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Das Haus zur Flamm'

Helene Böhlau: Das Haus zur Flamm' - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Haus zur Flamm'
authorHelene Böhlau
year1907
firstpub1907
publisherEgon Fleischel
addressBerlin
titleDas Haus zur Flamm'
pages373
created20140310
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Aus Mottens Tagebuch

Wer reiste so schweren Herzens wie ich vor wenigen Tagen, Wochen in das geliebte Sonnenland? Wer wollte mit jeder Faser bleiben und ging doch? Wer war so ganz – so ganz schmerzvoll glückselig? Wer streckte seinem verehrten Professor, wenn er den Rücken kehrte, 315 die Zunge heraus? – Und wer denkt mit Herzensangst daran, ihn zu kränken? Wer ärgert sich über seines Professors Verwandlung in einen im ›wesentlichen‹ berühmten Mann und gönnt's ihm doch so von Herzen. Wenn er nur diese steifleinenen Männerworte nicht immer brauchen wollte: ›im wesentlichen, – nichtsdestoweniger, – insonderheit, – allerdings, – immerhin, – unzweifelhaft, – entschieden –‹. Ja, das sagen sie immer, ›entschieden‹, wenn sie's nicht wissen. ›Einerseits, anderseits‹: das ist das männlichste Wort. Dabei wissen sie nie beide Seiten. ›Es ist doch interessant‹ – wenn's gar nicht interessant ist. Kalt ist's draußen, sagt er, wenn er belebt und angeregt heimkommt aus einer Welt, die der arme Ehevogel nicht kennt, nach der er gespannt frägt. Man weiß im voraus alles, was sie sagen – alles – alles. O ihr im Trott, ihr Männer, seid ihr langweilig! Euere Persönlichkeit ist so aufgebraucht wie eine Bonbonniere, von der nur noch die Schachtel da ist. Man friert und gähnt und langweilt sich bei euch und achtet euch so sehr, weil ihr so vortrefflich seid, und man gähnt und friert. Hat je ein Mann, den eine Frau frägt: was steht in der Zeitung, anders geantwortet als: ›'s steht nichts drin‹, – oder ›wie ging's auf der Praxis?‹ – ›Nichts Neues.‹ Dumm genug sind 316 die Fragen; aber so hat man nicht immer gefragt: das sind die letzten Reste eines einst so ansehnlichen Vermögens an Fragen, an klugen und dummen; die alle so jämmerlich schlecht beantwortet wurden. Ach ja, mein Freund, ich hab mich bei dir oft sehr, so von ganzem Gemüte gelangweilt, denn Wissenschaft ist ein Vampir, der den Fisch aussaugt und einen wohlgedörrten Kabeljau übrig läßt, der erst ungeheuer gewässert und gekocht werden muß, um weich zu werden, so weich wie er einst war, als er noch lebte.

Eine langweilig gewordene glückliche Ehe ist gewiß etwas sehr Vortreffliches. Es geht alles am Schnürchen. Es ist Geld da und alles Notwendige. – Achtung von allen Seiten. Sorglosigkeit. Ach, aber welches Unglück für den, der nicht dazu paßt!

Aber gegen alles Wissen und Leiden und Wollen und gegen alle Herzensgluten hält mich's – hält mich's wie mit eisernen Händen – und ich sehe alles so klar – so kristallklar. – Ich sehe kristallklar, daß ich ihm half so zu werden, wie er jetzt ist. Mit aller Leidenschaft wollt ich sein Glück, nur wußt ich nicht, was er Glück nannte. Ich hab ihn ermuntert, habe ihn bei guter Laune erhalten, die kargen Zeiten ertragen zu können. Ein Heiland, glaubt ich, wollte er werden; – aber er wurde Professor und sagt jetzt: 317 ›Ei – ei – ei – ei,‹ wenn er sich wundert, und: ›Ei der tausend‹.

Verräterisch komm ich mir vor, daß ich das alles mir zur Augenweide und zum Seelenweh niederschreibe, über den, den ich liebte.

Meine Auf und Davon-Gefühle sind oft so stark wie meine Treugefühle, meine Hochachtung so stark wie meine Spottlust. – Ein bißchen mehr Wilde – ein bißchen mehr Katze, und ich nähme mein Junges ins Maul und spränge damit fort. Ach Gott, wer hat uns nur so gut erzogen, wer hat uns nur so weh damit getan? Ach, mein lieber, lieber Gott im Himmel! Ich schreibe, ich spreche, ich plaudere, ich lache, ich spiele mit Friedel, ich fühle Mariannens Glück, ich fühle Hermanns große, gute Art zu leben, ich gehe unter Mariannens schönen Bäumen, und was ich auch tue, die Sehnsucht nach Erwin läuft nebenher. Sie ist immer da. – Ich lebe doppelt.

So schmerzvoll lebe ich. – Alles tut weh, Lachen und Weinen! Keine größere Hoffnungslosigkeit als eine Liebe ohne Zukunft, ohne Gegenwart. – Die wird immer sehnsuchtsvoller, immer weher und das arme Herz immer müder. Die ganze Welt wird blaß und gleichgültig. Das Auge sieht so scharf, und das Herz läßt matt die teuersten Dinge fahren, wird 318 unendlich ungerecht. Ach, ich weiß, wie ungerecht! Und welche süßen Wunder erlebe ich mit Friedel. Welche Undankbarkeiten stecken in mir? Müßte ich nicht ganz Demut und Glückseligkeit sein, um dieses Sonnenkindes willen. Wie kann so heißes Sehnen und Verlangen in meinem Herzen sein? Wie ist das möglich? Friedel und ich haben allerlei Erziehungsarten miteinander. Seine liebste Erziehung ist, wie er sie nennt, die Tier- und Seelenerziehung. Ich sagte ihm: ›der Mensch ist auf Erden, damit sein Tier klein wird wie eine Haselnuß und seine Seele groß wie die Welt. Das Tier aber will groß wie die Welt sein und die Seele klein wie eine Haselnuß machen.‹ Das ist der Kampf zwischen Tier und Seele. Da gibt es Bilder ohne Ende. Das ist ein Gedanke, der ihm sehr gefällt. ›Bei uns daheim,‹ sagt er, ›wollte mein Tier an der Hausecke vom Nachbarfreund spucken. Und es sagte zur Seele: das ist das schönste auf der ganzen Welt, glaub mir. Die war so dumm und hat's geglaubt. Und das Tier spuckte ganz unverschämt. – Wie es geschehen war, – verstand die Seele alles.‹ O Weisheit, rührende Weisheit! Er hat mir auch erzählt, der liebe Gott hat ein Tierbuch für ihn. Das ist groß und stark, aus rauhem, häßlichem Papier, gelb eingebunden. Da hinein wird alles Böse vom 319 Tier geschrieben. Er hat auch ein Seelenbuch. Das ist klein, zärtlich, aus himmelblauer Seide. Das Gute von der Seele kommt mit goldenen Sternchen hinein, ganz aus Sternchen. Das sehr Gute aus hellen Mondchen. Die zärtlichen Büchlein fliegen bei schönem Wetter zwischen den weißen Wölkchen wie Schmetterlinge.

