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Das Heidejahr

Max Geißler: Das Heidejahr - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Geißler
titleDas Heidejahr
publisherVerlag von L. Staackmann
printrunErstes bis fünftes Tausend
year1911
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170126
projectid2f4f1ac9
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13. Oktober.

Ich habe meine Hütte mit fünfzig Talern bezahlt. Wo kann einer ein Haus mit fünfzig Talern kaufen?

Es ist eine jener ersten Wohnstätten, die an der Grenze zwischen Heide und Moor gebaut sind und von denen schon in fünf Jahren keine mehr vorhanden sein wird.

Die Hütte hat ein Rohrdach, das mit beiden Seiten auf dem Torfe ruht, und sie hat keine Mauer. Nur die dreieckigen Giebel sind aus Feldern von Eichenbalken, und die Felder sind mit Wellerholz ausgesetzt, dicht an dicht. Danach sind die Weller mit Lehm bestrichen. An der einen Giebelseite ist die Tür, an der anderen das Fenster.

So hat die Hütte einen einzigen Raum und hat vor den übrigen ihrer Art voraus, daß sie einen Schornstein besitzt. Ein Rauchfang über dem offenen Herdfeuer faßt den Torfqualm und leitet ihn durch den Ziegelgang hinaus.

Beda Wenken, meine Vorweserin, hat diesen Rauchfang im letzten Jahre ihres Lebens anlegen lassen.

Auf dem Rohrdache der Hütte wächst zolldick das weiche Moos, das nach den Regentagen des Frühlings und Herbstes in wundervollen Farben spielt, vom Smaragdgrün und Gold bis zu tiefem Violett.

Die Heide hat sich in den Jahren auf das Dach gewagt, und der Heidesoden, der den First bildet und mit Holznägeln angenagelt ist, gibt nun dieser Jugend seiner Art die Nahrung.

Der Wind hat Birkensamen über das Dach gewirbelt, der hat Wurzel geschlagen, und etliche der jungen Bäume zeigen schon den weißen Schein, der einst um ihre Rinde spinnen würde ..., wenn da niemand gekommen wäre, der den vorwitzigen Birkenwald im Dache gerodet hätte.

Ich lasse ihn gedeihen aus Freude am Wunderlichen.

Etliche lassen ihn wachsen aus Faulheit; denn er zerwühlt ihnen mit seinen Wurzeln die Dächer.

Nach mir wird niemand an dieser Stelle wohnen.

Dann werden auch die Strohdächer mit dem blühenden Heideried und den rauschenden Jungbirken nicht mehr sein.

Es ist keine Dachung so schön und heimelig wie diese. Sie fängt die Sommersonne, ehe sie das Innere des Hauses schwül gemacht hat; sie wehrt der grimmigen Kälte des Winters den Einzug; sie stemmt sich dem rasenden Sturme trutzig entgegen, der hier von keinem Walde und von keinem Berge gebrochen wird.

Der Torfrauch füllt hier alle Häuser und Hütten; wenn man irgendwo eintritt, sieht man die Bewohner nur als Schatten durch die Nebel streichen. Gebälk und Dachsparren sind dick von schwarzem Sot überzogen, dem glänzenden Niederschlage des Qualmes. Unter den Türbalken wehen die Rauchfähnlein sachte hinaus und schwärzen draußen die Giebel.

Das Land ringsum ist noch Ödland. Es ist deshalb stark und zwingt sich den Menschen: zu stiller Versonnenheit, zu nachdenklicher Tiefe, zu besinnlicher Kraft, zu selbständiger Klugheit. Und macht einen Menschen aus diesem Menschen, der auf sich selbst stehen können muß, oder er wird nicht sein.

 

15. Oktober.

Ich habe in meiner Heidehütte alles alt gelassen, wie es war, als ich kam und die greise Frau tot auf der Streu in ihrer Bettstatt fand.

Die weiße Ziege lief draußen im Ried umher und wartete, daß sie gemolken werde. In der Bettstatt, zu Füßen der Toten, hatte eine Henne sieben Kücken erbrütet, just in der Stunde, in der die Lebensuhr der Alten stehengeblieben war.

Der Torfrauch schwelte noch aus den glimmenden Stücken auf dem Herde und kroch hinan bis zu dem Eulenloch im Giebel.

Darin hatte ein Dohlenpaar zu Neste getragen – schon viele Jahre, erzählte mir Fien Magretjen. Ein Jungvogel aber, von der letzten Brut, war flügellahm geblieben. Der saß auf dem Bettrande zur Seite der Toten und schrie sie laut an und war ärgerlich, daß sie ihn nicht hörte. Seit Jahr und Tag hatte er die Alte des Morgens wecken müssen.

Sein hartes Krächzen lockte mich in die Hütte, als ich zum erstenmal über die Heide ging; und ich kam, zu sehen, was da wäre ...

So fand ich die tote Frau und den Ort, an dem ich nun wohne.

Beda Wenken haben sie begraben; aber Toto, die Dohle, ist von Fien Magretjen gefüttert worden, hat das einsame Haus nicht aufgeben wollen und ist nun der Genosse meiner Heidetage.

Auf dem Arme des Leuchters schläft er und schaut manchmal neugierig und klug zu mir herüber, wenn meine Graugansfeder zu laut über das harte, wellige Papier knirscht.

Diese Leuchte mit dem drei Meter langen Holzarme ist auch ein Ding, das Beda Wenken wohl noch allein gehabt hat von allen Heidebewohnern; denn wenn ich des Abends in eine der Hütten kam, brannten die Leute schon den Trankessel in seiner einfachsten Art: ein viereckiges Eisenblech mit fingerbreithohem Rand und einem Bügel zum Aufhängen. In den Tran legen sie lose zusammengedrehte Baumwollfäden. Die die Baumwolle sparen, nehmen das Mark der getrockneten Binse, aus der sie die Sitze ihrer Stühle flechten. Dieser Docht schaut dann an einer Ecke des Krüsels heraus und wird angezündet.

Bei solch einem Licht schreib ich in dieser Stunde. Und auf dem Arme des alten Leuchters hat Toto den Kopf unter den Flügel gesteckt; erst hat er ein Weilchen gescholten – was für eine neue Einrichtung das sei, Licht anzuzünden und einen anständigen Vogel um den Schlaf zu bringen. Und dazu auch noch Gäste im Hause!

Beda Wenken hat den Trankrüsel nicht gebrannt. Sie hat sich Kienholz von den Stümpfen gespällt, die die Torfgräber in den Kuhlen auswühlen; Reste gestürzter Wälder.

In dem Winkel der Hütte nahe dem Fenster ist noch immer die Hebeleinrichtung, deren Holzarm bis über den Tisch reicht und fast hinüber zum Herd in der Mitte der Lehmdiele – also durch das halbe »Haus«. Dieser Arm ist um eine Achse drehbar und hat am vorderen Ende eine Schnitzerei, die einer leichtgeschlossenen Hand nicht unähnlich ist. Die Öffnung darin diente zur Aufnahme des Lichtspans.

Ich habe die übrigen Späne, Großmutter Bedas Erbe, allgemach »verleuchtet«. Die Flamme war flackernd, rußend und trübe.

Der Trankrüsel dagegen ist eine kleine Sonne.

*

Mit der Witwe Holsten – mit Fien Magretjen – habe ich zuerst geredet, als ich über diese Heide schritt. Sie ist meine nächste Nachbarin und hält mich und mein Haus instand. Sie ist im Vorjahr Witwe geworden, mit fünfzig Jahren, und doch viel zu früh.

Die anderen Menschen in diesem Lande sind wie ihre Häuser: man muß unter dem dicken, mächtigen Schutzdache erst die Türen suchen, durch die man eintreten kann.

Und diese Türen öffnen sich schwer; denn sie gehen in rostigen Angeln.

Oft sind die Augen dieser Menschen trübe wie ihre Fenster; sie lassen zu wenig Sonne hinein, und strömt doch draußen in Herrlichkeit ... vor allem in solchen Oktobertagen, in denen die fernsten Fernen zum Greifen nahegerückt sind.

 

16. Oktober.

Die Heideleute haben mit den Kindern gemein, zuerst die Fehler ihrer Nachbarn zu bemerken. Darauf stürzt sich ihr Witz wie die Katz auf die Maus, und ihre Satire ist bissig wie ein Kettenhund.

So nennen sie Trina Renken, die die lange Pfeife raucht und dabei einen Qualm macht als ein Torffeuer, die »Suere Lake«; denn sie vergißt über der Pfeife Arbeit und Sauberkeit und steht in ihren Tagen still und sumpfig wie der tote Morast drüben, den sie die suere Lake heißen.

Aber an Magret Holsten hat kein scharfes Auge einen Fehler entdecken können.

Selbst Arp Tietjen, der die Lumpen sortiert und daher einen sicheren Blick für Gut und Schlecht haben will, hat zu mir gesagt, Magret Holsten wäre das Sonntagskind der Heide, und mit ihr hätte der liebe Gott ein Meisterstück gemacht.

Einverstanden!

Und Arp Tietjen ist es auch gewesen, der für diese Frau den Namen »Fien Magretjen« erfunden hat.

So blank und sauber, so silbern und golden wie die große Sternblume, die sie hier Fien Magretjen heißen, wär auch Frau Holsten, sagt er: ein goldenes Herz in der Mitte und ein schneeweißes Kräuschen um den Hals, und eine Haube auf den blanken Haaren, die sieht aus, als bleichte sie die Sonne jedes Tages von neuem und als würde sie an jedem Morgen gewaschen. Im übrigen geht Witwe Holsten noch schwarz; einen schwarzen Wollrock trägt sie, schwarze Strümpfe, schwarze Holzschuhe und eine schwarze Jacke, die Kleider selbst gewebt und gesponnen.

Und so purrt Fien Magretjen über die Heide herüber und ist schon fröhlich, wenn die Lerche im Heideriede frühmorgens den Tau von der Schwinge sich strählt. Sie ist auch fröhlich, daß sie mich und mein kleines Haus instand halten kann. Ihr einziges Leid ist, sie hat nicht genug Arbeit.

 

19. Oktober.

Gestern bin ich einen weiten Weg gegangen, durch drei Welten. Drei Welten schicken hier ihre Grenzen zueinander: das Moor, die Heide und die Geest. Moor und Heide erzeugen einen andern Menschenschlag als die Geest. In den Einsamkeiten der Moore und Heiden ist der Mensch auf sich selber gestellt; er ringt nicht mit den Menschen im Konkurrenzkampfe. Es will keiner dem andern etwas zuvortun; es kann auch keiner dem andern etwas nachmachen – das ist das wertvollste!

In den geschlossenen Dörfern der Geest ist das anders. Das Nebeneinanderwohnen macht die Schwachen noch schwächer, als sie sind, weil sie sich auf die Nachbarn verlassen. Wie die ihr Feld bauen, bauen sie auch; wenn einer zu ernten beginnt, will der andere nicht nachstehen ...

Hab ich gesagt: das Nebeneinander macht die Schwachen schwächer?

Oder wäre »stärker« richtiger?

Ja, solange sie in der Gemeinsamkeit stehen! Da denken sie untereinander füreinander. Aber dies Sichaufdenandernverlassen vernichtet die Persönlichkeit. In geschlossenen Dörfern sehen die Leute – wie in den Städten – einander ab, was sie »anhaben«, was Brauch ist. Und was sie »anhaben« ist das wichtigste. Nur was sie an andern gesehen haben, ist richtig, und es ist Zeit, daß sie's auch machen. In allen Dingen. Darüber verlernen sie Gut und Schlecht zu prüfen, und so geschieht es, daß Bräuche oft jahrelang laufen, die unsinnig sind. Darüber verlernen sie auch, sich selbst etwas Tüchtiges einfallen zu lassen: die Schwachen werden schwächer.

Aber der Heidjer oder der Torfgräber ist auf sich selbst gestellt. Er hat zu ringen mit dem Sturm, er hat zu ringen mit Moor, Wasser und Scholle. Und die Regeln für dieses Leben hat er sich selber gemacht. Wenn Sturm und Wasser ihre eigenen Wege laufen wollen, wenn das neue Land trutzig ist, kann keiner den andern fragen: was nun? Und dann: heran mit der eigenen Kraft und heran mit der eigenen Weisheit! An jedem Tage gibt der auf sich selbst gestellte Mensch seiner Kraft und seiner Klugheit Gelegenheit zu wachsen. Der in der Gemeinsamkeit gibt ihnen träge die Gelegenheit zu verkümmern.

Es ist hier keine Welt, die lange aus und vorbei ist, es ist eine Welt im Werden. Aber sie wartet auf den Menschen. Auf den Menschen, der heute noch nach Amerika wandert, um sein karges Geld auf dies letzte Blatt zu setzen.

Zu diesem Hasardspiel nimmt er Frau und Kind nicht mit. Die mögen sich daheim placken, in einem Elend placken, dem er entflieht; denn er hat mit dem Schweiße seiner Stirn und mit dem Blute seiner Hände sein Stück Land gedüngt und hat den Mut zum Kampfe darüber verloren.

Dieser gute tüchtige Mensch reißt sich aus der Scholle, auf der er geboren ward, und will sich aussetzen in ein Land, dessen Krume, Sprache und Art er nicht versteht.

Den Mut zum Kampf ums Dasein auf seinem alten Besitz hat er nicht mehr, aber das Vertrauen in seine Kraft und Zähigkeit ist noch so stark, daß ihm die Torheit einredet: »In deiner Heimat ist es am schlechtesten. Du hast Treue und Fleiß gesäet und hast Armut und Not geerntet – die Heimat hat dich im Stiche gelassen. Darum: wirf hin die Treue und zieh in ein ander Land, das ich dir zeigen werde.«

So schön und stark redet die Torheit.

Es sind viele gute und tüchtige Menschen in diesem nordischen Winkel. Und wenn man einmal die besten und zähesten suchen will, die stillsten und stärksten, so wird man dorthin gehen müssen, wo die Wässer braun und träge rinnen; wo die Erde im hohen Sommer den Mantel aus blauroter Seide trägt und wo man, wenn ein Berg in diesem Lande wäre, den silbernen Streifen der See als Saum dieses Mantels gegen Mitternacht erblicken könnte.

Es wohnen zwischen diesen – verloren und verkommen – auch andere, deren Väter die Gemeinsamkeit der Menschen einst fliehen mußten, und die nun wieder nach ihren Vätern geschlagen sind.

Die gehen mit der Sonne ums Haus.

Was will das sagen?

Sie legen sich immer vor diejenige Wand ihres Hauses, an der ihnen die Sonne auf den faulen Pelz scheint. Und wenn der Tag herum ist, dann kriechen sie zum Schutz vor dem Tau unter ihr schmutziges Dach.

Viel Ödland liegt um sie her; nur die Ecke, in die sie frühjahrs ihre Kartoffeln wühlen, haben sie zu tragfähigem Lande gemacht. Den Torf, an dem sie die Kartoffeln kochen und im Winter sich wärmen, stehlen sie; denn sie sind zu faul, in der Kuhle zu graben, im nassen Grunde zu stehen und den Backtorf zu treten.

*

Einen langen Weg durch drei Welten bin ich geschritten; zuletzt über abgemähte nasse Wiesen und über Weiden, auf denen in diesem Jahre die Kühe noch gehen.

Um diese Zeit gleiten die schwarzen Segel der Torfboote noch immer die Schiffgräben hinab zur Hamme. Seit Ende August sind die Gräben belebt.

Auf ein Torfschiff bin ich gesprungen, das lautlos mit seiner Last am Ufer des Flusses hintrieb, habe mich ans andere Ufer setzen lassen und bin jenseits weitergegangen.

Nach einer Zeit fand ich ein Häuflein Menschen am Wegrande sitzen. Einen Mann, ein Weib und zwei Kinder: ein Bub und eine sechzehnjährige Deern.

Die Leute waren mit Fien Magretjen in eifrigem Gespräche; denn die war von Bremen gekommen, und weil sie die Not in diesen Gesichtern erkannte, so war sie rasch bei der Hand und ließ ihre Sonne darüberscheinen.

Der Herbstwind lief über die Wiesen; im Winde hockten sie und sahen mit müden, aber neugierigen Augen hinein in unsere fremde, flache Welt. Mit Augen, in denen das freudige Bild der Heimat ausgelöscht ist für immer.

Solche Augen haben ihre Sehnsucht nach vor- und rückwärts und fliegen umher wie Noahs Raben: sie haben nicht, da sie ruhen können. Alles ist untergegangen, was sie lieb hatten.

Zu diesen vier Menschen hatte Fien Magretjen an den Wiesenrand sich gesetzt, und ihre Geschäftigkeit hatte rasch manches aus ihnen herausgefragt:

Auswanderer. Von Sachsen her. In einem Dorfe hatten sie ein kleines Haus. Der Mann ging auf den Holzschlag, ging Fichten schälen, deren Rinden hernach zu Lohe gestampft werden für den Gerber. Eine Stunde fern von ihrem Hause hatten sie ein Stück Kartoffelacker; den Graswuchs in den Gräben an einer Landstraße hatten sie erpachtet. Dorthin trieb die Deern die Ziegen zur Weide, dort schlug die Frau das Gras zu Heu und Grummet mit der Sichel. Staubiges, armseliges Mühen. Und Frau und Kinder bestellten auch das Kartoffelland, das so weit lag. Ihre Wohnung im eigenen Hause bestand aus Stube und Kammer. Stube und Kammer waren noch einmal links vom Hausgange und vermietet an eine Familie zu sechs Personen. Darüber befand sich im Oberstocke der Heuboden und rechts eine Giebelstube. Für das Wohnen in dieser bezahlte eine alte Frau zwölf Taler im Jahr; die unten mußten dreißig geben. In Summa zweiundvierzig Taler Miete – langte aber nicht zur Deckung der Schuldzinsen; denn dafür mußten sechzig aufgebracht werden. Der Mann ging allmorgendlich um vier Uhr zu Walde, manchmal eine Stunde, manchmal zwei Stunden Wegs, je nach der Entfernung der Schläge. Im Winter hatte er oft wochenlang keine Arbeit, wenn Pfad und Steg in den heimischen Bergen tief verschneit waren. Die Bauern konnten ihn in dieser Zeit auch nicht in Tagelohn nehmen, weil das Dreschen mit dem Flegel nur noch wenig Brauch ist, nur dann, wenn's gilt, das schöne lange Stroh zu gewinnen.

Der Mann blieb aber dennoch in seinem Waldarbeiterverhältnisse; denn außer dem kargen Taglohn empfing er Brennholz, das er sich in jungen Stämmen nach Hause tragen durfte. So machte er nach der schweren Mühe des Tages den zweistündigen Weg mit einem meterlangen Stück Holz auf der Achsel. Die Leute aßen Brot und Kartoffeln und mästeten in guten Jahren ein Schwein. Butter und Milch gab ihnen die Ziege. Aber sie lebten dennoch aus der Hand in den Mund, und wenn das Jahr um war, hatten sie ihr Leben gefristet.

»Das ist zu wenig,« sagte die Frau. »Wenn acht Hände arbeiten, sollten sie auch einen Sparpfennig erübrigen können. Doch – das ging nicht. Darum wollen wir das in Amerika versuchen.«

Mit einem, so war Fien Magretjen aufgesprungen –

»Ich will dich gleich was sagen, Mann,« wandte sie sich an den Auswanderer, »nämlich, daß du einen ganz unbesinnlichen Menschen bist. Aber zuerst mußt du mich erzählen, wie du auf diese Weide gekommen bist; denn hier ist nich das Land Amerika, von das du dich ein Bild machst als Adam und Eva von das Paradies, wie sie erst einmal mit das zweisneidige Schwert ›rausgesmissen‹ waren.«

Sie waren morgens nach Bremen gekommen und mußten zwei Tage warten, bis der Zug sie nach Bremerhaven zum Dampfer führe. Die anderen Auswanderer, ein buntes zusammengewürfeltes Volk – viele gut, etliche schlecht und leichtsinnig – zogen in Bremen durch die Wirtschaften und ersäuften die Wehmut des Abschieds aus dem alten Lande in Schnaps und Bier. Oder sie waren lustig und tanzten und lachten sich ins Vergessen.

Aber die leisen Stimmen, die von der Heimat herüberrufen, sind lauter als alle Lust, und vielen wurde das Bier im Glase schal, oder es wurde bitter – von den Tränen, die beim Trinken verstohlen hineinrannen.

»So – und nu paß mal auf,« begann Fien Magretjen. »Ich mag das gerne leiden, wenn der Mensch vorwärts will; und ich weiß, du bist bis jetzt gegangen als ein Pferd an einem Wagen, der viel zu swer is un noch dazu vor einem hohen Berge steht. Oben auf dem Wagen saß der Fuhrmann mit der Peitsche und haute sie dich immer um die Ohren. Der Fuhrmann ist, was du deinen Fleiß und deinen guten Willen genannt hast. Aber du hast den Wagen doch nicht ziehen können ...«

»Tja, so ist das wohl gewesen.«

»Und siehst du, nun willst du dich in Amerika wieder vor einen Wagen spannen. Weißt du denn, ob der nich viel swerer is als der in dein Heimatland? In ein Land, wo sie amerikanisch sprechen und der Mensch gar nich weiß, was sie wollen! Amerikanisch sprechen sie, und spanisch kommt dich das vor; un wenn du nich sehr viel von die Gegrafie verstehst, dann kannst du was beleben! Ein Geld hast du in der Tasche Mann, und gehst hin und bemengst dich mit das Kartenspiel, das sie ›Auf Tod und Leben‹ heißen?«

»Na!« sagte der Mann, und vier Paar Augen hingen an Fien Magretjens Munde, die wußten nicht, sollten sie lachen oder weinen.

Die Deern aber saß dicht an dicht bei ihrer Mutter und legte ihren Arm in den der Frau. Fien Magretjen merkte wohl, daß ihr bange vor dem neuen Lande war.

»Na,« sagte der Mann, »dies Spiel spielen wir auch daheim.«

»Aber du nimmst nich das letzte Geld, was du hast und setzt es nich auf eine Karte.«

»Es ist auch schon manchem zum Heile geworden, das Amerika.«

»Recht hast du. Es is auch mal einem zum Heile geworden, so zum Beispiel als Zimmerling Burhopen; der is in Amerika in das gleiche Boot wie hier, und seine Frau, die immer gern mit so'n großen Rosenhut gegangen is, die schreibt uns jedes Jahr einmal von eine herrliche Aussicht auf den Hühnerhof. Das ist einer von den Hunderten, der Zimmerling Burhopen. Die anderen wären froh, wenn sie das Geld hätten zum Heimfahren. Aber was Zimmerling Burhopen is, der is so einen Hochfahrigen, weißt du, und ich mein' immer, es is da nich ganz richtig mit. Denn wegen eine schöne Aussicht auf den Hühnerhof is der Weg mit das Schiff ein büschen weit. Nun sag mir aber Mann: meinst du denn wirklich, du bist der eine von den Hundert, dem es drüben wohlwerden wird?«

Da zog der Mann die Achseln und sah nieder in das grüne Gras; denn er fühlte, daß die Augen seines Weibes und seiner Kinder sich zu ihm wandten und warteten, daß er rede. Dann sagte er:

»Den Mut zu solchem Glauben hätt' ich wohl.«

»So, und nu sieh dich mal dein Herz an, Mann, und stell an ihm die Frage, woher dich dieser Mut kommt?«

»Hm ... vielleicht daraus, daß sie alle sagen, drüben ist leichter vorwärtszukommen für einen, der fleißig und treu ist.«

Und Fien Magretjen: »Wer hat dich das gesagt? Solche, die wiedergekommen sind? Und hast du dich die Rede von das Paradies Amerika auf ihre Richtigkeit mal angesehen?«

»Das wohl nicht. Aber es haben solche gesagt, die Freunde und Verwandte drüben haben, denen es gut geht, und besser als im alten Lande ...«

*

So treiben es die Menschen. Es kommt wie ein Wind über der Heide an sie; sie wissen nicht, von wannen er weht und lassen sich von ihm treiben und wissen nicht, wohin. Sie haben nichts als dieses Leben und meinen, sie hätten es dazu, reich zu werden. Keiner kann ihnen sagen: solche Meinung ist Torheit, und euer närrisches Streben ist der Feind eures Glücks! Keiner kann ihnen sagen: Zufriedenheit ist Glück. Sie wiegwagen und diesdaßen hin und her und kommen über die anderen nicht zu sich selber und nicht zur Ruhe. Ruh' in sich selbst ist Zufriedenheit, und Ruh' in sich selbst ist das Glück.

*

Aber Fien Magretjen war noch nicht zu Ende – ihr Auge scheint bis auf den Grund, wenn es trübes Wasser sieht, und es muß alles hell werden vor ihm.

»Siehst du, Mann, euch hab ich mich angesehen von allen Seiten, und es is mir der Gedanke eingefallen: solche wie euch müssen wir im Lande behalten. Ihr wollt arbeiten um euer Glück. So sollt ihr arbeiten um euer Glück, und ich will euch mit helfen; bloß for den Anfang; denn ihr seid pfiffig genug, daß ihr euren Weg findet ohne Weiser. Zwei Tage habt ihr Zeit, euch zu besinnen. Und ich will euch auch dabei helfen. Und wenn ich euch sage: Ihr könntet schon für euer Reisegeld ein groß Stück Land erwerben, heute noch öde und mit brauner Heide bestanden. Aber ihr könnt es mit euren Händen urbar machen. Und ihr bekommt für dieses Geld auch noch ein oder zwei Morgen Moor, aus dem ihr Torf stechen könnt, soviel ihr euer Leben lang auf eurem Herde verbrennen mögt ...?

Bei dieser Rede wurden die acht Augen weit.

Aber die Frau zweifelte und sagte: so was wär' wohl in Amerika möglich – nicht hierzulande. Und es müßte ein wunderlich Land sein, wo Brennmaterial auf dem Felde wüchse. Wo denn das glückhafte Land wäre?

Die Menschen aus dem Binnenlande hatten wohl Wälder und Berge gesehen und Äcker mit schwerem Grund. Und sie hatten immer am Montage ihre Kinder mit einem Wäglein eine Wegstunde schicken müssen, damit sie von einem Teile des Wochenlohns Steinkohlen zu dem Holze kauften, das Vater auf seiner Achsel vom Schlage heimtrug. Aber: für das, was der Herd frißt, kein Geld ausgeben, sondern nur seine Kraft einsetzen müssen und seine Arbeit – das klang wie ein Märchen und warf einen Schein in ihre Augen, als hätten sie von einem Wunder vernommen.

*

Mit diesen Leuten sind wir über die Heide gegangen. Sie sind Fien Magretjens Gäste und staunen sie an wie ihr Glück. Es ist des Wunderns in ihnen über das weite flache Land kein Ende. Sie sahen zum ersten Male die Torfschiffe mit den schwarzen Segeln vor dem Winde fahren. Sie schritten mit Magretjen durch Torfkuhlen und sahen die letzten Haufen Backtorf, und sahen den weißen Torf, der die Streu für das Vieh liefert.

Der Mann heißt Friedrich Lerz und die Frau Katharina.

Sie haben harte Schuhe und harte Hände – Nagelschuhe, wegen des harten Grundes, über den sie seither geschritten sind; es war ein steinichtes Land.

Aber sie haben weiche Herzen, und es scheint, das Leben hat sie zag gemacht. Sie sind nicht gewöhnt, eigene Wege zu gehen; denn sie kommen aus einer geschlossenen Gemeinde mit alter Kultur, in der die Jahrhunderte dem Bauer und dem Häusling ihre Pfade vorgeschrieben haben. Gegen diese ungeschriebenen Vorschriften kann dortzulande niemand an, oder er würde für vermessen erachtet von seinen Nachbarn. Die Kraft eines Geschlechtes reichte nicht hin, die Schranken der uralten dörflichen Gewohnheiten zu überspringen.

Dort ist ein Menschenalter zu kurz, den strebenden Armen aus kleinen Anfängen zu etwas Tüchtigem kommen zu lassen.

Aber es ist zu lang, den Verfall eines Besitztums zu verhüten, wenn dies Besitztum in den Händen des Leichtsinns oder der Dummheit ist.

Das letztere trifft auch hier zu.

Das erstere zum Glück nicht.

*

Fien Magretjens Leute schlafen.

Sie hat ihnen Heu auf die Lehmdiele in ihrer Hütte gebreitet.

Katreen – die Frau ist schnell landesüblich umgetauft worden – hat zum ersten Male in ihrem Leben am Torfbrande Kaffee gekocht.

Es ist des Staunens kein Ende in diesen Menschen. Sie haben vorher nichts gesehen als ihre engste Heimat. Und sie haben all die Jahre her nichts erlebt als ihre Arbeit.

Nun entdecken sie eine neue Welt – schon hier.

Was ist es mit ihnen?

Sie wollen in ein Land ohne Überlieferung, in ein Land mit einer neuen Kultur.

Aber davon geben sie sich keine Rechenschaft. Sie wissen nicht, daß die alte ihnen im Wege war, sondern meinen: in jenem neuen Lande wächst das Glück wie bei ihnen daheim die Poggenstöhl nach dem Regen.

Warum weist man solchen Auswanderungslustigen, solchen Glücksehnsüchtigen nicht die Wege in die Moore und Heiden ihres Vaterlandes?

Tausende von Hektaren Ödland liegen da herum und warten auf die gesunde Kraft fremder Fäuste und auf den helläugigen unverbrauchten Mut, der in der Arbeitslust der Kolonisten ist. Hunderttausende von glücklosen Menschen könnten hier säen und ein Kulturwerk treiben, aus dem ihnen als erste Ernte die Freude an sich selbst und am Leben reifen würde.

 

22. Oktober.

Heute tritt der Dampfer von Bremerhaven aus seine Seefahrt an. Aber Fien Magretjens Auswanderer reisen nicht mit, Fien Magretjens Auswanderer bleiben im Lande.

Sie hat versprochen, ihnen behilflich zu sein, daß sie ihr Reisegeld zurückerhalten; so ist nur verloren, was der Agent für seine Mühen bekommt.

Fien Magretjen hat ein gutes Wort gesprochen in ihrer Freude: »Ich wollte, die Menschen könnten von jeder Dummheit, die sie zu machen im Begriff sind, so leicht sich loskaufen! Aber vielen ist ihr und ihrer Leute Lebensglück nicht zu teuer – sie schlagen es in die Schanze für eine Dummheit!«

Gestern haben sie sich mit Fien Magretjen beraten. Sie hat Friech Lerz – auch der Mann hat die landesübliche Kürzung seines Namens sich gefallen lassen müssen – allerlei Wege geführt: ins Land Amerika und ins Land der Heiden und Moore.

Der Bub, er heißt Hein und ist kaum zehn Jahr alt, rückte dabei immer dichter an seine Mutter und sah sie mit immer glänzenderen Augen an, wenn von Heiden und Mooren die Rede war. Er dachte dabei an Heiden und Mohren und freute sich auf die fremde wilde Herrlichkeit, die in unserem stillen Winkel ihm sich auftun wollte. Er war der erste von allen, der sein »hierbleiben, hierbleiben!« als zwei blanke Bälle unter seine Leute rollte.

Die Deern ist ein kluges blondhaariges Mädchen mit stillen Augen und einem sanften klaren Gesicht. Viel größere Klarheit ist auf ihrer sechzehnjährigen Stirn als sonst in so jungen Zügen.

Das mag daher kommen, daß die kleine Maria schon vom vierten Jahre ab die Sorgen eines Mütterchens um ihren Bruder Hein leiden lernte, die Schelte für diesen ertrug und für ihn und für sich denken mußte.

Es ist eine stille Helligkeit um das Kind wie um keins in den Hütten auf der Heide; und doch ahnt sie von all dem nichts.

Da sie heute, ganz früh als die Sonne kam, draußen im schimmernden Herbstmorgen stand, in den schon der erste heimliche Reif gefallen war, mußte ich an das Pflänzlein Sonnentau denken, das in unseren Mooren wächst. Es hat demantschillernde Blätter voll von köstlichem Licht.

Und weil der Knabe der Maria und ihrer Fürsorge von Geburt an vertraut war, auch weil sie in ihrem Herzen selbst noch ein Kind ist, so war sie es, die Hein Lerz auf seinem Irrgang ins wilde Land der Heiden und Mohren ertappte.

Die rotbäckige Freude, die darüber mitten unter uns sprang, half mit arbeiten: sie löschte mit fixer Hand manche Bedenken in diesen langsamen Herzen aus ... Galt's nicht, einen seit Jahr und Tag vorbereiteten Entschluß ins Wanken zu bringen, der schon halb zur Tat geworden war?

Zuletzt –; Friech Lerz kann für das Reisegeld wahrhaftig ein rechtschaffenes Haus auf die Heide setzen! Diese Erwägung führte zum Siege.

*

Es ist, als wollte Fien Magretjen dieser ganzen heideeinsamen Siedlung auf die Beine helfen.

Unter ihren Händen gedeiht alles, und vor ihren fröhlichen Augen läuft der Frühling über das Land.

Ich habe sie gefragt: warum sie jetzt erst aus dem kleinen Kreise ihrer häuslichen Pflichten herausträte?

Da hat sie sich einen Augenblick besonnen: »Das is ja woll eine Frage für einen Pastoor! Doch – ich will man ein büschen nachdenken, was Sie damit sagen wollen. Es soll heißen: warum ich erst jetzt anfange und den Leuten in die Töpfe gucke? ... Das is mich über die Dienstboten und Torfarbeiter gekommen ... heute kriegen sie Speck mit Kartoffeln, und morgen Kartoffeln mit Speck. Und es ist da noch eine Abwechslung bei: heute sind die Kartoffeln pfropfig, morgen äugig, übermorgen rostig, und gestern waren sie fett. Oder sie trinken Kaffee und essen dazu ihr Schwarzbrot mit Schmalz bestrichen. Es mag da allerlei Nahrungswert instecken, aber Appotit nich ... Das is for mich alles schon einen alten Hut ... Und nun bin ich mit meine Sorge für die Kindern und den kranken Mann fertig geworden ... es ist eine schwere Not gewesen, und ich habe sie doch alle unter die Erde slafen gelegt ...«

Wir haben nicht weiter gesprochen an diesem Tage; denn ich mag die Fröhlichkeit dieses Herzens nicht für eine Stunde verscheuchen.

*

Allen Menschen möchten Fien Magretjens rasche Hände werktätige Liebe bringen.

Nur auf eine Person ist sie übel zu sprechen: auf Trina Renken. Seit gestern abend erst recht.

Weil Friech Lerz und seine Leute bei mir eingekehrt waren und Brot im Hause sein mußte, ist sie fix eine halbe Wegstunde über die Heide gelaufen, Hilfe zu schaffen; denn sie bäckt immer erst Sonnabend abend, und ihr Brotvorrat war gerade zur Neige gegangen. Aber: »Leicht, de swart Trina kunn helpen!«

Mit diesem Gedanken purrte Fien Magretjen noch spät den Damm entlang, der Himmel hielt ihr die Laterne.

Die dicke Trina hatte ihre Abendpfeife schon ausgeraucht und die Tür ihrer Hütte verriegelt.

Da pochte Magretjen.

Von drinnen: »He, wat is?«

Und Magretjen: »Nawersche, släpst do oder wackst do?«

»Ich wacke!«

»Nawersche, künnst do mi nich een Brot lehnen?«

»Ick slap! Ick slap!«

Fien Magretjen rannte rauchend zurück. Auf meinen Klickerherd ist sie hingesunken und hat lachend gepustet: »Dat is mi to stark, sä de Katt – dor steck se'n Kopp int Pepperfatt.«

Sie hat Brot und Butter und Schinken herzugetragen, auch ohne Trina Renkens Hilfe. Aber mit Trina Renken will sie abrechnen ... Doch: die schwarze Trina ist ihr zu faul, als daß sie wegen ihr zornig werden könnte; wenn sie auf die schilt, ist sie hell wie ein Herbstmorgen, durch den der Wind klingt.

 

24. Oktober.

Mit mir und um mich hat Fien Magretjen zu wenig Mühe. Daß ich ihr geholfen habe, die »Landflüchtigen« im Lande zu behalten, das nennt sie meine schönste Tat. Denen kann sie nun helfen.

Heute ist sie mit ihnen nach Bremen gegangen, zehn Wegstunden hin und zurück. Im Grauen des Morgen sind sie fort und haben einen Schiebkarren die Sandwege lang gerollt, damit sie die Sachen der Fremden aufladen und in die neue Heimat bringen können.

In Magretjens Hütte soll Lerz mit seinen Leuten quartieren, bis das Haus fertig ist, das sie in die Nähe der Holsten-Hütte bauen wollen.

Die Frau wird nicht müde im Plänemachen, Raten und Helfen.

Mit Fien Magretjens Freude und ihrer klugen Erfahrenheit werden Friech Lerz und seine Katreen gar leicht über die Tage der Heimatlosigkeit hinwegkommen und werden danach Wurzeln schlagen in einem guten Grunde, wenn er von der Frau Holsten bereitet ist.

Wenn Lerz die Hälfte von ihrer Lust an der Arbeit und am Leben in sein Haus baut, muß es wohl geraten.

*

Friech Lerz hat von Witwe Holsten unterwegs fünf Morgen Saatland gekauft und fünf Morgen Weiden und Wiesen; dazu zwei Morgen zum Torfstich. Das ist alles, was sie besaß. Vielleicht liegen da noch ein paar Morgen Heideland, die auch ihr gehören. Ist aber nichts wert, ehe es kultiviert ist, und man kann für zehn Mark ein großes Stück erwerben.

Dem Friech Lerz wäre also geholfen – weiter muß er sich selber finden.

Sein Haus will er mit Arp Tietjen und der Witwe Holsten bauen. Auch der Erddüwel soll mit helfen; Rohr schneiden zum Dache, während die Arbeit schon im Gange ist.

Der Erddüwel ist Trina Renkens Sohn, schwarz als ein Schornsteinfeger vier Wochen lang, wenn er einen Tag lang Backtorf getreten hat.

Fien Magretjen prophezeit: an dem werden wir noch Schlimmes erleben ...

Von seinem Tagwerk in mitteldeutschen Bergwäldern kennt Lerz die nötigen Arbeiten zum Bau – ein Maurer ist nicht nötig; denn Steine werden nicht verwendet.

Friech Lerz rechnet, daß er nach allem noch ein Barvermögen von etwa tausend Mark behält. Das Geld will er zum Zukauf von Heide- und Moorland verwenden, neue Weiden daraus zu schaffen.

Magretjen hat ihn gewarnt: »Friech Lerz, auf den Torfhandel sollst du dich man nich einlassen – denn damit is es bald aus un vorbei! Die suere Lake und viele andere meinen zwar: in den Torfkuhlen läge ihr bestes Geld. Aber sie sind all auf dem Weg in die Armut, Friech Lerz! Das will ich dich erklären! Der Torf verlangt die Leute von das Frühjahr bis in den Aust in den Kuhlen. Sind hundert Tage: wenn sie aber mal ihren Torf nich mehr loswerden können, dann werden sie sehen: was die Lager waren, die haben sie abgestochen und sind nich einmal mehr zu Viehweiden was nütze; denn sie haben in ihrer Gier zu tief gestochen, und das Vieh tritt solches Gras in einer Stunde zu Morast. Heute lachen sie all über diese Wissenschaft, aber du wirst sehen, Friech Lerz: in ein paar Jahren wächst meine Weisheit wild ... Wo wollen sie denn in der Stadt die Öfen und Betriebe suchen in einigen Jahren, die noch auf den Torf warten?«

 

Spätherbst.

Heute habe ich auf einem Wandergange gesehen, daß viele der ältesten Anbauer ihre Bootschuppen schon abgebrochen und ihre Torfschiffe zu Brennholz zerschlagen haben. Die besten und tüchtigsten unter den Leuten sind längst nachdenklich geworden.

Also stimmt die Rechnung von Fien Magretjen: nicht der Torfstich, sondern Ackerbau und Viehzucht haben die Hauptbeschäftigung der neuen Ansiedler zu sein.

 

14. November.

Schnee und Regen jagen über das graue Land.

Fien Magretjen hat heute zum erstenmal ihren Webstuhl klappern lassen, den »Stehimwege« –

Das Haus von Friech Lerz ist fertig geworden. Es hat auch seitlich Wände aus Fachwerk und eine Länge von fünfundzwanzig Metern.

Eine Hütte bedeckt nicht die Hälfte dieser Fläche. Die Wände bestehen aus regelmäßig viereckigen Feldern, von Eichenbohlen gebildet, mit Wellerholz dicht an dicht ausgesetzt und außenseitig mit Lehm verstrichen.

Lerz hat diesen Lehm gefugt, als hätt' er aus Ziegelsteinen gebaut, hat mit Rödel getüncht, und die Fugen hat Arp Tietjen weiß und sauber mit schmalen Pinselstrichen gezogen.

Das Dach reicht tief herab, bis ein Meter über der Erde – es wird also warm und traulich darunter sein. Und die Wachsamkeit seines Erbauers wird das Glück wohl zu Gaste zu bitten wissen.

 

15. November.

Ich komme den Leuten wunderlich vor und darf ihnen nicht sagen, daß sie es sind, über die ich nachdenke und von denen ich schreibe.

Sie würden sonst ihre Türen vor mir verriegeln – die Türen an ihren Häusern und an ihren Herzen, damit ich keinen Einblick in ihr Leben und in ihre Gepflogenheiten bekomme.

Frau Magretjen würde auch darin die einzige sein, die in ihrem Wesen mir gegenüber unverändert bliebe.

Sie breitet ihre Seele vor jedem aus; und diese Seele ist wie ein Frühlingsgarten in schimmernder Helligkeit.

*

Der Erddüwel hat sie richtig mitten in der Arbeit sitzen lassen. Er ist zwar immer um die Mitte des Vormittags ausgezogen – Rohr schneiden, hat er gesagt. Als sie es aber holen wollten, lag da nur ein niederträchtig Häuflein, vier Garben groß.

Seit drei Tagen hat er sich nicht mehr blicken lassen.

Trina Renken hat ein verschlagenes Gesicht gemacht, als wäre sie im geheimen lustig darüber, daß er die Neuen zu seinen Narren gemacht; sie hat aber in einem Scheinzorn greulichen Lärm geschlagen und bedauert, dat de Jong nich noch een lüttjen wär, denn möt he sien »Schmier« kreegen!

So haben Arp Tietjen und Friech Lerz selber geschnitten, notdürftig getrocknet und eingedeckt. Magret hat ihnen ihre kleine Hüsung gerne noch offen gelassen. Nun die Stürme sausen und der Regen strömt, sind sie unter Dach.

Lerz hat einen Stand für sechs Kühe, die mit den Köpfen nach der Diele zu stehen kommen. An die Viehdiele schließt sich das Flet mit dem offenen Herd. Daran stößt die Querwand, hinter der sich zwei Stuben und zwei Kammern befinden.

Die sechs Kühe hat er aber noch nicht, er hat nur zwei.

Die Zukunft will auch etwas zu tun haben.

 

17. November.

Der Erddüwel ist wieder herzugekommen. Er ist auf der Brautfahrt gewesen und demnach doch einer nicht zu schlecht, ihn zu nehmen. Und noch dazu eine Bauerntochter. Sie heißt Trina Bolten.

Wenn man nach dem Erddüwel auf sein Mädchen schließen soll, so kann das einmal eine vergnügte Wirtschaft geben. Der Erddüwel ist der schwarzen Trina einziger edler Sproß, wenn die beiden Trinen dann gemeinsam Regiment führen und es dem Manne im Faulsein und im Schmutz zuvortun, dann hat Fien Magretjen etwas zu lachen.

Der Hof, aus dem die junge Trina stammt, die einst die Suere Lake in den Stand setzen soll, der kleinen Erddüwel Großmutter zu werden, ist seit langem in Verfall. Der Bauer ist schon lange tot, und die Bäuerin will nicht aufs Altenteil. Sie heißt Geffke Bolten, bewacht ihren Sohn Lür wie ein Drach' und ist seit einem Jahre dabei, eine Frau für ihn zu suchen.

Es mag aber keine, aus Furcht vor Geffke Bolten.

Lür Bolten ist sechsunddreißig. Sie gibt ihm aber den Hof nicht; und wenn sie ihn gäbe, würde sie ein Altenteil fordern, das sie, ihre drei verheirateten Töchter und die jüngste versorgen müßte, die noch daheim ist. Diese ist also des Erddüwels Braut.

