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Das Haus zur Flamm'

Helene Böhlau: Das Haus zur Flamm' - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Haus zur Flamm'
authorHelene Böhlau
year1907
firstpub1907
publisherEgon Fleischel
addressBerlin
titleDas Haus zur Flamm'
pages373
created20140310
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Aus Mottens Tagebuch

Sibyllens Begräbnistag. Heute in sanfter Abendstunde ist Sibylle begraben worden, die Sibylle, die ich nicht kannte, die zu uns im tiefsten Schlafe heraufgetragen wurde, von deren wundervollem Gesang unser Doktor ganz bewegt ist, – die von Hermann geliebt ist, von 355 diesem herben, gütigsten Herzen – und die meinem kleinen Friedel eine wahre Freude am Tode gegeben hat. Er spricht vom Tod wie von Weihnachten. Ja, er sagte: es sollte ein Lichterbaum bei ihr im Kirchlein brennen. Sie liegt wie das Christuskind in der Wiege. ›Schön und still sind die toten Menschen,‹ sagte er. Wunderlich welch tiefe Liebe mein Kind zur Stille hat, still ist für ihn ein wundervolles Wort. Die Worte machen auf ihn einen ganz merkwürdigen Eindruck. Das Wort Vater, Mutter sieht ihm aus wie ein weiches Wollnestchen, die fünf aber, sagte er, sieht mir ängstlich aus, wie etwas Verwundetes. Er ist so bewußt, er weiß auch, daß es schön ist ein Kind zu sein, er weiß so vieles. Als ich ihn gestern ausschalt, sagte er: ›Böse Menschen haben keine Ohren. Weshalb sprichst du mit mir, wenn ich böse bin, warte doch, bis ich wieder gut bin und wieder hören kann.‹

Er frägt mich manchmal: ›Werde ich auch gut erzogen, Muttchen, kannst du's, weißt du's, wie es sein muß?‹ – Ach, und ich bin jetzt nicht gut zu ihm, wie ich sein sollte. Ich bin nicht gut! – Ich bin nicht so ganz bei ihm! – Ich bin innerlich zerrissen! – Ich denke oft nicht an ihn – nur, nur an mich – bin voller Sehnsucht. Ich bin auch gegen meinen Professor sehr ungerecht! Ich weiß alles! – Mein 356 Herz aber will keine Vernunft! – keine Pflicht – nur das, was es Glück nennt. – Nur das und einzig das. So ein armer Mensch ist wirklich gut beraten mit solch einem Narren in der Brust!

Sibyllens Gesicht schien auch mir etwas unbegreiflich Herrliches in seiner stillen Schönheit. Ich verstand Friedel. Ich habe mich auch in diese Stille tief hineinsehn müssen – nachts, als ich bei ihr saß.

Die heiligen Menschen waren in ihrer Sehnsucht nach Stille – trunken von der Ruhe im Tode. Sie wollten diese Ruhe ins Leben hinein erflehen, erbitten, erlisten, erkämpfen. – Diese Stillesucher, diese Gottsucher, – diese Sichselbstsucher. In der Stille da ahnten sie – da wußten sie, daß sie sich selbst finden würden. Wie die Sucher mit der Wünschelrute. Vor der Stille, da bewegte sich die Wünschelrute, da war die Quelle, da quoll der Schatz. Wie eine arme Verwirrte saß ich vor Sibylle und blickte auf sie, und alle Unruhe meines Herzens schien mir doppelt Unruhe. – Aber ich dachte: sie ist liebend und geliebt eingeschlafen, – eingeschlafen in Seligkeit. Wir müssen bis zum Feierabend aushalten. Ich muß mich selbst in einem ungeheuern Durcheinander suchen.

Marianne und Hermann sind beide anders wie ich. Ganz anders. Hermann trägt seinen unvermittelten 357 Schmerz, so jung er ist, mit einer großen Güte. Er ist zu uns allen fast noch sorgsamer und gütiger wie sonst, ebenso trägt Marianne ihr Glück. Sie verdienen beide ihr Glück und ihren Schmerz. Marianne und Hermann sind ihrem Schicksal gewachsen. Ein schöner, seltener Anblick.

