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Das Haus zur Flamm'

Helene Böhlau: Das Haus zur Flamm' - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Haus zur Flamm'
authorHelene Böhlau
year1907
firstpub1907
publisherEgon Fleischel
addressBerlin
titleDas Haus zur Flamm'
pages373
created20140310
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In dieser selben Nacht saß der arme kleine Baron sorgfältig angekleidet mit verbundenem Kopfe in seinem Zimmerchen und schrieb. Der Koffer stand gepackt und verschlossen.

Der Baron schrieb: Ich hatte nicht die Kraft zu leben. Ich hatte nicht die Kraft zu sterben. – Ich habe nicht die Kraft zu lieben. – Ich kann ein anderes fremdes und sei es das geliebteste Wesen nicht neben mir ertragen. – Ich kann nur mich selbst ertragen. – Und mich selbst kann ich ebensowenig ertragen. Entfliehen kann ich mir selbst nicht. – Könnte ich es, so müßte es geschehen, als das einzige, zu dem ich fähig sein würde. – Ich sehe die Dinge dieser Erde in ihrer Vergänglichkeit vor mir. Ich glaube an die Dinge dieser Erde nicht, wie ich an ein jenseitiges Leben nicht glaube. Das Wesen der Dinge dieser Erde ist also: Ich liebe. – Ich liebte bis zum Tode. – Ich starb aus Liebe. Ich wurde gerettet. Ich bin vereint mit meiner Lieben, derentwegen ich sterben wollte. Ich werde die Geliebte fürs Leben besitzen dürfen. – Man wird gut und edelmütig sein, man wird sie mir lassen. Während ich aber ihrem Besitz hoffnungsvoll entgegensehe, in das Glück mich hineinlebe, zerfällt die blühende Liebe, wird Staub 272 und Asche. – – Wo ist sie hin? Ich fühle sie nicht mehr, – ich sehe sie nicht mehr. – Ich wollte für die Wahrheit meiner Liebe in den Tod gehen, wo aber ist diese Wahrheit? Wo ist diese Liebe?

Heute fliehe ich das, was ich gestern noch so heiß erstrebte.

Ich bin wach aus Überreizung, aus Schwäche. – Ihr Gesunden schlaft aus Stärke. Ich aber sehe in meiner wachen Schwachheit das Wesen der Dinge dieser Erde. Laßt mich! Du liebliche Täuschung Hortensie, die ich im Tode noch fassen und ergründen wollte! – Leb wohl, – vergiß den Schwachen, den, der nicht leben und nicht sterben und nicht glauben und nicht lieben kann, der alles in seiner Vergänglichkeit und Häßlichkeit sieht, weil er nicht stark genug ist, einen Traum mit Händen zu halten.

Ich reise heute nacht noch. Suche mich nie, Hortensie. Vergiß mich. Und Du, Du Sommerfrau, Du Sommerbild des Lebens, Du, die das Rätsel des Lebens gelöst hat, sei gesegnet. – Auch Du weißt, daß alles vergeht, daß alles Schein ist. – Aber Du selbst wirst zur Wahrheit und zur Güte! – Mag die Welt wie ein Meer tausendgestaltig, formvoll formlos um Dich wogen, Du bleibst unerschütterlich. Das 273 Gutsein, das Gütigsein zu allem, ist Dein schöpferisches Geheimnis. Sei gesegnet. – –

So machte sich unser kleiner Baron in dunkler Nacht auf die Reise. Sein armes verbundenes Köpfchen hinderte ihn nicht, seinem Glück, für das er noch kürzlich schnurstraks in den Tod gehen wollte, zu entfliehen. Er fand mühselig und schmerzvoll den Weg, der ihn vom Haus zur Flamm' abwärts führte.

So war die Geschichte der beiden Erschossenen schneller beendet, als Marianne und Hermann Gamander gedacht hatten.

›Ja, selten fällt,‹ sagte Baumgarten bei dieser Gelegenheit, ›ein reifer, süßer Apfel vom Liebesbaum. Auch die Geschichte vom armen Karl Theodor und seiner wiedergewonnenen Ungetreuen ist eine traurige Sache in der Geschichte der Lieben dieser Erde.‹

Jonathan Baumgarten war, als er von dem ersten wundervollen Wiedersehen mit Marianne heimwärts zu seiner Keiche ging, dem schleppenden Ehemanne begegnet. Er selbst war im tiefen, schweren Glück, an dem seine Seele trug, den Bergweg hinabgegangen in großen, freien, glückseligen Schritten. Er hatte droben mit der geliebten Frau von seinem Leben gesprochen. Sie hatte ihn verstanden.

