Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Helene Böhlau >

Das Haus zur Flamm'

Helene Böhlau: Das Haus zur Flamm' - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Haus zur Flamm'
authorHelene Böhlau
year1907
firstpub1907
publisherEgon Fleischel
addressBerlin
titleDas Haus zur Flamm'
pages373
created20140310
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Baumgarten lief jetzt mit großen Schritten dem Bezirksgefängnis zum goldenen Zeitalter zu. Die Zeit war wieder längst überschritten, und er hatte die gewöhnliche Strafe für unpünktliche Sträflinge morgen zu gewärtigen, Holzhacken für das Bezirksamt. Nicht nur er war mit der Freiheit seinen Beschäftigungen 191 nachzugehen gesegnet, auch die übrigen harmlosen Strolche genossen hier dieselbe Vergünstigung. Für Feld- und Gartenarbeit holten sich die Leute im Städtchen ihre Arbeiter oft aus dem Bezirksgefängnis, gaben ihnen einen geringen Lohn und geringe Beköstigung, die kein ehrlich im Städtchen Eingesessener sich hätte bieten lassen; aber sechs Uhr abends hatten sich alle beim Verwalter pünktlich zu melden.

Auf dieser Gesetzesbasis war also auch Baumgartens Freiheit gewachsen und war vom Bezirksrichter und dessen Kaiserlich Königlichem Büßer noch künstlich okuliert worden.

Aber auch für Baumgarten gab es Grenzen, und oftmals schon hatte er sich mit Holzhacken abfinden müssen. Gegen diese Beschäftigung wußte er auch nichts einzuwenden; davon abgesehen, daß die Sicherheit seiner Zeichenhand mehrere Tage lang darunter litt. Er aber hatte sich den üblichen Abschiedsgruß seiner bäuerlichen Freunde zu Herzen genommen. ›Zeit lassen, Baumgarten, Zeit lassen.‹ Er brauchte sich mit seiner Zeichnerei nicht unsinnig zu beeilen, denn er hatte noch andre Einkünfte. Während ihm die Hand vom Holzhacken zitterte, gab es mancherlei für ihn zu tun. Die Verwalterin ließ sich von ihm die Bücher nachrechnen, so manchen Brief hatte er für seine 192 Mitgefangenen aufzusetzen, der Nachhilfeunterricht der Verwalterskinder war sowieso von ihm übernommen, und in solcher Zeit machte er auch am liebsten die Besuche bei seinen Klienten, die ihn gewissermaßen als Winkeladvokaten benutzten. Sein Ruf als Richter, wohlstudierter Herr und Kaiserlich Königlicher Büßer hatte ihm das Vertrauen der kleinen, einsamen Bäuerlein eingebracht, die oft in bittrer Armut verstreut an den Bergabhängen des Tals hausten. Sie alle wußten: leicht kommt der Mensch zu Fall, und ein zu Fall gekommener Berater in rechtlichen Dingen schien ihnen wie ein Sendbote Gottes zu sein, ein Mann, der ihre Not am eigenen Leibe kannte und zugleich alle Schliche und Pfiffe beim Gericht. Seine heimliche Anwaltspraxis war daher eine gar weit verzweigte. Und für ein ›Knollele Butter‹ und ein paar Dutzend Eier gab er den Leuten sein ehrliches Herzblut hin. Er studierte im Arbeitszimmer des Bezirksrichters die Fälle der armen Teufel mit glühender Hingabe und machte seinem Freund, dem Richter, das Leben oft schwer genug, machte ihm Müh und Not, mehr als diesem lieb war, denn er rüstete seine Klienten so gewaltig und spitzfindig zu ihrer Verteidigung aus, daß so ein von Jonathan Baumgarten zugerichtetes Bäuerlein für den Bezirksrichter ein harter Brocken wurde.

 

193 Marianne war auf ihrer Wanderung vom Obsthain wieder unter die Nußbäume gekommen, da begegnete ihr Baumgarten.

Als dieser Marianne Gamander des Wegs kommen sah, er erkannte sie sofort im Mondschein, war sein Entschluß gefaßt, wenn es sein müßte, drei Tage hintereinander Holz zu schlagen. Er begrüßte sie lebhaft und fühlte am herzlichen Druck der Hand, daß auch sie die Begegnung freute.

›Sie kommen aus den Bergen?‹ fragte Marianne.

›Wie man's nimmt,‹ sagte Baumgarten, ›ich habe wenigstens dreie aufsteigen sehn, die kleine Gitsch, die in den Himmelsgarten wollte, und ein Knechtlein, was droben seine Lebenssteuern zahlen sollte und sich Sorgen machte, und dann war noch ein altes Weib, das sich hoch oben seinen Himmelsgarten kaufte.‹

Baumgarten erzählte Marianne, was sich droben zugetragen hatte.

›Wie schön,‹ meinte sie. ›Was für ein gutes Leben Sie führen.‹

›Wie man's nimmt. Vergessen Sie denn . . .?‹

Sie gingen miteinander unter den Nußbäumen hin. Im Nachtschatten leuchteten helle, zitternde Mondlichter. Von tiefem Dunkel traten sie in helles, scharf 194 umgrenztes Licht, um wieder in tiefem Schatten zu verschwinden.