Gestern sagte er mir: ›Ich will Gott werden oder das, was ihm von allen Dingen das Liebste ist – Christus –. Ein Christus fürs kalte Land. Wie kann ich Christus werden? Wer kann mir's sagen?‹ ›Du mußt dein Tier kleinkriegen und die Seele groß, das ist schwer,‹ sagte ich zu ihm. ›So?‹ meinte er. ›Mein Tier muß aber auch ein starker, schweinischer Wildbock sein. Es ist furchtbar stark. Ich will Hermann und Mariannele fragen, wie ich Christus werden könnte. Aber,‹ meinte er, ›man kann es doch nicht so hinausbellen, wenn man Christus werden will. Ich werde es leise, leise, leise vor mich hinsagen: wie kann ich Christus werden?‹

Nach einer Weile kam er wieder und meinte: ›Ich will in den Garten gehen und graben und dabei an Christus denken.‹

Ist es möglich, da nicht ganz in Entzücken zu verstummen? Ist es möglich, daneben ein Leben zu 320 führen, weitab von dem geliebten Kinde. Und wie er frägt! Den ganzen Tag. Heute: ›Kann man einen Hasen melken, wie denn? Kannst du's? Ist seine Milch weiß oder mehr gelblich? oder ganz anders? Wie denn?‹ So gibt es unendliche Fragen am Tag!

Und doch, und doch! Sehnsucht nach dem geliebten Manne ist mit nichts vergleichbar – sie löscht alles, alles, was sonst hell war, aus. Alles – alles. Man ist arm, müde, schlecht, und nichts hat die Kraft zu trösten und vergessen zu machen.

(An einem andern Tag.) Marianne ist unbeschreiblich gut zu mir; aber doch welch ein Schicksal, daß ich mit meinem zitternden Herzen, das sich hier von Glückseligkeiten losreißen will, gerade in diese Umgebung hinein mich retten mußte, in der Liebe lebt, wie ich es nie sah, – so heiter, so sichern Glückes voll, so ganz ohne Zweifel und über alles hinaus gewiß und froh.

Dieser Baumgarten ist so selig wie ein gutes, glückliches Kind. – Das scharfe, von Lebensgrübelei ausgearbeitete Gesicht bekommt ganz neue Züge und Formen. Das wirkliche, wahrhaftige Glück ist doch die wahre Heimat der Menschen. Ich sehe es an Marianne und Baumgarten. Alles andere ist Ausgestoßensein. Im wahren, wirklichen Glücke hat man 321 sich selbst – ohne Mühe. Ja, das ist der große – große Unsterblichkeitsglaube, die große, große Unsterblichkeitsoffenbarung! – Im Unglück hat man sich nicht selbst – es hat uns. – Aber das Glück haben wir! Ach, wie ich weiß, was Glückseligkeit ist! Untertauchen in die schrankenlose Gewißheit des Lebens!

›Meine liebe, liebe Motte,‹ sagte Marianne heute, ›ich fühl's, du hast dein Lachen verloren, was glaubst du denn? Meinst du, ich bin blind geworden?‹

Wir gingen zusammen unter den hohen Kirschbäumen vor dem Hause auf und nieder. Es war schon späte Abenddämmerung. Marianne hatte den Arm um meine Schulter gelegt und zog mich zu sich heran. ›Glaub nicht,‹ sagte sie, ›daß ich im Glück schon roh geworden bin. Ich kenne das Leben ohne Glück genau. Unglücklich war ich aber auch ohne Glück nie. Mir schien Leben immer ein Frohgefühl von tiefster Bedeutung. Ich hätte mich der Sünde gefürchtet, mich unglücklich zu fühlen. So ist mir das Glück jetzt auch kein Wunder, ich bin nicht berauscht davon. Es ist mir wie eine schöne Blüte, die mein Leben trieb – mein Leben, – das so blühen kann, weil es so wundervoller Art ist.

›Das Glücksgefühl ist mir nicht angeflogen 322 gekommen. Es sitzt nicht locker auf, es ist im tiefsten Grund durchs ganze Leben eingewurzelt. Du, ich sage dir das, weil ich fühle, du gehst dunkle Wege, du siehst nicht mehr, was du hast. – Hüte dich davor.‹

 


 

Unten im Städtchen kamen, wie jedes Jahr, allerhand Frühsommergäste, die die Vorsommerstille hier liebten und in den alten Gasthäusern bequem Unterkunft fanden. Marianne und Motte waren von ihrem Burghaus hinabgestiegen. Sie standen gerade vor dem Bezirksgefängnis zum goldenen Zeitalter und Marianne verabschiedete sich von Baumgarten, dem sie begegnet war. Er hatte sich noch nicht von seiner Zellenfreiheit trennen dürfen. Sie sagten sich warm und lebendig leb wohl, schüttelten sich die Hände und blickten sich an, wie die Menschen sich anblicken, die auch von einem kurzen Abschied verwundet werden, 323 sich aber brav und lachend drein ergeben. Als hinter Baumgarten die Tür ins Schloß gefallen war, standen Marianne und Motte umringt von alten Bekannten, von ›Dreiviertelsfeinden‹, wie Marianne die zu benennen liebte, die man in der Welt eben gute Bekannte nennt. Marianne wurde stürmisch begrüßt, und auch Motte bekam ihren Teil an Handschütteln und überraschten Ausrufen.

›Das war ja, dächt ich, das schlechte Subjekt, der Baumgarten? Wie kommen Sie denn zu dem?‹ sagte ein trockener, kleiner Herr, ein Philolog, der schon lange auf eine Professur wartete und in der Zeit des vielleicht endlosen Zwischenreichs aus Ärger eine Art Weltverbesserer geworden war, und zwar einer von denen, die Ethik feilhalten, eine Ware, die im Mund vergeht.

Er traf sich jährlich im Winkelhof mit einigen seiner Freundinnen, denen er mit Genuß Vorträge hielt. Zwei von ihnen waren auch jetzt in seiner Gesellschaft. Zwei der gewaltigsten. Außer diesen ein in sich erstarrter wirklicher Philologieprofessor, ein erstes Licht der Wissenschaft, und noch einige würdige Persönlichkeiten mehr. Der Philolog im Zwischenreich war beunruhigt, wiederholte noch einmal seine Frage präzis in derselben Wortfolge: ›Das war ja doch, 324 dächt ich, nicht wahr, das schlechte Subjekt, der Baumgarten, treibt der sich noch immer hier in der Gegend umher?‹

Marianne, die von einer der Damen in Anspruch genommen war, hatte den kleinen Herrn zuerst überhört. Jetzt sagte sie mit strahlenden Augen und so ruhig wie möglich: ›Ja, Herr Doktor, das war der Baumgarten, der hier noch fünfzehn Tage seine Strafe verbüßt, – mein Verlobter. In kurzem werden wir Freunden und Bekannten diese erstaunliche Neuigkeit mitteilen. Wir überlegen uns sehr, aber vergnügt, ob wir nicht das Postskriptum anfügen: um stille Verachtung wird gebeten.‹ Marianne sagte das mit den lachendsten Augen. Der Weltverbesserer sah sie starr an.

