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Das Heideprinzeßchen

Eugenie Marlitt: Das Heideprinzeßchen - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
titleDas Heideprinzeßchen
authorE. Marlitt
publisherErnst Keil's Nachfolger
year1893
created19990720
senderinge.bayreuther@bibliothek.uni-regensburg.de
firstpub1872
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33.

Und nun wuchsen die vier Eichen immer höher vor mir auf – ich sah deutlich den dunklen Punkt inmitten des einen Wipfels, das alte wohlbekannte Elsternest – die jungen Vögel, die damals lustig in meinen Abschiedsjammer hineingeschrien hatten, sie waren längst auf- und davongeflogen, und wohl nur das alte angestammte Paar hockte als Turmwart des Dierkhofes droben und richtete die scharfen, klugen Augen auf das einsame Menschenkind, das über die Heide dahergewandert kam. Tief in der dunklen Wölbung des Hausthors glühte schwach ein Feuerkern, im Herde brannte der Torf, und das traute Dach, aus welchem der Rauch in kerzengeraden gelblichen Streifen zum Abendhimmel aufstieg, sah aus, als wüchse es direkt aus dem Heideboden, so eingesunken, so klein geworden kam mir der Dierkhof vor. Da sah ich Spitz wie toll über den Hof rennen – in der Thür der Umzäunung blieb er wie atemlos, mit steifgespitzten Ohren, einen Augenblick stehen; aber nun raste er auf mich zu – er sprang mir freudewinselnd bis hinauf an das Gesicht, um mir die Wangen zu lecken – ich hatte Mühe, mich auf den Füßen zu halten.

»Was hat denn das Tier? Es ist ja wie närrisch?« rief Ilse und trat unter das Hausthor ... Ach, diese Stimme! Ich lief über den Hof und warf mich an die Brust der großen Frau – da meinte ich ja endlich den Qualen entronnen zu sein, die mich wie die Furien bis in die stillste, tiefste Heide hinein verfolgten ... Sie schrie nicht auf und sagte auch kein Wort, aber die Arme umschlossen mich fest – ich wurde gehätschelt und geliebkost wie in meiner Kindheit und wußte sofort, daß sie sich unbeschreiblich gesehnt haben müsse, und als wir auf den Fleet traten, wo bereits Licht brannte, da sah ich auch, daß sie blässer geworden war.

Aber völlig ließ sich Ilse nie von ihrem Gefühl überrumpeln. Sie schob mich plötzlich mit steif ausgestreckten Armen von sich. »Lenore, du bist durchgebrannt!« sagte sie in jenem gefürchteten Tone, mit welchem sie mir einst auch meine Kindersünden auf den Kopf schuld gegeben hatte.

Bei allem inneren Weh mußte ich doch lächeln. Ich setzte mich auf Heinzens Holzstuhl und erzählte ihr von dem Feuerunglück und der Krankheit meines Vaters, wobei sie einmal über das andere die Hände über dem Kopfe zusammenschlug. Das hinderte sie jedoch nicht, das Feuer im Herd neu zu schüren, den Wasserkessel aufzusetzen und mich mit einem Butterbrot sehr gegen meinen Willen, Bissen um Bissen, zu füttern.

»Ja, ja, das war freilich das Gescheiteste,« meinte sie, als ich ihr schließlich mitteilte, daß die Aerzte mich auf den Dierkhof geschickt hätten. Dann verschwand sie im Innern des Hauses, um mich bald darauf vor ein himmelhoch aufgetürmtes Bett zu führen.