›Aber ich bin frei wie du,‹ hatte sie gesagt, ›auch 274 ohne Keiche. Ja, mein Geliebtester, ich bin vielleicht noch freier. Ich brauche gar keinen Apparat zu meiner Freiheit. – Sie ist da! Sie ist in mir selbst – und ich achte sie in jedem, ob er dazu in seiner Keiche sitzen und Holz hacken muß, ob er im Automobil sitzt und die Welt durchsaust, oder ob er, wie ich, ganz unauffällig lebt und in sich selbst frei ist und reift.

›Nichts zwischen der Natur und mir! Das ist mein Bekenntnis, das Geheimnis meines Lebens. Darum habe ich keine Vorurteile, keine Menschenangst, keine Menschenanbetung, darum bin ich demütig für mich und meine Erdengenossen, ob sie verblendet sind oder nicht. Darum kann ich mit den anderen auch nicht mehr leben, ganz so wie du. Ich mag sie nur noch, wenn ich ihnen helfen, wenn ich sie trösten kann, ich denke oft: was habt ihr getan! Was habt ihr getan! daß ihr so ganz verschüttet seid von lauter wertlosem Zeug! Wißt ihr denn eigentlich, daß das Leben nur ein paar Tage dauert? daß euere Seele in all euerer Geschäftigkeit schläft? das Eigentliche verschläft? allen Lebenszusammenhang verliert? Einen Blumenstrauß verschenken, einem armen Menschen zuhören, ein Kind erfreuen oder einem Menschen durch Verstehen helfen, dasein für irgend einen, den Gott verließ und der sich auf dieser schrecklichen 275 Welt nicht mehr zu trösten weiß, dem sie alle hinweggelaufen sind, das sind die großen wichtigen Dinge des Lebens! Die ganze kluge Welt mit ihren Examen und Armeen und Richtern aller Sorte ist nicht das Große und Notwendige. – Bewahre. – Du sagtest: wo sich etwas spreizt, nicht hinschauen! So ist's! So ist's!‹

Und aus zwei Seelen flammte gleiches Erkennen.

Jonathan Baumgarten hatte nicht geahnt, daß, wenn zwei Menschen so ganz eins sind, ein Kuß ein so wundervolles Ding sei. Er hatte nicht gewußt, daß Seele und Seele so ineinander flammen können, daß Körper so ganz in Seligkeit sich auflösen, zu lauter Empfinden und Wissen und Seligkeiten werden können. Sie hatten es beide nicht geahnt und waren beide erschüttert und betroffen von ihrer großen Liebe zueinander. Daß der gute Ehemann sein Liebes- und Ehekreuz den Berg hinaufschleppte, war Baumgarten in seiner starken Glückseligkeit ein köstlicher Anblick gewesen. Schleppt nur!‹ dachte er, auf dem Wege zur Keiche, die ihm nicht mehr das Symbol der stolzen einsamen Freiheit zu sein schien wie noch vor wenigen Tagen. 276

 


 

An diesem Abend, an dem Marianne Gamanders und Baumgartens Liebe stark und erdenheimisch durch volles Bewußtsein der Zusammengehörigkeit wurde, war das Haus zur Flamm' ganz von Leben durchglüht gewesen. Welches Geheimnis mochte in seinen Mauern liegen? Wer hatte ihm den Namen gegeben? Es stand sein Lebtag ruhig, vom Feuer unversehrt. Welch brennendes Herz hat es einst wohl beherbergt? – Und daß es brennende Herzen so anzog! Und wie es selbst geliebt wurde, das Haus im Frucht- und Laubkleid, mit den alten grünen Fensterläden und den Sonnen- und Bergeslüften. Es wurde geliebt wie ein lebendiges Wesen von seiner Besitzerin Marianne.

Wieviel Liebe, wieviel Leid, wieviel In-die-Ferne-schauen und wieviel Sommerseligkeiten mochte es schon umschlossen haben! Ob aber je lebendigere Herzen wie Marianne, Hermann und Baumgarten? In Marianne brannte die Lebensflamme immer heller, immer reiner. Nicht dumpf unter Rauch und Qualm, wie ach so oft auf Erden, nicht schwelend und quälend, nicht knisternd und sprühend, sondern wie ein wärmendes, leuchtendes Feuer, was viel unnötiges Lebenbeengendes weggebrannt hatte. Und nun hatte sie einen Menschen gefunden, dessen Lebensglut wie die ihrige 277 leuchtete. Eine Helle und Kraft mit der ihren. Welche Heimat!