Lür Bolten ist über seinem Leid noch stiller geworden. Vor ein paar Tagen bin ich ihm in der Heide begegnet; verstürmt wie ein Spätherbsttag hat er ausgesehen. Der Mann trägt Lasten. Er ist der einzige Tüchtige auf jenem Hof, aber die Narrheit der Schwestern und der eiserne Wille seiner Mutter legen ihm Ketten an, die ihn unter die Erde ziehen, wenn da nicht bald eine Änderung wird.

Das vierte Gebot ist köstlich.

Aber es sollte auch eins geben, das den Eltern gebeut: ihr sollt euere Söhne und euere Töchter ehren. Ein solches Gebot könnte den Hof Geffke Boltens retten.

 

20. November.

Friech Lerz stürzt seine Äcker. Er hat die beiden erkauften Kühe vor den Pflug gespannt; ist aber ein mühselig Geschäft; denn die Heide hat schon wieder die Erde verfilzt, und der Pflug findet sich nur mühsam hindurch. Auch sind seine Kühe noch nicht im Geschirr gegangen.

Aber Fien Magretjen läßt ihn nicht im Stiche.

Während Frau Katreen und die Deern das Haus im Innern herrichten und der Junge Hein weißen Torf zur Streu für das Vieh bereitet, leitet Magretjen die begriffsstutzigen Kühe an der Kinnkette. So muß es gehen.

Das Wetter ist besser geworden, märzlind und klar; nur nachts ein wenig Frost, der aber das Pflügen nicht hindert.

 

21. November.

Es hat heute einen großen Skandal gegeben mit Trina Renken und dem Förster.

Der Erddüwel ist seit zwei Tagen wieder nicht sichtbar gewesen – aber der Förster hat ihn ertappt.

Der Erddüwel ist ein Wilderer und soll sein heimlich Gewerbe schon Jahre getrieben haben.

Als ihn der Förster verfolgte, hat er sein rostiges Schießeisen in die sauere Lake geworfen.

Es geht eine Sage, daß dieses dumpfige Moor tausend Meter tief sei, nach der Flinte kann darin kein Mensch suchen.

Der Erddüwel aber hat gemeint, er habe keine Flinte, sondern einen nassen eichenen Knüppel hineingeschleudert. Er habe den Förster nicht einmal kommen sehen.

Danach ist der auf Umwegen in Trina Renkens Hütte gegangen, Haussuchung zu halten. Hat auch ein Rehziemer im Rauch gehängt. Der Förster hat der Alten ins Gesicht gesagt, daß ihr Sohn in der Heide sich umhertreibe, die Böcke abzuschießen und Schlingen zu stellen.

Aber da ist Leben in die suere Lake gekommen, in ihren Augen hat es geirrlichtert wie auf der anderen sueren Lake in einer feuchten Frühlingsnacht! Sie hat dem Manne mit der Pfeife vor dem Gesicht herumgefuchtelt und ihn hart bedroht. Der Rehziemer wäre ein Ziegenziemer; denn sie hätten die Graue gut angemästet und vor acht Tagen geschlachtet.

Gesehen hat den Erddüwel noch keiner mit dem Gewehr; aber für Messingdraht und Pferdehaare hat er schon seit seiner Jugend Verwendung gehabt. Und Fien Magretjen sagt: »Watt von'r Katt is, dat miaut ook.«

 

2. Dezember.

Trina Renken, die suere Lake, ist mit ihrem groben Humor, mit ihrem Schmutz und mit ihrer Verschlagenheit eine der letzten Vertreterinnen jenes lichtscheuen Volkes, das vor einem Jahrhundert oder vor fünfzig Jahren in der Verlorenheit der Heiden und Moore Schutz gesucht hat.

Diese Sorte Menschen hat hier durch Geschlechter hindurch gelebt wie die Vögel auf dem Felde. Sie haben nicht gesäet und nicht geerntet und haben sich doch ernährt.

Sie sind Typen in jeder lebensfernen Einsamkeit, in jeder weltfremden Gegend, aber sie sind nicht typisch. Sie sind der romantische Niederschlag der – jeder Romantik abholden – Volksseele.

Sie stammen aus jener Zeit, in der der Zuwanderung von allerhand Gesindel keine Schranke gezogen war, stammen von Menschen, die nichts in die Moorheide brachten als ihr Leben, und die in ihrer Armut hier sich reich vorkamen: sie bauten sich eine Hütte aus Rohr und Holz, das ihnen das unermeßlich einsame Land lieferte. Sie ließen die Stürme über ihr warmes niedriges Dach brausen und den Winter in den Sümpfen krachen – das rote Feuer kostete keinen Heller, die Ziege und die Hühner suchten sich, was sie brauchten.

Sie erwarben nichts als ihres Lebens Nahrung und Notdurft; aber sie hatten auch keine anderen Bedürfnisse.

*

Etliche Hütten und Häuser liegen hier so weit voneinander, daß ihre Bewohner sich nicht errufen können.

Jetzt, da der Winter mit frostigem Schneetreiben über das Land jagt, sind nicht einmal die Dächer zu sehen.

Nur Lerz und Frau Magret halten gute Nachbarschaft, und Magret ist des Lobes voll von diesen Menschen, denen sie die Wege hier herein gewiesen hat.

 

4. Dezember.

Es steht auch eine Hütte in der Heide, in der lebt Gesche Bruns.

Ihr Mann ist auch einer jener Amerikafahrer gewesen, die es im neuen Lande probieren und ihre Leute nachkommen lassen wollen, sobald sie genug Geld zur Überfahrt erworben haben.

Klaus Bruns ist vor vierzehn Jahren außer Landes gegangen, hat aber nie wieder von sich hören lassen.

Danach ist Gesche Bruns lange einsam geblieben und hat gewartet. Dreizehn Jahre gewartet. Sie war darüber vierundfünfzig geworden, ein Alter, das die Frauen der harten Arbeit mühselig macht.

Wieder nach einer Zeit ist Dierk Ohlrogge in ihre Hütte gezogen; denn sie hatte ein Stübchen für ihn und dachte: sie müßte dann wenigstens nicht von allen verlassen sterben. Wie bei Arp Tiejen und Sine Krassen!

Dierk Ohlrogge macht Holzschuhe und ist wochenlang ein fleißiger Mensch – heute standhaft an der Schnitzbank, morgen beharrlich, wenn er mit seinen sechzig Jahren und der langzinkigen Erdharke sein Stück Acker stürzt.

Das lockere Erdreich fordert von den Häuslingen keine Bearbeitung mit dem Pfluge. Sie schlagen die nach unten gebogenen spannenlangen Zinken ihrer Harke in den Grund und reißen den Acker in viereckigen Stücken »um«.

Von Zeit zu Zeit kommt aber das Laster des Trinkens über Ohlrogge.

Dann klagt Gesche Bruns Fien Magretjen ihr Leid: »Und wenn he süpt, denn is he to nix nich nutz!«

Wie es in Fien Magretjens Art ist, wollte sie auch darin helfen. Nun hat sie ein Mittel ausfindig gemacht, das soll Gesche Bruns ihrem Mietsmann heimlich in den Kümmel schütten. Mit ihren paar Spargroschen hat's ihr Fien Magretjen verschrieben von weit her.

Aber: »de Olsch hätt bannig mit den Kopp wackelt«, zum Zeichen, daß er nicht einverstanden war mit dieser neuen Sorte Schnaps.

Gestern kam die lange harte Frau nun wieder zu Fien Magretjen, und ihr kantiges Gesicht war noch versorgter denn sonst.

Dierk Ohlrogge hatte wieder einmal den Kümmel probiert und dabei gemerkt, daß es auf Mischlings- und Heilversuche abgesehen war. Doch, da hat er sich mit dem Stocke gegen dies neue Verfahren gewehrt: »Do Oos, wullt do mi den schönen Kömen verdarben? Wullt do mi vergiften?«

Gezwungen will er nicht werden, hat er gestern abend zu seiner Mietsfrau gesagt, als er, ausgeschlafen, nüchtern und fleißig wieder Holzschuh machte; er will freiwillig auf bessere Wege gelangen.

Weil ihm das aber nicht gelingen wird, meint Gesche Bruns, so wird sie doch am Ende bei ihrem Sterben allein sein.

Es war dämmerig in der Hütte, als die Frau auf Fien Magretjens Herdrande saß, und der Schneewind ratterte an der Tür: »So können wir zwei Alten nicht zusammenkommen,« sagte sie wehmütig, und ihr harter Mund wurde von heimlichem innerlichen Weinen umflogen.

Aber allgemach schien ein Lachen hinein als ein Rinnsal der Sonne, das im Grau des Novemberhimmels urplötzlich eine Lücke findet. Sie dachte an Karleen Lück, und wie es mit dieser gegangen ist.

Fien Magretjens hat mir die Geschichte von Karleen Lück erzählt.

Karleen Lück ist die Pflegetochter von Dierk Ohlrogge, und wie sie von Ohlroggens Vater den Namen allgemach übernommen hatte, so auch die Vorliebe für jenen Kümmel, den sie »sanften Hinnerk« heißen. Ganz heimlich fand sie denn auch den Weg zum Krämer und barg im Rocksack nicht selten die flache Flasche.

Es ging zu Anfang nicht gut mit der Ehe der zwei jungen Menschen – Harm Lück hat einen trotzigen Kopf und einen kurzen Verstand. Der Mann schaut zuviel unter sich, vom Stehen in der Torfkuhle. Und Karleen Lück hat helle Augen und einen fixen Mund. Die Arbeit ihrer Tage führte beide fern voneinander – sie auf einen Bauernhof, ihn in den Torfstich in Tagelohn.

Im ersten Sommer, in dem sie sich geheiratet hatten, lebte der Mann in einer Moorhütte, eine Tagereise weit, und sie sahen sich nur Sonnabend abends und Sonntags.

Einmal nach der Wochenarbeit kam er auch heim in die Hütte. Weil ihm Karleen kaum den Gruß vergönnte – denn sie waren am letzten Sonntag im Streite auseinandergegangen – sagte er zu ihr: »Heft wedder sanften Hinnerk snökert, Deern?« Er lachte dabei, und auch der Frau kam das Lachen über der Frage.

War's nun so, oder war's nicht – sie leugnete!

Und weil auf dem Türbalken ein Paar graue Tauben schnäbelten, denen Harm Lück und Fien Magretjen zusahen, sagte Fien Magretjen: »Ham, guck die Tauben! wenn du's auch so machst mit die Deern, so kannst du ihr kontrollieren auf den sanften Hinnerk!«

Harm Lück, der gerade bei guter Laune war, faßte sich an die Stirn und legte danach seinen Mund auf den seiner Frau: »Guckst du woll, jetz heww ick di ertappt! Du hast doch sanften Hinnerk snökert! Lög man nich, ick heww's smeckt und rooken! Un wart, so wer ick di nu jeden Tag kontrolleern ...«

Fien Magretjen auf meinem Klinkerherde schlug die Hände vor das Gesicht und krümmte sich vor Lachen.

»Nu is denn die Kontrolleererei ook lotgahn,« sagte sie, »un hett ehr gefallen. Toerst, dor hett se noch miehr sanften Hinnerk snökert. Denn worüm? Dat he se faken kontrollern möt.«

Jetzt ist Karleen Lück eine frohe fixe Frau. Sie haben eine Deern bekommen, einen kleinen Flachskopf, grad als die Mutter. Und das Kind macht der Mutter viel größere Freude als vor einem Jahr der sanfte Hinnerk.

Harm Lück aber hat die Augen offen wie nie zuvor.

Seitdem geht's gut voran mit diesen Leuten – ein Auge arbeitet mehr als zehn Hände.

 

10. Dezember.

Es weihnachtet im Land. Der Winter ist hart, auch wirft jede Nacht eine Menge Schnee. Alle Schiffgräben starren in ellendickem Eis. Die Schweinepest hat sich aber doch durch den Winter gefunden, und Friech Lerz hat schon zwei starke Läuferschweine verloren.

Der Mann hat Not, seine Sache im Gleichgewicht zu halten. Er hätte nicht kommen sollen, als der Winter vorm Tor stand. Aber der große Strom der Auswanderer ergießt sich stets um diese Zeit aus dem Reiche heraus so voll nach dem Meere.

Lerz hat auch von vornherein darüber sich Rechenschaft gegeben und hat's dennoch mit dem Winter wagen wollen.

Das Unglück mit den Schweinen wäre zu tragen; nun hat sich aber seine Frau Katreen zu Bette legen müssen; sie ist nicht hart genug gewesen für die nassen Novemberstürme, die sie draußen auf den Äckern getroffen haben mit aller Kraft.

Fien Magretjen richtet ihr an jedem Tag ein heißes Bad her; davon verspürt die Kranke Besserung. Aber Trina Renken schilt: »Gott, tröst de Fru, wenn de Doktor de Gesunheit ut Water hälen wull!«

Vom Wasser hat die suere Lake ihrtag nichts gehalten.

*

Wenn ich mit diesen Leuten von der Schönheit ihrer Heimat rede, so zuckt es ihnen verächtlich um die Lippen, und ihre Augen fragen mich, wo denn hier etwas wüchse, das einer für Schönheit ansehen sollte.

Keine Winterlandschaft ist so verschlafen und tief, wie die des Heidemoors in diesen Tagen; kein Herbsttag hängt so verschwommen in Nebeln, so eingehüllt in Grau und Braun wie ein Novembertag über den Mooren. Keine Wasserbahn ist so eigenartig wie die braune stille Lake, in die die gleitenden Torfschiffe heimliche Bewegung bringen.

Diese träumenden Moortiefen sind so voll Wunder an Farben und Leben – aber die Poesie, die die Jahrhunderte hier eingeschlossen haben in jedem Winkel, an jedem Wege, über jeder Fläche, die wird von den Eingeborenen niemals erkannt werden. Weil ihre Augen vom ersten Tage an eingestellt sind auf all das Merkwürdige und es nicht mehr als merkwürdig spiegeln.

Die Eigenart einer Welt wird erst den Sinnen erkennbar, die sie mit einer anderen zu vergleichen vermögen.

So mußten die fremden Maler kommen, dies Land zu erschließen; es mußten fremde Dichter erstehen, die Werte dieser Poesie umzumünzen in klingendes ewiges Wort.

Man hat diesen Fremden die Berechtigung dazu abstreiten wollen – und doch hat von den Einheimischen keiner geleistet, was sie.

Die Kunst, wie ihr von etlichen engen Köpfen heute das Wort geredet wird, würde ärmlich werden, sie würde aus dem stolz kreisenden Adler der Poesie einen flügellahmen Raben machen, wenn man nur denjenigen der Darstellung von Land und Leuten würdig erachtete, der zufällig in dies Land und zwischen diese Leute hineingeboren ist.

*

Es ist eine große Not um die Schulkinder in diesem harten Winter. Viele von ihnen haben fast eine Meile Schulweg.

Etliche sind in Schneewehen stecken geblieben, und Friech Lerz und Fien Magretjen sind mit Schaufeln ausgezogen, um sie zu befreien.

Fien Magretjen hat die Männer aus einigen Hütten abends bei sich gesehen: sie sollten einen Weg suchen, daß ein Lehrer herberufen werde!

Wo soll er aber die Schule halten?

 

13. Dezember.

Sie heißen das angrenzende Moor das Teufelsmoor. Und weil Crischen Krassen, Sine Tietjens Schwesterkind, wissen wollte, was das mit diesem Namen für eine Bewandtnis hätte, begann sie: »Dat kann ick di woll seggen, mien Kind! Da sind in alter Zeit mal zwei große Riesen gewesen, und beide waren Schmiede. Der eine hat seine Werkstatt hinter Worpswede gehabt, der andere seinen Amboß auf der Heide bei Tarmstedt. Aber dem einen ist der Hammer mal in die suere Lake gefallen, wie er dem Teufel hat den Pferdfuß beschlagen wollen. Der Nagel ist nicht gut eingegangen. Das hat dem Teufel wehgetan, und er hat dem Riesen einen ordentlichen Tritt dafür abgeben wollen. Hat aber nur den Hammer getroffen, und fort sprang der aus seiner Faust und flog bis in das faule Moor. Von Stund' an ist guter Rat teuer gewesen; denn einen zweiten Hammer hat der Riese nicht gehabt. Da legt er die Hände um den Mund und ruft nach dem Weiherberg hinüber: »Do, smett mi doch eben mal dien Hammer to!« Na, das tat der andere denn auch, und so warfen sie sich den einen Hammer des Tags mehrmals den Weg von einer Meile durch die Luft. Hernach haben andere die Geschichte auch gehört und gesagt: das könn' doch wohl nicht zu glauben sein; denn solche Kraft hätten selbst die Riesen nicht; dann wären das wohl Teufel gewesen!

»Und darum haben sie das Moor das Teufelsmoor genannt.«

Sine Tietjen fängt an, unter den Leuten als »weise Frau« zu gelten; und doch – auch dies ist wunderlich an ihr – teilt sie mit den Menschen ihrer Heimat Aberglauben, die noch allenthalben unter der Bevölkerung wachsen.

Als die Schweinepest kam und die Leute gleich an den offenen Löchern warteten, um die später verendenden Tiere zu den anderen toten zu werfen, besann sich Trina Renken auf den alten Eichbaum, der auf der »Sühne« steht.

Zwei Hüttengemeinschaften haben sich da vor Jahren um ein Stück Hochmoor gestritten. Jede von ihnen wollt' es vertorfen. Darüber sind sie in harte Kämpfe verwickelt worden, die haben sie mit Mistforken, Dreschflegeln und Eichenknüppeln ausgefochten.

Weil aber das Glück des Sieges keiner Partei zuteil werden wollte, einigten sie sich: dies Moor sollte liegen bleiben, gemeinsam angesäet und zu Weiden für das beiderseitige Vieh verwandt werden.

Nur wenige wissen heute noch davon – seit Jahren ist die »Sühne« abgetorft und ein sumpfig Moor geworden, aus dem die braunen Schilfkolben schießen und in dem die Wildenten ihre Jungen führen.

Aber der alte Eichbaum, der seine Äste trutzig breitet, der steht noch. Der Blitz hat seinen Stamm getroffen – und doch ragt er als Wahrzeichen mitten auf jenem Streitlande. Großväter und Urgroßväter wollen ihn schon dort gesehen haben, immer groß und gewaltig wie heute. Sie geben ihm fünfhundert Jahre.

Wie die Schweinepest kam, hat sich die suere Lake besonnen, daß sie dem Baum in alten Zeiten Schinken und Würste angehängt haben – dann nämlich, wenn einem Anbauer ein Stück Vieh krank gewesen.

So spukt das Heidentum noch heute unter ihnen, aber sie ahnen es nicht, daß dies ein Opfer war den zürnenden Göttern. Oder dem »unbekannten Gott«.

Auf Trina Renkens weitäugige Beteuerungen hörten sie nun wieder in ihrer großen Not. Was vor hundert Jahren oder noch vor vierzig heimlich geschehen war, das trieben die Menschen von heute nun ganz offen, als handelten sie dabei nach einem guten Rezept.

So hat auch Friech Lerz eine Rauchwurst von den Wiemen genommen und hat sie in die Äste der Wotanseiche gehängt. Zwei Vorderschinken waren schon dran, ein Stück Ziegenfleisch und ein halb Dutzend Würste.

Auf meine zweifelnde Frage, wie dieser fleischtragende Baum die Schweinepest austreiben sollte, sagte mir Trina Renken: ich sei ein alter Heide und hätte keinen guten Glauben.

 

17. Dezember.

Die Schweinepest ist im Verschwinden; die Leute schicken sich an, eine fröhliche Weihnacht zu feiern.

Zu ihrem maßlosen Erstaunen haben sie entdeckt: die Würste und Schinken von der Eiche auf der »Sühne« sind verschwunden. Nur das verräucherte Rippenstück der Ziege, das aus Trina Renkens Hütte stammt, hängt noch.

Die Raben und Füchse werden sich gütlich getan haben an der Weihnachtsgabe der Torheit.

 

18. Dezember.

Die Raben und Füchse sind's nicht gewesen. Aber der Erddüwel!

Fien Magretjen scheint noch einmal so hell, seit sie das weiß.

 

19. Dezember.

Arp Tietjen steht in den Hütten im Ruf eines geschickten Medizinmannes. Manchmal versucht er, mich in seine »Lehren« einzuführen, dann frage ich mich: ob er wohl einmal die Schriften des Paracelsus in einem Haufen Lumpen erhandelt hat?

Theophrastus Paracelsus war sicherlich ein tüchtiger Reformator auf medizinischem Gebiete, aber damit auch er seinen Sparren behielt, lehrte er: Gott hat für jede Krankheit auch ein Arkanum wachsen lassen. Und damit die Menschen nun einen Weiser durch die Nöte ihrer Krankheiten hätten, gab der Schöpfer jeder Heilpflanze die äußeren Zeichen der Erkennung in der Form der Blätter, der Farbe der Blüten oder in der Zeichnung mit auf den Weg. Ihre Ähnlichkeit mit den verschiedenen Organen des menschlichen Körpers deutete dann die Krankheit an, bei der sie heilbringend wirken.

Das ist auch die Weisheit und Grundlage von Arp Tietjens »Volksmedizin«.

Alle Wiemen seines Daches hängen voller Kräuter zu Tee. Alles fein in Bündeln gepackt: Siebenstern und Gundermann, Fikaria und Sonnentau, und die Porzellanglöckchen der Andromeda. Dazu hundert andere. Um karge Pfennige gibt er davon ab; und Arp Tietjen ist der einzige Doktor, der durch die Heidehütten geht.

Fien Magretjen lacht darüber und hat ihr Sprichwort auch dafür bei der Hand: »Wo der Tun am siedsten ist, dor stiggt jedereen öwer.«

Das Volk hat in seinen Sprichwörtern Perlen und Edelsteine und findet sie wie ein Wunderkind. Sine Tietjen spricht eine ganz andere Sprache als Magret Holsten, aber die Rede beider ist voll von Edelgold ...

So muß die Sprache der Gebildeten von Zeit zu Zeit an dem Borne sich verjüngen, der in der Volkssprache springt.

 

21. Dezember.

Wintersonnenwende!

Aber in das kleine Haus von Friech Lerz will kein neues Leuchten fallen. Die Frau liegt krank auf den Tod.

In der höchsten Not der Leute ist der kleine Hein Lerz nun doch zu einem »Medizindoktor« gelaufen – zwei Stunden durch Schneesturm und Heidewinter.

Zum ersten Male, daß der Arzt diesen Weg in die Hütten gegangen ist! Er hat das Haus mit nachdenklichem Gesichte verlassen – Gelenkrheumatismus, der das Herz der Frau geschlagen hat.

Es wird zu spät sein für seine Hilfe.

Und die suere Lake kramt an dem Notbette der Kranken wiederum ihre Weisheiten aus. Sie hat Katreen hinausführen wollen in den Wintertag, der wie ein rauchender Wolf durch die Einsamkeit rennt; zum Eichbaum auf der »Sühne« sollte sie mit ihr kommen und rufen: »Eekboom, ich klag di dat, dat kohle Feewer plagt mi hart, de irste Vagel, de öwer di fliegt, Gott gew, dat he dat kriegt.« Trina Renken sagt: ob kaltes Fieber oder nicht, das Wunder des Eichbaums hülfe immer!

Es ist ein Glück, daß Katreen zu krank ist, um den verzweifelten Gang zu gehen – sie würde unter dem kahlen Baume finden, was ihr noch zur Fahrt in die kalte Wintererde fehlt.

Darauf hat die suere Lake zu einem einfacheren Mittel gegriffen: sie hat von Maria den Namen der Mutter überkopf an das Fußende der Bettstelle schreiben lassen und hat dazu gesagt: Fieber, bleib aus, die Frau ist heute nicht zu Haus!

Wenn man dieser alten Formeln närrischen Glauben hört, die unter den Leuten noch heute wachsen wie der Porst im Moor, so muß man meinen, das Fieber scheinen sie in den Zeiten, aus denen diese Formeln stammen, recht als einen dummen Teufel betrachtet zu haben, den man prellen, betrügen und zum Narren haben mußte. Als ein dummer Teufel erschien ihnen die Krankheit, über den Bäume oder Naturgewalten Kraft besitzen, ihn zu verjagen.

Auch die Weide, oder wie sie hier sagen: die Wichel, hat Macht über Krankheiten. Davon hat Arp Tietjen abermals einen Tee »verschrieben« – aus der Rinde von jungen Weidenzweigen.

Merkwürdig ist, daß seine »Volksmedizin« auch hier durch das Dunkel dieses Geistes nach einem richtigen Wege tappte. Die heilbringende Wirkung der Weidenrinde haben diese Leute schon längst erkannt, ehe die Fiebermittel Salizyl und Salizin daraus hergestellt wurden.

Auch vor dem Ellhörn, dem Hollerbusch, hat der Mann vom Kniependamm einen Tee gebracht und gemeint: »Der is good! Vor jedem Ellhörn hewwen us Väter den Hoot afnahmen.«

 

Nach Mitternacht.

Katreen Lerz ist heute nacht gestorben.

Es ist ein Jammer in jenem Hause, unbeschreiblich. Mit welchen Hoffnungen und mit welchem Vertrauen sind diese Menschen hierhergekommen! Mit wie leuchtenden Augen hat die Frau ihr Tagwerk getan! Und nun ist in diesen hellen Augen dunkle Nacht, und ihre Sterne sind den Ihren untergegangen.

Die Gesetze, die hier wirken, haben etwas Schauderndes. Das Schicksal schafft mit so dumpfer Gewalt, daß über die furchtbaren Grenzen, die es zieht, nicht hinauszusehen ist.

Friech Lerz steht vor allem in stumpfer Gelassenheit. Der kleine Hein schaut unter der Stirne hervor und betrachtet scheu das unerforschliche Rätsel des Todes. Um den jungen Mund des Mädchens Maria gräbt der Griffel des grausamen Schicksals früh, viel zu früh die Züge eines Schmerzes, der ihr das Geleite durchs Leben geben wird.

Sie haben die Tote hingelegt auf den braunen Schragen aus Föhrenholz – sie, auf die eine Welt voll Arbeit und ein Segen wartete, daß er unter ihren Händen frei werde, sie ist ausersehen zu dem tiefen Schlafe, just zu der Zeit, da ihr ein Morgen voll Sonne aufging wie ein Sommertag, der goldene Ernten reift! Diesen Händen hat der Tod seine kalte Fessel angelegt, für deren Fleiß die Zeit zwischen Sonnenaufgang und -untergang zu kurz war!

Und nebenan steht die dicke schmutzige Trina wie ein fauler Morast; ihre Gesundheit lacht sieghaft der Verkehrtheiten ihres Lebens, lacht der Dumpfheit ihrer raucherfüllten Hütte, des Schmutzes und Moders um ihr nächtliches Lager. Sie hat sich all ihrer Pflichten entledigt, und was sie frech von ihrem düsigen Dasein fordert, das gewährt ihr lächelnd das Schicksal.

 

22. Dezember.

Ich frage mich: ist die Gelassenheit Stärke, mit der Friech Lerz dieses furchtbare Leid erträgt? Ist dieses ergebene Unterwerfen Kraft? Oder ist es Niedrigkeit, dies stumpfe Dahinleben vor dem Unerforschlichen, Grausamen?

Ich weiß es nicht.

Aber ich weiß: bei dem Kinde Maria ist es Kraft! Sie läßt das heilige Rätsel des Todes an sich vorüberfließen und rät nicht daran herum. Still rinnt der Quell ihrer Tränen und furcht seine Spuren in das junge Gesicht und netzt den Samen, der in diesen guten Acker gesäet ist und regt ihn zum Leben. Fast zu früh im Frühlinge beginnt er zu treiben; aber es ist der Segen einer tiefen stillen Wärme in dem Grunde, der die Fröste von draußen unmächtig machen wird.

All die Liebe, die die harten Tage der Frau über dies Kind kaum ausströmen konnten, gibt Maria der Toten zurück, in dreien Tagen und dreien Nächten.

Sie ist immer um sie und redet mit ihr, wie sie ihr auch alle Liebe getan hat, die ein Mensch einer Mutter schenken kann.

Frau Magret hat ihr die Blumen gebracht, die in Scherben an ihren Fenstern blühten, alle. Davon bricht das Kind an jedem Tage etliche und legt sie der Toden auf das Herz und gibt sie ihr in die kalte Hand. Feuerrote Geranien an jedem Tage.

Morgen aber wird der letzte sein.

Tränen rinnen über ihr Gesicht, und doch, sie rinnen über ein heimliches tiefes Glück, das in ihr ist, weil sie der toten Mutter solche Liebe bezeigen kann.

Wir müssen alle von diesem Kinde lernen: das heilige Rätsel des Todes ertragen und das heiligere des Lebens zu lösen versuchen – durch die Liebe.

 

Am Christtage.

Heute haben wir Katreen Lerz in die Erde gelegt.

Ein Wintertag; tief im Schnee alle Weiten; tief in Grau alle Himmel. Ein Flockenfallen ging hernieder, so dicht, so dicht!

Auf einem Schlitten hat sie ihre letzte Reise getan in die neue Welt der tiefen Ruhe. Mit einem weißen Bahrtuch, das der Winter wob, ist der föhrene Sarg zugedeckt gewesen, da er in das Grab sank.

Maria hat die letzte Nacht bei der Toten gewacht, ohne Weinen; sie hat ihre Hand gehalten und hat nicht gelitten, daß man sie fortführe.

Frau Magret hat draußen im Flett vor dem leise glimmenden Torfbrande gesessen und Wolle gesponnen. Friech Lerz aber lag im Schlafe – es war gut so; schon allzulange hat der Schlummer diesen Armen nicht heimgesucht.

Maria hat die letzte Wacht nicht als den tiefen zermürbenden Schmerz empfunden, nicht als grausame Selbstpeinigung, sondern als eine Wohltat, die ihr den Jammer tragen half.

Ein so wunderlich Rätselding ist das Menschenherz!

Magret hat auch gehört, daß das Kind heimlich mit seiner Mutter sprach. Es hat ein leises Feuer im Öflein angezündet gehabt, wie es der Toten im Leben heimelich gewesen ist ...

Ich konnte nicht dabei sein, da sie den Sarg schlossen und auf die breiten Kufen gehoben haben. Das Herz hätte mir zu weh getan wegen des Mannes.

Sie ist doch nicht Stärke bei ihm, diese sprachlose Ruhe und Gelassenheit, die in dem Manne Friech ist; sondern es ist stumpfe Verzweiflung.

Auf dem Schlitten neben dem Sarge sind wir über die Heide geschliffen. Ich habe versucht, es möglich zu machen, die Tote unter den Weidenbäumen neben Friechs Hause in der Heide begraben zu dürfen. Es ist nicht gestattet worden. Vielleicht ist es gut. Ich glaube, dieser Tod hätte des Mannes Leben zerteilt, wenn er sein Zeichen aufgerichtet hätte – an jedem Tage sichtbar für den, den Katreen nun allein mit seinen Sorgen und seinen Pflichten gelassen hat. Das Werk, das der Mann sich vorgenommen, ist groß, so groß, daß es die lähmende Erinnerung an diese Zeit besiegen wird.

Recht trübselig war dieser Weihnachtstag, und doch wird er als eine Leuchte stehenbleiben im Herzen des Kindes Maria, dauernder als alle Weihnachtskerzen, und heller als alle, die in dieser Nacht brennen.

Maria hat die kurze Spanne Zeit am offenen Grabe getragen wie eine Heilige.

Woher dem Kinde solche Kraft und Weisheit kommt, die stärker ist als der Tod?

Aus der Liebe.

Die Liebe ist ein Wunder. Und die Liebe ist stärker als der Tod.

 

Am Tage nach Neujahr.

Es hat sich abermals etwas ereignet, das ein Wunder ist.

Langsam ist die Kunde von dem Tode der Katreen Lerz aus dieser Winterheide in das Reich gedrungen, wo Friech Lerz und seine Leute Freunde und Verwandte in kleinen Dörfern ihrer Heimat haben. Langsam sind die Kränze und Blumen, der Toten ein letzter Gruß, von dort aus in die Einsamkeit unserer Hütten gelangt.

Mit diesen Kränzen ist Hein heute morgen zum Grabe seiner Mutter gegangen. Drei Stunden mußte er ausbleiben, oder ein wenig länger. Die Wege sind tief verschneit, und nur wo der Schlitten über die Heide zum Kirchhofstor geschürft ist, sind sie gut gangbar. Andere Spuren sind kaum getreten. Der Junge hat seiner Mutter die Blumen gerne bringen wollen.

Noch ehe er zurück sein konnte, ist Maria zu der kleinen Erhöhung gelaufen, nach ihm auszuschauen. Magret hat zwar gesagt, daß er ja noch lange nicht kommen könnte. Aber dreimal ist das Mädchen gegangen und hat dreimal die Wege abgeblickt, auf denen er kommen mußte.

Maria ist immer Ruhe; wenn ihr das Herz einmal schneller schlägt, so verrät sich das leicht.

Und wie sie zum drittenmal zurückgekehrt ist, hat sie zu Frau Holsten gesagt: »Ich weiß nicht – mir ist als wäre Hein ins Wasser gefallen.«

Da hat Magret gemeint: »Wie kann er ins Wasser fallen, wenn doch alle Gräben im Eise starren?«

Aber kaum hat sie das Wort heraus, so denkt sie des Tümpels rechts vom Kirchdamm, der auch im härtesten Winter immer eine dunkle Lake bleibt mit einer trügerischen Schlickdecke. Sine Titjen dichtet dorthin die Pforte, aus der die Winternebel steigen. Und eine heimliche Furcht hat Frau Magret ergriffen um den Jungen. Er ist ein Junge und könnte die Schlickdecke probieren!

Aber sie hat geschwiegen.

Nach einer Zeit, von der sie dachte, daß er nun heimgekehrt sein müßte, ist sie unbeobachtet aus der Hütte geschlichen, ihm entgegenzugehen. Eine Rufweite hinaus hat sie ihn angetroffen – wie er seine Jacke hinter einem Machandelbusch ausgerungen hat. Und hat ihn heimgeführt.

An der Türe des Hauses aber stand Maria und sah ihnen entgegen. War auch gar nicht verwundert, den Jungen naß und übermoort kommen zu sehen und sagte ganz still: »Ich wußt' es ja, Tante Magret! Und ich habe das andere Zeug für ihn schon in die Wärme des Herdes gehängt, daß er es anziehen kann.«

»Was ist das mit diesem Kinde?« hat mich Magret mit weit offenen Augen gefragt, durch die ich ihr bis in ihr zitterndes Herz sehen konnte.

Ja, was ist das mit diesem Kinde?

*

Mählich bekommen die Tage wieder das alte Gesicht. Weil es ihnen so schwer wurde, warf Fien Magret ihren hellen Neujahrstrost hinein: »Kinners, ji möt ju mit Gott tofreden geben! De do baben hett all so männig Johr hus holen; he ward dat uck woll dit Johr torecht bringen!«

 

3. Januar.

Es haben nicht viele Menschen um die Grube gestanden, über der sich nun der Hügel wölbt; aber sie sind alle mit Katreen gewesen auf ihrer letzten Fahrt; nur der Erddüwel hat gefehlt.

»Wer den Düwel to Frünn hett, de kriegt den besten Platz in de Höll,« hat Frau Holsten gesagt, die immer ein treffendes Wort prägt, wenn's gilt.

Der Erddüwel hat in jenen Stunden nichts unter uns zu schaffen gehabt, in denen die Herzen der Heideleute so rein und tief gestimmt waren und sich selbst läuteten zu ihrem Gottesdienste. Er hat sich auch zum Christtage nicht heimgefunden. Sie haben gemeint, er sei auf der Brautfahrt hinüber in den Moorhof.

Ist aber nicht gewesen. Er ist auf die Jagd gegangen.

Und wo hat er genächtigt? fragen die Leute und erschauern bis ins Mark; denn die letzten Nächte sind grausam kalt gewesen und voll von klingendem Mondlicht. Der Schnee hat unter den Holzschuhen gesungen.

*

Jetzt ist es heraus; der Erddüwel hat warm gesessen in dieser Zeit!

Einen Flintenschuß weit über die suere Lake hin liegt ein verödeter Torfstich. Dort hat man eine Erdhütte gefunden, drei Meter tief im braunen Grund; das Dach eben wie die Erde, aus alten Eichenbohlen gelegt, aber längst überwachsen von Heide und Moormyrte.

Im Neuschnee hat der Förster seinen Hund auf die Fährte eines Fuchses gesetzt, und der Hund ist bis in die Moorkuhle gelangt und auch hinein in die Hütte. Der Förster ihm nach.

Warm ist's darinnen gewesen; denn der Zugang ist ein Loch, kaum so geräumig, daß ein Mann hindurchkriechen kann. Ein Lager aus Rohr ist in der Erdhütte gewesen und ein noch leise glimmender Brand von Torf, mit Asche bedeckt. Auf dem Rohrlager zwei Rehdecken, Wilpert im Rauch, Roßhaare und Draht und ein Zünglein dabei zum Biegen der Schlingen – alles vorhanden; zuletzt auch noch ein Fensterglas; rechts oben in der braunen Wand nach dem Abstich zu; aber von außen fein versetzt mit einem Stück Heidesoden.

Dort hat sich's der Erddüwel wohl sein lassen; ist seine Rauchkammer gewesen, sein Bett und sein Salon zugleich, das Loch im Torf.

So hat man ihn also darin erwischt und gefangen?

Entwischt ist er, oder gerade nicht daheim gewesen, als der Förster angeklopft hat bei ihm.

Woher will man denn hernach wissen, daß es dem Erddüwel sein Unterschlupf ist gewesen?

Wie der Förster der alten Trina vor einigen Wochen den Besuch hat abgestattet, hat er am Torfherd zum Trocknen ein paar Holschen gesehen, dem einen ist auf der Sohle ein Hufeisen aufgenagelt gewesen.

Dieses Hufeisen hat ihm die Fährte gezeigt, ein dünnes abgenütztes Ding und nicht zu schwer zu tragen für die Faulheit des Rehdiebes ... So hat er auch ein Hufeisen am Fuß, der Erddüwel.

Die Hütte haben sie ausgehoben.

Soll der Förster in der Nacht auf dem Anstand stehen auf dies Edelwild? Sich totschießen lassen am Ende von so einem? Die Fährte ist sicher und der Wilderer ertappt. Nur gefangen haben sie ihn noch nicht.

Wird nicht schwer halten, das Fangen, hat der Förster gemeint und hat Trina Renken auf den Kopf zugesagt: »Er ist es, und diesmal setzen wir ihn fest, den Burschen!«

 

Etliche Tage nachher.

Trina Renken schilt wie eine Rohrhenne. Der Erddüwel wäre unschuldig als ein Stern am Himmel! Und wäre gewiß tot; denn sein Ehrgefühl hat nicht gelitten, daß sie ihm einen so schweren Verdacht anhängen.

Er ist unsichtbar geblieben seit langen Tagen.

Der Herr Förster hätt's doch wohl schlauer anfangen können: die Hütte umstellen, in der Hütte eine Nacht selber hausen, oder zwei; so wär' er ihm schon ins Garn gegangen. Dann wärst du in eine Schlinge gekrochen, aus der kein Entrinnen gewesen wäre, mein Erddüwel, aber doch nicht so hart und grausam wie jene, in denen du die Rehgeiß oder den Bock hast abgewürgt viele Stunden in röchelnder Todesqual!

Wo steckt der Erddüwel?

Der Gendarm ist bei Trina Renken gewesen; hat aber nichts erfahren als der sueren Lake ihre giftigen Reden. Und weil er die Türe der Hütte offen ließ, als er hinausging, hat sie sich gegiftet und ihm nachgerufen: »De Hunn un de Edellüd maken keen Döhr achter sick tau!«

Auch etliche Berittene sind durch Moor und Heide gejagt – nichts gefunden haben sie.

Ist er tot?

So oder so – ist er nur weg, so bin ich ihn los, hat der Förster gemeint.

Auch auf dem Moorhof haben die Gendarmen vorgesprochen. Das hat ihnen Geffke Bolten sehr übel angerechnet, sie ist in einen Schreikrampf verfallen und hat mit Händen und Beinen um sich geschlagen – was ginge sie der Erddüwel an?

Trina, die ja einmal des Wilderers Frau werden will, hat wortlos zur Seite gestanden. Das ist den Gendarmen sonderbar vorgekommen. Es heißt, sie wollen auch den Moorhof im Auge behalten einige Tage, ob der Entwischte aus und ein geht.

 

12. Januar.

Den Erddüwel haben sie noch nicht. Es ist auch keine Spur im Schnee gefunden worden, die ein Hufeisen zeigt.

Der Erddüwel wird sich hüten!

Um die Christzeit, die zugleich die Sterbezeit der Katreen war, ist er zu sicher gewesen; da haben alle Köpfe zu denken gehabt: was das Schicksal sich denn aussinnt, daß es so gar grausam mit einem stillen, gerechten Manne einherfährt wie Friech Lerz.

Frau Magret hat zu Old Trina gesagt: das hätte sie ihr schon im verflossenen Jahrhundert erklärt, der Erddüwel würde ein Süper und Swinegel werden.

»Wenn du so neunmalklug bist,« hat ihr Trina geantwortet, »so sag, wo er jetzt ist?« Und hat laut gejammert um den verlorenen Sohn, den die »Schandarms« in den Tod gehetzt haben.

Wo der Erddüwel sich verborgen hält?

Die Forstverwaltung hat fünfzig Taler Belohnung dem zugesichert, der ihn fängt oder so zur Anzeige bringt, daß man des Galgenstrickes habhaft wird.

Der Herr Förster hat einen Wischer gekriegt.

Die suere Lake wünscht ihnen allen das himmlische Feuer an den Hals.

 

20. Januar.

Es ist ein Tauwind über das Land gefahren, der will mit einem Male alles gutmachen, was der Winter verbrochen hat; denn der Tod von Katreen Lerz steht auch in seinem Schuldbuch, die Schweinepest desgleichen, und noch allerhand bösartige Zufälle. Nun kehrt der Tauwind die Welt aus und wettert zusammen, was morsch und brüchig war.

Die Hütte der saueren Trina hat er am Giebel eingedrückt, aber Arp Tietjen und Friech Lerz haben ihr geholfen. Sie mögen Trina alle nicht leiden, und doch sind sie bei der Hand mit ihrer Hilfe, wenn's not tut.

Auch in dieser Woche hat den Erddüwel keiner gesehen.

Die Rede kommt nicht zum Schweigen, daß er sich aus Furcht ein Leid angetan habe. Aufgehängt an einer Birke im Moor.

Gestern trat Trina durch die Hüttentüre, als ich vorüberging; der blaue Tabakrauch wehte hinter ihr drein.

»Shag smoken wi nich, wi smoken Knaster, de makt meh Rook in de Stuw!« hat sie gesagt. Aber sie verzog rasch das lachende Gesicht, als hätte sie sich über einem Leichtsinn ertappt, und sah wehleidig in den sturmwilden Tag ... Wie sonst nach Mitte Februar, so fährt dieser tauige Wind einher.

»Weg ist er, und weg bleibt er!« sagte sie, und ein Weinen kroch ihr durch die Kehle. Ihren Sohn meinte sie. »Wohin soll die Mutter gehen und ihn suchen? Nach den Raben will ich sehen! Wo sich die Raben scharen über der Heide, dort werd' ich ihn ja wohl finden.«

Wer Trina Renkens Verschlagenheit nicht kennt, muß ihr trauen, hat Arp Tietjen gemeint.

Ich kann nicht an der Wahrhaftigkeit ihres Schmerzes zweifeln.

Aber die Leute kennen Trina Renken besser. Sie trägt ihren Namen nicht umsonst – undurchsichtig bis auf den Grund, wie die suere Lake.

»Wenn sie ihn fangen ... was dann, Trina Renken?«

Dabei blinkaugt sie die Leute an: »Bis zum ewigen Tag soll dor nix draus weern!«

 

Ende Januar.

Es ist ein fremder Mann durch die Hütten auf der Heide gegangen. Ein versorgtes Gesicht hat er mitgebracht und ein verstürmtes Herz. Ein Flüchtling des Lebens. Nicht aber einer, der die Gemeinschaft der Menschen meiden mußte, weil sie ihn ausgestoßen. Nein, es ist einer, der die Mühsal seiner Tage in der Verschwiegenheit dieses Weltwinkels leichter zu besiegen hofft.