»So, Kind – nun gehst du zu Bett, und den Fliederthee bringe ich auch gleich. Auf zwanzig Schritte sieht man dir’s an, daß du dich auf der Reise erkältet hast – das ist ja das reine Fiebergesicht ... Und gesprochen wird nun gar nichts mehr – morgen erzählst du weiter.«

Auf mein entsetzliches Sträuben hin wurde mir der Fliederthee erlassen – ins Bett aber wurde ich ohne Gnade gesteckt ... Da sah nun wieder das verräucherte Bild Karls des Großen unverwandt auf mich nieder. Ich sprang auf, nahm es vom Nagel und kehrte es gegen die Wand ... Wie haßte ich dieses Gesicht! Wieviel Leichtfertigkeit, Lug und Trug deckte die weiße Stirn, die mich am Hünengrabe förmlich geblendet! ... Sie hatte mir wie ein Licht in die dunkle Welt hineingeleuchtet – diesem trügerischen Schein war ich damals halb unbewußt gefolgt, um seinetwillen hatte ich mich von der Heimat losgerissen; jetzt sah ich klar in meine damaligen Empfindungen und verabscheute sie – sie hatten mich blind gemacht und auf einen Weg voller Irrtümer geführt.

Ich setzte mich wieder, wie in der Sterbenacht meiner Großmutter, auf das Fußende des Bettes und sah hinaus in die unermeßliche Weite. Nein – auch auf dem Dierkhof fand ich keine Ruhe, und je tiefer und lautloser die Stille um mich webte, desto furchtbarer schrie mein einsames Herz auf ... Jetzt begriff ich, wie meine Großmutter stundenlang dort in der Baumhofecke hatte stehen und unverwandt in die weite Welt hinausstarren können – die umschleierten Augen hatten ein Wesen in der Nebelferne gesucht, die Verlorene, Entartete, die das schwergekränkte Mutterherz dennoch nicht vergessen konnte. Und für mich breitete sich der weite, von Millionen Goldflittern betupfte Nachthimmel auch nur über einen einzigen Punkt, über das ferne, alte Kaufmannshaus.

Draußen fuhr der Wind auf und machte die dürren Zweige des Ebereschenbaumes leise an die Scheiben klopfen; ich wich zurück und legte die Hand über die Augen – unter dem Fenster stand ja die Bank, auf der ich Tante Christinens Brief zum erstenmal gelesen hatte. Nun hatte ich sie in der That auf den Knieen liegen sehen, die märchenhafte Gestalt, schöner als die schönsten Blumenleiber, die in meinem Kinderbuche aus Lilien- und Rosenkelchen emporwuchsen. Und aus den weißen Atlaswogen hatten sich zwei zarte Arme ausgestreckt, um den einst tief beleidigten Mann schmeichelnd wieder an das treulose Herz zu ziehen ... Ich schlug mich unwillkürlich mit den geballten Händen gegen die Brust – ich war schwach und feig gewesen in jenem verhängnisvollen Augenblicke, ich durfte nicht hinausgehen, meinen Kopf mußte ich, wie wenige Stunden zuvor, fest an seine Brust legen – er selbst hatte mir diesen Platz angewiesen, und ich wußte, daß es in Zärtlichkeit geschehen war; ich hatte es an dem Klopfen seines Herzens, an der leise zitternden Hand gefühlt, die, während ich gebeichtet, immer wieder behutsam, aber zartschmeichelnd über meine Locken hingeglitten war. Ich durfte nicht dulden, daß diese rosig weißen Hände ihn berührten, dann wäre vielleicht der böse Zauber nicht über ihn gekommen ...

Jetzt war es wohl hell im Vorderhause, so hell, wie an jenem Theeabend, wo die Prinzessin dagewesen ... Und er saß am Flügel – vergessen war die Zeit, wo er um ihretwillen keine Taste mehr berührt hatte; sie sang ihm ja jetzt die berauschende dämonische Tarantella ... Und binnen wenigen Wochen schritt eine neue Hausfrau durch die hallenden Gänge des Claudiushauses – nicht im klaren Stirnschleier, wohl aber mit langer, seidenrauschender Schleppe, Blumen in das Haar gestreut und ein Trällern auf den Lippen – und es wurde lebendig in den stillen Gesellschaftszimmern, Gäste flogen ein und aus, und Champagnerpfropfen knallten, und niemand verdachte dem Manne seine Wahl, die Frau war ja noch »von hinreißender Schönheit« ... Nun wurde er mein Onkel – ich sprang auf und rannte außer mir auf und ab ... nein, ich war kein sanftes Engelsgemüt, ich konnte nicht mit heißen Thränen in den Augen lächeln, ich wehrte mich aufschreiend gegen das Messer, das mir erbarmungslos immer wieder in der Brust umgewendet wurde! ... Nach K. kehrte ich nicht wieder zurück; ich wollte meinen Vater beschwören, einen anderen Aufenthaltsort zu wählen – wie konnte ich je das Wort »Onkel« über meine Lippen bringen? Nie, nie!