›Sie werden auch eine Anzeige bekommen, Herr Doktor. Und dann kann das Gebräu der sogenannten Teilnahme beginnen.‹ Marianne lächelte. ›Die guten Freunde können dann an die Arbeit gehen.‹

›Aber gnädige Frau,‹ sagte der Professor.

›Ja, ja! Der eine kocht dann die Suppe, der andere wirft ein Zwiebelchen hinein – Ach wie schade, die nette Frau! –, wieder einer ein bissel Dreck. Die Hauptperson spuckt hinein und sagt nur: Pfui, wie glücklich! Der Gutmütige rührt –. Ja, ja, so 325 geht's. – Der Edle bringt die Suppe, denn Wahrheit muß ins Haus. Und auf der Schüssel steht: Das kochten eure teilnehmenden Freunde. Der Dumme sauft's – trinkt's – – und der Gescheite? . . .‹

›Immer zu Scherz und froher Laune aufgelegt,‹ meinte der Weltverbesserer scheinbar vollkommen gefaßt. Er war der Mann, der sich in jeder Lage zurechtfand, der geistige Zuspruch von Baroninnen und Gräfinnen. Der Adel holt sich manchmal so einen bürgerlichen Karpfen in seinen Fischteich herüber. Es muß aber so ein etwas ausgefallener Karpfen sein und eben am liebsten Weltverbesserer, irgend ein Tuer in Dingen, die ihn nichts oder nicht viel angehen.

Das Erstaunen der Vorsommergäste wurde mit jedem Augenblick, in dem ihnen die Wirklichkeit des Unerhörten klar wurde, ein stummeres und hilfloseres, die Laune Mariannens immer heiterer. Ihr Auge strahlte so glückselig, wie das Auge eines Menschen, der im Tiefsten seiner Seele Herr über diese Erde ist. Und wenn es hier auch nur zusammengelaufene Gäste im winzigen Städtchen waren, so vertraten sie doch die Millionen, die gewissermaßen hinter ihren Vertretern standen und die für Marianne keine Last und keine Schwere ausdrückten.

326 Das Souveräne ihres Wesens zog die verblüfften Leute an. Sie hätten doch allen Grund gehabt, sich von Marianne, die ihren Verlobten schamlos vergnügt ins Bezirksgefängnis brachte, möglichst bald zu trennen; aber sie gingen mit ihr wie Kinder, die irgend einem Wunder nachlaufen. Marianne lud sie schließlich ein, den Abend bei ihr zu verbringen.

Die Einladung wurde auch angenommen. Die Leute waren hier, um sich zu vergnügen, und auf dem Lande ist jeder, in bezug auf seinen Umgang, freisinniger; – und schließlich war sie bis jetzt noch die Marianne Gamander, die vielgesuchte Frau. Der Abend in diesem stillen, sonnigen Reich schöner, sanfter Menschlichkeit gestaltete sich wunderlich genug.

Die wichtigen Leute nahmen sich fremd und ungeheuerlich aus. Sie hatten alle sehr viel im Treiben. Der Philologieprofessor trug die Würde des deutschen berühmten Wissenschaftlers, ein hoher, rosiger, älterer Herr mit weißem lockigem Haupt. Motte würde sagen: ›Auch einer von den Ei-ei-ei-Professoren. Ei der tausend!‹ – Die offiziellen Ehren, die ihm widerfuhren, lagen wie ein Glorienschein um sein Haupt. Er war wie abgeleckt durch den Neid und die Hochachtung seiner Kollegen, und es schien ihm alles vorzüglich angeschlagen zu sein. Wie er sich mit den 327 etwas wirren Herrschaften, dem Weltverbesserer und seinen gewaltigen Damen zurechtfand, war nicht ganz zu erklären. Da war auch noch eine Frau Doktor, eine Frau wie Lady Macbeth, so dunkel und temperamentvoll, die in die Friedensbestrebungen, Barmherzigkeitsbestrebungen aller Art, Sklavenbewegungen von Tier und Menschen, mit der hilfreichen Gewalt einer Kanone fuhr.

Es waren geräuschvolle, streitlustige Friedensapostel beieinander, die die Menschenbeglückung gar gewaltig betrieben. Vater Goethe, der die Menschen blühen läßt wie Sommerblumen, hätte keine Freude an ihnen gehabt. Seinen Spaß an ihnen aber hatte unser braver Doktor, der sich auch an diesem Abend einfand. Später kamen noch der Bezirksrichter und Baumgarten. Als sie Baumgarten unter dem Schutz sozusagen, Arm in Arm mit der hohen Obrigkeit, eintreten sahen, wußten sie sich nichts mehr zu deuten und nahmen das alles wie eine Unverständlichkeit im allgemeinen hin, wie ein noch nicht entdecktes Naturgesetz, das sie gar nichts anging. Sie waren auch alsbald ganz in sich und ihre eigenen Spielereien versunken und hörten und sahen nicht.

Sie forderten Marianne auf, einem Verein beizutreten, der endgültig Frieden auf Erden schaffen wollte.

328 ›Ja,‹ sagte Marianne, ›ich gebe gerne meine drei, vier Mark jährlich, als frommes Symbol, daß ich das Leiden der Geschöpfe ehrfürchtig weiß; aber weiter verspreche ich Ihnen nichts zu tun. – Dieser Welt ist nicht zu helfen. Verstopft man den Quell des Schreckens da, quillt er dort auf, die das nicht erkannt haben, mögen tun, was ihnen beliebt, und sollen es auch; Sünde, wenn sie's nicht täten! Ich aber habe zu viel zu tun, ich muß für die Menschen leben, die ich liebe. Das gibt mir mein eigentliches Lebensgefühl. Ich habe keine Ruhe, bis ich einem Menschen, den ich liebe, gefolgt bin bis in sein tiefstes Verschweigen, als ob ich ihn aus sich selbst herausschaffen und lieben müßte. Ihm helfen, um mir zu helfen. Sie laufen ja alle so gebunden umher. Goethe hätte mich verstanden, mit Christus hätte ich mich herrlich unterhalten, aber von der Kreuzigung hätte ich ihn abgebracht. Mit mir ist's nichts! – Ich helfe der Welt nicht weiter.‹

Der Professor lächelte. Baumgarten setzte sich zu Marianne, legte den Arm um deren Stuhl. Die ist mein, sollte das heißen. Die Gäste aus dem Städtchen aber bemerkten es gar nicht, denn sie waren von den Friedensbestrebungen zur Vivisektion gekommen und dann wieder auf Gott weiß was. Sie 329 waren über die Welt hergefallen wie fleißige Schneider über einen alten Rock.

