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Das Haus zur Flamm'

Helene Böhlau: Das Haus zur Flamm' - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Haus zur Flamm'
authorHelene Böhlau
year1907
firstpub1907
publisherEgon Fleischel
addressBerlin
titleDas Haus zur Flamm'
pages373
created20140310
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Noch an diesem Tage kam Motte mit Friedel und Moidl. Sie waren unten in der lieben Doktorstadt abgestiegen, waren über die rauh gepflasterten Bergwege durch den stark duftenden, sonnendurchschienenen 146 Kiefernwald und unter den Nußbäumen hingegangen. Zur Bergkuppel hinauf war Friedel gelaufen, denn er wußte, was ihn droben erwartete.

Das Berghaus hatte ihnen die grünen Fensterläden wie Arme entgegengestreckt. Vom frischen Bergwind waren die Gesichter gekühlt und Marianne kam ihnen im efeugrünen Kleide entgegen. Motte und Sönnchen, wie Friedel hier genannt wurde, hatten sich ganz in Mariannens wehendes Kleid gewickelt. Hermann war gekommen, um den lieben Bub zu herzen, und Moidl hatte die harten Hände warm gedrückt bekommen. Es war ein wundervolles Wiedersehen von Menschen, die sich lieben.

Motte küßte die strahlend schöne Frau.

›Ich fühl's, du hast mich noch grad so lieb.‹

›Fühlst du's?‹ sagte Marianne. ›Gottlob, alles ist da und blüht und grünt. Kommt gleich durch den Garten ins Haus.

›Und willst du mich wieder wie's letzte Mal dicke Bohne nennen, sind wir geschiedene Leute, Sönnchen.‹

›Dicke Bohne,‹ sagte Friedel sofort scheu und zärtlich und etwas verschmitzt.

›Du siehst so neu erwacht aus, so blühend, so . . .? Was hast du denn? Wie geht's deinem Professor?‹

147 ›Gottlob gut. Er hat wirklich große Erfolge.‹

›So – und das freut dich so?‹

›Für ihn. Er hat mich zu dir geschickt.‹

›Komm, setzen wir uns auf unsre Bank, gleich beim Wiedersehen.‹ Sie setzten sich alle vier. Moidl ging voraus dem Hause zu.

›Wie hübsch meine Motte ist, so wie ich hübsch liebe. Nicht wahr, Bub, wir verstehen das?‹

›Wir. Freilich. Aber weißt du, Motte, es gibt greulich viel fade Menschen auf dieser Welt. Onkel Bernus und euch ausgenommen.‹

›Bernus?‹ sagte Motte etwas enttäuscht. ›Wie lange wird's dauern, Marianne, da führt er dich einmal vom Berghaus in seine Ebne. So treue Liebe . . .‹

Marianne lächelte. ›Glaub mir, gern würd ich ihn lieben. Ich möchte, ich könnte ihm sein Glück geben. Aber bei der Liebe hilft kein Wollen. Es liegt nicht in unserer Hand. Wie Friedel gewachsen ist! Und daß ihr ihm die Haare nicht geschnitten habt, und daß er unser altes Sönnchen noch ist!‹

›Geh, Friedel, lauf Moidl nach und sieh, ob du noch alles erkennst.

›Mein süßer Goldschatz!‹ Marianne blickte dem Kinde nach.

›Wenn ich dich um etwas beneiden könnte, wenn 148 das möglich wäre, um den, um dieses wache, helle Seelchen! Wir kommen beinah mit seinen Worten aus, besonders Hermann, der erklärt sich meist durch Friedels Wortschatz. Gehen wir ›einen innigen Weg‹, heißt's bei uns immer noch, und ein Schirm heißt nun auch bei uns ein ›Spreiz‹ Eine ›Gottessünde‹ kommt bei uns alle Augenblicke vor. Wir machen ein ›Gedenknis‹, wenn wir mal, was selten vorkommt, nachdenken. Was müßten wir ohne Friedel für Sätze bauen!‹

›Und ihr habt mir in der Ferne brav bei seiner Erziehung geholfen,‹ sagte Motte, ›dein Zettel, Hermann, hilft – ich weiß ihn auswendig.‹

›Sag was draus,‹ meinte Hermann lächelnd.

Motte sah ihn lächelnd an und begann: ›Du mußt seine Wärme von innen heraus nähren. Du darfst nicht auf äußere Impulse warten oder mit solchen zufrieden sein, wenn er in einem Augenblick, in dem er etwas von dir will, zärtlich und lieb ist, so darfst du dich dadurch nicht irre machen lassen. Er muß zu jederzeit auch lieb und besorgt für dich handeln.

›Er muß dich jeden Morgen fragen, wie du geschlafen hast. Du brauchst nicht immer ununterbrochen um ihn zu sein. Es genügt, wenn du täglich eine 149 Stunde lang ganz ihm zugewandt bist und mit ihm plauderst. Das muß innigst mit ihm und seinem Wesen zusammenhängen. Du mußt vor allem darauf halten, daß er warm und bewußt wird, – und seine Liebe zeigen lernt, sonst wird er so ein Germane, in dem das Gefühl wie ein Knoten sitzt, der nicht aufgeht.‹

›Ich weiß schon, du hast's nicht vergessen.‹

›Was glaubst du denn, Hermann?‹

›Das mußt du mir einmal alles zeigen, Motte, was er dir aufgeschrieben hat, denn es ist doch mein Triumph, wenn mein Junge meint, daß man in einem Menschen die Macht, Wärme zu geben und zu gewinnen, entwickeln kann.

›Du glaubst nicht, was sich Hermann oft für Sorge macht, daß du Friedel zu unbewußt erziehst.‹

›Er ist so frech,‹ sagte Hermann, ›dich für ein bißchen sehr versunken zu halten.‹

›So,‹ sagte Motte.

›Ich weiß es sogar ganz genau, du träumst. – Eine Mutter darf das aber nicht, so wenig wie ein Lokomotivführer.‹

›Er ist sehr streng,‹ sagte Marianne.

›Ich kenne die Motte viel besser als du, Mutter. Glaubst du, ich weiß, warum ich es ihr aufgeschrieben habe.‹

150 ›So, und nun wollen wir hinauf ins alte liebe Zimmer gehen.‹ Marianne nahm Motte bei der Hand. ›Wir sind nun mal Höhlentiere, und so eine rechte Freude muß in der Enge gefühlt werden. Hier draußen könnte der Wind einen Teil davon fortwehen. – Und ich möchte jede Freude und jeden Schmerz bis in die tiefste Tiefe der Seele spüren.

Lebendigsein ist für mich alles und mit keinem Opfer überzahlt.‹

›Ach du!‹ jubelte Motte, ›Lebendigsein!

›Wie kommt's denn, daß Hermann hier ist?‹

›Pfingstferien.‹

›'s ist immer noch so, Motte. Meine lebendige Mutter ist mir halt immer noch lieber als die ganze heilige Alma Mater oder Mater Dolorosa, wie du willst!

›Wir sind nun mal zwei ›Lebse‹! wie Friedel sagt. Weißt du noch, wie wir ihn einmal so dumm fragten, was er wäre und er sagte: ein Lebs – und Papa ein Schreibs.

›Seitdem weiß ich, daß auch ich ein Lebs bin. Gut, daß mich dein Mann so wenig kennt. Der würde sagen: dieser Kulturrückstand von einem Burschen! Dieser Halbgermane oder Jude ohne Ideale. Übrigens sei nur ruhig, es wird alles leider mit mir ganz gesetzmäßig vor sich gehen. Mutter und ich 151 sind in aller Freiheit die denkbar größten Pflichtenschafe.