›Sei es, wie es sei,‹ sagte Marianne. ›Sie sehen aus wie jemand, der das tut, was er will.‹

›So?‹ meinte Baumgarten.

›Wenn ein Mensch will und muß,‹ fuhr sie langsam fort, ›so soll er das Tollste tun – besser als im geheimen darnach verlangen. Sie aber führen ihr Leben nicht, weil Sie nach Tollheit und Verrücktheit verlangen? Sie haben tiefere Gründe?‹

›So, meinen Sie,‹ sagte Baumgarten, ›wie kommen Sie zu dieser guten Meinung?‹

›Wir würden hier nicht zusammen gehen, wenn dem nicht so wäre. Ich traue mir selbst felsenfest darin, daß nur eine gewisse Art Menschen mir näher kommt. Ich traue mir selbst, wenn ich anderen traue.‹ Das sagte Marianne mit der ihr innewohnenden Vornehmheit, die ihr die Macht über die Menschen gab.

›Wir können also miteinander verkehren wie zwei Ebenbürtige, ganz einfach ohne Redensarten. Sie trauen mir also? Dann wäre ja eigentlich alles schon erledigt.‹

›Ja,‹ sagte Marianne.

›Also bin ich Ihnen gegenüber ein vollkommen 195 freier Mensch, frei von Redensarten und Entschuldigungen und Worten – Worten – Worten!‹ –

›Ja,‹ sagte sie wieder.

›Also, ich kann mich durchleuchten wie vor Gott, unserm Herrn?‹

Es tat ihr wohl, daß er so sprach, und sie fühlte, daß, wenn es angegangen wäre, er sie einen Blick in sein ganzes Wesen hätte tun lassen, und daß er ungern die schwierige, mühselige Wortleiter anlegte.

›In einer andern Welt sind uns vielleicht Worte erspart,‹ sagte sie, ›schon hier brauchen wir sie ja nur im Notfall. Wir sind freilich fast immer im Notfall. Aber im eigentlichen, tiefen, wahren Leben, in dem die Seele über den Körper siegt, sind sie ja auch hier nicht nötig.‹

›Ja, das eigentliche, wahre Leben,‹ wiederholte er, ›wer kennt's! – 's ist auch durch Herzblut bezahlt wie der Alten ihr Himmelsgarten. – Wenn Sie's kennen, haben Sie sich's verdient.‹

›Wer durch die Kultur gepeitscht wurde, lieber Herr Baumgarten, nur der weiß, was Natur ist. Und Natur ist wohl das wahre Leben.‹

›Wie man's nimmt. Natur ist einfach alles, oder meinen Sie, Kultur ist nicht Natur? – Ach, lassen wir's! Gescheit reden ist das dümmste. Wenn 196 ich mich durchleuchtete und meine Seele klar wie Kristall vor Ihnen läge, was hülf's? – Alles dummes Zeug! – So du nicht wirst wie der andre, ist der andre für dich einfach nicht da. Liebe, schöne Frau, man redet immer in die Luft. – – Es sei denn . . . Aber wozu? Luxus. – Dummheit! Man hat nichts auf dieser Welt als seine eigne unsterbliche Seele – oder sterbliche – – wie Sie wollen. Im Grunde kommt's auf eins heraus. Einen Augenblick bewußtlos – eine Ewigkeit bewußtlos. Das verstehn Sie doch? Ein unbewußter Schnaufer, und die ganze Unsterblichkeit geht drauf.‹

›Nun,‹ sagte Marianne, ›und wenn Sie sich durchleuchten, sagen wir für nichts und wieder nichts – oder weil eine gute Seele neben Ihnen geht – was tut's? Leuchten und hell sein ist schön, auch wenn der andre nur das Leuchten sieht und nicht versteht.‹

›Es war eine Zeit – warten Sie –,‹ sagte Baumgarten herb. ›Warten Sie. – Ich hielt etwas auf Bügelfalten, wissen Sie –. Zylinder, Gehrock – hoher Kragen – und so weiter. Alles natürlich aus ersten Quellen. Ich hätte gemeint, wie man so ist, daß ich in die Erde sinken müßte, wenn ich in einem uneleganten Rock auf der Straße mich hätte zeigen müssen. – Ist auch der Mühe wert. – Einerlei!‹

197 Er schwieg, hatte sein weiches, graues Hütchen abgesetzt und preßte es zwischen den Fingern.

›So fängt meine Durchleuchtung an. Hübsch? Überhaupt, ich hielt etwas von mir. Das tut ja jeder, ist nichts Besonderes. – Man liebt sich, wie man auch ist. Mir ist auch jetzt der Baumgarten angenehm, mehr als angenehm – ich liebe ihn, schätze ihn – er ist mir urnotwendig. Alles Gute, was ihm geschieht, streicht mir natürlich sehr angenehm übers Fell. – Den Baumgarten von damals behandle ich von oben herab wie'n Kalb. – Ganz mit Unrecht, aber man ist einmal so. – Die Vergangenheit wird immer etwas lächelnd abgetan, als ob man mehr geworden wäre. Jawohl!

›Die Familie? Natürlich seit Generationen Juristenfamilie – etwas ganz Besonderes.‹ Er seufzte, als wollte er sich selbst aus einem Brunnen holen.