Außer ihr selbst verstand Hermann, daß ihre Liebe zu Baumgarten eine Lebensgerechtigkeit war, ein Ausgleich schwerer Zeiten, die ihrer Natur entgegengearbeitet und die sie tapfer ertragen hatte.

Während Marianne und Baumgarten im Wohnzimmer ihre glückliche Zueinandergehörigkeit empfunden hatten, war Hermann in seinem Zimmer, schrieb und arbeitete und achtete darauf, daß niemand das erste ruhige Aussprechen seines Goldele mit Baumgarten störte.

Es waren Lebenselemente genug im Haus, denen nicht recht zu trauen war, die jeden Augenblick überkochen konnten, der kleine Baron in seinen Nöten und Entschlüssen, die ungetreue Gattin Hortensie, der allzu getreue Ehemann, die arme, kleine Motte, an der sie alle einen stillen Kummer zu spüren begannen, Onkel Bernus, der sich zurückgezogen hatte, um zu packen, das naseweise Hausfräulein und der singende Doktor – – und der singende Doktor war's, der auch wirklich einen Anlauf nahm, den Frieden des Hauses zu stören.

Hermann hörte seine schweren Schritte vor dem Fenster, ahnte nichts Gutes und rief ihm entgegen und 278 war im selben Moment fast unter den leise rauschenden Bergkirschbäumen neben ihm. Da erfuhr er, daß Marianne noch heute hinunter in den Winkelhof kommen sollte zu den beiden einsamen Schwestern. Er, der Doktor, konnte da nicht weiter trösten. ›Das ist mir zu hoch,‹ sagte er, ›Hermann, so ein wilder Balg wie die kleine Musikhexe, ist mir noch nicht unter die Hände gekommen. So ein Geschöpf ohne jede Einsicht, wie eine Südseeinsulanerin! Ich bitt dich, schick deine Mutter!‹ Hermann aber verteidigte sein Goldele und versicherte dem Doktor, daß er sie jetzt nicht hinunterließe, um keinen Preis, daß er es ihr gar nicht ausrichten würde.

›Herrgott noch einmal!‹ sagte der Doktor ärgerlich und ratlos. – Nach einer Weile: ›Dann komm du, dummer Bub. Weißt – schließlich am Ende nimmt sie sich vor dir noch eher zusammen, wenn du auch nicht ganz das Richtige bist. – Also du kommst! – Läßt mich nicht hocken. Ich habe drunten beim Rägelbauern noch zu tun. Herrgott noch einmal!‹ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. ›So 'n Landdoktor! Auf Stadtleut bin i nöt eing'richt!‹

Hermann ließ dem Doktor ein Glas Wein unter die Kirschbäume bringen, versprach ihm nochmals 279 sicher zu kommen und war froh, als der große Mann pustend seinen Weg weiter fortsetzte.

Von Onkel Bernus mußte sich Hermann, ehe er ging, verabschieden, denn Onkel Bernus reiste morgen in aller Frühe, und es gab noch allerlei zu bereden.

Marianne hatte ihn gebeten, mit ihr und Baumgarten im Wohnzimmer, unter der lieben alten Benareslampe, den letzten Abend zu verbringen. Er hatte ihr dies aber abgeschlagen.

›Ich würde mit dir den letzten, wie jeden, wie auch den allerletzten Abend, lieber wie mit irgend wem verbringen; aber mit deinem Strolch, nein – es gibt gewisse Dinge – gewisse Geschmacke – oder wie willst du's nennen‹ – er sprach nicht aus, ›wozu der Bernus nicht zu haben ist. Nein, den netten Herrn überlasse ich dir nicht ungern allein. Wenn ihr genug geplaudert habt, werde ich mir erlauben, mich noch bei dir zu verabschieden.‹

Marianne hatte ihren alten Freund schmerzlich angeblickt. Er tat ihr leid. Bernus hatte diesen schmerzlichen Blick aufgefangen und wußte nicht recht, was er damit beginnen sollte.