Das sanfte Klopfen draußen an den Scheiben verwandelte sich in ein heftiges Peitschen und Schlagen – der Frühlingssturm brauste über die Heide hin ... Nun hörte ich’s wieder, das Knistern und Knacken der alten Balken, das Schnauben und Pfauchen um die Ecken, und in den Eichenwipfeln das Gerassel der verdorrten Blätter, die, längst tot und modernd, sich doch noch unter gespensterhaftem Rauschen an die lebendigen Aeste angstvoll anklammerten. Der alte Dierkhof zitterte unter den wuchtigen Stößen, droben in den Dachluken ächzten die morschen Holzläden, und die Fensterscheiben klirrten leise, als ließe der Sturm feine, klingende Silberketten durch seine Finger laufen.

Ilse trat mit dem Hauslämpchen ein, um nach mir zu sehen.

»Hab mir’s gedacht, daß du nicht schlafen kannst,« sagte sie, als sie mich angekleidet auf dem Bett sitzen sah. »Kind, du bist das alte Heidelied nicht mehr gewohnt – freilich, dort in den Bergen, da duckt sich der Sturm zahm nieder, er gefällt mir aber auch nicht halb so gut ... Gehe du nur wieder in dein warmes Bett – er thut dir nichts!«

Freilich, der that mir nichts – vor ihm schützte mich der traute Dierkhof mit seinem Mantel! ...

Nun war ich seit drei Tagen in der Heide und die Stürme pfiffen und johlten Tag und Nacht in einem Atem über die weite Fläche hin. Mieke, Spitz und das Federvieh, alles tummelte sich in der Tenne und sah vom geborgenen Platz aus durch das offene Hausthor den Unhold draußen vorbeijagen. Aber es wehte warm herein, und ich meinte, dann und wann fliege schon ein feiner Blumenatem auf seinen Schwingen mit. Heinz blieb auch auf dem Dierkhof. Ilse litt es nicht, daß er abends bei »dem Gebrause« in seine Hütte zurückkehrte ... Ach, wie war alles anders geworden! Ich las nicht mehr vor, wenn wir auf dem Fleet saßen – die Märchen hatten keinen Reiz für mich – und mit dem Erzählen aus der Stadt wollte es auch nicht gehen. So oft Ilse den Namen Claudius aussprach – und das geschah zu meiner Verzweiflung nur zu oft – da fühlte ich meine Kehle zugeschnürt; ich wußte es, sprach ich nur den Namen selbst aus, da stürzte der mühsam aufrecht erhaltene Damm der Selbstbeherrschung unrettbar zusammen, und ich schrie, zum Entsetzen der beiden treuen Seelen an meiner Seite, meinen Schmerz in alle vier Winde hinaus. Heinz sah mich ohnehin stets scheu von der Seite an, er verstand mich und meine Ausdrucksweise nicht mehr recht, und Ilse erzählte mir lachend, er habe gesagt, ich sei nun ein wirkliches Prinzeßchen geworden, so ganz absonderlich, und er begriffe nicht, daß Ilse nicht auch die Vorhänge an die Fenster hänge und das vornehme Sofa in die Stube schöbe, wie es doch bei Fräulein Streit gewesen sei.