›Wir hatten einige Minister im Familienkasten, Geheimräte, geradezu zahllos. – Wissen Sie, wie 's so eine Familie haben muß. Kennen Sie das, was man eine heilige Familie nennt? Ich glaube, das waren wir. Das sind wir natürlich noch, ohne zu übertreiben. – Über mich ist selbstverständlich Gras gewachsen. Ja, kennen Sie solche Leute?‹ fragte Baumgarten. ›Natürlich, – wie frag ich denn? – Sind 198 ja eigentlich alle so. Die übrigen sind mit dem Fingernagel wegzuschnippen. – Nicht der Rede wert. Ihren Klex hat jede Familie. Gewiß.‹ – Baumgarten schwieg, brannte sich seine Zigarette an. ›Zu meinen Lastern gehört, daß ich rauchen muß. – So sich selbst wieder ausgraben ist gar nicht leicht. Bei uns war die Mutter der Klex, ihre Familie war minder. Unbekannter Maler der Vater – so ziemlich unbekannt – Pionier einer Kunstrichtung, die erst nach seinem Tode aufkam, – Märtyrer, so etwas. – Ja – sie hatten was! Es war das was ganz Gutes! Einer Beamtenfamilie ist eine Künstlerfamilie immer unheimlich – und mit Recht. Ja, das können Sie freilich nicht verstehen, ich müßte es Ihnen mal in einem guten Satz sagen. Haben Sie je gefunden, daß einer vom andern etwas weiß und versteht, was bei ihm nicht gerade ebenso ist? auch nur das Allergeringste? Lauter dummes Zeug, nichts wie Unsinn. – Ganz unmöglich. Jeder lebt wie ein Einsiedlerkrebs; nicht einmal sein Junges ist eigentlich ein guter Bekannter von ihm – Gott bewahre. Auf irgend eine Weise reißt man sich gewissermaßen ein Stück von sich selbst los, das wird lebendig, wird fremd im tiefsten Grunde natürlich. – Ach was! – Und das Junge wird wieder ein Einsiedlerkrebs. Jawohl – ich wollte aber etwas ganz 199 andres sagen. So ein Klex in der Familie wird, um sich Liebkind zu machen, päpstlicher wie der Papst. Das können Sie sich vorstellen. Der einzige Sohn natürlich Musterknabe. Alles vollkommen in Ordnung, kein Wort zu verlieren. Das Bewußtsein, einer heiligen Familie zu entstammen, wälzte der arme Klex, die Mutter, schon auf sechsjährige Schultern. So, also ein Einsermensch! So werden die Einsermenschen gemacht. Ein Einser! Lauter Einser! Der Traum, das Ziel, die große Suggestion. Im Schweiße seines Angesichtes lebte er, – verdammt zum ausgezeichneten Menschen. – Ja, ja, wie soll ich mich denn nur ausdrücken, wie denn?‹ Er fuhr sich durchs Haar. ›Ausgezeichneter Mensch! Angestrengtes Tier. Das können Sie freilich nicht verstehen – da müßte einmal wieder ein ordentlicher Satz her; – aber – ah – lassen wir's! Liebe gnädigste Frau, Sie gehen so neben mir her, wie aus einer anderen Welt. – Es stört mich ordentlich, daß Sie gut von mir denken.‹

Marianne lächelte nur, ohne Antwort zu geben.

›Das Tier kennen lernen! – dann erst den Menschen. Verstehen Sie mich nur! Wie anders sieht Herr Mensch dann aus! Ungeheuer einfach in jeder Beziehung. – Ungeheuer überreizt, verzerrt in jeder Beziehung! – Ich mache meine Reverenz. – 200 Manchmal gelingt's großartig. – Manchmal – na –! Sie wissen, – ein Hund ist dressierbar; ist also kein vornehmes Tier. – Eine Katze? – Ah! – Noch nie gelang's mit einer Katze! Das Tier Mensch, das dressierbarste! Schamvoll, das von allen Geschöpfen Himmels und der Erde unvornehmste. – Na, lassen wir auch das. Weiter: das unvornehmste Tier lebte im Schweiße seines Angesichts, stöhnte vor Vortrefflichkeit, – jagte Einser, – ging aus in Einsern, – sah nicht, hörte nicht, fuhr wie auf Geleisen dahin. Sie hätten es daheim mit Ehren, – ich weiß nicht, – genudelt, wenn Platz gewesen wäre – und Zeit. Die Jagd nach Einsern, die Dressur, nahm alle Kräfte. Eine langweilige Geschichte, da hören Sie's nun bei herrlichem Mondenschein. – Albernes Zeug. – Stumm nebeneinander hergehen und einander verstehen! Sagten Sie das oder ich? Ja –. Sowie die Sprecherei beginnt, ist's aus. Alle Schönheit ist hin – – – wie in der Liebe. – Gott sei dafür gepriesen, daß höchste Liebe stumm ist. Er hat den Schwätzern doch etwas gegeben, was über die Riesengeschwätzigkeir hinausgeht. Doch! – Doch! – Sonst. –

