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Das Haus zur Flamm'

Helene Böhlau: Das Haus zur Flamm' - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Haus zur Flamm'
authorHelene Böhlau
year1907
firstpub1907
publisherEgon Fleischel
addressBerlin
titleDas Haus zur Flamm'
pages373
created20140310
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als Jonathan Baumgarten seinen Weg zum Bezirksgefängnis weiter fortsetzte, als ein im Lebenstraum Befangener, als einer, der Wunder erlebt, ging Marianne dem Berghause langsam zu, in der tiefsten Bewegung ihres Daseins.

Sie stand lange an der Haustüre und verbarg ihr Gesicht in dem kühlen, zarten Aprikosenlaubgefieder des alten Hauses. Die glatten Blätter berührten ihre Wangen und Augen schmeichelnd. Das grüne, kühle Laubkleid ihres geliebten Hauses war wie das Kleid der Mutter, in dessen Falten das Kind sich schutzsuchend drängt. Alles still und dunkel. Schritte – eilige Schritte in nächster Nähe. Es kam jemand in leichten Sätzen dem Hause zugelaufen.

›Hermann!‹ dachte Marianne.

›Mutter!‹ Ihr Sohn schlang den Arm um sie. ›Ich habe dich gsucht, Dumm's Dumm's,‹ sagte er zärtlich und heiter anmutig, wie nur Marianne Gamanders großer Bub es konnte. ›Was fällt dir denn ein, mich so zu ängstigen!‹

Marianne war nicht Herr eines Wortes. Sie hielt sich bebend an ihm. Sie strich ihm zärtlich über das feste, lockige Haar.

›Was ist dir? Liebling? sag's, – quäl 220 mich nicht.‹ Marianne fand immer noch kein Wort.

›Weißt du, das ist außer dem Spaß, wie ich herumgerannt bin! Komm, wir gehen hinauf.‹ In seiner Stimme sprach sich größte Sorge aus. ›Bist du denn müde, Schatz? Hab ich dich wieder unter Dach?‹ Er führte sie sorgsam und zärtlich die noch erleuchtete Treppe hinauf. ›Was fehlt dir denn, Goldele? Weißt du noch, wie wir früher spielten: ich kenne Sie nicht? Spielen Sie das vielleicht, gnädige Frau? Es ist gar noch nicht so lange her, als wir das das letzte Mal gespielt haben. – Wie lang etwa?‹

Marianne Gamander lächelte. ›So, nun ist alles recht.‹ –

›Dummer Bub,‹ sagte sie weich. Sie waren eben in Mariannens dunkles Zimmer getreten.

›Die Lampe! Wart.‹ Er zündete die schöne Benareslampe geschickt und leise an. ›So, jetzt ruh dich aus.‹ Er führte sie zu ihrem Sessel am Schreibtisch, kniete neben ihr nieder und legte seinen Kopf an ihre Schulter. ›Hast du vielleicht über irgend etwas nachgedacht, du weißt, das kannst du nicht vertragen. Bei meinem Mutterle muß alles wie vom Himmel fallen, sonst bekommt sie schlechte Laune. – Sieh mir in die Augen.‹ Das hatte Marianne von 221 jeher zu ihrem Kinde gesagt, wenn sie mit ihm ernst über etwas redete.

Und sie sahen einander in die Augen, in die braunen, warmen, leuchtenden Augen. Marianne mußte wieder lächeln.

›Etwas Schlimmes ist dir nicht begegnet, Liebling?‹

›Nein,‹ sagte Marianne, ›lieber Bub. – Mir ist das größte Wunder begegnet. Denk: ich weiß jetzt, was es heißt als Weib einen Mann wirklich lieben.‹

›Du?‹ sagte er. ›Liebling! – Aber wen? Onkel Bernus unmöglich? Wen, um Himmels willen? Wer ist denn hier? – Und eben? – Eben hier? –‹

›Ja, Schatz.‹

›Also, das ist mir unbegreiflich. – Ich weiß doch alles von dir? Du hattest doch nie ein Geheimnis?‹

›Nie, Kind – auch jetzt nicht vor dir und werde es nie haben.‹ Sie sah ihn tief und ernst an. – – ›Jonathan Baumgarten ist es, Hermann.‹

In des Sohnes Auge lag Schreck und Sorge. Seine Arme ließen für einen Augenblick Marianne Gamander frei. Für einen Augenblick. ›Sei es wie es sei,‹ sagte er dann fest, ›was du tust und fühlst, kann mir nicht fremd bleiben. Wer sollte dich kennen, wenn ich nicht?‹ Er umschlang sie tief bewegt.