Am dritten Tage gegen Abend ließ der Sturm nach; er blies zwar noch immer gewaltig über die Ebene hin; aber länger litt es mich nicht mehr im Hause – ich sprang hinaus in das Wogen und Tönen und ließ mich hinüber auf den Hügel tragen ... Ach ja, da stand sie noch mit festem Fuß, die liebe alte Föhre, und als ich sie mit beiden Armen umschlang, da streute sie rieselnd einen Nadelregen über mich her. Und die Ginsterbüsche hakten sich an meine Kleider; aber die Stelle, wo man im vorigen Jahr das Hünengrab aufgebrochen, lag kahl zu meinen Füßen, und kleine Sandbäche rieselten von Zeit zu Zeit da hinab, wo auch die Menschenasche verschüttet war ... Ueber den Waldstreifen zuckten die flammenden Spieße der Abendröte empor – morgen gab es abermals Sturm; war es doch, als wolle selbst das Toben in den Lüften eine Schranke zwischen mich und die Welt draußen ziehen ... Und dort wand sich der Fluß hin, neben dem die drei Herren damals eifrig gestrebt hatten, die öde Heide zu verlassen – da war die hohe, schlankmächtige Gestalt des »alten Herrn« fest durch das Gestrüpp geschritten, während die verwöhnten Füße des schönen Tankred fast ängstlich den samtweichen Rasenweg innegehalten hatten.

Jetzt war es todeseinsam da drüben – nein – ich hielt die Hand über die Augen, um das Wunder in der menschenleeren Heide besser anstarren zu können. Dort bewegte sich ein dunkles Etwas auf dem schmalen Sandweg, den Heinz mit dem Namen »Fahrstraße« beehrte. Himmel, Ilse hatte ihre Drohung wahr gemacht und den Doktor kommen lassen! Mein bleiches Gesicht, mein niedergeschlagenes Wesen ängstigten sie unbeschreiblich. Der dunkle Punkt schwankte näher und näher; das rote Abendlicht überfloß ihn grell – es war richtig die alte Kutsche, in welcher man den Arzt an das Sterbebett meiner Großmutter geholt hatte. Sie machte eine Schwenkung – wie eine Silhouette hoben sich das kräftig anziehende Pferd und die Kalesche vom Himmel ab; ich sah die Wagenfenster aufblinken und den stämmigen Bauernkutscher auf dem Bock sitzen ... Plötzlich hielt der Wagen still, und ein Herr sprang heraus – und wenn die Gestalt dort vom blonden Scheitel bis zur Zehe herab noch so streng verhüllt gewesen wäre, an dieser einen Bewegung hätte ich sie unter Tausenden heraus erkannt! ... Meine Pulse stockten, ich biß die Zähne zusammen und starrte angstvoll auf die Wagenthür – jetzt mußte auch sie aussteigen, die schöne Frau mit dem Samtmantel, den weißen Hermelin um die Schultern geschlagen – Onkel und Tante kamen, um die Entflohene zurückzuholen –allein die Thür fiel zu, und der Wagen schwenkte um nach dem Walde zurück. Herr Claudius aber schritt über die Heide her, direkt auf den Hügel zu; ein weiter Mantel flatterte von seinen Schultern, und die blauen Brillengläser funkelten in der Abendsonne ... Ich ließ die Föhre los, breitete die Arme weit aus und wollte den Hügel hinabstürmen; aber ich ließ sie sofort wieder sinken – einen Onkel begrüßt man nicht leidenschaftlich – taumelnd im Sturm umfing ich die Föhre wieder und drückte meine Stirn an die harte Rinde.

Jetzt kamen die Schritte näher und näher – ich bewegte mich nicht, mir war es, als sei ich an einen Marterpfahl gebunden und müsse ausharren im lautlosen Schmerz.

Am Fuße des Hügels blieb er stehen.

»Auch nicht um einen Schritt kommen Sie mir entgegen, Lenore?« rief er hinauf.

»Onkel,« rang es sich von meinen Lippen.

Mit wenigen Schritten stand er droben neben mir – ein Lächeln zuckte um seinen Mund.