›Also: sein Essen, seine Wäsche, Kleidung, Betragen, – tadellos. Der Unangreifliche! Der Gipfel der heiligen Familie gewissermaßen. Sie kam durch 201 ihn in Blüte wie die Aloe. Schade, Minister hatten sie schon gehabt. War nichts Neues. Vielleicht Ministerpräsident! Das war noch nicht. Wäre er leicht zu dressieren gewesen! Aber, – aber –. Es war etwas in ihm, das wandte sich bei der Dressur. War's Schwerfälligkeit? War's gesegnete Katzenart? War's Dummheit? Was weiß ich? – Eine Quelle von Leiden. – Fragt seine Nerven, wie sie sich gewunden haben. Überhaupt fragen Sie doch einmal das Blut all jener Bürschchen, was es über die ganze Teufelsgeschichte sagt. Die Sache geht weiter. Nehmen wir ein Bild – so etwas – zu Hilfe. Man will einen Mann, der von selbst nicht stehen kann, zum Stehen bringen. Sie wollen ihn deshalb mästen. Es kommen die berühmtesten Metzgermeister und bringen ihre Beefsteaks und Filets. Er schlingt, was er bekommt, führt Buch über jeden Bissen, prägt ihn sich ein, und wenn er Jahr und Jahr geschlungen hat, dann kommt er vor die höchsten Richter, vor denen er beweisen soll, was er verschlungen hat. Da muß er Rechenschaft geben über jedes Pfund und wieviel Ochsen er schlang. Kann er das alles beweisen, so ist's in Ordnung, auch wenn er das Stehen nicht lernte.

›So ein Unsinn, nicht wahr? Ich schlang und 202 schlang, da war kein Lieferant, der mir nicht geläufig gewesen, da war auch kein unregistriertes Pfund! Auszeichnung! Referendar wie Assessor großartig!

›Ob ich wirklich stehen kann, hat mich keiner gefragt. Ich habe nur referiert, was mir geliefert wurde. Die Zubereitung, meine Gnädige, von einer Stütze des Staats ist ganz merkwürdig.

›Man war jetzt dabei, dem Herrn eine Braut zu suchen.

›Durch ganz besondere Protektion wurde er sehr früh Staatsanwalt. Vater, Mutter, Rührungstränen! Alles schwamm. Sie taten, als sollte für die große teuflische Mühe einer ganzen Jugend nun tausend Jahre in Freuden gelebt werden. Unter allen Tieren Himmels und der Erde, das dressierbarste! – Das unvornehmste! – – – Lassen wir's. – Nicht hinschauen!

›Er büffelte, büffelte, stöhnte, klügelte. Ach, so ein Kerl! Seine erste staatsanwaltschaftliche Handlung! – Mein Juristendeutsch hab ich doch gut verlernt? – war einen Meineidigen zu überführen, einen Meineidigen, der wegen einer Ehebruchsgeschichte in den Verdacht des Meineids gekommen war. Die Frau, die er liebte, hatte er schützen wollen. Sagen Sie, liebe gnädige Frau, ist es denn möglich, gibt's 203 wirklich so dressierbare Tiere unter diesem Himmel, denen sich die Federn nicht sträuben und der Pelz, wenn ihre Liebe, ihre wirkliche große Liebe – immerhin ihr Bestes, vor die Polizei geschleppt wird, mit Polizei etwas zu tun hat. Nur ein ganz dressiertes Haustier konnte das geschehen lassen. Nur ein Tier, das kein braves Tier mehr ist, dem sich keine Feder und kein Haar vor nichts mehr sträubt. Verstehen Sie?‹

›Ja,‹ sagte Marianne.

›Ja,‹ wiederholte Baumgarten, ›als ob das selbstverständlich wäre! Sehen Sie doch hin, was die Dressierten aus der Liebe machten. Wollen Sie noch weiter hören oder nicht, eine dumme, sehr dumme Geschichte.‹

Marianne antwortete nicht, und Baumgarten wartete auf keine Antwort.

›Da machte sich der große Einsermensch, der ausgezeichnete, an die Ehebruchsgeschichte des ›Andern‹ wie an einen Strickstrumpf. Fertig! Los! Alles runtergearbeitet. – Wie ich ihn sitzen sehe, den großen Esel mit seinem Biereifer! Wie auf Geleisen fuhr er wieder dahin – eingefahren – unentwegbar. Nur eine einzige Entgleisung! – Aber – jawohl, – eine Entgleisung! Verhältnismäßig kommt's selten vor. Nie eine Zurücksetzung! Immer vortrefflich! Los. – 204 Warten Sie nur, wie er seinen sogenannten Verstand spitzt. – Alles schnüffelt er auf – schnüffelt – schnüffelt – wie ein Trüffelschwein! Schwätzerei! Gierige Schwätzerei mit den Zeugen. Für meinen Geschmack schamlos – wie ein Bluthund auf der Spur, – die Zunge heraus – lechzend – nur weiter – weiter – weiter. Die Gier im Auge, recht zu haben – zu fangen – zu zerreißen. Damit will ich nicht sagen, daß es nicht so sein muß. – Es gibt keinen andern Weg. Die Menschen verdienen, was sie haben. – Ich bin auch kein Weltverbesserer; – nur Gott behüt: die Hände im Durcheinander der Menschen nicht mehr dabei haben. Der Unübertreffliche wollte sich selbst übertreffen. Musterknabe wollte er auch hier sein. – – Warten Sie, warten Sie!‹ Baumgarten wehrte ab, als hätte Marianne etwas gesagt.

