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Das Haus zur Flamm'

Helene Böhlau: Das Haus zur Flamm' - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Haus zur Flamm'
authorHelene Böhlau
year1907
firstpub1907
publisherEgon Fleischel
addressBerlin
titleDas Haus zur Flamm'
pages373
created20140310
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich kam mit Friedel von einem Spaziergang zurück. Moidel öffnete uns und war nicht gnädiger Laune.

Sie stammt aus meinem lieben sonnigen Bergland, aus meiner kleinen Doktorstadt, in der ich so glücklich war. Sie führte damals schon unsere Wirtschaft und ist uns nachgekommen. Ich war so froh damals, als ich sie wieder hatte. Die herbe sonnige Moidel ist ein Stück jener guten Heimatsnatur, die ich so liebe. Moidel brachte zum Willkomm ein Säckchen voll Schwarzplenten mit, einen Topf voll Hollermus und einen voll Schmalz. Wir kochten am selben Abend noch Hollermandel. ›Es alpelet, Mutterl, es alpelet,‹ sagte sie. Mutterl nannte sie mich seit Friedel geboren war – nicht gnädige Frau und nicht Frau Professor. Heut aber war sie unfreundlich. ›'s Barönle is drin beim Herrn, schon mal wieder.‹

Ich trat bei meinem Manne ein. Sie saßen sich gegenüber und plauderten –, schwerer Zigarrendampf lag im dämmerig beleuchteten Raum.

– Trennungsschmerz – tiefer namenloser Trennungsschmerz fiel mir aufs Herz. Alles 31 Glücksempfinden war wie weggewischt – Trennung! – Trennung! – Trennung!

›Ich habe unsern guten Freund geärgert,‹ sagte mein Mann. ›Ich finde uns nicht in dem Maße, wie er meint, reformbedürftig, und ich muß gestehen, ich fürchte solche Ideen, wie Sie sie mir jetzt entwickelten, gehen auf eine Verweichlichung unserer Jugend hinaus. – Sich plagen – sich plagen! Ja – ja, darüber hinaus kommen wir nun einmal nicht.‹

›Ja, gewiß, sich plagen – bis aufs Blut, von ganzer Seele; aber um Dinge, die es wert sind.‹

Er empfahl sich bald, schien mißgestimmt.

›Verträgt keinen Widerspruch. Neurastheniker –‹ sagte mein Professor, als Erwin gegangen war und schenkte sich aus dem Bierkrug, der neben ihm stand, sein Glas voll.

Wir sprachen von einer kleinen Gesellschaft, die wir vor Frühjahrs Anfang noch geben wollten und einer Abreise meines Mannes. Moidel trat ein um den Amerikanerofen, der noch immer, der Behaglichkeit wegen, schwach brannte, nachzufüllen.

Mein Professor sagte: ›Also für nächsten Donnerstag, richte es ein.‹ Moidel horchte auf. ›Da soll's Gesellschaft geben?‹ fragte sie im Ton eines Oberaufsehers.

32 ›Ja,‹ sagte ich bescheiden.

›Mir is schnuppi,‹ meinte Moidel, ohne daß uns beiden dieser Ausdruck besonders auffiel, denn Moidel hatte ihre eigene Art, mit uns zu verkehren, beibehalten, wie damals schon in der lieben Doktorstadt, als sie, die stolze Südtirolerin, bei uns in Dienst trat, wie zu ihresgleichen.

Als ich wieder in meinem Zimmer war, kam sie zu mir herein, stand eine Weile an meinem Tisch, ohne zu sprechen, dann reckte sie den Kopf zurück, auf eine komische störrische Weise. Da war etwas im Anzug; ich kannte Moidel.

›Habt ihr früher aller nasenlang Gesellschaften gegeben? Wenn ich einen hätte, wie den Ihren, Mutterl, ich ließ frei die fremde Bagagi nöt ins Haus. Das beste an den niedern Leuten find i, ist, daß sie sich nöt um fremdes Volk zu kümmern brauchen. Wenn ich denk, ich hätt' einen und es tät aller nasenlang schellen, bedanken würd i mi – rein tuiflisch würd i, ich kenn's eh schon daran, wie's die Glocken ziehen, und wann's nur ihre Schnüffelnasen reinstecken bin i schon rabiat. Keins von allen tät Euch einen Pfennig geben, wann Ihr's brauchtet.

›Nicht geschenkt nahm i an Herrischen! Mei Ruh will i.

33 ›Unser Kooperater daheim mag's a nöt, wenn eins ewig um die Ehleut rum is. Ganz unnotwendig. Ich kann's nu mal nöt leiden.‹

Wenn Moidel jemand meldet, sagte sie: ›Die Frau so und so, der Herr so und so steht draußen. So viel unfein ist das. Was habt's denn an der, was habt's denn an dem?

›Und unser Barönle, was ewig daher rennt. – Der soll erst mal seine Rechnung beim Charkutier zahlen. Wie ich gestern wegen was von uns ins Buch schau, sieh i, daß unser Barönle nöt übel ankreidet ist.