›Aber wenn wir frei sein dürfen, dann sind wir auch frei. Zum Beispiel in unserem Gehirnkämmerchen. Alles über Bord geworfen, was angepappt ist. Im Denken und Fühlen sind wir ganz einfach Natur – und die gebildeten Leute können uns suchen. Finden uns gar nicht. Halten uns vielleicht für irgend entlaufene Narren oder Gott weiß – für ein Obst, Moos, Vieh oder Gestein.

›Was weiß ich. Wenn sie nur an uns vorübergehen und uns in Ruh lassen.‹

Es wurde ein wunderschöner Tag und Abend auf dem Berghaus.

Bernus und Motte waren sich von jeher nicht unsympathisch. Bernus respektierte die Wiedersehensfreude und unternahm einen größeren Spaziergang, der zwar nicht ganz nach seinem Geschmack war. Vor dem Abendessen saßen Marianne, Friedel, Motte und Hermann auf dem blumigen Sofa im Wohnzimmer und überlegten aufs eifrigste in ihrer gemeinsamen Schulangst eine Schulrüstung für Friedel.

›Einen Bart aus Vergißmeinnicht,‹ sagte Marianne.

›Nein, lieber aus Veilchen,‹ meinte Friedel wegen des Geruchs.

152 ›An die Beine blecherne Höschen, weich gepolstert, – weißt schon.‹

›Und außen mit Stacheln, Marianne,‹ war Friedels Ergänzungsantwort. Er hielt im Eifer seiner Freundin Hals umschlungen. ›Und daß man die Hände einziehen kann, etwas.‹

›Jawohl,‹ sagte Hermann, ›da kommen Blechklappen darüber. Die ganzen Arme sind natürlich in Blechbüchsen.‹

›Aber sieh doch, daß man schreiben kann, Hermann.‹

›Natürlich, alles mit Gelenken. Wenn du einen Fehler machen willst, steigt etwas Dampf auf.‹

›Woher?‹ fragte Friedel.

›Aus dem rechten Blechärmel.‹

›Aber das Brüschtlein muß auch zu sein?‹

›Natürlich.‹

›Und auf dem Kopf ein Helm? – Und vor dem Gesicht?‹

›Ein Visier.‹

›Was ist das?‹

›Ein Schleier aus Eisen.‹

›Und unter dem Helm eine pfeifende Laus.‹

Marianne hatte damit das Größte gesagt, das, was die Phantasie am innigsten befriedigte.

153 Sie amüsierten sich königlich.

›Sei kein Frosch!‹ war Hermanns Antwort, als Motte die Eröffnung machte, wegen der Verwundeten unten im Winkelhof wohnen zu wollen.

Beim Abendessen, als Bernus zurückgekehrt war, schimpfend über die niederträchtigen Wege, sagte Marianne: ›Nie vergeß ich den Tag, als Hermann und ich heraufkraxelten und vor dem alten Hause festgehalten wurden, – steht da auch noch über der Türe: ›Haus zur Flamm'‹. Ein warmes Haus! Nun ist's wirklich das Haus zu den lebendigen Herzen geworden. Klopfen und pulsieren fühl ich's wie ein Quellenfinder, wenn ein herzenswacher Mensch daherkommt. Und tritt er ein, ist er daheim, ganz von selbst. – Übrigens, welche Mühe machen einem die Motoren, die künstlich geheizten, und wenn sie noch so lebendig scheinen, sind's doch nur Motoren! –

›Und so ein richtiges, von der Natur geheiztes Herzchen, was ist dem gleich auf Erden!

›Vielleicht ist auf einem höheren Stern die Welt der Herzen aufgeblüht, statt wie bei uns die Welt des armen Verstandes.

›Weißt du, Bernus, den sonderbaren Heiligen, den du den ›netten Herrn‹ nennst – ich glaube, der gehört ins Haus zur Flamm'. Meinst du nicht?‹

154 ›Dacht ich's doch!‹ sagte Bernus. ›Du weißt aber doch unser Glaubensbekenntnis: hüte dich vor den Skrupellosen, vorzüglich, wenn sie kein Geld haben, sind sie einfach Raubtiere.‹

›Zu diesen gehört der nicht,‹ sagte Marianne.

›Meinst du? – Deinen feinen Spürsinn in Ehren, aber ein Herr, der so ganz ›ausg'schamt‹ ist, wie deine Köchin sagt, ist doch auf alle Fälle etwas gewagt.‹

›Weißt, Bernus, da wird mein Ahnungsvermögen Herr über mich. Das geht ans verwandte Blut, da hab ich kein Urteil, da wird mein Verständchen ein taubstummer Knecht – verdient's nicht besser!‹ –

Eine mächtige, weiche Männerstimme unterbrach die Maienstille draußen.

›Da singt der Doktor wieder!‹ sagte Hermann, ›jetzt muß ich ihm gleich seinen Wein hinübertragen. Ich stell ihm den still hin, Mutter, wenn der singt, hört er mich gar nicht; aber nach dem Wein wird er schon greifen.‹

Der Doktor aber sang das wundervollste Lied auf Erden, das Lied, das Rosen in den Herzen der Menschen erblühen läßt, das nächtlich duftende Lied, in dem Liebe das Haupt erhebt, voll heißer, schwermütiger Sehnsucht, – die sapphische Ode von Brahms.

Alle saßen sie still und lauschten. Mit leichtem 155 Schritt trug Hermann den Wein zum sangesfrohen Doktor. Hermann verstand wie seine Mutter mit dem andern zu fühlen und ihn mit den ihm wohlgefälligen Dingen dieser Erde zu streicheln.

Bernus neigte bei den Klängen des Liedes seinen lebensfrohen Kopf und hing seinen Gedanken nach.

Motte war sehnsüchtig bewegt und tauchte im Geliebtsein unter wie in eine lebendige, duftende Flut und ließ sich umschmeicheln von den Wundern dieser Erde; gedachte des lieben, teueren Menschen, wie Liebende an die denken, die ihnen das irdische Glück bedeuten.

Marianne Gamander saß still in sich versunken und hörte die wundervollen Worte und Töne wie aus einer fernen kaum geahnten Welt. An ihr strich ihr Leben vorüber, die ernste, kühle Ehe, all die Menschen, die sich zu ihr gedrängt und ihre Leiden, ihre Sorgen und ihre Unruhen ihr gebracht hatten.

Sie hatte immer zu tief geblickt, um anders als mütterlich lieben zu können. Die Liebe zu ihrem Sohne war die tiefste Liebe geblieben, – da hatte sie nicht auf den Grund geschaut. Er war ihr immer neu, wie sie sich selbst immer neu und lebendig war, trotz seiner ruhigen Einfachheit, trotzdem er ihre Liebe für Kunst nicht teilte. Sie vermißte es auch an ihm 156 nicht. Sie liebte sein natürliches, wenn es darauf ankam, kühnes Denken. Er zersplitterte sich nicht in Liebe zu den Menschen, wie sie es getan und wie sie es tat. Er wies ab, immer von neuem ab, ließ nur wenig Echtes an sich heran und war ihr mit der Zeit zum Gradmesser aller Echtheit geworden, auch in der Kunst, trotzdem er sie nicht brauchte, weil er das Leben selbst wundervoll sah.

Marianne wurde von ihm von seinen jüngsten Jahren an mit einer so süßen, fürsorglichen Liebe geliebt, daß sie dies Stück Natur, das ihr gehörte, mit der wärmsten Heimatsliebe liebte, und gar als sie spürte, daß er voller Güte und Weichheit war, wo es sich um Taten handelte.

Als Mutter lebte sie schön und froh, ohne Enttäuschung belohnt für alles.

Des singenden Mannes Zauberlied brachte im ganzen Hause alle Empfindungen zur Blüte.