Marianne sagte zu Baumgarten: ›Für die Herde, so einfach ich bin, war ich immer Kaviarwiese und Ölsardinensee. Gott mache mich nicht größenwahnig. Mit Tränen habe ich oft gebetet: nur verstanden werden!‹

Baumgarten sagte zu ihr: ›Die brauchen wir nicht, sollen nur an der Kaviarwiese vorübergehen – mit allem, was zu ihnen gehört, samt ihrem lieben Herrgott, der bei ihnen Hauspfarrer ist, – Christus aber Privatdozent. Ich habe einmal eine gestickte Fahne tragen sehen, die ihnen ganz gewiß gehörte: Kranken- und Sterbekasse ›Zur Zerstreuung‹ stand darauf. – Sollen sie nur vor sich hertragen lassen. – Sollen uns nur in Ruhe lassen.‹ – ›Ich trete auch den Friedensbestrebungen bei,‹ mischte sich Baumgarten ins Gespräch. ›Wenn Sie beim Meeresgrunde anfangen wollen, lehren Sie die Fische zuerst Frieden halten, dann können wir ja zu den anderen Leuten übergehen. Sonst gebe ich wenigstens keinen Beitrag.‹

Die dunkle Frau Doktor guckte mit bösen, selbstherrlichen Augen auf den armen Baumgarten, als wollte sie sagen: ›was erfrechen Sie sich, Sie gehören 330 gar nicht hierher. Wir wollen diese Welt, die solche Leute wie Sie so haben verkommen lassen, ordentlich auf die Beine bringen.‹

Ganz zerknirscht von diesem Blick sagte Baumgarten lachend: ›Aber weshalb fangen Sie denn eigentlich doch nicht bei den Fischen an? Weshalb denn nicht? Weshalb sind Sie darüber so bös? Weshalb halten Sie die Menschen in betreff Heilung von Raubgier zugänglicher als etwa die Haifische? Das wäre mir interessant.‹

›Ach was,‹ sagte der Professor, ›diese Welt ist ganz geordnet, die Naturgesetze sind das Geordnetste, Logischste, was hä – häm – zu denken ist.‹

›Jetzt ist der Brei fertig,‹ meinte Baumgarten leise zu Marianne und Motte. Gottlob! Es entwickelte sich aber noch vieles und wurde ein großer Wirrwarr, wie es immer wird, wenn mehrere Menschen über etwas reden. Der Weltverbesserer zerbrach im Eifer der Debatte ein wunderhübsches Figürchen, eine kleine, nackte antike Tänzerin. – Er errötete. –

›Ja,‹ sagte Marianne, ›die ist nicht gewöhnt, so großem Eifer und so vielen Interessen zu widerstehen. Sie ist an ein außerordentlich einfaches und heiteres Leben gewöhnt. So große Fragen hielten ihre Gliederchen nicht aus.‹

331 ›Mein Gott,‹ sagte die dunkle Frau Doktor zu Marianne. ›Sie gehören auch zu denen, die sich um nichts kümmern.‹

›Ja,‹ sagte Marianne, ›es gibt hier auf Erden ungezählte Himmel und Höllen. Alle diese Himmel und Höllen wissen nichts voneinander. Alle Müh ist umsonst. Hat einer seinen Himmel, so lebt er fern, fern von allen andern, unnahbar und unverstanden. Hat einer seine Hölle, so lebt er im Grund der Hölle von niemandem gekannt. Und wer das rechte Bild all dieser ungezählten Himmel und Höllen in sich trägt, der legt die Hände still zusammen, voll Schauer über das, was er sieht und weiß.‹ –

Schön und still wurde es erst wieder droben im Hause zur Flamm', als die gegangen waren, die nicht in Mariannens Himmel gehörten.

›Die Erscheinungswelt ist wohl eine Krankheit des letzten Wesens,‹ sagte Baumgarten, als alle zur Türe hinaus waren. ›Man muß schauen, daß man dem Lauf der Welt entgegen gesund wird und die Kraft hat, sein eigenes Leben zu leben, und wenn man das zu zweit darf, das ist die Gnade dieser Welt.‹ 332

 


 

Der singende gute Doktor freute sich, seine beiden Mädel durch Marianne Gamander so wohl versorgt zu sehen. Jeden Tag sah sie nach ihnen. Sibylle hatte ganz bewegt dafür gedankt, als Marianne ihnen angeboten, hinauf ins Berghaus als ihre Gäste zu ziehen. Nein, das wollte sie nicht. Jetzt nicht. Bei diesem Entschluß blieb sie, und ihre traurigen Augen gaben die Erklärung dazu. Maria, das Kind, meinte auch, daß die zwei stillen, großen Gartenzimmer im Winkelhof, in denen sie niemand störten und von niemand gestört wurden, das Beste jetzt für sie seien. Sie lobte die gute Wirtin, die freundlichen Töchter und den stillen blühenden Garten, wohin sich keine Menschenseele verirrte.

Sibylle lag halbe Tage lang in der Weinlaube, die blauen Iris blühten in mächtigen Büschen, Feuerlilien, Goldregen und Flieder. Es war ein schöner, stiller Aufenthalt. Marianne sah ihren Bub gern mit den Schwestern. – So etwas Gutes, Reines spürte sie zwischen den dreien.

Hermann, der nur ihr bisher fast ausschließlich angehörte, war um die beiden auf das Innigste besorgt. Er hatte etwas Sanftes im Verkehr mit ihnen. Marianne fühlte, wie ihm das Wesen der Schwestern zu Herzen ging. Er, der fast allen ihren Freunden, 333 außer Bernus und Motte, kühl gegenüber stand, war ganz hingenommen.

›Er soll sich nur hinnehmen lassen,‹ dachte Marianne, die wenigen Tage, die er noch im Hause zur Flamm' sein konnte, ließ sie ihn ganz gewähren. Ihr erschien es gut, daß er so schöne junge Geschöpfe im Ernst des Lebens sah, sah, wie auch sie an der Größe des Daseins schleppen mußten. Und daß ihr Bub den Schwestern in seiner Wahrheit und seiner Zartheit des Fühlens wohl tat, das wußte sie. So ließ sie es gern zu, daß er einen großen Teil seiner Zeit mit ihnen verbrachte. Marianne kam einstmals in den Winkelhof, da fand sie Hermann den Mädchen aus Goethe vorlesend.

›Ist das möglich?‹ lachte sie. ›Er bekommt etwas dafür,‹ sagte Maria ganz ernstlich, ›sogar drei verzuckerte Maronen.‹ ›Dann,‹ meinte Marianne, ›versteh ich's, so hab ich es nie mit ihm versucht.‹ ›Ja,‹ sagte Hermann, ›Goldele, wir wollen's auch nicht versuchen. – Ich brauche Goethe noch nicht; aber es kann sein, die Zeit kommt einmal, in der ich ihn auch ohne verzuckerte Maronen lese. Übrigens wo sind sie denn? Keine Vorspiegelungen.‹ ›Nein, nein, die bekommen Sie.‹ Maria stand auf, und es begann ein Maronenhandel. Hermann wollte nur ganz große, und Maria meinte, er müsse sie nehmen, wie sie kämen.

334 So unterhielten sie sich wie Kinder, lachend und scherzend, und auch in Sibylles leidendes Gesichtchen kam auf wenige Augenblicke ein kindlicher Ausdruck.

›Nun, ihr kommt ja gut mit meinem Bauern aus,‹ meinte Marianne. ›Wenn ihr mir ihn dahin bringt, daß er Goethe ohne Belohnung liest, so bekommt ihr beide eine ganz besondere von mir.‹

›Ach, Goldele,‹ sagte Hermann, ›so viel widerlich gebildete Leut lesen Goethe, ich kann mir nicht denken, daß es ihm um Leser zu tun ist.‹

Schwere Tage kamen für Sibylle und Maria. Das Leiden, das ruhigere Wege zu gehen schien, trat heftiger auf. Sibylle lag fast immer im Wohnzimmer auf ihrem kleinen Sofa, schien aber geduldiger zu sein. Hermann war viel um sie. Alles war den Schwestern erträglicher, wenn er da sein konnte. Er brachte eine gute, ruhige Atmosphäre mit sich; die schwersten Dinge bekamen, wenn er sie auffaßte und sich mit ihnen abgab, etwas Leichteres – drückten weniger. Hoffnung sah er überall.