»Seltsames Mädchen, in welche ungeheuerliche Vorstellung haben Sie sich verrannt! Glauben Sie wirklich, daß ein gesetzter Onkel so sehnsüchtig und angstvoll einer entflohenen kleinen Nichte nacheilen würde?«

Er ergriff sanft meine beiden Hände und zog mich den Hügel hinab. »So, hier fegt der Sturm über uns weg ... Ich bin Ihr Onkel nicht – aber bei Ihrem Vater bin ich gewesen und habe um andere Rechte gebeten; er hat mir freudig die Erlaubnis gegeben, Sie heimzuholen – aber nicht in die Karolinenlust, Lenore; wenn Sie sich entschließen, mit mir zu gehen, dann gibt es für uns beide nur einen Weg ... Lenore, zwischen Ihnen und mir steht nur noch Ihr eigener Wille – haben Sie noch keinen anderen Namen für mich?« –-

»Erich!« jauchzte ich auf und schlang die Arme um seinen Hals.

»Böses Kind,« sagte er, mich fest umschließend. »Was alles hast du mir gethan! Nie werde ich die Stunde vergessen, in welcher Fräulein Fliedner erschrocken aus der Karolinenlust zurückkam und mir sagte, du seiest fort, fort mit dem Nachtzug – ein verscheuchtes Heidevögelchen, einsam draußen in Nacht und Fremde. Und wie trauerte ich, daß du dir nicht einmal bewußt warst, welchen Schmerz du mir zufügtest! .... Lenore, wie war es dir möglich, zu denken, ich könne eben mein heilig geliebtes Mädchen an das Herz ziehen, um es gleich darauf um der häßlich geschminkten Sünde willen zu verstoßen?«

Ich wand mich los.

»Sehen Sie mich doch nur an!« rief ich und unterwarf mich halb lachend, halb weinend einer Musterung seines Blickes. »Neben Tante Christine bin ich doch das armseligste Nichtschen, wie Charlotte mich immer nennt! ... Ich habe die Tante zu Ihren Füßen gesehen; sie hat um Verzeihung gebeten – ach, und in welchen Tönen! Und ich wußte, daß Sie diese wunderschöne Frau sehr lieb gehabt haben, so lieb –«

Ein flammendes Rot stieg in sein Gesicht – ich hatte ihn noch nie so tief erröten sehen.

»Ich weiß, daß Fräulein Fliedner geplaudert hat,« sagte er. »Sie klagt sich auch an, deine Flucht veranlaßt zu haben, indem sie, wunderlich genug, der Furcht Ausdruck gegeben hat, in könne dem Zauber erliegen ... Meine Kleine, ich gestatte dir absichtlich keinen Blick in jene Zeit, auf die jahrelange Reue gefolgt ist – du sollst deine keuschen Kinderaugen behalten, sie sind meine Erquickung, mein Stolz ... Ich habe mich schwer geirrt, damals, am meisten in mir selbst; ich habe das Aufflammen häßlicher Leidenschaft für jenes Sternenlicht gehalten, das erst mit deinem Erscheinen über meinem Leben aufgehen sollte ... Bis zur äußersten Konsequenz hat sich die Verirrung meiner Jugend gerächt – bis zu dieser Stunde habe ich leiden müssen; aber nun sei es auch genug der Sühne – ich verlange mein Recht!«

Er küßte mich – dann schlug er schützend seinen Mantel um mich. »Du wirst manches verändert finden, wenn wir heimkommen, mein Kind,« sagte er nach einer Pause mit gedämpfter Stimme. »Die Mietwohnung im Erdgeschoß des Schweizerhäuschens ist leer – der Zugvogel ist wieder nach dem Süden geflogen –«

»Aber sie war arm – was wird sie anfangen?« fiel ich beklommen ein.