Als Hermann sich von ihm für diesen Abend verabschiedete und ihm die Mission erzählte, die der Doktor ihm auferlegt hatte, lächelte Bernus: ›Unsinn, 280 Hermann, tut nichts Gutes, kommt nichts Böses. Daß ihr das noch immer nicht begriffen habt, und habt's doch oft genug am eigenen Leibe ausprobiert. Frag dein Goldele nur, die eben wieder dabei ist, einen Narren kurieren zu wollen, ein ganz skrupelloses Subjekt.

›Ich weiß nicht – diesmal ist mir's bei euch zu bunt! Ich hab die Nerven, scheint's, nicht mehr, die man haben muß, um's auf eurem Gipfel auszuhalten.‹

Bernus war wirklich schlechter Laune, die zu tiefster Betroffenheit wurde, als er am späten Abend Mariannen, nachdem Baumgarten gegangen war, im Salon aufsuchte. Sie kam ihm so bewegt entgegen, so wie aus einer anderen, besseren Welt kommend. Geliebt und liebend hatte sie jetzt ihre volle Heimat auf Erden gefunden.

Die Spuren der Heimatlosigkeit sind aus Blick und Bewegung weggewischt. Sie ist kein Wanderer mehr, kein Sucher, eine Menschenseele, die aus gleichmäßigem, kühlem Schatten in die lebendige Sonne getreten ist, zum Quell des Lebens! Was Wunder, daß Bernus betroffen blickte, als er seine Freundin so leuchtend schön mit tief bewegtem Lächeln auf sich zukommen sah. Marianne faßte seine beiden Hände mit einer Bewegung, als wollte sie ihn schützen und 281 behüten, ihm um die Welt nicht weh tun und ihm doch alles vertrauen.

›Du gönnst mir's, Bernus, – Bernus, daß ich ihn fand!‹ sagte sie bebend und leuchtend.

Der weltgewandte Lebenskünstler wußte seine Verwirrung nicht zu verbergen. ›Um Gottes willen, Marianne! – Ich verstehe nicht – ich – –‹

›Bernus,‹ sagte Marianne voll Güte und Freundschaft zu ihm, ›ich fand den, dem ich im Grund meines Herzens verwandt bin, den ich von Grund meines Herzens liebe und der mich ebenso liebt – so fraglos, so . . .‹

›Wen?‹ fragte Bernus.

Er erfuhr's. Mariannen war, als täte sich ein Abgrund zwischen dem alt vertrauten Freunde und ihr auf.

Er konnte sich nicht beherrschen. Er fand kein Wort. Er löste seine Hände aus den ihren. Er fuhr sich an die Stirn, als wollte er wach werden.

›Allmächtiger, gütiger, – barmherziger Gott – diese Frau! Ja, willst du denn dein schönes, reiches Leben mit allem Mutwillen zerstören! – Denk doch an Hermann – wenn nicht an dich selbst! Diesen – diesen – diesen – ach! – – Und wie du auch mir alles zerstörst! – Auch mir!‹

282 ›Dir?‹ sagte Marianne. ›Du bleibst mir doch immer willkommen, auch wenn ich Baumgartens Frau bin.‹

Bernus lachte auf. ›Deshalb ein so bewunderungswertes Leben – solche Güte – Klugheit – Schönheit und Liebenswürdigkeit, wie sie kein anderes Wesen auf Erden hat! Solch ein Götterbild! – Du verdienst nicht, was du bist! – Ich hab dir's gesagt: Schlepper und Diener für alle und jeden – und die ganze wundervolle Herrlichkeit schließlich für einen Narren, mit dem ich mich nicht zu Tische setzen möchte!‹

Bernus war außer sich, verzweifelt.

›Bernus, wie kannst du das wagen!‹ sagte Marianne ruhig.

›Ja, das wage ich!‹ sagte Bernus. ›Du bist dein Lebtag gottlos mit dir verfahren – und jetzt!‹

›Ach, Bernus,‹ sagte Marianne, ›dein Zorn sagt mir, wie wenig du mich verstehst – und wie wenig du im Grund das Recht hast, mich zu lieben. Du weißt von der Frau gar nichts, die ihren Lebensweg geht – du weißt von dem demütigen Stück Natur nichts, das weiter nichts verlangt, als was eben ein armes, stolzes Stück Natur verlangt. Die ganze dressierte Geheimratswelt kommt diesem Stück Natur so winzig drollig vor, wie du's dir gar nicht vorstellen 283 kannst. – Wie eine Wiese und ein Baum Sonne und Regen verlangt und nur das – und sich nie und nie irre machen läßt, so verlang auch ich nur Sonne und Regen und das ist Güte, Wärme und Wahrheit. – Alles andere, auch Kunst – und was ihr alles habt, – alles – alles – alles – alles – alles, ersetzt mir nie, was ich als innerstes Verlangen will.