›Wie ein Guß Scheidewasser wollte er sich über die sträfliche Liebesgeschichte ergießen. Sagen wir künstlerische Schaffenslust! Eines anderen Liebe, vielleicht wundervollster Art, mußte er durch allen Schmutz der Gassen ziehn, wie so ein Hund einen Fetzen zieht, das sieht man ja oft. Er mußte dieses Ding so ekelerregend machen, durch sein Zerfleischen und Gezerre – wie nur möglich. Dieser meineidige Ehebrecher 205 sollte bis auf den Grund der Seele bloßgelegt werden. Rettungslos! Die Kleider in Fetzen heruntergerissen! Staunen, staunen sollten sie bei Gericht. Die ältesten Richter sollten sich Blicke zuwerfen.

›Zu Hause hatte er gebadet, ehe er ging. Nachts hatte er nicht gut geruht vor Eifer. Vordem er ging, hatte er auch ein paar Gläser Champagner getrunken. Auf dieser lustigen, gedankenlosen Welt geht man mit Segenswünschen zu allem möglichen. Seine Mutter, der arme Klex, hatte das besorgt. Hatte hinter ihm dreingebetet. Sie war es ja auch, die das Wunder von Sohn zustande gebracht hatte. Die ihn zur Einserhetz mit Tränen, Strafen und Liebkosungen getrieben.

›Gebadet. Ganz sauber. Gesegnet, stand er nun da. Im Talar, im Barett. – Ausstaffiert. – Fertig. Glänzte. Nicht hinschauen, wo sich etwas spreizt. – Gar nicht hinschauen. Er spreizte sich. – Ich spreche nur von ihm. – An ihm gefällt's mir nicht. – Andere sollen, müssen sich spreizen. – Notwendig. – Vortrefflich. – Ganz in der Ordnung. – Muß sein. Der arme Sünder hatte einen Verteidiger, wie man sie durchschnittlich findet, soweit erträglich, ganz ordentlich und anständig. Er kämpfte natürlich auch für sich selbst; aber doch nicht so wütend für sein 206 eigenes geliebtes Ich wie der Musterknabe, nicht so im eigentlichsten Sinne für sich selbst. Er war schon in einem gewissen Trott und machte seine Sache recht bürgerlich gut.

›Ja, gnädige Frau, so sind alle am erträglichsten, alle, – überall. Bürgerlichkeit im Tun und Lassen ist das vernünftigste auf dieser Welt der ungeheuern Gegensätze. Haben Sie je so einen rufen hören: Mein Gott! Mein Gott, weshalb hast du mich verlassen? – Nie. – Nein. – Gewiß nicht!

›Der neugebackene Staatsanwalt aber, aus der heiligen Familie mit den Traditionen . . . – Zeit lassen – Zeit lassen, Baumgarten! . . . es versteht dich doch keiner! Verzeihen Sie; aber ich hatte immer gefunden, daß alles Sich-verständlich-machen-wollen nichts nützt. Entweder man versteht einander, oder man versteht einander nicht. Also: da steht der im Talar und Barett – und da – da – steht der arme Sünder. Der im Talar schreit auf ihn ein. Er wälzt sich gewissermaßen auf ihn. Talar ist schon eine ungeheure Sache! Eine Lawine von Machtideen, Überrumpelungsidee. Der neugebackene Staatsanwalt, mit dem grauenhaft trainierten armen Hirn, das nie gedacht, gelebt, nur immer gesogen, gesogen, gesogen hat! Ein Vampir, wie 207 er über das Opfer fällt; und das gemarterte Hirn arbeiten läßt! Wie eine feine, unaufhaltsame Maschine wühlt er, mit unmenschlicher Gleichgültigkeit und Sachlichkeit, in den intimsten Angelegenheiten seines Nebenmenschen.

›Jagd – verzweifelte Jagd! Wie er sein Wild zu hetzen weiß!

›Das war kein armer Mensch, der bis ins tiefste Bewußtsein gequält da vor ihm stand. – Ein Fall war's, auf den er losgelassen war. –

›Ja, er ergoß sich wie Scheidewasser über ihn. Wehe dem, der so als Privatmann an seinem Nächsten handeln würde.

›Wie im Traum war's ihm, als würfen die ältesten Richter sich wirklich Blicke zu.

›Erquickung! Sein Eifer raste. Das Opfer mußte in die furchtbarste Enge. Lautlosigkeit um ihn her. Zum letzten Schlage brauchte er bloß auszuholen. – Da – da –! Ja, was geschah – da! Da lächelte der arme, gehetzte Teufel, lächelte ihm ins Gesicht. – So wundervoll hat nie noch im Leben des Ausgezeichneten ein Mensch gelächelt. – Und dies Lächeln sagte: Was tat denn ich, du Tor? – Was aber tust du?

›Wie im tollen Rasen war der wahnwitzig 208 Vortreffliche an einen Fels geprallt – geprallt – geschleudert. – Erschütterung!‹ – Durch Baumgartens Gestalt ging der gewaltige Stoß ganz augenscheinlich. Seine Hände krampften sich, sein Körper und seine Seele litten den Stoß.