Ich bin meinem Schicksal nicht gewachsen. Es wächst, aber ich wachse nicht mit. Ich fühl's, ich war nur in der allerersten Jugend heimatsicher auf Erden. Alles, was später kam, blieb mir fremd, traurig, unheimisch. Ich habe keine Freude daran. Ich sehe und höre und verstehe alles um mich her, aber wie ein Zuschauer. Ich bin nicht ergriffen. Es geht mich fast nichts an. Deshalb bin ich auch so eine Spielmutter mit Friedel. Das ist das einzig Trauliche, was ich fühle. Mir ist immer, als müßt ich einen steilen Berg steigen. Ich gehe nie gerade aus.

Mit Erwin konnte ich wieder im vollen schönen Atem laufen. Ich kann nur ganz jung sein. – Und gewiß werd grade ich steinalt! Großmütterlein, du im goldenen Wurzelnest deines Lindenbaums, der dir aus dem Herzen wuchs, – du warst stärker als ich! Du gingst davon in deiner heißgeliebten Jugend und Schönheit. Dein Herz war kühl gegen alles andere auf Erden. –

Ich aber liebe Friedel, liebe, liebe Erwin, liebe auch meinen Professor, liebe sehnsüchtig die schöne 358 Welt, liebe Marianne und Hermann – und sehe große, schwere Pflichten und Wege. Dein Leichtsinn, Urgroßmütterchen, ist in mir gebrochen. – Ich kann nicht mehr so wie du, mich vom goldenen Wurzelnest des Lindenbaumes umspinnen lassen. Ich kann nicht wie du mich verkriechen, wenn es mir nicht mehr auf Erden gefällt und kann nicht alle Jahre glückselig in hunderttausend goldenen Lindenblüten blühen wie du.

Sie haben Sibylle sanft begraben und nicht im kleinen Friedhof, sondern auf einem wunderschönen Platz, den die Leute das Nonnengrab nennen. Man sieht von ihm aus das liebe ›Haus zur Flamm'‹ und in die weite Gegend hinein. Uralte Nußbäume stehn im Kreis wie ernste Wächter. Der Platz gehört zu Mariannens Besitztum. Wenige nur haben Sibylle mit zu Grabe gebracht. Alles schwarze Düstere war fern gehalten. Der Sarg mit weißen Rosen und Kränzen überdeckt. Die stille Abendstunde golden sonnig. Der Pfarrer sprach die ernsten, feierlichen Worte, und ein wundervoller Gesang der jungen Chorsänger, die verborgen im Walde standen, gaben ihr und uns den letzten Gruß. Maria hielt sich am Arm ihres Kameraden gestützt. Sie weinte nicht. Die Stunde ist zu fremd, gehört nicht ins Leben. Wir verstehen und fassen sie nicht.

359 Nie aber werde ich Hermann und Maria in ihrer stillen Schmerzenszusammengehörigkeit vergessen. Ich habe nichts Beweglicheres gesehen als ihre gegenseitige Sorge füreinander.

In den Tagen, als die junge Tote im Kirchlein lag, war im Hause zur Flamm' alle Schönheit und Wärme und Zartheit, die es auf Erden gibt, wach. Sie waren alle so unendlich gut zueinander. Jeder voller Schutz für den andern. Baumgarten gehörte ganz zu ihnen, war dasselbe wie sie, so ganz voll weicher Güte. Ich dachte an einen Ausspruch von Mariannen: Ach, wenn die Natur die Menschen nur zeichnete, die zusammengehören! Wie viel Schmerzen würden den Suchenden erspart! Uns dürften die Philister getrost die Narren Nummer 4 nennen! Aber was für eine Welt wäre das! Von weitem sähe man seinen geliebten Bruder kommen! Und ohne sich zu kennen wüßte man: da kommst du selbst, dein Versteher, dein Blutsverwandter!