Es ist gut, daß neue Menschen zu uns hereinkommen, die den Kampf aufnehmen können mit Heideschicksal, Heidesturm und Heideödland.

Wir hoffen, der Landfremde soll an dem Segen, der in unserem Winkel schlummert, zur Freude gelangen.

*

Wie steht es um Friech Lerz?

Ich habe schon oft mit Fien Magretjen darüber geredet, wir wissen aber noch nicht, ob er Stahl im Blut hat; denn am Ende ist es nicht der Pflug, der die Scholle zwingt, sondern es ist der Wille. Der gute Wille war bei Lerz da; ob auch der zähe, muß sich erweisen. Der Winter hat ihm zu früh in sein Vorhaben geschneit, und das Schicksal hat ihn zu tief ins Herz getroffen.

So blöde hat es wohl selten dreingeschlagen, und mit so stumpfer Gewalt!

Jugend wäre noch da – Harm Lück und die helläugige Karleen. Aber der Mann ist in der Torfkuhle herangewachsen; und diese Art Leute kommen schwer zu einem Entschluß. Wenn Harm Lück die Sache von Lerz wachsen und gedeihen sieht – das könnte ihm Mut machen. Die Augen hat er ja offen und blank – das flachshaarige Deernlein lacht sie ihm jeden Tag hell.

Karleen Lück soll bei Lerz in Taglohn treten, sobald die Feldarbeit wieder beginnt.

Im mitteldeutschen Lehm und im Schlick der Marschen müssen die Leute im Frühling wochenlang die Sonne allein zu Felde gehen und trockenarbeiten lassen. Hier hat sie nur nötig, den Frost zu vertreiben und den Bauern aus dem Winterschlafe zu wecken.

 

1. Februar.

Heute ist der Fremde in eine der Heidehütten gezogen, in jene, die er von Bekka Lührsen gekauft hat. Die alte Frau ist achtundsiebzig Jahre, hat zwei Hütten nebeneinander weit draußen in der Ellernweide stehen und bewohnt doch nur eine.

Sie hat dort die ersten vierzig Jahre in Einsamkeit gelebt, mit ihrer Mutter. Eines Tages aber ist einer gekommen, seines Zeichens Musikant und Schriftsetzer, der hat Gefallen an ihr gefunden und hat sie zum Weibe genommen. Dreißig Jahre hat sie in Cuxhaven sein Haus bestellt; der Musikant ist gestorben, und der Sohn war schon vorher nach Afrika gegangen.

Im Burenkrieg ist er gefallen.

Das weiß Bekka Lührsen aber nicht.

Oder sie weiß es nicht mehr.

Alles hat sie vergessen, während sie in Cuxhaven allein war, nur die Sehnsucht nach der Heimatheide nicht, die im Sommer knistert wie rote Seide.

Da verkaufte sie, was sie hatte und zog wieder heim in die Heimat.

Die Hütte, aus der sie ihr Mann genommen, erstand sie zurück, und der Holzschuhmacher, der darin gehaust hatte, lachte sich in die Faust; denn er hielt in dieser Faust viel mehr als das alte Geniste wert gewesen war.

Jener Holtscher hieß Dierk Ohlrogge und wohnt nun zur Miete bei Gesche Bruns.

Bekka Lührsen, als sie nun ganz allein mit sich und ihrem vergangenen Leben war, spann Wolle und wunderliche Gedanken. Und spann sich eine Welt, die gar nicht vorhanden war.

Eines Tages rief sie Zimmerleute und einen Dachdecker und ließ sich ein kleines Haus bauen, dicht neben die Hütte. Niemand hatte dagegen einen Einwand; denn wenn der Sturm an ihr altes Dach fuhr, krachten die Eichbohlen, und niemand wußte, was die Hütte eigentlich noch vorhatte, weil sie sich nicht vom Wind wegfegen ließ.

Das Haus wurde fertig.

Aber Bekka Lührsen zog nicht hinein.

Sie ließ ihre alte Wohnstatt stützen und da und dort einen Balken oder ein Sparrenwerk flicken.

Warum sie sich denn dann ein neues Haus habe bauen lassen?

Darüber lachte Bekka Lührsen und sagte: »Für meinen Sohn.«

»Himmel, Lührsens Mutter, weißt du denn nicht, daß der Sohn geblieben ist im Kriege, in dem fernen Afrika?«

Über dies Wort dachte sie eine Weile nach – wie langsam drehen sich doch die Räder in einer solch alten ausgelaufenen Uhr – dann aber begann sie zu schlagen, lange, als schlüge sie die Stunde vor Mitternacht: »Nein, er ist nicht tot und wird kommen und in diesem Hause wohnen. Und bis dahin will Lührsens Mutter immer warten und spinnen, warten und spinnen.«

Wolle spinnt sie und Hoffnung. Und ihre närrische Hoffnung ist stark genug, das staubige Werk dieses Geistes im Gange zu halten.

In den letzten Tagen des Eismonats bin ich bei ihr gewesen. Keine Fährte im Schnee war nach der Türe ihrer Hütte getreten von draußen her; nur hinüber nach dem kleinen Hause war sie etliche Male geschritten.

»Du wirst nun bald Gesellen haben in deiner Einsamkeit, Bekka Lührsen! Aber warum hast du Feuer auf dem Herde im neuen Hause?«

»Ei nun, warm soll es sein, wenn mein Hinnerk kommt! Du mußt wissen, er ist im Kriege gewesen und hat nachts draußen schlafen müssen in Torfkuhlen und in Heide und Porst. Es soll ihm wohl sein bei Lührsens Mutter.«

»Aber ehe er kommt, wollen doch andere in dem Hause wohnen – ein fremder Mann mit seiner Tochter, sagen die Leute?«

»Das wohl. Aber nur so lange als er selbst nicht daheim ist. Dann können sie nicht mehr dableiben, nein, dann nicht mehr!«

Ich fragte sie, ob sie auch ein Bild von ihrem Manne hätte. Sie hat sich lange besonnen und wischte mit der Hand über das Gesicht, als wollte sie den Staub von der Erinnerung wischen.

»Mein Mann?«

Dann zog sie ein Schubfach am Tische heraus und kramte in allerhand schlechten Dingen, die darin lagen. »Das Bild muß mir wohl einer gestohlen haben. Es ist nicht mehr da. Ich weiß auch gar nicht, wie er ausgesehen hat.«

 

3. Februar.

Der fremde Mann hat es nicht vermocht, Bekka Lührsen zu überzeugen, daß sie längst verwaist ist. Er hat erst nicht gewußt, wie es um die alte Frau steht. Er ist sehr verwundert gewesen über alles, was sie ihm erzählt hat, und erst nach einer Zeit hat er erkannt, wie das um sie steht. Er hat ihr die Hoffnung gelassen, die sie als Immortelle an der Brust trägt, und hat mit ihr beredet: wenn der Sohn heimkommt, räumt er das Haus.

*

Der Fremde heißt Gregor. Mehr weiß niemand von ihm. Ein Stellwagen hat die Dinge über die Heide gefahren, die er in dem Hause aufstellen will: zwei Betten, einen Tisch, Stühle und zwei Schränke und was sonst zu einem kleinen Hausstande gehört. Es ist mehr, als die Leute sonst hierzulande brauchen. Das Weib hat er verloren; die, die mit ihm hinter dem Stellwagen herschritt, war seine Tochter. Ein dunkelhaariges Mädchen von sechzehn Jahren. Der Mann ist vierzig. Aber über den Schläfen in den Haaren liegt ihm schon der Herbstreif.

 

4. Februar.

Ich war heute im hereinbrechenden Abend bei Gregor. Er ist nicht ohne Geld, an seinen Fenstern sind weiße Vorhänge, und neben der Hütte von Frau Holsten ist sein Haus das freundlichste in der Heide.

Gregor ist ein nachdenklicher Mensch, der eine kleine Beamtenstelle in Sachsen verwaltet hat. Er hat seiner Neigung zu einem kleinen landwirtschaftlichen Betriebe nachgegeben; das karge Vermögen hätte in seiner Heimat nicht gereicht, etwas Rechtes zu erwerben. Auch hat er zu wenig Kenntnisse, ein Gut zu halten, das nach althergebrachten Regeln verwaltet sein will.

Er gedenkt, ein paar Morgen Feld oder Ödland zu kaufen und zu versuchen, wohin er damit kommt. Zum Leben reicht sein Geld einstweilen. Wir haben einen Plan gemacht, wohin er den Stall bauen will; Bekka hat nichts dagegen einzuwenden; sie hat nur Raum für eine Ziege in dem neuen Hause geschaffen.

Im schummerigen Licht kam auch Renate, das Mädchen, zu uns in die Stube. Sie ist ein kluges Kind, aber von wildem ungebändigtem Wesen.

Ich glaube, dieses Mädchens wegen hat er seine Heimat verlassen; das Mutterauge und das Mutterherz haben dem Kinde gefehlt. Es ist etwas unendlich Weiches, Traumseliges in ihr; sie kann um eine zertretene Blume weinen und bei einem toten Vogel im einsamen Walde sitzen und schluchzen als bräch' ihr das Herz, erzählte mir Gregor. Aber wenn er zu ihr sagt: tue das, oder tue jenes, dann tut sie es gewiß nicht. Oder nur, wenn sie mag.

So ist auch dieses Mädchen ein Rätsel – aber nicht gleich jenem der Maria Lerz. Renate ist wie ein schäumender junger Bergbach; oder: sie ist in diese Heide gesetzt als eine wildfremde Blume.

Wie sie hier gedeihen soll, weiß ich nicht.

 

6. Februar.

An Stelle von Lührsens Mutter sollte Fien Magretjen wohnen; die könnte Renaten Mutter sein und die Schosse an dieser wilden Rose leiten oder binden, damit sie anderen zur Freude wüchse. Mit der Stille um sie her weiß sie nichts anzufangen, manchmal schreit sie in den Sturm wie eine verschlagene Möve.

Gregor nimmt sich ihrer an als ein guter Vater. Er hat sie in der Stadt nicht um sich haben können; bei Verwandten ist sie aufgewachsen, die kinderlos waren. Sie haben keine Ahnung gehabt, wie das zu machen ist: eine junge Menschenseele in richtige Wege zu leiten. Daher ist es so mit ihr gekommen.

Und für die kecke Jugend der Stadt ist das Mädchen viel zu wild und schön gewesen, als daß es elternlos dort hätte weiterwachsen dürfen.

Renate könnte ein Zigeunerkind sein mit ihrer braunen Stirn, ihrem erdbeerroten Munde und den Ketten ihrer glänzenden Zähne. Ihre Augen sind braun und leuchtend wie Moorgewässer im Sommer: man kann ihnen nicht auf den Grund sehen. Wenn sie merkt, daß die »Erziehung« beginnen soll, dann bäumt sie sich dagegen auf wie ein Füllen, das zum ersten Male ins Riemzeug kommt. Sie muß gewöhnt werden.

Ich habe zuerst daran gezweifelt, ob Gregors Weg für dies Kind der richtige ist. Nun, da ich sie beide besser kenne, glaub' ich daran. Die Einsamkeit der Tage, der Gleichmut der Landschaft, das Regelmaß der Arbeit werden dem Manne mehr zu ihr helfen, als er ahnt. Am meisten aber die andere Art dieser Menschen, die so wortkarg und zäh durch ihr Leben schreiten.

*

Die Tage sind wie späte Märztage. Über die Heide fliegt ein Schimmer Grün; die Zweige der Birken, die so rostig in den Winter standen, werden rosig. Es ist ein zeitloser Frühling; kleine gelbe Blumen blühen an den Moorgräben, und die wilden Gänse streichen in Geschwadern gegen den Strand der See und blasen Alarm: der König Frühling ist auf dem Wege.

Weiß keiner, wo der Erddüwel geblieben ist?

 

8. Februar.

Es ist ein großes Wasser aufgekommen im Lande. Alle Gräben sind übergelaufen, alle Gründe sind überschwemmt, die Torfkuhlen sind Seen, und die Flüsse Ströme. Auf den niederen Wiesen aber wogt ein Meer.

 

10. Februar.

Sie haben schon immer davon geredet, daß ein Heideschullehrer für die Hütten angestellt werden soll. In früherer Zeit hat Arp Tietjen das Rechnen, Schreiben und Lesen mit den Kindern betrieben. Er hat außer zehn Talern Geld im Jahr »Reihentisch« gehabt. Das hat wohl »Reihumtisch« heißen sollen, weil er bei jedem eine Woche gegessen hat. Doch war ihm das Geschäft zu mühselig; nun ist das schon so lange her, daß kaum einer mehr im Winkel ist, der anders davon wüßte, als vom Hörensagen.

Nach ihm ist Martin Kaiser gekommen, der selbige, der dreißig Jahre seines Lebens hinter eisernen Gardinen gewohnt hat. Er ist klug und diebisch gewesen wie ein Rabe. Er hat auch die zehn Gebote auswendig lernen lassen und die drei Artikel ihres christlichen Glaubens.

Ob er nur neun hat hersagen lassen und hat das siebente vergessen? Das, in dem es heißt, du sollst nicht stehlen?

Auch dieses! Er hat sogar darüber »katechesiert« und eine Nutzanwendung gemacht auf das Leben und aus dem Leben. Aus seinem eigenen. Er hat dabei die Not des Zuchthauses mit grimmen Worten geschildert, die auf das Stehlen folgt ...

Soll keiner ein Dieb geworden sein von denen, die bei ihm das siebente Gebot gelernt haben!

Nun ist solch ein Mann aber nicht mehr zulässig im Schuldienst, ist auch viel zu lange zulässig gewesen.

Bei Bekka Lührsen im neuen Haus ist die eine Stube als Schulstube ermietet worden, und bei Friech Lerz wird der Lehrer wohnen; in jenem Zimmer, in dem die Tote auf ihrem letzten Lager gelegen hat.

Zu Ostern soll er kommen. –

Maria Lerz erweist sich in allen Dingen über die Maßen klug und reif; sie hat eine neue Mutter in Fien Magretjen gefunden und eine herrliche Freundin.

Ich wünsche ihr, daß das Glück des Lebens so hineingeboren in sie ist, wie der stille sehende Verstand und das glockenklare Herz.

 

13. Februar.

Es ist noch einmal Winter geworden: ein Sturm ist aufgestanden und hat über der See einen Schnee losgerissen, nicht zum sagen.

Bei Bekka Lührsen haben sie die Tür ausschaufeln müssen, und wie sie hineingetreten sind, da hat die alte Frau an ihrem Spinnrade gesessen, hat den Wollfaden noch immer zwischen den Fingern gehabt, und das Torffeuer hat geglimmt unter der Asche.

Aber ihr Leben nicht mehr.

Nur ein wenig den Kopf hintenübergebeugt hat sie gehabt, und die Augen weit offen. Und über ihrem alten Gesichte hat der schöne Widerschein einer Freude gelegen und eines großen Staunens.

»Als wäre es aus einer anderen Welt herübergekommen, in der sie ihren Hinnerk gesehen hat,« so hat es Fien Magretjen gedeutet, wie sie vor der toten Freundin ihrer Jugend gestanden hat.

Vielleicht hat sie recht.

Wer es besser weiß, der rede!

So hat das Leben Bekka Lührsens sich erfüllt in ihrer Hoffnung.

Es kann kein besserer Tod sein als mitten im Werken, den Faden in der Hand, und sterben an dem Wegsteine, nach dem du geschritten bist jahrelang, Mensch!

In dem Mietvertrage, den sie mit Gregor gemacht hat und unter den sie ihr Hauszeichen, eine Wolfsangel, statt ihres Namens gesetzt hat, steht geschrieben: Der Sohn Hinnerk Lührsen ist der Erbe des Hauses. Und wenn er nicht kommt, soll es dem Inwohner gehören; die Verwandten ihres Mannes, wenn sie sich melden, sollen haben, was in der alten Hütte ist, und die Hütte selber.

Es wird sich keiner melden; sie haben im Leben nichts von der Greisin wissen wollen. Es gibt aber viele, die besinnen sich erst, wenn ein Mensch gestorben ist, daß sie ihn lieb gehabt haben.

 

Am selbigen Tage abends.

Bekka Lührsen ist zu Tode gegangen. Der Erddüwel ist lebendig geworden. Aber in die Hütten auf der Heide ist er nicht wieder gekommen. Der Gendarm hat ihm die Handfessel angelegt im Moorhof und hat ihn abgeführt.

Niemand hat gewußt, daß er sich dort verborgen hielt, niemand als Trina Bolten, die seine Frau werden will.

Droben über der Hille auf dem Heuboden hat er gelegen; auch ein Loch hat er durch das Strohdach gewühlt und ein faustgroßes Stück Fensterglas eingesetzt, so hungrig ist er gewesen nach dem Lichte des Tages.

Über sechs Wochen hat er im Heu verbracht und hat gesagt: fünf davon hätte er verschlafen. Trina hat ihn mit Essen versorgt und mit Trank; denn er hat sich kaum regen dürfen, so tags wie nachts. In der Nacht wohl einmal, aber heimlicher als die Katz, die über die Tenne geschlichen ist; denn auf dem Moorhofe schläft die Magd in der Butze auf der Viehdiele.

Am Ende aber wurde selbst dem Erddüwel diese Teufelei zu bunt: er hat an den Gendarm einen Brief geschrieben, und Trina hat ihn dem Postboten mitgegeben. Sie selbst hat ein Ende gewünscht der vermaledeiten Geschichte.

Hier ist der Brief!

»Her Schandorm ich habe mir nich uffgehenkt indem ich was beseres weiß. Meiner Muter un den Minschen zum Trost will ich widder fort aus das Heu vom Moorhof. Dor hab ich geschlafen fünf Wochen; eine wach gewesen. Trina is dreu; aber sie hat nichts von gewußt; indem ich nachts die Eier geholt habe von den Hihnern und eine Kuh gemolken, wenn ich Durst hatte. Immer, wenn ich die Magd von Bolken schnarchen hörte. Her Schandorm, sie können sich die finfzig Taler verdienen, die auf mir ausgesetzt sin. Aber geben sie mir etwas davon, indem ich sie den Weg gezeigt. Bloß nich zu wenig. Es grißt

der Erddüwel.«

*

Die Wasser im Lande haben sich wieder verlaufen.

 

17. Februar.

Die Hütte der Bekka Lührsen ist für wertlos erachtet worden. Der arme Hausrat ist aufgeschrieben und Frau Holsten anvertraut worden – für den Fall, daß ihn jemand erben will.

Das Haus hat nicht lange gelegen mit geschlossenen Augen; ins Sparrenwerk sind Heidewind und Winterschnee eingefahren, und die Fledermäuse haben sich darin aufgehängt zu schlafen.

Heute ist nun aber wieder einer dahergestiegen – von jenen einer, die wir nicht brauchen können, weil sie dem Hüttendorfe nicht aufhelfen. Böse Beispiele verderben gute Sitten, und auf gute Sitten warten wir allewege.

Fien Magretjen ist die erste gewesen, die diesen Mann sich hat angelegen sein lassen.

Viel Hoffnung hat sie ihm nicht gemacht; aber er ist einer von jenen, die auch ohne Hoffnung durch das Leben kommen.

»Mann,« hat sie zu ihm gesagt, »was is da bloß in dich gekommen, daß du in dieses verlorene Paradies einziehen willst? Als eine Perle des menschlichen Geschlechts siehst du nich aus, und wir leben hier als in jene Zeiten, da die Menschen im Paradiesgarten schon lange nicht mehr essen durften von allen Bäumen. Willst du da nich mal über nachdenken, ehe du dich seßhaft machst? Ein Schuster bist du? Und Hilarius heißt du? Ein schönes Geschäft und einen schönen fremdländischen Namen – aber von beide Dinge wirst du hier keine große Freude beleben; denn auf unsere Holschen lassen wir uns keine Stiefelabsätzen aufpochen.«

Also ein Schuster ist er und heißt Hilarius. Es ist einer aus dem Reich, hat sich aber schon allenthalben ansiedeln wollen in unserem Winkel.

Schuhe von Leder tragen die Leute nur Sonntags auf dem Kirchweg. Oder wenn sie Hochzeit halten. Oder wenn sie im Sarge liegen.

Der Kirchweg ist lang, und Weg und Wetter sind oft zu schlecht, als daß die Menschen ihr Gebet allsonntäglich in der Kirche verrichten könnten. Die Leute sind hier nicht gottlos. Aber sie haben erkannt: auch dies mächtige blaue Gewölbe, unter dem in der Nacht die Sterne gehen, ist ein Dom voll heimlicher Ruhe, zum Beten gemacht; und die weite Stille der Heide kommt aus allen Winkeln und läßt die Herzen der Menschen Einkehr halten in Gott. Recht eine Ruhe, sich mit ihm zu bereden! Und zu beraten.

Dazu braucht's nicht der genagelten Schuhe.

Und beim Tanze schleift hierzulande keiner eine einzige Sohle durch, innerhalb seines ganzen Lebens.

Dennoch: der erste Handwerker, der sich im Hüttendorf seßhaft macht, ist ein Schuster. Will er am Ende dem Dierk Ohlrogge ein Konkurrent werden?

Damit wird er kein Glück haben.

Hier fordern Grund und Tagwerk Holzschuhe.

Mitgebracht hat der Schuster Hilarius ein Wäglein schlechter Dinge, die seinen Hausstand vorgestellt haben. Die hat er eingeräumt in die Hütte von Bekka Lührsen und wohnt darin. Keiner wehrt es ihm.

Mitgebracht hat er ferner ein verhärmtes Weib, die Mariann (diese Namen deuten darauf hin, daß er vor Jahren aus einem Mittelgebirge zugewandert ist, oder gar aus Böhmen); dazu einen Bub und ein Mädel.

Die kleine Deern ist ein kümmerliches Pflänzlein, ein solches wie sie eben ausschauen, wenn der Herr Vater ein Saufaus ist. Den lieben Gott im Himmel könnt's erbarmen.

 

Noch im Februar.

Ich weiß nicht, wie die Uhr der Tage geht – nur die des Tages. Deshalb kann ich heute kein Datum schreiben. Die Sonne ist ein feiner Zeiger. Ich weiß auch: es ist wieder Frühling geworden.

Es geschieht immer viel in dieser Einsamkeit für den, der offene Augen hat – alles Menschenschicksal lebt sich ab auf dem kleinen Flecke des Hüttendorfes.

Dieser Name wird langsam geläufig.

Friech Lerz hat darüber seinen Anverwandten in die ferne Heimat geschrieben, damals, als sein Weib schlafen gegangen war den ewigen Schlaf. Er hat mehr geschrieben von Land und Leuten in diesem Winkel, von der Toten nur wenig. Die kannten sie ohnehin; und das Herz hätt' ihm zu sehr gezittert, sagt er, und die Augen sind ihm angelaufen über dem Schreiben wie Scheiben im November.

So ist der Brief zustande gekommen:

»Friech Lerz,« hat Fien Magretjen gesagt, »es ist eine Gefahr in dieses Land, daß die Menschen darin sich einspinnen lassen von die Nebel. Wie ich so eine kleine Deern gewesen bin, da habe ich mir gedacht: es muß irgendwo in das Moor eine große Kreuzspinne sitzen, die zieht ihre Fäden mang die Büsche und zieht ein Netz, und die Menschen hängen sich darin auf als die Fliegen. Ich weiß nun: es is nich so, aber meine Gedanken sind doch nicht dumm gewesen, indem die Menschlichkeit durch das Torfstechen ein flammiges Blut gekriegt hat ...«

»Magretjen, du mußt nicht sagen ›Menschlichkeit‹ – du mußt sagen ›Menschheit‹ ...«

»Ach was, ich kann mir mit solche Kleinigkeiten nicht befassen; dazu ist der Pastohr da; denn ich muß zusehen, daß wir jeden Tag 'n Stück vorwärts kommen, ob mit oder ohne Sprachrichtigkeit, das is mir Tüfften, Lerz. Nur das Herz muß richtig gehen als so ne kleine Reptiluhr, und wenn man hinhorcht, muß man gleich wissen, was es geslagen hat. So habe ich's nu durch zwei Jahrhunderte gehalten ...«

»Na!« lachte Lerz.

»Jawohl, Friech Lerz: denn ich habe schon in das vorige Jahrhundert auch hier gelebt, und da ist die Nichtsnutzigkeit von der sueren Lake un von das andere Unzeug ins Kraut geschossen. So was mag ich nu garnich gern leiden; und wenn du willst, daß es besser werden soll ... Merkst du, Friech Lerz, wohin ich 'naus will?«

»Nee.«

»Nu, ein gleichmäßiges Dorf möcht' ich wachsen sehen. Aber wenn sich die Erddüwel mehren auf Erden, so wird da natürlich kein Himmelreich draus, das kannst du dich denken; indem die Erddüwel an einer ansteckenden Faulheit leiden. Ich will dich was sagen, Friech Lerz: jeder Mensch hat eine Verwandtschaft – so zu dem Beispiel Lür Bolten vom Moorhof auch eine hat, auf der sich die Faulheit niedergeslagen hat als der Grünspan an die Kupferpfanne. Du hast mich aber da mal erzählt, daß in deinen Leuten daheim auch die Lust wäre, aus ihr Vaterland zu ziehen und von ihrer Freundschaft. Un weil wir nu mal so schön in die Erzväter sind, so könnten wir da gleich mal einen Brief schreiben: ziehet in ein Land, das ich euch zeigen werde ...«

Darauf sagte Lerz, er hätte schon seit langem vorgehabt, einen Bericht in die Heimat zu schicken, aber erst wären die traurigen Tage gewesen, und dann hätte es ihm auch Mühe gemacht, die Dinge zu schildern, wie sie wären.

»Siehst du, Lerz, da könnten wir mal gleich losgehen. Du weißt es auch nich so – un denn mit das Sreiben ... un denn, es ist besser, wenn da zweie zu sind: der eine malt immer die Buchstaben, un der andere denkt sich es wieldeß aus. Du bist noch zu kurz hier und kannst das nich alles so wissen. Ich will dich das mal vorsagen, und es is am besten, wir machen das gleich heute, indem hernach das Mistfahren kommt. Und wenn du des Tags mit der Forke fuchtelst, kannst du abends um die Stahlfeder die Finger nich mehr gut krumm kriegen. Ich hab ein großes Stück Popier in meine Truhe, das will ich dich mal gleich holen, du kannst derweil immer die Instromente zu das Schreiben parat machen.«

Damit rollte Fien Magretjen über den Damm, und nicht lange, so saß Friech Lerz daheim am Tische, versuchte die Stahlfeder am Daumennagel und Fien Magretjen legte ihm den Bogen Papier vor.

»So, Lerz nu fang mal an –«

»Lieben Brüder, Swestern, Freunde und die ganze Verwandtschaft!«

»Hast du das, Lerz?«

»Tja.«

»Weißt du, erst wollen wir mal en büschen von Katreen Lerz reden, indem sie davon auch etwas wissen wollen ...«

Schwestern und Brüder hätte er aber nicht, sagte Lerz.

»Das ist auch nich so wörtlich gemeint, sondern als der Pastohr sagt: lieben Brüder. Und so fang mal wieder an –

»Es ist nu schon lange her, daß wir unsere Katreen in die Erde gelegt haben. Aber wo sie gestanden hat, ist die Stelle noch leer in mein Hof und in mein Herz. Und es wäre für sie eine große Freude gewesen, zu sehen wie es vorwärts geht. Und vorwärts geht es. Da ist Magret Holsten, eine Witfrau, die hilft mich sorgen und meint, wir wollten die Uhr schon in Gang setzen; denn bis jetzt ist da nur so ein altes Räderwerk gewesen und stammt noch aus der alten Zeit. Die müssen wir nun so verbrauchen, aber unser Spruch ist: Leute her; denn das alte Geschlecht hat sich aufgehangen in das Spinnennetz der Nebel: es ist langsam, stumm und hat sich einen zu schweren Gang eingeübt. Es ist auch voll Rost. Damit mein' ich die Faulheit. Und darum geht die Uhr viel zu spät. Lieben Brüder, indem ich weiß, daß Ihr mir nachkommen wolltet nach Amerika, so wollte ich Euch nur sagen: geht nicht hin und kommt hierher. Ich habe mir zu meinem Vorteil verwandelt, und es ist einer hier, den nennen sie Gregor den Weisen, der ist auf dem Wege zu eine große Handelsgärtnerei und hat doch nichts mitgebracht als ein paar Taler Geld. Wenn neue Leute zuziehen, sind wir bald ein richtiges Dorf, und die Kohlen wachsen hier auf den Feldern. Arbeiten müßt Ihr dort auch, und wo keine Arbeit ist, verdirbt das Leben als ein Schinken ins Pökelfaß, wenn kein Salz drin is. Die Holsten und ich stehen Euch bei. Die Holsten hat sich schon vor Euch Land ausersehen, das Ihr billig kaufen könnt. Äcker und Wiesen gibt's nich mehr, aber sie sind nich schwer zu machen, und es wächst. Kommt Ihr in dieses Frühjahr, so seid Ihr in einem Jahr Bauern. Die Holsten grüßt Euch und ich auch.

Friech Lerz.

*

Und siehe, nun wollen in diesem Frühlinge andere ihm Nachkommen: »Auswanderer«, die ihr Heil nicht über dem großen Wasser suchen. Es ist gut so.

Zunächst kommt einer von ihnen, dies Land anzuschauen, wo die Kohlen auf den Feldern wachsen – es ist denen im Binnenlande ein Wunder! Nun ja, diese Menschen haben die Grenzen ihres Heimatdorfes nur immer so weit verlassen, daß sie sie noch in der Ferne dämmern sahen. Dann waren sie ihren Begriffen nach »weit weg« gewesen. Und auf ihren Feldern und in ihrem Lande wachsen Steine. Daher kommt es, daß sie die Geschichte von den Mooren mit ihren Torflagern sich erzählen lassen als ein Märchen. Und daß der Torf die Streu liefert! Und daß man auch mit Heide streuen kann und fast niemand das kostbare Stroh dazu nimmt! ... Aber sie werden lernen müssen, daß Heidestreu nur die Faulheit gedeihen läßt, nicht den Dünger.

Die Leute von Lerz sollen alles tüchtige Leute sein mit gutem Mut, mit Freude an der Mühe und mit dem Willen, vorwärtszukommen. Die Selbständigkeit ist es, die sie lockt. Und die Fremde. Dort in ihrer Heimat frönen sie; hier arbeiten sie für sich und ihre Nachkommen. Laßt solche Arbeit immer schwerer sein – sie ist doch leichter; denn darüber steht die Sonne am »Erreichten für sich!«

*

Der Doktor mußte in diesen Tagen wieder einmal herüberkommen in das Hüttendorf. Hilarius, der Schuster, fängt mit dem Doktor an! Nach der Mariann mußte er sehen. Es mürfelte ihm aus allen Winkeln des Hauses entgegen.

»Ich dächte, ein wenig die Fenster öffnen könnten wir, Hilarius, und die Tür!« meinte der Arzt. Und war eben dabei, dem Schuster über den Wert einer gesunden Luft ein weniges zu sagen.

Aber Hilarius machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »A pah,« sagte er, »was Luft! Die Kinder sind den langen Tag draußen in der Heide; ich denk, da ist Luft genug. Und des Nachts? Ei, da tun sie schlafen, und eine Luft ist dazu nicht nötig.«

Schuster Hilarius weiß heute noch nicht, warum der Doktor darüber so ausgelassen laut gelacht hat.

Um so tiefer waren die Falten in seiner Stirne, als er die Hütte wieder verließ.

Als er kam, war der Schuster gerade dabei, das morsche Gartenzäunlein einzureißen, das in seinen Trümmern vielleicht noch aus Bekka Lührsens ersten vierzig Jahren stammte. »Recht ein gutes Brennholz,« meinte Hilarius. »So muß die Meinige keinen Torf mühselig herbeischaffen.«

Dabei deutete er nach der Hütte, in der die Mariann auf dem Lager litt.

»Die Frau wird wohl nicht so rasch wieder in den Torf kommen, gelt?«

Darauf der Arzt: »Es könnte schon früher sein als es sein wird!«

»Das ist eine dunkle Rede, Doktor!« gab der Schuster zurück. »Denn warum? Wenn's nun einmal ›früher‹ sein kann, so will ich schon sorgen, daß es auch dahin kommt! Wir müssen den Torf lesen, wir Armen! Das, was die anderen fortgeworfen, oder was ihnen von dem Wagen gefallen ist; denn einen Torfstich haben wir nicht.«

Darauf wieder der Arzt: »Sorgen solltet ihr freilich dafür, daß die Frau wieder aufsteht; aber anders, als ihr das jetzt meint. Fleißig sein, damit ein kräftiges Essen ins Haus kommt!«

»Ah so!« machte der Schuster. »Wenn's so gemeint ist – freilich, hernach, so wird wohl ein guter Rat teuer sein!«

Der Arzt gab ihm noch allerlei Anweisungen; aber der Schuster hörte kaum hin und dachte insgeheim: gut, daß auch der Heidemensch zwei Ohren hat – eins, in das es eingeht, das andere, zu dem es wieder hinausspaziert; denn der Mann läßt sich nun einmal nicht gern Vorschriften machen in seinem Tagwerk. Am allerwenigsten von einem Studierten.

Das Gebaren des Hilarius hat den Arzt verdrossen, und mißmutig ist er den schmalen Heidepfad, an den Föhrenkusseln dahin, auf seinem Rade davongefahren. Ein paar Rehsprünge hinter den Föhren hat er Fien Magretjen getroffen. – »Frau Holsten,« hat der Arzt zu ihr gesagt, »um den Schuster – wenn Sie sich ein wenig kümmern wollten in diesen Tagen! Es ist recht ein Kreuz um solch einen faulen Pelz!«

Und Magretjen: »Das will ich woll machen, Doktor. Aber zu den Schuster Hab ich ein Herz von Stein. Bloß die Frau wegen und wegen die Kleinen. Ich hab den Schuster gesagt, er soll bleiben wo die Eul' heult! Ist er dennoch gekommen, so mag er for sich auch zusehen.«

*

Es wird nun doch etwas wie ein Gemeinwesen aus den Hütten: schon sollen sich die Tüchtigen um die Nachlässigen kümmern.

Ein Lehrer wird kommen!

Behüt uns Gott vor dem Armenhaus noch lange Zeit. Den Anlauf dazu hat's mit dem Schuster schon genommen. Das sind trübe Aussichten.

Gestern haben wir auch schon eine »Gemeinderatsitzung« gehalten – in einer Gemeinde, die noch gar keine ist.

Einige hatten Arp Tietjen zum Vorstand ausersehen. Er ist aber zu alt dazu, hat er gemeint, und dann hat er ein gutes Wort gesprochen, das werden sie auf lange Jahre hinaus nicht vergessen – »Der neue Vorsteher müßte eigentlich eine Vorsteherin sein: Fien Magretjen.«

So ist Friech Lerz der Erwählte ohne Wahl, und wenn das Hüttendorf eine politische Gemeinde geworden ist, wird er der Vertreter des neuen Ortes sein. Heute weiß die Landkarte noch nichts von Hüttendorf, die des Kreises führt einige Punkte auf, die die umherliegenden Dächer andeuten sollen.

 

13. April.

Ostern ist vorübergegangen. Ich sehe: ich habe nahe an zwei Monate mein Tagebuch nicht mehr geführt.

Ich bin krank gelegen, sieben Wochen lang. Nicht so, daß ich hätte den Arzt haben müssen; aber es ist der Frühling gekommen über mein altes Leben und hat seinen ganzen Sonnensegen darüber ausgeschüttet.

Das ist zuviel gewesen an Helligkeit und an junger treibender Erdkraft, an Aprilstürmen und peitschendem Regen, die abgekehrt und abgewaschen haben, was der Winter verungrundet hat.

Daß der Frühling in der Zeit sich geirrt hat, das ist es auch gewesen, was mich auf das Lager geworfen. Die Menschen waren zu wintermüde und zu frühlingsfreudig geworden. Ist das ein Wunder? Hier, wo die gebrochene Ackerscholle nach dem Bauer schreit und das Ödland aufspringt vor Lust unter den goldenen Schuhen des Frühlings und aus Sehnsucht nach der silbernen Schar des Pflugs?

Sieben Wochen bin ich nicht hingeschritten über das Frühlingsland und habe die Freude nicht gesehen, mit der Friech Lerz an sein Werk gegangen ist.

Dieser Mann mußte uns kommen, er ist unsere Hoffnung! Jawohl, er hat nun doch die Zähigkeit des Willens, von der ich nicht wußte, ob ich sie in ihm finden würde.

Trostlos war dies Krankenlager. Fien Magretjen ist jeden Morgen einmal gekommen, und manchmal ist sie auch noch mit ihrer Sorge einmal durch die Dämmerung hereingehuscht.

Der Genosse meiner Einsamkeit war Toto, die Dohle. Auch Toto hat an der Frühlingskrankheit gelitten, an der Sehnsucht, durch die blaue Luft zu ziehen. Dann ist er manchmal durch die offene Tür getrippelt und hinaus in die Heide. Wenn hoch oben ein Flug Wildenten segelte oder eine Schar Tauben, hat er klug den Kopf gehoben und ihnen nachgeschaut, solange es ging. Dann kehrte er wehmütig zurück; der Schmerz war ihm anzusehen, und doch hat er nie die Seligkeit des Fluges empfunden, hat nie die Schwingen gespannt zu dem Wunder, das die Menschen seinem Geschlechte mit Eifer abzulauschen beflissen sind seit Jahrhunderten!

Dann hüpfte er gedrückt auf den Holzarm des Leuchters, oder er flatterte auf den Rand meines Lagers und krächzte ein paarmal. Mir war, ich hätte die ungefüge Vogelsprache deuten gelernt, und ich vernahm: »Na, soll das mit dir auch so werden wie mit der alten Frau, die vor dir in diesem Bette lag, und die ich eines Morgens nicht mehr wecken konnte?«

Nicht lange, so wird auch das einmal sein ...

 

14. April.

Und nun seht euch den Bauer an, ihr Leute!

Wißt ihr noch, wie wir ihn gefunden haben zur Zeit des fallenden Laubes, da alle Frucht von den Bäumen gebrochen war? Wißt ihr noch, wie die vier Menschen, zwei kleine und zwei große, am Wegrande gesessen haben und den schwarzen Segeln nachgeschaut mit leeren Augen, die so leer waren, weil das Bild der Heimat in ihnen ausgelöscht war? Und wißt ihr auch noch: in der Nähe des kleinen Dorfes im Gebirgswald hatte Friech Lerz um mühseligen Taglohn an den Stämmen gestanden. Er hatte am Ende der Woche sein »Sicheres« – aber Freude hatte er nicht!

Und dann kam er ins neue Land!

Sieben Monate sind seit jenen Tagen vergangen. So bitter und niederträchtig ist das Geschick mit ihm dreingefahren! Das Beste, was er hatte, hat die blöde Faust des Schicksals zertrümmert – er hat sein Weib begraben.

Im Herbst hat er gesät, und im Frühling hat er gesät. Nun ist das Heidekorn aufgegangen – wie ein schwellendes Kissen liegt das Feld da von Nadeln mit blinkenden Köpfen besteckt. Wie das Gras einer neuen Wiese steht das Winterkorn. Es ist nichts ausgewintert; denn es ist kein Barfrost gewesen. Eine dicke warme Decke ist darübergebreitet worden.

Hat das Geschick wieder gutmachen wollen an des Bauern Werk, was es an seinem Herzen zerschlagen hat?

Er hat die dritte Kuh gekauft, während ich krank war; und die erste hat ihm ein schwarzes Kalb geschenkt mit weißem Schulterfleck und einem weißen Stern auf der Stirne.

Sieben Monate sind vergangen, seit er im Land ist. Und womit ist der Mann bis hierher gekommen? Mit Glück etwa? Nein! »Mit Unglück!« könnte einer sagen, der nicht einmal ungerecht wäre. So wollen wir sagen: es ist gegangen, wie es gehen muß, wenn ein Werk nach der Regel läuft, das mit Fleiß geölt, mit Besonnenheit aufgezogen und mit Ruhe instand gehalten ist.

Und nun seht euch den Bauer an, ihr Leute!

Zweitausend Mark hat er gehabt, nicht ganz; denn es haben anderthalbhundert daran gefehlt.

Es hat mancher zweitausend Mark drinnen im Lande und möchte heraus aus der Mühseligkeit seiner Tage, in der er mit seinem Fleiße nichts ist, als ein Knecht des anderen. Dienen ist schwer, am schwersten für den, der gern weiter möchte, weil er die Kraft in sich spürt. Und ist doch kein Weg, den er mit seinem bißchen Ersparten gehen könnte!

Friech Lerz ist voraufgegangen.

Wer ist, der ihm nachgeht?

Gereuen soll's keinen.

Der Bauer ist ein Eigenbrötler. Recht so!

Harm Lück ist keiner, aber er wird einer werden; denn er läßt an Lerz einen Mut in sich hineinwachsen, der schon wieder hell und keck und lustig aus seinen Augen herausschlägt. Das ist, seit der Himmel sich spiegeln darf in diesen Augen, und nicht mehr das öde Braun der Torfkuhle hineinscheint wie sinkende Nacht. Das ist, seit ihn die Karleen neckisch zuruft an jedem Morgen: »Du, in Taglohn muß dein Weib zu den Bauern! Versorg mir die Deern gut, du, hörst du? Und dann kannst du Nachkommen. Jong, worüm bis du keen Bur worden, he? Wiel do to tüsig to bist und nix nich liehrt hest!«

Mir ist, ich werde noch von Harm Lück und seinem frühlingsäugigen Weibe zu erzählen haben.

 

15. April.

Wenn man einen dieser Leute fragen würde, was ist geschehen seit einem Jahre in den Hütten auf der Heide? so würde er mir antworten: was soll geschehen in den Hütten auf der Heide? Kaum darauf würde er sich besinnen, daß der Tod in dieser Frist zu dreien Malen eingekehrt ist. Ost ist ein Jahrfünft, ist ein Jahrzehnt vergangen, ehe sie einen begraben haben. An Katreen Lerz würden sie vielleicht denken, weil die vor ihrer Zeit abberufen worden ist. Aber an den beiden Alten hatte sich das Leben vorübergelebt.

Für mich ist so viel geschehen, daß ich nicht alles so schnell schreiben kann, als ich möchte. Es ist die Frühlingskrankheit noch in dem alternden Leibe.

Der Lehrer ist gekommen. Per Segelken heißt er; er fährt mit gutem Winde – solch eine Jugend von einundzwanzig Jahren hat das Leben vor sich. Aber er erkennt auch seine großen Pflichten.

*

Es ist schon wieder einmal der Tod durch die Hütten gegangen, ganz heimlich in der Nacht, und ist so leise gekommen, daß nicht einmal der Hilarius gemerkt hat, wie die Herzensuhr in der Brust seines Weibes hat ausgehoben zum letzten Schlage. Und er hat doch die Liegestätte mit ihr geteilt.

Am Morgen, wie er ist über sie hinweggestiegen, hat es ihm wohl ein wenig sonderbar geschienen, daß sie ihn nicht hat angeschaut; sie hat ihn auch nicht geweckt in der Frühe, was seit Jahren ihr erstes Vornehmen gewesen ist an jedem Tag.

»Es wird besser mit ihr werden, wenn sie einen so guten Schlaf hat,« hat der Schuster gemeint.

Und in dieser Meinung ist er geblieben bis gegen Mittag. Dann hat er sich von ihr sagen lassen wollen, was er soll kochen an diesem Sonnabend. Aber der Frau hat der Speisezettel keinen Kummer mehr gemacht.

So ist auch die hinübergeschlummert aus ihrem Leid in die ewige Freude.

Das Schicksal hat wiederum jenen zwei Kindern die Mutter genommen, die sie am nötigsten brauchten von allen. Den Hilarius aber hat es uns gelassen, als wüßten wir, was wir mit solch einem anfangen sollten!

Unerforschlich ist solche Weisheit!

Und nun, da das Sterben hier eingerissen ist – wer wird der Nächste sein? fragen wir uns. Es muß ein schönes, tiefes Schlafen sein in dieser stillen Erde, über der nichts wandelt, als die Gezeiten des Jahres: das Blühen, Früchtetragen und Ruhen.