Unten in den Wirtschaftsräumen schimpfte die Köchin Kleopatra über die Musikmaschine vorm Haus. Sie wollte ihre königlich-bayerische Ruhe haben, als geborene Bayerin war sie ihr nötig wie's tägliche Brot. Sie wollte jetzt kein rebellisches Herz.

Vor wenigen Wochen hatte sie erst einem kleinen Weltbürger des Leben gegeben, hatte vor, sich hier 157 oben, in guter Luft, bei gutem Dienst, behaglich zu erholen. Die Liebe war ihr fürs erste eine bedenkliche Sache.

In dem kleinen Gartenflügel des Berghauses regten sich auch die Lebensgeister, durch das heilige Lied angefacht – und es kam zu einem Wiedersehen der beiden Todesgefährten. Frau Hortensie bat bebend die Stütze der Hausfrau, die hingebungsvoll bei ihr saß, sie zu Baron Renk zu führen.

›Zu Baron Renk?‹ fragte die Stütze der Hausfrau bescheiden und leise. Sie hatte erwartet zu ›Alexander‹ – wenn man miteinander hat sterben wollen!

Es kam ihr diese Ausdrucksweise in diesem Augenblick zwar erhaben, aber befremdend vor. Hortensie beachtete das Erstaunen ihrer getreuen Wärterin nicht, sondern ließ sich von ihr in das Morgenkleid helfen.

Sie fühlte sich noch sehr schwach. Ihre Nerven waren aufs tiefste erschüttert. Weinkrämpfe packten noch hin und wieder, wie Stürme, ihre zarte Gestalt. Der Tod, das Leben, die Liebe, ihre Ehe, alles war in ihr durcheinander geraten, und keinen Fuß breit sicheren Bodens fühlte sie unter den Füßen.

Dem armen, kleinen, matten Baron hatte der singende Doktor wehe getan. Der Ärmste hatte zu viel Blut verloren und zu wenig besessen.

158 Und als Hortensie langsam wankend bei ihm eintrat, begannen ihm die Tränen über die Wangen zu rinnen. Hortensie ließ sich auf seinem Bette nieder, und sie verbargen die Köpfe aneinander und weinten wie arme, verlassene Kinder.

Die Stütze der Hausfrau hatte sich zartfühlend zurückgezogen.

Weshalb sie weinten, wußten sie selbst nicht. Vielleicht, weil sie nicht stark genug gewesen waren, mit dem Tode gar nicht anzubändeln, oder weil sie nicht stark genug gewesen waren, mit ihm Ernst zu machen, vielleicht, weil sie für eine heimliche Liebe zu nervös und zu nervös für eine trotzige waren. Sie hatten gewiß allen Grund zu weinen.

Nun hatte sich auch der Tod ihrer nicht angenommen. So weinten sie heiß und heftig und streichelten einander bebend.

Für sie gab es keine Worte.

›Du Armes,‹ sagte Hortensie und fuhr scheu mit den Fingerspitzen über seinen Kopfverband, sank wieder an seine Brust, in Tränen aufgelöst.

›Ja,‹ sagte er schmerzvoll lächelnd, ›gottlob, daß du unverletzt bist.‹

›Das,‹ meinte Hortensie unter Tränen, ›war nun wohl nicht der Zweck unserer Reise.‹

159 Der kleine Baron mußte wider Willen lächeln. Es war für beide gewiß nicht leicht, über ihren vereitelten Tod zu reden, das sich beieinander, voreinander Verbergen war ihr einziges Auskunftsmittel, das ihnen gut tat.

›Hast du mich noch lieb?‹ fragte der junge Mann in dem Wirrsal der Empfindungen, das sie bedrängte.

Sie nickte arm und rührend. ›Was wollen wir tun, wenn Karl Theodor kommt? Ich fühle, es wird alles sich wieder wie Harz an den Fingern hin und her ziehen.‹

Während sie in dem kleinen Fremdenzimmer ratlos sich in den Armen hielten, kam Marianne Gamander, um nach ihren Gästen zu sehen, und fand ihr Fräulein lauschend an der Türe stehen und schluchzen.

›Was tun Sie da?‹ fragte Marianne. ›Interessiert Sie das so sehr?‹ Marianne dachte: es macht sich doch nicht besonders gut, das Lauschen. Übermäßig vornehm ist's nicht. Aber gegen einen versteckten, undankbaren, aus Langerweile verräterischen Philister gibt's kein anderes Mittel. Notwehr! Der verdient's nicht besser, als daß er belauscht wird; aber nicht meine beiden armen Angeschossenen. ›Liebes Fräulein,‹ sagte sie zu der Überraschten, ›in meinem Hause möchte ich, daß meine Gäste sich sicher fühlen, tun Sie das nicht wieder.‹ – Sie weint, dachte Marianne, sie 160 haben ihr einen rührenden Roman vorgespiegelt und sie hat ihn verschlungen, mein Gott, und jeder genießt das Leben, wie er's genießen kann.

›Haben Sie der Dame und dem Herrn schon das Abendessen gebracht?‹

Das hatte das Fräulein vergessen, vor lauter Schwärmerei und Mitgefühl, und war froh, jetzt davonkommen zu können.

Die beiden Armen im Heroismus Steckengebliebenen hatten in ihrer Wiedersehensverwirrung den leisen Wortwechsel vor der Tür nicht beachtet, sie fuhren auf, als Marianne anklopfte und fragte, ob sie bei ihnen eintreten dürfe.

›Gewiß, gnädige Frau.‹ Der Baron behielt die kleine verweinte Hortensie im Arm.

›Nicht wahr,‹ sagte er, auch noch mit Tränen in der Stimme, ›Sie verstehen, daß es uns nicht leicht zumute ist?‹

Marianne lächelte mit ihrem sonnigen Lächeln, und die goldbraunen Augen leuchteten auf. Die kleinen Blitze der Ringe sprühten, als sie ihre Hand auf das Fußende der Bettstatt legte. ›Sie sind beide so jung und lieben sich, und was auch geschehen sein mag, das Leben will sie beide. Ich meine, da ist nicht zu verzweifeln.

161 ›Was ich wirklich im innersten Herzen gewollt habe, ist mir immer geglückt, manchmal auf eine ganz andere Weise als ich dachte. Aber die Weise muß man Gott überlassen, so wird's auch Ihnen geschehen.‹

›Uns?‹ In Hortensiens Stimme lag Bitterkeit und Hohn.

›Wissen Sie denn nicht,‹ fragte Marianne, ›daß das Leben etwas Wundervolles ist? – auch wenn's schwer ist?

›Sie sind beide gestern gestorben und zugleich wieder auferstanden. – Und nun Mut und Freude!‹ Mariannens Stimme klang wie eine lebendige Quelle.

›Es gibt eine Geschichte,‹ sagte sie; ›ein Mensch träumt einen schweren Traum. Er ist dabei, einen Riesenberg zu erklimmen, einen beschwerlichen, furchtbaren Berg, der aus Schädeln und wieder Schädeln besteht. Der Gipfel ist in den Wolken verborgen und der Mensch steigt und steigt und stöhnt. Da kommt vom Gipfel aus den Wolken eine Stimme: ›Steige! Aus deinen eignen Schädeln, die du im Leben trugst, ist dieser Berg getürmt. Gelang auf den Gipfel, und du wirst wissen, wohin das Leben dich führte.‹

›Das ist kein Gedanke für schwache Menschen,‹ sagte der Baron.

›Wir sind alle stark wie die Ewigkeit,‹ meinte Marianne.