›Nehmen Sie doch den Tag und denken Sie nicht weiter – und wieviel Schönes kommt an so einem Tag‹, sagte er den Schwestern. ›Heute kam die Mutter, die hat soviel gute Dinge erzählt – dann kam ich, und wir haben uns doch alle ganz gut 335 befunden. Die Wirtin weiß nicht, was sie für alle Gutes tun soll, – der Doktor sagt Geduld, Geduld! – Ist das so schlimm? Ein Wetter zum Entzücken, den Garten vor der Tür.‹ Sibylle hörte ihm, wenn er so sprach, mit innigstem Verlangen nach Leben zu.

So saß er bei ihr an einem Maienabend, Maria war draußen im Garten. Sie schwiegen beide. Das Mädchen sah bleich und erregt aus. Die Augen blickten voller Weh. ›In mir ist solche Bangigkeit,‹ sagte sie, ›so ein schwerer Druck‹ – und als sie sprach, rannen ihr langsam Tränen über die Wangen. ›Wenn ich singen könnte, wär alles gut.‹

Nie hatte Hermann solch eine Trauer in den Zügen eines Menschengesichts gesehen. Er faßte ihre Hand und streichelte sie. Er neigte sich über sie. Da empfand er wieder den Duft ihres Haares und den Pfirsichgeruch des schönen Gesichts. Seine Hand umschloß die ihre, weicher, bewegter.

Sie richtete die Augen langsam auf ihn. ›Ach es ist schwer so krank zu sein – gar nicht auszudenken – krank sein – und leiden! – Welche Einsamkeit! Ganz abgeschnitten von den Menschen‹. Er fand kein Wort – aber neigte sich tiefer zu ihr – und ihre Wangen berührten einander, – so natürlich, 336 als müßte es so sein. So blieben sie, wie in diesem Zusammenfließen versunken. Seine Hand hielt die ihre, sich ihr ganz zuneigend – und es schien ihnen beiden das Wunder aller Wunder. Die sanfte Abendstille, die Düfte aus dem Garten; – draußen pfiff ein Star in hohem Baumwipfel.

Hermann hob den Kopf nach langem Schweigen, ließ aber ihre Hand nicht los und küßte sie innig auf den Mund. Sie küßten sich in einem langen, welt- und schmerzvergessenen Kuß und gaben sich in diesem Kusse einander. Er gab seine reine, ruhige, kühne Natur, und sie gab ihm ihr schmerzbewegtes Herz, ihr zerrissenes, banges Fühlen und ihre große, wehe Lebenssehnsucht und beide ihre erste große Liebe.

Maria, das Kind, trat leise durch die Gartentür ins Zimmer. Sie hörten sie nicht kommen. Bleich stand sie vor ihnen und lächelte. Hermann ließ Sibyllens Hand nicht los. Er hatte den Kopf erhoben und blickte Maria wie aus einem Traume an. Sibylle sagte leise: ›Maria, wir lieben einander.‹ Da neigte sich Maria über ihre Schwester, küßte sie, und als sie sich wieder erhob, hatten sie beide geweint. ›Du gehörst nun jetzt unser,‹ sagte Maria und gab Hermann die rundliche, noch kindliche Hand. Sibylle und Hermann hatten nicht gewagt, das ›Du‹, das so 337 nahe rückt, auszusprechen. Von Marias Lippen kam es ganz natürlich.

›Mich freut's,‹ sagte sie, ›daß du nun nicht so von uns gehen und uns vergessen kannst wie alle anderen Menschen.‹

›Freut dich das so?‹ sagte Hermann.

›Ja, wir drei sind wundervoll miteinander, wie Geschwister sein müssen. Ich hol euch Blumen,‹ sagte sie und war mit diesen Worten so eilig zur Gartentür hinaus, wie nur ein Kind schnell sein kann.

Hermann und Sibylle sanken einander wieder zu, Wange an Wange und Hand in Hand. Schweigend wie sie vordem aneinander geschmiegt gesessen hatten. Es war so unbegreiflich. Sibylle war es wie ein geheimnisvolles Gesunden. – Während er ihre Hand hielt, vergaß sie sich selbst, fühlte sich nicht. Ach, und das Sichselbstfühlen ist meist Leid an sich.

Der junge Gamander hatte nie das Verlangen nach Sichvergessen empfunden. Ihm war sein Wachsein und Sichseinerbewußtsein Inbegriff des Lebens. Dies Aufgelöstsein, in das er sich versinken fühlte, hatte etwas Banges, Fremdes für ihn.

Er empfand dies leidensvolle Wesen neben sich sich ihm zugehörig werden. Er empfand die heiße Seele, das Sich-ans-Leben-klammern. Er küßte sie 338 voller Mitleid und Seligkeit. Sibylle sagte zaghaft und leise:

›Daß du mich liebst und ich dich! – Weißt du, ich war die letzten Tage viel sanfter, nicht so ›Otter‹, wie Maria sagt. Nicht wahr?‹ Sie lächelte. ›Ach weißt du, wie heiß ich gesund leben möchte! Und noch lieber als das, singen.‹

Tränen rannen ihr über die Wangen. ›Heute abend – sing ich für dich! – – Nur für dich!‹

›Das tust du nicht.‹

›Doch!‹ sagte sie, ›du sollst mich hören, – du sollst wissen, wen du eigentlich liebst. – Du kennst mich ja gar nicht! Ich weiß, das schadet mir nichts. Mir ist so wohl.‹

›Du singst, wenn du gesund wirst, Sibylle.‹

Sie sah ihn tief und groß an.

›Was bedeutet's für dich – daß du mich liebst! – Aber für mich!‹ Sie legte den Arm um seine Schulter und hing sich an ihm fest mit aller Kraft. ›Du bist das Leben, das ich lieb hab! –‹ sagte sie leidenschaftlich. ›Ich hab oft gedacht, wenn ich so schlaflos still lag, daß ich davongehen muß – und hab nur hergeben müssen, – alle Hoffnungen und alles!‹ Ein heißer Tränenstrom unterbrach sie. Sie schluchzte. ›Mit dem Geduldigsein und Stilldaliegen 339 wie diese Tage ist's nichts bei mir. – Laßt mich nur manchmal sein, wie ich will.‹

Hermann küßte und streichelte sie und legte ihr die Füße sorglich aufs Sofa.

Maria trat wieder ein und brachte einen Strauß Iris. ›So etwas, wie hier die Iris blühen,‹ sagte sie ›und die rosa Pfingstrosen, ganz einwickeln könnte man sich in Blumen! Seht nur!‹ Sie legte Sibylle den Strauß in den Arm, so daß diese ganz versteckt dahinter lag. ›So muß man Blumen haben, nicht für fünfundzwanzig Pfennig vom Gärtner.‹

›Steck sie ins Wasser,‹ sagte Sibylle. Maria holte einen Waschkrug und tat die Blumen hinein.