›Und immer Lachsschinken, Lachsschinken, Ölsardinen, – allen Kuckuck. Herrgott noch einmal, wenn er's nicht zahlen kann, soll er doch Streichwurst essen, oder Leoni, oder an Leberkäs wie unsereins!‹

›Moidel,‹ sagte ich, ›Sie werden ein rechter Drache!‹

›Wenn einem die Leut nöt fürchten, nachher is gar. Fürchten muß einem das Tuifelszeug,‹ antwortete Moidel.

Ich ließ sie reden, denn ihre Kritik mußten wir immer bescheiden hinnehmen und taten es auch.

Wie wunderlich diese Welt ist! Ich bin überzeugt, Moidel sieht nur seine monatelang nichtgezahlten Abendessen. – Ich bin überzeugt, daß er für sie sonst ein ›Lackel‹ ist, wie sie sich auszudrücken liebt, sonst nichts 34 weiter. Für meinen Mann ist er Neurastheniker, für mich ein lieber, reicher Mensch, dem ich mich nahe fühle. – Wer aber ist Erwin sich selbst? Jeder, den wir kennen, trägt uns so, wie wir ihm erscheinen, umher. Jeder verschieden – und auch wir selbst tragen ein Bild von uns, verschieden vielleicht von allen den andern, aber nicht weniger unbestimmt oder unwahr! Jeder einzelne läuft, als so viel Persönlichkeiten durch die Welt, als er Menschen kennt. Jeder einzelne spaltet sich in hunderte voneinander verschiedener Wesen.

Aber wer sind wir selbst? – Wer sieht klar?– Wer denn? – Gehen wir ganz unerkannt, ganz verschüttet vor lauter Irrtum hier auf Erden? Ach, wie dunkel ist diese Welt!

 


 

An einem andern Abend

Mein Professor verreist dieser Tage auf ein paar Wochen und erlaubt mir, mit Friedel und Moidel währenddem wieder einmal die alte liebe Doktorstadt zu besuchen, meine liebste Heimat!

35 Ich hab es mir von ihm ausgebeten. – Es mußte sein. – Für ihn – für Erwin – für mich. Ich gehe in mein liebes Bergland.

›Ja, gewiß, Motte,‹ sagte mein Professor. ›Natürlich, geh nur. Wächst du denn aber gar nicht hier an? Wär's denn nicht vernünftiger, du verwendetest deine Kräfte, dich hier heimisch zu fühlen, als an die Sehnsucht nach dem alten Heckennest. Was hast du denn da eigentlich gehabt? Nicht begraben möcht ich dort sein! Weißt du, du machst dir da etwas vor, was gar keine Berechtigung hat.

›Nur immer ungeheuer kalt, Motte.‹

Das ist seine stehende Redensart, in der so viel Humor, Lebenskunst und Abwehr liegt. Fest steht er im Leben, wie ein Fels. Gegen ihn komme ich mir vor, wie ein Feld, in dem der Wind wühlt.

›Also,‹ sagte mein Professor, ›ich lasse dich und Friedel zu Marianne, sei nur vernünftig, Motte. Laß nur den Bub nicht zu viel angeschwärmt werden von dem verrückten Menschenvolk, was dort ein- und ausgeht. Schick ihn mit Moidel, wohin du willst. Er soll den ganzen Tag im Walde stecken – und du?

Grüß mir die Marianne und sag: Es gibt ein dummes Wort, das mit A anfängt – und ob sie noch immer nicht weiß, wie es weiter buchstabiert wird?‹

36 ›Du bist wie alle Männer,‹ sagte ich, ›ganz ungeduldig, wenn sie eine schöne Frau eine Weile kennen, und die tut ihnen nicht den Gefallen mit mathematischer Sicherheit zu altern. Besonders wenn sie sie nichts angeht und sie nur hin und wieder von ihr hören, ist ihnen das langweilig.‹

›Ist's auch,‹ sagte mein Professor und lachte sein unwissendes sorgloses Lachen.

›Aber grüß sie von Herzen und sag ihr, wenn ihr Pulsschlag noch immer so wundervoll geht, so ist er mir lieber wie das herrlichste Gedicht.‹

 


 

Mir ist's, als müßt ich mich ganz in mich selbst verbergen, als müßt ich alle Herzenstüren schließen, um in mir selbst zu sein.

Ach ich werde seine Liebe durch sonnendurchschienene Meilen spüren!

Welches Weh! Wie ist's möglich, sich voneinander trennen zu wollen.

Noch liegt die Sonnenglut nicht auf meiner lieben Stadt.

Und ich gehe jetzt schon die Wege unter den alten 37 Edelkastanien, auf halber Höhe des Berges hin. Bald öffnen sich die gelben Blütentrauben, die wie Goldfiligran über den dunklen Blättern sich hinspinnen.

Dort umherzuwandeln, jung, gesund, geliebt, wie neugeboren durch seine Liebe! Und Moidel wird dort wie besessen sein. Es wird die Heimatswonne nur so von ihr ausstrahlen. Sie ist ein Stück lebendig gewordener Heimatserde.

Wenn nur Marianne, meine liebe Marianne noch nicht zu viel Leute bei sich hat. – Sicher ist sie schon in ihrem alten Steinnest. Sie hält's auch nicht aus, davon zu bleiben, wenn die Edelkastanien blühen. Ob wir bei ihr wohnen werden? Natürlich! Wie sollte sie uns bei Fremden wohnen lassen!