162 Der Baron lächelte. ›Sehen Sie doch die kleine Frau Hortensie an, und sagen Sie das noch einmal, gnädige Frau.‹

›Jawohl,‹ antwortete Marianne lächelnd, ›die kleine Frau Hortensie hat Kräfte, die für Millionen Jahre ausreichen, für Tausende von Wiederaufstehungen. Ich wollte Ihnen damit nur sagen: lassen Sie sich beide Ihren Tod nicht allzusehr imponieren. Sie haben ihn vielleicht schon sehr oft erlebt und immer wieder abgeschüttelt.‹

›Sie sind Anhängerin der Seelenwanderung, gnädige Frau?‹ fragte Hortensie im Gesellschaftston, etwas affektiert.

›Nein, von der Unendlichkeit des Lebens,‹ sagte Marianne. ›Ich bin Anhängerin des Lebens! Sonst gar keine Anhängerin.‹

›Hortensie,‹ sagte der Baron, ›wir wollten unserer verehrten Wirtin unsere Lage mitteilen, wie sie ist, ich weiß nicht, gnädige Frau, mir scheint's, als würde dann die Wunde schneller heilen und Sie würden uns eher los. Mir ist's schon, als gäbe Ihre Nähe mehr Kraft.‹

›Sprechen Sie sich aus, lieber Baron.‹

Marianne setzte sich an sein Bett, und sie erzählten von Karl Theodor, von seiner Langmut, seiner Treue, seiner unerschütterlichen Güte und Zähigkeit, 163 aber seinem Mangel an höherem Leben, von ihrer beider Nervosität, der Heimatlosigkeit ihrer Liebe und ihrer Verzweiflung.

›Ich glaube,‹ sagte Marianne mit der ihr eigenen Grazie, ›ich hatte recht, als ich sagte: wären Sie, statt in den Tod zu gehen, zu mir zum Tee gekommen; da hätten wir manches in aller Ruhe besprochen. – Auch den guten Karl Theodor möchte ich zu mir zum Tee bitten, ich glaube, wir würden uns nicht schlecht verstehen. – Machen Sie sich vorderhand gar keine Sorgen. Ich fühle eine glückliche Lösung in Ihren Angelegenheiten. Für den Tod waren Sie wahrlich nicht reif. Jetzt schlafen Sie heute nur ruhig, wie zwei gute Kinder, die eine Dummheit gemacht haben und denen sie verziehen worden ist.‹

Das Abendessen, das das Hausfräulein gebracht und langsam serviert hatte, stand noch unberührt.

 


 

Eine herrliche Person,‹ sagte der Baron, als Marianne ihnen beiden gute Nacht gewünscht hatte und gegangen war. ›Weiß Gott, an der könnte man gesunden.‹

164 ›Zu robust,‹ meinte Hortensie, ›die rennt einen ja über den Haufen.‹

›Nun hab ich zum ersten Mal einen Menschen gesehen! Leben bis in die Fingerringe hinein. Hast du je Ringe so blitzen sehen, wie lebendig! – Und diese Augen! Und ist das ein Mund! Wie ein Auge, – ein Mund! An Frau Gamanders Rock würde ich mich beim jüngsten Gericht halten. Ich bin überzeugt, die steht sich gut mit Gott Vater; die würde sogar Karl Theodor entharzen.‹

›Da ist mir ihr Hausfräulein lieber, die ist wirklich ein reizendes Herz. Wie eine Schwester ist sie neben mir gekniet und hat mit mir geweint,‹ meinte Hortensie.

›Dazu gehört nicht viel,‹ sagte Baron Renk.

›Du bist ja ganz aufgeregt, Alexander?‹

›Das regt auf, zum ersten Mal ein lebendiger Mensch!‹

›Du meine Güte, sie ist sehr laut, find ich.‹

›Nein, laut ist sie gar nicht. Sie ist – ja wie ist sie denn? Wie der Sommer selbst. Sie sieht ganz wie der Sommer aus. Findest du nicht?‹

Hortensie sah ihren Todesgefährten eigentümlich an. ›Ich weiß nicht, mir sind solche Frauen gar nicht besonders angenehm. Für wie alt hältst du sie?‹

165 ›Das ist bei ihr ganz gleich.‹

›Na, weißt du, sie hat einen großen Sohn von zwanzig Jahren. Das Hausfräulein sagt . . .‹

›Ach, laß das, Hortensie, das kommt dabei gar nicht in Frage.‹ Er hatte eine müde Stimme, der Baron.

›Willst du schlafen?‹

›Ja, es wäre wohl das beste, auch für dich. Wir sind beide noch recht lebensschwach. Wir sehen auch nicht wie Sommer aus. Etwas wässerige Ende-Septembersonne, die nicht froh macht.‹

›Bitt mir's aus? Septembersonne? Gegen Frau Gamander sind wir doch wohl Märzensonne,‹ sagte sie ungeduldig.

›Märzensonne? Kaum, – denn wir werden nie Sommersonne, – wässerige Septembersonne.‹

Hortensie hatte während dieses Gesprächs etwas aus jener Zeit, ehe der moderne Stil aufkam, als sie noch ein einfaches Münchener Madel war, das da sagen konnte: ›Jetz aber bin i g'schlenkt,‹ oder ›jetz' wird mir's z'fad.‹ 166

 


 

Im Zimmer von Motte und Friedel wurde noch gezwitschert, als Marianne vorüberkam. Da waren zwei Flämmchen eingezogen! Wie standen sie ihr nah! Es war das Lebendige, was sie zu Motte und ihrem Kinde hinzog. In Motte war alles Bewegung und alles Liebe. Sie erschien Marianne immer wie der Inbegriff der Geliebten eines Mannes. Die eingeschlafene Liebe eines würdigen Professors mußte sie schwer drücken.

Und Marianne wußte nicht die kleinste Untreue dieses zarten Herzens. Wie muß sie ihre Natur, Laune und Phantasie umgewandelt haben. – – Und der Herr Professor war kein zärtlicher Gatte, ein sehr kühler Herr, der seiner Wissenschaft lebte, ein Mann angestrengter Arbeit. Sein mäßiges Temperament war in die ruhigsten Bahnen geleitet. Sein Intellekt verbrauchte alle Kräfte, und so war er der Typus eines beruhigten Ehemanns geworden.

Marianne öffnete die Türe zu Mottes Zimmer und sah sie vor dem Bette Friedels knieen.

Sie spielten miteinander ›Bärenwusch‹, – ›Bärenjunges‹. Friedel lag zusammengerollt auf den Tatzen der Bärin. Er lag mit dem Bestreben, wie eine Kugel zu liegen, war ganz durchdrungen davon, ein 167 Bärchen zu sein. Durch seine starke Kinderphantasie war er es auch. Sie bissen sich gegenseitig zart in die Ohren und schüttelten sich ein wenig, bissen sich sanft und vorsichtig in die Wangen. Friedel brummte vergnügt und behaglich. Sie waren beide ganz versunken.

Motte lachte, als Marianne eintrat. Friedel aber brummte ganz gewaltig, denn er wehrte sich gegen jede Unterbrechung seiner Entrücktheit.

›Wir haben schon Löwenwusch und hilfloser Menschenwusch gespielt, und nun ist's auch gleich genug.‹ ›Wusch‹ statt Baby, das hatten sie sich erfunden. ›Wir müssen beten.‹

›Darf ich noch immer nicht bei eurem Gebet dabei sein?‹ fragte Marianne.

Friedel, noch ganz versunken in seine Bärenrolle, schüttelte den Kopf.

›Nie, Marianne – niemand.‹

›Also gute Nacht, Spielmutter. Ich mache meinen Abendspaziergang. Gute Nacht, Wusch. Wenn ich dich später noch in meinem Wohnzimmer fände, Motte?‹

Und Motte und Friedel beteten. Motte faltete die Hände und sagte: ›Mögen wir Gott in uns finden. Das ist unsere Seele. Das höchste Gut. Der Tropfen aus dem großen Meere Gott.

›Halte dein Gotteströpfchen rein.