*

So hat der Lehrer sein Schulstüblein im Hause des Gregor doch zur Genüge voller Kinder bekommen! Dreiundzwanzig sind ihrer geworden, die nun nicht mehr eine Meile zu wandern haben mit ihrem Täflein und ihrer Fibel unter dem Arme.

 

26. April.

Der Schuster Hilarius ist nur noch zwei Tage im Lande geblieben, nachdem sie seine Frau begraben hatten. Er hat einen Zettel auf den Tisch gelegt, darauf hat er etwa geschrieben: »Friech Lerz und Ihr andern – an Euch alle gehen diese Worte! Meint Ihr, ich würde die kleine Scheune, die mir zur Wohnung gedient hat, im Zerfall aufhalten? Und ich würde den Streifen Land wieder aufhelfen, die Bekka Lührsen hat verungrunden lassen? Daß mir dies Land alle Sommer Sorg' und Plag' läßt wachsen? Nicht um die Welt! Mag der Vorsteher, wie sie ihn heißen, dies Lotterhüttlein in meinem Namen verkaufen – wert ist's eh' nichts! Aber wenn er ein Geld löst, soll es den Kindern sein, die ich in Eurer Hut lasse. Ich fahr dahin! Ob ich jemals heimkomme, weiß der Himmel! Ich nicht!«

So viel Menschen hat die Hütte der Bekka Lührsen ihrtag nicht gesehen, wie gestern, da sich die Kunde aus ihr hinausfand, was für einen Streich uns der Schuster Hilarius gespielt hat. Die Kindlein saßen im Bette und schrien nach Brot.

Sollen wir den Ausreißer fangen und heimführen lassen?

Wahr' uns Gott vor solch einer Dummheit! Froh sind wir, daß er gesungen hat: ich fahr dahin.

Die Kinder hat der Lehrer in das Haus von Friech Lerz getragen und hat gemeint, er wollte sie schon unterbringen.

Zuerst hat er mit Maria Lerz gesprochen, allein und lange in seinem Stübchen. Auch Renaten, die Tochter des Gregor, hat er danach herübergebeten, und sie sind unter sich einig geworden: der Lehrer behält die Deern; und Renate pflegt und erzieht den Buben. Der ist drei Jahre, das Mädel ein Jahr jünger und gar ein so kümmerliches Pflänzlein, daß es einem das Herz abdrücken könnte, wenn man dies Häuflein Elend sieht. Für den Buben hätten sich auch andere gefunden am Ende, wiewohl ein fremdes Kind, für das sie kein Geld bekommen, ihnen eine üble Zugabe ist zu der eigenen Dürftigkeit ihrer Tage.

Fien Magretjen hätte sie am liebsten alle beide behalten. Aber sie hat vor, ihres Bruders Kind, ein reifes, schönes Mädchen von zwanzig Jahren, zu sich ziehen zu lassen ... Die Sache ist so: Lür Bolten, der Sohn von Geffke Bolten auf dem Moorhof, für den sie schon lange eine Frau suchen – dieser Lür Bolten hat Aleit Holsten lieb. Aleit Holsten ist eben dies Bruderkind von Fien Magretjen. Aber der alten Bolten ist sie zu arm. Die sagt: »Lür, kop Nachbars Rind, free Nachbars Kind; do weest, wat beide wert se sind!«

Nachbars Kind aber mag Geffke Bolten nicht zur Schwiegermutter, wenn sie auch den ernsten stillen Lür gerne nähme. Lür Bolten wandert in letzter Zeit manchmal durch die Dämmer der Frühlingsnacht und beredet sich über diesen Fall mit Frau Magret: ihre wachen Augen und ihr helles Herz sollten dem Moorhofe wieder aufhelfen können. Es wird aber gute Wege haben damit; denn Geffke Bolten wird die Augen von Fien Magretjen nicht als Wächter vor ihre Tür setzen wollen.

So hat Fien Magretjen jetzt einen Plan, den sie in die Tat umsetzen will. Und dahinein passen die beiden Kinder des Schusters nicht.

*

Über Renate Gregor hat kein Mensch Macht gehabt bis zu der Stunde, in der Per Segelken, der Lehrer, sie hat zu sich verlangt.

Sie ist gern gekommen – schon das ist ein Wunder! Und sie hat wie verwandelt vor dem Manne gestanden, als er zu ihr gesprochen hatte.

Es ist viel Ernst und ehrliches Wesen in ihm, und weil er einen blonden, am Kinne spitzgeschnittenen Backenbart trägt, sieht er aus wie einer von dreißig Jahren. Es ist dies ein äußerliches Ding, und doch hilft es ihm gerade bei diesen Leuten zu offenen Türen und offenen Herzen.

Solch einen wie ihn mußten wir bekommen ins Heidedorf!

Er hat sanft zu Renaten gesprochen; denn er hatte von ihrer wilden Art gehört. Gesehen hatte er sie nur einmal, als er ihren Vater besuchte.

Und so hat er zu ihr gesprochen: »Du hast viel Einsamkeit um dich, Renate Gregor; du hast einen klugen Geist und ein über dein Alter hinaus verständiges Herz. Ich habe gedacht, du solltest den verwaisten Knaben in dein Haus nehmen. Möchtest du nicht einen guten, tüchtigen Menschen aus dem Kinde machen? Sieh, ich habe mit Maria Lerz und auch mit den anderen darüber geredet: es ist kein Unglück – es ist eine gütige Vorsehung, die diese beiden Kleinen so früh zu Waisen gemacht hat! Von den tausend Eltern, die unwürdig sind, Kinder zu besitzen, war der Schuster Hilarius einer der Unwürdigsten. Die Kleinen haben seither im Sande vor der Hütte gesessen und im Schmutze gewühlt wie die Tiere. Alles, was etwa an guten Gaben in ihnen ist, ist im Verkümmern. Ich meine: just zu rechter Zeit hat der Vater sich davongemacht, daß wir diese kleinen Menschen noch retten können ...«

Über solcher Rede hat sich ihr weiches Gemüt vor dem Lehrer ausgetan als eine Mohnblüte vor der Sommersonne.

Was sie aber nicht gewußt hat, ist, daß Per Segelken vorher heimlich mit Gregor gesprochen hatte! Der ist damit einverstanden und froh darüber gewesen. Es hat sich Renaten ein Pflichtenkreis aufgetan, in den sie mit heller Freude eingetreten ist. Aber ihr mußte das Kind anvertraut werden, nicht ihrem Vater! Nun wird sie eine Ehre dareinsetzen und das Vertrauen rechtfertigen, das der Lehrer zu ihr gehabt hat. Sie sind beide Kinder in ihren Herzen, Maria und Renate, und sehen in Per Segelken wohl nicht den Mann, sondern den würdigen Lehrer. Und sind doch beide über ihre Jahre reif und berufen, kleine Menschen zu führen ins Leben.

Das Mädchen, weil es gar armselig um dies Menschlein bestellt ist, will der Lehrer mit Maria übernehmen.

So wäre diese Frage gelöst, die im Augenblicke, da sie an die Gemeinde herantrat, so dunkel und schwer schien.

Per Segelken hat eine tapfere Tat getan, die ihnen allen stärker scheint, als wenn er noch so viel »unnütze« Weisheit in die Kinderköpfe füllte!

Ich habe mit ihm an diesem Abende geredet, und nun wissen wir: das Schicksal meint es mit ihm absonderlich gut – es hat ihn heute auf einen Weg gewiesen, auf dem ihm Segen wachsen wird wie goldener Weizen. Der Tod, der den Zeiger an der Lebensuhr der Mariann anhielt, ist für Per Segelken ein besserer Lehrer gewesen, als alle Pädagogen und Methodenmänner, mit deren Weisheit er von der Schule auszog. Der Tod hat ihn an einem Tage Köstlicheres gelehrt als alle Methoden in Präparande und Seminar. Bücherweisheit ist gut. Aber über allem: Nicht der Tod, sondern das Leben!

 

27. April.

Es ist der Verwandte von Friech Lerz aus der Heimat gekommen, den Winkel sich anzusehen. Er ist nicht wieder heimgefahren. Morgen, heißt es, kommt sein Weib mit den Kindern. Und morgen kommen auch die anderen, von denen Friech Lerz mir vordem gesprochen hat.

Die Zeiten wandeln sich rasch; diesem Frühlinge scheint die Nacht gewichen zu sein, die über der Verlassenheit und Verkommenheit der Hütten gelegen hat. Es wächst aus allen Winkeln ein neues Leben! Es fällt in alle nächtliche Stille morgendliche Helligkeit! Es schießt aus aller Dürftigkeit Freude! Es ringt sich aus tiefer Trägheit ein Wille zum Licht!

Nur die suere Lake modert dumpf und rätselvoll im Moore wie vordem. Und nur Trina Renken liegt in ihrer Butze, raucht und schilt auf die törichten Menschen, die das »alte feine Leben« verdrängen wollen. Sie sagt: »Es is een Wind upstahn, de rungeniert de Welt!«

 

28. April.

Den Erddüwel haben sie vier Monate eingesperrt.

Trina Renken klagt Gott und alle Welt an – nicht weil sie ihren Sohn unschuldig verurteilt hätten, sondern: es sei eine Schmach und Schande, eine alte Witfrau ihres Sohnes und Ernährers zu berauben. Damit gibt sie die Schuld des Wilderers zu, die sie so lange geleugnet hat. Das Urteil des Gerichts hat für sie etwas Unantastbares, Überzeugendes. Aber sie mag nicht einsehen. daß man sich auf solchem Wege nicht ernähren lassen darf. Das Wild hat der liebe Gott in die Heide gesetzt, und es ist eine Sorte Menschen, die nicht einsehen wollen, daß Bock und Has nicht das Eigentum dessen sind, der sie mit Blei und Draht in seine Macht bekommt.

 

29. April.

Hinter dem Erddüwel haben sie die Tür zugeschlagen, und die Leute sagen hier: auch hinter der alten Zeit; denn das war ihr Ende.

Sie haben eine große Sehnsucht nach Änderung der Dinge gehabt, aber von den Klugen, die hier gesessen haben seit einem Lebensalter, hat keiner diese Änderung gebracht. Warum nicht Arp Tietjen, der mit seinem Rate immer bei der Hand ist?

Das ist es: sie haben zu tief in den Gewohnheiten ihrer schlendernden Tage gestanden und haben sich stumpf gesehen an der Welt um sie her. Darum erkannten sie nicht das Warten, das in diesen weiten Gründen ist. Nun ist es erlöst.

Ehe der Monat zu Ende geht, werden die neuen Anbauer da sein. Sie werden Ödland und Vieh kaufen, und ihre Pflugschar wird das jahrhundertalte müßige Land spalten.

Sie haben alle mehr Geld als Friech Lerz, diese Neuen. Wenn sie auch seinen steten Willen haben, seine sichere Ruhe und seinen wortkargen Mund, so werden über ein Jahr die Spuren der alten Zeit hinweggetilgt sein von der Tafel, die das Geschlecht der Renken, Hilarius und Genossen darauf gezeichnet hat. Und ein anderer wird kommen und schreiben »Von der neuen Zeit und ihrem Fortgang.« Ich schreibe nur ihren Anfang; denn der Sonnensegen dieses Frühlings ist so schwer über mich gekommen, daß ich ahne: ein zweites Mal werd' ich ihn nicht mehr ertragen.

Gestern bin ich mit Lerz über die Heide geschritten; es ist weit hinaus bis dorthin, wo die neuen Anbauer ihre Wohnstätten gründen werden. Es wird dort alles geschehen, wie es ihnen Lerz sagt, daß er es begonnen habe. Und so werden die drei neuen Häuser seinem Hause gleichen, und ihre Arbeit wird ihren Gang nehmen wie hier auch.

Ich werde wegen des weiten Weges kaum zu ihnen kommen; ich sehe hier an Gedeihen genug. Nun auch, daß Karleen Lück, die frühlingsäugige, so lange an Harm Lück geweckt hat, bis er ein Bauer geworden ist! Er hat Geld aufgenommen, eine Kuh angeschafft, Ödland erstanden.

Das traf Friech Lerz abermals; denn in den beiden Lücks hatte er frohe Menschen zu seiner Hilfe. Er hat auch wieder Neuland gekauft, deshalb mußte er sich nach einer Magd umsehen und nach einem Knecht. Ein Knecht wäre zu viel für den Umfang seines Hofes, wenn er nicht dies rohe Neuland zu bestellen hätte. Das fordert dreifache Kraft und dreifache Zeit.

Aber Fien Magretjen, die so geschäftig ihre Fäden zieht, ist auch diesmal Retterin geworden in der Not: Aleit Holsten ist gekommen aus der Lüneburger Heide; und Lür Bolten, der Moorbauernsohn, hat sich zu ihm als Knecht verdingt. Aleit schläft in der Hütte von Fien Magretjen, und für Lür Bolten ist eine Butze seitlich der Viehdiele bei Lerz aufgeschlagen worden.

So hat dieser Mann nun doch den Hof im Stiche lassen müssen, der einst ihm gehören wird. Im Stiche gelassen in der höchsten Not! Und Geffke Bolten, die Alte, hat an seiner Stelle einen Knecht eingestellt. Mit dem darf sie nicht so wild umspringen als mit ihrem Sohne, sonst packt er seinen Kram und geht.

Ich weiß nicht, ist dies nun der letzte Akt des Dramas vom Moorhof, oder ist es der erste?

Es ist grausam, diese Dinge auszudenken, die sich da ableben in der Stille des Heidemoors! Mir ist bange um Lür Bolten ...

Der Moorhof. Zwei Geschlechter hindurch ist er gewachsen nach dem Maße, nach dem auch hier das Anwesen des Friech Lerz wächst. Im dritten Geschlecht ist der Bauer gestorben zu einer Zeit, da Lür Bolten noch ein Knabe war. Daher ist es gekommen, daß Geffke Bolten in den Gedanken sich hineingelebt hat, er wäre auch heute noch einer. Lür ist ihr zu weich, und Lür ist ihr zu jung. Darum regiert sie und hat ein herrisches verblendetes Wesen.

Nun hat Geffke Bolten zwar ein geiziges Gemüt, aber daneben die Sucht, ihren Töchtern zu bringen, soviel der Hof für diese hergibt; und noch mehr. Am Ende jeder Woche zieht sie aus zu ihren Töchtern, von denen sie drei verheiratet hat; bald zu dieser, bald zu jener. Oder sie kehren ein im Moorhof und schleppen hinaus Eier, Butter, Brot, Milch, Käse und Fleisch. Ihre Männer aber meinen: warum sollen wir denn arbeiten ums Brot, wenn der reiche Moorhof seinen Segen über uns ausströmt! »Wat Gott giwt, is allens good, awer wat de Moder giwt, is doch noch besser,« sagt Geffke Bolten.

 

Im Mai.

Es hat sich herausgestellt, daß die suere Lake ihr Gift und faules Gewässer hinüberschickt bis in den Moorhof. Will sagen: Trina Renken hat ihre Hände im Spiele bei dem Drama, das auf dem Moorhofe sich ablebt.

Es ist fein anzusehen, wie Fien Magretjen und die dicke Trina auch hier wieder gegeneinanderstehen und wie jede – ohne daß sie es ahnt – zur Vertreterin einer der beiden Menschenklassen wird, die die Hütten auf der Heide bewohnen. So ist die von damals, die ihr Sinnbild in der sueren Lake hat, doch noch nicht unmächtig geworden!

Fien Magretjens Denken und Hoffen richtet sich heimlich hinüber, dem Hof im Moor aufzuhelfen.

Aber Trina Renken wirkt ihr Werk nicht minder heimlich – »Treck dich nich ut, as bis do to Bett geihst!« flüstert sie Geffke Bolten ins Ohr, die soll sich nicht aufs Altenteil setzen, bis sie ganz unbrauchbar geworden ist. Als könnte Geffke Bolten noch unbrauchbarer werden! Denn dann versiegen für ihre Töchter die Quellen, aus denen Milch und Honig fließen. Und Trina Renken, als künftige Schwiegermutter von Trina Bolten, möchte sich mit dem Erddüwel auch gerne noch satt trinken an diesen Quellen.

Die Moorhofbäuerin hat von ihrem Sohne Lür ein Altenteil verlangt an Butter, Roggen, Milch, Brot und Bargeld, von dem all ihre Kinder fett werden könnten. Einzig Lür Bolten, der Bauer, hätte nichts zu essen gehabt, wenn er auf diesen selbstsüchtigen Handel eingegangen wäre. Und bei Trina Renken hat Frau Geffke sich ihren Rat geholt. Ist eine niederträchtige Weisheit gewesen! Darum ist Lür Bolten ausgezogen von dem, was sein war.

Gespenstisch spukt die Altenteilernot auch auf einem anderen Hofe, der jenseits der saueren Lake liegt und nur drei Stellen vom Moorhof entfernt. Dort wäre Lütje Bickhusen Bauer, wenn die Leute regelrecht gestorben wären. Lütje Bickhusen ist noch älter als Lür Bolten, aber ein verdrossener bürstenbärtiger Mensch. Auf dem Bickhusenhofe ist es so: der Großvater sitzt im Altenteil, ist neunzig Jahre und will die Hundert überstehen. Der Vater ist fünfundsechzig, hat das Reißen und krumme Glieder und möchte gerne die Stelle des Großvaters einnehmen. Aber der mit neunzig Jahren ist lebendiger als der mit fünfundsechzig.

Für einen solchen Hof dankt Lütje Bickhusen, auf dem er zwei Altenteilerfamilien ernähren, alle Arbeit leisten und die schweren Zinslasten tragen soll.

Aber seit Aleit Holsten im Lande ist, die mit den silbernen Haaren und ihren hellen zwanzig Jahren, will der Mann das Spiel wagen – nur soll ihm Aleit Holsten als Bäuerin zur Seite stehen.

Fien Magretjen hat ihre liebe Not mit den zwei »Schwiegersöhnen«.

Die Deern sieht nicht an Lütje Bickhusen vorbei; denn es ist eine Lockung darin, Bäuerin auf einem Moorhofe zu werden, wenn man in eine Imkerkate der Heide hineingeboren worden ist. Und sie meint: ihre Augen seien helle genug, Licht in das dämmerige Haus zu bringen, in das der längst ersehnte Tod sich nicht hineinwagt.

Fien Magretjen hat ihre Not: wegen Lür Bolten hat sie Aleit gerufen, und nun schleicht ein Fuchs um die Horde, der will ihr das Huhn stehlen.

Sie hat aber kein Vertrauen zu Lütje Bickhusen; Aleit jedoch will dem einen lieber auf den Tod warten helfen, als mit dem anderen den Teufel austreiben, der Geffke Bolten heißt.

Lür, der Knecht von Lerz, mit seinem Herzen voll Leid und seinen Armen in Ketten, ist ein zu ehrlicher Kerl, als daß ihm die Liebschaft über der Arbeit zu schaffen machte. Er ist einer von denen, die zu viel »unter sich« sehen. Dem Bauer, in dessen Diensten er steht, mag das passen. Aber die Deern will, daß er nicht all sein Sinnen unter der Pflugschar hat. Sie sagt: »Wenn er jetzt nicht nach mir sich umsieht, wie soll er sich dann auf mich besinnen, wenn ich seine Frau bin?« Und nun weist das Wetterfähnlein ihres Herzens auf den Heidepfad, über den Lütje Bickhusen heranschleicht, sobald es in der Welt schummert.

Wenn Aleit Holsten über den Acker geht in ihrem schwarzen gegürteten Wollrocke, in ihrer straffen Jacke und dem kattunenen Schleierhut, den die Frauen hierzulande gegen die Sonne tragen, dann ist die Deern die Gesundheit und die Lebensfreude selber. Solch eine haben sie hier noch nicht aufgeatzt wie diese Fremde! Schon recht, auf dem Gut, auf das die zu sitzen kommt, wird der Verfall keinen Raum mehr haben. Sie wird ausstäuben mit ihren flinken Armen, aufhelfen mit ihrer jungen Kraft, und Helligkeit bringen aus ihrem maifrohen Herzen.

Es ist ein Glück für Lür Bolten, daß Maria Lerz nun ein erwachsenes Mädchen ist – sie ist gestern siebzehn geworden – sonst nähme der Bauer Aleit Holsten am Ende selber. Aber eine Mutter von zwanzig und eine Tochter von siebzehn, das ginge gegen die Bauernregel.

Ob Lür Bolten Aussicht hat, in diesem Wettstreite mit Lütje Bickhusen zu siegen?

Es ist ein Leid um diesen Mann mit den mächtigen Gliedern und der besinnlichen tüchtigen Art, die in ihm ist.

Wenn er dies Mädchen verspielt, verspielt er sich selber!

*

Trotz alledem – es ist die neue Zeit gekommen! Denn Jugend ist eingezogen, und wo die Jugend blüht, da blüht die Liebe.

Ich habe von der Liebe der Geschlechter zueinander nichts sagen können die lange Zeit her. Von Arp Tietjen und seiner jungen Frau? Das war ein sonderlicher Fall, und diese Liebe gründete sich auf das Sterben.

Aber Liebe wächst aus dem Leben.

Ich habe kein Leben ohne Liebe zu den Menschen gelebt, aber ein Leben ohne Weib. Es hat mir darum das Beste gefehlt in meinem Leben.

Ich frage mich: wenn es dir noch einmal geschenkt würde, würdest du es dann anders leben?

Die meisten sagen in diesem Falle: »Ja, ganz anders und viel klüger!«

Ich nicht. Und es ist gut so; denn es ist keine Reue in mir – über keinen Tag; es ist mir keiner ungenützt verstrichen.

Ich habe kein Glück gehabt; es ist mir nichts zugefallen; ich habe mir alles erringen müssen, was wie ein Glück aussehen könnte. Und deshalb ist mir mein Leben wertvoller geworden, als wenn ihm Glück angeflogen wäre wie Falter den Blumen. Aber ein Weib würde ich mir in diesem zweiten Leben nehmen.

Es ist eine tiefe Heimatlosigkeit um den Mann, der allein geblieben ist. Und ein solcher Mann ist wurzellocker. Meine Augen wären wohl weniger trübe, wenn die Liebe zu einer Genossin daraus hervorschauen dürfte.

Ich habe einmal an Magret Holsten gedacht; aber sie ist zu jung für mich. Sie nimmt mich hin als ein nebensächlich Ding, das nicht eine Stunde ihres Tages auszufüllen vermag. Es springen zu tiefe klingende Quellen des Lebens in dieser glückseligen Frau, die von einem inneren Reichtums ist, wie keine. –

Und nun lebt es sich wie ein Teil meines eigenen Lebens in dem einsamen Lür Bolten an mir vorüber! So kommt es, daß auch keiner ganz in ihn hineinschaut – keiner sein Leid ganz ermißt, denn ich.

Diese Menschen sind schlechte Seelenkundige. Was sie an Gemüt haben, das verbergen sie voreinander, und weil sie nicht wollen, daß es offenbar werde, suchen sie keine Türen zu ihren Herzen. Ihre besten Gedanken sprechen sie nicht aus – das ist das Wunderliche im Charakter dieser Bauern und aller Bauern; lieber lassen sie sich für dumm ausschreien und sind doch weniger dumm als andere. Sie haben ihre Weisheit für sich; und Philosophen sind sie alle, selbst die Schwachköpfe unter ihnen.

*

Ich habe lange daran weitergesonnen und bin erst spät wieder zurückgekehrt zu jener Stelle des Weges, an der Jugend und Liebe stehen. Einmal so, daß zwei Männer um ein Mädchen sind; und einmal so, daß zwei Mädchen ihre Herzen heimlich feiertäglich rüsten für den gleichen Mann.

Dieser Mann heißt Per Segelten, und die Mädchen sind Renate Gregor und Maria Lerz.

Auch Renate ist siebzehn geworden; der Zufall will: an dem gleichen Tage mit der blonden Maria.

Nun kreisen sie um ihn wie Tag und Nacht kreisen um die Erde – Maria ein stiller Frühlingstag mit sachtem segnendem Lichte; die andere eine blaue leuchtende Nacht; alle Sterne brennen darin; denn es ist ein großer Wandel mit Renate Gregor geschehen in dieser kurzen Spanne Zeit. Ihre problematische Natur ist ein Erbe ihres Vaters, hindurchgegangen durch ihr anderes Geschlecht und durch eine »Erziehung«, die eine Narrheit war.

*

Der alte Gregor. Ich sage der alte, weil er der Vater des erwachsenen Mädchens ist. Er läßt Tage hingehen, ohne zu wissen, daß er in dieser Frist nicht mit Renaten geredet hat. Er wandert jetzt die Wege des Ansiedlers auf neuem Lande: er hat einen Stall gebaut, aber er hat ein – Pferd hineingestellt. Er steht in seinen Tagen vor den Augen der anderen als ein wandelndes Rätsel, als ein vollendeter Sonderling.

Er hat die Heidescholle gebrochen und wieder gebrochen; er hat sie mit einer Sauberkeit gereinigt, daß die anderen die Köpfe schüttelten; er aber säete nicht etwa den Buchweizen oder den Roggen in dies neue Land, sondern Tannen, Fichten und Lärchen. Auch nicht die gewöhnlichen Fichten, die hier aus dem Anfluge emporschießen, sondern die blaue Fichte, oder auch die Edelfichte mit dem Scheine von Silber an der Rückseite der Nadeln.

Er hat Azaleen und Rhododendren in großen Massen und in jungen Pflanzen bezogen, die er mit seinem Pferd und seinem Wäglein von der Bahnstelle hierherfuhr.

Das betreibt er alles aus Liebhaberei, legt keinem Rechenschaft ab und ist sie keinem schuldig. Er sagt: »Wenn alles gedeiht wie ich mir denke, daß es in diesem Moorboden oder in dieser Heideerde gedeihen müßte, so werde ich, oder es wird der, der nach mir kommt, Geld daraus lösen. Und wenn alles verfehlt gewesen ist, so hab' ich zu den mancherlei Torheiten meines Lebens eine neue gelegt, die von den früheren darin sich unterscheidet, daß sie mir eine große Freude war.«

Sind Menschen, die das Leben so zu meistern verstehen, nicht die Gekrönten des Schicksals?

Ich habe mit den Leuten in den Hütten gesagt: Gregor ist ein Sonderling.

Nein, Gregor ist ein Weiser; denn er hat sein Geld genommen und hat die Akten, die er geführt hat, einem andern überlassen; er hat die Türe hinter sich zugeschlagen, durch die die Sonne vergeblich einen Weg zu ihm suchte; er ist über die kalten Mauern seiner Stadt hinweggeflogen wie ein Vogel, der eingekäfigt gewesen ist. Und siehe – dies Häuflein Geld, das in den anderen Verhältnissen zu nichts taugte, als ihm einige Zinsen zu tragen, die nicht hinreichten, eines Menschen Leben zu fristen – dies Häuflein Geld macht ihn hier im Heidewinkel zu einem Manne, der auf sich selber steht, der immer auf eine Freude wartet, wenn er sich des Abends hinlegt; denn diese Freude muß am Morgen erwachen, so sicher wie die Sonne heraufgeht.

Mensch, hast auch du es dahin gebracht, daß du sagen kannst von dir: mein Leben ist Freude?

Abstreifen alle Last. Hinwerfen alle Bürde. Aufnehmen die Lust. Nicht mehr wollen, als du vermagst. Und stehen auf dir selber. Das ist Weisheit.

Und wer sagt: solche Weisheit ist nichts für mich, der ist ein Narr; denn es fehlt ihm der Wille, weise zu sein.

*

Der Lehrer hat die Weisung bekommen, allwöchentlich eine dritte Turnstunde zu halten, dafür den Unterricht im Deutschen einzuschränken.

Es soll nicht untersucht werden, was richtiger ist: zu turnen, oder die Kinder im Sprechen und Schreiben des Hochdeutschen zu üben. Man kann darüber geteilter Meinung sein. Es ist auch nicht richtig, daß man einwende: das Turnen ist übrig und ist für die Landschule am grünen Tisch erdacht; diese Kinder haben Bewegung in freier Luft genug.

Auf die Bewegung kommt es nicht an, sondern auf den Takt der Bewegung.

Aber für eins sorgen sie nicht, nämlich für die Reinlichkeit des Körpers!

Es ist in diesem Lande Wasser in Strömen; aber diese Wasser sind moorig und von allerlei eklem Getier belebt. Es ist keine Möglichkeit, den Leuten der Hütten die Wohltat eines Freibads darin zu gewähren. An Reinlichkeit muß die Schule die Kinder gewöhnen als zu einem Lebensbedürfnisse.

Wir haben zwei Bäder angelegt an einem der tiefen Grenzgräben von Friech Lerz' Gemarkung; drei Meter im Geviert; am Grund mit Fichtenbohlen ausgelegt, und haben zwei Fuhren Sand darübergefahren. Das eine der Bäder ist ein halbes, das andere ist ein Meter tief. Auch sind Bretter darumgeschlagen. Per Segelken wird statt zweier Turnstunden für die Knaben je eine Badestunde halten für diese, eine andere für die Mädchen. Maria Lerz oder Magret Holsten beaufsichtigen dabei die Mädchen; der Lehrer hat die Knaben.

Es sind hundert Schulen in den Dörfern der Moore und Heiden; in jedem dieser Dörfer ist ein Wasser, das den Gänsen, Enten und Hunden zum Bade dient. Den Menschen hat man diese Wohltat aber nirgend eingeräumt! Ja, glauben denn die Herren, denen die Volkserziehung anvertraut ist, der Mensch wüsche sich in diesen Winkeln aus Lust an Reinlichkeit? Wenn ihm die Lust an der Reinlichkeit erst gekommen ist – ja dann! Aber bis dahin sind es noch siebentausend Meilen!

Es sind hundert Schulen in den Dörfern der Moore und Heiden; und in unserer einzigen ist Sorge getragen für diese natürlichste aller Einrichtungen.

Per Segelken hat in diesen beiden Badestellen ein Kulturwerk geschaffen.

So einfältig kann ein solches Werk aussehen! Aber es mußte erst dieser junge Dorfschulmeister kommen und sich darauf besinnen!

Und wär's möglich, daß man ihm die Genehmigung zur Herbeiführung der Reinlichkeit und zur Förderung der Gesundheit seiner Schulkinder versagte? Friech Lerz zieht die Achseln. Harm Lück zieht die Achseln.

Ach, was wissen denn diese beiden!

 

21. Mai.

Die ersten Kinder, die das Bad benutzt haben, waren Hinnerk Gregor – das ist der kleine ehemalige Schuster Hilarius – und sein Schwesterlein. Die jungen »Mütter« waren dabei. Es ist so eingerichtet worden, daß die anderen Kinder zusehen konnten – wie das gemacht wird.

Die Deern hat tief Luft geholt, als das kühlende Labsal ihr sehnsüchtiges Körperlein umplätscherte, aber der Bub hat gleich ein »Torfschiff« gemacht und ist darin herumgepanscht als ein Wassermann.

Es hat ein großes Geschrei gegeben vor lauter Lust, und etliche der Jungen haben ihre Holzschuh in die Luft geschleudert in der Freude, daß sie morgen auch da hinein dürfen. Am Tage der Badestunden wird niemals einer krank sein, haben sie alle vorahnend behauptet.

Und es hat auch ein großes Geschrei gegeben, als Hinnerk Gregorius mit den runden roten Apfelbacken wieder heraus sollte. Er hatte sich so schön eingelebt als »Torfschiff«! Aber Renate Gregor ist eine strenge Mutter, und ihr Wille ist stärker als der Eigensinn ihres »Sohnes«. Sie weiß, was Per Segelken Freude macht. Und seine Freude ist ihre Freude. Und wenn er zu ihr sagt: das hast du gut gemacht, dann kann einer erst sehen, wie schön dieses Mädchen ist!

Bei Hinnerk, dem Gregorius, erkennt man den Wechsel der Mutter daran, daß er sauber ist. Sauber wie ein Sommerapfel. Die stracken, vielfarbigen Haare hat ihm Renate geschoren; nun sieht er aus, als hätten sie ihm das seidige Fellchen eines Maulwurfs über den runden Kopf gezogen.

Er hat ein paar feine Kniehöslein an, von Renate geschneidert, besitzt ein Taschentuch, trägt ein weißes Hemd und darüber Hosenhalter aus roten Bändern. Fein! Nur für das Taschentuch hat er noch keine rechte Verwendung. Schwarze Strümpfe hat er, die stecken in ein paar netten Holzschuhen, die heben die Spitzen ein wenig nach oben, und über der Spanne, gegen den Fuß hin, ist ein Stück weiches Leder querüber genagelt, auf daß das Füßlein des Gregorius fester darinnen sitzt.

Augen hat er, groß und blau wie zwei Zwetschen und vergnügt wie der Frühlingshimmel.

Erst starrten diese Zwetschenaugen stumpf in den Sand und sahen den Menschen feindlich an, der an des Gregorius seligen Vaters Hütte vorüberging. Jetzt gucken sie an allem herum, und Mama Renate kann die Fragen, die die blanken Augen dem roten Munde eingeben, gar nicht so rasch beantworten, als sie über die kleinen Lippen hüpfen.

Wenn jetzt einer an ihm vorübergeht, gibt ihm Gregorius ein Rätsel auf: »Dags voll Knaken, nachts wiet apen. Wat is dat?« Und wenn der Mensch sagt: Das ist der Holzschuh, so freut sich Gregorius nicht halb so sehr, als wenn der andere falsch rät. Und dann bekommt er noch eine Nuß zu knacken, »zur Strafe, weil er es gleich gewußt hat«: »In een wit Dorp wär een gehl Ros; un wer de gehl Ros seihn wull, de möt dat ganze wit Dorp upbräcken.«

Damit meint er das Ei. – Oder: »Dor klettert finf lüttge Jongs in'n Busch. Je höger se klettert, je höger ward de Busch.« Das ist dann der Strickstrumpf mit Nadeln. Und wer's nicht errät, dem gibt Lütt Hinnerk in ausgelassener Lust einen schadenfrohen Tanz auf einem seiner dicken Beine zum besten.

Einen ganzen Sack voll Rätsel weiß er schon. Aber was das Schicksal ihm in denen aufgegeben hatte, die er zuerst Vater und Mutter genannt, daran rät er noch nicht herum. Er bescheidet sich vielmehr bei dem lieben Wunder und der Gnade, die nun über ihn gekommen sind.

Dem Schwesterlein lernen sie erst richtig die Beinchen zu setzen. Sie sind gar so dünn und unnütz gewesen seither. Denn die Kleine war am sichersten, wenn sie im Sande paddelte.

Ihre Haut wird weiß und glatt, und die Haare werden blank wie Heidesonnenschein. Auf ihren Wangen erwacht ein Licht, das aussieht wie das ferne Blühen, das im Juni über diesen Gründen ist, ehe die Ähren der Erika sich erschließen – es ist das Ahnen künftiger Gesundheit.

Der Geist in diesem Kinde ist noch recht kümmerlich; es fragt nicht, weil es erst einige Worte stammelt; es läßt die Augen nicht umherfliegen, die schon geschäftig sein könnten als junge Bläulinge über den Kirschblüten; denn es hat noch nicht gelernt, die Dinge zu unterscheiden und kennt ihren Zweck nicht.

Wenn ich das Kleine ansehe, so muß ich denken: es wäre in den Händen und in der flinken Sorge von Renaten wohl besser aufgehoben gewesen.

Aber Renate mußte Freude haben vom ersten Tag ab; sonst scheiterte am Ende das ganze Vornehmen.

Und zu der kleinen Katreen gehören besonnene Gärtner; denn dies Pflänzlein hat noch gar nicht einmal Wurzeln gemacht; es ist nichts als ein Ableger, vom alten Stamm gelöst – kaum ein geringes tüchtiger als am ersten Tage. –

 

23. Mai.

Das konnte keiner ahnen! Wie die jungen Pflegemütter gegeneinander wetteifern in ihren Kindern! Auch daß Kinder Geschenke Gottes sind, die man anders pflegt, als ein Kälblein oder ein Zicklein – darüber ist den anderen Müttern mit einem Male ein Licht aufgegangen.

Es schicken etliche ihre Kinder ganz anders zur Schule als vordem, viel schmucker, namentlich die Mädchen. Und von denen arbeiten die größeren wieder an den kleinen, damit die auch nett aussehen.

*

Das Bad ist das größte Ereignis, von dem diese Leute je zu reden wußten. Auch die Erwachsenen wollen hinein; es ist nicht zum sagen, welch ein Wunder damit geschehen ist! Die Kunde ist über die Heide gegangen mit dem Fluge der Vögel. Am Sonntag nachmittag machten etliche aus anderen Dörfern einen Gang zwischen den Hütten hindurch, zu prüfen, was da sich ereignet. Sie wollen den Lehrer sehen, der so gescheit ist; sie wollen Maria und Renaten sehen, und Gregor, der Tannensamen streut statt Buchweizen. Und erst haben sie höhnisch gefragt, ob dieser Mann denn Tannenäpfelsuppe kochen und Tannenäpfelpfannkuchen backen wolle? Und nun stehen sie mit offenem Staunen und sehen, wie die kleinen Edelfichten und Blautannen aus ihren schnurgeraden Rillen die Köpflein strecken und nach der Sonne schauen, der sie entgegenwachsen wollen – wie die Kinder, wie alle in diesem Winkel!

Auf dem Wege zur Sonne! Es ist dem Winkel ein großes Heil widerfahren! Steht fest, ihr Leute, wir sind erst im Anfang!

Aber der Anfang war das schwerste.

 

3. Juni.

Mittenhinein in diese Freude am Werden schauern die Eulenrufe der Nacht von drüben aus den Höfen.

Lütje Bickhusen ist ein schlechter Bauer, er läßt die Fünf gerade sein in der Wirtschaft und setzt seine Liebe vor seine Pflichten. Das fordern törichte Frauen von ihren Männern, weil sie die Ehe gern kurzweiliger haben möchten. Aber bei dem Manne steht die Pflicht zu oberst.

Lütje Bickhusen. Er hat sich müde gesehen an dem überlebten Leben seines Hofes. Und weil der Vater, der mit seinen fünfundsechzig und seinen krummen Gliedern auf das Altenteil gehört, den Platz dort besetzt findet, so hält er auch die Zügel noch nach seinem Willen. Lütje Bickhusen aber will anders. Und so hat er die Lust verloren an diesem Geschäfte und hat keinen Ernst zur Wirtschaft. Er ist auch einer von jenen, die das bunte Treiben der städtischen Straßen mögen. Solche Leute haben ein Jahrmarktsherz und ein Schützenfestgemüt. Einer von denen, für die hier »zu wenig los« ist auf den Moorhöfen, und die da meinen, sie versauern wie der Tümpel in der Kuhle.

Lütje Bickhusens Weisheiten sind Gift für Aleit Holsten.

Dies starke, schöne Mädchen ist ein ungefüges Grobzeug, wenn sie Pflaster unter den Füßen fühlt und ein städtisches Kleid trägt. Aber sie glaubt, sie werde noch viel schöner sein, wenn sie erst die Rolle der »Kleederdeern« übernommen hat, wie sie hier die modischen Bauernmädchen nennen.

Aleit Holsten ist schön in ihrem schwarzen Wollrock; und wenn sie in den Holzschuhen und den prall sitzenden Strümpfen über den Sandpfad schreitet, so hat das eine Art, und die Menschen sagen: es ist da noch keine Schönere gegangen! Wenn sie eine Zentnerkiepe auf den Rücken wirft, so könnte die noch einen Zentner heben – er wöge dieser rotbäckigen Jugendkraft nicht schwerer. Dabei ist sie schlank und weiß wie eine Birke.

Aber weil sie weiß, daß sie schön ist, meint sie: in der Stadt wäre sie noch schöner; und eine wie sie wäre dann erst am rechten Platze.

Magret Holsten hat von ungefähr vernommen, daß Lütje Bickhusen gesagt hat: was mit dem Hofe geschieht, was geht das mich an? Er will sein Jahrmarktherz in die Stadt verpflanzen, in der Stadt ein Fuhrknecht werden und später ein Fuhrgeschäft kaufen, wenn nur erst der Moorhof ausgestorben wäre! Dann wird aber auch das Geld ausgestorben sein und im letzten Bickhusen das Schützenfestgemüt verödet; denn sobald die Schützenfeste vorüber sind, ist der Grund zertreten, und Bilsenkraut und Stechäpfel schießen aus dem Felde empor. Bei Bickhusen: die Stechäpfel der Reue.

Frau Magret wird ein Wort mit der Deern reden! Wo aber der Teufel Unkraut säet, hat der Bauer mit seinem guten Roggen schweren Stand. Die fixe, frohäugige Frau hat sich ein schweres Bündel aufgeladen; ein Wunder, wie sie es trägt! Manchmal scheint sie doch ein wenig zag zu werden.

 

3. Juni.

Das junge Korn macht Ähren; der Klee blüht; Gregors Bäumlein sind fingerhoch, die Kinder halten das Bad für die schönste Zeit am Tage und kommen auch allzeit regelmäßig zur Schule, weil sie baden dürfen und ihren Lehrer lieb haben. Unerhört! Eine ganze Reihe Dinge könnt' ich noch aufzählen, die alle rufen: wir sind in der neuen Zeit!

So neu ist alles geworden, daß eine Erbschaft auf den ersten Versuch hin nicht hat an die Frau gebracht werden können.

Die Erbschaft kam aus Amerika; es sind nicht ganz dreitausend Mark, und Erbin ist eine gewisse Karolina Lübbers. Nach dieser haben sie in einem Heidedorfe suchen lassen, wo sie als Magd dienen soll.

Ist aber nicht aufzufinden gewesen, bis eine alte Frau sich hat besonnen: einen ähnlichen Namen hat einmal eine gehabt, ist aber in die Hütten verzogen. Schon lange her!

So sind sie in die Hütten gekommen, aber eine Karoline Lübbers kennt da keiner. Und der Brief des Gerichts ist unbestellbar abermals heimgegangen.

Gestern früh hat Friech Lerz im Futter gestanden mit der Sense und Grünes geschlagen, als Karleen Lück des Weges kam. Dabei fällt dem Lerz etwas ein und er sagt: »Hast du vordem anners heeßen?«

»Anners? Nee! Mien Tag Karleen.« Und will ihres Weges.

»So wart doch noch, Karleen!«

»Ick hew keen Tied, Buer!«

»So wart doch, Karleen! Wo hast du vordem heeßen?«

»Ohlrogge.«

»Ohlrogge?« fragt Lerz und macht ein langes Gesicht. »Nee, dat is een anner Name wesen, so een – as – Lübbers ... Na, denn is good.«

Und Karleen Lück ist ihres Weges gegangen; ein Feuer ist ihr noch auf die Stirne geflogen, wie sie den Namen Lübbers gehört hat; sie hat sich aber rasch abgewandt; denn »Lübbers« hat daherum in früherer Zeit keinen guten Klang gehabt und etwa so wie jetzt Hilarius oder Trina Renken. In der Schule hat man die fixe tüchtige Deern Ohlrogge gerufen; denn sie ist von früh ab Dirk Ohlrogges Pflegekind gewesen, und daß sie »Lübbers genannt Ohlrogge« hieß, das hat sie richtigerweise erst erfahren, als sie den Konfirmationsschein vom Pastor in die Hütten auf der Heide trug. Hernach ist niemals mehr davon die Rede gewesen.

Aber Friech Lerz hat die Gedanken an das Gespräch mit der hellen Karleen nicht ins Feld fallen lassen. Abends – die Karleen ist gerade dabei gewesen ins Bett zu steigen, ist Lerz nochmals hinaus gegangen in die Hütte von Lück. Harm hat ihm schon vergnügt vom Bett aus »Guten Abend« gerufen und Lerz hat ihm erzählt: da ist in Amerika einer gewesen, der hat Lübbers geheißen, Dietrich Lübbers, ist totgeblieben und hat ein Geld hinterlassen, genau 2887 Mark, und eine gewisse Karolina Lübbers ist seine Erbin. Will aber niemand so heißen in den Hütten.

Potz Preußen und Patronen, ist da Harm Lück aus dem Bette gefahren und ist durch die Hütte gepurrt als Fien Magretjen über den Kniependamm –

»Deern, Deern, das bist ja du!«

Auf einmal hat sich Karleen Lück besonnen, daß auf ihrem Konfirmandenschein hat gestanden »Lübbers genannt Ohlrogge«.