Dann sagte Sibylle: ›Maria, ich möchte nicht, daß es dunkel wird. Brenne die Kerzen am Flügel an und die Lampe. Ich will Hermann heute etwas singen!‹

›Sibylle!‹ rief Maria. ›Laß mich nicht unnötig mich anstrengen. Ich will es. – Und ich werde es tun,‹ sagte die Kranke ruhig. ›Ich gehöre niemandem als mir selbst, und ich will's.‹

›Du gehörst uns,‹ sagte Maria.

›Niemandem,‹ wiederholte Sibylle.

Maria stand hilflos. Sie wagte Sibylle nicht zu widersprechen. Sie sah die großen, jetzt tief erregten, 340 dunklen Augen der Schwester. Sie erkannte diese Veränderung der Augen bei ihr. – Sie wußte, daß einer der schweren, qualvollen Anfälle bevorstehen konnte.

›Hör zu,‹ sagte Sibylle leise und begann langsam und zart das Lied, das sie singen wollte, Hermann vorzusprechen:

›Rosen brach ich nachts am dunklen Hage,
Süßer hauchten Duft sie wie je am Tage,
Doch zerstreuten reich die bewegten Äste
Tau, der mich näßte.

Der Küsse Duft mich wie nie berückte,
Die ich nachts vom Strauch deiner Lippen pflückte,
Doch auch dir im Gemüt wie jenen
Tauten die Tränen.‹

›Ich kenne das Lied‹ sagte Hermann gedankenvoll, ›es wurde oben vor dem Berghaus nachts gesungen.‹

›Wer's auch sang,‹ sagte Sibylle mit Tränen in den erregten Augen, – ›so heiß wie ich liebt's keiner! – Und so schön findet's kein Mensch auf Erden wie ich. – Das ist ganz unmöglich! – Ganz unmöglich! – Weißt du,‹ sagte sie wie fliegend, ›ich will dir etwas geben – du sollst wissen, wie unsagbar eine Menschenseele das Schöne lieben kann. – Wenn du mich lieb hast, sollst du mich auch kennen.‹

Maria war in ihrer großen Angst hinunter zur 341 Wirtin gelaufen und hatte sie gebeten den Doktor holen zu lassen. Sie suchte Sibyllen hinzuhalten, bald war das, bald war jenes zu tun. Sibylle sah still ihrem Treiben zu. ›Maria, mißgönn mir's nicht, laß die Zeit nicht vergehen.‹ In diesen sanften Worten lag eine so leidenschaftliche Bitte, daß Maria nach den Noten griff, die Lieder von Brahms aufschlug und sich an den kleinen Flügel setzte.

Sibylle trat zu ihr und küßte sie. ›Du bist so ein liebes, gutes; kleines Kind.‹

Maria hatte zu Hermann gesagt: Sibylles Stimme ist ganz einsam.‹ Und Hermann fühlte jetzt, was damit gemeint war. Wie ein weicher, geheimnisvoller Glockenton begann das Lied. So konnte nur eine ganz einsame Stimme in tiefer, tiefer Abgeschiedenheit, von keinem Ohr gehört, sich offenbaren. Diese Stimme in einem Konzertsaal war entweiht. Hermann, dessen Seele nie von Kunst wahrhaft ergriffen worden war, erlebte ein Wunder, ein Wunder, wie es auch die Liebe zu diesem leidenschaftlichen Geschöpfe war. Er verstand jede Regung, jede Tiefe. Er fühlte das Wissen des Herzens, er fühlte die heiße Lebenswonne, die sie ahnte, die überwältigenden Daseinstränen, die Schönheit nächtlicher Sommerrosen. Sie sagte ihm, was sie selbst nicht wissen konnte. Die 342 Stimme war die Prophetin der Liebe und des Scheidens von aller Schönheit und Glut dieser Welt.

Hermann wußte nicht, wie ihm geschah. Er stand neben ihr und hielt sie bebend in den Armen, noch ehe sie geendet. Unbemerkt von allen war noch jemand eingetreten. Wie ein Schatten hielt der Doktor sich ruhig an der Tür. Als Sibylle geendet, trat er hervor: ›Kind! Kind!‹ Seine Stimme klang fremd. ›Kind, das ist Musik! Ah – das glaub ich! – das glaub ich!‹ Er faßte ihre Hand, ihren Puls, ›Kind! Kind!‹ Sein gutes, volles Gesicht sah wie vergeistigt aus. Er behandelte sie nicht, wie bisher, wie eine kleine, närrische Person, sondern wie etwas Heiliges.

Der Doktor, den Mariannens Köchin ›die singade Maschin‹ nannte, war ins Herz getroffen von dieser offenbarenden Stimme. Er führte Sibylle zu ihrem Lager zurück. ›Nun alle Kraft zusammen nehmen, nun müssen wir die Erregung überwinden, ganz gut überwinden.‹ Er ließ ihr durch Maria die Tropfen geben, die er ihr verordnet hatte.

Sibylle lag ruhig, Hermann saß neben ihr, ihre Hände hatten sich wieder gefunden, sie waren ganz ineinander versunken. Der Doktor betrachtete beide mit einem verblüfften Blick. Hermann flüsterte Sibyllen etwas zu. Die lächelte ihn an. ›Kennst du mich nun 343 ein wenig?‹ fragte sie leise, – ›ein wenig?‹ Er streichelte ihr die Hand. Ihre Blicke tauchten ganz ineinander. – Sie wußten von einander.

In diesem Augenblick trat Marianne ein. – Hermann hob den Kopf und sagte, ohne Sibyllens Hand zu lassen, ›Goldele! – Komm, Goldele! –‹ Dann reichte er Mariannen die Hand, immer noch, ohne Sibyllen loszulassen, und küßte Sibylle auf die Stirne. Der ernste, tiefe, weiche Blick ihres großen Buben, der Marianne jetzt traf, sagte ihr von allem, ohne daß ein Wort gesprochen wurde. Sie sah das bleiche Gesicht Sibyllens, die mit großen, glänzenden, fragenden Augen in die ihren sah, und sie strich ihr zart übers Haar, – und strich ihren lieben Bub schmerzlich-zärtlich über die festen Locken, auf die sie gewohnt war niederzublicken, wenn er an ihrer Schulter lag. Jetzt sah sie diesen dunklen, lieben Kopf sorgenvoll und zärtlich über ein fremdes, leidendes Gesicht gebeugt. Etwas Schweres, Ungeahntes ging durch ihre Seele. Jetzt erst bewunderte sie in ihrem eigenen Überraschtsein ganz die Einfachheit und Grazie dieses reinen Herzens, mit der er ihre Beichte vor wenigen Abenden entgegengenommen hatte. ›Ja, Bub,‹ dachte sie, – ›ich weiß, meine große Liebe zu dir ist kein Wahn.‹