168 ›Es muß glänzen wie ein Glühwurm, wie ein Tautropfen in der Sonne. Es will zurück zu Gott und kann nur durch deinen Willen zurück. Es will brennender, heller zurück als es kam. Du mußt es hegen und pflegen.

›Du mußt so sauber sein wie ein Kätzchen, mußt es putzen und glänzend machen. Durch Wahrheit bekommt es Feuer und Glanz. Durch Güte für die andern. Durch Etwas-sich-entsagen-können. Dadurch, daß du Muttchens Freund bist, ihre Stütze und ihr Stolz wirst, durch Fleiß und Ernst bei jeder Sache, die Ernst braucht.

›Es ist ein heiliges, heiliges Tröpfchen. – Du bist es selbst.‹

Marianne ging unter den hohen Bergkirschbäumen hin. Unten im Tal schimmerte der Fluß matt im Mondenschein, glitzerte hin und wieder auf. Die Abendmaienluft auf dem geliebten Berg! Die Abendgartendüfte! Die Düfte aus Wald und Bergen! O welch ein Leben! Marianne fühlte das Glück ihrer sicheren Instinkte.

Als sie zum ersten Mal heraufgekommen war, hatte es kein Wenn und Aber mehr gegeben. Früher war sie unruhig gewesen, die Erde hatte sie von allen Seiten gelockt. Von dem Tage an, als sie das 169 uralte Haus zur Flamm' an sich gebracht hatte, war eine große Ruhe über sie gekommen.

Bernus, der ihre Liebe für diesen, ihm unbequem gelegenen Wohnsitz nie recht begriffen, dem hatte sie sich so erklärt: Ich bin das erste Mal schon hierher zurückgekehrt. Es war vielleicht Wiedersehensfreude, die ich fühlte. Es sah aus wie ein sehnsüchtiger Traum meiner Jugend, wie meine Ur-Heimstätte.

Marianne wandelte unter den Kirschbäumen weiter abwärts, hinab zu der Nußbaumwiese, ging durch den großen Obsthain an der Lehne des Berges immer den Wiesenpfad entlang auf und nieder.

In ihrer Seele war wundervoller Friede.

 


 

Droben beim Johannser, zu dem Baumgarten dem Nachtwächter Patz versprochen hatte zu kommen, saß er nun. Der junge Johannserbauer hatte vor ihm auf dem alten viereckigen Tisch die Urkunden ausgebreitet.

170 So ein ehrwürdiger Hof dieses Sonnenlandes hat seine Geschichte.

Dieser Hof war einst Eigentum einer Tiroler Herzogin. Ein uralter Edelsitz, auf dem es einst reichlich zugegangen sein mochte. Die gewaltigen Kastanienstämme, die vor dem weiten Wiesenplan am Hause wie zerklüftete grünende Felsen standen und die Last ihrer schwebenden Äste und Zweige mit der gewaltigen Laubmasse trugen, hatten auch noch andere Zeiten gesehen als die der bäuerlichen Mißwirtschaft hier oben.

Das Haus mit seinem langen, hohen Dach, den drei Bogenfenstern, dem gewaltigen Hoftor, gab auch heut noch einen stattlichen Eindruck von großer Sommerfreude, den hier alle die stillen, weltabgelegenen Höfe machen, die ihr Lebtag in blaue Ferne schauen, auf in Sonnenlicht schwimmende Bergeszüge, auf ferne, strahlende Schneehäupter.

Diese Höfe besucht selten ein Fremder; zu ihnen gelangt man nur auf holprigen, beschwerlichen Bergwegen, die mit seit Jahrhunderten von Wind und Wetter und Wasserbächen abgeschliffenen Steinen gepflastert sind, die im Herbst mit Grasschöpfen beworfen werden, damit der Wanderer einigermaßen Fuß fassen kann.

171 Diese Höfe liegen in großer, feierlicher Einsamkeit, hoch oben im Sonnenlicht. Der Bahnzug im Tal gleicht, von ihnen aus gesehen, einem schleichenden Räupchen, und doch hört man in dieser stillen, dünnen Luft die Talgeräusche.

Der, den hier der Zufall herführt, atmet Frieden, den scheinbaren Frieden der Natur.

In den öden, leeren Räumen des alten Edelsitzes, in dem so vielerlei Gelasse sind, daß der Bauer für jedes seiner Gerätschaften einen eigenen Raum haben könnte, geht es soeben nicht recht friedvoll zu.

In der uralten Badestube sind die Hausbewohner alle versammelt und sitzen um den Tisch, der mit den Urkunden bedeckt ist.

Des mächtigen grünen Ofens wegen, der auf vier starken Beinen steht, hat der Bauer dieses Gelaß zum Wohnraum gewählt. Es liegt auch bequem an der Vorhalle des Hauses, in der alles Gerät steht, der Wagen mit den zwei Rädern, dem grob geflochtenen Wagenkorb und den Schleifstangen, die die zwei Hinterräder vertreten, die einzige Art, wie ein Wagen auf den steilen, mühseligen Wegen hier benützt wird.

Im Badezimmer sind auf der Holzwand noch uralte Ölmalereien halb verkratzt und verwischt zu sehen, wie Edelfrauen einen Rittersmann baden, der 172 in einer sargähnlichen Wanne sitzt. Eine Edelfrau reicht ihm einen Becher Wein an den Mund, die andern halten Tücher und Kleider. Tanzende Paare und wieder Sargwannen mit Deckeln, die nur den Kopf des Badlings sichtbar lassen, der von einem holden Weibsbild mit Wein und Brot gefüttert wird, Wannen, wie sie heut noch die Bauern in den Bauerbädern Tirols benützen.

In dieser vorweltlichen Badestube sitzen: der alte Johannserbauer mit seinem alten Weibe, die beide ins Altteil vom jungen Johannserbauern mit seinem jungen Weibe verdrängt sind. Diese sind beide auch gegenwärtig.

Am Ofen, auf der Ofenbank, liegt ein etwa zehnjähriges krankes Kind, ein Mädchen. Neben diesem, auf einem Schemel, ein halbwüchsiges Mädchen, das auf einen kleinen Buben, der ihm zu Füßen spielt, acht gibt.

Baumgarten sitzt zwischen den Bauern.

Die zwei Paare liegen miteinander im Streit. Baumgarten hört gelassen zu.

Es handelt sich darum: die Alte hat Geld versteckt, so wenigstens behauptet der Sohn und die Schwiegertochter. Die Alte sitzt mit verkniffenen Lippen. Welsches Blut hat sie in den Adern. Das Gesicht ist scharf, 173 die Nase gut geformt, die Augen voller Leidenschaft. ›Muatter,‹ sagte der Sohn, ›sie sein decht . . . .‹ Er war heftig, aber sprach nicht aus.

›Schau, daß d' weiter kimmscht, talketer Bua. Moanst, i laß mi von dir an jeden Tropfen Milch und a jedes Bissel Brot vorzählen und gib no a Geld drauf? Na. 's Geld kriagt die Kirch und i die ewige Seligkeit dafür. Die tatst mi a no abzwacken? Und wann an ganzer Larm Burschen kam wie du – na!‹

Der Hof stand auf dem Spiel. Bei der starken Verschuldung war Geld gekündigt. Und nun war guter Rat teuer.

Sie hatten schon lange auf die Alte eingeredet, schon tagelang und wochenlang. Die aber wollte nach einem abgerackerten Leben sich die ewige Seligkeit kaufen.

›Der alte Haggn, der narrete,‹ sagte die Schwiegertochter gleichmütig vor sich hin.

Sie mochte schon manche saftige Redensart über diesen Fall haben regnen lassen, denn niemand, außer Baumgarten, achtete darauf; der aber sah das junge Weib ruhig an.