Wir kommen, steigen im Winkelhof ab und gehen dann hinauf. O dieser liebe Weg! Zuerst eine kurze Weile steil über Pflastersteine, die einem anfangs so beschwerlich sind beim Steigen – dann durch Wald, den warmen sonnigen Kiefernwald. Harz duftend. Dann über die flache Wiese mit ihren Kastanien und Nußbäumen, den tiefen Schatten und den hellen Sonnenbildern, – und nun den steilen Bergkegel hinauf – im Laufschritt. – Ich sehe Friedel, was er für Beine machen wird. Er weiß ja genau, was auf ihn wartet. – Die kleinen Fenster des 38 Schlößchens schauen friedlich blinkend auf uns nieder. Und jetzt tauchen wir in den frischen Bergwind. Er faßt uns an den Schöpfen wie eine lustige Willkommenshand. Da oben weht es immer. Der Wind kommt von fernen Gletschern, die wie im Sonnenglast schimmern, und ist sonnendurchschienen. Dort oben sind Frühling, Sommer und Herbst immer Frühlingstage. Die Glut aus dem Tale kommt hier nicht herauf.

Im Norden Wald. Da steigt der Berg weiter an. Die bleichen Dolomiten schauen wie Geister aus fernen dunkeln Wäldern. Im Süden, Osten und Westen die fröhlichste Landschaft. Unter uns die Schlangenlinie des Flusses, des glasklaren Gebirgswassers.

Bergkirschbäume auf dem Rasen, vor Mariannens Haus. Groß und mächtig und immer sanft im Winde rauschend. – Der fließende Brunnen, kurzes, samtiges Gras mit gelbem Bergklee durchwebt. – Die weißen Bänke unter den Bäumen, die grasende Kuh und der grün eingezäunte Garten, der von Blumen und Beerensträuchern überquillt und nach allen Gartenblumen duftet, nach denen je eines Menschen Herz Sehnsucht trug. – Und die Gemüse stehen in strotzender Kraft und ziehen Kräfte aus Erde und Luft. Über die niedere Mauer, die den Garten vom sanften Abhang 39 scheidet, hängen ganze Wolken lustiger Gewächse in Blüte.

Und das Steinnest selbst! Ein alter Edelsitz fröhlicher Geschlechter, die hier im Sommer hausten, – die den fröhlichen Wind spürten, in dem warmen Sonnenschein gediehen, die den Berggarten liebten und die alten Kastanien und Nußbäume auf der Wiese.

Es ist, als hörte man glückliches geisterhaftes Lachen um das Haus, wenn der Wind geht; als webte die Sommerliebe längst verstorbener Menschen um Haus und Garten.

Du, von Verstorbenen und Lebendigen vielgeliebte heimische Behausung. Du langes niederes, einstöckiges Haus, mit dem angebauten Flügel, der sich in den Garten hineinzieht, wie schaust du aus! – Alte Aprikosenstöcke haben dich ganz eingesponnen. Auf der Südseite Birnen und Weichseln. Ein ganz grünes Kleid trägst du, und ich kenne dich von Früchten überladen! Ein grünes Kleid mit goldig rötlichen halbversteckten Kugeln und blauem Pflaumen- und Birnenschmuck, und deine quadratischen Fenster breiten grüne Flügel aus, als wollten sie all das Schöne um dich her umarmen. Und an der Nordseite gedeiht der wilde Wein und hängt im Herbst um dich wie ein roter Festteppich.

Mein Gott, du bist ein übermütiges Haus, du 40 altes Haus zur Flamm'. Man sieht dir an, du warst die Wintersehnsucht vieler Menschen und ihre Sommerfreude. Sie haben dich gesegnet, und jeder hat in seiner Herzensfreude dir etwas Gutes angetan, an deinem grünen Laubkleid gewebt oder gebessert. – Du bist verhätschelt worden. – Und nun siehst du so herrlich aus, daß einem das Herz aufgeht, wenn man an dich denkt.

Ich glaube und glaubte immer, die dich liebten und starben, müssen nach dir die Sehnsucht nicht verlieren. Deshalb habe ich mich nie in deinen Räumen, auf deinen Gartenwegen und unter deinen Blumen allein gefühlt, zwischen den Lebenden webte und glitt Vergangenes.

Ob Marianne wieder in efeugrünem Kleide geht?

Sie liebt diese Farbe, und die langen losen Falten, die bauschigen Ärmel und den kleinen viereckigen Ausschnitt, der den weichen Hals sich so frei bewegen läßt. Ich kann sie mir gar nicht anders vorstellen. Wenn wir miteinander in die Stadt hinuntergingen oder Ausflüge machten, und sie wie andre Frauen sich trug, war sie mir fremd. Ihre Gestalt schien mir dann etwas zu breit, zu gedrungen, der Kopf fast zu bedeutend für ein Frauenzimmer› was so unter den andern mit dahin geht, die braunen Augen waren 41 zu liebestief, das dunkle lockige Haar zu ungebändigt. Wer ist die? – Wer ist denn das? – hörte ich oft hinter uns dreinreden.

Ja, wer ist denn die?

Das ist die Herrin vom alten Haus zur Flamm'. Aber sie gehört auf ihren Berg, in ihren duftenden Berggarten, in ihren mit Laub und Früchten umsponnenen Edelsitz, in die niederen großen Zimmer, unter ihre Bücher und Blumen und in den weichen Bergwind.