Der Doktor machte ihr ein Zeichen. Sie ging 344 zu ihm, und beide traten miteinander hinaus in den Garten. ›Frau Gamander,‹ sagte der Doktor und drückte ihr die Hand. ›Sie sind die herrliche Frau, die Sie sind. Ja, das war das Rechte, – kein Wort. – Hier ist auch kein Wort mehr zu sagen. Liebe, verehrte Frau! Wir haben Wundervolles erlebt. Das fremdartige Kind hat gesungen. – Gesungen! – Ich habe nie so etwas gehört. – Ich armer Musikante! – Aber das war das Rechte. – Kein Wort. – Kein Wort über alles. – Unser armer Bub!‹ sagte der Doktor weich. ›Ich bleib heut nacht hier. – Gott gebe das Sanfteste.‹

Als sie wieder eingetreten waren, fanden sie Sibylle und Hermann noch gerade wie vordem. Die flüsterten leise. Der Doktor trat zu ihnen, nahm Sibyllens Hand und sagte: ›Maria, bringen Sie Ihre Schwester zu Bett. Sie muß jetzt vollkommen ruhen.‹

Als Maria ihr behilflich sein wollte sich zu erheben, kam eine große Schwäche über Sibylle. Sie sank wieder zurück mit geschlossenen Augen. Tiefe Schatten lagen im Gesicht. Die Blässe war wie durchsichtig. Der Doktor schien auf einen solchen Zufall vorbereitet. Sie schlug unter seiner Hand die Augen bald wieder auf, schien wieder kräftiger, fragte 345 nach Hermann, der neben seiner Mutter kniete und diese mit beiden Armen umfangen hielt, so wie sie abends vor Schlafengehen sich nahe zu sein gewohnt waren.

›Sibylle,‹ sagte er weich und war wieder an ihrer Seite.

›Mir ist wohler. – Ich fürchte mich gar nicht,‹ flüsterte sie zu ihm.

Der Doktor nahm sie in die Arme und trug sie in das Schlafzimmer der Schwestern. Maria und Marianne halfen ihr behutsam aus den Kleidern. Maria holte gewärmte Leinentücher aus der Küche, die sie über sie breitete, um ihr jedes Frösteln zu ersparen, und so lag sie bald matt und friedlich in ihren Kissen.

Hermann sagte zu seiner Mutter: ›Ich wache bei ihr.‹

›Ja, mein Bub.‹

Marianne wußte nicht, wie ihr geschah. – Ihr Kind, beladen mit einem schweren Schicksal. Ganz betäubt war sie davon. Wie konnte das so plötzlich geschehen. – Wie war das möglich! Unerreichbar erschien er ihr –, fern – fern – fern von ihr weggerückt. Hier war alles Wortlosigkeit. – Was ihr und ihm in letzter Stunde geschehen. Die 346 Erschütterung, die Marianne im Herzen spürte, war sondergleichen.

Der Doktor blieb, wie er's gesagt hatte, heute nacht im Winkelhof, aber er hatte sein Zimmer aufgesucht. Man sollte ihn rufen, wenn irgend eine Veränderung in Sibyllens Zustand einträte.

Hermann saß neben Sibyllens Bett. Ein dämmeriges Nachtlicht brannte, das Fenster stand offen, Gartendüfte drangen ein. Marianne und Maria waren im Nebenzimmer still beieinander. Sibylle wachte und hielt Hermanns Hand. Sie lebten und atmeten in dem Gefühl, einander nahe zu sein. Das erfüllte sie ganz, verscheuchte jeden andern Gedanken. ›Nicht wahr,‹ sagte sie einmal, ›nun kennst du mich doch – – und vergißt mich nicht.‹

Er küßte sie sanft.

›Ich weiß, daß du eine große Welt liebst, die ich nicht kannte. Du hast sie mir gezeigt, – vielleicht sogar gegeben.‹

›Wie schön,‹ sagte sie.

Dann schwiegen beide wieder lange Zeit.

Oft war es ihm, als schliefe sie; aber dann schlug sie mit einem Mal die Augen auf und blickte ihn groß an.

›Weißt du,‹ sagte sie, ›mir ist, als säße in deiner 347 Gestalt das ganze Leben neben mir und alles, was ich gehofft habe – und als hätte sich in dir und daß du mich liebst, alles erfüllt. – Ich bin so glücklich.‹

›Schlaf ein, Sibylle.‹ Er streichelte sie sanft, und sie schloß die Augen, und bald empfand er, daß sie schlief, und er blickte lange auf das geliebte Gesicht. Ihre Hand löste sich im Schlafe aus der seinigen. Eine große Müdigkeit überfiel auch ihn, sein Kopf sank neben Sibyllens in die Kissen, und er schlief an ihrem Bette sitzend.

Marianne trat ein und sah sie beide. Sie wagte nicht näher zu treten aus Furcht sie zu wecken. ›Komm, Kind,‹ sagte sie zu Maria, die sich kaum mehr aufrecht hielt, ›leg dich auch. Ich wache.‹

Bald war tiefe Stille; – über alle war der Schlaf gekommen.

 


 

Der Morgen dämmerte, da erwachte Maria. Ohne Störung waren Stunden der Nacht verflossen. Sie erhob sich von dem kleinen Sofa, auf dem Sibylle tagsüber zu liegen pflegte, sah Marianne schlafend im 348 Lehnstuhl sitzen. Leise schlich sie in Sibyllens Zimmer. Das silberne Morgenlicht vor Sonnenaufgang erfüllte den Raum. – Hermann schlief fest, neben Sibyllens Lager sitzend. Sein brauner, dunkler Kopf lag auf den weißen Kissen, ihm nahe Sibyllens bleiches Gesicht. Maria blickte unverwandt auf beide. Sonnengebräunt war Hermann. Sein Atem ging leise. Das Gesicht neben ihm erschreckte Maria. Es war nicht die Blässe allein, die sie zittern machte, wie aus Stein so schwer war das geliebte Gesicht, als hätte es nie gelebt – so fremd, so unerweckbar war's. Maria stand, ohne sich zu regen, stand, ohne zu atmen. Ihr war, als würde ihr die Kehle zugeschnürt. Endlich – endlich war sie imstand sich zu bewegen, – berührte die weiße stille Stirn und fuhr zurück. Ein langer Blick auf Hermann – und das bleiche, entsetzte Kind schlich aus dem Zimmer durch die Gartentür, hinaus in den Garten. – Dort brach sie Blumen und Blüten, so viel sie fassen konnte. Ihr Blick veränderte sich nicht. Mit ihrem Arm voll Blumen rannte sie zurück, schlich durch das Zimmer, – legte die Blumen sanft über Sibylle, wie gestern den Strauß, und schob sich selbst zwischen die stille Schwester und Hermann, neigte sich ganz über ihn, als wollte sie ihn beschützen. Marianne sah das Unbeschreibliche, als sie 349 in die Tür kam. Da weckte eine leichte Bewegung Marias Hermann. – Er erhob sich schlafbefangen, und an seinem Halse hing das gute Kind Maria, – umfing ihn – streichelte ihm übers Haar. ›Komm mit mir,‹ sagte sie. – ›Komm mit mir. – Komm mit mir.‹ Sie sagte das so weich, so rührend. Ihre Hände hielten seinen Kopf, als wollte sie verhindern, daß er sich umwendete. Er war so tief noch im Schlaf und vom unbegreiflichen Betragen Marias verwirrt, daß er sich von ihr bis zur Türe geleiten ließ – bis zu seiner Mutter. Da löste Maria die Arme von ihm, stürzte auf das Bett ihrer Schwester zu und warf sich in maßlosem Schmerz aufschluchzend über sie.