Und ich und Friedel wir gehören auch zu ihnen! Sie lieben uns, sie sind gut zu uns, stünde ich nur erst fest in ihrer Freiheit. – 360

 


 

An einem andern Tag

Hermann ist heut nach Innsbruck abgereist. Er wird, so oft es ihm möglich ist, zum Haus zur Flamm' heraufkommen. Maria bleibt bei Marianne. Von der – sagt Marianne, – könnte ich mich jetzt nicht trennen. – Dies Kind hat mehr für meinen Bub getan als je ein Mensch für ihn tun wird. – Die Stunde vor seinem schweren Erwachen vergesse ich ihr nie. Daß ihn das arme, zitternde Geschöpf mit sich selbst geschützt hat, die rührende Heldentat ist nicht umsonst getan. Maria bleibt bei mir.

Ja, und diese Maria! Hermann hat recht – sie gehört zu den herrlichen Geschöpfen der Erde, von denen es so wenige, wenige gibt. Ihr Schmerz ist nie aufdringlich. Er entstellt nichts an ihr, kein Wort und keine Bewegung. Wie sie mit Friedel lacht in ihrem Kummer, ist das lieblichste, was ich je sah. Sie hat mich gebeten, bei Friedel schlafen zu dürfen, weil sie bei ihm einen Trost fühlt wie sonst nirgends. Wie gern erlaubt ich's ihr, die den ganzen Tag so hilfbereit im Hause ist, so voller freundlicher Dankbarkeit für die Liebe, die sie hier erfährt. Ich verstehe, daß Friedels schlafendes, warmes Körperchen ihr wohltut.

Weshalb aber tröstet Friedel mich jetzt selbst so 361 wenig? Weshalb bin ich allen köstlichen Dingen dieser Erde so fern, nur meiner Sehnsucht nicht, die mich wie in dicke Schleier eingewickelt hat?

Heut an diesem Abend sagte ich Marianne von meiner großen tiefen Liebe zu Erwin. Ich klagte ihr, daß ich nicht lebte, sondern verbrenne. Verbrennen ist nicht Leben. Deshalb bin ich zu dir gekommen, ›du solltest mich trösten,‹ aber du bist zu glücklich dazu. Ein ganz Glücklicher kann nicht trösten, das fehlt an seinem Glück. ›Vielleicht kann er dann doch trösten,‹ sagte Marianne, ›denn wenn er nicht trösten könnte, würde zuviel an seinem Glücke fehlen.‹ ›Nein, nein,‹ sagte ich trotzig, ›du kannst's nicht!‹ Ich ging schluchzend von ihr und schloß mich ein und lag in meinen Kissen – ganz still und unbeweglich – und wie ich früher den Tod gefühlt hatte, den Tod, der jedes Geschöpf trifft und alles wie ein Ährenfeld im Winde sich ihm zuneigen läßt, so fühlte ich jetzt die Sehnsucht brennen – brennen – brennen –. Sie war da! Sie war fest in die Seele eingewachsen, verdrängte alles. Ich stand auf und sah nach Friedel, der lag mit Maria und schlief.

Wie er mir fern ist. Wie die ganze Welt in undeutlichen Nebeln liegt. – Mein Daheim, ich mir selbst. Ich hielt einen Brief von Erwin in der Hand, der alles Leben in sich trägt. Der Sehnsucht 362 entfliehen, der Sehnsucht entfliehen! dachte ich. Aber wohin? – Die Welt ist fern und tot. Ja, hüte dich vor Sehnsucht! Sie nimmt dir alles, verbrennt alles, du weißt nicht mehr, was dein ist, du sündigst! Du versündigst dich! Ach, ich weiß es – ich weiß es! Hüte dich vor Sehnsucht. Sie ist ein Stück Wahnsinn, und hat sie dich gefaßt, verläßt sie dich nicht – macht dich arm; wie Feuer brennt sie deine Ernten nieder.