Das mochte der Bäuerin nicht behagen; sie stand auf und ging ans Fenster.

›Ja,‹ sagte der alte Johannser, ›die Alte ischt, 174 wia sie ischt. Wann nur sie dem Himmelsvatter auf'n Schoß ze sitzen kimmt.‹

›'s ischt mei Sach,‹ sagte die Frau. ›Mei erstorbnes Geld von der Mutter Schweschter und das Toten- und Krankenwartgeld.

›Die Haut hab i mi mei Lebtag abschinden lassen für enk Bagagi.‹

›Jo,‹ lachte der alte Johannserbauer, ein zaundürres Männchen, verschmitzt. ›Sie hat das g'tan, was wir alle tun: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen; aber getuifelt wie dös Weibermensch hat koans; und wann sie für ihr Geld 'm Himmelsvatter auf 'n Schoß ze sitzen kimmt, steigt's mir auf'n Buckel, wann's ihm recht ischt – mir ischt's gleich.

I geh. I bleib nöt. I geh zum zweiten Sohn, zum Alois abi, meiner Seel, nach Matrei. G'schrieben hat er mir schon, daß i die Petroleumlamp'n mitbring und mein Totenschein, sonst nix.

Die Koffeemühl bring i mit, weil zum Bohnenkuien,‹ er klopfte sich schelmisch auf den Mund, ›die Zähn ausgegangen sein. Nur noch so'n paar alte Stallatschen hätt' i.‹ Mit all diesem hatte er sich an Baumgarten gewendet.

›Die Koffeemühl, na, die bleibt do,‹ meinte die 175 Alte mürrisch. ›Die nöt – du kannscht giahn, wann d' magst.‹

›Halt's Maul! Ma wird do no reden derfen? Du wirst schauen, wenn i davun bin. Wer loaßt denn, wann du tuifelst, Weibermensch?‹

Das kannte Baumgarten schon, der Alte drohte immer mit seinem Fortgehen. Der letzte Trumpf war gewöhnlich: ›In Allerseelentag komm i über Berg un Tal. Hab a an Bruder un an Vatter auf'n Freithof. I geh's a bissel auffrischen. Lang halt i mi damit net auf. Bei enk kehr i nöt ein, ös Tschotten ös.‹

So war der Ton droben beim Johannser, seit es an allen Ecken und Enden nicht passen wollte – und seit sie wußten, daß die Alte ein Sümmchen versteckt hielt.

Die guten Leute waren von all dem zapplig geworden, so etwa, wie die alten Tiroler Jungfrauen den ›ledigen Unwillen‹ bekommen.

Wir würden sagen, droben beim Johannser sind sie nervös geworden, auf ihre Art.

Sie tuifelten eben jedes auf seine Weise.

Baumgarten beriet mit dem jungen Johannser den Verkauf eines Grundstückes, das tiefer dem Tal zu lag. Sie schauten miteinander in den Urkunden nach – über dessen Schuldbelastungen.

176 Während die Alten sich mit ihren Angelegenheiten abgaben und die Köpfe zusammensteckten, plauderten die Kinder leise am Ofen.

Das kranke Kind sagte und bewegte beim Sprechen altklug die durchsichtigen, abgemagerten Hände: ›Wann i stirb, kriag i a Kranzl an, und von Muatter das Tüchl vom Hochzeitsg'wand und Ring an die Finger.‹

›Solangst als an Engel in der Totentruchen liegst, – woll; aber eh vor's die Truchen zuanageln, da nimmt dir die Muatter 's Tüchel und die Ringeln ab. Glaabst's nöt? Die sind zu guat für in die Erden.‹

›Na, aber dös Kranzel nöt?‹

›Was hast am Kranzel? wann d' in der Erden liagst? – Da schaugst, koaner siaht's.‹

›Aber i hab's do,‹ sagte das kranke Kind ruhig.

›Aber bei uns tians Krapfen bachen.‹

›Selm woll. – I aber kimm zum Himmelsvatter, der gibt ma, was i mog. Das Sterben freit mi,‹ sagte das kranke Kind behaglich.

›Dös wird di vergiahn. Dös tut grausli weh!‹ meinte das andere.

Die alte Magd trat ein und schaute auf die Kinder. ›Was treibts ös?‹

›Sie red, wann's sterben tat.‹

›A so a Gagogala! 's Mariele stirbt fei nöt.‹

177 ›An der Lungelsucht stirbt fein jedes,‹ sagte das ältere Mädchen wieder.

›'s Mariele nöt.‹

›Woll, woll,‹ sagt's Mariele. ›I stirb schon, i geh in' Himmelsgarten.‹

›Baleibs nöt!‹ sagt die alte Magd.

›Warwel, sie will auch in der Totentruchen, wann's in der Erden ischt, der Muatter ihr Hochzeitstüchel anziagn und die Ringerln. Nöt, Warwel, dös geschiaht fein nöt?‹

›Bischt g'stobn! 's Mariele bleibt do. Dös geben wir dem Himmelsvater gar nöt, akrat nöt. Das feinst von enk.‹ Die Magd tätschelt es auf die Wange.

›Muatter,‹ rief das kranke Kind in Tränen, ›die Warwel vergunnt ma in Himmelsgarten nöt.‹

›A was!‹ rief die Mutter, ›da kann die Warwel nix machen.‹

›'s geht zu End mit'n Hascherl,‹ sagte die junge Bäuerin scheinbar gleichmütig zu Baumgarten. ›Drunten der Doktor meint, 's macht's keine zwei Täg nimmer. 's ischt hart; aber was soll ma dann mit so a Kitz tian. Dös war koa guata Muatter nöt, die dös 'm Kind nöt vergunna tat.

›'s Hascherl ist elf Jahr. Die beschte Zeit is um. Was nachher kimmt?‹

178 Baumgarten schaute die Frau wieder ruhig und kühl an und dachte: eure herbe Luft da heroben ist doch gut.

Er stand auf, ging zum grünen Ofen und faßte die zarte, dünne, heiße Hand des Kindes.

›Geh,‹ sagte er zu der Schwester, ›laß mich neben 'm Hascherl sitzen.‹

Das Mädchen stand verlegen auf und machte ihm Platz.

›Das gefreit di, daß d' in Himmel kimmst?‹

›Jo, dös g'freit mi.‹

›Dös glab i. – I tat mi a frein, durch die Rosenlauben zu ziagen. – Und die Nagerlstöck! So a Madel wie du, das hat sei Gartel dorten. Die Erden da oben is guldkörnig un leicht wie Seiden. Und wann d' ein Samenkörndel einisteckst, wachst's un grünt's un blüht, wie d' magst. Die Farb von den Blüamerln kannst du dir wünschen. Un seine Tischerln san gedeckt unter grünen Lauben – und seine Madeln un Buabn un schneeweiße Rösser, die aus goldnen Trögeln saufen – und was d' magst is da. Das ist das wahre Wunschlandl.

›Und vorm Aveläuten schaut der Himmelsvatter über enk und denkt: auf Earden habts euer Binkel Leiden brav g'schleppt, ihr liaben Hascherl. Nu habts 179 die Freiden da heroben. Gel, dös is fein?‹ Die großen Augen des kranken Kindes hingen an dem unregelmäßigen Männergesicht und sogen die Worte ein.

›Jo, dös ischt fein, Baumgarten, dös ischt fein,‹ sagte es leise. ›Und Schul? Gibts dorten Schul a no?‹

›G'wiß,‹ sagte Baumgarten. ›Hast gern g'sungen?‹

›In die g'sunden Täg, woll.‹

›Schau, Gottes Engel in weißem Gewand lehrt enk Liadeln singen von Langes (Frühling) un Muatter Gottes Liadeln un a lust'ge Trutzliadeln. Lustig sein ist koa Sünd. Da heroben a nöt, un getanzt wird un g'spielt wird. Und alles so liab un guat und hoamlich.‹

Der alte Bauer mit seinem alten Weib und der junge Bauer mit seiner Bäuerin und die Magd hörten Baumgarten auch kindlich aufmerksam zu.