Wenn eine aber auch drei Namen hat!

Und so wird die Erbschaft nun an die Frau gelangen. Wenn sie aber hat Bedenken haben wollen, weil sie doch eigentlich Ohlrogge hieße und daß sie niemals Lübbers gerufen worden, hat Harm Lück sie in seiner Erbschaftsfreude in seine Arme genommen und angeschrieen: »Halt dat Mul, Deern! Do weeßt ja nich mal, wo do heeßt!«

»Na, und: Karolina!!« hat Karleen gelacht. »Karolina heeßt ja wohl blot solch ne Königin. Wo weet denn ick, dat ick dormit meent wesen?«

»Halt dien Mul, Deern,« lacht Harm, »do weeßt ja nich mal, wo do heeßt!«

Erst ist Karleen ihm immer »über« gewesen. Von stunden ist Harm aber der Karleen über. Doch in der Freude gibt keins dem anderen etwas nach.

 

5. Juni.

Viele Kreuzottern sind im Winkel dies Jahr, mehr als je vorher.

Es wird aber sein, daß die Menschen ihrer jetzt besser acht haben, weil der Lehrer die Jugend aufgerüttelt hat. Über die Gefährlichkeit dieses tückischen Reptils waren sie sich bis dahin noch nicht im klaren, schlugen es tot; wo sie es trafen, daß aber ein Mensch an dem Schlangengifte sterben kann, das ist etlichen Eltern auch heute noch nicht glaubhaft zu machen.

Nun hat Hinnerk, der Gregorius, gestern mit einem Schilfrohr vergnügt auf einem solchen Gewürm herumgestochert, das dunkel und laurig auf einem Porstbusch in der Sonne lag.

Renaten hat das Herz zu schlagen aufgehört, als sie hinzugekommen ist. Alles Lebendige, was der Gregorius sonst findet, nimmt er immer gleich fest in seine beiden Fäuste.

Schier schwarz haben die Ottern hier im Moor sich gefärbt, und nur gegen den hinteren Teil ihres Leibes sieht man die gebrochene dunkle Linie noch klar. So breitet sich auch über dies giftige Gewürm die Hand eines Hüters und verleiht ihnen die Schutzfarbe des dunkeln Grundes, auf dem es kriecht. Die Ottern im Heidesande sind viel heller.

Fragt man die Kinder jetzt, was sie zu tun haben, wenn eine Kreuzotter sie gebissen, so wissen sie gut Bescheid; sie gehen nun mit offenen Augen ihre Wege und sehen die Gefahr, an der sie achtlos vorübergeschritten sind, ehe sie sie kannten.

Es steht ein sonderlich heller Stern über dem Gregorius.

 

7. Juni.

Die weiblichen Handarbeiten sind in der Schule eingeführt worden.

Für den Unterricht, der des Mittwochs nachmittags zwei Stunden gehalten wird, konnten nur Renate und Marie Lerz in Frage kommen. Sie haben beide in heimlicher Freude darauf gewartet und haben über dieser Freude frohe, heiße Augen bekommen; aber auch ein bangschlagendes Herz – welche von beiden würde das glückliche Los treffen?

Es ist auf Renaten gefallen. Vielleicht hatte die doch noch eine größere Fertigkeit in solchen Dingen als Maria, auf die seit dem Tode der Mutter in Haus und Hof so viele Pflichten warten. Es mußte auch gesorgt werden, daß Renate ihre Tage so ausfülle, wie es diesem begabten, schaffensfreudigen Mädchen zukommt. Damit sie nicht wieder in ihr altes wunderliches Wesen verfällt.

Per Segelken hat Maria Lerz seine Entscheidung recht schonend mitgeteilt, aber er mußte doch sehen, daß in jener Stunde etwas in Maria zusammenbrach und daß ihre Augen mit Tränen sich füllten.

Es weiß keiner, welches der beiden Mädchen Per Segelkens Herzen näher steht. Er hat auch diesmal aus klaren nüchternen Erwägungen heraus entschieden, aber es ist in der Mädchen Art, aus einem Verhalten wie diesem, Schlüsse zu ziehen: nun gilt Renate als die Bevorzugte.

Segelken hat sich alle Mühe gegeben, Maria Lerz froh zu erhalten.

Das ist ihm wohl auch gelungen; denn sie ist von einem so schönen Gleichmaß ihres Wesens, daß Neid oder Mißgunst gar keinen Raum in ihrem Herzen hätten. Allein: daß Renate nun beweisen kann, wie trefflich sie sich auf dem neuen Platz bewährt – ich kenne Maria Lerz zu gut und weiß, sie wird nachts heimlich weinen; denn ihre Seele lebt durch Per Segelken.

Zwei Mädchen können nicht verschiedener voneinander sein als diese beiden; aber ich glaube, Renate eifert Maria Lerz heimlich nach; denn sie weiß, mit welcher Freude und Bewunderung der Lehrer von dieser spricht.

Sie hat einmal zu ihm gesagt: »Wenn ich sein könnte wie Maria, dann müßten mich alle Menschen lieb haben.«

Sie sehen sich oft und verkehren doch nicht miteinander wie Mädchen sonst pflegen. Sie wetteifern in freudigem Ehrgeize als Pflegemütter, sie wetteifern in ehrgeiziger Freude, das Lob Per Segelkens zu erringen. Und dieses Lob, das nicht in einem Blick oder einem heimlichen Wohlgefallen seinen Ausdruck findet, sondern in einem klaren warmen Worte, ist ihnen vor allem erwünscht.

Dafür sind sie Frauen.

Aber ganz zueinander können sie sich doch nicht finden.

Wir wissen es alle: Per Segelken steht zwischen ihnen.

Wenn man ihn heute fragen würde, welche würdest du wählen – er wüßte es nicht.

Und doch sind beide das Glück seiner Heideeinsamkeit.

 

Abends.

Per Segelken hat Renaten heute den Mädchen als ihre Handarbeitslehrerin zugeführt.

Maria Lerz ist sehr still geworden in den letzten Tagen, und manchmal sind ihre Augen voll Weinen; dann birgt sie ihr Gesicht in das blanke blonde Haar der kleinen Katreen und sagt, sie trauere darüber, daß diese karge Blume nicht aufblühen wolle.

Das ist es aber nicht.

 

10. Juni.

Es hat in diesen Tagen ein Lustiges sich ereignet in den Hütten auf der Heide. Auch dafür ist also Sorge getragen – mit der Erbschaft der Karleen hat es angehoben; das Geld hat der Bravheit der Lückleute noch mehr auf die Beine geholfen. »Wenn einer reich ist, hat er gut brav sein. Jetzund bin ich reich!« lacht Harm Lück, »was schaut ihr also, ihr Leute, daß es vorwärts geht mit mir und der Deern?« Die »Deern« ist alleweil die Karleen. Seit sie ihm das Geld hat zugebracht, sagt er »die Deern« ordentlich mit einem Wohlklang.

Und das Lustige, was sich hat ereignet?

Das ist nicht weit von der Karleen geschehen. Und der, über den sie lachen, ist Dierk Ohlrogge, der Mietsmann von Gesche Bruns – der ihr einmal scharf zugesetzt hat mit einem weidenen Rütlein, weil sie ihm hat den sanften Hinnerk verekeln wollen. Derselbige.

Um die Zeit, da Jungsaat und Gartenfrucht so schön sind in den Mai geschossen, hat auch der Mann von der Hagelversicherung sich eingefunden in den Hütten, die Beträge zu erheben bei denen, die Feld bauen.

Mit dem hat Dierk Ohlrogge geredet und hat eifrig am Schuh geformt aus einem Pappelholz. Weil aber solch ein Agent nichts redet, ohne dabei an das Geschäft zu denken, hat er gesagt: »Hoffentlich läßt's den Hagel weg in diesem Jahre! Im vorigen, das ist ein Jammer und Elend gewesen, wie das Hagelwetter gekommen ist! Aber, das muß einer schon sagen: so eine Versicherung gegen den Hagelschaden – gut ist sie, gut! Zwei Acker Hafer sind mir bezahlt worden, die im Vorjahr die Schloßen getroffen haben statt meiner. Und was mir im Hausgarten zerschlagen war – auf Heller und Pfennig haben sie es mir bezahlt.«

»Also soll Gesche Bruns auch ihr Gärtlein verassekurieren?« hat Dierk Ohlrogge gefragt; denn der Wink war zu deutlich gewesen.

»Ja, hat sie denn nicht?«

»Nee, oppstuns nicht. Das Geld hat immer nich langen wollen. Und wenn's einmal nicht hagelt, Mann, dann sind die silbernen Groschen ja reinweg zum Fenster hinausgeworfen.«

»Hast auch ein Stück Hafer in der Heide liegen, Ohlrogge?«

»Woll, woll.«

Wildeß ließ der Agent seinen Blick auf dem jungen Grün der Bohnen ruhen; Bohnen deckten einen halben Morgen. Und sagte: »Laß dir erzählen Ohlrogge, was ich für ein Geschäft gemacht habe! Ratzekahl hat das Wetter von vorm Jahr meine Bohnen geschlagen – hat nichts gelassen als die Stumpeln, die erbärmlich zum Himmel aufgeschaut haben; und doch hat der immer mehr Hagel ausgeschüttet. Sind gerade zum Blühen gewesen, die Bohnen! Damals bin ich noch nicht Agent gewesen, weißt du, und sie haben einen geschickt von der Assekuranz. Der Schaden ist aufgeschrieben worden. Ich hab gar nicht hinsehen mögen, Ohlrogge – so hat mir das Herz wehgetan vor dem zerschlagenen Gartenlande. Denn warum? Eine Wüste hat gelegen, wo vordem eine Owase ist gewesen. Und einmal, wie ich von der Arbeit heimgekommen bin, hat mein Weib gesagt: Mann, die Bohnen wachsen wieder. Leicht, bloß der Hafer ist hin ... Ich bin schauen gegangen, und wahrhaftig, an jedem Strünklein gucken die neuen Blätter hervor. Wieder ein paar Tage – so sind die Blüten dagewesen. Und wie's Zeit war, so war eine Bohnenernte – keine zuvor ist so reich gewesen wie die!«

Ohlroggen glitt bei dieser Erzählung das Schnitzmesser zur Erde, und der Mund blieb ihm sperrweit offen.

»Und die Versicherung? Du hast sie nicht heimzahlen müssen?«

»Hat mich keiner danach gefragt; was bezahlt ist, bleibt bezahlt.«

»Herrgottsakrament!« machte Dierk Ohlrogge und schlug auf sein Hosenbein, »das ist ein Geschäft! Mann, in dieser Stunde – alleweil wird versichert. Nimmt's ja wohl an?«

»Nehm' ich!« der andere.

So ist das Geschäft fertig geworden, und die beiden sind miteinander, es zu begießen, in eins der Heidedörfer gegangen. Dierk Ohlrogge in dem frohen Bewußtsein, nun könne ihm nichts geschehen.

Wie er abends so im Einschlafen gewesen ist, hat er gelallt: »Gesche – drei Tage, wenn's sein könnte, möcht' ich nicht mehr erwachen. Aber wenn's hagelt, Gesche, da mußt du mich wecken; denn da muß ich dabei sein.«

Eine Woche ist drüber vergangen, oder mehr. Dierk Ohlrogge hat oft in den Wetterwinkel hinübergeschaut, ob es von dort nicht blauschwarz und gelbstreifig heraufziehen möchte – das Hagelwetter.

Es kam aber keins.

Der Himmel schickte Tau und Sonne, und ließ wachsen für die Gerechten und auch für Dierk Ohlroggen in der Einödhütte.

Das Warten verdroß den Holscher. Er trank in dieser Woche einige Male mehr als sonst. Und Gesche Bruns weinte heimlich – auch mehr als sonst.

Dierk Ohlrogge aber war keinem guten und keinem schlimmen Worte zugängig. Er schimpfte in der Hütte und schimpfte im Garten und schalt auf seine Torheit und auf den Agenten, der ihm das Geld für die Versicherung reinweg aus der Tasche gestohlen habe.

Wie er wieder einige Tage gewartet hatte und der Himmel nicht aufhörte, über die Erde zu lachen, ging Ohlrogge in die Heide, schlug sich ein mannshohes Birklein, stellte sich an den Bohnengarten, hob die Birke, an der noch die tausend Zweige mit den grünen Blättern saßen – hob ihn, hob ihn und ließ ihn niedersausen – immer nieder auf die Bohnen; die ihre Blüten in der Sonne der nächsten Tage entfalten wollten!

Gesche Bruns schrie auf und rang mit Ohlrogge. Aber er stieß sie von sich und setzte sein betrunkenes Werk fort.

Wie nur noch eine Wüste war, wo vorher eine Oase gewesen, kam Friech Lerz den Pfad am Garten vorüber:

»Gott's Dunner, Ohlrogge, was fängst denn du an?«

»Hageln laß ich!« stöhnte Dierk Ohlrogge – »Hageln!« und der Schweiß perlte ihm über der harten Arbeit von der Stirne.

Hageln ließ er – kein Stümpfchen ist stehengeblieben! Deshalb haben Ohlroggen seine Bohnen auch nicht wieder durchgetrieben.

Und der Agent hat ihm sagen lassen: Nur ein Hagel, den der Himmel schickt, der würde bezahlt. Den Hagel bei der Heidehütte, den hätte der Satan eingegeben. Der ist immer im Schnaps.

Nun mag Dierk Ohlrogge sehen, wie der ihm seinen Schaden ersetzt.

 

13. Juni.

Es bleibt dabei, den Kleinen heißen sie Hinnerk, der Gregorius. Zusammengebaut haben sie diesen Namen aus Hilarius und Gregor, und damit mehr von seiner Pflegemutter in ihn kommen soll, ist der Schuster nur mit einem Stücklein angehängt worden, auf daß die Erinnerung an ihn nicht ganz ausgetilgt werde. Der Bub verleugnet seinen Vater in allen Dingen.

Weil ich von Gregor rede – es hat einer zu ihm sich gefunden, der hat an dem Jungwuchs sich nicht satt sehen können. Ein Gärtner.

Es scheint also doch, als habe der weise Gregor einen neuen Weg gefunden in dieses verloren gewesene Land.

Weil der Gärtner alles gewußt hat um den Anbau des Gregor und ein Wegende gesehen hat, viel höher und herrlicher als Gregor zuerst sich's erträumt hat, so sind sie übereingekommen: der Gärtner bleibt in den Hütten.

Es wird noch ein Anbau errichtet, dahinein soll auch die Wohnung für den Gärtner kommen.

Damit wir ihn auch beim Namen rufen können, weil er doch nun da ist: Gerd Otersen heißt er.

Es ist nichts falsch und ist nichts töricht gewesen, was Gregor ins Werk gesetzt hat. Um so sicherer und schneller werden sie vorwärtsgehen zu zweit.

Erst durch Otersen ist in Erfahrung gebracht worden, was eigentlich aus dem Dinge werden soll. Die Heide will er doch nicht aufforsten mit Edeltannen und Glauka, Gregor der Weise? Und das Moor will er doch nicht in einen Paradiesgarten verwandeln mit Azaleen und Rhododendron? Nein! Aber weitum im Land wachsen die Edeltannen, wachsen Azaleen und Rhododendron nicht in solchem Wuchs und solcher Schönheit als in diesen Torfgründen!

So wollen sie hernach versenden von ihrem Bestande hinaus ins Reich.

Jetzt lachen die Leute auch nicht mehr über das Pferd, das nach ihrem Verstande hätt' eine Kuh sein müssen; denn sie wissen: es muß zur Bahn gefahren werden später – ganze Wagenladungen der Zöglinge des Herrn Gregor. Also: eine Handelsgärtnerei in Pflanzen, die Heidegrund und Moorboden wünschen, mit den Wurzelballen herausgestochen und verkauft werden. Schön, schön. Da hätten wir ja etwas ganz Neues.

Wann denn der Versand losgehen soll?

Vor zwei Jahren gar nicht. Zwei Jahre lang wird gekauft, gezogen, läßt man es wachsen und kultiviert Neuland, damit Platz wird für die Pflänzlinge, die alljährlich ihre Arme weiter ausbreiten in lauter Sonnenseligkeit.

Und Gerd Otersen arbeitet wie ein Pflugstier. Im August, sagt er, werden die Jährlinge der Tannen versetzt – siebzehntausend Stück! Im August; denn dann haben die Koniferen die größte Ruhe in sich. Sie stehen wie die Kerzen und leuchten köstlich.

Und tausend Azaleen blühen, daß die Heide sich wohl hüten wird, in eine Schönheitskonkurrenz mit ihnen zu treten. Darum wartet sie noch ein Weilchen – und es ist doch eine Herrlichkeit schon um diese wilde Heide!

*

Nichts hat er mitgebracht, der heimatlose Gerd Otersen, als sein Felleisen und seinen Fleiß.

Sie arbeiten miteinander, diese beiden nachdenklichen Männer, und könnten Vater und Sohn sein, wenn sie nicht so fürtrefflich übereinstimmten.

Gerd Otersen kann sich nicht wundern genug, daß Gregor dies alles aus sich selbst hat, worüber ein zünftiger Gärtner jahrelang lernen muß. Und kann's dann doch nicht so!

Sie stehen schon des Morgens im Tau und brechen das Erdreich, fahren Sand darüber und mischen – just wie die auch, die Bauern werden wollen. Und doch in anderer Art, denn nicht ein Korn Kalk oder Phosphor müssen sie in das neue Land werfen.

Das neidet ihnen Friech Lerz fast; denn er legt im März und Oktober in solcher Gestalt manch blauen Schein in die Krume seiner Äcker.

*

Etliche meinen, Gerd Otersen sei nicht der harten Arbeit zuliebe in den Hütten geblieben. Schwarze Lockenringlein seien für solch ein Wild Schlingen, in die es sich gar leicht verirre.

In derlei Dingen wissen die Leute immer rasch Bescheid. Wenn sie so erfinderisch in ihrem Tagwerk wären, dann wäre das Hüttendorf schon hundert Jahre älter, und die Bauern schlügen an ihre Brust und sagten: »Wir, die von Hüttendorf! ...« Und die ganze suere Lake – so Morsch als Moor – wäre ausgestorben.

*

Arp Tietjen ist seit langem nicht mehr über den Kniependamm gegangen. Ob der alte Mann müde geworden ist an seinem Leben?

Auf der sueren Lake tanzen in diesen warmen Sommernächten die Irrlichter. Sine Tietjen kann da wieder Märchen ersinnen. Etliche sagen: diese Lichter sind die Seelen verdorbener Heidegänger. Etliche meinen, es seien die Lichter der versunkenen Stadt, die ihren Schein heraufwerfen.

Und sind noch andere – das ist auch ein Zeichen der neuen Zeit – die sagen: »Die suere Lake meldet sich! Es liegt viel Reichtum und Kraft in diesem Lande; wer Mut und Stärke hätte und das faule Moor bezwänge, dem könnte der Roggen goldene Ähren tragen dort drüben!«

Friech Lerz hat im Frühjahr heimlich ein Zeichen des Wasserstandes gesteckt an der sueren Lake; und dies Zeichen sagt nun: »Die Wässer fallen!« Die Grenzgräben seiner Gemarkung sind ihr nahegerückt, und dahindurch müssen auch die faulen Wässer der Lake abrinnen.

Aber wie es um die Tiefe dieses wilden Moores bestellt ist, weiß keiner; denn niemand kann es ausmessen in seiner Mitte.

Nun – zusehen darf man schon, wie sich die suere Lake zu der neuen Zeit verhält, die heraufgekommen ist!

 

Drei Tage später.

Fien Magretjen trägt ihr Hücklein Sorgen schwer, deucht mich; aber sie trägt es nicht unfröhlich. Zum Ausruhen hat sie noch nicht Zeit – nun gar nicht.

Dafür sorgen Aleit Holsten und Lütje Bickhusen.

Auf Lütje Bickhusen zeigt das Herz der Deern heut – auf Lür Bolten zeigt es morgen.

»Lütje Bickhusen ist ein Draufgänger, und Lür Bolten ein Duckmäuser,« sagt Aleit Holsten. Sie sieht nur das Leid an diesem Manne, der angehängt ist wie ein Stier auf der Koppel.

Soll einer da mit hohem Kopfe durch seine Tage schreiten?

Der eine sieht den Hof seiner Väter vergehen ohne Reue. Der Mann weiß nicht, was er tut; er hört nur auf sein Jahrmarktsherz, und dies Herz hat sich geschmückt mit der Liebe zur schönsten Deern auf der Heide, so töricht wie die jungen Burschen sich schmücken, die zum Schützenfest ziehen: mit einer Pfingstrose im Knopfloch.

Lür Bolten hat nicht den Mut, gegen die eigene Mutter zu stehen. Das ist es.

Wo ist der Tag, an dem diese gefesselte Kraft aufwacht und die Ketten zerreißt?

Soll man ihm sagen: du mußt deine Mutter ausspannen; denn sie zieht schlecht? Soll man ihm sagen ...

Nein, es wäre ein angemaßt Recht und ein übel Ding, den Sohn der Mutter feindlich zu machen!

Daß er bis jetzt – wenn auch zu weich – auf rechten Wegen geblieben ist, dieses Bewußtsein ist es, das Lür Bolten tüchtig hält im Dienst eines anderen. Wenn er nachdenklich werden müßte und das Unkraut der Reue über vergessene Kindespflicht neben seinem Leid in ihm wüchse – was dann?

Und mit welchem Scheine des Rechts könnte er an sich bringen, was der Alten Erb und Eigen ist von ihren Vätern? Denn Boltens Vater hat in diesen Erbhof eingeheiratet.

Und es ist auch das Gift der sueren Lake – es ist die böse Rede in Trina Renkens Mund, die ihm den Weg versperrt. Aus ihr redet der Teufel.

*

Nun geht es um den Frieden in Fien Magretjens Herzen! Aber die klaren Augen werden ihr doch nicht trübe über der Sorge um Aleit; und sie will auch noch den Kampf aufnehmen gegen die dicke Trina!

Finsternis und Licht werden da miteinander ringen – sollte die Finsternis die stärkere sein?

*

Es sind nicht so viel alte, kranke Leute hier wie in einigen Dörfern, denen die Dürftigkeit der Heide fremd geblieben ist.

Nicht zu glauben, und ist doch so!

Das haben die Leute ihrer Faulheit zu danken; »woraus man siehet,« sagt Trina Renken, »die Faulheit ist viel besser bekömmlich wie der Fleiß.«

Ihrem Fleiße haben sie den »Asmus«, wie sie den Rheumatismus nennen, nun freilich wohl zu danken; denn es hat eine Zeit gegeben, darinnen man glaubte, es wäre kein guter Torf herzustellen, wenn er nicht mit den bloßen Füßen geknetet worden.

Zu diesem Geschäfte haben sie die aus den nassen Kuhlen geworfenen Torfklöße auf ein Wäglein geladen und eine Strecke weit aufs Hochmoor gefahren, danach mit der Forke klar geschlagen und haben die Masse dicht an dicht aufgeschichtet, bis sie einen halben Fuß hoch war. Nun kam das Barfußtreten, frühmorgens, wenn die Sonne erwachte und im März oder April der rauhe Reif noch glitzerte auf Grund und Kraut!

Das ist ein barbarisch Treiben gewesen, und manch einer hat Gesundheit und Kraft mit hineingebacken in die schwarzen Torfkuchen.

Das zweite Geschlecht vom Bickhusenhofe ist aus dieser Zeit und erkennbar an den krummen Gliedmaßen.

Dann kamen die ledernen Torfstiefel – wär' der Hilarius damals dagewesen, so hätt' er eine Arbeit gehabt!

Es haftete ihnen aber ein vergänglich Wesen an; denn sie wurden so hart, daß sie nicht mehr an die Füße fuhren, wenn's zur Arbeit blies.

Und zuletzt die Brettholzschuhe! Ein Viertelmeter breit an der Sohle, vertragen inwendig auch ein Schaffell.

Der Fuchs von Gregor dem Weisen trägt auch Brettholzschuhe, wenn er pflügen und eggen muß; sie werden mit einem Keil zwischen Huf und Holz festgeschlagen.

*

Die hundert Torftage sind in diesem Jahre noch lange nicht vorüber, aber in den Kuhlen steht längst keiner mehr der Hüttenleute.

So haben sie sich rangiert auf das andere Geleis.

 

17. Juni.

Der Erddüwel hat einen Brief geschrieben aus dem Gefängnis: am 28. Juli ist er »fertig« und will heiraten. Es soll alles bereitet werden für die Hochzeit in seiner Abwesenheit. Geffke Bolten soll an jenem Tag anspannen und ihn vor dem nördlichen Portale des Schlosses erwarten, in dem er residiert hat die Zeit her.

Sie haben ihm einen Monat der Untersuchungshaft angerechnet, daher zählt er schon »Parole« wie ein Reservemann!

Daß man sich seines Kommens freut und seinetwegen alles festlich bereitet, ist solch einem selbstverständlich.

Trina Renken ist ganz beweglich geworden und hat schon angefangen, die Hütte zu säubern. Damit muß zeitig begonnen werden; denn es sind Winkel unter ihrem Dache, darin lag der gleiche Schmutz schon, als der Erddüwel zur Daseinsfreude genas.

Und demnächst will er also hochzeiten. Wär' er daheim, müßte er an allen Ecken mit zugreifen, deshalb hat er sein Gebot ausgehen lassen für den achtundzwanzigsten Juli.

Er hat auch schon das Aufgebot bestellt, der Bräutigam! An Gregors Haus, weil die Schule darin ist, hängen sie in dem schwarzen Kasten.

Die Altenteilernot, die auf zweien der Moorhöfe ist in verschiedener Gestalt, wird nicht mit einziehen in die Hütte der sueren Lake; und solange von drüben die Quellen fließen, wird eitel Freude darin sein.

Aber wenn einmal die sieben dürren Jahre kämen und Trina Renken sogar an ihrem Tabak sich beknappen müßte – weh, weh!

Zum Zeichen, daß sie diese Zeit nicht vorahnend heraufdämmern sieht, hat sie gestern in ihrer Hochzeitsfreude Tannenbäume in die Hütte gepflanzt. Aber nicht die grünen, leibhaftigen aus der Heide, sondern sie hat mit nassem, weißen Sande baumähnliche Figuren in den schwarzen Sot ihrer verrauchten Wände gemalt, denen ähnlich, die Hinnerk, der Gregorius, auf weißes Papier malt und mit allem Ernste in seinen Zwetschenaugen erklärt: so brächte selbst der liebe Gott die grünen draußen in der Heide nicht zuwege!

So pfuscht die sauere Lake auch dem Herrgott ins Handwerk. Sie hat gelobt: die blecherne Kaffeekanne und die zinnernen Teller werden ebenfalls hochzeitlich hergerichtet – mit Zeichnungen durch trockenen Sand ...

Es erlebt sich jetzt hier die Geschichte vom verlorenen Sohne aufs Tüpfelchen so wie vor zweitausend Jahren, und hat keiner wahrer und gewaltiger erzählt als der große Dichter von Nazareth.

 

Am andern Tage.

Seit Lür Bolten dem Hof im Moor den Rücken gekehrt hat, ist dem Faß der Boden ausgeschlagen.

Es hat einen großen Skandal gegeben auf dem Hofe, weil an jedem Tag fremde Esser die Fülle am Tische gesessen haben, aber keine Arbeiter.

Der Knecht, der den Ehrgeiz gehabt, daß man sein Werken dem Hause, dem Feld und dem Vieh alsbald ansehen werde, hat die Flügel hängen lassen und ist mit den Schwiegersöhnen und der Alten in Streit geraten. Zum Überfluß haben diese Leute noch auf den gedeutet, der erst kommen soll – der Erddüwel.

Darüber ist aber dem Knechte die Lust vollends vergangen – er ist heimlich auf und davon bei der Nacht.

Die Frühjahrsarbeit ist getan um diese Zeit. Friech Lerz ist ein guter Bauer; er hat gesagt zu Lür Bolten: »Wenn du zurückwillst an deinen alten Platz, so will ich dir nicht im Wege sein!«

Ein gutes Wort zu einer guten Stunde.

Danach ist Lür Bolten hinausgegangen auf die Heide, ist hingesunken auf einen Porstbusch, hat die Hand breit über den braunen Bart gelegt und hat hinübergeschaut nach dem Seinen. Bis es dämmrig geworden ist und die Nebel aus der sueren Lake herausgeschwommen sind.

Aber in ihm ist es längst finster gewesen.

Um diese Stunde hat er einen Wagen über seine fernen Äcker fahren sehen, sind aber keine Pferde davorgespannt gewesen. Der Wagen ist ganz allein gelaufen ...

*

Das hat mir Fien Magretjen erzählt. Ich habe gesagt: Die Augen werden ihm übergegangen sein. Oder die Nebel haben einen Spuk mit ihm getrieben.

Nein, hat Frau Magret gemeint, das wär's nicht! Wenn er das weiße Pferd gesehen hätte, das den Leuten schon häufig in der Sommernacht erschienen, dann wär's wohl ein Traum, wie bei den andern auch. Aber ein Wagen ohne Pferde! –

Gebt acht, das hat etwas zu bedeuten! meint Fien Magretjen.

Nun hat auch Aleit Holsten erfahren von dem Gesicht, das Lür Bolten gehabt hat.

Es ist ihr ein Schauer über den Rücken gelaufen und ein Lachen über den Mund: ein Spökenkieker wäre Lür Bolten auch? Es wäre wohl besser, sie zwei blieben auseinander; »denn er sagt ja nich kick und nich mick!«

So wirft dem Fien Magretjen jeder Tag einen Stein in die Suppe.

 

20. Juni.

Nun aber ist es aus mit Fien Magretjens Geduld. Bis hierher hat sie all die Tage ihre Fäden spinnen lassen. Jetzt aber will sie sich selber an den Rocken setzen.

*

Daß das schon so weit mit den beiden wäre, hat sie sich nicht träumen lassen! Und heute hat sie wieder die alte Freude in den Augen – wie immer, wenn sie auf einem gefährlichen Posten stehen muß.

Gestern abend nämlich hat ihr Lütje Bickhusen erklärt: »Holstens Mutter, die Deern wird geheiratet!«

»Tjo,« hat Frau Magret gesagt, »aber von dir nicht, Lütje Bickhusen!«

Zuerst haben sie gelacht alle beide – dann sind sie gegeneinandergerollt wie zwei Gewitter, und Lütje Bickhusen hat gemerkt: die Sache ist doch noch nicht in dem Topfe, in dem sie gekocht wird. Einer, der seinen Hof verfallen sähe und nicht zugriffe, den Sturz aufzuhalten – einer, dem es wichtiger wäre, ihrer Deern den Kopf zu verdrehen und doch nicht mal seinen eigenen auf dem richtigen Flecke hätte – ein Schürzenjäger, der seine Gräben verschilfen ließe, damit die Wiesen sauer würden ... eine Stunde lang hat Fien Magretjen ihm auswendig hergesagt, was für einer er sei.

Und weil ihr die Worte so fix und blank aus dem Munde herausgerollt sind wie weiße runde Bachkiesel, mit denen sie nach ihm geworfen, hat Lütje Bickhusen einen geordneten Rückzug angetreten.

Hat aber gesagt: ob Holstens Mutter wollte oder nicht, am Ende käme es ja auf die Deern an.

Wenn Fien Magretjen Lütje Bickhusen auch gesagt hat, daß die Türe zu ihrer Hütte für ihn morgen und stets einen Riegel vorhätte – es führen doch hundert Wege über die Heide, und auf einem wird der Jahrmarktsbauer die Deern denn wohl zum Tanze führen – mögen Fien Magretjens blanke Augen wach sein wie zwei Dachshündlein.

*

Von Lür Bolten hat Trina Renken gesagt: »He is so vörsichtig as Kösters Koh. De gong all dree Tage vör den Regen in den Stall, un doch wurd ehr de Steert natt.«

Lür Bolten ist wie dies Land: es ist eine große Kraft in ihm und viel tüchtiges Wesen. Aber die Kraft wird ihrer Fesseln nicht ledig, und über dies Land hinweg blüht die stille, ruhevolle Heide ...

Es müßte ein Sturm darüber hinfahren und ein Feuer vor sich herjagen!

 

23. Juni.

Fien Magretjen hat einen Abend lang mit Aleit Holsten geredet.

Zuletzt hat sie gesagt: »So steht das mit den beiden; da ist einer, der wird dir das Loch im Rock bessern helfen des Abends; der wird dich nicht kommandieren und still dein Tagwerk dich tun lassen nach deinem Willen. Und da ist ein anderer, der wird über dich kommen als ein Wetter und wird dich anfahren als ein wilder Sturm. Welchen von beiden willst du?«

»Den wilden Sturm!« hat Aleit Holsten verlangt.

Darüber ist Fien Magretjen aus ihrem Bau gefahren und herein in den meinen.

Ein fliegendes Feuer ...

Das hat sie nicht gut gemacht, das mit dem sanften Wind und dem wilden Sturm! Solch eine Deern weiß nichts anzufangen mit einem sanften Hinnerk.

Sie wissen alle nicht, was in Lür Bolten ist.

 

Mittsommer.

Es ist eine dunkle Nacht gewesen gestern, und kein Stern hat geschienen.

Da hat Frau Holsten die alte Stallampe instand gesetzt, die schon seit Jahren in meinen Wiemen hing, und hat gesagt: »So, jetzt ist die Brennmaschine fertig, und wir drei gehen miteinander in dieser Nacht auf den Moorhof – die Lampe, die Deern und Fien Magretjen.

»Allens to dien besten ...«

»... sä de Jong – dor slagen se mir den Stock opp'n Buckel kort ...« setzte Aleit sauerköpfig hinzu.

So jung Fien Magretjen ist – ich glaube, ihre Jugend hat sie doch vergessen.

»Deern, Deern, klor Water is beter as slechten Wien.«

»Wenn's man irst een klor Water wier!«

Lange hab' ich das Licht wandeln sehen in der Finsternis der Sommernacht.

*

Es ist ein Engel um Fien Magretjen, hat der Lehrer lachend gesagt.

Er hätte es im Ernste meinen können.

 

25. Juni.

Es leiten sich Dinge in die Wege, an die keiner geglaubt hätte, wenn er das Unheil hat wachsen sehen.

Die Frauen sind zur guten Stunde eingegangen auf den Moorhof; zu einer Stunde, in der Geffke Bolten hat eine unverbrüchliche Absage bekommen auf ihre Brautwerbung im Nachbarhofe.

Der Bauer hat ihr klaren Wein eingeschenkt, ein gerüttelt volles Glas; er ist sauer gewesen wie Schlehensaft.

Aber Geffke Bolten hat ihn trinken müssen bis zum letzten Schluck.

Ob diese Kunde auch gut gewesen ist für Aleit Holsten? Wenn die hört, warum der Bauer sein Kind nicht als Bäuerin in einem solchen Hofe sehen mag? Was dann?

Geffke Bolten ist auf die Brautwerbung gezogen in ihrer höchsten Not – sie hat die Zinsen nicht, die im Julimonat fällig sind und ist schon mit der letzten Zahlung sieben Wochen zu spät gekommen. Auch dann ist noch ein Rest geblieben.

Zuerst steht Sparkassengeld auf dem Moorhofe, und dann das Geld von einem Schlachter. Der hat gedroht, auf Warten hätte er sein Geld nicht geliehen; wenn am Fälligkeitstage die Summe nicht auf dem Tische liegt, so treibt er der Witwe Bolten ein Stück Vieh weg dafür.

Das wäre der Anfang vom Ende. Oder es wäre schon das Ende.

Die Schwiegersöhne haben plötzlich wichtige Geschäfte gehabt und haben mit ihren Frauen einer nach dem andern sich aus dem Staube gemacht.

Da hat Geffke Bolten mit Trina allein in ihrer großen Not gesessen und die letzte Mitternacht herangewacht. Am Tage danach kam die Brautwerbung.

Zuerst hat sie auf den Bauer gescholten, weil er mit seinem Mariechen zu hoch hinaus wollte. Auch Fien Magretjen gegenüber hat sie gar hämisch von ihm geredet. Aber Fien Magretjen hat die Seite des Bauern genommen, und der Witwe Bolten ist darüber der Stuhl bannig heiß geworden unter dem Sitze.

Danach hat sie es mit Lür Bolten gehabt, der wäre an allem schuld.

Da ist Fien Magretjen jedoch rasch bei der Hand gewesen und hat ihr ihren schmutzigen Faden mitten entzwei geschnitten: »Das mußt du nich sagen, Geffke Bolten; denn der Lür is einen tüchtigen Menschen. Bloß man ein bischen ein Stiller ist er, un das kommt in ihn durch dich.«

Die beiden Mädchen, Trina und Aleit, sind in dieser Zeit hinaus gewesen und haben draußen am Herde ihr Garn für sich gesponnen über diesen Fall. Da hat Fien Magretjen ihre Schubladen um so besser aufziehen und auspacken können und ist so flink mit Tuch und Heidbürste dreingefahren, daß Geffke Bolten ein ordentlicher Staub in die Fenster geflogen ist.

»Siehst du, Geffke Bolten, dieser Staub, den ich eben mache, den hast du all zusammengetragen ... Nein, rühr dich nich, Bolten, ich bin noch lang nich fertig, weißt du; denn du bist eine Mutter, die nicht wert ist, solch einen Sohn zu haben ... Bleib sitzen, Geffke Bolten ... jawohl, das bist du, und du bist ein richtiges Rabenaas. Willst du wohl sitzen bleiben? Wenn du aufstehst, Geffke Bolten, so brauchst du dich gar nicht mehr zu setzen, da kannst du gehen immerzu, bis du in die suere Lake kommst und kannst dann den blauen Lichtern hupfen helfen, die nachts da spuken. Jawohl ... Stille! Du brauchst dich gar nicht erst zu verdefendieren ...«

So war denn das Rad im Laufen, das solange stillgestanden hatte; und Fien Magretjens Zorn saß daran und trat mit beiden Füßen und sagte der kleinen hellen Frau immer ins Ohr: »Noch schneller, immer noch schneller!« Und ihr Mitleid mit Lür Bolten trat hinzu als ein alter fürsorglicher Vetter und goß Öl in die Lager.

Überdem waren die beiden Deerns auch wieder herzugekommen; denn sie hatten draußen am Herd ihren Strähn Garn versponnen; und weil durch die Tür das Surren von Fien Magretjens flinkem Faden hinausklang, hielten sie es zuerst mit ein bißchen Horchen. Das ist aber auf die Dauer unbequem; und nah bei der Schüssel ißt es sich leichter.

Zuerst schien Aleit Holstens Gesicht durch die Türe, so recht als die Sonne in den Frühlingsmorgen.

Aber, daß nun vor dieser jungen Sonne Geffke Boltens Sünden offenbar werden sollten, das ging der Alten höllisch wider die Art, und sie fing darum an, auf ihrem Binsenstuhl hin und her zu rücken und up und dahl, als hätten ihr die Sperlinge untergebaut.

Aber Fien Magretjen legte ihr die Hände auf die Knie und sagte:

»Halt du man noch ein Weilchen still und verfier dich nich, Geffke Bolten, indem es gerade so gut paßt! Daß du ein altes Alf bist und in deinem Haus herumgespensterst, das wissen wir; daß du aber deine faulen Schwiegersöhne fett fütterst als die Swein – – halt, halt, verfier dich nich, Geffke Bolten! – na, das wußten wir am Ende auch ...«

Hier mußte Fien Magretjen einmal fix nach dem Faden fassen; denn der wollte ihr gerade aus den Fingern schnellen –

»... ja, jetz weiß ich das wieder: es ist offenbar geworden als ein altes Faß: deinem Sohn hast du sein eigen Haus zur Hölle gemacht, daß er nun Knechtsbrot muß essen, du Düwelsmutter ... Sitzen bleiben, sag ich dir – wenn's dich auch ein bißchen wehtut, du wirst sehen, es hilft, un was en richtigen Doktor is, der smeißt dir erst platt.«

Und dabei schlug sie ihre beiden Hände der Witwe Bolten immer auf die Beine, als hätte sie ihre Nordseite darunter und wollte daran nun quittmachen in einer Stunde, was in einer Reihe von Jahren an schlimmen Rechnungen im Moorhof aufgelaufen war.

»Siehst du, und jetzt will ich dich das sagen, Bolten, und ich fächle dich dabei doch bloß an wie Vörjahrsluft die Blumen: ganz niederträchtig hat der liebe Gott mit dir das Heidedorf gesegnet! Denn warum? Geradewegs in die Hölle hat er dich verstauen wollen und hat dich unnerwegs schon weggesmissen, weil du ihm zu slecht gewesen bist. Wir mögen nun zusehen, wie wir mit dir fertig werden. Halt still, ich bin noch nich am Ende!«

Wieldeß hatte Fien Magretjen oben am Halsbund ihrer schwarzen Wolljacke genestelt; denn es war ihr höllisch heiß geworden bei dieser Art zu spinnen. Ihr Zorn trat aber immer behende weiter –

»Das sag ich dich, Bolten: wenn du dir einbildest, es könnte so weitergehen, damit bist du auf dem Holzwege! Was unsen neuen Schulmeister is, der is en gescheiten Mann, un gegen den kannst du nich an mit deiner Verschlagenheit. Der Schulmeister hat gesagt: wenn das mit dir so steht, so werden wir dich absetzen von das Gericht aus ... Willst du woll stille halten, Geffke Bolten? Siehst du, jetzt fängst du an zu blasen, und is doch gar nich nötig; laß mich man machen, ich will das Feuer schon allein hochkriegen, an dem du gebraten wirst ...«

Überdem war ja wohl das ganze Sperlingsnest aufrührerisch geworden unter Geffke Boltens Sitz –

»Magretjen!« blies sie.

»Laß man gut sein, Witwe Bolten, indem du jetzt weiß werden mußt als eine Möwe! Und wenn dich hernach das Gericht auf dem Hals is, so kannst du sehen, wie du deinen Stall von Schwiegersöhnen auffütterst. Alf und Rabenaas hab' ich zu dir gesagt; denn ich weiß, was sich gehört. Sonst hätt' ich dich einen ganz anderen Kosenamen gegeben, du Kreuzotter!«

Die Mädchen saßen auf ihren Stühlen und rührten sich nicht.

Trina, die Braut des Erddüwels, sah unter sich und ließ den Saum ihrer Schürze langsam durch die Finger gleiten. Aleits Augen aber standen in der Finsternis als zwei freundliche Sterne; denn es fiel kaum ein Schimmern von der Stallampe bis hinüber in den Winkel.

Geffke Bolten rang heftig nach Luft – »Magretjen!«

»Nein, du sollst dich nich aufregen darüber, sag ich; denn du machst doch wieder nur Redensarten, und ich könnte hernach gar nich mehr zu Worte kommen. Du hast dich ja eine saubere Wirtschaft zurechtgemacht, Geffke Bolten! Schämst du dich nich, daß dich die Sonne bescheint? Gegen eine wie dich sollt' ich grob sein als Saubohnen; aber du tust mir doch noch leid, wenn du auch in Grund und Boden hinein slecht bist. Deshalb bin ich noch freundlich zu dir. Du hast Gift in deinem Munde und Trug in deiner Hand; du hast Verlogenheit im Kopfe ...«

»De Lowfrosch hätt' slicht Weeter prophenzeit; he hat dor herümmerquakt int Schummern ...« pustete Geffke Bolten.

»Halt still, Olsch! Meinst du mir als ein slecht Wetter, so hast du man recht damit; denn sonst hast du immer unrecht – – wie ein Blitz will ich einschlagen in dich und will verbrennen, was slimm is an dir. Un es is alles slimm. Und weil du eine so sinnlose Wirtschaft machst, werden wir dich absetzen und dir Lür Bolten als Verwalter geben. Oder ... es ist noch eine Rettung, Geffke Bolten! Du brauchst Geld?«

»Brauch ich. Den ganzen Zins muß ich haben ...«

»Siehst du woll, daß du runter mußt von deinem Platz und Lür Bolten sitzen muß auf deinem Stuhl? Wieviel brauchst du?«

»Dreihundertundfünfzig Mark.«

»Drei–hun – – dat geiht to wiet! ... Dor kunn keen ihrlichen Minsch meh helpen!«

Und Frau Magretjen hob die Hände von den Knien der Frau und legte sie sich flach an die Schläfen –

»Drei–hundert – – dat is to veel, un es is ut un vorbi mit dir! Das sin ja woll ... Aleit, Trina ... Ich bin ein bißchen swach mit das Rechnen ... Aber warum sollen wir rechnen? Wieviel sind das Schulden, Geffke, du weißt's ja wohl auswendig?«

»So an die zwanzigtausend ...«

Und Fien Magretjen ließ ihre Arme fallen und sah aus wie ein Rabe, dem vom Regensturm die Flüchten gebrochen und der vom Novemberwetter in die Torfkuhle gepeitscht worden ist.