 


 

Baumgarten war seit Tagen dabei, eine alte, abgestorbene Linde, die mitten zwischen den hohen Nußbäumen stand, die in weitem Halbkreis Sibyllens Grab umgaben, zu fällen.

Diese Linde war der Mittelpunkt des Halbkreises und war seit Jahren schon verdorrt. Marianne hatte sie nicht entfernen lassen, weil sie diesen grauen Baumgeist zwischen den grünen, mächtigen Bäumen nicht ungern sah. Winterstürme und Regen hatten ihn fast ganz der Rinde entkleidet. Die Farbe des alten 363 Stammes war vom zartesten Silbergrau. Jetzt aber wünschte sie, daß die Nähe um Sibyllens Grab gepflegt und behütet sei. Es erschien ihr lieblos, dieses abgestorbene Stück Vergangenheit länger hier stehen zu lassen, und Jonathan hatte es mit dem Hausmeister und einem Arbeiter unternommen, ihm sein Ende zu bereiten. Seit Tagen waren sie schon eifrig bei der Arbeit. Marianne sah oft zu und freute sich, wie geschickt und kunstgerecht ihr Freund diese Arbeit tat. Mit Leib und Seele, wie einer, der der Natur ganz nahe steht. ›O du Einsermensch! Du Einziger! Du Närrischer,‹ dachte Marianne lächelnd.

Zu einer Abendstunde kam er von seinem Arbeitsplatz herunter ins Haus zur Flamm', fand Marianne im Garten. In ihren Blicken feierten sie, wenn sie sich wieder sahen, jedesmal das große Fest der Einmütigkeit. Marianne fühlte aber an seiner Bewegtheit, daß ihm etwas geschehen sein müßte.

›Was denn?‹ fragte sie, ›was ist dir?‹

›Ja, was ist mir?‹ sagte er ganz in sich versunken. –

›Es ist nichts – gar nichts – oder soll ich sagen, es ist etwas ganz Unbegreifliches. Was soll ich sagen?‹ Marianne blickte ihn betroffen an.

›Nein, nein, keine Sorge. Gar nichts, was mit 364 Sorge zusammenhinge. Gar nichts. Du kannst ganz ruhig sein. – Der Boden, den wir mit Füßen treten, hat ein Geheimnis offenbart – ein tiefsinniges Geheimnis. Komm mit mir hinauf. Du wirst's erfahren. Gar nichts Schreckliches, etwas Wundervolles! Hier hat vor dir schon eine Seele gehaust, eine große Seele der Liebe – o, das ist ein wundervoller Ort, dein altes Haus zur Flamm', ein heiliges Haus. Glaub mir, hier ist vor dir schon eine Seele voll Feuer und Glut daheim gewesen. Hier hat sich vor hunderten von Jahren – Heiligstes in einem Menschenherzen begeben. Du sagtest ja immer: Dich hat die Sehnsucht längst Vergangner hier gehalten. – Du siehst und fühlst mit denen, die hier einst daheim waren.‹ Er sprach in seltsamster Stimmung und faßte Mariannens beide Hände. ›Unter den alten Lindenwurzeln stieg ein glühendes Leben auf, wie eine Flamme, wie die Wohlgerüche ekstatischen Lebens, vergangener Sonne, fremder, längst entschwundener Sommer großer großer, tiefer, geheimnisvoller Seligkeiten und Leiden.‹

Marianne sagte: ›Du erschreckst mich doch.‹ –

›Nein, nein, es ist wundervoll.‹ Er wehrte ab. ›Kein Grund zum Erschrecken. – Komm mit hinauf. Nimm Motte mit und so viel Rosen wie du nur 365 fassen kannst.‹ Er nahm sein Messer aus der Tasche und schnitt von den dunkelblühenden Rosen, vor denen Marianne gerade stand, von den herrlichen Blüten und gab Marianne einen ganzen Arm voll schwerer Zweige.