Die Menschen müssen zu ihr kommen, in ihr Reich, sie nicht zu ihnen.

Und so ist es auch. Mühselige und Beladene kommen zum Berghaus. Und sind sie nicht beladen, so wollen sie sich doch wenigstens wärmen und Lebenswärme holen, wie die Leute früher, wenn ihnen das Feuer ausging, glühende Kohlen vom Nachbar heimtrugen.

Sie kommen alle verlangend.

Ich sehne mich auch darnach neben ihr zu gehen. Ich will ihr wehendes Kleid im Winde mich halb mitverhüllend spüren; ihre Kraft und Heiterkeit soll mich durchdringen.

Wir reisen bald. Ich bekomme ein hellgraues fließendes Voilekleid. Wie schön, daß man sich so 42 im Frühjahr sein Fellchen wählen kann, in dem man den Sommer feiern will.

 


 

Du brauchst vor mir nicht zu fliehen,‹ sagte Erwin, als ich ihm von unserer nahen Reise sprach.

Sein Blick bekam das Stumpfe, von allem Äußeren Abgeschlossene, das ich an ihm kenne. Er ist dann nur bei sich selbst. Nie sah ich das so scharf ausgedrückt bei irgend einem andern Menschen. Er kann sich zu sich selbst retten, sich in sich selbst verschließen. Wir saßen in meinem kleinen Salon, in meiner Muschelschale.

Mir war nicht möglich zu sprechen. – Jedes Wort hätte mir die ganze Kraft genommen.

Diese stumme Liebe, die sich nicht verraten darf. – Welche Qual!

Ich gab ihm die Hand und sagte irgend etwas so ungeschickt und arm – so arm.

Jetzt an sein Herz stürzen dürfen, in seine Arme, und die ganze Seele in heißen Tränen ausweinen.

43 Im Nebenzimmer war Moidel. Jeden Augenblick konnte die Türe sich öffnen.

›Und wenn du mich gar nicht liebtest und würdest so geliebt wie du geliebt wirst! Was sag ich! Du atmest erlöst, lebendig, wie kannst du gehn!‹

Erregt und leise sprach er, daß ich's kaum verstand.

›Aus eignem Entschluß gehen. – Du bist sehr verschieden von mir. Deshalb liebte ich dich wohl so tief! Ein schweres Geschick, eine so fremde Welt zu lieben.‹

Sein ganzes Wesen war wundervolle Heftigkeit und Zorn.

Ja zornig und stumm war sein Abschied. Ich, fast bewegungslos, um nicht alle Fassung zu verlieren, – stumm. Er wendete sich noch in der Tür nach mir um und sagte außer sich: ›Ich werde grenzenlos einsam sein.‹ Die Tür tut sich noch einmal auf. Zwei heftige leidenschaftliche Hände faßten die meinen.

›Du sollst gesegnet sein. Ich war voller Haß gegen dich, daß du gehst.‹

›Nein! Nein! Allen Segen, alles Gute über dich.‹

Dann saß ich allein in dem schillernden Raum, – 44 matt – das Herz weh, als dürfte es nie mehr heilen – ganz ohne Heimat. Weltverloren. –

Und nun wußte ich, daß solch ein Abschied des Todes Bruder ist.

 


 

Das frischgrüne Aprikosenlaub, von dem das uralte Mauerwerk des Berghauses dicht überzogen war, drängte sich im Winde noch haltlos aneinander, war noch so zart, kaum verdichtet, daß es nicht rauschte; klanglose zärtliche Laute begleiteten den Flüsterwind, der sich schwer an herbem, duftendem Laubgeruch trug, den die sanften Blätter ihm mitgaben.

Das Haus war ganz umduftet. Aus dem Walde kam die frische Tannenluft, die vorübergestrichen war an den abertausend, hellgrünen, weichen, sanften Tätzchen, die die rauhen Zweige dem Mai entgegenstrecken, und im Garten blühten Jasmin, Goldregen, Iris und Pfingstrosen.

Die Beete mit den runden Salathäuptern, und 45 alles, was da keimte und wuchs, ließ Opferduft aufsteigen. Der Abendhimmel so schützend mild, das Sonnengefunkel vorüber. Sanft war die liebe Welt und schön, als sollten zarte Herzen in ihr Heimstatt finden.

Im Haus zur Flamm' saßen, im tiefen breiten Zimmer mit der niedern Decke und den geblümten weichen Stühlen, den alten Schnörkelmöbeln, Marianne Gamander, ihr Sohn und der kluge Freund Geheime Rat Bernus. Die Fenster standen offen. Das Duften und Flüstern, die Abendsanftheit drang ein.

Stille und Abgeschiedenheit rings umher.

Eine große Benareslampe brannte schon, – die mächtige getriebene Vasenform, aus dunklem Messing, die den Beleuchtungskörper trug, schimmerte in Lichtpunkten, die von geheimnisvollen Zeichen, Schriften, Tier- und Menschengestalten ausgingen. Zart wie Spitzengewebe waren diese getriebenen Gestalten und Zeichen untereinander verwoben. Ein großer Lichtschirm aus seidenweichem japanischen Papier in rosa Farbentönen lag über der Flamme, wie eine vielblättrige kaum rötlich angehauchte Rose.