222 ›Mein Kind! Mein . . .‹ Sie konnte nicht aussprechen. – ›Du erschrakst.‹

›Ja, – im ersten Augenblick, – aber wir kennen einander, gelt, Liebling? Das ist ja so ziemlich das Närrischste, was dein Herz dir antun konnte. – Dich konnte doch nur ein Büßer locken. Weißt du, Liebling, – davon hast du natürlich gar keine Ahnung, wie toll das ist. Weißt schon, toll für andere.‹ Er streichelte sie. ›Ich werde aber versuchen, dich ganz zu verstehen, erzähle mir, wie kam das? Was spracht ihr?‹

Marianne erzählte ihrem Sohne, während sie sich fest umschlungen hielten. Sie beichtete getreulich und von ganzer Seele.

›Goldele, da hast du mir einen schönen Gegenkönig . . .‹

Marianne Gamander schluchzte fast auf.

›Nein, erschrick nicht! – Ich meine nur, was muß ich nun tun? Versuchen ihn zu lieben? – Wenn er dich verdient, ist er dir verwandt. Hoffen wir auf diese Logik . . .‹ sagte er stockend, kämpfend.

›Nein, nein – du brauchst dich nicht anzustrengen, bleib, wie du bist, – da ist niemand, der zwischen uns treten könnte.‹

›Gelt, Mutterle, – das gibt's nicht? 223 ›Aber eins, ich gönne dir alles Glück auf Erden, ich hab dich so viele Jahre ganz ohne Frauenglück gesehen, und ich weiß, daß du alles für mich ertragen hast. Wenn wir zusammen sind, dann nehmen wir nichts schwer? Was dir natürlich ist, lern ich begreifen –; aber, aber, du wirst doch nicht langweilig werden? Um Gottes willen nicht. – Dann fürcht ich mich vor dir. Ach, Mutterle.‹ Er legte den Arm innigst um sie, ›du tust ja doch, was du willst, und was du willst, wird gut werden; aber werd nicht langweilig, denk immer an unser Lachen, dann brauchen wir uns nicht zu ängstigen. Wir wollen immer zu unserm Lachfrieden gelangen. – Wir werden uns dann auch mit der neuen Liebe einrichten. Uns zwei, die aneinander gewachsen sind, wird sie nicht stören. Den Büßer lassen wir halt ins Haus, so lang, – so lang es uns zweien gefällt, gelt? Gefällt's uns nicht mehr, dann lassen wir uns verleugnen. – Dann wär's ein Vorübergänger mehr, der sich bei uns wärmte. – Werden sehen – mit unsern vier Augen. – Siehst du, Goldele, ich könnte jetzt auch dummer Kerl sein, mit würdigen Worten, – – oder ich könnte als ethischer Mustersohn in Tränen und Wut dich verstoßen. Ich bin es doch, der an der Reihe zu lieben ist –, oder ich 224 könnte auch nur in Wut sein – ganz nach Belieben. Aber gelt, wir ziehen nicht alle Keiche Nr. 3 ins Gefängnis zum goldenen Zeitalter, wie er sagt?‹ Marianne lachte etwas. – ›Gottlob!‹ rief Hermann, ›noch ist nicht alles verloren! – Sie lacht! Verlern mir nur um Gottes willen das Lachen nicht. Hättest du mich mehr als Heuchler, so als echten Bronzeheuchler erzogen – würde ich dir auch jetzt nicht alles sagen, wie ich's meine. Weißt du, und wenn ich dir unbequem bin und du mich zu frech findest, macht nichts, ich bin ja doch dein und du mein. Und auf einen Jugendstreich meiner süßen Mutter war ich immer vorbereitet. – Da haben wir das liebe Gut! Aber nicht wahr, Goldele, es bleibt bei uns beim alten? Wahrheit! Unsere gute Wahrheit in allen Dingen – immer und ewig. Das gibt's nicht, daß etwas oder jemand zwischen uns könnte. Laß ihn deinen Sommertag sein. Ich aber bleibe deine Ewigkeit.‹

Erregt, zwischen Lachen und Weinen hatte Hermann gesprochen. Marianne war tief bewegt von ihrem großen, großen Reichtum.