Sie nahm die Lampe von dem Tische und stellte sie auf die Diele, die schon lange nicht mehr mit neuem Sande bestreut war, und kehrte Geffke Bolten den Rücken.

»So, nun komm du mir mal nahe, Deern,« sagte sie zu Aleit. »Es ist schlimm, daß ich so eifrig gewesen bin ins Reden mit dieser da. Pfui! Und du, Deern, du könntest noch ein Wort gegen Lür Bolten sagen, der weiß, wie das hier steht und doch noch aufrecht geblieben ist in diesem Sturm? Steht gerade als eine Heideföhre und schleppt einen Berg von Schulden auf seinem Rücken – – zwan–zig–tausend ... Hab ich nich immer diese beiden Hände über den Mann gehalten und habe gesagt: er ist ein Richtiger, der Lür? Ihr habt das aber nicht Wort haben wollen. Und nun sieh dir die Frau an, Deern, die das so weit gebracht hat! Morgen will ich zu das Gericht gehen und will es ihnen sagen! Und das hast du getan? Du?« Fien Magretjen wendete sich dabei Geffke wieder zu. »... und wir sind dir zu schlecht gewesen, daß du uns ansiehst? Du? ...«

Magret schlug das helle Feuer aus dem Herzen herauf in die Augen:

»Da hast du freilich nötig gehabt, eine Schwiegertochter zu suchen, die die Löcher in den brüchigen Wänden mit Geld zukleben sollte. Aber das ist dir ja nun vorbeigelungen ...«

Wieldeß saß Geffke Bolten stumm auf ihrem Stuhle.

Und weil Trina nie vorher gesehen hatte, daß die Mutter schwieg, wenn sie von jemandem zur Rede gesetzt wurde, so war der Deern das Herz zag geworden. Nun ließ sie den Saum der Schürze nicht mehr durch die Finger gehen; sie deckte ihre Augen damit und weinte.

»Hier wären wir ja woll fertig,« sagte Magretjen und nahm die Lampe vom Fußboden auf.

Aber – es war die zwölfte Stunde, in der der alten Bolten Hilfe kommen konnte ... der Nachbar Bauer hatte das letzte Wort gesprochen. In ein paar Tagen mußte der Schlachter da sein und ihr die Kuh mit dem Kalbe wegtreiben.

Eine große Furcht überkam Geffke Bolten.

Magret hatte auf und ab geklopft an ihr; und der Topf hatte Sprünge über und über.

Da legte sich Frau Geffke aufs Bitten: Fien Magretjen, die doch alle Türen offen fände, sollte helfen, helfen zum letzten Male!

Das hatte selbst Magret nicht erwartet!

Aber: drei–hundertund–fünfzig Mark! So weit reichten ihre Ersparnisse nicht! Doch – wenn's galt, Lütje Bickhusen auszutreiben, Lür Bolten auf seinen Platz zu stellen, sauber zu machen dies beschmutzte Nest und aufzuhalten den Verfall – da konnte Fien Magretjen nicht zur Seite stehen.

Sie hatte die Wolle gesponnen. So mußte sie auch den Rock weben.

*

Es war längst Mitternacht vorüber, als ich das wandernde Licht wieder über die Heide schaukeln sah. Erst dies, und hinterdrein ein anderes.

Das vorn war das eiligere; und als hätte Fien Magretjen einen Hammer im Leibe, so kriegte sie nun das Laufen.

Sie hatte einen Einfall, und weil sie in dieser Nacht das Regiment hatte, führte sie ihn auch schnellweg durch.

Auf dem fußbreiten Heidepfade läßt's sich nicht gut an mit dem Reden, weil einer immer hinter dem anderen hertraben muß. Nun hätte Fien Magretjen die alte Bolten ja vor sich hertreiben können als ein Schlachter das Kalb und hätt' ihr immer dicht auf den Hacken sein können. Aber das Kalb lief ihr zu langsam, und sie dachte: Geffke Bolten muß da immer nach dem Wege leuchten, damit wir nicht abkommen, und es ist möglich, sie schlägt all meine schönen Reden in den Wind.

So verlief der mitternächtige Gang ziemlich schweigsam; nur manchmal rief Fien Magretjen der anderen hin: »Du hast die Jahre her eine vollkommene Kanalljerie getrieben, Geffke Bolten, und das müssen wir dich anstreichen.«

Wenn sie so rasch redet, kommt es ihr gar nicht darauf an, ob sie jedes Wort an seinem richtigen Ort gebraucht; da ist ihr die Hauptsache, daß Geffke Bolten weiß, wie sie es meint.

»Geffke Bolten, merkst du nun, daß der Pott entzwei ist?«

»Tjo, dat mirk ick woll.«

Dann gingen sie wieder eine Weile still hintereinander.

»Und daß du ein ganz nichtsnutziges Rabenaas bist?«

»Tjo, dat ward woll wesen.«

»Siehst du, das sollst du man nich vergessen. Un nu wollen wir mal zusehen, ob sich da noch was bei tun läßt.«

Diesen letzten süßen Zucker hielt sie ihr hin wie der Fuhrmann seinem müden Pferde, der noch vollends den Berg hinauf will. Und Geffke Bolten war das Pferd und sollte ziehen.

Wieldeß hatte das Licht aus meinem Fenster ihnen entgegengeblinkt als ein Leuchtturm einem Schiffer, der den Hafen sucht.

In den Hafen ist Fien Magretjen mit vollen Segeln eingetrieben in dieser Mitternacht.

Seit die neuen Leute in den Hütten sind, ist das gemütliche »du« im Aussterben. Und weil Fien Magretjen in einer so wichtigen Sendung kam, so vergaß sie ganz und gar, daß sie mich vordem im Brauche der Heideleute zeitweise so vertraulich angeredet hatte.

»So, nun setz dich mal dahin,« sagte sie zu der alten Bolten. »Un du setz dich daneben, Aleit!«

Damit deutete sie nach dem Herdrand, und die Frauen suchten ihren Platz als zu einer Gerichtsverhandlung. Während dieser Zeit pustete Magretjen das Licht in der Stallaterne aus.

»Siehst du, da hätten wir dich ja, Bolten! Und weil ich gesagt habe, ich will dich das anstreichen, so wollen wir auch gleich ordentlich anfangen damit. Was ich sagen wollte: verbrenn dich den Rock nich, Bolten; bei dem Manne ist immer ein lüttjer Brand im Feuerloch.«

Dann wandte sie sich zu mir:

»Wir sind da mal eben gleich hereingekommen, weil das Licht so hinübergewinkt hat; da hab ich gedacht, der fremde Herr, das ist der richtige; denn wissen Sie: indem die Bolten ein böses Alf ist, und sie ist imstande und leugnet dem lichten Tag, was sie der finsteren Nacht geschworen hat. Aber jetzt haben wir sie, und jetzt müssen wir ihr den Kopf zertreten, als so schön in den fünf Büchern Mosessen gesagt ist.«

Dabei purrte Fien Magretjen aus der anderen Ecke herüber, in der sie die Lampe wieder an ihren Platz gehängt hatte, und setzte sich mir gegenüber in den Stuhl vor dem Tische.

Toto aber ward ärgerlich und schrie sie an.

»Is ja richtig, mein Alter, es is eine wunderliche Art bei nachtschlafender Zeit hier einzufahren. Aber füg dich; wir haben hier eine, die muß sich auch fügen. Und nun will ich Sie erzählen, wie das gegangen ist.«

Da ließ sie das Rädlein wieder laufen, und ihr fixer Zorn kam über sie – gerade wie auf dem Moorhofe – und half ihr treten, daß es nur so surrte.

So oft Geffke Bolten ihr etwas einwerfen wollte, winkte sie ab und sagte: »Täuw, Geffke, ich bin noch nich fertig!«

Es stieg schon ein scheues Scheinen des Taglichts über der Heide herauf, da wußte ich alles.

Und die Geffke Bolten hatte Fien Magretjen mit den blanken Fäden ihrer Rede so eingestrickt in ein dichtes festes Netz, daß die nicht rücken konnte ...

»Siehst du woll, Bolten, so ist das! Jetzt hab' ich dir und deine Kanalljerie mal ordentlich durchgesiebt, und still mußt du halten! Aber wir sind noch nicht fertig ...«

Geffke Bolten tat einen tiefen Seufzer, und Aleit Holsten wischte sich mit dem Schürzenzipfel das Lachen vom Munde.

»Siehst du, deshalb hab' ich auch die Trina nich mitgenommen; denn es is nich nötig, daß die Deern weiß, was ihre Mutter für ein Teufelsgespinn ist. Und wenn sie es auch ahnt – so genau als ich, weiß sie es doch nicht. Aber nun haben wir noch Lür Bolten vergessen! So will ich denn mal gleich laufen und ihn herzuholen.«

An der Türe kehrte sie um: »Erst noch eins! Wie wird das mit dem Gelde? Ich habe gedacht, Herr, Sie könnten uns mit helfen zu dieser Guttat. Aber, Bolten, wenn wir dich helfen sollten, dich, könntest du warten sieben Jahr als die Königstochter im Märchen. Und wenn du dich die Füße abfrörest in dem klackerigen Winterschnee! Aber Lür Bolten! Der muß ja wieder auf die Beine stehen! So zweihundert Mark hätt' ich selber. Und Sie, Herr, wieviel wollen Sie geben? Ich verbürg mir mit Hahn und Hütt': Lür Bolten is einen Guten und bezahlt Sie bei Heller und Pfennig.«

Hundert Mark wollt' ich herleihen, sagte ich. Es war alles, was in meinem Kasten war.

Sind dreihundert! Und was meinen Sie, ob da wohl der Herr Gregor ... Ich will doch gleich mal frühmorgens zu ihm gehen; fünfzig Mark wird er wohl geben. Er hat's ja. So hätten wir das Geld zusammen, Bolten. Wenn du aber meinst, du kriegst es in deine smierigen Finger, so denkst du daneben. Nein, das kriegt Lür Bolten. Und nun will ich ihn mal fix herzuholen.«

Damit war sie schon hinaus in die Nacht, klopfte drüben bei Lerz an das kleine Schubfenster, hinter dem Lür mit seinem Leide lag, und Geffke Bolten kam inzwischen wieder zu sich und sagte: da würde es wohl hell werden um Lür, wenn solch eine Feuersäule vor seinen Scheiben brennte!

Nicht lange, so flederte die Feuersäule wieder in die Hütte –

»Er will sich mal erst ein bißchen zurechtrichten. Siehst du, Bolten, so eine feine Art ist in ihm von Natur! Von dir hätte er nix nich abkriechen können; denn was in dir ist, das is man bloß so allerhand Pech und Swefel.«

Aufs Einwenden hatte Geffke Bolten in dieser Nacht es nicht abgesehen, sonst wäre sie wohl einmal zu Wort gekommen.

Ich sagte zu alledem gar nichts.

Was blieb mir übrig, als meine heimliche Freude über Fien Magretjens Helligkeit aus meinen Augen zu strahlen?

»Nicht wahr, Herr,« sagte sie, »das kann ich Sie schon äußerlich ansehen, das hab' ich richtig gemacht? So was Auswärtsiges wie Boltens Mutter muß entzweigebrochen werden als ein alter Henkelpott; denn es kocht doch nichts drin, was gut smeckt. Und siehst du, Witwe Bolten, uppstuns haben wir dich heruntergeholt von deinem Teufelsstuhl; du kannst dir nu mal die Welt von achter ansehen. Und wenn dich das kein Pläsier macht, so mußt du denken, es war solch ein Ratschluß Gottes, in dem wir Menschen nich immer recht ein und aus wissen. Aber eins sollst du dich merken: weise ist er. Und wenn du dich mit deinem Menschenverstande da nich in finden willst, so mußt du denken als jener und mußt sprechen: ich übe mich im Entsagen. Entsagen mußt du, und ordentlich, das sag' ich dir! Es ist am besten, wir machen da gleich ein Schriftstück über, nich wahr, Herr? Schneideln Sie mal Ihre Gänsefeder und schreiben Sie. Aber da is zuerst Lür Bolten ...«

Groß und still trat der Mann durch die Türe der Hütte. Er mußte den Nacken ein wenig beugen unter dem Querbalken. Aber er blieb vorn stehen, als er Aleit Holsten und seine Mutter erkannte.

Ich hatte inzwischen einen Bogen Papier auf den Tisch gelegt und die Gansfeder darüber.

»Komm nur immer dreist heran, Lür Bolten,« munterte ihn Magretjen auf; »wir wollen da gleich mal so einen kleinen Kontrakt machen. Also schreiben Sie mal, Herr, und es muß mit hinein, daß wir Geffke Bolten den Giftzahn ausgebrochen haben und daß sie klein beigegeben hat ...«

Nun setzte sich Lür Bolten auf den Stuhl, auf dem Frau Holsten das Feuer ihrer Freude so hell hatte brennen lassen, und ich erzählte ihm, was in dieser Nacht sich zugetragen hatte.

Dabei lasen mir Magretjens Augen die Worte von den Lippen wie eine hungrige Taube die Körner von der Tenne.

Lür Boltens Brust hob sich, und die Kunde flog um ihn wie Morgenwind um die Heide. Es wurden alle Nebel verjagt und wurde klarer Tag.

In dieser Nacht haben wir zu Papier gebracht: Geffke Bolten überläßt das Gut ihrem Sohne; sie zieht aufs Altenteil; und es ist angeführt worden, was ihr als Altenteilerin von rechtswegen zusteht an Nahrungsmitteln und barem Gelde.

Es ist nicht reichlich, aber es ist genug.

Geffke hat ihren Namen daruntergesetzt; denn Fien Magretjen ist in Sorge gewesen: »Sonst besläft sie sich die Sache, un morgen sagt sie, unser ganzes Himp und Hamp ginge sie nix nich an.«

Morgen fahren sie zum Gericht.

Und damit ist Lür Bolten eingesetzt in seine Rechte, und die Ketten sind abgefallen von seiner Kraft.

Die Dämmerung fiel grau und verschlafen durchs Fenster, als sie zum Aufbruch rüsteten.

Da sagte Frau Magret: »Aber nun sind wir noch nich fertig! Das heißt, du kannst mal sehen, daß du nach Hause kommst, Witwe Bolten! Es ist besser; denn wenn dich einer im hellen Morgen anrücken sieht, so meint er, du bist auf slimmen Wegen. Dann sag du mich das mal wieder, und ich will ihm klarmachen, daß du in der Nacht am besten bist, wenn du släfst. Deine Sünden werden alle in der Sonne reif wie die Tollkirschen und Stechäpfel. Und dann sagst du, daß du quittiert hast in dieser Nacht, indem es die höchste Zeit wäre für dich; denn du wärst zu nix nich mehr gut, als zum Unheil stiften. Jawohl, so mußt du sagen! Dann merken die Leute gleich, daß ein neuer Adam aus dich redet. Eine Lampe brauchst du nich mehr; und wenn du vom Weg abkommst und so langsam in die suere Lake rinrollerst, dann is das nich halb so slimm.«

Auch diesen Faden drehte Fien Magretjen wieder so blank aus ihrem lachenden Munde, daß die Witwe Bolten gar keinen anderen Weg sah als den, der sie durch den frühen Tau der Heide hinüberführte nach dem Moorhofe. Wie eine, die stumm geworden ist vor einem Wunder, zog sie in das Grau des erwachenden Tages und sagte: »Wir zwei reden schon noch miteinander, Holsten.«

»Das is gar nich so nötig als du meinst, Bolten; denn du hast eigentlich gar nichts mehr zu reden, du hast bloß noch zu parieren; denn wir müssen nu mal endlich eine richtige Menschlichkeit von dir erhoffen.«

 

Am andern Tage.

Früh um Sonnenaufgang sah ich Fien Magretjen von der anderen Seite nach meiner Hütte kommen. Sie war schon bei Gregor gewesen, er hat ihr die fehlenden fünfzig Mark mit Freuden zugesagt. Es ist keiner, der Frau Holsten vergeblich bitten lassen würde.

Magretjen hatte gleich wieder etwas auf dem Herzen. Und wie sie das Feuer auf dem Herde angeblasen hatte, ist sie damit herausgerückt.

Ich sollte an Lütje Bickhusen einen Brief schreiben. Aber nicht einen in meiner Art, weil der zu fein wäre für den Jahrmarktsbauer, und er könnte ihn am Ende nicht richtig verstehen. Wenn Fien Magretjen mir das diktierte, so würden die Worte zwar nicht so fein gesetzt – es wäre da aber deutlicher.

Wie ich den Kaffee getrunken und Magretjen ihre Arbeit getan hatte, gingen wir ans Schreiben.

Hier ist der Brief:

»Die Witwe Holsten hat diesen Brief aufgesetzt, nicht der Herr, der ihn für mich geschrieben hat. Der kann gar nichts dafür. Lütje Bickhusen, wenn Du noch mal um die Deern gehst wie der Fuchs um das Huhn, soll Dich der Hund beißen! Das mußt Du Dir merken. Die Witwe Bolten hat ausgespielt, und der Bauer ist Lür. Das sag' ich Dir, weil Du wissen mußt: bei Aleit Holsten ist für Dich von Stund' an nichts mehr zu holen. Morgen werden sie aufgehangen als Brautleute in den schwarzen Kasten. Es ist eine Niederträchtigkeit von Dir, daß Du dazwischengekegelt hast, wo Du doch gewußt hast, wie es steht, und daß ich die Deern nich für Dich hergeholt habe. Nun mußt Du denken, sie ist eine bloße Erscheinung gewesen für Dich. Wenn Du aber mit der Witwe Holsten judizieren willst, so sollst Du mal kommen! Ich bin eine, der das Maul wegläuft! Und die Aleit laß man nun in Ruh, das will ich Dir sagen! So'n holperigen Engel brauchen wir nich, und wir haben einen, dem Du nicht wert bist, die Schuhriemen zu lösen, wenn er welche anhätte. Du kannst nach die Stadt gehen und die Pflaster treten; denn zu was anderem bist Du nicht nütze; da wirst Du ja wohl solche Mamselljes finden, die Dir anstehen. Für uns ist solch ein schlenkerbeiniger Bauer zu schlecht als Du einer bist. Womit Dich grüßt

Magret Holsten.«

*

Heute früh ist denn auch Lür Bolten ausgezogen von Lerz. Es ist ein fröhlicher Abschied gewesen, und es ist nicht zu glauben, wie diese eine Nacht den Mann verwandelt hat.

Nicht als ob er mit lachendem Gesichte seines Weges zöge! Aber er geht als einer, der siegen will. Er fürchtet sich nicht mehr vor dem Leide, das ihn drüben aus allen Winkeln anschaut; denn er ist frei und weiß: seine ruhige Kraft ist stärker als die Verblendung, mit der die alte Bolten die Jahre her gewirtschaftet hat.

Die Hochzeit soll noch früher sein als die des Erddüwels mit Trina. Sie wollen den Leuten von Renken zeigen, daß die auf dem Moorhof hinfort keine Statt haben.

*

Es wäre besser für Lür Bolten gewesen, wenn ihm Aleit Holsten freudiger folgte. Einmal hat sie gesagt: Lür wäre kein richtiger Mann; denn er hätte keine Eifersucht auf Lütje Bickhusen.

Dieser windige Mensch hat die Deern, scheint es, in beiden Händen.

Aber Fien Magretjen läßt es sich nicht ausreden, daß Aleit allein zu Lür Bolten paßt und mit ihrer hellen Kraft die Uhr auf dem Moorhofe wieder in Gang setzen könnte.

Was soll man dazu sagen?

Frohe Wünsche haben! Das ist alles.

Ist aber nicht viel.

 

27. Juni.

Das ist der Unterschied zwischen diesem Sommer und dem vorigen Herbst; damals wäre von der Natur viel zu sagen gewesen und von den Menschen wenig; jetzt setzt sich der Mensch zum König über dies Land aus seiner eigenen Macht. Und es ist von den Menschen viel zu sagen und von der Natur wenig.

Die Untüchtigen von einst werden zermahlen von den harten Steinen der Mühle, die in dem goldenen Winde des neuen Morgens ihre Flügel schwingt. Und sie laufen als Schatten durch diese Welt und sind nur noch da, dem neuen Geschlechte seine Freude an sich selbst mehren zu helfen.

 

28. Juni.

Heute sind die schwarzweißen Kühe zum erstenmal auf den Weiden!

Die Weiden sind Gemeingut von Lerz, Lück, den Neuen aus dem Reiche und einigen älteren Ansiedlern; denn diese haben das Land kultiviert, indem sie die Fläche mit mancherlei Sorten Erde befuhren, die Heide rodeten und das gewonnene Land ansäeten.

Wer außer jenen seine Kühe auf diese Weiden treiben will, muß eine Abgabe zahlen – so kommen die Steuern von selbst.

Ehe ein Jahr vergangen ist, wird Hüttendorf eine politische Gemeinde sein; die Gemeinde wird die Weiden kaufen und wird ein Verdienst haben an den Weidegeldern.

Der erste Schnitt der Wiesen ist vorüber; das Gras ist gut, aber der Umfang der Wiesen ist noch zu gering, als daß man auf eine starke Vermehrung des Viehbestands bedacht sein könnte.

Bis zur Ernte der Halmfrucht machen die Leute Torf für den Winter, oder sie sorgen für Verbesserung und Verbreiterung der Straße, die nach dem Bedürfnisse von selbst sich angelegt hat.

Sie ist aber eben im Urzustande; die Wagen sinken oft bis an die Naben in den Sand.

Die Straße wird seitlich mit Birken bepflanzt, die in diesem Grunde einen starken Wuchs zeigen und zu großer Schönheit gelangen.

Es ist ein trockener Sommer. Die Leute haben Stauvorrichtungen auch in den kleinsten Gräben angebracht und berieseln nun mit dem Stauwasser die bemähten Wiesen für einen reichen zweiten Schnitt.

 

30. Juni.

Die Zinsen für den Gläubiger des Moorhofs sind in den Händen Lür Boltens.

Morgen bezieht die alte Bolten ihr Altenteilerstübchen.

Fien Magretjen ist die meiste Zeit des Tages drüben im Hof; denn sie sagt: »Es ist da noch viel zu reparieren – nicht an den Feldern und Gebäuden – das ist die Sorge Lür Boltens; aber an Geffke; die is versmutzt als eine alte Wanduhr, innerlich und äußerlich; es haben die Fliegen an ihr gesessen, und es ist eklig, das alte Kaff ein büschen in richtigen Gang zu kriegen, daß man sich mit ihr nicht schämen muß.«

*

Junge Bäume, die der Gärtner im Frühlinge gepflanzt hat, zeigen nicht immer gleich den richtigen Trieb. Aber der Gärtner haut sie doch nicht ab, solange noch Leben in ihnen ist, sondern wartet auf Mittsommer; da kommt nicht selten das späte Wachstum.

Solch ein Bäumlein ist des Lehrers angenommene Katreen gewesen. Sie hat die englische Krankheit verloren; Liebe, Sonne und Pflege haben das Kind zu einem fröhlichen kleinen Menschen gewandelt mit lustigen Augen, Trippelbeinchen und einem eifrigen Munde.

Hinnerk nennt sein Schwesterlein und Spielgenoß »Lehrers Katreen«, und sie erzählt von ihm als von dem Gregorius.

Manchmal darf der Gregorius ein halbes Stündlein mit in der Schule sitzen und Mäuse mit Ringelschwänzen und dreieckigen Köpfen malen; auch Tannen und Kreuzottern.

*

Nun ist Maria Lerz wieder Freude – nicht von so strahlendem Lichte wie Renate; aber sie durchsonnt die Menschen um sie her wie ein Maitag.

Per Segelken ist an jedem Tage mit ihr zusammen; aber auch mit Renaten.

Das kommt aus der Lage der Schulstube in Gregors Haus und aus der seiner Wohnung bei Friech Lerz.

Die Abende verbringen die drei gemeinsam; und es ist ein froher Anblick, wenn diese drei jungen blühenden Menschen langsam durch das goldene Feuer schreiten, das noch lange über der Heide brennt, wenn die Sonne schon untergegangen ist.

Der Lehrer öffnet den Mädchen die Tore zu allem Wissen, zu dem er sie führen kann, und ist nicht nur ein Arzt der Seelen und Geister all dieser Heideleute, sondern auch ihrer leiblichen Nöte.

Es ist nicht zu begreifen, daß die simple Lehre der Homöopathie noch immer nicht allgemein erkannt ist als eine Wohltat – für jene vor allem, die das Leben vor die Türen der Menschheit geführt hat: hinaus in die Heide, in die Moore, in die Gebirge, in die hohen Wälder. Von allen diesen Wohnstätten ist der Arzt weit weg, und die Hausmittel der Leute sind in den meisten Fällen aus der Spekulation anderer Einsamer auf mühelosen Verdienst hervorgegangen. Nicht aus der Erfahrung ihrer Heilkraft.

Und doch liegt es in der Sinnierernatur aller Weltfernen, über das geheimnisvolle Uhrwerk nachzudenken, das sie in Gang hält.

Per Segelken hat dies erkannt. Er sagt seinen beiden großen Schülerinnen, daß aus dem blauen giftigen Eisenhut ihrer Gärten das segensreiche Fiebermittel Akonit gewonnen wird, aus der Kamille Chamomilla; daß Tollkirsche und Nachtschatten ihre Säfte herleihen zu Heilmitteln. So weist er ihnen, wie die Giftkräuter ein Segen der Menschheit werden – sogar das schädliche Mutterkorn in den Ähren des Roggens – und schließt ihnen die Natur auf, die ihre Väter als ein Buch mit sieben Siegeln betrachteten. Und standen doch mitten darin.

Es ist richtig: Gregor hat für sich selbst diese Siegel entfernt. Aber das Kind Renate war niemals um ihn; und Gregor ist ein Schweiger und schlechter Lehrer.

Per Segelken ist ferne davon, sich als Wunderdoktor aufzutun; aber er kennt die Lebensgemeinschaften seiner Gemeinde gründlich und hat vielen durch die billigen wirkenden Mittel der Homöopathie Linderung oder Genesung gebracht.

Er ist der Mittelpunkt der Gemeinde geworden. Sie bringen freudig die Opfer, die die Schule fordert, und die sind nicht gering.

Die Leute glauben unbedingt an ihn.

Aber sie fordern auch seine Teilnahme in allen Dingen, die sie angehen.

Daran läßt er es nicht fehlen.

*

Es wird eine Eingabe gemacht um staatliche Beihilfe zum Bau eines Schulhauses; denn es ist festgestellt worden, daß die Zahl der Kinder ständig wächst.

Es sind im Laufe des Sommers wieder neue Familien gekommen, fast alle aus Thüringen und frühere Bekannte der Leute um Lerz.

Das Gehalt des Lehrers hat die Gemeinde aus freien Stücken aufgebessert – ein unerhörter Fall, der beide Teile ehrt.

Sie wollen sich nicht der Gefahr aussetzen, Per Segelken eines Tages ziehen zu sehen.

 

7. Juli.

Renate Gregor ist von einer Kreuzotter gebissen worden!

Die Heideleute sind durch ihre schweren Holzschuhe geschützt, und daher erklärt es sich, daß sie die Ottern für ungefährlicher hielten, als sie sind.

Niemand weiß sich eines derartigen Falles zu erinnern, trotz der Häufigkeit dieser Schlangen.

Die Ringelnatter, die doch in den Düngerhaufen der Bauern so häufig ihre Wohnung aufschlägt und die sie aus einem alten Aberglauben heraus ganz gerne sehen, ist lange nicht so häufig, als ihre giftige Schwester.

Renate hatte wieder einen jener Tage von früher, an denen sie ganz ihren Stimmungen sich hingibt. Sie weint dann über sich und die Welt.

Solche Tage sind jetzt selten bei ihr; vielleicht ist es der erste seit der Zeit, die sie so reichlich mit Pflichten versorgt hat.

Es weiß aber kaum einer davon, weswegen dies alles gekommen!

Maria Lerz ist die Ursache gewesen.

Per Segelken hat wieder einmal Marias Lob gesungen – wie sie der Segen des Hauses ist! Wie sie der kleinen Katreen Glück und Per Segelkens Freude ist ...

In stillem Ernste hat Renate das vernommen. Aber weil jedes Wort des Lehrers in die Herzen der beiden Mädchen fällt als ein Morgentau in den Kelch einer Blüte, die ihn bewahrt und an dem sie sich erfrischt, so ist Renate unter der Wirkung seiner Worte über die Heide gegangen.

Per Segelken hat ihr von seinem Fenster aus nachgeschaut, wie sie so sinnend dahingeschritten ist, und er hat in der flirrenden Luft des Sommermittags, als noch die Stunde der Arbeitsrast nicht vorüber war, mit einem Male ihre heftigen Bewegungen gesehen.

Es konnte ein Bienenstich sein; denn jener Heidestrich ist voller Blumen. Und die köstlichen Glöcklein der Andromeda läuten schon, auch die Erika beginnt heimlich zu blühen – viel früher als in anderen Jahren – der Frühling ist vier Wochen früher gekommen diesmal.

Eine bange Ahnung trieb Per Segelken aus dem Hause, hinüber zu Renaten.

Da fand er sie zitternd und todbleich. Und die Otter erschlagen im Sande.

Das Mädchen saß im Heideried und war dabei, den schwarzen Strumpf mit wehenden Händen vom Beine zu ziehen.

Sie war in den roten Lederpantoffeln gegangen! Und schleierdünne Strümpfe an! Denn die Glut dieses Mittsommers flimmert über dem Lande.

Dicht über ihrem Knöchel hing ein Tropfen Blut.

Der Lehrer hat sich in den Sand gekniet, die Wunde ausgesogen, hat einen Schnitt mit seinem Messer getan und sie stark zum Bluten gebracht. Unterbunden hat er den Fuß über der Stelle des Bisses und hat Renaten auf seinen Armen in das Haus ihres Vaters getragen.

 

Abends.

Es ist alle Gefahr vorüber. Eine geringe Geschwulst des Beines ist eingetreten am Nachmittag, ist aber nicht über das Knie hinaufgegangen. Jetzt hat sie sich verloren, und Renate arbeitet schon wieder im Hause.

Renatens Dankbarkeit und Liebe zu diesem Manne ist grenzenlos – nicht erst seit heute. Aber heute ist es ganz offenbar geworden.

*

Es ist gut, daß der Lehrer selbst seine »Schulweisheit« auf das Leben anwenden konnte. Und daß er es gerade war, der bei dem ersten Falle dieser Art zum Helfer wurde!

So konnte er allen auch darin wieder ein Vorbild sein.

Sein Ruhm strahlt zum Segen seines Amtes und der ganzen Gemeinde in immer hellerem Lichte.

*

Renate Gregor hat eine unsächliche Abneigung gegen Schlangen. Sie hat die Otter im Sande liegen sehen, dicht vor ihrem leichten Pantoffel, und hat eine Zeitlang wie gebannt auf sie hingeschaut. Dann hat die Schlange langsam den Kopf gehoben, aber Renate hat doch nicht fliehen können. In der Erinnerung an das Gebot Segelkens, Kreuzottern zu töten, wo man sie findet, ist sie – eher fassungslos als mutig – mit beiden Füßen auf das Gewürm gesprungen ... mit beiden Füßen!

So hat sie die Wirkung des Sprunges nicht berechnen können, und die Schlange hat gebissen. Auf der Innenseite über dem rechten Fuß. Mit dem linken hat Renate sie ertreten ...

Erst nachdem die Gefahr vorüber gewesen, ist sie zur Klarheit darüber gelangt wie alles gekommen.

Und weil ihr Herz immer schon zittert, wenn von Schlangen geredet wird, so blüht es nun für Per Segelken in dreifachem Glück.

*

Sie sprechen hier kaum von etwas anderem als von der Gefahr, in der Renate Gregor geschwebt hat; und von Per Segelkens Tat.

Wie immer in solchen Fällen, machen sie die Gefahr heftiger und sehen die Tat des Lehrers durch ein Vergrößerungsglas.

Schädlich ist keins von beiden.

Es ist auch Leben in unsere Jungen gekommen: mit Knüppeln bewaffnet ziehen sie aus, ordentlich beholzschuht an den Füßen, und erschlagen Kreuzottern.

Gestern haben sieben Knaben dreiundzwanzig erbeutet. Selbst die Kleinen wollen mit, und die Mädchen – das hat der Lehrer verboten. Und mit den Schlangentötern ist er selber gegangen.

*

Fien Magretjen hat heute mit Maria Lerz über Renatens Unglück geredet.

Magretjen hat mir das Gespräch mit großer Lebhaftigkeit berichtet und hat gemeint: es hätte ihr geschienen, als hätte Maria lieber gesehen, das mit der Otter wäre ihr geschehen; denn dann hätte der Lehrer sie auf seinen Armen nach Hause getragen ...

Fast töricht sind solche Gedanken.

Aber Fien Magretjen hat scharfe Augen, und wie die Dinge nun einmal liegen ...

Kaum hat Magretjen die eine Sache auf dem richtigen Geleise, so möchte sie bei der andern auch schon wieder helfen! Und doch ist es nur ihre tüchtige Art, die stets Umschau hält, daß sie Segen bringe.

»Frau Holsten,« hab' ich zu ihr gesagt, »da lassen Sie mal ihre Finger davon! Bei Lür Bolten war das etwas anderes; und mit dem sind Sie noch nicht fertig!«

»Noch lange nich,« hat sie geantwortet; »denn dat is een vertrackten Fall, un de geiht irst an!«

Ihre Hände und ihr Herz werden zu tun haben genug.

*

Nein, fertig ist sie noch lange nicht! Denn Fien Magretjen hat mit Lütje Bickhusen und Aleit Holsten ihre liebe Not, ehe sie drüben auf dem Hofe richtig anfassen kann.

Heute morgen ist sie schon mit der Sonne dagewesen, »denn die Tage sind sonst zu kurz für mich,« hat sie gesagt, »und Sie dürfen mich das nich für übel halten, Herr! Ich habe die ganze Nacht förfötsch haushalten müssen, aber nich als eine, die Hochzeit richtet; denn das machen sie ja drüben auf dem Hofe – sondern als so ein wilder Drache, der einen Schatz bewacht. Ich habe ihn aber ordentlich angespuckt, diesen Hoppinsgras!«

»Über wen reden Sie sich denn so ins Feuer in aller Frühe, Holsten?«

»Ins Feuer woll nich; denn ich bin schon wieder ein gut Stück davon,« lachte sie. »Sehen Sie, man kann der Deern doch nich immer am Kittelband hängen, und so bin ich gestern abend wahrhaftig eingeslafen. Sie ist noch ein büschen hinaus gewesen. Wenn die Uhr Mitternacht slägt, denn wach ich immer auf; das ist ein besonderes Kennzeichen von mir. So auch gestern. Und da hör ich draußen im hellen Mondlicht reden. Mußt doch mal ein büschen horchen, denk ich, denk aber gar nich dran, daß die Deern noch nicht in ihrem Bette liegen könnte ... Zuerst hab ich mich gewundert, daß ich noch den Rock anhatte und die Haube auf den Haaren ... Auf einmal, ich bin so nahe zu's Fenster gegangen, und es is einen taghellen Mondenschein gewesen in der Welt – auf einmal seh ich draußen – wen meinen Sie woll? – Den leibhaftigen Jahrmarktsbauer und die Deern.

»Herr, ich hab da im Winkel so'n alten Machandelstock stehen, von dem ich die Nadeln zu's Räuchern gebraucht habe, wenn einmal slechte Luft ist – den Machandelstock hab ich mir mitgenommen. Nich zum Hauen – wie sollt' ich? Aber daß sie doch gleich einen richtigen Vorgesmack kriegten ...

»Lütje Bickhusen – hab ich ihn freundlich eingeladen – komm du doch mal eben ein büschen 'rin, sonst fällt dich der kalte Tau auf die Jacke, un es ist unheimlich so in der Nacht zu stehen ...«

Wenn Fien Magretjen sagt »unheimlich«, so meint sie damit immer »schädlich«.

»Erst hat er gesagt: es wär' ganz schön, und ich sollte seinetwegen bloß keine Umstände machen.

»Aber da is er bei mich slecht gefahren; denn ich habe ja wohl gemerkt, daß er mich zu seinem Spotte macht. Und daß der Pott voll wurde, hat er gemeint: er wäre bloß gekommen, Abschied zu nehmen von der Deern, indem ich ihr Glück zertreten hätte. Dabei hat er so fein gesprochen als ein Pastohr.

»Nu, denn können wir ja den Abschied ein büschen in die Länge ziehen; und vielleicht hat er auch gedacht, daß ich an die Deern komme, weil ich den Machandelstock ins Feuer so'n büschen geswungen habe – er ist also 'reingekommen, ich weiß nicht, ob in ein richtiges Vorgefühl, was ihm nu passieren sollte.

»Lütje Bickhusen, hab' ich zu ihm gesagt, du hast ein eichenes Brett vorm Kopf, denn sonst hättest du meinen Brief verstanden. Nu muß ich aber deutsch reden mit dich ...

»Ich will Sie das nich alles erzählen, Herr, denn ich habe die Erkenntnis, ich bin zu ihm nich immer gewesen, wie es die Mode will. Aber meinen Sie nich auch: ›Was en Swien is, möt as en Swien freten?‹ Und ich habe ihm da 'n ordentlichen Trog vollgemacht und hab immer mit das Machandelholz dazu auf den Tisch geslagen, wissen Sie, wie auf die große Trommel bei's Militär, und habe ihm den Marsch getrommelt. Und wenn er nach Luft gesnappt hat, so hab ich immer stärker getrommelt, und die Deern hat dazwischen geschrien – es is eine richtige Nachtmusik gewesen. Aber es hat geholfen als ein Radikolmittel. Nun er das eingenommen hat, muß er genug haben! Zuletzt hat er gesagt – er hat das wieder so fein gesprochen als war' er einen recht neumodischen Minschen: ›Ich dank dich auch schön, Witwe Holsten,‹ hat er gesagt, ›daß du dich hast in dieser Nacht von achter besehen lassen! Und da muß ich sagen, Trina Renken und die alte Bolten sehen, von dieser Seite betrachtet, neben dich aus als die beiden Erzengel. Und es is bloß eine gemeine Abgunst von dich, die du gegen mich hast und weißt nich mal, warum! Du brauchst gar nicht so zu trommeln!‹ hat er gesagt, ›ich geh schon von selber.‹ Dann hat er der Deern die Hand gegeben und gesagt: ›Wenn dich's mal stecht geht bei der alten Holsten, denn weißt du ja, wo ich zu finden bin ...‹

»Nee, so'n niederträchtigen Kerl, Herr! Wenn's ihr mal slecht geht, so geht's ihr doch hundertmal besser als bei dir, du ... du!

»Ich will Sie nich sagen, was ich ihm hab für Ordens un Ehrenzeichen angehängt, aber das kann ich Sie sagen: die Otter hab ich fest bei dem Kopp gekriegt und hab' alles aus meinem Herzen 'rausgesmissen nach ihm, so als sich die Jungens im Winter mal verhageln mit Sneebällen. Eine richtige Slacht hab ich geslagen um Mitternacht wie eine Kriegsfurie.

»Da hat er gemerkt, daß seine guten Zeiten von ihm gegangen sind, und er ist fortgezogen als der Storch im Herbst.

»Weil ich nun einmal bei's Auskehren gewesen bin, hab ich noch ein Weilchen mit der Deern geredet. Solch ein Abschiednehmen kennen wir ja woll ... Denken Sie nicht, daß ich auch mal jung gewesen bin? Und eine feine Deern bin ich gewesen! Ich weiß, die Blumen blühen am schönsten im Frühjahr, und da soll man sie auch pflücken. Ich hätte mir beide Augen zugehalten und hätte nix nich sehen mögen, wenn Bickhusen nich so eine miserablichte Sorte wäre. Denken Sie etwa, ich hätte mich auf Lür Bolten versessen? Aber so eine Jugend hat keinen Verstand in sich und rohrt denn als der Himmel beim Wolkenbruch, wenn ihr die Vernunft soll in Richtigkeit gebracht werden. Wie ich Braut gewesen bin, bin ich des Abends immer mit Singen und Pfeifen zu Bette gegangen, und – indem ich Magd war bei Bauer Burhop'n in Pennigbüttel – so hab ich am Tag den Mist gestreut auf seinen Acker, daß der hat ausgesehen als eine samtene Decke. Aber die Deern kann mit ihr Glück un Seligkeit gar nich recht zuwege kommen.

»Nu is dat ja woll wie bei 'nem Füllen, das zum ersten Male vörspannt is – darfst nich zu viel aufladen und nich mit die Peitsche um die Ohren fuchteln! Darum faß ich auch sachte zu bei der Deern.

»Un heut morgen will ich auch gleich mal zu Lür Bolten laufen und ihm sagen: ›Lür Bolten,‹ will ich sagen, ›du bist nu mit ihr aufgehangen, nun mußt du auch die Fahne 'rausstecken zu's Bodenloch und mußt nich im Sumpf stehen als einen verdrossenen Fischreiher! Denn so ein Mädchen will einen Lebendigen, weißt du! Und daß sie sich den Smak an dich ein büschen verdorben hat, das mußt du ihr nich for übel halten?‹

»Ja, das will ich ihm sagen, und will ihn mal en büschen aufbügeln, daß wieder en Sonntagsmenschen aus ihm wird. Bis jetzt hat er immer ausgesehen als die teuere Zeit – Kunststück, wenn ihm die Schwiegersöhne – ich müßt sagen: Swiensöhne – seine Buttermilch mit der Mistgabel essen!«

 

20. Juli.

Die Pilze beginnen zu wachsen in den Mooren und in der Heide: Pfifferlinge, Steinpilze, Rotköpfe und Birkenpilze.

Die Leute lassen sie stehen.

Es ist viel Armut in diesem Winkel Deutschlands, aber sie ist nicht stark genug, die Menschen zu diesem Nahrungsmittel hinzuführen, das ihnen die wilde Scholle aus vollen Händen reicht.

Der Lehrer hält deshalb die Schule jetzt oft draußen unter dem blauen Heidehimmel, lehrt die Kinder die Pilze kennen, schneiden, zurichten, braten und essen; denn ehe sie nicht Geschmack an einer Sache gefunden haben, geht sie ihnen nicht ein. Der Weg durch den Mund, »durch das rote Gäßchen«, ist der kürzeste und sicherste.

Gestern sah ich auf Friechs Flett, daß die Mädchen die Schwämme putzten. Die Jungen schnitten sie.

So hat auch Maria ihr Teil zu tun um die Kinder – das wird sie noch froher machen.

Ich habe sie so lange nicht mehr lachen sehen.

 

30. Juli.

Es ist alles vorüber –: die Tage der hastigen Vorbereitungen für die beiden Hochzeiten hatten Flügel wie die Sturmvögel und schossen dahin als trügen sie den Morgenwind unter den Schwingen.

Wie es bei den Hochzeiten ausgesehen hat? Wer könnte in anderer Zeit davon wissen wollen? Es sind keine mit alten Bräuchen gewesen, und auch keine mit alter Freude.

Die Paare waren die seltsamsten, die je sich vereinigt haben. Nicht äußerlich. Es mag daher kommen, daß man diese Leute kennt bis auf jede Regung in ihren Herzen.

Es war sehr komisch anzusehen, wie der Wagen mit Lür Boltens beiden Braunen am Morgen nach dem Hochzeitstage des Erddüwels über die Heide mahlte und vor dem Wiedehopfneste der sueren Lake hielt: Trina Renken, die jüngere, und der Erddüwel im Bräutigamsstaate stiegen heraus und zogen ein an der Stätte ihres künftigen Wirkens!

Lür Bolten saß auf dem Bocke und hat den neuen Schwager gefahren. Er hat seiner Schwester auch diese Ehre noch angetan und hätte sie gefahren, wenngleich der Regen nicht in Strömen durch den nebelgrauen Morgen gerauscht wäre.