Der alte Johannserbauer, das spindeldürre Männchen, nickte dem sterbenden Enkelkind zu, wenn etwas in Baumgartens Worten nach seinem Herzen war.

Die Mutter trocknete sich die Augen. Es tut ihnen allen wohl, vom schönen Himmelsgarten, in dem Mariele bald spielen und singen soll, zu hören.

Für sie alle waren die schlichten Worte und Bilder, die der gute Mensch dem Kinde auf dessen 180 Sterbelager sagte, hohe Kunst, die ihre Seele wie auf Flügeln von dieser harten Erde trug.

›Muatter,‹ sagte der junge Bauer zur alten Bäurin, ›aber d'ertrutzen sollten Sö do die Himmelsfreuden nöt. Das ischt so viel unfein.‹

›Laß sie,‹ sagte Baumgarten, ›wer sagt dir das?

›Wie einer seinen Himmelsgarten erreichen will, ischt sei Sach, mei Liaber. Plagt die Muatter nöt soviel. Wir werden's schon machen auch ohne ihr erstorbnes Geld. Wann i enk einen Herrischen bring, dem ihr das untere Wiesenlandl verkauft, werd's schauen, was wir außaschlagen. G'nua zum Zahln und um ein andres Stück a noch z'ruckzukaufen, und i woaß enk oan. Nur: mit den Gockeln bei G'richt wollen wir nix ze tian kriagen.

›I geh enk dö Täg zum Rapaunzer, der muß sei Kündigung a no auf a Weil zurückziagen.‹

›Und wann's nacha g'ratn hat, wie's ös moant's, was verlangts ös?‹

›Wann i dörfat in der Hallen dös gemalne Tafelwerk abmalen?‹

›Ein guater Handel,‹ meinte der Bauer pfiffig. ›Kimmts nur, wann's ös wollts.‹

Baumgarten ließ die Hand eine Weile auf der feuchten Stirn des Kindes ruhen und sagte leise zu 181 ihm: ›Sei ruhig, Gitschele. A Bisserl Not, wann kommt, halt's Köpferl hoch. A große Freiden muß allmal mit a wengerl Leid erkauft sein. Verstiahst.‹

›Sel woll,‹ sagte das Kind matt und sanft.

Als Baumgarten seines Wegs ging unter den uralten Kastanien hin, hatschte eifrig die alte Johannserin hinter ihm drein und rief ihn draußen vor der verfallenen Mauer, die Hof und Garten umschloß, an.

›I hätt a Bitt, Baumgarten, wann du zum Bäder-Hans aufsteigen tatst. Letz steahts mit ihm, i moan, er kinnt himmeln.‹

›A so,‹ sagte Baumgarten, ›ist er nöt alt genug zum Rasten?‹

›Woll, woll. Der Totentruchen kimmt koans aus. Aber wann d' an paar chrischtliche Worte mit ihm reden tatst, wie mit unserm Mareili, wurd ihm gleich anderschter.‹

Die Alte stand, als wollte sie noch weiter sprechen, schwieg aber.

›Johannserin, i steig dir zum Bäder-Hans. A sakrischer Weg.‹

›Sell woll,‹ meinte die Alte. ›Vergelt's Gott.‹ Sie stand und schaute ihm nach, machte ein paar Schritte, als wollte sie ihm folgen, – kehrte aber um und ging gebeugt dem Hause wieder zu.

182 Baumgarten schritt wohlgemut und leichten Herzens davon und dachte: es ist das einzige, sich wie ein Kind mit den Menschen und Dingen einlassen und nur selten in stiller Stunde sich in die Abgrundtiefe versenken. So wächst eins wie ein Baum tief ein und läßt den Wipfel im Winde schaukeln.

Sein früheres Leben strich an ihm vorüber, und er hatte nur ein Lächeln dafür.

›Wunderlich, wenn einer geht, wo ich gehe, ist's, als wenn alle Tore sich öffneten.‹

Zum Bäder-Hans war's wohl ein sakrischer Weg. Die Kastanien- und Nußbäume blieben bald zurück, die Birken und die Kiefern beherrschten das Erdreich, und die nur verknorrt und niedrig. Aber welcher Duft strömte dem zarten Birkenlaube aus. Welch ein Duft! – Und das Sonnenland rings umher! Bergesgipfel über Bergesgipfel, schwimmend in tiefgoldner Lichtflut. Die blaue Sonnenbahn! Eine einzige runde, mächtige, weißstrahlende Wolke kam feierlich wie ein Himmelsschiff daher gezogen.

Über das Bergmoor strich ein frischer, würziger Wind. Baumgarten blieb hin und wieder stehen und schaute und atmete tief auf. Bäder-Hansens Häusel hatte keine fürstliche Vergangenheit. Es klebte am selten begangenen Weg hoch oben am Bergmoor, ureinsam.

183 Bäder-Hans lag auf verwahrlostem Lager. Ein alter Bauernknecht, mit dem's zu Ende geht, kann sich nicht viel vergönnen.

Einmal des Tags schaute die Valtliner Franzel von der Gratschleralm nach ihm, ein einschichtiges, armes Frauensmensch; aber immerhin.

›Guten Abend,‹ sagte Baumgarten, ›kennscht mi nöt?‹

›Na,‹ bekam er zur Antwort. Der Alte hatte kaum die Kraft die Augen dem Eintretenden zuzuwenden. ›Die Johannserin schickt mi, daß ich nach dir schau, wie's steht.‹

›Lummrig, mei Liaber, lötz in alle Schuh.‹

›Ma kennt's,‹ sagte Baumgarten.

›Bischt schon versehn? I geh dir zum Cooperator.‹

›Das wann d' tätst! Bischt du net der Lamech – den sie unten . . .‹

›Du meinscht den Lamech (den Lump),‹ half ihm Baumgarten, ›den sie drunten in der Keiche haben? Woll, woll, selbiger Lamech bin i.‹

›Du tiast dir leicht, Hallodri, hascht's beschte Leben,‹ sagte der Todkranke matt, aber doch verschmitzt.

›Sell woll, mei Liaber.‹

›Guat isch's da unten, i wollt, mi hättns a 184 drin. I lieg do gor so alloanig. Alloanig leben is nöt hart, aber alloanig sterben, mei Liaber. Nix woaß unserein un verstiat nix. Ma liegt in da Finster. Und a sell a Wind wie nachts hier giat, mei Liaber. – –‹

›Versteast mi?‹ fragte Baumgarten.

›Woll, woll.‹

›Los! (hör zu) mei Liaber, ob d' alloan bischt oder nöt, das tuat nix zur Sach. Auch für dich ischt unser Herr und Heiland gestorben.‹

›G'storben ischt er?‹ fragte das alte Knechtlein mit schwacher, vertrockneter, zitternder Stimme. – ›Jessas g'storben!‹ und schaute ganz betroffen auf Baumgarten. ›Bei uns da heroben hört eins nie nix. – Und wanns alle drei hinwerden – uns sagt koaner nix. – Un ma verstiat's a net.

›Wer ist denn jetzt dafür?‹ Der Alte grübelte mit Anstrengung.

›Wann oans aufi kimmt – ist dann oans do, daß ma net immasunst anklocken tat?‹

›Du wirst erwartet, mei Liaber,‹ sagte Baumgarten beruhigend und strich dem armen Alten die Kopfkissen zurecht und die Decke und versuchte ihm das Lager behaglicher zu machen.