Darauf gingen sie miteinander, und Motte begleitete sie. Die Abendsonne war noch ganz Gold und sanftes Feuer. Die fernen Bergzüge schwammen im Lichte, die Gletscher hoben sich rosaleuchtend daraus hervor. Die Wälder hatten einen goldenen Duft über sich, und die Welt war so schön, als wäre sie ein ganz glückseliger Aufenthalt. Sie stiegen den Berg hinan.

Auf der kleinen Plattform spielten die rötlichen Sonnenbilder hin und wieder durch das dichte Nußbaumlaub. Die weite Gegend lag wie ein Abendsonnenmeer, in dem körperlose, durchschienene Berge wie Inseln schwammen. – Eine vergeistigte Welt, die nicht nach Greifen und Schwere und Widerstand aussah. Sibyllens Grabhügel, mit Blüten bedeckt, schien auf dem dunkeln Waldboden ein Blumenspiel zu sein, das fröhliche Kinder getrieben, die davongegangen waren und ihr Gärtchen stehengelassen hatten. Der graue, hohle Lindenbaum lag gefällt, zerspalten und zerhauen und zum Teil schon aufgeschichtet. Der gewaltige Wurzelstock war aus der Erde gehoben. An 366 seinen tausendfältigen Wurzelarmen hingen Steine und Erdmassen, und kahle, feuchte, aus der Erde gerissene Wurzeln starrten dunkel in die Luft, in das Licht, das jetzt schon im Verbleichen war. An den Bergwänden schwand die rosige Bestrahlung und wandelte sich in müdes Lila, in starres Grau. Nur die höchsten Grate leuchteten noch lebendig, aber wie ein Leben im Hinschwinden, wie ein letzter Hauch.

Eine offene, mit Steinen ausgelegte Grube, von der die riesige Wurzel des Lindenbaums beim Herauswinden die Platte abgehoben und gesprengt hatte, dunkelte den drei Menschen entgegen. Baumgarten ging voraus. ›Marianne,‹ sagte er, ›sieh‹. Sie faßten sich an den Händen, und Marianne blickte mit großen Augen: Ein Grab. Da ruhte unberührt in samtschwarzem Moder bleiches Totengebein. Die schwere Platte lag neben der Grube in zwei Teile zersprungen und wieder zusammengelegt.

Die drei Menschen standen stumm um das tiefe Dunkel. Das geduldige Totenbein schimmerte rätselhaft. Die Stille und Dunkelheit von Jahrhunderten stieg auf. Baumgarten deutete auf die Platte, ohne ein Wort zu sprechen.

Da sah man die Gestalt eines Weibes, einer Nonne wohl, langgestreckt, die Hände betend 367 zusammengelegt, in gotischer Steife und Zartheit gebildet. Baumgarten deutete ihr zu Füßen und las die eingemeißelten Worte: Perfunde, o amor, ipsa haec ossa. ›Das heißt,‹ sagte er, ›O Liebe, durchglühe auch noch diese Gebeine.‹

Nur das leise Anschlagen süßer, müder Töne der schläfrigen Vögel tauchte hin und wieder aus dem Walde auf.

Herzensschauer hatten diese glühenden Worte, die jahrhundertelang als Geheimnis einer Seele unter der mächtigen Wurzel begraben waren, denen gebracht, die sie hörten – einen Schauer sondergleichen. Der Abendwind wehte leicht, und es schien ihnen der Hauch auferstandenen Lebens zu sein. Die geduldigen Gebeine, die Zeiten und Zeiten unter getürmter Erde gelegen, unter der Last des mächtigen Baumes, der über ihnen gekeimt hatte und gewaltig geworden war, schienen im Zauber jener heiligen Worte wie in Liebesflammen zu glühen. – Opferdampf schweren Erkennens und Leidens heiliger Liebesgluten stieg aus dem Grabe auf, der ungeheure Wille eines heißen, unsterblichen Herzens – und die Grabesverlassenheit undenklicher Nächte.