»Dafür ist gesorgt – sie ist ja deine Tante, Lenore?«

»Und Charlotte?«

»Sie hat eine furchtbare Lehre empfangen; aber ich habe mich nicht in ihr geirrt – es ist trotz alledem ein tüchtiger Kern in diesem Mädchen. Anfänglich war sie tief erschüttert an Leib und Seele – sie hat sich jedoch aufgerafft, und jetzt bricht der wahre Stolz, die wirkliche Seelenwürde durch. Sie schämt sich ihres Thuns und Treibens im Institut; sie hat wenig gelernt, trotz ihrer Begabung und der ihr gebotenen reichen Ausbildungsmittel, weil sie stets vorausgesetzt hat, sie sei zu Höherem geboren und brauche nicht zu arbeiten. Nun geht sie abermals in ein Institut, um sich zur Gouvernante heranzubilden. Ich bin diesem Entschluß durchaus nicht entgegen – durch geistige Thätigkeit wird sie vollends genesen; übrigens bleibt das Claudiushaus ihre Heimat ... Dagobert aber will den Dienst quittieren und als Farmer nach Amerika gehen ... Die Verblendung der Geschwister bezüglich ihrer Abkunft und die schließliche Enthüllung sind in der Stadt ruchbar geworden – wer geplaudert haben mag, man weiß es nicht – Dagoberts Stellung wird voraussichtlich eine unerquickliche werden, deshalb geht er freiwillig ... Wenige Stunden vor meiner Abreise hierher war ich bei der Prinzessin –«

Ich verbarg mein Gesicht an seiner Brust. »Nun kommt das Strafgericht auch über mich!« flüsterte ich.

»Ja, ja, nun weiß ich alles!« bestätigte er mit scheinbarer Strenge. »Das Heideprinzeßchen hat seine kleine, vorwitzige Nase schon am ersten Tag in das Geheimnis der Karolinenlust gesteckt und dann wacker mitgeholfen bei der Intrige gegen den unglücklichen Mann im Vorderhause –«

»Und er verzeiht mir nicht –«

Er lächelte auf mich nieder. »Hätte er dann wohl den roten Mund geküßt, der so heroisch schweigen kann?«

Wir traten hinter dem schützenden Hügel hervor – der Sturm fiel uns an. »O säh' ich auf der Heide dort im Sturme dich!« sang ich jauchzend aus voller Brust in das Klingen uns Sausen hinein. Es war ja wahr geworden, ich schritt, von starkem Arm gehalten, an seiner Seite dahin, und seine Linke hielt sorgsam den Mantel zusammen, den er mir um Haupt und Schultern geschlagen ... Und der Sturm schoß mit seinem Frühlingsatem an mir vorüber und höhnte: »Gefangen, gefangen!« Und ich lachte auf und schmiegte mich glückselig an den Mann, der mich führte – mochten Sturm und Bienen und Schmetterlinge frei über die Heide hinfliegen – ich flog nicht mehr mit! ...

Ilse saß auf dem Fleet und schälte Kartoffeln, und Heinz kam eben mit der qualmenden Pfeife aus dem Baumhof, als wir in die Tenne traten ... Nie hatte ich meine treue Pflegerin so konsterniert gesehen, als in dem Augenblick, wo Herr Claudius mir den Mantelzipfel vom Haupt schob und ich sie anlachte. Das Messer und die halbgeschälte Kartoffel fielen ihr aus den Händen auf den Schoß. »Herr Claudius!« rief sie erstarrt. Bei dem Namen riß Heinz erschrocken die Pfeife aus dem Munde und hielt sie auf dem Rücken.

»Grüß Gott, Frau Ilse!« sagte Herr Claudius. »Sie haben einen kleinen Deserteur beherbergt; – ich bin gekommen, ihn heimzuholen – mein ist er!«

Jetzt ging der ›Frau Ilse‹ ein Licht auf. Sie sprang empor, Messer, Schalen und Kartoffeln, alles rollte von der Schürze auf die Steinplatten. »O herrje, das war also die Krankheit?« – Sie schlug die Hände zusammen. – »Da war freilich Fliederthee das konträre Mittel! ... Schön angeführt hast du mich, Lenore, o herrje! ... Und heiraten wollen Sie das Kind da, Herr Claudius?« schalt sie förmlich, während ihr die Thränen der Rührung über die Wangen liefen. »Sehen Sie sich doch nur die kleinwinzigen Hände an und das Gesichtchen, und die jungen, jungen Augen –«

Herr Claudius errötete fein wie ein Mädchengesicht. »Ich bin ihr recht, meiner jungen Lenore,« sagte er leise und ein wenig zögernd. »Sie behauptet, den ›alten, uralten Mann‹ lieb zu haben.«

Ich schmiegte mich fester an ihn.