Diese Lampe war wundervoll anzusehen; wer nichts zu sprechen wußte, schaute auf sie hin und träumte und fühlte sich wohl. Für den Einsamen 46 war sie ein Trost, eine liebliche Gesellschaft. Sie verbreitete Freude und Seelenruhe.

Wo Marianne Gamander sich auch aufhielt, diese Lampe begleitete sie immer. Sie hatte ein eigenes Gehäuse für sie bauen lassen, um sie auch auf Reisen bei sich zu haben, so daß sie mühelos in jedem Hotelzimmer sofort aufzustellen war. Der fremdeste Raum wurde traulich durch sie.

Und hier, im mit Maienlaub umfiederten Berghaus, in das durch offene niedere Fenster Frühlingswürzluft zog und die Lampe Gesichter beleuchtete, die im Wohlwollen zueinander strahlten, da war sie wie eine Hüterin schöner stiller Stunden.

Auf dem kleinen runden Tische, um den die drei Personen saßen, lagen Originalphotographieen Botticellischer Madonnen. Bernus, der Sybarit, Ästhetiker und Geheimrat, hatte sie Marianne Gamander mit aus Florenz gebracht.

›Frau Marianne,‹ sagte der lebhafte, gedrungene kleine Mann mit den starken Zügen und dem sprühenden Ausdruck, ›Gottweiß, wie oft werde ich wohl noch diesen Bergkegel hinaufkeuchen müssen. Ich bin kein Freund vom Klettern, um die zu sehen, die mir der liebe Gott, wenn er den Bernus wirklich kennte, hätte durch unzertrennliche . . . . und so weiter – und so weiter . . . .

47 ›Hermann,‹ damit legte er die feste runde Hand auf des jungen Gamanders Schulter, der seiner dunkeläugigen Mutter glich, ›du warst kein guter Kamerad, mein Junge, du hast mich hier schlecht vertreten.‹ Auf seine verfehlte Werbung bei Frau Marianne mit Humor zurückzukommen, mochte ein alter Scherz des prächtigen Mannes sein, ein alter Scherz mit immer neuem Stachel. Sein Blick war so warm und voller Liebe und Bewunderung auf die dunkeläugige Frau im efeugrünen Kleide gerichtet.

›So geht's,‹ sagte er, ›ein dummer Kerl, wie hier einer sitzt, steckt in jede Kirche, in jede Gemäldesammlung seine einsame Nase – auf der Jagd nach Schönheit und Leben, voller Sehnsucht und Erregung, wie vom Teufel getrieben. Unsinn! Diese verfeinerte tolle Erdenliebe hat mich am Schopfe.

Und ein gewisses schwarzes Erdenluder, Gott verzeih mir die Sünde,‹ er faßte Frau Mariannens beide Hände, ›hätte alle Unruhe von mir nehmen können, und wir hätten uns friedlich selig in die Schönheit der Welt geteilt.‹

Hans Bernus liebte die gefährlichen Früchte dieser schönen Erde. Das war ihm auch anzusehn, dem verwegenen Geheimrat, dem die verfeinerte Lebenslust aus den Augen sprühte. Deshalb liebte er auch 48 Marianne Gamander und nannte sie in der Tiefe seines Gemüts ganz einfach und ohne jede Zeremonie das ›schwarze Erdenluder‹, und wenn er sich vor dem Bourgeois, der vor Kraftausdrücken erschreckt, bändigen mußte, sagte er auch wohl die ›schwarze Lurelei‹. Diese Ehrennamen aber verdienten nach seiner Ansicht sonst kein Ding und keine Menschenseele auf Erden, als eben nur Marianne Gamander.

›Und haben wir uns nicht in die Schönheit der Welt geteilt?‹ sagte sie mit weicher klangvoller Stimme. ›Wir sind viel zu gute Freunde, Bernus, als daß wir uns hätten heiraten dürfen. Wir sind zu treuen Freunden bestimmt. Ich hüte dir eine Heimat, in die du klettern mußt, die du eigentlich längst verloren hättest, lehr du mich dich kennen!‹

›Sie hat recht,‹ sagte Hermann trocken.

Er sieht sehr herb und eckig aus, der junge Gamander, wenn die weichen tiefen Augen nicht wären!

›Natürlich,‹ meinte Bernus, ›dein Bub!‹

Der legte seinen Arm innig um seine Mutter und sagte einfach: ›Wer sollte sie denn kennen und verstehen, wenn nicht ich? Ich hab doch ihr ganzes Wesen getrunken, ihr Bub bin nur ich. Gelt, Mutterle?‹

›Ja, Bub,‹ sagte Marianne, ›und was du nicht 49 getrunken hast, das hab ich in dich hineingehämmert, gebetet, geschmeichelt, was alles hinuntergetreten und heraufgelockt. Da läuft der Bernus in Galerien herum und sucht! – Die Menschen stecken ihre stumme Kunst in traurige Säle, statt Kunst frei und glücklich, lebendig umherlaufen zu lassen! – Merken gar nicht die große Kunst zwischen Menschen, zwischen uns Dreien zum Beispiel hier. Bildernarr! Du Sybaritchen! Deine Lieben aller Art, die ich mit dir erlebte, wo sind sie hin? Und unsere Freundschaft? Was sagst du? Doch schöner wie je? Wenn dir's auch sauer wird, zum Berghaus zu klettern!‹