Sie, die niemals im Leben geliebt hatte, hatte heute Liebe wundervoll empfunden. Und jetzt erlebte sie das Schönste mit ihrem ungezogenen Bub, dessen kühnes Im-Leben-stehen sie durch seine Laune 225 hindurchspürte. – Und wie fühlte sie seine innigste Wärme, seine zitternde Sorge, sein Zu-ihr-gehören – in allen Fällen. Ja, er war ihr Eigentum und sie das seine.

Und sie dachte: wie schwer es ist, einen Menschen sich selbst zu erringen, ihn zu halten und ihn aus ihm selbst heraus zu lieben. – Welches Lauschen, – welche große, große Geistesarbeit! Wie an einem Kunstwerk hatte sie an ihm gearbeitet. Das, was sie am schönsten empfand, den Mut zur Wahrheit, hatte sie ihm leidenschaftlich gegeben – und die Grazie dazu, die in ihm lag, gepflegt; die fast schrankenlose Wahrhaftigkeit, die nie kalt und grob wurde, trieb bei ihm lustige Blüten.

Wie sie ihn liebte, ihren Lebensschatz, ihren unendlich guten, reinen Bub.

Wie ein väterlicher Mann sagte er jetzt besorgt zu ihr: ›Was wirst du aus dem Büßer machen? Staatsanwalt kann er nach diesem Umweg nicht mehr werden, und in seinem engen Häuschen wirst du ihn auch nicht lassen? Ich glaube, du verstehst's, eine Kanonenkugel zu einem Knödel zu streicheln. – Ich bin doch auch so eine Art Kanonenkugel gewesen, wenigstens ein sehr harter Knödel.‹

›Du dummes Stück lebendige Natur,‹ sagte Marianne.

226 ›Was du bist!‹ lachte er.

›Ach, Bub, wir beide gehen wie Könige durchs Leben.‹

›Ach was, Könige! uns gehört ganz einfach die Welt. Wir sagen, was uns einfällt. Wo zwei oder drei – nein zwei zusammenhalten, ist überhaupt immer eine Welt. – Weißt du, – aber zusammenhalten! – das verstehen sie alle nicht. Dazu sind sie nicht heiß genug, sie frieren immer wieder auseinander.

›Ich habe oft gedacht, wenn ich heimkam und die Abendsonne auf unser Berghaus schien, daß die Fenster blitzten: da oben brennt eine Flamme, daran könnten sie sich alle, alle wärmen. Ein ganz einfaches Feuer, das allen Unsinn wegbrennt. Und dies Feuer brennt in deinem Herzen. Ich glaube auch in meinem. Eigentlich können wir tun, was wir wollen. – Aber wir wollen den Büßer nicht heiraten! – – Uns schadet zwar nichts – nur feste zueinander halten! – dann deixelt sich alles. Komm, wir rauchen eine Zigarette zusammen.‹

Marianne sah ihren Jungen voll tiefer Liebe an. Ihr war, als zeige man ihr in ihrer verborgenen heißen Lebensquelle ihr Spiegelbild.

Sie war ganz still geworden. Hermann 227 streichelte sie, brannte ihr ihre Zigarette an, setzte sich zu ihr und sagte in Kinderart: ›Jetzt erzähl mir eine Geschichte.‹

Marianne sagte: ›Heute habe ich genug erzählt, erzähl du, mein Goldkind.‹

›Da werde ich meiner jungen Mutter eine moralische Geschichte erzählen, die sie mir zur Warnung und Weisheit einprägte – mir zum Schutze – – schon vor Jahren – – sehr vorsichtig. Bei wie manchem Ehepaar sagte sie: die waren auch nicht löwenklug. Also: weißt du, – Geliebtes, es gibt Dinge . . .‹

Seine Augen blickten so bewegt und so gut und mit einem leichten, weichen Humor in die tränenvollen Augen seiner Mutter.

›Also: in München da gibt's ein Haus, da steht an der Türe Standesamt. Stell dir vor – so etwas! – Und vor der Türe standen einmal zwei richtige lebendige Löwen. Da sagte der eine zum andern: Du, da drin ist's gefährlich. – Es gibt nichts Gefährlicheres auf der ganzen Welt. – Es ist stärker wie ich. Guck durchs Fenster, da steht Baldrian drin und Selterswasser und Brom und ganze Flaschen voll Natron und Gläser voll Veronal, oder wie's heißt, und Schachteln voll Morphium und Gott weiß was, das 228 bekommen all die, die hineingehen, sonst wachen sie auf und tun's nicht. Da guckte gerade der Standesamtsbesitzer heraus und sah die Löwen stehn. Und weil er eben nichts zu tun hatte, rief er ihnen zu: kommen Sie nur herein. Es tut nicht weh. Sie haben nur ein Wörtchen zu schreiben, und damit Sie das tun können, bekommen Sie Baldrian, Selterswasser und Brom, ganze Flaschen voll Natron – wenn Sie wollen – und Gläser voll Veronal, oder wie's heißt, und ganze Schaufeln voll Morphium und Gott weiß was. Alles umsonst. Dann ist's eine Kleinigkeit. Da zogen aber die Löwen die Schwänze ein und liefen davon. – Gelt, Liebling, die waren gescheit? – Gelt, wir sind's auch?‹