›Und über jeden wird Buch geführt. Da brauchst koa Angst nöt zu haben. Alles ischt in bester 185 Ordnung. Wann du kimmscht und klockst, na brauchst net zu meinen, daß d' lange warten mußt wie unten, wann d' die Steuern bringst. Für g'wiß nöt.‹

›Buch wird g'führt?‹ meinte das Knechtlein mit bedenklich bangem Ausdruck und schwach zum Verlöschen.

›Weil's Brauch ischt,‹ sagte Baumgarten, ›da brauchst koa Angst nöt hab'n. Buch wird g'führt, damit vergeben werden kann. Vergebung find't alles, bloß dafür ischt der Himmelsvatter do, mei Liaber.‹ So sprach er beruhigend weiter.

Das weltverlassene, sterbende Knechtlein flüsterte: ›Selm scho.‹ Der gebrochene Blick hing an Baumgartens Lippen, von denen Trost kam, der Trost, den das Knechtlein fassen konnte mit den schwachen Händen der armen unwissenden Menschheit.

Ehrfürchtig stand Baumgarten, denn er sah, daß er zur Stunde gekommen war, in der die Seele des dumpfen Knechtleins bereit wurde, sich von dem alten, gebrechlichen Leib zu trennen.

Baumgarten hielt die kalte, harte Hand.

›Kannst ganz ruhig sein, mei liaber Mensch,‹ sprach er sanft in den Abschiedskampf hinein. ›Du wirst erwartet.‹

Und er sah auf dem verrunzelten, kleinen Gesicht den großen Frieden sich ausbreiten, der nichts gemein 186 hat mit allen Worten und allem Wissen und Nichtwissen dieser Welt.

Und als er sah, daß dieser Friede von dem mühseligen Gesicht völlig Besitz genommen hatte, ließ er die harte Hand los, legte das Knechtlein sanft zurecht und verließ das Haus, das am stillen Bergmoor, am selten begangenen Weg liegt.

Er ging, hielt den Hut in der Hand.

Der Abend war hereingebrochen. Die Berg- und Felsenwelt lag fahl in weiter Runde um ihn her. Der Himmel strahlenlos. Und hinter den graubleichen, fernen Felsen hob sich der noch scheinlose Vollmond.

Eine bleiche Welt.

Der Weg führte steil abwärts. Sehr kühle Luft wehte oben.

Baumgartens Seele war friedvoll, wie es die Züge des Knechtleins wurden, als der große Friede sich seiner erbarmte. Er ging seines Wegs nach der feierlichen Handlung froh und ruhig und voller Dank, daß er ohne Reue stand, wo er stand, nichts auf Erden lockte ihn, als das, was er erreicht hatte. Sein eignes Wesen war ihm recht. Er fühlte sich in sich selbst wohl und stand frei unter Gottes Himmel. Was Menschen geschaffen und geschieden, berührte ihn 187 nicht. Frisch ging er darüber hinweg, wie ein Bauernbursch mit starken Sohlen über Geröll läuft.

Ein Lächeln spielte um seinen Mund, als er sich vorstellte, daß er so froh und frei wie der schönsten Heimat seiner Keiche zulief, dem ›Bezirksgefängnis zum goldenen Zeitalter‹.

Auch er hatte einst gestanden, wo die Unbescholtenen stehn, die gute Gesellschaft. Er hatte mit all diesen sich streng von den Lumpen, den Erwischten, den Überführten und Gebrandmarkten getrennt und auf die verschlossne Welt der Schmach und Schande wie auf ein dunkles, widerliches Grab geblickt. Wer hinter dessen Tür verschwand, war auch für ihn ausgestrichen aus der Welt der Lebendigen. Die, über die er einst hatte richten sollen, waren seine Kameraden geworden, und er hatte sich mit kühler Überzeugung auf die Bank der Überführten gesetzt und hatte den Unbescholtenen, der guten Gesellschaft, den Rücken gekehrt.

Du wollest, lieber Herrgott, einem jeden seine Sünde geben, damit er demütig werde und von Herzen sanftmütig, – damit er Zorn belächle und Wichtigtun belache. – Sie langweilten ihn unsagbar die Selbstgerechten. Wie jung und stark war er in seiner eignen Welt!

188 Nun ist er schon ein gutes Stück den steilen Weg hinabgestiegen. Vor ihm liegt wieder der Hof des Johannser Bauern, ganz verborgen unter den mächtigen Kastanien. Die Dunkelheit war mehr und mehr hereingebrochen. Die uralten Kastanienbäume lagen wie eine große, undurchdringliche Masse. Der Mond hatte seinen Schein bekommen. Die Maiennacht duftete. Ein kleiner Schatten löste sich aus der ungegliederten Masse der riesigen, breitästigen Bäume. ›Aha,‹ dachte Baumgarten, ›da ist noch eins wach beim Johannser. Aber beim Johannser sieht mir doch niemand nach Nachtschwärmerei aus. Vielleicht vom Veltliner unten, da hat's junge Mägde und Knechte.‹

Baumgarten schritt stramm dem näher kommenden Schatten entgegen.

Jetzt lag der Mondschein breit über dem Weg. Baumgarten schritt durch den hellen Schein. Der Schatten aber blieb im Schatten stehn.

›Baumgarten!‹ rief's rauh und nächtlich, als auch er wieder aus dem hellen Lichte trat.

›Johannserin!‹ Da war's die alte Johannserin.

›Selig entschlafen ist der Bäder-Hans. Ich kam zur rechten Stunde.‹

›Vergelt's Gott in Himmel auf. I hab mers denkt, daß er himmeln tat. Die Krippen hat a 189 nimmer z'ammg'halten. Vergelt's Gott! Baumgarten.‹ Die Alte legte ihm schwer die Hand auf den Arm. Sie wollte sprechen, setzte an, tat einen Schnaufer und setzte von neuem an.

›Baumgarten, lus (höre): wann die aner bein Ohrwaschel reißen tat zum Niedersitzen, dös wär eppa dein Sach a nöt – wia?‹

›Möcht i mer ausbitten.‹

›Gell ja! Aber i soll mir mei Geld außerderpeinigen lassen von die Meinigen. Sag's ihnen, wann mir an's a guats Wort geben tat.‹

›Ich nehme dich beim Wort, Johannserin.‹

›Sell därfst, kimmts Mareili ungezahlter in Himmelsgarten, – probier i's halt a.‹

Baumgarten reichte der Alten die Hand.

›Johannserin,‹ sagte er, ›vergelt's Gott. Jetzt hast den Himmelsgarten kaaft.‹

›War nöt übel,‹ brummte die Alte, ›wann i unsern Herr Gott ums Geld bring wegen dene Tschotten.‹

›Der laßt si nöt mit Geld zahlen wie unsereins. Unser Herr Gott laßt si nichts abkafen, der will unser Herzbluat. I geh jetzt hoam. Vergelt's Gott.‹

›'s ist a koa Hoam für Enk, Baumgarten – dös. Daß es di goar nöt druckt. Wann kimmscht los?‹

190 ›In a Wochner sechs. Was soll mi drucken? die zwoa – drei Baschquillele?‹

›Gar so viel unfein ischt's, Baumgarten.‹

›Unfein? O Jesus, Johannserin, 's gibt viel Unfeineres. I hab net g'stohln und hab neamand nichts getun.

›Um die paar Baschquillelen wird der Himmelsvatter an Aug zudrucken. Ihr doch auch, Johannserin? Und der Bäder-Hans hat's a tan, hat gleich zwoa zuadruckt. – Vergelt's Gott, Johannserin. I hab gemoant, a Gitsch derwart sei G'spusi, wie i Enk stiahn sieh.‹

Die Alte lächelte: ›Die Zeiten sein vorüber. Gut Nacht. Zeit lassen – Zeit lassen, Baumgarten.‹

 


 

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