›Eine Wiese gibt sich auch nicht mit elektrischem Lichte zufrieden. – Ich will Sonne und wollte immer Sonne und nur Sonne, die ganz echte, richtige Sonne – die zu mir gehört. Ich habe um sie bei euch allen gedient, hab mich gedemütigt, hab euch lachen gemacht – hab euch beschenkt, ja, wie ein Schlepper, du hast recht, hab euch Wunderdinge gesagt und immer gehofft, meine Sonne bricht durch, – meine Sonne bricht durch in eurem Lachen oder im Weinen oder in euerem Lieben –; aber nein! – Nein! Nein! – Habt ihr gar keine? Ist sie verschluckt? verschüttet? Was habt ihr damit gemacht? Ihr Ärmsten –! Ihr Halbtoten! Ihr Sünder.

›Nichts habt ihr mir gegeben, nichts! Ich war nicht besser und nicht schlechter daran als ein beliebter Hofnarr. – Ich aber sagte mir im Kämmerlein immer wieder: Hoff, Narr! und redete meinem 284 suchenden Herzen Mut zu. Den eure Kultur längst zertreten hat, der zornige Wilde ist oft im Geiste in mir aufgetaucht und hat gezürnt und getobt, wie ihr es nicht gewohnt seid. – Als ich dir sagte: ich fürchtete mich nicht einmal, an den Türen zu horchen, um die unverfälschte Wahrheit zu hören, sagtest du, daß das niedrig sei! – Ist's niedrig von einem Verdursteten, sehnsüchtig nach dem Rauschen der Quelle mit dem Ohr an der Erde zu liegen. – Ach, redet gar nichts! Ihr wißt nichts! Werdet Tugendbündel!

›Zwei Teufel in der Hölle meinetwegen, die sich so ganz verstehn, so ganz und gar – so heiß und wahr – so unüberwindlich eins, – sind den tiefsten Geheimnissen dieser Welt näher als alle Philister in der kühlen Kellerluft ihrer Gefühle.

›Jetzt aber hab ich Sonne gefunden. Ich fühl sie! Da gibt's keinen Zweifel! Frag du irgend einen dummen Baum, ob er die Sonne will – oder ob er was anderes dafür möchte.

›Gut, sitz du nicht mit uns zu Tische! – Du Sonnensucher selbst. Hätte ich Hermann nicht gehabt, ich wär unter euch allen verzweifelt; aber der ist gottlob Blut von meinem Blut, mein Versteher.‹

›Gräßlich,‹ sagte Bernus scheinbar ruhig, ›der 285 versteht dich! – Du stürzest dahin! – Du, die Klare, Ruhige, Gütige!‹

›Ja, das alles bin ich, trotzdem mein Zorn dir nicht unbekannt ist – aber entsetzlich oder gräßlich?‹

›Ich sage entsetzlich Hermanns wegen, Marianne. – Das ist eine wahnwitzige Gesinnung für den Buben, – der, soviel ich weiß, kein Stück Wiese ist, sondern ein junger Mensch, der in der geregelten Kulturwelt, die du ›Geheimratswelt‹ nennst, seinen Weg machen soll, der mit Herzenswallungen allerdings wenig zu tun hat.‹

›Was nennst du Herzenswallungen, Bernus? Meinst du damit das wirkliche, wahrhaftige Leben im tiefsten Kern, das Sichselbsthaben? Das Sichselbstleben? – oder was meinst du mit Herzenswallungen?‹

›Ich meine ganz einfach das Gefühlsleben, Marianne. Das Gefühlsleben zu unterdrücken, zu vergessen, ist ja hier auf dieser Welt des Intellekts meist unsere schwere Pflicht, die mit mehr oder weniger Grazie erfüllt sein will.‹