Marianne und ihr Bub kamen in ihr friedvoll gutes Lachen. Und mit erleichtertem Herzen sagte sie: ›Geliebtes, schlaf wohl.‹

Er zündete Mariannens Leuchter an, löschte die Lampe und brachte seine Mutter an die Tür ihres Schlafzimmers.

›Gott segne dich.‹

›Gott segne dich,‹ sagten sie noch einmal beide zueinander, ehe sie sich trennten.

Es war Freitag.

Marianne, als Tochter einer frommen Jüdin, 229 brannte, wie sie es ihr Lebtag zu tun gewohnt war, ihre zwei Freitagslichter an, um zwischen ihnen zu beten.

Aus der alten Gewohnheit ihrer Mutter hatte sie sich selbst einen Gottesdienst gebildet, an dem sie, so lange sie denken konnte, demütig gläubig festhielt.

Sie schloß die Türe. Das tat sie zur heiligen Handlung gehörig und sagte leise: ›Hinaus, Welt, ich schließe meine Türe.‹

Dann nahm sie ihre blitzenden Ringe von den Fingern und legte sie in ein Kästchen. ›Ich lege die Freuden dieser Erde von mir und die Tränen dieser Erde.‹

Das sprach sie sehr leise. Nun entkleidete sie sich ganz langsam.

Bei jedem Kleidungsstück, das sie sorgfältig auf ihrem Stuhl vor dem Bette niederlegte, sprach sie:

›Die Hüllen, die mich von dir trennen; Einziges, Ewiges, fallen von mir.‹

Sie breitete die Arme aus.

›Unbekleidet stehe ich vor dir und doch in tausend Hüllen, in Dumpfheit und in Unbewußtheit. Segne mich! – Gib mir Kraft! Laß mich das Leben lieben als mein heiligstes Gut –, gleich, ob es 230 glücklich oder unglücklich sei. Laß mich wachsen. Laß mich friedvoll sein. Laß mich wahrhaftig sein.‹

All das sagte sie langsam in großen Pausen, die Arme unbeweglich weit ausgebreitet. Darauf hüllte sie sich in ihr langes, zartes Nachtkleid, fiel auf die Kniee und betete heiß und innig: behüte mein Teuerstes auf Erden, mein Herzenskind. Laß ihn, wie er ist, erhalte ihm Gesundheit. Laß die Torheiten, die er lernen und in sich aufnehmen muß, seinen Geist nicht trüben, sein Herz nicht verengen. Laß ihn stärker sein als all den fremden Unsinn. Segne ihn – erhalte ihn – beschütze ihn.

Darauf betete sie wortlos für den, der ihr seit heute nahe stand, der ihr die Seele entflammt hatte.

Als sie sich niederlegte, die Lichter gelöscht hatte, versank sie in den tiefen, traumlosen Schlaf, der ihre Schönheit stärkte, ihr die wundervollen Kräfte ihres Temperaments gab, in dem ihr ganzes Wesen, wie in einem kräftigen Erdreich wurzelte. 231

 


 

Am anderen frühen Morgen spielte Friedel im Berghausgarten. Er grub so eifrig und gebückt in der Erde, daß sein blonder Schopf fast den Boden berührte. Seine kleine Gestalt bebte vor Anstrengung.

Hermann kam des Wegs daher, vorsichtig auf dem Rasenrand, um das Bübchen nicht zu stören. ›Er macht's genau wie wir Großen alle, er krabbelt an Mutter Erde herum und glaubt Gott weiß was zu tun. Wie er sich anstrengt, der süße Kerl!‹ Das Kind sah wundervoll aus, wie eine lustige, rosige Blume. Hermann liebte das Kind, es war ihm nach seiner Mutter das liebste Geschöpf auf Erden.