 


 

Die das innigste Leben tragen, sind die Frauen. Sie tragen das Leben aller derer, die ihnen gehören. Das Leben der anderen neben dem eigenen Leben! Sie leben in sich und im andern. Sie sind die eigentlich Lebendigen hier auf Erden. Die ganz Lebendigen aber unter ihnen, diese Seltenen, sind in 350 ihrem Wissen, ihrem Handeln, ihrem Ertragen große Dichter und Fühler. Sie leben alles tief in sich selbst hinein. Ihre Seelen sind Kunstwerke, schweigende Kunstwerke, die sich nur in Scheu enthüllen.

Marianne Gamanders Seele war von dem traumhaft aufgetauchten Liebestag und der schwermutsvollen Liebestodesnacht ihres Sohnes angstvoll bewegt. Ihrem Kinde solch ein Überfall des Schicksals! Es tat ihr weh, ihn jetzt sich vorzustellen. Wie hatte sie um ihn gelitten, von seiner frühesten Kindheit an, ihm, dem Ahnungslosen, die düstern Verhängnisse des Lebens zu gestehen; als ob sie schuldbeladen wäre, hatte sie ihm alles seinerzeit sanft gesagt, so ängstlich nach Trost ausschauend, wie ein armer Verbrecher sein Verbrechen dem geliebtesten Wesen gesteht.

Sie dachte an eine längst vergangene Stunde: Da fuhren sie miteinander in der Bahn an einem kahlen Friedhof vorüber. – Kreuze, Kreuzchen, tausendfach, dazwischen niedere Büsche, alles von einer Mauer umgeben. ›Was ist das für ein Salat,‹ hatte ihr kleiner Bub sie damals gefragt. ›Ja, was ist das für ein Salat,‹ war es ihr ungeheuer durchs Herz geströmt. Sie hätte nicht um die Welt sprechen können, hatte ihr Kind an sich gedrückt und gelächelt.

351 Über so manche Weltfrage ihres Kindes ist sie schamrot geworden in tiefsten Schmerzen und hat oft gedacht: eine andere Welt wäre entstanden, hätte ein Schöpfer den Schmerz und die Scham einer Mutter gefühlt, die ihrem armen, heiligen Kinde enthüllen muß, was nicht zu sagen ist. Die schweren, geheimnisvollen Verhängnisse der Natur konnten mit reinem, schwerem Herzen ausgesprochen werden; aber das, was die Menschen getan, der ganze große Riesenunsinn, die ganze große Riesenteufelei der Kultur und Bildung, das waren die Dinge, die sie am schwersten ihrem Kinde gedeutet. Sie hatte ihm gesagt, der Trost in allem Wirrwarr und allen Grausamkeiten und allen Torheiten dieser Menschenerde ist: daß man lacht – und einander lieb hat – und das andere sich nicht imponieren läßt.

So war die enge Kameradschaft zwischen Mutter und Sohn entstanden, ihr tiefes Sich-einander-Verstehen. Sie lebten miteinander in der schönen Welt der Herzen, die andere nie zu sehen bekommen, die sie unter die Füße treten. –

Nach der ersten Stummheit und Qual, in der Hermann jedes Wort von sich gewiesen, war er ganz in Sorge um die Tote und Maria erwacht. Für seine Mutter aber hatte er das erste beruhigende 352 Wort. ›Goldele,‹ sagte er, ›laß mich ganz ruhig, ängstige dich nicht.‹

Auf seine Anordnung wurde Sibylle nachts in die kleine Kapelle, die zum Hause zur Flamm' gehörte, gebracht, um im nächsten einsamen Bergdorf begraben zu werden. Die beiden traurigen Kinder, Hermann und Maria bereiteten selbst die Kapelle zu ihrem Empfange vor. Marianne und Motte banden Kränze aus den Blumen, die die beiden ihnen brachten. Eine tiefe Stille und Weihe war oben im alten Hause eingekehrt.

Die kleine Kapelle war wie zu einem Frühlingsfeste geschmückt. Alle halfen aus der Ferne und ließen Hermann und Maria gewähren, die nur im Beieinandersein einigermaßen Frieden fanden. Nachts lag Sibylle keinen Augenblick zwischen den Kerzen allein. Hermann und Maria wachten die ersten Abendstunden zusammen. Miteinander sahen sie schmerz- und angstbedrückt auf das bleiche, weltabgeschiedene Gesicht, auf die stille Gestalt. In Maria wurde der Schmerz um den Verlust der Schwester immer hilfloser, immer tränenreicher. Sie fand nur ein wenig Halt, wenn sie ihre Hand in Hermanns liegen hatte.

Was in Hermanns Seele vorging, wußte niemand. Wortlos war sein Betragen. Marianne aber konnte 353 ihm nicht in die Augen sehen, denn er trug diese erste große Qual der Seele wie ein Wissender, wie ohne Staunen, auf eine selbstverständliche Art, die ihr wehe zu sehen tat.

Sie fragte ihn.

›Ja Mutterle, warum soll gerade mich nichts Schweres treffen?‹

Sie wechselten im Wachen bei Sibylle. Baumgarten wachte bei ihr, Motte, Marianne, der gute Doktor, die Wirtin im Winkelhof und ihre freundlichen Töchter. Immer in den kurzen Nachtstunden war eine gute Seele bei dem stillen, schönen Körper, der Mutter Erde entgegenschlief. Jeder, der da wachte, dachte sein Teil auf seine Weise, hielt seine stummen, schweren Stunden im Anblick der Vergänglichkeit, die auch ihn, ach, so nahe anging.

Tagsüber kamen die Bauern und die Leute aus dem Städtchen herauf, um die Sterbegebete zu sprechen und neugierig die schöne Fremde zu sehen.

Motte hatte Friedel von dem Anblick der Toten zurückhalten wollen, aber der Zufall führte ihn dahin, und er hatte eine große Freude an dem schönen starren Gesicht. ›Tote Leute sind schöner wie die Lebendigen! Und soviel Blumen – und dann bekommt sie ein schönes Gräbchen,‹ sagte er heiter. Er war noch 354 einmal in Begleitung mit Hermann und Maria bei ihr. Sie nahmen Friedel in ihre Gemeinschaft auf. Er ging zwischen ihnen, von ihnen geführt. Es war, als spürte das Kind den Schmerz, den sie trugen, denn es war so innig zärtlich mit ihnen, so freundlich und weich, daß sie den kleinen Gefährten wie einen Trost empfanden. Als sie alle drei in der Kapelle still beieinander saßen, sagte das Kind auf seine fast geheimnisvolle Weise, mit der es manchmal ihm fernliegende Dinge aussprach: ›Als sie starb, wußte sie, wen sie am meisten liebte.‹ Niemand fragte ihn, wie so er dies meinte; aber Maria flossen die Augen über. Sie hielt Hermanns Hand und flüsterte: ›Das Kind weiß darum.‹ Dann strich sie Friedel über die Haare.

 


 

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