›Höchste Verwirrung! Die überreizte, überheizte Maschine! – Ein Knacks! – Gott weiß wie – – –. Und ich glaube, aus der Familie meiner Mutter wogte das gewaltsam unterdrückte Blut meines Großvaters, des fröhlichen Märtyrers in mir auf. In dieser Stunde versiegte das Blut der heiligen Familie, und das Blut der Mißachteten schlug Wellen.‹

Baumgarten ganz versunken: ›Da steht der Sünder, bereit, den Streich zu empfangen, – da – der in der Robe, – der den Strafantrag schon auf den Lippen hat. Aller Augen sind auf ihn gerichtet. Alles atemlos. Nur das Opfer gefaßt – mit einem Ausdruck wie aus einer Welt, die über die schweren Dumpfheiten der unsern schon hinaus ist.

›Der in der Robe mit aufgerissenen Augen. Was geht in ihm vor? Der Strafantrag! Der Strafantrag! Was um Gottes willen hat er! Die Sache ist in Ordnung, der Mann ist seiner Schuld überführt. Man schaut. – Unruhe – Bewegung. Mühsam die Worte herausstoßend sagte er sinnlos – 209 unzusammenhängend mit allem, was er bis zu dieser Stunde geglaubt und erkannt hatte: Ich beantrage Freisprechung.‹

In Marianne Gamanders Seele leuchtete ein wundervolles Gefühl auf, sie reichte ihm die Hand hin, er faßte sie, hielt sie in der seinen. Marianne sagte voller Leben und Mitempfinden: ›Ich verstehe die Bewegung Ihrer Seele in jener wundervollen Stunde, ich verstehe den Ausbruch mißhandelter, gefangener Kräfte; – man wird von Ihnen aber sagen, daß Sie ein unklarer Rebell waren, der verworren gegen Recht und Gesetz sich auflehnte – das aber ist es nicht: Sie standen dem großen Menschenleid gegenüber, der geschlagenen göttlichen Seele, deren Lächeln Sie erschüttert hatte. Nein, Sie sind kein Weltverbessrer! Gottlob nicht. Mit gutem Gewissen können wir jetzt,‹ meinte Marianne, ›schweigend nebeneinander hergehen.‹ Und sie gingen miteinander, wenn auch nicht stumm, doch ebenso gut und ebenso deutlich wie stumm. –

Er fühlte ihr Verstehen. ›Auch? –‹ sagte er, .gnädigste Frau, wenn der Einsermensch – erst recht zum Einser wurde? – Strolch erster Güte? Auch dann? Der Staatsanwalt, der Vortreffliche, in Keiche Nr. 3. Da liegt einiges dazwischen, das Ihnen fremd sein dürfte?‹

210 ›Fremd in der Gesinnung ist der Weg mir nicht,‹ sagte sie ruhig.

›Als ich Sie zum ersten Male sah, wie Sie den beiden armen Kerlchen halfen, sah ich aus Ihren Händen Strahlen kommen wie Ährenbündel; da schon war es mir, halten Sie mich nicht für unverschämt, als müßt ich einmal dies allen unverständliche Leben vor Ihnen ausbreiten wie einen Garten und sagen: ›Schauen Sie, schöne, sommerliche Frau – was all hier wächst und wachsen möchte! Heiligen sollte sich der Garten vor Ihnen. Dornen, Dornengesträuch, Giftpflanzen und Unkraut. Unfruchtbarkeit für alle. Vor den Augen der sommerlichen Frau mit den Strahlenbündeln sollte der Garten blühen und Früchte tragen. Sie sollte darin ernten und pflücken dürfen, was sie nur wollte. Verlacht, verhöhnt von allen, die mir zugehörten. – Begreiflich. Gar nichts dagegen einzuwenden. Die vornehme Frau sollte aber sagen: laß dich's nicht kümmern –. Laß sie lachen. Laß sie's für verloren halten, dein Leben. Hast du einer kleinen Gitsch, sagen wir heut, den Himmelsgarten versprochen und ein elendes Knechtlein getröstet, das ist soviel wert, als hättest du – – – na – sagen wir – sagen wir, als wärst du – Wirklicher Geheimer Rat geworden.‹

211 Marianne hatte lauschend zugehört, – lauschend. Auf den andern lauschen war ihr Lebensberuf geworden; aber dieses Lauschen jetzt war ein Hingerissensein, ein Glücksgefühl wie noch nie, ein entzücktes sich selbst im andern Wiederfinden. Sie sah ihm in sein bewegtes, schönes Menschenantlitz, und in der großen, warmen Aufwallung ihres Herzens strich sie ihm mit einer fast mitleidigen, fast mütterlichen Zärtlichkeit über die Stirn. ›Daß ich einen Bruder fand! Art von meiner Art – einen Bruder!‹ – sagte sie leise.

›Gnädigste, liebe, schönste, sommerliche Frau!‹ Baumgarten stammelte diese Worte. Er faßte ihre beiden Hände. Er war tief erschrocken.