Frau Gamanders dummes lebendiges Stück Natur, wie sie ihren Bub nannte, hatte ihr oft gesagt: ich liebe die vollkommenen Geschöpfe des Lebens, ich kenne nur zwei, aber die liebe ich. Möchte irgend eine Kunst wissen, die sie mir wiedergeben könnte, wenn sie verloren gingen.

›Friedel,‹ rief er jetzt, nachdem er dem schönen Kind eine Weile zugeschaut hatte.

Und Friedel stürzte auf ihn zu, die Hände voll Erde. Er schmiegte sich an seinen Freund an, als verstünde er die große Wärme dieses Herzens.

232 ›Magst uns, die Mariannele und mich?‹

›Da braucht's kein Geschwätz,‹ sagte das Kind.

›Ja, schau, das meine ich auch. Es braucht überhaupt sehr wenig Geschwätz.‹ Das Kind drückte sich an ihn.

›Was tust du am liebsten, Friedel?‹ fragte er.

›In der Erde wühlen.‹

›Ich auch, Friedel. Weißt du, narrbeiten,‹ sagte er, wie Friedel Arbeit auszusprechen pflegte, ›in der Schule ist nicht meine Sache; aber es muß sein, gerade die ekligsten Sachen müssen am ordentlichsten gemacht werden. In der Erde wühlen tut sich's von selbst.

›Du mußt ja auch schon etwas lesen und schreiben?‹

›Ja,‹ sagte Friedel, ›aber erst nur bei Muttchen und Moidel.‹

›Das ist nicht schlimm,‹ meinte Hermann.

›Nein.‹ So plauderten sie miteinander. Bald saß Friedel auf Hermanns Schulter, und sie schwätzten so auf das Verständnisvollste weiter. ›Wir haben einen Freund, Edwin heißt er,‹ sagte Friedel, ›der hat Muttchen lieber wie mich.‹

›Das ist doch leicht möglich.‹

›Woher?‹

233 ›Nun, dein Muttchen ist doch so lieb wie meins? Weshalb soll er sie nicht lieber haben wie dich?‹

›Ja,‹ sagte Friedel, ›er soll sie lieber haben; – aber er macht immer ein Versprechnis mit mir zu spielen – und dann vergißt er's.‹

›Das kommt vor,‹ sagte Hermann.

›Aber bei dir nicht.‹

›Weil ich dich wirklich und wahrhaftig lieb habe. Das ist etwas sehr, sehr Seltnes.‹

Marianne und Motte kamen auf die beiden Freunde zu. Friedel fühlte sich so riesenhoch und groß auf seiner Höhe und war voll Herrscherlust. ›Lauf!‹ rief er. Hermann ließ ihn aber von der Schulter herab, und Friedel rannte auf beide Frauen zu und klammerte sich fest um den Hals seiner Mutter, und Hermann küßte Marianne auf das innigste.

Nach dem Frühstück in der großen Laube vor dem Haus zog Hermann seine Uhr. ›Ich muß jetzt ins Städtchen.‹

›Weshalb?‹ fragte Marianne.

›In Keiche Nr. 3,‹ sagte er ihr ins Ohr. ›Höchste Eisenbahn.‹ Da war er ihr davon.

›Junge,‹ rief Marianne ganz erschreckt.

›Mußt dich nicht ängstigen,‹ rief er von weitem.

Marianne schaute ihm bewegt nach. ›Was hat 234 er vor?‹, dachte sie, aber ohne allzuviel Unruhe. Friedel kam angelaufen, setzte sich auf den Schoß seiner Mutter, umarmte sie innig und sagte: ›Hermann ist ein Esel –;‹ aber wie er das sagte, voll Liebesbewunderung und Treuherzigkeit.

 


 

Hermann lief in großen Schritten den Berg hinab. Es lag etwas Entschlossenes, Ernstes in seinem ganzen Wesen. Er ging wie ein Mensch, der eine Tat zu tun hat, bis zur Tür des Bezirksgefängnisses ohne Aufenthalt.

›Kann ich Herrn Baumgarten sprechen?‹ fragte er die Verwalterin, die das Vorhaus kehrte.