»I bewahre, Herr Claudius, so ist das gar nicht gemeint,« protestierte Ilse eifrig. »Die möchte ich sehen, die da nicht auf der Stelle, mit Freuden, Ja und Amen sagte! Aber, aber – die vielen Leute, die Sie kommandieren, wie sollen denn die Respekt kriegen vor solch einem Weibchen, das Sie wie ein Kind auf dem Arm im Hause herumtragen können!«

Er lachte leise auf. »Respekt werden sie schon bekommen, wenn sie sehen, wie ›das Weibchen‹ den Chef des Hauses kommandiert ... Und nun, Frau Ilse, rüsten Sie sich – morgen reisen wir heim – die Braut darf nur in Ihrer Begleitung zurückkehren.«

Ilse fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Augen. »Aber der Dierkhof unterdessen, Herr Claudius? Wenn Sie nur wüßten, wie ich ihn dazumal wiedergefunden habe!« sagte sie ein wenig scharf und anzüglich.

Heinz kratzte sich verlegen hinter dem Ohr und sah scheu nach der gestrengen Schwester. Aber ich sprang auf ihn zu und schlang meinen Arm in den seinen. »Heinz, böser Heinz, gratulierst du mir nicht?«

»Ach ja, Prinzeßchen; aber es dauert mich auch; da draußen ist’s doch lange – keine Heide!«

Diese Niederschrift habe ich zwei Jahre nach meinem Hochzeitstage begonnen. Die Korbwanne stand neben meinem Schreibtisch, und zwischen den Kissen atmete ein junges Wesen – mein schöner, blonder Erstgeborener. Für dieses kleine Wunder, das ich immer wieder anstaunen mußte, wollte ich meine Erlebnisse niederschreiben ... Seitdem hat auch ein prächtiger, braungelockter Bursche mit der kräftigsten Jungenstimme in dem grünumschleierten Korb gelegen, und jetzt schläft Lenore, das einzige Töchterchen des Claudiushauses, auf derselben Stelle – seit sieben Jahren bin ich verheiratet. Ich sitze in Charlottens ehemaligem Zimmer. Die dunklen Vorhänge sind verschwunden – es ist sonnig um mich her, Rosenbouquets, gestickt und gemalt, liegen hingestreut auf Teppich, Möbeln und Wänden, und in den Fensternischen duften förmliche Blumenhecken. Lenore schlummert, die Fäustchen an die Wange gedrückt – es ist so still, daß ich die Fliegen summen höre – nun endlich zum Schluß!

Da wird die Thür aufgestoßen, und sie kommen hereingestürmt, die zwei Stammhalter des Claudiushauses.

»Aber Mama, du schreibst auch zu lange!« ruft der Blonde vorwurfsvoll. »Wir wollen doch Sauermilch im Garten essen – Tante Fliedner ist schon in der Laube, und den Großpapa haben wir auch geholt.«

Ich sehe ihm mit zitternder Lust in das Gesicht – er schießt piniengleich in die Höhe; aber, o weh – wie wird es um die Autorität stehen, wenn er der kleinen Mutter über den Kopf gewachsen ist? ... Der kleine Braune aber hebt sich auf die Zehen, legt mir einen fingerdicken Strick und ein schwankes Weidengertchen quer über das Manuskript und bittet mit seiner tiefen, treuherzigen Stimme: »Mama, ein Peitsche machen!«

»Geht nur einstweilen in den Garten,« sagte ich, während meine Finger sich abmühen, die fast unmögliche Peitsche herzustellen. »Ich muß erst noch etwas von Tante Charlotte schreiben.«

»Von Paulchen auch?« – Auf meine Bejahung laufen sie wieder hinaus, die Treppe hinunter.

