsistorialis gehe nicht auf guten Wegen, sondern »extra« –; die Weiber dieser Männer (auch weniger Fleckausmacherinnen als Fleckmacherinnen) nahmen die Geschworne als kokette Wildschützin jedes ehelichen Grenzwildprets auf sich und wollten sämtlich darauf sterben, bloß Ninetta sei der Teufel und hebe an ihrem Angelhaken den guten jungen Mann aus dem Wasser.

Nur eine Frau dachte edler von ihm, seine eigne. Josephine hatte die göttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen. Sie ließ die großen künstlichen Waschmaschinen, in welchen ganze Familien auf einmal (Tee oder Kaffee wird als Lauge zugegossen) sehr gut eingeweicht, gehandhabt und gewalket werden, niemals in ihrer Stube aufstellen. Seine Zephyretten-Natur wurde durch ihren christlichen Ernst und durch die Waage ihrer weiblichen Besonnenheit sanft angehalten; seine Föderationsfeste mit allen Menschengesichtern wurden unter ihren Richter-Augen nüchterner begangen; und ebenso führte wieder umgekehrt sein leichter Gang auf dem Lebenswege und die Freundlichkeit, womit er allen Pilgern seine Hand, und was darin war, anbot, diese einsame stolze Seele auch an andere näher heran.

Sie schrieb seine Besuche bei Ninetten, da diese die feinste Frau im Orte war und er der feinste Mann, der Verwandtschaft ihrer Kultur und Lektüre zu. Er war der einzige Geistliche in Krehwinkel, der imstande war, Ninettens Schminke zu verzeihen, oder der es zu schätzen wußte, wenn sie sich ganz über stümperhafte Maler erhob, welche ihr Unvermögen im Nackten durch Gewänder verdecken. Doch konnte Josephine für ihre Zuversicht weiter nichts anführen als seine bisherige Rechtschaffenheit und den Schluß von ihrem Herzen auf seines und die Donnerkeile, die er von jeder Höhe, nicht bloß von der Kanzel, auf das lüderliche, Herzen- und Ehebrechende Säkulum fallen ließ. Er ließ sich oft auf den Beweis ein, daß, wenn das künftige Jahrhundert auch sonst der Menschheit das Krankenlager weicher bettete, es doch den intermittierenden Puls derselben vermehren würde – der Anstalten zu einer allgemeinen Entkräftung und Auskernung, bewies er, seien zu viele – der Luxus wachse höher mit dem Reichtum, dieser mit jenem, die Armut mit beiden, die Ehelosigkeit und die Verspätung der Ehen mit allen dreien, die frühere Mannbarkeit desgleichen, mit dieser und jenen wieder die Ausschweifung und mit der Ausschweifung wieder alle jene Übel, und so gehe die entsetzlichste Zusammenbrechung der Menschheit in immer schmalere Formen zwischen diesen ineinander arbeitenden Tatzen wie zwischen zweien, einander immer verkleinernd wiederholenden Spiegeln fort – und was dann von Jünglingen, die sich schon in der verjüngten Größe des kindischen Greisenalters bücken, zu hoffen oder vielmehr zu fürchten sei, das mög' er nicht erleben. Aber noch feuriger und rührend-gerührt wandt' er sich zu den Kinderfeinden, die jetzt in ganzen Rotten die Erde besetzen, die als Widerspiel Abrahams ihren Isaak schlachten, um einen wollenreichen Widder zu retten, und dann sah er weinend den tausend vaterlosen Waisen lebender Väter entgegen, diesen Zangen-, Achsel- und Kniegeburten des Lebens, als eignen Symbolen ihres künftigen Blutens, Tragens und Kniens, welche in ihrer besten und längsten Schlafzeit in einer von Stroh und Kissen ausgeleerten harten Wiege des Lebens frieren und zappeln – Er konnte dann nicht mehr fortreden.

Leser wissen über die Quellen solcher Reden Bescheid; aber Josephine trauete, wie alle Weiber, dem männlichen Sprecher zu sehr – mehr als dem männlichen Handeln –, weil bei ihnen das Gebläse der Phantasie dicht an ihrem Herzen liegt und pfeift und also einer, der jenes zu regen und zu treten weiß, damit leicht dieses rot und glühend blasen kann. Ja, gutes Weib, dein Mann konnte kein Heuchler und doch ein Sünder sein, aber ein reuiger, der büßen und bessern will. Und hängen nicht überhaupt zwar vom Kopfe des Menschen die längsten Engelsflügel nieder, aber auch von seinen Fersen verdammt dicke Fußblöcke, so daß er wie eine Kokette dem Fischernetz auf ein Haar gleicht, das oben Korkkugeln schwimmend erhalten, indes Bleistücke es dem Schlamm anheften?

Nur eine Sache quälte die feste Josephine zuweilen, nämlich die Frage, was ihn quäle; denn er kam selten aus dem Traupelschen Hause zurück, ohne in seinen Gesichtszügen einen ganzen Wolkenzug mitzubringen, welcher in einer weniger glücklichen Ehe sich in den weiblichen festgesetzet hätte als sanfte Lämmerwolken. Bedenklich wars, daß dieser Heerrauch des Unmuts in ihm anhielt, solange Ninetta im Karlsbade war; auch fiel es Josephinen später ein, daß er einmal plötzlich zu weinen angefangen, als sie abends um 11 Uhr vor Traupels Hause miteinander vorbeigingen und der Nachtwächter davor eine im Baß gesetzte Gratulanz absang, womit er nach krehwinklischer Sitte die eben geborne Tochter des Bergmanns unter der Jubelpforte des Lebens salutieren wollen. Da das gute Weib keiner Lüge, nicht einmal einer Zurückhaltung fähig war: so hatt' sie ihn sanft und oft über seinen Gram gefragt; seine Antwort war immer gewesen, ihn betrübe die kokette peinliche Erziehung so sehr, welche Ninetta ihrer Tochter Cara gebe. Josephine glaubt' es aus Pflicht und aus Vertrauen gegen ihn, besonders da sie bemerkte, daß eben jene mitgebrachten Wolken sich allzeit in warme fruchtbare Ergießungen für sie selber und ihr Kind auflöseten.

Die lesende Welt ist nun ganz berechtigt, von mir über das heimliche Klagelied der jetzigen Männer, das der Konsistorialrat als Chorist mitsang, das Nähere zu erfahren, und zwar bald. – Dazu wird die nächste oder zweite Ruhestunde ausgesetzt, wo ich wieder den Leser manipulierend in den magnetischen Schlaf hineinzustreichen hoffe, der ihn so sehr in Rapport mit dem schreibenden Magnetiseur versetzt.

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