›Den Herrn Baumgarten? Da müssen Sie sich schon in den Holzschupf bemühen. Der Herr Baumgarten ist beim Holzspalten. Er ist gar soviel unpünktlich.‹

›So,‹ sagte Hermann, ›er ist so unpünktlich. Wo ist denn der Holzschuppen?‹

›Im Garten rechts, rechts am Hause, Sie werden ihn schon hacken hören, den Herrn Baumgarten.‹

235 ›Da hat mein Goldele was Schönes ausgeheckt,‹ dachte Hermann, als er durch den langen, kühlen Hausgang ging, der in den Garten führte. Ja, er hörte den Baumgarten hacken und blieb stehen und lauschte.

Er mußte lauschen. Es war, als spräche das energische Holzhacken und das leichte Poltern der Holzstücke zu ihm: ›Ihr seid mir eine schöne Gesellschaft. Ihr seid überhaupt ganz verrückt.‹

›Macht nichts,‹ dachte Hermann. ›Es ist nun einmal so. Mein Goldele hat sich genug im Leben gequält. Sie wird wissen, weshalb sie ihn mag.‹ Geraden Wegs ging er auf den Schuppen zu, trat ein und stand Baumgarten gegenüber, der brannte sich eben eine Zigarette an. Er blickte höchst überrascht auf. Seine sonnengebräunte Haut färbte sich tiefer. Ein heftiger Ausdruck fuhr über seine Züge. Das Sichwehrende in der ganzen elastischen Erscheinung kam für einen Augenblick zur Geltung. Hermann trat wortlos auf ihn zu, reichte ihm die Hand und sah ihm ernst in die Augen.

›Sie haben Glück, Sie können lachen, Sie haben jetzt den besten Menschen auf der Welt gewonnen. Wann sehen wir Sie?‹

236 In Baumgartens Zügen löste sich etwas Starres. Es kam wie Weichheit und wie Durchsichtigkeit viel jüngerer Jahre über ihm ›Wie aus einer andern Welt seid ihr, aus dem Hause zur Flamm',‹ sagte er langsam.

›Nein,‹ sagte Hermann, ›wir stehen ganz wirklich in dieser Welt. Die anderen wissen gar nicht, wo sie stehen. Wir kennen uns hier aber aus. Die Natur meiner Mutter hat uns unsere Freiheit gerettet. Wir machen ungefähr, was wir wollen, das sehen Sie ja. – Meine Mutter sagt immer: Wahrhaftigkeit ist das einzige Zeugnis, das man sich selber geben kann. – Und Sie zähle ich nun schon,‹ sagte er zögernd, ›zu den Wahrhaftigkeiten meiner Mutter. – Sie müssen jetzt hübsch lange Holz hacken?‹ Er lächelte.

›Ist nicht so schlimm,‹ sagte Baumgarten, ›ich kann's auf den Tag verteilen. Ich begrüße Sie beide aber heute noch.‹

›Gut,‹ sagte Hermann, gab ihm die Hand. ›Also auf Wiedersehen.‹

›Auf Wiedersehen.‹ Baumgarten war wortlos. Nur der Druck der Hand sagte Hermann, daß in der Seele des wunderlichen Mannes, den sein Goldele liebte, tiefste Bewegung war. Er brachte Hermann bis an die Türe und faßte noch einmal 237 seine beiden Hände und sah ihn an, als wollte er ihm Dinge sagen, die auf dieser Erde noch nie ausgesprochen worden sind und nie ausgesprochen werden können. Und in dieser lebendigen Stummheit trennten sie sich voneinander.

 


 

In der engen, schattigen Straße, in der das Bezirksgefängnis lag, stieß Hermann auf den Doktor.

›Heda! Heda!‹ rief der schon von weitem. ›Ich war soeben auf dem Weg zu Ihrer Frau Mutter. Sie hat mir schon so oft geholfen, aber heute hätte ich wirklich eine Bitte; – übrigens,‹ sagte er, als käme ihm ein Gedanke, ›da nehme ich Sie gleich mit. Sie oder Ihre Mutter, in dem Fall ist's fast dasselbe.‹

›Danke,‹ sagte Hermann.

Schon oft hatte der gute Doktor Marianne Gamander zu einem Kranken geschickt, den der Doktor ermutigt haben wollte.