Weil nun eine junge Trina Renken in der Hütte ist, so scheint's, als wäre ein stillschweigendes Übereinkommen von den Menschen getroffen worden: der Name suere Lake für die dicke Trina ist ständig geworden.

Die war die wichtigste Person an beiden Hochzeiten – wenigstens nach ihrer Meinung. Sie sah aus wie der aufgehende Vollmond – jener, der so dunkelrot und kürbisrund aus den Dämpfen des Horizontes heraufschwimmt. Und sah aus, als heiratete sie selber.

Zu dem Ehrentage Aleit Holstens ist sie ungeladen erschienen, im gleichen Aufzuge, wie am Sonntage danach – sie betrachtete die erste Hochzeit als Hauptprobe.

Daß sie Haar und Brust mit weißen Sternblumen geschmückt hatte, war einfach, wenngleich nicht recht deutsam in diesem Falle.

Bei der ersten Feier war's still – fast zu still für einen Tag, an dem sich zweie zusammengeben fürs Leben. Es wuchs da zu wenig Hoffnung zwischen den Menschen; und es war ein Gast unter ihnen, der saß neben Lür Bolten mit weiten Augen und einem verhärmten Munde. Dieser Gast hat nicht ein einzigmal gelacht während der ganzen Zeit und saß so dicht neben dem Bauer, daß ihn dieser nicht eine Minute vergessen konnte.

Lür Bolten ist aber dennoch ein anderer geworden.

Er sinnt nicht immer, sondern er redet auch manchmal, wiewohl er sich nicht leicht in die neue Rolle des Fahnenträgers finden kann, zu dem ihn Fien Magretjen ausersehen hat.

Ich will über diese Hochzeiten aber auch deshalb nichts schreiben, weil es Tage sind, in denen die Menschen Feierkleider tragen. Sie sind dann nicht sie selber. Erst wenn die Werkelzeit wieder in ihre Rechte eingesetzt ist, werden sie ihr richtiges Gesicht zeigen.

Dann ist die Stunde, von ihnen zu reden.

Bei der Hochzeit des Erddüwels ist es sehr laut hergegangen. Sie haben getanzt, daß die Diele gedröhnt hat. Erst im Lichte des Morgens brachte der Wagen das neue Paar über die Heide.

In der Hütte der sueren Lake ist keine weitere Veränderung eingetreten. Nur daß die jungen Leute das Bett der dicken Trina überkommen haben; und die suere Lake schläft nun gleich rechts neben der Türe in dem schmaleren Bette des Erddüwels. Die Bäume, die Trina Renken in den Sot gepflanzt hatte, sind schon wieder verräuchert.

Links von der Türe stehen die Ziegen, darüber hausen die Hühner.

Alles wie einst.

Auch die trägen, unfreudigen Tage.

Die Hütte hat ja nur einen Raum.

*

Die Schule hätte auch geschlossen werden müssen, wenn nicht in diese Zeit die Sommerferien fielen. Ein Gespenst geht durch die Hütten auf der Heide und fällt die Kinder an: das Scharlach. Sie liegen fast alle krank darnieder.

Eingeschleppt ist es worden durch eine neuzugewanderte Familie, deren jüngstes Kind auf der Reise davon befallen wurde.

In Decken gehüllt haben sie das Kleine am Tage ihrer Ankunft unter freiem Himmel gebettet. Es fieberte stark, und die Leute haben ihr neues Haus bezogen, nur um das Kranke unter Dach zu bringen. Das Dach ist noch gar nicht fertig aufgedeckt.

Das Haus ist dem Gregors am nächsten, die Felder grenzen aneinander.

Nun liegen alle drei Kinder an der heimtückischen Seuche darnieder, und die Eltern warten noch auf ihren Hausrat. Der Vater ist unterwegs Vieh zu kaufen und Ackergeräte. Die Mutter möchte hundert Hände haben, das Haus vollends zu bereiten.

Weil Friech Lerz heute eine neue Magd an Stelle Aleit Holstens bekommen hat, so ist Maria wieder freier geworden – es liegt so viel auf diesen jungen Schultern, und es ist eine so ernste Besinnlichkeit in Marias Wesen, daß ich fürchte: wenn da nicht bald eine Änderung der Dinge eintritt, wird es mit dem Mädchen ähnlich gehen wie mit Lür Bolten.

*

Die Epidemie hat auch einige der Dienenden ergriffen. Es ist große Not in den Hütten und ist, als ob das Schicksal scheel auf dies freudige Wachstum sähe.

Renate Gregor ist mit Hinnerk dem Gregorius und seiner Schwester schon vor zwei Wochen in ihre Heimat gereist, um dort mit den Kindern zu warten, bis die Tage über der Heide wieder blühen.

Maria ist zu der neuen Familie gegangen, in der die drei Kinder am heftigsten von der Seuche geschüttelt werden.

Heute hieß es, das älteste, ein Mädchen von zwölf Jahren, sei gestorben.

Als der Lehrer auf diese Nachricht in das Haus eilte, fand er das Kind noch am Leben. Das Fieber rast mit großer Heftigkeit durch diesen jungen Leib; das Kind singt in seiner Krankheit und hat Erscheinungen. Die Eltern sind heute beide nach Bremen gefahren mit dem Geschirr, um ihren Hausrat zu holen. Sie können erst im Morgengrauen wieder zurück sein. Es waltet ein trauriges Geschick über diesen Menschen. Maria Lerz ist ihnen eine Helferin in ihrer großen Not.

 

Gegen Mitternacht.

Um zehn Uhr ist Per Segelken einen Sprung zu mir in die Hütte gekommen; er ist fast die ganze letzte Nacht unterwegs gewesen, um den Eltern seiner erkrankten Schulkinder Rat, Trost und Hilfe zu bringen. Nun hat er gegen Abend den Zustand des zwölfjährigen Mädchens erkannt, bei dem Maria Lerz in Abwesenheit der Eltern Wache hält. Die Mutter wäre nicht unterwegs, wenn sie die Gefahr geahnt hätte, in der das Kind schwebt. Es ist heute der neunte Tag, und noch in dieser Nacht muß es sich entscheiden, ob das Zünglein der Wage nach dem Leben oder nach dem Tode schlägt.

Per Segelken ist voller Bewunderung für die Ruhe und Umsicht, mit der die junge Maria auf ihrem schweren Posten steht.

Er hat mich gebeten, an das Fenster seines Schlafzimmers zu klopfen, sobald Maria drüben in dem Heidehause das Licht auf das Fensterbrett stellt. Das soll dem Lehrer sagen, daß sie nach ihm rufe.

Ich selbst habe immer sehr wenig Schlaf; dieser Wohltäter der Jugend scheint es mit dem Alter nicht mehr so genau zu nehmen; denn er weiß: die Zeit der ewigen Ruhe ist nahe, die dann für eine Handvoll durchwachter Nächte entschädigt.

In dieser Nacht ist ein wundervolles Mondlicht in der Welt, das die Heide zu einem klingenden Märchen macht.

Sonst um diese Zeit waren alle Menschen schlafen, und nur mein einsames Licht brannte. Heute sind in dem blauen Leuchten, das seinen Glanz über die Weiten taut, die roten Tupfen der erhellten Fenster an den Krankenstuben. Sie sind hingetupft in diese Landschaft wie Tropfen Bluts.

Ich lese Adalbert Stifters »Heidedorf« und schaue manchmal hinüber nach dem Fenster, ob ich Marias Ruf der Not nach Per Segelken vernehme.

Ich gebe die ganze Literatur der letzten dreißig Jahre des neunzehnten Jahrhunderts hin, um diese schlichte, köstliche Erzählung Stifters.

*

Meine alte Standuhr, die ein Erbe meiner Vorweserin ist, hatte die Mitternacht geschlagen, da erschien an dem Fenster, hinter dem Maria Lerz wacht, die Lampe.

Es scheint eine Totenwacht zu werden.

Ich bin durch das ruhevolle Leuchten der Heide geschritten und habe den Lehrer gerufen.

Er ist hinüber zu Maria.

Ich will gegen Morgen auch nachschauen.

Der Tod hat an diese Wege über die Heide sich gewöhnt, die er so lange vergessen hatte, ehe ich kam. »Es ist so, als hättet Ihr ihn hereingeführt,« hat Gregor der Weise einmal zu mir gesagt. Nein, ich bin ihm nachgegangen; denn er saß schon bei Beda Wenken am Bett, als ich zum erstenmal in die Hütte trat, die nun mein ist.

»Ich denke, ich habe dabei geholfen, dem Leben die Wege in die Winkel zu weisen,« hab' ich zu Gregor gesagt.

 

In der Morgenfrühe des 31. Juli.

Das ist ein köstlicher Sommermorgen, voller Tauglanz und Sonnenglück!

Es ist mir, als müsse er mächtig genug sein, alle Türen zu diesen Krankenstuben zu öffnen und mit der Sieghaftigkeit seines Leuchtens hindurchzurufen: »Stehet auf und wandelt!«

Ich habe die größte Freude meines Lebens gehabt, als die ersten Strahlen dieses Morgens die Erde trafen.

Weil ich den Lehrer gebeten hatte, daß er mir Kunde brächte von dem Stande der Dinge drüben, sobald die Not am größten sei, habe ich doch einige Stunden geschlafen. Ein tiefer beglückender Schlaf, als wäre er geweiht gewesen durch meines Dichters über die Maßen herrliches Werk.

Als ich erwachte, waren die Lichter ausgetan in den Heidehäusern, und der Mond hing als eine matte Scheibe am Himmel: er hatte all seinen Glanz der Erde gegeben in dieser lichtseligen Nacht. Es hing an Kräutern und Halmen hell und blank und so schön, daß man sich scheute, mit den Schuhen daran zu streifen.

In dem neuen Hause traf ich das Glück: Per Segelken und Maria Lerz haben sich über das todkranke Kind hinweg die Hände gereicht zu dem Versprechen fürs' Leben.

O du liebe glückliche Jugend!

O du wunderliches gedankenvolles Schicksal!

Sie hatten mich kommen sehen und traten Hand in Hand in die Türe des Hauses, und die ersten Strahlen der Morgensonne rannen über ihre heilige Freude.

So bin ich der erste gewesen, der ihnen die Hände geschüttelt hat! Wenn doch meine Wünsche an diesen beiden sich erfüllen möchten.

Das ist etwas! in gemeinsamer Sorge und Treue um fremde Menschen sich finden; in gemeinsamer heißatmender Not zusammenzustehen und diese Not zu lindern; in junger frohgemuter Kraft den Tod kommen zu sehen und ihm den Schritt zu wehren, wenn er in seiner blöden Kraft den knochigen Fuß auf eine junge Menschenblume setzen will – das ist etwas!

Und wir sprachen zuerst vom Tode – ich und diese seligen Menschen!

Es ist falsch, wenn die Künstler für ihn einen anderen bildlichen Ausdruck finden wollen als den des harten Knochenmannes mit Stundenglas und Hippe. Dies Bild ist durch die Jahrhunderte geworden und trifft am sichersten. Was man mit einer sanften weiblichen Gestalt anfangen will, der man Mohn durch das Haar geschlungen hat, verstehe ich nicht. Mit solchen Erfindungen beweist die Kunst unserer Zeit am deutlichsten, wie weit sie sich entfernt hat von dem schlichten Empfinden der natürlichen deutschen Art. Solange es noch heißt: »Kunst ist die Darstellung eines Stückes Wirklichkeit, gesehen durch eine Individualität« – so lange werden wir nach dem jeweiligen Geschmacke schaffen, der so wandelbar ist wie die Mode. Und wir werden nicht imstande sein, Werte von Dauer zu münzen. Es ist eine Narrheit, den Grundsatz von der »Darstellung der Wirklichkeit« weiterreden zu helfen! Aber es geschieht dennoch, ohne ihn lange zu prüfen.

Wenn mich einer fragt: was Kunst ist, wenn nicht jenes? so will ich ihm antworten: Kunst ist die Darstellung des Ewigen in der Wirklichkeit.

Oder meint ihr, wir stünden heute erschauernd in Schönheit vor der Kunst der Griechen, wenn diese der Wirklichkeit in der Vergänglichkeit ihrer Tage zum Ausdrucke geholfen hätten?

Das Ewige zu sehen, sind die Augen der Unberufenen zu schwach. Und wenn nur die schaffen würden, die dies Ewige schauen, so wäre die Kunst vom Dilettantismus erlöst; und dieser würde in seine Grenzen zurückgewiesen werden: als ein Hausmittel zu dienen gegen die Langeweile.

Ein neuer Morgen bräch an für die Menschheit.

*

Als Per Segelken in die Krankenstube trat, schliefen die zwei jüngsten Kinder. Das dritte lag halbaufgerichtet in Marias Arm, hatte die Augen weit offen und sah mit den heißglänzenden Sternen hinein in die andere Welt. Der Mund redete Fieberdinge. Die heißen Hände griffen in die Luft, als wollten sie mit den Engeln spielen. Und die versengten Lippen schlürften gierig den kühlen Trank, den ihnen Marias Hand bot.

Sie trägt die Scheitel jetzt in sanften Bogen tief in die Stirne, weil sie Segelken so einmal sehr gefallen hat, und sie sieht aus wie eine der Frauen auf den Bildern aus dem Leben des großen Dichters von Nazareth.

Wie der Lehrer die Todesnot sah, tauchte er ein Laken in das kalte Wasser des Heidegrabens; denn diese Sommernächte sind nach dem tagelangen Regen von starker Kühle, und es ist ein heimliches Spinnen der Nebel darin. Aber nicht Schleier wehen hindurch, sondern feine Fäden, wie das Garn von einer Spule, auf der Seide gesponnen wird.

Und in das quellnasse Tuch haben sie die glühenden Nöte des Kindesleibes eingeschlungen und gebettet zu einem tiefen Schlummer. Der ist über das brennende Herz gekommen und hat die heißen Feuer gedämpft.

Wenn ich eingetreten wäre in dies Haus und hätte das weiße Laken über dem Mädchen gesehen, so hätte ich denken müssen: es ist gestorben.

Aber ich hatte in die vier Augen geschaut, die mir draußen entgegenkamen, und diese Augen hatten dem Tode nicht ins Antlitz gesehen. Solche Augen sehen anders aus; denn das Zeichen des Todes ist der Schreck.

Es ist der Tag, ihr Leute, wachet auf! Es ist Tag, du krankes Kind, wach auf! An der Wende dieser Mitternacht stand dein Leben auf des Messers Schneide. Es ist alles vorüber, was Angst und Schrecken aufgehen läßt, und was unter dem Laken atmet, ist das siegende Leben!

Ich bin nicht lange in dem Hause geblieben. Wie ich zurückkehrte und gegen Westen schaute, sah ich den Wagen des neuen Bauern hochbeladen durch den rauchenden Morgen rollen. Ein mühsames Vorwärtskommen! Und mir war, der Dampf in der Frühe müsse aufsteigen aus den Leibern dieser Pferde und müsse rauchen aus ihren roten schnaufenden Nüstern – so sah ich ihre blanken Leiber in den Kummeten liegen.

Oben auf dem Wagen aber stand aufrecht die Mutter und hob den Arm, als sie einen Menschen in der Ferne erkannte.

Ich band ein Tuch an einen Weidenstock und ließ es schwingen durch das Gold des jungen Tages.

Es ist Freude in seinem Fluge gewesen, und das bange Herz der Mutter hat verstanden, was ich ihm sagen wollte.

*

Es ist immer noch an diesem Morgen!

Frau Holsten ist dagewesen – sie läßt es sich nicht nehmen, auch jetzt ihre Arbeit um mich zu tun, während sie nicht mehr in ihrer Hütte wohnt. Sie hilft dem Bauer vom Moorhofe die Fahne hissen.

Ob sie nicht für immer drüben wohnen wollte? hab' ich sie gefragt. Aber sie hat mit beiden Händen abgewehrt – – wenn das einmal sei, dann wäre eine Sorge daheim auf dem Hofe, die alle Helligkeit ausgelöscht hätte. Diese Zeit wünscht sie nie.

*

Wie ich wieder allein war, bin ich in Gedanken den Weg ein Stück rückwärts gegangen, auf dessen Mitte Per Segelken und Maria sich gefunden haben.

An diesem Wege stehen viele Steine – Mark- und auch Prüfsteine. Und an jedem haben sich diese beiden jungen Menschen tapfer gezeigt, treu und stark. Sie haben an jedem eine Zeit gerastet und haben sich in die Augen gesehen dabei. Was sie sahen, war klare tüchtige Art.

Maria ist vor einem Jahre noch ein Tagelöhnerkind gewesen, versorgt und vermüht.

Auch dies neue Jahr ist Sorge gewesen für sie – es hat ja den Tod an der einen Hand geführt und hat ihr viele Nöte des Herzens und verwachte Nächte gebracht.

Aber in diesen Feuern ist alles Gold aus dem Edelerze ihres Herzens herausgeschmolzen.

Ich habe nie in meinem Leben gesehen, daß zwei die Hände sich gereicht hätten, die einander würdiger gewesen wären.

*

Und Renate Gregor?

Ich weiß nicht, ob sie das getragen hätte, wenn es ihr geschehen wäre, wie der Frühling noch über der Heide lag.

Nun ist sie freilich an dem Kleinen groß geworden, und sie dankt Per Segelken ... nicht ihre Gaben, nicht ihre Schönheit, nicht ihr reiches Herz, nicht ihre Freudigkeit – aber das Gleichmaß all ihrer Vorzüge; denn ehedem war alles an ihr Maßlosigkeit – das Lachen und auch der Schmerz.

*

Draußen gehen sie jetzt vorüber – Maria und der Lehrer.

Sie hat ihren Arm in dem seinen; sie hat ein graues schlichtes Lüsterkleid an und eine schwarze Schürze darüber, die in zwei Teilen ihre Achseln deckt.

Ihr Leib ist so fein und schlank, und es ist ein so liebliches Blühen um dieses Mädchen, wie ich es sanfter und glückseliger nie gesehen habe.

Nein, sie gehen nicht vorüber, sie kommen beide herein ...

 

Abends am Verlobungstage Marias.

Wir haben nicht lange miteinander geredet heute früh; denn sie wollten Friech Lerz die Botschaft bringen.

Es ist beschlossen worden, an Renate Gregor noch heute einen Brief zu senden. Ich habe gegen Abend die Abschrift dieses Briefes bekommen und hefte sie in mein Tagebuch.

Du liebe Renate!

Zuerst reden wir von der Krankheit, die immer noch als ein Gespenst durch die Hütten schleicht.

Dann reden wir von einem großen Glücke.

Die Krankheit. Komme noch nicht nach Hause – der Kinder und deinetwegen! Wir haben in dieser Nacht alles Elend gesehen, was heimsuchen kann einen Menschen.

Du weißt: der Bauer Hans Richter hat neben Deines Vaters Felder seinen Hof gebaut; Du kennst nur den Mann; vor einigen Tagen ist die Frau gekommen mit den drei Kindern. Heute nacht haben sie ihren Hausrat hergefahren, und wir haben die Wache gehalten an dem Lager der Fiebernden. Diese Wache wäre beinah eine Totenwacht geworden. Bleib, wo Du bist; denn wir wollen den Gregorius und die kleine Katreen bewahren. Der Junge würde die Schlange vielleicht erwürgen mit seinen kleinen Fäusten; desto heftiger könnte es über Katreen kommen.

Maria vertritt Deine Stelle bei Vater Gregor aufs beste, es gebricht ihm an nichts, und er ist voll heller Freude über das Gedeihen seines Werkes. Sie ziehen schon die Furchen für die neuen Koniferenpflanzungen, und wir müssen ihn und seinen fleißigen Genossen von draußen zur Mahlzeit holen. Auf der neuen Schule soll eine Glocke angebracht werden, die wenigstens zu Mittag ihren eindringlichen Ruf ertönen läßt – die Menschen vergessen hier über ihrer Freude an der Mühe die Rast.

Wir sind um Mitternacht beide bei dem ältesten Mädchen Richters gewesen – es war die neunte! – und haben es dem Tode abgerungen. Zuletzt, wie schon der helle Geist des Kindes sich verdunkelt hat und der Vorhang über dies junge Leben zu fallen schien, von dem wir nicht wissen, was hinter ihm liegt, schlugen wir die Sterbende in ein nasses Tuch. Es war als wäre selbst der Tod davor zurückgeschauert. Und das Kind schlief sich hindurch zum Leben.

Das war abermals eine große gemeinsame Freude, die wir erlebten. Darum schreiben wir Dir auch beide; denn wir wollen hinfort eins sein! Eins in Lust, eins in Leid, und eins in der großen heiligen Arbeit, die in diesem Heidedorfe auf uns wartet!

Über die junge Schlummernde hinweg haben wir uns die Hand gereicht, und als es Tag werden wollte über der Heide, haben wir uns zum ersten Male in den Armen gelegen und haben uns den Verlobungskuß gegeben.

Das erste Wort, das wir danach sprachen, galt Dir! Der erste Gedanke Dir, Du liebes Mädchen!

Du sollst die Dritte sein in unserem Bunde, und wenn es möglich wäre, daß unsere Freundschaft noch inniger sein kann, so hilf uns dazu! Wir reichen Dir aus der Ferne die Hand hinüber in Deine schöne Heimat und zu Deinen alten Freunden, und geloben Dir, Dir treu zu sein wie uns selber und unserer Pflicht!

Es wartet viel auf uns in diesem neuen Lande, und alles Licht, was über diese Menschen kommen kann, wird ihnen von uns kommen; darum: bleibe bei uns; denn es will Morgen werden, und die Nacht hat sich geneigt!

Deine Glücklichen
Per und Maria.

*

Ich weiß nicht, ob man mit einer Stahlfeder ein zerrissenes Herz nähen kann.

Ich weiß nicht, ob Tinte ein Kitt ist, die Scherben einer zerschellten Hoffnung zu leimen.

Arme Renate! Ich glaube, wir zweie gehören zu jenen Menschen, die von jedem Dinge immer nur drei Zipfel zu fassen bekommen.

 

1. August.

Es ist heute erst der andere Tag. Aber wir sind heimliches ungeduldiges Warten. Es kann ja noch gar kein Brief da sein!

Von heute ab kommt der Briefträger an jedem Tage in die Hütten auf der Heide. Morgen könnte er die Antwort bringen.

Und wenn nicht?

 

2. August.

Renate Gregor hat nicht geschrieben.

 

Am nächsten Tage.

Es ist auch heute kein Brief von Renaten gekommen. Maria ist in Sorge.

Ob Renate jemals zurückkehren wird?

 

4. August.

Der Brief ist da! Ich hab' ihn abgeschrieben und hefte ihn in mein Buch.

Was hier geschieht, geschieht unter der Teilnahme aller. Es wäre schön, wenn dies immer so bleiben könnte. Aber die Zeit wird solche liebe Gemeinsamkeit nicht lange ungestört bestehen lassen.

*

Lieber Per und liebste Maria!

Ich sage nun auch »Du« zu Dir, mein Freund und Lehrer. Von heute ab; denn ich will Euch alles geloben, was Ihr in Euerem Brief von mir gefordert habt. Ich konnte nicht sofort schreiben; denn – durch verregnete Fenster kann man schlecht sehen. Und wenn schon – dann steht die Erde in einem Lichte, das nicht immer ist, oder das falsch ist.

Weißt Du noch, lieber Freund Per, – es hat eine Zeit gegeben, in der ich alles falsch sah und alles übertrieben dachte. Dir danke ich, daß die vorüber ist! Und ich danke Dir noch viel viel mehr – wenn du es littest, auch mein Leben! Als sollte ich's nicht vergessen, ist von der Wunde, die mir die Klinge Deines Messers geschnitten, eine Narbe geblieben am rechten Knöchel.

Die Narbe darf vergehen – mein Gedächtnis ist gut ...

Ich bekam Euren Brief abends und habe die ganze Nacht geweint. Am anderen Tage hab' ich den Sonnenschein gehaßt. Aber –: »Nicht weinen, Mama!« hat der Gregorius gerufen, und Katreen ist so traurig geworden, daß sie mir dabei geholfen hat.

Das hat mich wach gemacht. Ich will mir alles vom Herzen reden, hab' ich da gedacht; Ihr wißt ja doch, wie's um mich steht, und wenn ich Euch noch etwas verborgen hätte, so sollen Euch von Stund an Türen und Fenster an meinem Herzen offenstehen.

Eine von uns beiden mußte sich ja doch bei dem Gedanken bescheiden, nicht Per Segelkens Weib zu werden.

Im Anfange habe ich mich gegen diese Bescheidung aufgebäumt und habe Qualen gelitten, unsagbar. Aber ich habe mich selbst besiegt; denn ich habe mir gesagt: Per Segelken hat mir mehr Liebe erwiesen als ich bis dahin gedacht habe, daß ein Mensch dem andern erweisen könnte ...

Und nun laufen mir die Tränen doch wieder die Backen herunter und tropfen auf das Papier.

Laßt Euch bitten um etwas und gewährt es mir, Ihr beiden, die Ihr so viel habt: laßt mir die beiden Kinder! Ich sehe, sie werden froh aneinander, und ich glaube, es ist besser für beide, wenn sie sich immer haben. Sie schenken mir jeden Tag neue Freuden, und je mehr ich Pflichten gegen sie habe, desto leichter komme ich über alles weg, was Ihr mir getan habt, Ihr lieben glückseligen Leute!

Das Schicksal ist nicht grausam genug, mit Euch übel zu verfahren – wozu also meine Wünsche?

Wenn es Menschen wie Euch nicht gut ginge, dann müßte man das Vertrauen in die Gerechtigkeit verlieren!

Seht, in diesen zwei Sätzen stecken alle meine Wünsche – stecken darin als mancherlei Dinge in jenem kleinen Kästlein, das auf dem Wandbord rechts in meinem Schlafzimmer steht.

Maria soll hingehen und dies Kästlein leermachen. Den kleinen Schlüssel dazu lege ich bei.

Lebt wohl und schreibt mir viel und oft. Ich warte darauf, daß Ihr mir sagt, wenn ich heimkehren darf.

In alter Treue
die Dritte in Euerem Bunde.

 

5. August.

Das Kästlein ist geleert worden von Maria.

Getrocknete Blumen sind darin gewesen und ein Gedicht, von der Hand Per Segelkens geschrieben.

*

Maria wollte die kleine Katreen nicht hergeben, aber der Lehrer hat sie doch zu bestimmen gewußt.

Im Herbst wollen sie heiraten.

*

Der Staat hat die Beihilfe zu dem neuen Schulhause gewährt. Zwanzigtausend Mark soll die neue Gemeinde erhalten. Das ist viel; die Leute haben nunmehr noch dreitausend Mark aufzunehmen. Gregor hat den Bauplatz geschenkt – am Tage der Verlobung des Lehrers. Und doch hat er sich eine Träne aus der Wimper gerieben, als wir drei ihm die Nachricht gebracht haben.

Einer seiner liebsten Wünsche hat sich ihm nicht erfüllt. Den Brief Renatens hat er gelesen, und er ist froh an ihm geworden. Wir alle. Wir wissen jetzt erst ganz, wie reich dies Mädchenherz ist und wie klar und stark dieser junge Wille. Es wird eine segensreiche Gemeinschaft zwischen solchen Menschen wachsen zum Heile des Dorfes.

 

15.August.

Es blühen viel schöne weiße Wasserrosen in den Seen der Heide. Aber daneben wächst viel häßliches tagscheues Gewürm und Wasserpest.

So ist es auch bei diesen Menschen – Fien Magretjen schwimmt als die blanke Seerose oben auf, und man weiß nicht, woher sie all ihren Glanz hat und wie sie ihre freundliche Helligkeit so rein bewahrt.

Seit der Hochzeit hat das Feuer auf ihrem Herde nicht mehr gebrannt.

Zuerst hat sie nicht recht mit der Sprache herausgewollt, aber das tote Feuer in ihrer Hütte erzählt mehr als ihr Mund, der die Leute vom Moorhofe so gerne schonen möchte.

Wie sie daheim so fix mit dem Tuche gelaufen ist, die Fenster blank und die Teller und Gläser blitzend gehalten hat, so treibt sie's nun auch drüben.

Nicht, als ob sie von früh bis spät im Haus auf und nieder liefe und dem Staube den Krieg erklärt hätte – es sind in diesem Hause Menschen, in die erst einmal richtig das lichte Gold dieser Sommertage fallen muß, damit es auch Sommer werde in ihnen ganz und gar.

Und wenn sie da mit Aleit zusammensitzt und der warmen Sonne einen Weg in die junge Frau weist, und die alte Bolten macht sich in der Nähe zu schaffen, so sagt Fien Magretjen:

»Siehst du, Geffke Bolten, das ist herrlich schön, daß du dich gerade auf ein büschen Horchen verlegst, indem du dann nich viel zu tun hast. Du könntest eben mal die Flettfenster putzen von draußen: denn die hast du noch nich blank gemacht in das neue Sekulum. Da hab ich auch gleich zwei Lappen, un nu nimm dir mal en Pott un geh eben fix ans Werk, Bolten, ehe es Nacht wird. Du wirst sehen, dabei kommst du so schön in Sweiß, un das wird dich guttun.«

Und wenn Geffke Bolten nach ihrer Art ihre Bedenken gegen die Arbeit zum Ausdrucke bringt, so sagt Frau Magret: »Dein Schimpfen, Bolten, hat jetzt keine Geltung mehr. Du mußt auch viel mehr aufdrücken bei das Putzen, so, als wir aufdrücken, wenn wir aus dich eine nette Mutter herausdestillieren wollen.«

Mit Aleit hat es Fien Magretjen in diesen Tagen ganz besonders wichtig.

»Siehst du, Aleit, das ist ein Fingerzeig von der Gnade Gottes, daß Lütje Bickhusen sich nun wo anders niedergeschlagen hat, als ein Nebel vor der Sonne. Mit der Sonne mein' ich in diesem Falle mich. Und Lütje Bickhusen hat sich verduftet wie ein Röslein auf der Heide, wenn ein Frost sich auf die Stiebel macht. Ich glaube wohl, daß er einen ordentlichen Reif hat abgekriegt in der Frühlingsnacht, wie das Lied so schön singt. Siehst du, Deern, un nun mußt du dich noch en büschen mehr ranhalten an Lür Bolten und mußt ihm jeden Morgen, Mittag und Abend eine Helligkeit über seine Suppe lachen. Die swimmt dann zu oberst als gute Fettaugen. Denn sollst du man sehen, was der Mann einen Appotit kriegt zu das Essen ...«

Für solche Belehrungen hatte Aleit Bolten dann immer einen wehmütigen Seufzer bereit.

Aber Magret ließ ihn nicht gelten.

Oder Aleit sagte: »Mutter, ich glaube, Lür Bolten is ein büschen zu alt und zu ernst für mich.«

»Nein, Deern, da bist du mit auf dem Holzweg, indem ein Mann von sechsunddreißig und eine Deern von einundzwanzig gerade den richtigen Unterschied haben, der zwischen Eheleuten bestehen muß. Ich will dir auch mal das Exempel rechnen: das Leben eines Bauern läuft langsam als der Pflug durch das Feld; denn er muß sich auf vieles besinnen und muß nachdenken. Das Leben einer Frau aber surrt sich herunter als das Werg vom Wocken. Siehst du, so is das. Und eine Frau ist schon mit fünfzehn Jahren so gescheit als sie werden kann, ein Mann aber erst mit dreißig. Un nu rechne dich das mal zusammen: einundzwanzig Jahre bist du gleich alt, Deern – un die fünfzehn, die du zeitiger gescheit bist als der Bauer, das macht zusammen genau sechsunddreißig.«

Bei diesem Exempel hielt Aleit im Kartoffelschälen ein bißchen ein und sagte: »Mutter, du weißt, ich bin immer die Meinung gewesen, daß du en höllisch fixen Kopp hast un dazu ein wohlbeslagenes Herz – aber in diesem Falle hast du doch unten etwas herausbekommen, das nich richtig stimmt.«

»Ach wo, Deern, bei mich stimmt das unten immer. Denn warum? Weil es oben ganz richtig eingestellt ist. Und du mußt dich nich auf alte Eier setzen; denn so was macht keine ordentliche Henn' ...«

Aleit läßt die Hände dann abermals in den Schoß sinken: »Hast du nich eben von der Henne geredet?«

»Tja, Deern, aber mit die Henn' hab' ich diesmal dich im Auge, und mit das faule Ei Lütje Bickhusen.«

»Ach Mutter, ich habe die ganze Zeit her nicht an ihn gedacht ...

»Geffke Bolten, bist du schon wieder mal ans Lauschen? Willst du woll en büschen zusehen, daß du fertig wirst? Oder hast du etwa einen Sukkurs gekriegt, wo das steht mit die Henn', die in der anderen Nacht mit das ganze Nest verswunden is? Ich habe die Henne auf die Eier gesetzt als eine schöne Erinnerung an euerem Hochzeitstage. Und nu? Es heißt da immer, es wären längstens alle Schranktüren aufgeschlossen in der Welt, und es könnte abslutment nix nich passieren, was nich schon mal dagewesen wär. Prost Mahlzeit, Bolten, nich war? Daß eine Henn mitsamt das Nest wegläuft – an so was is auch in das himmlische Reich nich zu denken, allwo die Wunders doch in Blüte sind als bei uns die Katzenswänze ...«

Und nun war Fien Magretjen wieder ganz im richtigen Fahrwasser, in das sie sich hatte so sachtweg hineinrudern wollen.

Morgen oder über den anderen Tag sollten nämlich junge Kücken auskriechen. Magretjen hatte der Henne selbst dreiundzwanzig Eier untergelegt; die hatte sie von den besten Hühnern ausgewählt ...

»Dreiundzwanzig, Bolten; denn es war eine große Henne, und es konnten zwei davon slecht sein; dann hätte es immer noch einundzwanzig gegeben. Aber der Teufel hat es in seinem Unrat anders beslossen ...«

Wie Magretjen heute früh so leise zu dem Neste trat, um ein bißchen zu luren, ob wohl schon so ein Kleines aus dem Ei geschlüpft sei – warum erzähl' ich denn und lasse nicht Fien Magretjen reden, die das viel besser kann?

»Ja,« sagte sie, »ich stund da ja woll als ein Stamm, den der Blitz geslagen, un guck dahin un dorthin – is aber nix nich zu sehen. Deern, Deern! ruf ich, hat dich denn der Platz gar nich mehr angestanden, wo ich Hab den Korb hingestellt?«

»Welchen Platz, Mutter?«

»Daß du hast den Nestkorb weggenommen?«

»Mein Gott,« hat Aleit gesagt, »du tust ja gerade, als gäb es für mich sonst nichts zu denken und zu tun, daß ich mit solch ein Hühnernest in das Haus herumspaziere ...«

Geffke Bolten, die das kleine Flettfenster offen hatte, wurde in diesem Augenblicke von einem heftigen Fleiße befallen und arbeitete mit ihrem nassen und mit ihrem trockenen Tuche an der Scheibe herum, daß ihr der helle Schweiß auf der Stirne stand.

»Siehst du, Bolten, wie dich das schön steht! Die Perlen hast du schon, nu brauchst du bloß noch 'ne Kron; denn bist du eine richtige Königin aus das Märchen.«

Weil es schon sachte zu schummern anhub, kam auch Lür Bolten, vom Felde.

»Ah, da is ja auch Lür Bolten – schön, daß du kommst, indem in uns eine richtige Sehnsucht nach dir ist; denn, Lür Bolten, ich muß dich fragen – aber ich denke nicht, daß du halb so dumm bist – hast du den Korb mit der Bruthenne an ein anderes Ort geschleppt?«

Lür Bolten lachte gerade heraus –

»Siehst du, Lür, so bist du einen netten hallarden Menschen, und nu bin ich doch froh, daß ich dich die Frage gestellt habe, auf die du nich hineinfallen konntest. Aber das will ich dir sagen: wenn es ein Mensch ist, der mich diesen Schabernack gespielt hat – du hast da in dem Winkel so'n altes Schemelbein liegen, Lür Bolten ... mit das Bein will ich diesem Menschen die Gluckhenn' braun und blau anstreichen, darauf kannst du dir verlassen!«

Damit stand sie auf – Aleit ging zum Füttern in den Stall – band sich den Schleierhut über ihre blanken Haare und ging hinaus:

»Ihr braucht euch da nich weiter zu kümmern; denn ich will schon meine eigene Betrachtung darüber anstellen. Ich habe in solchen Dingen meine ganz besondere Meinung. Als zum Beispiel: wenn es Winter wäre, und es wäre eine Tüte neuer Schnee gefallen, und in dem Schnee wäre die Spur von Geffke Boltens alten Holschen ... seht ihr woll, da hätten wir einen Anhalt! Da das nu aber nich is, müssen wir die Sache anders ausspionieren. Aber das kann ich euch beschwören: 'rauskriegen will ich's ja woll. Du mußt nur das Schemelbein an seinem richtigen Ort belassen, Lür, das ist die Hauptsache.«

Dabei blinkaugte Fien Magretjen so hinüber nach dem Fenster, an dem Geffke Bolten immer noch im Schweiß ihres Angesichts hantierte.

»Du kannst nu auch Feierabend machen, Bolten ...«

»Un du kannst aufhören, im Hause 'rumzukommandieren, Holsten. Und wenn ich heute noch den Mond und die Sterne putze – von dich laß ich mich da gar nich 'reinreden, verstehst du woll?«

»Tja, verstanden hab ich dir; aber wenn du mich Vorlesungen halten willst, was ich zu tun habe und was nich – darüber müssen wir uns mal heimlich auseinandersetzen, indem du ... Nee, Bolten, dich hab ich das schon deutlich genug gesagt und hab dich in deine Kanalljerie gucken lassen als in einen Spiegel ... wie du aussiehst, das weißt du ja woll nun. Wir zwei sind noch nich fertig miteinander. Für heute kannst du aber aufhören. Morgen früh is ja auch noch ein Tag, an dem du dich mit deine neumodische Arbeitslust austoben kannst ...«

Damit schlug Fien Magretjen sich den Wiesenweg entlang, lief als eine Rebhenne in den Trajen der Wagenräder dahin und kam quer über die Heide.

Ihr erster Gang war nicht zu mir und auch nicht zu ihrer Hütte, sondern sie steuerte quer durch den Porst geradewegs auf die Tür der sueren Lake zu.

Die dicke Trina saß mit der jungen Trina und dem Erddüwel beim Nachtessen. Sie waren gerade dabei, den gedämpften Kartoffeln die Pellen abzuziehen, und neben dem Feuer prutzelten noch so leise die Eier mit Schinken im Tiegel.

Die suere Lake warf dem Erddüwel einen Blick zu und übergoß sich dann mit einer tiefen Röte – was aber nicht wörtlich zu nehmen ist, meint Frau Holsten, indem sie bei Renkens dieses Tages nicht geflacht hätten – sondern es war die Röte des Zornes – da man auf eine solche der Scham bei der dicken Trina nicht wohl schließen kann.

Sie schob ganz gegen ihre Gewohnheit der Witwe Holsten einen Schemel in die Nähe des Tisches.

»Nawersch,« sagte Magretjen, »du weißt, ich sitz' gern en büschen warm; un weil du da noch so'n schönes Feuer hast, so will ich mich gleich mal en büschen an den Herd 'ranmachen.«

Ihre Augen fingen denn auch alsbald an, durch die Hütte zu laufen als so ein paar glitzernde Glaskugeln durch die Sonne ...

»Nee, Nawersch,« sagte Trina, »das mußt du nich tun, so herumgucken in allen Ecken; denn es is heute nich recht ordentlich bei uns, indem wir die Bettstellen mit Ried gepolstert und die Strohsäcke ausgestopft haben; denn vor der Hochzeit is dazu nich recht Zeit gewesen ...«

Aber – die Falle hatte schon geschlagen.

»I, sieh mal an, Renken – Jungvieh willst du ja woll auch bald haben?«

Damit war Fien Magretjen auch schon an dem Hühnerkorbe, der in der dunkelsten Ecke stand, besah ihn sich ein bißchen von rechts und besah ihn ein bißchen von links ...

»Ein schönen Korb, und eine schöne Henn'! Und manchmal, weißt du, hab' ich – als man zu sagen pflegt: lichte Augenblicke. Opstunns is das! Und ich kann dich deshalb sagen, diese Henn' sitzt auf dreiundzwanzig Eiern!«

»Richtig,« sagte die dicke Trina, »auf den Punkt dreiundzwanzig! Wo kommst du denn zu solcher Wissenschaft, Holsten?«

»Siehst du, Renken, es is in diese Zeit eine richtige Kartenlegerin in mich; ich weiß auch: diese Henn' is gestern weiß gewesen als neuer Schnee, und sie is so schwarz geschüppert erst seitdem sie in deinen Smutz hereingekommen is.«

Trina Renken ließ sich nicht aus dem Gleichgewicht bringen.

»Das wird sein,« sagte sie und zog den Kartoffeln ruhig die Häute ab, aber unter ihrem Sitze fühlte sie ein Feuer brennen –: »Als die Henn' noch in das Ei gewesen is, da hat sie woll mal weiß ausgesehen; aber seit sie Federn hat, ist sie immer weiß und schwarz gewesen.«

»Nee, nee, Trina; denn die hast du mit deinem Sot besmiert, daß deine Hehlerei nich gleich offenbar werden sollte. Und nun will ich dich mal was sagen« – damit nahm sie den Korb unter den Arm – »Bleib du man ruhig sitzen, Trina; denn du könntest dich schaden, wenn du dich ärgerst! Wenn du aber jetzt einen Skandal machst, so schick ich dich morgen den Schandorm in deine gute Stube und laß dich die Wohnung for ganz umsonst beziehen, in die sie haben vorher deinen Hinnerk ingestochen gehabt. Aber wenn du still bist, will ich dich deine Missetat noch einmal durch die Finger sehen. Du bist ein ganz miserablichtes Lumpengesindel, Trina Renken; un was die Bolten is, die euch die Henn' in der Nacht herübergesleppt hat, for die hab ich mich ein schönes Stuhlbein in die Ecke gestellt; damit will ich ihr mal den Buckel anstreichen ...«

Die junge Trina schlug die Hände vor die Augen, als Fien Magretjen aus der Hütte schritt.

Mit dem Korbe, über den sie ihre Schürze gebunden hatte, kam sie zu mir herein und plätscherte ihre flinken, klingenden Worte über mich als einen Quell aus dem Stein.

Es wird alles so sein, wie sie vermutet.

Ehe ich den Fall noch recht mit ihr erwogen hatte, sprang sie zu meinem Fenster, wischte den grauen Dunstschleier ab, der sich darübergeschlagen hatte, und sagte: »Ich bin gleich wieder da. Es kommt da eins über die Heide, von dem ich glaube, es ist die Bolten. Da will ich ihr doch gleich mal das Evangelium von der Gluckhenn' unter freiem Himmel vorlesen ...«

Es ist schon ganz schummerig gewesen. Das Licht in Fien Magretjens Augen mußte leuchten, um in der grauen Gestalt weit drüben vor den Hütten Geffke Bolten zu erkennen.

Und es war ganz finster, als ich Magretjens Holzschuhe wieder vor der Hütte vernahm.

»Erst en büschen verpusten lassen Sie mich, Herr; denn ich hab ihr so arg verhauen mit einem Wichelstock, daß ihr das Mausen vergehen muß bis in das ewige Leben. Was meinen Sie woll? Mit einem ganzen Sack voll Lügen hat sie mich abfüttern wollen. Ich hab' aber zu ihr gesagt: Komm doch gleich mal en büschen mit nach rückwärts; denn ich habe mir gedacht: einen Wichelstock muß ich haben, um das Laster mal ordentlich weich zu slagen. Und dann hab ich ihr aus freien Stücken vorgelesen, was ich mir für einen Vers über die Sache gemacht hätte und habe ihr dabei immer so sachte auf die Arme gehauen, daß sie einen kleinen Vorsmack kriegen sollte. Und wie sie dann dort war, wo sie sagte: die suere Lake hätte auch eine Henne auf dreiundzwanzig Eiern sitzen, nur daß der ihre schwarz und weiß geschüppert wäre, da hab ich den Stock auf ihrer Achterseite tanzen lassen als Lütje Bickhusen auf das Schützenfest. Halt still, Bolten, halt still! hab ich gesagt; denn es ist gut for dich und besser, als wenn dich das Gericht mang die Hände kriegt! Es hat aber nich lange gedauert, da is der wichelne Stock bloß noch ein lütjes Endchen lang gewesen. Da hab ich sie noch ein büschen mit meinem Holzschuh vertracktiert.«

 

17. August.

Am nächsten Morgen war Fien Magretjen schon viel zeitiger aus dem Bett als die Sonne; denn die lag noch lange und lachte aus Wolken von schneeweißen Federn heraus, als die kleine Frau schon mit dem Morgenwinde über die Heide flog. Den Nestkorb hatte Fien Magretjen unter dem Arme.