Die Berührung dieser weichen, lebendigen Hand, das zarte, seidene, duftende Gewand hatte ihn in Verwirrung gestürzt. ›O, mein Gott! Mein Gott!‹ Er küßte Mariannens Hände in Erschütterung; diese beweglichen, wohlgepflegten Hände zu berühren, tat ihm so gut. Er dachte: da bin ich in die schroffe, karge Welt gelaufen, aus der Welt des Scheins, und nun, das erste, süße Weiche, das mich seitdem berührte, kommt aus jener abgeschüttelten Welt zurück. ›Verzeihen Sie – verzeihen Sie!‹ sagte er –. ›Lachen Sie nicht, ich bin zu häßlich, hart gewöhnt! Mir ist's, als wären Sie in Rosenblätter 212 gekleidet, solch weiche, kühle Gewänder! Sie duften nach Rosen. Ihre Hände – Ihr Haar!

›O, zu etwas Wundervollem können Frauen werden! Aus dem schwer beladenen, armen Tier machen sie selbst etwas so Leichtes, – Blumiges, was doch schaffen, helfen, erlösen kann – ein Wesen, wie es Gott selbst nicht gedacht hat. Ich entsinne mich, mit welchem Schauer ich als Knabe in meiner Mutter duftende Kästen schaute, als wären darin Zauber verschlossen – und ob es Zauber ist!‹

›Sie kindischer Mann!‹ sagte Marianne lächelnd, ›da leben Sie abgrundtief, sind ehrlich zum Schwindelndwerden, zum Erschrecken, haben gehandelt wie ein altindischer König . . .‹

›Und bin ganz zerknirscht, nicht aus Reue – bewahre. Aber – das Schönste, – das Süßeste, das Einzige – kenne ich nicht – ein Geschöpf wie Sie! So ganz lebendige Seele. Leib und Seele voll Leben und Wahrheit und Güte und eingehüllt in sanfte, kühle, duftende Kleider, – ganz Wonne für den, der's ganz versteht. Auf dem großen Sumpf schwimmt ihr Wenigen wie herrliche Blumen.‹

Marianne sah des fremden Mannes ausgeprägtes Gesicht im Mondlicht von großer Sehnsucht ganz verändert werden. Das Gesicht sah so jung, so 213 verlangend, so bedürftig nach Geliebtsein und so vereinsamt aus.

Er war aus der Welt der fein Grausamen, der fein Schlechten, fein Dummen, der Verwöhnten geflohen, der Überkultivierten, der Kalten, Klugen, Berechnenden, die ihr menschliches Elend, ihre Raubtiergelüste in angenehme Formen gebracht haben, die die Kunst gleichgültig zu lächeln lernten. Dieser Flieher, der unter Bauern und Vagabunden nach dem Herzschlag der heiligen Natur gesucht hatte, der alles von sich geworfen hatte, um das zu finden, wonach er dürstete wie nach einem Trunk aus dem Brunnen des Lebens, bekam in diesem Augenblick den Ausdruck leidvollster Überfeinerung, hinsterbenden Verlangens der Seele, der nichts genügte, nicht Natur, nicht Kultur, nichts, was sie nennen konnte.

Er trug in dieser Stunde die Züge des suchenden, gequälten, überzart gewordenen Menschen unserer Tage, den alles mit Widerstreben erfüllt, der nur in einer einzigen anderen Seele seine Heimat finden kann. Und so sprach er von Sehnsuchtsfeuer brennend nach diesem wundervollen Gut dieser Erde.

›Verstehen Sie mich! Ach, verstehen Sie,‹ schluchzte er fast auf: ›Ich bin nicht sonderbar! – Es könnte Ihnen so scheinen! Es muß Ihnen so 214 scheinen! – – – Es ist aber alles so einfach – so ureinfach! – Wieviel freie Menschen gibt es denn? Sagen Sie? Sah oder fühlte ich je einen bis jetzt! – Was heißt wohl freier Mensch – Was denn? – Vielleicht wach! – lebendig! – lachend! – ungebeugt – ganz vornehmer Kerl – voller Glut und Willen. – Kann der aber Richter oder Henker werden? Nun sagen Sie selbst – wie hätte ich's denn weiter mittun können, als das fröhliche Märtyrerblut meines Großvaters in mir aufwallte – wie denn? Ein Ekel gegen alle Talare stieg in mir auf. Bei dem Gott, den ich meine, mich befiel die Sehnsucht nach denen, die irren.

›Es ist alles in Ordnung, muß so sein, was die Menschen im Zaum hält, Gesetz und Recht! – Alle Achtung, alle Hochachtung, eine Peitsche für Bestien – eine Schablone, die auf alles Lebendige gedrückt wird – was in die stachlige Schablone nicht paßt – – einfach abgeschnitten! – Muß so sein! – Ist notwendig. – Aber mittun! – Mögen's die andern tun. Mir paßte es nicht! Trotz aller Dressur und allen Urahnen, das Richterliche steckte nicht in mir. Noch einmal hätte ich nicht schamrot werden können vor dem Blick eines armen Sünders, und gäb's auch nur noch einen solchen armen Sünder 215 mit solchem Blick auf Erden. – Ja, Gott gebe uns allen unsere Sünde, damit wir barmherzig werden und von Herzen demütig – Versteher und Wisser! Begreifen Sie mich! Kein Faulpelz bin ich, kein Phantast, – keiner, der in Absonderlichkeiten schwelgt. Es sieht vielleicht so aus. Ein ganz einfacher Mann, der mit Freuden arbeitet, mit Freuden lebt, der hilft, wo er kann, der nichts verlangt, nicht Dank und nicht Ehre –. Wenn meine Kollegen wüßten, wie leicht, wie übermütig ich durch diese Welt gehe!