›Weischt,‹ er verfiel in seinen behaglichen schwäbischen Dialekt, ›du bischt eine ganz wüschte Person, so wahr mir Gott helf, du weischt ja nichts von Liebe, du verzettelscht dich in Kleingeld. Ich mein, du hascht viel zu viel Freund und Leut.‹

›Gottlob! Nur ein Schiff auf der See möcht ich nicht haben, und wenn's das größte und schönste wär, dann erst recht nicht.‹ Sie schenkte ihrem Freund Hans Bernus aus der geschliffenen Flasche roten Terlaner ein. Der legte die lebensvolle, feste Hand ums Glas mit einer freudigen Bewegung.

Sie sprachen jetzt davon, daß er in seiner Villa in Baden Veränderungen vornehmen wollte und es 50 fehlten ihm allerlei Sachen. Er war auf der Suche nach einer grünen Farbe für sein Arbeitszimmer.

›O, das überläßt du mir,‹ sagte Marianne lebhaft. ›Ich weiß einen roten Stoff . . .‹

›Rot? – Wieso denn rot! Mein Arbeitszimmer war immer grün.‹

›Nimm rot,‹ sagte sie mit einem so warmen Ausdruck, als wollte sie sagen, du wirst wieder jung, wenn du rot nimmst. ›Und ein Rot,‹ fuhr sie fort – ›gar keine Rede von dem was man so ›rot‹ nennt. Es ist das Rot meiner Seele – mein Rot! Soll ich dir eine Probe schicken lassen? Ich habe dem Kaufmann eine Gefälligkeit erwiesen, der geht für mich fürs rechte Rot durchs Feuer. Und so billig ist der Stoff! Aber das ist ja bei dir nicht nötig. Ist das langweilig, so reich zu sein, das führt nicht durch Winkel und um Ecken auf die Suche. Sieh,‹ sagte Marianne, ›bei mir lebt jedes Ding, hat seine Geschichte. Fast hinter jedem Kauf steht eine Persönlichkeit und ein Erlebnis. Der Mann, der mir den roten Stoff, mein Rot verschafft – der hat mir hinter seinem Ladentisch gebeichtet. Ich verlangte lachend ein Rot, das aussieht wie brennende Liebe – ich meinte die altmodische liebe Blume, die in Großmutters Garten blühte, deren Namen mich schon als Kind entzückte.

51 ›Ach, Frau Gamander,‹ sagte er, ›die brennende Liebe‹ – und erzählte eine Geschichte, die mir Shakespeare abkaufen würde. Bei euch aber hat alles nur dieselbe mathematische Geschichte einer dummen, riesengroßen Rechnung. – Der geflickte Rock von einem Bettelmann ist eine Welt gegen eure mausetoten Rechnungen.

›Ja, die Mutter! Weißt du – Onkel Bernus, ohne mich geht sie mir jetzt in keinen Laden mehr. Jeder Kommis und jede Ladnerin hängt ihr ein Schicksal auf, und die Mutter nimmt so ein Schicksal von irgendwem ganz geduldig und schleppt's nach Hause – und weißt du, dann haben wir's, dann wird's bei uns vollends ausgebrütet. Davon hast du gar keine Ahnung, Onkel Bernus.‹

›Gemütlich ist's bei euch,‹ sagte Hans Bernus, stand auf, zündete sich seine Zigarre, die Marianne ihm gereicht hatte, an und ging elastischen Schrittes im Zimmer auf und nieder.

Alle drei fühlten sich behaglich. Sie sprachen über Menschen, die sie miteinander kannten. Bernus erzählte von seiner letzten Römerfahrt. Marianne schaute sich still die Botticellis an und sprach dabei leicht über diesen und jenen ihrer beiderseitigen Bekannten.

52 ›Wie du deinen lieben Nächsten kennst. Wie machst du das nur? Bist du immer noch so indiskret und horchst an den Türen?‹

›Ja,‹ sagte sie, ›das bin ich immer noch, ich horche. Ich habe alle die Philistertugenden nicht, die sie auf den Thron setzen, um ungestört, undankbar und gedankenlos verräterisch zu sein. Ich möchte den Menschen bis ins tiefste Herz sehn, ich möchte sehn, mit wem ich's zu tun habe: Ich möchte in die Tiefen der Herzen sehen, ich lausche wie die Quellensucher am harten Gestein auf das Wasserrauschen – und ich suche nach Wahrheit wie der orientalische König, der nachts verkleidet an den Türen seiner Untertanen lauschte. Ich wollte, solche Könige gingen noch heute auf Erden umher und beunruhigten die Heuchler dieser Welt. Ich will auch Lumpenzeug helfen; aber wissen will ich's, daß es Lumpenzeug ist, deshalb horch ich an den Türen. Ich verlange auch meine Geschenke zurück, wenn ich meinen Dank nicht bekomme, oder wenn sie unanständig werden, halte ich es ihnen auch vor, was ich für sie tat, wenn sie es, wie üblich, vergessen haben. Ich räche mich auch, wenn man mir etwas tut. Sie sollen mich fürchten, und ich bin in meiner Bosheit immer noch besser als sie, und wenn sie mich nicht gerade brauchen, bin ich für Philister 53 und ihren warmen Flaus noch immer so unbequem wie je. – Und weißt du, Bernus, daß du so oft von deinen drei Gemeinheiten redest, die du einmal tun möchtest, macht mich sehr bedenklich. Mut hab ich, daß ich so einen Geheimrat aus allerbester Familie so unbewaffnet empfange.‹