Dies erloschene, zerfallene, liebetrunkene Herz tat Wunder. Wie berückende Essenzen stieg eine Zeit aus 368 schwarzem Moder auf, eine Zeit mit großen Ekstasen und voll süßer Zartheit, großer Grausamkeiten voll, voll dunklen Sichwindens und glühenden Sichhingebens, erstickender Enge und dumpfer Wahrheiten voll, eine Zeit, in der Herzen in Feuergluten leben konnten, sich freibrennen konnten, eine Zeit sondergleichen, die in die gegenwärtige, aus dem dunkeln Grabe heraus, wie eine mystische Flamme schlug, eine einsame Flamme, die kein Opferfeuer außer ihrer eigenen Glut mehr fand. Gläubige und Sehnsüchtige, Gottsucher, Lebenssucher, Herzensglüher, Weltfremde aber schwiegen erschüttert um das Wunder, das aus der Erde, die wir mit Füßen treten, wie aus ihrem eigenen Herzen aufstieg, Bewahrer des heiligen Feuers, des brennenden Menschenherzens.

Marianne kniete, streute über die zarten, bleichen Knöchlein bebend ihre dunkeln Rosen. Sie blieb knieen, ihre Augen füllten sich mit Tränen, ihr ganzes Wesen bekam in sich selbst Versunkenes, Entrücktes.

›Ach, komm zu mir,‹ flüsterte sie und hielt sich an dem geliebten Mann in großer Erschütterung. Er umfaßte sie angstvoll.

›Geheimnisvolle Wege,‹ sagte Marianne leise, ›mir ist's, als stiege ich selbst aus diesen Totengebeinen auf. – Meine Flammen, meine Gluten. – Du 369 spürtest mich – mich selbst und holtest mich zu diesem Wunder. Was es auch sei – das Unaussprechliche: es gibt keinen Tod!‹

Sie sprach mit geschlossenen Augen, Tränen rannen ihr unter den Wimpern hervor. ›Als ich in diesem Totengebeine ging, glühte ich, wie ich heute glühe, aber doch anders, befangener, wie ich jetzt befangen bin, schwerer, erdrückender, voll losgelöster Himmelssehnsucht.‹ Sie schwieg. ›Mein heiliger Erdenfrieden,‹ fuhr sie mit glückseliger Stimme fort, – ›ist durch Himmel und Ekstasen gegangen, durch Erdenentrückungen.‹ – Wie Jubel kam es von ihren Lippen. ›Ach Liebster, Liebster! Mir ist, als wüßte ich tiefstes Geheimnis und keine Worte könnten es andeuten. Ich empfinde die Himmelsart unseres Gefühls. Wir sind durchgedrungen zum Friedensfeuer schon auf dieser Welt!‹

Sie sah ihn strahlend an. Ihr Blick glühte in wundervoller Schönheit. ›Daß wir auf Erden so friedvoll sind, so über allem Menschentreiben stehen ist höher als alle Himmelsseligkeit, die sich das Nönnchen träumte – tiefer, freier. Freier sind wir wie Engel, freier wie Heilige. Auf dieser Erde frei sein ist die Krone aller Freiheit. Ungezählte Himmel und Höllen gibt es hier. Wir aber leben in einem 370 wundervollen Himmel. Ich bin's – ich bin es selbst! – als ich in diesem Totengebein ging, erglühte ich mir meinen Erdenfrieden. Den Himmel wollte ich, gottestrunken – Gottesgeliebte sein, und bekam mich selbst und meinen Frieden auf Erden. Komm, Motte, komm,‹ rief Marianne und legte ihren Arm um die stille sehnsüchtige Frau. ›Und wenn du nun littest und aus deinem Leiden kämen Wunder und Herrlichkeiten – hier im Himmel auf Erden?‹

Motte, die in Sehnsucht Brennende, hing an ihrem Halse und schluchzte herzzerreißend. Marianne liebkoste sie lange, sanft und leise, ohne daß Motte es wahrnahm.