›Ja, aber hier,‹ sagte er, ›ist's nicht so einfach, keine Leut aus dem Städtchen – Fremde. Bei uns 238 kommt keins über sein bißchen Religion hinaus, Kinder kriegen, plentene Knödel, heurigen Wein, Sommerfrisch und Sterben – aber hier heißt's sich sakrisch zusammennehmen. Die haben das Leiden der Welt wie einen Strick aufgedröselt, Hermann. Gottlob, daß ich Landarzt bin. Wo käm ich hin, wenn ich den Stadtleuten ihre Leidens- und Einbildungsverfilzung auseinanderklauben müßte. Hermann, da könnten Sie mir wirklich helfen. Schau, da handelt es sich auch um Musik, aber was drum und dran liegt, ist mir zu verwickelt. Mit der Krankheit, der Sache selbst, ließe sich schon reden, wenn sie sich in Obacht nehmen würde, aber sie ist in ihrer Verzweiflung wie ein Wirbelwind. Sie soll eine wundervolle Stimme haben, damit aber ist's eben zu Ende. Schade drum – und deshalb alles Elend.‹

›Was soll ich denn aber da?‹

›Bißl auf andere Ideen bringen, Hermann.‹

›So wildfremde Leut. –‹

›Wildfremde Leut! gibt's gar nicht, Hermann. Alles arme Teufel mehr oder weniger. Gehen Sie ganz einfach hin. Es sind zwei Gitschen, zwei junge Schwestern.‹

Und so machten sie sich auf den Weg ins Gasthaus zum Winkelhof. Ein uralter Bau. Steinerne 239 Grundmauern, von denen man sagte, daß sie noch aus Römerzeiten stammen sollten. Auf diesen erhob sich ein seltsamer Holzbau. Ein viereckiger Raum inmitten des Hauses, auf allen Seiten mit Galerien umgeben, die zu den Wohnräumen führten und von geschnitzten Balken getragen wurden. Die Galerien aus tiefgebräuntem Eichenholz, mit einfach derben eingeschnitzten Figuren, und wo die Stützbalken mit der Galerie zusammentrafen, waren sie mit dieser durch weite Holzringe verbunden und geschmückt. In diesen Holzringen steckten gefärbte, holzgeschnitzte Lilien und Rosen mit langen Stielen und Blattwerk. Diese lustigen Sträuße in den Ringen gaben dem Raume etwas märchenhaft Festliches.

Dies merkwürdige Haus war das einzige seiner Art in der ganzen Umgebung und von Fremden viel besucht. Die naive köstliche Phantasie eines seit Jahrhunderten vergangenen Menschen hatte schon viele bewegt und erstaunt. Dämmerig lag der große Raum mit der Wirtstafel. Der Doktor und Hermann stiegen die schmale, festgefügte Holztreppe zu den Galerien hinauf. Sie heißen Valtiner,‹ sagte der Doktor, als sie über die starken, vom Alter gebräunten Holzbohlen der Galerie gingen. ›Der Urgroßvater stammte aus unserer Gegend, wie der Name sagt, ich weiß hier 240 noch zwei Höfe, die auch von Valtiners bewirtschaftet werden. Ihr Blut hat sie hergeführt. Sie kennen ja die Leute südlich von der Grawötscheralm, und so etwas bewahrt die Rasse.‹ Damit klopfte er an eine der Türen auf der Galerie. Niemand gab Antwort. Der Doktor öffnete die Tür vorsichtig. ›Sie sind im Garten,‹ sagte er. Vom Zimmer aus führte eine offenstehende Glastüre hinaus ins Freie. Das Haus war den Bergabhang hinangebaut. So daß man von der ersten Etage ebenerdig in den in Terrassen angelegten Wein- und Obstgarten gelangen konnte.

Jetzt verdunkelte sich die Türe. Zwei Gestalten traten ein. Ein kinderhaft junges Geschöpf mit dunkeln Augen, die ein goldenes Licht ausstrahlten, kräftiges, noch nicht vollendetes Wachstum. Der hübsche, blonde Kopf aus schlankem, rundem Hals. Das Haar von der Sonne golden überleuchtet, so daß alle muntern Löckchen um Stirn und Schläfe wie aus Licht gewoben zu sein schienen. Ein herrliches Geschöpf voll gehaltenen Lebens, erstaunt blickend. Die ihr folgte, mochte um zwei, drei Jahre älter sein. Die Sonne schien über schlichtes, dunkles Haar, das im Nacken zum Knoten gewunden war. Es glänzte metallisch in der Sonne, in rötlichem Glanze leuchtend. Im Schatten schien es tiefdunkel. 241 Die Augen glichen den braunen der Schwester, waren bei ihr aber zu leidenschaftlichem Leben geweckt. Der unschuldige Mund aber trug einen tiefen Leidenszug, der dem jungen Gesicht fremd stand. Die Gestalt, die trotz ihrer Kraft und Frische bei der Jüngern den Eindruck von etwas Keimendem, sich Entfaltenwollendem machte, war bei der Schwester zu einer eigentümlich eckigen Zartheit entwickelt.