Am Tag nach meiner Rückkehr aus der Heide verließ Charlotte das Claudiushaus, um in ein Institut einzutreten; und kurze Zeit darauf ging der junge Helldorf nach England – er hatte um Charlottens Hand gebeten und war zurückgewiesen worden. Mir gestand sie schriftlich ein, sie habe ihn in ihrem Hochmut zu schlecht behandelt, und nun sie von ihrer vermeintlichen Höhe herabgestürzt sei, werde sie ihrer Neigung noch weniger Raum geben. Wir litten nicht, daß sie nach vollendeten Studien in fremde Abhängigkeit trat – sie kehrte auf unsere Bitten in das Claudiushaus zurück – eine leidenschaftlich liebende Tante für unsere Kinder. Helldorfs Name kam nie über ihre Lippen, obgleich sie, wie wir auch, viel im Hause des Oberlehrers verkehrte. Da kam der Krieg im Jahre 66. Max Helldorf wurde einberufen und bei Königgrätz schwer verwundet ... Eine Stunde nachher, als der Oberlehrer schreckensbleich die Nachricht in unser Haus gebracht hatte, trat Charlotte im Reiseanzug in mein Zimmer. »Ich gehe als Diakonissin, Lenore,« sagte sie fest. »Vertritt meine Handlungsweise beim Onkel – ich kann nicht anders.«

Claudius war verreist – ich ließ sie mit tausend Freuden ziehen. Nach vier Wochen unterschrieb sie einen langen, glückatmenden Bericht als Charlotte Helldorf. Der Feldgeistliche hatte den Genesenden und seine treue Pflegerin eingesegnet ... Jetzt wohnt das junge Paar in Dorotheenthal – Helldorf ist Prokurist der Firma Claudius geworden – und seit »Paulchen« die großen Augen aufgeschlagen hat, begreift Charlotte nicht mehr, wie sich die Menschen, die alle mit gleichem Rechte in die Welt treten, in Hochmütige und Mißachtete zerspalten können.

Ach, jetzt höre ich feste Schritte die Treppe heraufkommen – die Schreibstube ist geschlossen ... Ich schreibe weiter und thue, als hörte ich ihn nicht kommen, den Mann, der mich mehr verzieht, als er verantworten kann. Ich lache ihn stets aus, wenn er mich dann in seine Arme nimmt und über meinen Kopf hinweg wie entschuldigend zu meinem Vater sagt: »Sie ist ja das älteste und unbesonnenste von meinen Kindern.« Und mein Vater nickt mit seinem zerstreuten Lächeln dazu – er ist noch immer sehr zerstreut, mein guter Papa, aber er wird von uns auf den Händen getragen, und sein neustes Werk macht Furore in der Gelehrtenwelt. Vielleicht sind seine Enkel daran schuld – sie dürfen in der restaurierten Bibliothek rumoren, soviel sie Lust haben, und klettern auf seinen Schoß, während er schreibt. Seine Stellung bei Hofe ist angenehmer denn je, und die Prinzessin kommt oft in das Claudiushaus; aber über dem Lotharbild hängt ein dunkler Vorhang, und die Tapetenthür in der Karolinenlust ist zugemauert worden.

Jetzt ist der hohe, noch immer schlanke Mann leise eingetreten, er biegt sich über die Korbwanne und betrachtet sein schlafendes Töchterchen.

»Es ist erstaunlich, wie das Kind dir ähnlich sieht, Lenore.«

Ich springe stolz auf; denn er sagt das mit einem entzückten Blick ... Fort mit der Feder und dem Manuskript! Sie haben keine Farben für den Sonnenblick des Glückes über der Stirn des »Heideprinzeßchens«.

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