Lächelnd und flüsternd sagte Marianne zu Baumgarten:

›Laß meine armen Knöchelchen nicht unbedeckt hier oben in der Nacht. Sie haben für mich gelitten und getragen.‹ Wunderlich klangen diese Worte über Motte hin.

Baumgarten sagte.

›Die Rosen schützen.‹

Marianne und Motte gingen schweigend auf und nieder.

Baumgarten, der in das tief dämmerige Land hinausblickte, meinte weich, als die beiden Frauen an 371 ihm vorüberkamen: ›Weshalb soll dein Erdenfrieden und der vom Manne aus Keiche Nr. 3 nicht durch tausend Gefäße sich gerungen haben – und unsere große Erdenglückseligkeit? – Aber trägst du die süße, lebendige Seele in dir, die diese armen Torengebeine durchglühen wollte, – welch ein glückseliger Mensch bin dann ich! Vor einem Weibe, das auf seinen Grabstein meißeln läßt: Perfunde, o amor, ipsa haec ossa; vor der sollten die Kniee aller Lebendigen sich beugen.‹

Marianne schaute auf Motte und machte Baumgarten ein Zeichen zu schweigen, denn Motte ging im tiefsten Lebensgram, im Entsagungsgram, hielt ihr Häuptchen tief gebeugt, und Baumgartens lebensfreudige Worte mochten ihr wie Schwerter durch die Seele gegangen sein.

 


 

An diesem Abend geschah es, daß Erwin in heißer Liebe die geliebte Frau nicht mehr hatte missen können und daß er voller Sehnsucht hinauf zum Haus zur Flamm' gewandert kam. –

372 Und es geschah, daß er Marianne, Baumgarten und Motte auf ihrem Heimweg begegnete, und daß er auf Motte zustürzte, ihr die Hände küßte und die Kleider und seinen Kopf ganz in die Falten ihrer Kleider einhüllte. Und dann standen sie einander sich gegenüber, Motte bleich und weiß und zärtlich, mit der Zärtlichkeit einer Sterbenden.

Sie küßte ihn und hing an seinem Hals und küßte ihn wieder und sagte: ›Leb wohl – geh, mein Liebling. – Ich möchte dir mit Leib und Seele gehören, aber wir müssen andere Wege gehn. Bleib nicht bei mir – keine Stunde. Wie könnten je wir uns sonst trennen.‹

Er schaute in das verweinte Gesicht der geliebten Motte und fühlte, wie das sonnensehnsüchtige, nach Geliebtsein heiß verlangende Herz sich von den Freuden dieser Erde losriß. Er sah den Todeskampf ihres sehnsüchtigen Herzens.

Und wie vor einer Sterbenden wagte er kein Wort, küßte ihre Hände und verließ sie, selbst so bleich wie sie.

Baumgarten geleitete ihn, und Marianne führte die arme Seele, die sich selbst geopfert hatte, hinauf in ihr Zimmer.

Friedel schlief schon.

373 Marianne schloß die Türe, die ihn von seiner Mutter trennte. Motte sollte den jetzt nicht sehen, für den sie ihre zu süßer Daseinslust geschaffene Seele gekreuzigt hatte. Da wäre keine Berührung dieser Erde zart genug gewesen, für dieses arme, verwundete Herz.

Arme verwundete Herzen, aus Liebe geboren, dürstend nach Liebe.

Vom Liebesbaum der Welt fällt selten eine reife Frucht.

Wohl denen aber, die in sich selbst glückselig sind, die in sich selbst wundervoll leben, nur die sind auch glückselig durch Liebe, nur die sind stark genug Liebe zu tragen, Liebe zu leben, Liebe einst zu lassen, ohne zerbrochen zu werden, ohne sich selbst zu verlieren.

Was in mir lebt ist größer als alle Welt.

 


 

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