Hermann empfand, daß die Jüngere zu den herrlichen Geschöpfen dieser Erde gehörte, zu denen er nur bis jetzt seine Mutter und Friedel zählte; daß die andere von einem schweren Leiden befallen war, entrückte sie ihm. Mit der Kleinen aber meinte er, daß es gut sein müßte, Berg auf Berg ab hier in der herrlichen Gegend umherzustreifen. Sie sah so zuverlässig und heiter aus, trotzdem ihre Heiterkeit jetzt unterdrückt war.

Nachdem sie sich alle begrüßt hatten, sagte der Doktor: ›Ich versprach Ihnen, Frau Gamander, die Mutter dieses jungen Mannes herzubringen; nun lief mir aber der Sohn grad in die Hände, und die seltene Frau werden Sie schon noch kennen lernen.‹ Der Doktor unterhielt die beiden Mädchen liebenswürdig mit der freundlichen Absicht, sie zu zerstreuen.

242 Sibylle, die Ältere, saß während des Doktors munterm Plaudern teilnahmlos mit gleichgültigem Lächeln. Es lag verschlossene Qual in dem Gesicht und etwas wie eine große Ungeduld.

Die Schwester begann mit dem Gaste wie ein gutes Kind zu sprechen. Da sagte Sibylle: ›Ich bin müde, ich will mich etwas niederlegen.‹ Sie sagte es auf eine traurige, mutlose und doch erregte Weise, wie es Kranke tun, die sich nicht mehr verstecken, die von ihrem Leid ganz hingenommen sind.

Als Sibylle gegangen war und die Türe hinter sich geschlossen hatte, saß Maria ganz still, dann legte sie die Finger auf die Lippen: ›Wir müssen jetzt lustig reden, sonst glaubt sie . . .‹ Und so plauderten sie von der schönen Gegend. Hermann erzählte von herrlichen Bergtouren.

›Ihr ist das Singen verboten, das wissen Sie wohl schon vom Doktor,‹ brach das Mädchen die Unterhaltung leise ab. ›Für sie ist nur Kunst Leben. – Das übrige Leben bemerkt sie kaum. – Arm? – Nicht wahr? –‹

Hermann fühlte, daß ein großes Leid verborgen lag, an dem das arme Kind mühsam flickte.

›Sie sollten sie singen hören. Ich habe nie etwas Ähnliches gehört. Sie hat eine ganz einsame Stimme 243 – und wenn sie ein Lied singt, das wir alle kennen, ist es neu und fremd. – Ich glaube selbst, daß sie ihr eigentliches Leben nun verloren hat und daß sie nur noch Sehnsucht fühlt.‹ Maria sprach ganz leise.

›Ach, da werd ich Ihnen wenig helfen können, was Musik betrifft, bin ich ein Bauer,‹ sagte Hermann. ›Ich verstehe auch Sehnsucht nicht. Mein Leben war so schön, daß ich nur dankbar sein kann. Ich bin auch gar nicht neugierig aufs Leben, was man so Leben nennt. Ich werde einmal die Studiererei hinter mir haben und mir etwas zurechtzimmern, aber ich müßte lügen, wenn mich das alles übermäßig lockte. Gottlob, ich will auch kein großes Tier werden, ein ganz einfacher Lebs, wie Friedel sagt.‹

›Wer ist Friedel?‹

›Ein lieber, schöner Bub,‹ sagte Hermann.

›Ja, Sie sind zufrieden.‹

›Ich hab's auch gut, ich bin nicht unbewußt. Aus Unbewußtheit sind die Menschen so unruhig. Aber ich bin ein langweiliger Mensch – Baum – so etwas. Auch meine Mutter ist ein Baum, aber ein wunderschöner mit Vögeln und Blüten und Früchten.‹

›Von Ihrer Mutter spricht der Doktor ganz wundervoll.‹

244 ›Da braucht's kein Geschwätz; – wieder wie Friedel,‹ meinte Hermann lächelnd. So blieben sie beide in halblautem Plaudern. ›Kommen Sie bald wieder?‹ fragte Maria, als Hermann sich erhob. ›Ich glaube, Sie würden Sibylle ganz gut verstehen, trotzdem Sie ein Bauer sind oder ein Baum.‹

So verabredeten sie, daß Hermann abends wieder vorsprechen sollte.

 


 

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