›Welcher Mensch auf Erden ahnt das Wundervolle? Und es war nichts nötig, um es zu spüren, als sich durchwehen zu lassen vom frischen Winde, bis alles Gehüder und Gezüder fortflog.

›Ich weiß, jeder ordentliche Mann trägt eine Etikette. Es muß alles darauf stehen, was darin ist oder war. Ich weiß, daß ich unter die etikettierten Flaschen nicht mehr gehöre; aber ich weiß, daß in mir Gluten und Freuden und Freiheiten wach sind, und daß ich ein Lächeln gefunden habe, wenn ich auf das Treiben der Menschen blicke, das Lächeln jenes armen Sünders, das mir nun kein König und kein Kaiser abkaufen kann.

›Ganz einfache Sache: Um ein Lächeln hat er sein Philistermajorat verkauft! – weiter nichts.‹

216 Dieser Jonathan Baumgarten, der soeben dem Knechtlein, das erwartet wurde, ganz hingegeben und gelassen die müden Augen geschlossen hatte voll Einfalt mit den Einfältigen, war jetzt neben der sommerlichen Frau in der tiefsten Bewegung des Lebens. Er wollte sich ihr ganz, ganz verständlich machen –. Was aber konnten Worte sagen! Worte! – Worte! Und Marianne sah tiefer, zu ihr sprachen seine Züge, seine Blicke, sein ganzes Wesen. Sie sah in dem wechselnden Ausdruck seines merkwürdig durchlebten Gesichts all seine Leiden, die Sehnsucht, das Verlangen seiner wundervoll lebendigen, kühnen Seele, seine Gluten und Seligkeiten.

Nur Menschen höchster Kultur tragen in beweglichen, lebendigen Zügen den vollen Ausdruck der Seele. Und es tat Mariannen im tiefsten Wesen wohl, das untrügliche Zeichen edelsten Menschentums bei ihm so köstlich zu finden: den geistdurchdrungenen Körper. Er faßte wieder nach ihren Händen und küßte sie. Marianne Gamander zog sie nicht zurück. Ihr war, als küßte dieser Mann seine ersehnte Heimat, als wäre auch sie heimgekehrt. Sie näherten sich dem Berghause. Stumm, weltentrückt gingen sie nebeneinander. Es schien ihnen kaum ein Gehen. Durch die nächtliche Stille tönte tiefer Gesang. Der Doktor 217 saß wieder unter den alten Kirschbäumen und sang, wie er glaubte, seiner Freundin Marianne zur Traumbegleitung, denn es war schon spät. Jetzt begann er wieder das Lied der Sommermenschen: die sapphische Ode.

Der Mond war seinen Himmelsweg gegangen, versank jetzt hinter Bergeszügen und ließ den leuchtenden Schein einer versunkenen Welt im westlichen Himmel zurück. Marianne überließ sich selig ratlos den Empfindungen einer Zugehörigkeit zu diesem fremden, ungewöhnlichen Menschen, die sie erschreckt haben würde, wenn solche Zugehörigkeit nicht so selbstverständlich von unserem Herzen Besitz ergriffe.

Welcher Mensch bei gesunden Sinnen würde es sich gefallen lassen, alle Torheiten, Lasten, Freuden des andern geduldig auf sich zu nehmen, wenn er nicht müßte. Liebe, jede Form von Liebe, trägt auf dieser Raubtierwelt das Einswerden mit dem andern in sich, das Sichselbstvergessen, die einzige Erlösung auf Erden.

Marianne Gamander wußte es, daß sie diesen Mann von dieser Stunde an liebte, und wußte, daß sie sein sonderbares Schicksal auf sich genommen hatte. Sie empfand aber auch, wie dieser seltene Mensch ihr ganz zusank. Er hielt ihre Hände mit derselben tiefen 218 Leidenschaftlichkeit und Zartheit, mit der er lebte, und als er Marianne küßte, war das so eine erschütternde Sache für beide, denn beide hatten ihr wundervoll durchglühtes, reiches Leben; beide konnten sich nicht leicht dem andern im Kusse geben.

Wie sie sein Wesen fühlte, in jedem Worte, jeder Bewegung. Wie sie es an sich nahm! Ja, sie empfand die aufflammende Leidenschaft dieses Mannes als einen wundervollen, geträumten Reichtum. Wie im Fluge zog ihr Leben an ihr vorüber. Es war, als wüßte sie jetzt, wofür sie sich so lange verschwiegen und verneint hatte. Er wird ihr inneres Heimatsgut mit ihr teilen, er, der mit dem Herzen lebt. Jubelnd fühlte sie, daß sie mitempfinden konnte, daß sie jetzt ganz lebendig war. Die vielen, die sie besänftigt hatte, denen sie Gastfreundschaft in ihrem Gemüte gewährte, wie blaß stand diese Empfindungswelt vor ihr.

Es gab also das Flammende, was sie ahnte, die Macht, die befreit, wenn sie nimmt. Nun war sie hingenommen. Jung war sie, geschützt, und schützen wollte sie. Keine Wahl! Ihr Gesetz ist über sie gekommen. 219

 


 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.