»Du solltest dich was schämen,« lachte sie so im Gehen zur Sonne hinüber, »es ist schon Glock fünf vorbei und noch gar nich so spät in das Jahr, daß du so bettsläferig tust. Es ist noch ein Berg Arbeit für dich um die Hütten: zuerst liegen da noch die Kartoffeln, und der Hafer ist noch ganz grün, und was der Torf ist, der ist auch noch nicht richtig ausgedörrt. Und die Heide mußt du uns aufsließen; denn die Immen wollen eine gute Herbsttracht haben. Also – 'raus aus den Federn und bezahl deine Schulden!«

In solch kleinem Morgengespräche mit der Sonne kam sie auch an dem Platze vorüber, an dem sie gestern abend mit der alten Bolten »Polonäs'« getanzt hatte. Und weil die Erinnerung an eine edle Tat den Menschen erhebt, so schritt Fien Magretjen durch das rauchende Gold der Frühe, als hätte sie selbst all diesen Glanz und Schimmer zu verbreiten, mit dem die Erde sich geschmückt hatte zum Erntetag.

Bei Lür Bolten saßen sie am Tisch auf dem Flett und tranken Kaffee.

Es war so still und noch so morgengrau in dem Hause, daß man sah: es war heute noch kein Lachen hindurchgeflogen.

Geffke Bolten war nicht dabei.

»Es ist gut, daß ihr noch nicht hinaus seid,« sagte Fien Magretjen und stellte den Korb auf die runden Flettsteine, band die Bänder des Schleierhutes unter dem runden Kinne auf und sagte: »Wir müssen gleich mal einen kleinen Familienrat abhalten ...«

Weil sie Trina Renken und auch mir die Geschichte von der Gluckhenne schon erzählt hatte, war sie ihr nun so geläufig, daß ihre Worte über den Tisch hinüberschnurrten wie Knöpfe, durch die man ein Streichholz gesteckt hat, und die nun tanzen wie die Firlchen. Mit einem – so drehten sich da ihrer tausend auf der Platte; und Lür Bolten und seine junge Frau saßen drüben und mußten die Hände an den Rand des Tisches halten, damit ihnen keines der munteren Dinger davonsprang.

»Siehst du, Lür, und da sind nun doch erst drei Wochen vergangen – und die Alte sitzt schon wieder auf dem Stuhl, auf dem sie sich ihre Nücken ausdenkt. Es ist richtig, und ich habe es dir nur noch nicht sagen wollen, Lür Bolten: deine Hühner legen nich halb so viel als sie legen. Du wirst gleich merken, was ich mit dieses dunkle Wort sagen will.«

Der Bauer hatte die Stirn gehoben; denn er hatte unter der Wucht der Anklagen, die sich gegen die alte Mutter richteten, starren Blicks vor sich hingeschaut. Dazu fühlte er, wie die Augen seines Weibes die Frage an ihn richteten: was willst du nun tun?

Auf alles, was das Schicksal von ihm gewollt hatte, hatte er eine Antwort gewußt: er hatte den Weg fortgefunden aus seinem Hause, und er war auf einem anderen wieder zurückgekehrt; er hatte die Arbeit von neuem mit Freuden begonnen, und er hatte die Verwandten von dem Hofe fernzuhalten gewußt, die an seinen Erträgen nagten und unter seinen Mauern wühlten wie die Ratten. Und nun hatte die Mutter unter den verschlagenen Zäunen hindurch ein Schlupfloch gefunden, durch das sie während der Nacht ihre heimlichen Gänge nahm!

Eine Weile saßen die drei einander stumm gegenüber.

Fien Magretjen erkannte, was in dem Bauer vorging.

Er hatte in den letzten drei Wochen Zeit genug gehabt, über die Dinge auf dem Moorhof nachzudenken – wenn er draußen mähte oder mit dem Pfluge den Grund gebrochen hatte. Er wußte nicht, woher er das Geld nehmen sollte, das an Zinsen für das Quartal aufzubringen war. Um Weihnachten war es besser; dann würde die Ernte verkauft sein – aber: die Not würde doch von neuem an seinem Lager stehen des Nachts, und seine Frau würde ihn atmen hören aus der gepreßten Brust; denn er sah keinen Weg, die große Last der Schuld seiner Mutter von sich abzuwälzen.

Fien Magretjens Augen sahen viel zu klar, als daß es ihr hätte entgehen können: Aleit Bolten war neben diesem Manne ohne Glück und in ihrer Not ohne Freude.

Es half nichts – Fien Magretjen selber mußte Rat schaffen. –

»Siehst du, Lür Bolten, ich sehe wie dir das wehtut, was die Alte da wieder for ein Theater gemacht hat,« begann sie, »und ich bin keine, die dich ihre schönen Worte anhängt als einen Smuck von außen un so als eine Fastnachtsmummerei, aber als einen slechten Trost for das Herz. Wir müssen uns da auf etwas besinnen, daß wir die Alte kalt stellen: wenn sie lange Finger macht ... und sie hat doch auch schon verblendete Augen, denn sie sieht nicht, was sie dich für eine Suppe kocht ... und sie hat noch dazu eine boshafte Seele in ihrem Leibe – so ist sie, als man zu sagen pflegt, eine richtige Karikatur und müßte in Spiritus sitzen als Per Segelken seine Kreuzottern.

»Weil das aber nicht sein kann, indem es deine leibhaftige Mutter ist, so will ich mal gleich zu Zimmerling Reefsen laufen und will sie einnageln lassen ...«

Lür Bolten horchte auf ...

»Ach so, ich habe mich da in die Snelligkeit ein büschen verlaufen und habe sagen wollen: die Nester der Hühner will ich einnageln lassen, und unten soll er bloß ein Schlupfloch machen und eine Tür mit ein Sloß daran. Denn ich bin der Meinung, Geffke Bolten hat sich und ihre Swiegersöhne aus diese Nester redlich genährt, und wir müssen alles absließen: die Kartoffeln und das Obst und die Milchkammer; denn Geffke Bolten löffelt da immer den Rahm herunter. Geffke Bolten bekommt ihr Teil bei Stück und Stunde, es soll ihr nichts mangeln; nur das Mausen soll sie lassen. Es ist swer für uns, daß wir die Fahne auf die Stange behalten ...«

»Ja,« sagte der Bauer und stand auf, um an die Arbeit zu gehen, »kümmere dich mal ein büschen um, Magretjen; du nimmst mir damit eine schwere Sorge ab; denn es ist ein Elend, wenn der Sohn gegen die Mutter stehen muß, auch wenn er ein Recht dazu hat.«

»Tja, Lür, ich will dich das ganze Machazin reine machen, darauf kannst du dich verlassen! Und du mußt nich verzagen – es geht ja erst los; und übers Jahr, so Gott will, haben wir den ganzen Unrat fortgesleppt. Ich will das schon machen und will nich mal einen Dank dafür haben, weißt du; denn ich estimiere: Geffke Bolten ist ein richtiges Wespennest und muß ausgeräuchert werden. Und wenn wir denn mal alle helle Augen kriegen und ein helles Herz als so en lieben lichten Frühlingstag, denn wird ja woll auch etwas Ordentliches wachsen.

»Nun will ich aber gleich erst mal zu Zimmerling Reefsen laufen, daß er sie vernagelt. Adjüs, Lür!«

Aber sie kam noch einmal wieder –

»Was ich dir noch sagen wollte: es spukt da wieder mal was mit die Eisenbahn in die Welt. Weißt nich mehr – vor drei Jahren ist schon mal die Rede davon gewesen. Aber: die Äpfel müssen erst richtig reif sein, hab ich damals gesagt, opstunns is das noch zu früh. Na, alsdann ist es ja auch richtig zu früh gewesen. Aber, was der Bauer Richter ist, der hat's in die Zeitung gelesen: das Projekt, als er sagt, steht nunmehr vor die Aufführung. Na, Wir können wohl mal warten, ob es kommt. Adjüs, Bolten!«

Aber sie kam noch mal wieder, als sie schon die Klinke der Türe in der Hand hatte ...

»Lür Bolten, hast du nich mal einen Wagen ohne Pferde über die Heide laufen sehen und geradewegs durch deine Felder?«

»Hm, das hab ich woll,« sagte der Bauer, und seine Hand glitt dabei so nachdenklich über den Bart, »das ist damals gewesen, als ich bei Lerz den Knecht machte.«

»Siehst du, damals hast du in die andere Zeit hinübergesehen! Ich habe immer gesagt: an dir ist alles richtig, sie sollen dich bloß mal Zeit lassen! So mach das mal auch heute noch, Lür Bolten – hineinsehen in die andere Zeit, das ist es! ... Einen Berg Jahre hat Geffke Bolten dazu gebraucht, den Hof zu rungenieren; und wenn du ein einziges nötig hast, ihn wieder hochzubringen, so sollst du man sehen, was sie dich hernach für einen Kerl schimpfen! Den Hut müssen sie noch abnehmen vor dir. Sei man nich bange, Lür Bolten.«

So tröstete sie mit ihrer Freude und ihrer tüchtigen Art besser als Aleit Holsten mit ihrem kargen Wesen.

*

Aleit Holsten ist zu keiner guten Stunde auf die Heide gekommen. Sie hat ihren Frohmut verloren. Auf ihre rotbäckige Kraft ist der Staub der Sorge gefallen, und sie hat kein Vertrauen in die Stärke ihres Mannes, – das ist es!

Vertrauen kann man niemandem einreden, Vertrauen wächst aus dem Boden der Tat.

Es müßte dieser Bauer mit vielen Leuten arbeiten können, aber es fehlt ihm das Geld. Wenn ihm nicht ein Wunder aufhilft, so muß er niederbrechen.

Es ist ein hartes Wort, daß die Sünden der Väter werden heimgesucht an den Kindern. Und es ist von einer furchtbaren Wahrheit.

Wir leben nicht in einer Zeit der Wunder – woher soll Lür Bolten also Hilfe werden?

 

30. August.

Die Hühner legen nicht besser auf dem Moorhofe.

Fien Magretjen ist in diesen Tagen manchmal nahe daran gewesen, aus ihrem fröhlichen Gleichmut zu fallen. Da hat sie in letzter Stunde einen Einfall gehabt.

»Fiekchen,« hat sie zu der Magd gesagt, »einen gesunden Slaf ist mehr wert als in diese Zeit der ganze Moorhof. Aber wenn er ist wie deiner, so ist er zu gesund und ist in diesem Falle slimm für uns. Ich will dich was sagen, Fiekchen: heute abend släfst du mal heimlich in mein Bett. Wir machen darum gar kein großes Geschrei, denn ich nehm' das alles auf mich, weißt du, weil es etwas werden soll, das zum besten für Lür Bolten ist. Wenn du sagst, du gehst slafen, so gehst du nich slafen, sondern kriechst ganz leise links hinter die Kühe zu dem Mistloche hinaus und gehst den Weg über die Heide durch die Machandelbüsche. In den Machandeln werde ich auf dir warten.«

So ist das denn auch geschehen.

Wie der Mond kam, stieg das Mädchen gleich einem Schatten durch Nebelschleier und Silberlicht, und bei den Wacholdern trat ihr Fien Magretjen entgegen.

Es ist ein köstliches violettes Blühen über der Heide und ein Leuchten in diesen Nächten – wunderbar.

»Fiekchen, da geb ich dich den Slüssel zu meinem Haus. Du kannst morgen slafen, solang es dich gefällt; denn ich will deine Arbeit tun und will sagen, daß du dich den Urlaub nicht aus bloßem Gefallen an der Faulheit genommen hast. Ist der Bauer schon slafen?«

»Tjo.«

»Und Aleit auch?«

»Tjo,« sagte die Deern, nahm den Schlüssel und flederte durch die Nacht.

Fien Magretjen aber schritt dem Moorhof entgegen.

Durch das Loch an der Stallseite fand sie den Einschlupf, schritt über die Viehdiele und legte sich, wie sie war, in das Bett der Magd ...

»So, un nu will ich Sie das weitererzählen.

»Es war eine mondhelle Nacht, und das Licht lag in so blanken schönen Scheiben auf der Tenne.

»Es ist keine Tür vor der Butze, in der die Magd släft, oder es ist eine, und sie läßt sich nich vorziehen, indem Geffke Bolten nix nich hat in gutem Zustande belassen. Mondschein macht kein Geräusch; die Kühe haben ein büschen gesnauft und mit die Ketten gerasselt, als ich hereingekrochen bin, aber sie kennen mir gut, und ich bin die Tage her schon immer um ihnen gewesen und habe sie auch gemolken.

»Nun kann es so Glock zwölven gewesen sein, oder später; denn die Uhr auf Boltens Flett slägt nich, indem der Klöppel immer neben die Glocke fällt bei das Slagen und in die Luft haut – da hör' ich etwas, und – siehste woll – durch das selbige Loch, durch das ich gekrochen bin, steigt auch die Bolten herein.

»Ich habe mich rasch das Deckbett bis an die Nase heraufgezogen und habe ein paar Snarcher gemacht als Zimmerling Reefsen seine Säge; denn es ist ruchbar, daß Fiekchen Reefsen, was zu dem Zimmerling die Swester ist, sich das Snarchen angewöhnt hat, bei das Slafen.

»Und da is die Bolten denn auch drauf reingefallen.

»Auf den Strümpfen ist sie gegangen, die Buddel, – durch den Stallmist ist sie gelaufen und hat sich die Füße abgetreten auf der Tenne. In der Hand aber hat sie ein langes Instroment geführt als eine Bohnenstange, und oben einen Ring und ein Säckchen daran, ähnlich als Per Segelken, wenn er Smetterlinge fängt, die er dann einbalsmiert, daß die Jungen an ihnen die Zolochie lernen. Vor der Butze hat sie sich ein büschen verhalten – ob Fiekchen släft, un dann ist sie dahingeschritten ins stille Schummern der Tenne, und es ist eine große Wirkung gewesen –: den Stab mit dem Sack hochaufgerichtet, als ich's einmal auf ein Bild gesehen habe, daß eine Frau auf einem Denkstein dargestellt hat. Nur mit dem Unterschied, daß die auf dem Denkstein hat lange Haare gehabt, die im Winde geflogen sind. Das ist bei Geffke Bolten nich gewesen; denn sie hat ja immer die olle smierige Haube auf, indem sie sagt, daß ihr die Haare darunter nich staubig werden.

»Dann ist sie die Hühnerleiter hinangestiegen, dabei hat sie den Stab in der linken Hand genommen; denn die Leiter führt dicht an der Mauer hinauf. Und nu is auch ihre Hoheit von sie abgefallen. Als eine Kräh, die im Platzregen rumgesegelt ist, hat sie auf der Leiter gehängt und hat dabei gesnauft als eine Kuh, die einen recht schweren Traum hat.

»Auf dem Moorhofe ist die Horde der Hühner auf der Hille, als man zu sagen pflegt; das ist der freie Raum zwischen dem Dachboden und der Decke des Kuhstandes. Und weil da der Zimmerling Reefsen nur ein Loch gelassen für die Hennen und die Latten auch eng genug genagelt worden sind, so hat Geffke Bolten zuerst in ihre richtige Stellung sich hineinbalanzt, als ich einmal gesehen habe, daß es ein Seiltänzer auf das Seil betreibt. Akkrat so hat sie mit die Bohnenstange umhergeschwebt und dabei auf einem Strumpfe gestanden und hat mit das andere Bein in die Luft geslenkert. Dann hat sie sich mit der rechten Hand festgehalten ans Gatter und hat mit der linken die Stange in das Loch gestochen ...

»Den Odem hab ich vergessen zu nehmen – so was von Aufführung und Spannung ist es gewesen!

»Willst doch noch mal zusehen, ob sie auch wirklich so einen runden weißen Smetterling erwischt, hab ich gedacht ... Es hat aber so gefährlich ausgesehen und die Leiter hat unter ihrer Missetat so ein Geknatter vollführt, daß ich's mit der Angst bekam; denn ich hatte gedacht: wenn sie jetzt runterfällt und sich ein Bein zerbricht oder ihr Diebesgesicht verslägt, dann sagt sie: ich habe ihr diese körperliche Verletzung angetan, und sie läuft am Ende mit ihr zerbrochenes Bein als Zeugungsmittel zu das Gericht und macht ein großes Geschrei.

»So bin ich lieber aus dem Bette gestiegen –

»Geffke Bolten, hab ich zu ihr gesagt, fall du man nich ab; denn das is ein recht gefährlichen Standpunkt, den du dich da ausgewählt hast, fast so baumelig als der Hahn auf dem Buckel der Katz auf das Bild von die Bremer Stadtmusikanten.

»Und so als die Katz hat die Bolten denn auch ihre Fisinomie in Falten gelegt.

»Du brauchst dich gar nich so zu betun, Bolten, komm nur erst mal runner von das Bäumchen! Du kannst immer getrost dein Beinwerk setzen, indem ich dir an die Kittel halte; denn es ist nich halb so swer, in den Himmel zu fahren, als wieder runter auf die Erde. Sonst stünde davon auch ein Kapitel in den Schriften. Und nu sag man bloß, was du dich da for eine Sternangel zugelegt hast?«

»Zu das Mäusefangen! Indem von alters her immer eine richtige Brutanstalt von Mäusen in dem Hühnerstall gewesen ist: Spitzmäuse, Hausmäuse, Reitmäuse und Feldmäuse ...«

»Is also kein Wunder, daß du das Mausen so gut gelernt hast. Aber ich verintressier mich nich so für die Mäuse, die du in dein Kopf hast, sondern ich will dir sagen: ich habe dich jetzt über das Stehlen erwischt – als der Schandorm Wilhelm Busch Maxen und Moritzen bei's Hühnermausen.

»Du brauchst gar nich so mit den Händen zu fechten und nach Luft zu snappen; ich hau' dir heut nich wieder wie neulich; denn wenn die erste Auflage nich gezogen hat – tüchtiger kann ich dich die zweite auch nich auflegen. Und so müssen wir mit dich eine andere Heilkunst anstellen.

»Aber die Sternangel läßt du mich, Bolten; denn das Ding sieht erfinderisch aus. Un nu kriechst du wieder durch das Mistloch und steigst in deinen Fenster hinein ...«

Damit schob Fien Magretjen die Alte in den Kuhstand, half ihr von hinten mit der Sternangel ein büschen nach, streckte dann in gebückter Stellung ihren Kopf auch noch durch das Loch und spie hinter ihr her.

»Die Schande will ich dich ersparen, daß ich dich heut nacht deinem Sohne vor das Angesicht stelle und sage: Mensch, siehe, das ist deine Mutter! Pfui, pfui, pfui!«

Dann ist Magretjen über die Heide gelaufen; denn der Hahn krähte zum dritten Male.

»Aber die Sternangel,« sagt sie, »hab' ich mir mitgenommen und habe damit Fiekchen Reefsen aus dem Slafe geweckt.

»Gott's Gnad, ist das eine Arbeit, das Mädchen släft als Kaiser Baberossa in seinen Berg; und hat zuerst nach dem Milcheimer gegriffen, weil sie gedacht hat, es ist Zeit zum Melken. Wie sie aber das neumodische Instrument gesehen hat, ist sie zu sich selber gekommen und hat die mitternächtliche Aufführung aus mich herausgefragt.«

 

3. September.

Es hat einen großen Aufstand gegeben auf dem Moorhofe.

Wie Frau Holsten die alte Bolten durch das Loch in der Wand hinter dem Kuhstande in die Nacht geschickt hatte, ist die Bolten nicht in ihr Kämmerlein gegangen, sondern sie ist zu ihren Schwiegersöhnen und Töchtern gelaufen, und sie haben Rat gehalten, wie sie dieser unbequemen Wächterin ledig werden könnten.

Heute sind sie alle nach dem Hofe gegangen, auch der Erddüwel und Trina Renken und die suere Lake. Neun Köpfe. Und haben Klage geführt.

Lür Bolten ist gerade vom Felde gekommen und hat den Pferden Hafer geschüttet; denn es war Mittag.

»Laß sie man ruhig reden, Lür,« hat Fien Magretjen gesagt; »denn die Sache is nich halb so slimm als Trina Renken aussieht.«

Und weil Trina Renken mit ihr Maulwerk am fixesten ist, hat sie eine Red' gehalten – von das geschüpperte Huhn, das ihr gehört, das Fien Magretjen aber für sich reklamiert hätte und das doch Eigentum der Renken sei von ihrer Mutter her ...

»Renken, das lügst du,« hat Fien Magretjen geschrien, »du mußt dich das nich so leicht vorstellen, eine öffentliche Red' zu halten als ein Staatsanwalt; und du brauchst nich alle Finässen von dem Staatsanwalt mit Beslag für dich zu belegen. In der Stadt magst du die Leute so was erzählen, aber hier, Renken, hier blamierst du dich bis auf die Unterröck ...«

»Ich habe mich nur in der Hitze verhauen, Holsten. Aber du kommst deswegen nich aus deiner Ungerechtigkeit wie die Otter aus ihrer Haut! Jetzt red ich weiter: Es ist eine Abgunst in dir gegen uns alle; denn du willst dich bloß aus deine ärmliche Hüsung herausswindeln und willst dich einen Platz an dem Bauer seinen Ofen suchen, ehe bei dich die kalte Zeit kommt. Deshalb vernamst du uns als Bettelpack, Lumpengesindel, Bremer Stadtmusikanten, und was weiß ich; und es ist doch alles erlogen von dir ...«

Damit war aber auch Fien Magretjens Geduld erschöpft. Sie ist in Fiekchens Butze gelaufen und hat die Sternangel herzugetragen.

»Nu laß mich mal was sagen, Renken! Kannst du dich denken, was das für eine Angel ist?«

Fien Magretjen hatte von der nächtlichen Szene am Hühnerstall noch kein Wort geredet; denn sie wollte Lür Bolten das Herz nicht noch schwerer machen. Nun aber hat sie die Klagen wider Geffke Bolten und ihre Leute so hell aus sich hervorstreichen lassen wie die Sternschnuppen hervorstreichen aus dem Nachthimmel ...

»Ach Herr, es is gewesen wie bei das jüngste Gericht! Die dicke Trina hat vornan gestanden als der Erzengel Michael und hat die Posaune geblasen. Und Tietjen Wöltjen, der Torfgräber, was der eine Schwiegersohn von der Bolten ist, hat dazu den Donner gemacht, vor dem sich alle Grüften auftun; und die Deerns haben geschrien als die lüttjen Engel und haben mit die Arme geswungen als mit Flügeln. Und zuletzt, von das große Schauspiel angelockt, is mit einem Mal Lütje Bickhusen unter ihnen gewesen, der sich die ganze Zeit her wo anders niedergeslagen hatte, und hat gerufen: Jawohl, dieses könne er sagen, daß ich ein Maulwerk hätte als 'ne Klappermühl am rauschenden Bach, und ich klapperte mich da etwas zusammen, daß ein Mensch von Anstand nich dagegen auskommen könnte.

Und ich wäre dagegen auch nicht lange aufgerechtgestanden; das hab' ich nun woll gemerkt, indem sie sagten: ich wäre bloß dazu da, andern Leuten die Suppe zu versalzen, weil ich sie selber essen wollte. Ich wär 'ne alte Heideuhl, die mit ihre Augen draußen klappen möchte, wo ich mein Uhlenloch hätte.

»So haben sie mich mitgespielt, und ich habe geschrien: Lür Bolten, nu tritt du mal 'ran! Du willst der Bauer sein und kannst nichts als den ganzen Tag in deinen Äckern rumwühlen als ein Maulwurf? Willst du, daß diese Leute recht behalten über dir?

Und das muß ich sagen: an Lür Bolten bin ich nich zuschanden geworden.

Zuerst hat er die alte Bolten an dem Arme genommen und hat sie in ihre Kammer gesperrt. Dann hat er sich das Schemelbein gelangt, das ich für die Bolten paratgelegt hatte, und hat die Haustüre aufgemacht.

Gesagt aber hat er kein Wort.

Das war auch gar nich nötig; denn er ist eines Hauptes länger als alles Volk gewesen – wie der König Saul; und mit das Schemelbein hat er nich etwa auf die Fülister eingeschlagen, als Simson mit dem Eselskinnbacken – nein, das Schemelbein hat er sich nur als Arm in die Hand genommen und hat sich damit an den Weg gestellt zur Türe. Als ein richtiger Wegweiser hat er dort gestanden und auf ihm ist zu lesen gewesen: 'naus!

Das haben sie ja auch nun alle lesen können und haben sich so leise davongeslichen.

Zuletzt Trina Renken.

Einen richtigen Stank hat sie mit ihren swefeligen Redensarten über das Flett gesmissen.«

*

Nun ist Fien Magretjen wieder helläugige Hoffnung für Lür Bolten:

»Wenn er diese Slacht geslagen und gewonnen hat, ohne ein Wort zu sagen, so wird er auch die Slacht gewinnen gegen sein Schicksal.«

 

4. September.

Aleit Holsten ist fort vom Moorhofe!

Kein Mensch weiß, wohin sie gekommen ist.

Sie ist gestern abend sehr bedrückt von daheim fortgegangen. Lür Bolten hat gedacht, sie ist in die Nachbarschaft, um die Gedanken an den häßlichen Streit zu vergessen.

Lür ist nach Mitternacht in die Hütte Fien Magretjens gekommen und hat seine Frau gesucht.

Aber es hat kein Licht in der Heide gebrannt, dem er hätte nachgehen können.

 

5. September.

Nun ist die Zeit da, vor der Fien Magretjens Herz so sehr gebangt hat; sie ist aus ihrer Hütte gegangen und ist auf den Moorhof gezogen, um Lür Bolten tragen zu helfen, was für die junge Kraft Aleits zu schwer gewesen ist.

*

»Von Anfang an ist der Mensch immer schon dumm gewesen. Wenn ich das gewußt hätte, hätt' ich mir keine Frau genommen, sondern einen Mann.«

Das ist ein Wort von Lür Bolten aus dieser Zeit.

Fien Magretjen ist aber damit nicht einverstanden, und sie sagt:

»Mit solch eine Meinung kann ich nicht mit dir übereinstimmen, Lür. Wenn du dich einen Mann genommen hättest, so hättest du etwas für die Arbeit aufs Feld gehabt. Aber der Mensch braucht in gute un slechte Zeiten etwas for sein Gemüt – un dazu is eine Frau gerade das Richtige.«

Fien Magretjen scheint wie die Sonne an einem Sommertage.

»Es is alles nich halb so slimm, als es die Leute machen; denn das Schicksal hat sie alle zusammen schon höllisch bei die Ohren gekriegt und aufgeslagen wie der Pottmann die Potte, die er in seiner Kiepe auf dem Buckel in die Dörfer steppt.

Er nimmt denn immer einen raus und haut ihn auf den Rand von das Gestell am Korbe. Daran sollen die Leute sehen, was ein guter Pott ist. Und siehst du, Lür, das Schicksal ist ein richtiger Pottmann – opstunns hat es dich in der Hand und klopft dich auf, bloß damit es bezeigen will, was du für einen tüchtigen Pott bist. Die andern brauchen gar nich zu lachen. Und wir müssen da nicht die Flüchten sleifen lassen als eine Gans, der die Federn zu stark ausgerupft sind, sondern wir lassen uns man en büschen aufslagen und sagen: Slag du man zu – uns slägt keiner einen Riß als der Tod!

»Un nun laß man den Kopf nich hängen, Lür. Es is auch keine Sache danach, daß wir etwa einen Steckbrief hinter sie herlassen. Es is ihr man ein büschen zu tüchtig gekommen. Und das muß ich selber sagen: so'n halb Schock Düwels als die, die könnten auch mich mein Butterbrot versalzen! Du hast dich in diesen keine feine Verwandtschaft zugelegt, Lür Bolten, und als eine ›Schöne Aussicht‹ kannst du den Moorhof auch wirklich nicht ausrufen. Du mußt denken, so 'n Mädchen hat noch nix nich belebt, und wenn sie nu auch nicht gerade vor einem großen Pott mit Speckfett gesessen hat in ihr Haus auf der Heide, so hat sie doch immer was zum Aufstreichen aufs Brot gehabt und ist satt geworden. Es ist auch einen schönen, stillen Frieden um sie gewesen daheim.

»Ich bin nich der Meinung, daß sie mit dem Schützenfestkerl, dem Lüttje Bickhusen, durchgebrannt ist, denn so dumm is sie nich; und daß sie von dem aus nich in einen Paradiesgarten gesetzt wird, das hab' ich ihr so lange vorgesagt, bis sie es auswendig gewußt hat. Aber ich sage: wenn der ihr wirklich wieder mal was ins Ohr gesetzt hätte, und sie hätte auf diese Blindsleiche gehört als Eva an dem Apfelbaume – dann wollte ich sie mal hochnehmen! Dieses mußt du mich übertragen, indem ich in solchen Dingen gut Bescheid weiß; und du hast dabei weiter nichts zu tun, als zu sagen: Aleit, ich verachte dir. Pfui.

»Weißt du, dieses ›Pfui‹, das mußt du denn so aus das Herz heraufholen und nach ihr smeißen als in der Bibel steht: und sie steinigten ihn. Das andere überläßt du mich. Ich will ihr den Verstand so 'n büschen in die Mache nehmen.«

An diesem Tage wurde Fien Magretjen nicht fertig mit ihrer Rede, denn auf einmal flog die Tür auf, und Hein Lerz rollte herein als so ein kleiner Rosenapfel, verpustete sich ein Endchen und sagte: »Lür Bolten, du sollst eben mal fix nach Hüttendorf kommen. Der Herr Schulmeister schickt mich, und es sind feine Leute da mit großen Stangen, schwarz und weiß angestrichen, und mit lange Meßbänder. Die Stangen haben sie in die Erde gestochen, wiel daß die Eisenbahn sonst nich weiß, wo sie laufen soll. Du sollst man eben kommen, Lür Bolten, denn sie hätten mit dir wichtig zu sprechen, ob du das leiden willst, daß die Lakmotiv auf deine Felder rumlauft ...«

»Lür Bolten, das ist dich zu deinem Heile!« hat Fien Magretjen gerufen. »Hurra, und von heute an hat der Pottmann mit dich nichts mehr zu schaffen. Entzwei bist du nich geworden, und einen Riß hast du auch nich gekriegt! Nu mach dich mal ein büschen nett, Lür Bolten. Ich lauf immer voran und will ihnen sagen, daß du schon auf dem Wege bist.«

Und damit flatterte Fien Magretjen aus dem Hause und flatterte dem Hein Lerz nach – der Junge hat schnelle Beine, aber nicht lange, so hatten ihn die schnelleren von Fien Magretjen ein: »Siehst du, Jung, deine Beine sind zehn Jahre, meine aber sind fünfmal so alt ... deshalb können sie auch das Laufen besser.«

Bei Friech Lerz auf dem Flett haben die Herren von der Kommission gesessen, vornehm und nachdenklich haben sie gesprochen, aber Fien Magretjen hat ihnen ihre hellen Augen und ihr blankes Herz zugeworfen –

»Meine Herren,« hat sie gesagt, »der Mann, der jetzt unterwegs ist auf Ihr hohes Gebot, dieses ist ein swergeprüften Mann. Und nu wollen Sie auch noch kommen? Ich weiß, Sie haben nich viel zu fragen, ob einem solchen Manne ohl oder wehe geschieht – Sie üben sich in Ihre Pflicht. Aber Sie müssen bedenken: das Heideland, durch das Sie Ihre Lakmotiv laufen lassen, das kostet Sie kein Geld. Der Mann jedoch, der seine Wiesen und seine Felder hergeben muß, das is ein Swergeplagter, und er hat mit dem Sweiße seiner Stirne gedüngt und mit das Blut aus seinen Händen. Blut und Sweiß sind ein wertvoller Dung, Ihr Herren, und mit Eueren langen Metermaßen meßt Ihr dem Manne das Grab, wenn Ihr slecht rechnet mit seine Felder ...«

Mitten in diese Rede Fien Magretjens hinein trat Lür Bolten.

Ja, dem Manne konnte man es ansehen – er war ein Schwergeplagter.

Einer von den Herren hat ihm auseinandergesetzt: die Eisenbahn kommt; wir brauchen deine Felder – sie läuft quer über das Ende des Moorhoflandes – bist du zufrieden, wenn wir dieses Stück Land dir mit sechstausend Mark bezahlen?

Als Fien Magretjen diese Summe nennen hörte, hat sie die Hände in ihrem Schoße ineinandergelegt, denn sie hatte sich in einem Winkel auf einen Schemel gesetzt und wollte bei der Hand sein, wenn das Schicksal in Gestalt einer Kommission zu Lür Boltens Leide gerechnet hätte. Aber sechstausend Mark – das Wasser rann Fien Magretjen in den Augen zusammen, und blanke Tränen rollten auf ihre zitternden Hände.

Lür Bolten hat gesagt: damit nähmen sie ihm eine große Last von den Schultern – er könnte sich nicht so rasch ausrechnen, wieviel es Land sei und was für einen Wert es hätte; aber er wäre überzeugt, daß man gut und ehrlich mit ihm verfahre, und weil sie ihm nun sechstausend Mark böten, so sollte das Geschäft fertig sein.

*

Mit so leichtem Herzen ist Lür Bolten nie über die Heide geschritten! Und Fien Magretjen ist um ihn herumgesurrt als eine Bien' um die Blume.

Wir leben nicht in einer Zeit der Wunder – aber es ist dennoch ein Wunder geschehen! Dem Lür Bollen ist geholfen.

*

Renate Gregor und Gerd Odersen haben sich versprochen.

 

Ende Oktober.

Die Schwalben haben sich längst fortgestohlen von den Rainen. Es wird spät im Jahr, und ein früher Winter ist auf dem Wege.

Auch bei mir.

Es ist wehmütig, dies stille Vergehen zu sehen, und es ist fast traurig, zu fühlen, wie die letzten Blüten fallen, die mir das Leben gab. Ich bin in den Tagen, deren jeden man betrachtet als ein Geschenk.

*

Lür Bolten hat das Geld für seine Felder erhalten – nun wird er wieder gegen alles stehen als ein fröhlicher Kämpfer.

Es hat keinen Tag vorher die nötigen Leute beschafft, ehe er nicht das Geld ausgezahlt bekommen hatte. Er braucht zwei Mägde und einen Knecht. Aber – nun ist die Leutenot, und nun ist der üble Ruf, in den die Verwandtschaft den Moorhof gebracht hat. Dahin wird keiner dienen gehen wollen.

Fien Magretjen hat treu zu ihm gestanden durch alle Not.

Sie haben sich mit Geffke Bolten geeinigt: Lür zahlt ihr ein Jahrgeld bis zu ihrem Lebensende, und er bezahlt dem einen seiner Schwäger, der der Alten Wohnung gibt, eine kleine Mietsumme.

Damit ist der Friede eingezogen auf dem Hofe.

Fien Magretjen hat für Lür Bolten in diesem Herbste gewacht von Tau zu Tau, von Finsternis zu Finsternis; denn sie hat vor dem Morgengrauen im Joche gestanden und hat den Riegel vor die Türe geschlagen, wenn die Mitternacht auf dem Wege war.

Sie hat das Haus blank gehalten vom Flett zum Boden, und kein Seufzer ist ihr in den Staub gefallen.

An dem Tage, an dem Lür Bolten mit dem Gelde gekommen ist, haben sie miteinander beraten, woher sie Gesinde nehmen sollten.

»Weißt du was, Lür Bolten?« hat Fien Magretjen gesagt, »wir setzen das in die Zeitung! Hier hast du ein Papier ... na, ich hatte doch hier mal ein Endchen Papier aufgehoben ...«

Fien Magretjen stand auf dem Schemel und nahm die Leuchter und den alten Zinnkrug von ihrem Platze auf dem Wandbrett ... »Ach so, in das Kalenderbuch! Da ist es schon! Und hier hast du auch einen Bleistift ...«

»Ach weißt du, Magretjen, ich bin da nich so bewandert darin; ich schreibe eine ganz gute Handschrift, aber wie man das Wort setzen muß, damit sie auch gleich wissen, was gemeint ist ... Am Ende gehst du doch lieber mal zu Per Segelken ...«

»Na, so laß mich erst mal probieren, Lür. Siehst du, da ist eine Zeitung, und nun: wir sehen uns an, wie das die anderen drucken lassen ... Da ist es – und wir schreiben ... nu paß mal auf, ob du da klug aus wirst. Du mußt dich denken, du wolltest dich selbst als Knecht verdingen und suchtest nu eine Stelle. Ich schreibe ... aber ich will es erst mal auf die alte Schiefertafel aufsetzen, Lür, damit wir nich das schöne Papier versmieren. Obendrauf schreiben wir ›Einen Knecht gesucht, for sofort‹ ...«

»Wenn du das schreibst, Holsten, so mußt du sagen: ›für‹, nich ›for‹; denn ›for‹ is nur für das Sprechen richtig.«

»Und nun weiter: ›Dazu eine Kleine und eine Große Magd. Diese drei bei Lür Bolten im Moorhof bei Hüttendorf‹.«

»Und nun hat dieses seine Richtigkeit. Morgen legen wir zehn Groschenmarken ein und schicken das an die Bremer Nachrichten; denn wollen wir mal warten auf den Affekt; denn so heißt man das, was danach kommt.«

*

Der Knecht und die zwei Mägde sind gefunden.

Es ist auch noch eine dritte gekommen, ein starkes schönes Mädchen von fünfundzwanzig Jahren. Sie ist bis jetzt daheim gewesen, aber nun ist der Vater Bauer ein Häusler geworden, und für die Tochter war kein Platz mehr daheim. Das Mädchen hat geweint, als es gekommen ist. Das hat Fien Magretjen in die Seele geschnitten –

»Es is slimm um deine Geschäften ... Aber wir haben ja nun auch keinen Platz for dich. Doch, wir wollen da eben mal zu Friech Lerz laufen.«

Nun liefen sie zu Friech Lerz über die Heide –

»Deern, ich will dich was sagen: der Mann, das ist einen Mann! Der hat vor ein Jahr mit nichts angefangen und ist nun auf dem Wege, der erste Bauer zu werden. Seine Frau ist ihm aber totgeblieben in der Winterszeit, und bis jetzt hat er sich mit zwei Frauen im Taglohn beholfen. Wenn dir an einer Stelle gelegen is, die mehr wert ist, so halt mal deine Augen offen; denn Friech Lerz sucht nich nur eine Magd, er sucht auch eine Frau. Und eine wie dich tät ich ihm wohl gönnen.«

Friech Lerz hat die Magd genommen.

So läuft auch dort wieder alles zurecht.

Aber der Tag war noch nicht zu Ende.

Sie saßen bei Lür Bolten zum Nachtmahle neben dem Herde auf dem Flett: der Bauer, Fien Magretjen, der Knecht und die beiden Mädchen. Draußen war es schon ganz finster, ein Novemberwind wehte in den Oktober herüber und ging suchen, ob es schon Zeit für ihn wäre.

Der Regen rann leise durch die Nacht –

Da ging die Türe zum Flett, und ein Weib trat herein und blieb in dem halben Lichte stehen, das um die Türe spann.

»Es wird eine Magd gesucht auf diesem Hofe; ich wollte fragen, ob ich kommen könnte ...«

Ein Tuch trug sie um den Kopf, das ihr Gesicht fast verhüllte und sah vor sich nieder auf die runden Steine des Fletts, über denen der Niederschlag des feuchten Spätherbstwetters glänzte.

»Kommst du von weit her?« fragte Fien Magretjen; denn sie sah: die Schuhe des Weibes waren, als hätten sie einen langen Gang getan. Sie trug ein Bündel in der Hand, das war aus einem blauen Leinentuche geknüpft.

»Von Bremen,« sagte die andere.

»Und wo willst du denn bleiben diese Nacht?«

»Ich dachte, wenn ich hier dienen könnte ...«

»Du siehst, es ist kein Platz frei ...« und damit zeigte Fien Magretjen auf die beiden Mägde am Tische und ihre Worte waren voll Mitleid. Sie ging ein paar Schritte auf die Fremde zu.

Die aber breitete ihre Arme aus und schlang sie um Fien Magretjens Hals und sagte aus ihrem rinnenden Weinen: »Mutter, o Mutter!«

Da liefen auch Fien Magretjen die Augen über; denn sie hatte die Fremde längst erkannt, aber sie wendete sich nun dennoch und ging an ihren Platz.

Lür Bolten stand auf, da er diese Stimme hörte, und das Messer fiel ihm aus der Hand, und er lehnte hoch und stark an dem Herde und sah auf das fremde Weib.

»Wo bist du gewesen, Aleit?« fragte er mit seiner warmen tiefen Stimme.

Aber er tat keinen Schritt ihr entgegen. Und der Klang seiner Stimme rief nicht nach ihr.

Darum tat auch sie keinen Schritt vorwärts. Aber sie legte ihr Bündel an die Erde, knüpfte die Zipfel des blauen Leinentuches auf und fand ihr Dienstbuch zu unterst der mancherlei Dinge ...

»In dieses Buch ist es eingeschrieben ... Ich bin dienen gewesen ... zwei Monate. Es war eine alte bettlägerige Frau ... Ich habe sie gehoben von einem Lager zum anderen und habe sie gehalten, bis ihr die Augen zugefallen sind in ihrem ungeheuer schweren Sterben. Ich habe sie auch gehoben auf ihr letztes Bette. Lür Bolten, Mutter, o Mutter, das ist eine Not gewesen! Aber ich habe warten müssen auf dieses Sterben; denn es hätte niemand zu der Frau gewollt, wenn ich gegangen wäre. Und ich habe auch warten wollen. Gestern haben wir sie begraben. Da las ich heute in der Zeitung, daß sie eine Magd suchen auf dem Moorhofe ... als Magd wollte ich nun dort sein, wo mir es als Frau nicht gut genug gewesen ist. Ich habe gesehen, was Leiden heißt, und habe darüber erkannt, daß ich glücklich gewesen bin und wußte es nicht ...«

Da wurden allen die Augen trübe.

»Und du weißt nicht; wo Lütje Bickhusen ist?« fragte Fien Magretjen.

»O ja, das weiß ich. Lütje Bickhusen ist noch viel schlechter geworden. Er spielt sich in der Stadt auf als der Bauernsohn und vertrinkt den Teil des Gutes, der ihm gehörte ... Wißt ihr, von wem das gesagt ist?«

»Deern, Deern, das hast du gut gesprochen! Aber – wir müssen uns da doch noch mal über auseinandersetzen, indem du dich eine ganz neumodische Art angelernt hast, dir unsichtbar zu machen. Ich habe zuerst for dich gesprochen bei Lür Bolten ..., ich werde wohl auch nun ein gutes Wort für dich finden.«

Lür Bolten ging auf seinen harten Schuhen über das Flett und trat zu ihr –

»Du bist wiedergekommen, Aleit,« sagte er. Und sie standen sich einander gegenüber, und der Frau Herz schrie in ihrer Brust: tu deine Arme weit auf und wirf sie um diesen Mann – aber es war eine große Furcht in ihr; denn sie sah in seine stillen dunkeln Augen und wußte nicht, was diese Augen zu ihr sprachen. Dann griff er nach dem Buche, in dem es ihr bezeugt war, was sie gesagt hatte.

Da trat Fien Magretjen an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Achsel:

»Ich will dich etwas sagen, Lür Bolten: wenn du ihr als Magd nehmen willst, so nimm ihr. Und wenn du ihr als Frau nehmen willst, so nimm ihr auch. Kein Mensch ist zu gut for eine Dummheit – der eine ein büschen mehr, der andere ein büschen geringer. Du bist der Herr zu ihr, Lür Bolten, so oder so ... und wir alle wollen ja einmal vor unseren Herrn treten mit unserem Schuldbuche unter dem Arme und wollen ihn bitten: Herr, nimm uns wieder an in Gnaden.«

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