›Ist schon recht; aber meine drei Gemeinheiten, die ich gut habe, sind nun einmal zwischen uns abgemachte Sache, – sonst –! Ich danke für Liebe und Freundschaft, wenn sie nicht über drei nette, meinetwegen graziöse, rassige, kleine Gemeinheiten hinweggucken kann! Freundschaft mit Vollkommenheitsverpflichtung ohne Pause, nein.‹

›Nein, du,‹ sagte Marianne, ›du Sündenfroher, gerade diesmal wollt ich dir vorschlagen: unsern Vertrag heben wir jetzt auf. Du warst immer so vertrauenswürdig. Wozu . . .‹

›Das will ich dir sagen,‹ unterbrach er sie, ›wozu. Ohne unsern Vertrag wär's einfach aus mit uns. Ich würde mich vor dir fürchten. Ich würde meinen Hut nehmen. Adieu, Gnädigste. Da kennst du den Bernus nicht!‹

›Ob ich den kenne!‹ Marianne lächelte ihm warm zu.

›Weißt du, mein Junge,‹ sagte Bernus zu 54 Mariannens Sohn, ›bei euch scheint's endlich vernünftiger zuzugehen! Alle Achtung! Gestern einen behaglichen Abend, ganz unter uns, und heute, so weit unberufen. – Es wird doch nicht die Stille vor dem Sturme sein. Da sitzt ihr nun auf 'nem infamen Gipfel, habt keine Klingel am Haus und 's ist doch die reinste Feuermeldestation. Jeden Augenblick läuft's mir kalt den Rücken hinunter, ob l'homme interrompu oder la femme interrompue kommt, irgend welcher unerwarteter Wohnungsfeind.‹

›O,‹ sagte Hermann, – ›Onkel Bernus, wir holen einfach unseren Fremdenhammer. Weißt du noch voriges Jahr?‹

›Fremdenhammer!‹ sagte Bernus wegwerfend, ›wenn deine Mutter keine Ruhe hält, hilft aller Fremdenhammer nichts. Meine gnädige Freundin, du bist nun einmal mit einem Montecuculi nicht zufrieden wie wohl dein Freund in Capri hieß, du mußt immer noch einige Montezugukuli haben.‹

›Das glaubst du ja selbst nicht,‹ sagte Marianne. ›Ums Zugucken handelt es sich bei mir doch wirklich nicht; aber bei mir selbst ums Hineingucken ins Lebendige. Ich kann keine Wachsfiguren vertragen, keine dressierten Affen. Das Leben, das jeder schleppt, zieht mich an; ich will nicht, ich muß gucken.

55 ›All die toten Leut um mich her wollt ich doch schon als Kind lebendig machen, lachen sehen, weinen sehen, ich hatte wenig mehr als roten Mohn, und den hätt ich ihnen schenken mögen.‹

Bernus küßte ihr die Hand. ›Roten Mohn hast du mir freilich geschenkt. Ohne daß die toten Leut es sehn, trage ich deinen roten Mohn Sommer und Winter in der Hand.‹

›Du steckst ja gottlob,‹ sagte Marianne, ›selbst im Mohn.‹

›Liebe gnädige Freundin,‹ antwortete er, ›du solltest dem Geheimrat Bernus einmal in seinen Stoppelfeldern begegnen. – – Jetzt aber bin ich im roten, leuchtenden Mohn, bei euch beiden – jetzt – sagen wir heut abend, und ich hoff drauf, daß nicht wieder einer oder der andere Montezugukuli auf der Wanderschaft zu dir begriffen ist. Was sie nur alle wollen?‹

›Sei nicht bös,‹ sagte Marianne, ›und kein solcher Egoist. Gestern hab ich dich gefeiert in aller Stille; aber heute muß ich den Bezirksrichter annehmen, so leid mir's selber tut, ich wollte dir den Vorärger ersparen; aber er kommt nun einmal, ich konnte es ihm nicht absagen, und er bringt sogar noch einen sonderbaren Freund mit.‹

56 ›Natürlich! Dacht ich's doch! Da haben wir's! Was fehlt ihm denn? Was will er denn? Was wird er dir denn aufpacken?‹

›Nichts,‹ sagte Marianne, ›nichts, hoffe ich.‹

›Kennen wir,‹ brummte Bernus, ›du, die ein Schmuck dieser Welt sein sollte, eine wirkliche Königin, bist Dienstmann von allen. Träger, Schlepper – Gott weiß was! Sie verschütten dich ja schließlich mit ihren Anliegen, diese Barbaren! Du wirst vergraben wie ein Götterbild!‹

›Ach du lieber Gott,‹ sagte Marianne lachend. ›Wie du mich mißverstehst. Was soll man denn in dieser Welt als Götterbild. Da würden keine Geheimräte zu mir kommen, da fiel ich unter die modernen Strafparagraphen. Was ihr Deutschen mit Götterbildern anfingt! Das bißchen Göttliche, was man sich rettet, muß man so vorsichtig genug maskieren, wenn man nicht zu den Verrückten geworfen werden will; denn das geistige Göttlichnacktgehen ist unerlaubt. Ich liebe Eleganz, weil ich nicht nackt gehen kann, und da sagen sie: ›Die mit ihrer Weltflucht und ihren schönen Kleidern.‹ Ich muß mich immer erklären! Schrecklich! Als Feinde empfind ich die Kleider, Zeiträuber, Lufträuber, Mauern zwischen mir und der Sonne. Ich schwöre es bei der lieben, heiligen Natur, 57 daß ich auch kein Gefälligkeitskrämer, Dienstmann oder Liebenswürdigkeitstrottel bin. Versteh's, wer's kann! Mein Horizont ist so groß und weit, ich fühl immer die ganze ewige Natur um mich her, das große Grab oder das große Bett, was dasselbe ist, und ich greife euch geistig, ihr seid nicht zu fassen. Ihr strömt zwischen Tod und Leben grobsinnig an mir vorüber. Ich kann euch nur rasch auf eurer blöden Eilwanderschaft füttern –: dich, den satten Herrn Geheimrat mit Farben und Wärme, die Ärmeren mit Bildchen und Büchern und Brot, die Ärmsten, die, so oft sie das Leben aus ihrem Schlaf aufstört, gleich schlottern, mit einem festen Wort, die Allerärmsten, die ohne Liebe leben, mit einem Wink, da, dort tu Gutes, schlag Feuer aus dem Stein durch Taten! Ich höre euer Seufzen und Lachen und tappe nach Seelen.

›Ja, wißt ihr denn nicht, daß ich zuerst nur Seelen wollte und nur nach Seelen suchte. Die sind aber verschlossen und verschlafen. Wenn ihr nicht eben manchmal seufztet oder lachtet, wüßte man gar nichts von euch.

›Und so kommt es wie für Kinder: – ich hole und suche und schenke. Da sie keine Seele brauchen, bring ich Sachen, tue, was ich kann, reden hilft 58 nichts – und ich will empfunden werden! Fruchtbarkeit ist Leben. Einen Baum, von dem hin und wieder ein Apfel fällt, verstehen sie alle. – – – Und wie einsam ist diese Frau doch dabei,‹ sagte Marianne leise. ›Jeder Baum, jeder Strauch ist ihr vertrauenswürdiger als ein Mensch. Die Wiese wird doch nächstes Jahr wieder grün. Bei Wald und Wiese möcht ich mich entschuldigen, daß ich nicht ganz so natürlich bin wie sie.‹

›Kind,‹ sagte Bernus, ›du bist viel zu zerstreut für die Liebe!‹

›Für die Liebe! – Liebe? Das wird wohl sein, wie's überall ist,‹ sagte Marianne. ›Man sucht süßestes Verstehen und findet Arbeit und Mühe.‹

›Die Mutter,‹ sagte Hermann weich aber unbestimmt und spielte mit seiner schlanken Knabenhand mit ihrem losen, lockigen Haar. Er tat es mit der Zärtlichkeit, mit der man ein geliebtes Kind herzt.

›Mutterle,‹ sagte er, ›Mutterle.‹

›Sahst du Liebe wie hier?‹ fragte Marianne, ›aber was hab ich da ausgestrichen, was ich an ihm nicht wollte. Wie er so groß war, – so groß, Bernus, da hab ich an ihm geschaffen, mit einer Glut, Bernus, und einem Willen, wie der heißeste Künstler. Ich wollte mir meinen Menschen schaffen, meinen 59 Versteher, mein Bestes. Wahrhaftig nicht nur für mich. Weißt du, wie er neun Jahr, zehn Jahr alt war, sagte er mir einmal: ›Mutter, möchtest du eine Kohle sein?‹

›Möchtest du eine Kohle sein?‹ fragte ich.

›Ja,‹ sagte er. ›Aber, Mutter, möchtest du eine Kohle sein, die man findet, oder eine Kohle, die man nicht findet?‹

›Die man findet.‹

›Ich auch, Mutter, ich möchte gefunden werden, ich möchte brennen und wärmen und die Flamme soll bis in den Himmel kommen.‹ Von da an gehörte er mir. Seele von meiner Seele.‹

Als hätte sie beide Botticelli gemalt, wie der große Bub an der Schulter seiner Mutter lehnte. Sie schauten tiefer und inniger als andere Menschen, ein wenig wissender und wärmender, wie sie sich mit ihren großen braunen Sommeraugen ansahen.

›Geheimnisvoll und unerkannt lebt man doch auf dieser Erde,‹ sagte Marianne leise. ›Ach, Bernus, du, mein Lieber,‹ fuhr sie ruhig fort, ›würdest mich nicht ertragen haben. So ein ganzes großes Stück Natur wie ich bin; das war auch so eine Phantasie von dir. Du hättest mir gegenüber ganz schutzlos 60 gestanden, bald in der Sonne, bald in Hagel und Regen, du Armer, trotzdem ich dich gerne hatte und habe.‹

 


 

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