›Wie das prächtig klingt, Bernus‹, lachte Marianne auf ihre alte, liebliche Art. ›So schön und vernünftig klingt's; – aber es heißt doch eigentlich übersetzt ins ewig Heilige, Unvernünftige: das Herzensleben, – das Wissen von sich selbst und vom andern, 286 zertrampeln, ersticken, überrennen, ist unsere erste schwere Pflicht, um möglichst bald und ungehindert zu Stellung, Geld und Ansehen zu gelangen. Ach, geh, Bernus! – Reden wir nicht mehr. Du bist bös auf mich. – Deshalb erscheint dir alles, was ich sage und tue, dumm und kraß. Laß Zeit verstrichen sein, und du wirst sehen, deine gute Freundin war so unsinnig nicht. Ist unsere Freundschaft nicht schön und uns teuer? Ist mein Haus nicht lieb und heimlich? Ist mein Bub nicht ein guter, lieber Bub, der liebste, den ich weiß? Hab ich mein Leben nicht ganz gut geführt? Hab ich Schulden? Hast du mich je unsinnige Dinge tun sehn? Und nun auf einmal, weil du's nicht überschaust und nicht verstehen kannst, hältst du mich für einen Narren, über den man die Arme gen Himmel recken muß, – und wirst bitterböse abreisen. – Wärst du lieb und gut, würde dein Herz viel schneller wie dein Verstand spüren, daß hier Wundervolles blüht; – würdest es mir sogar gönnen; – aber du verläßt dich auf das grobe Verstandesinstrument und hättest die feinsten, feinsten Fühlfäden, – wenn du nur wolltest.

›Ja, wir erleben's freilich nicht; und niemand erlebts; aber man darf davon träumen, daß eine Zeit käme, in der euer kaltes Verständchen ganz 287 fadenscheinig umherläuft und jammert – dann erst wird die Kultur des schauenden Herzens kommen, dann erst kommen die großen Dichter und die großen Versteher und die großen guten Menschen. Das Wissen vom andern ist dann Kunst geworden, und das fürchterliche Tappen im Dunkeln ist so furchtbar nicht mehr. – Und viele, viele Menschen verstehen einander, und die Einsamkeit ist nicht mehr so entsetzlich, denn das lebendige Herz ist ein großer, großer Seher und Begreifer, – den ihr habt verhungern und verdursten lassen! Und dann komme auch ich wieder, das laß ich mir nicht nehmen, und bin erst daheim – und brauche nicht mehr gegen so vorsintflutliche Tiere zu kämpfen, wie du eben eins bist, Bernus.‹

Marianne lächelte.

›Gott gebe,‹ sagte Bernus, ›daß aller Irrtum hier auf meiner Seite liegt. Leb wohl, Marianne. – Hermann begleitet mich morgen, in aller Frühe, zur Bahn.‹

›Bleib einen Tag länger, Bernus,‹ bat Marianne weich, ›du wirst mich besser verstehen. Überschau mein ganzes Leben, du wirst sehn, mir mußte das kommen, was jetzt gekommen ist. Sag dir einmal, wäre es eigentlich denkbar, daß gerade ich, ohne 288 einen Menschen wirklich geliebt zu haben, von dieser Erde gehen sollte? –‹

Bernus gab ihr die Hand. ›Leb wohl – leb wohl. Gott gebe, daß ich mich irre, Marianne. Ich habe hier keinen Ehrgeiz, recht zu haben. Du kennst mich und meine Gewohnheiten und meine Art besser wie irgendjemand. Es gibt Abgründe, über die ich auch dir zuliebe nicht springen kann. – Leb wohl.‹

Er drückte ihr die Hand, berührte diese mit seinen Lippen.

›Bernus,‹ sagte Marianne bewegt, als sie sah, wie erschüttert ihr guter Freund von ihr ging, ohne daß sie ihm helfen oder ihn beruhigen konnte.

 


 

Im Winkelhof wurde Hermann von der jüngeren Schwester froh begrüßt. ›Sibylle,‹ sagte sie, ›ist im Garten draußen.‹ Die Lampe brannte im Zimmer. Der kleine Stutzflügel, den die Mädchen aus München mitgebracht hatten, stand offen. ›Sie hat vorhin etwas musiziert,‹ Maria sprach das leise, wie jemand, der immer auf der Hut ist, ›aber sie ist dann erst recht 289 schwermütig. Ach,‹ meinte Maria, ›wir kommen da so hergeschneit – und Sie und Ihre Mutter werden nun durch uns beunruhigt.

›Sind Sie auch nur unseretwegen den Berg heruntergekommen?‹

›Ja, denken Sie mal,‹ sagte Hermann, ›und befinde mich ganz wohl.‹ Sein frisches Lachen steckte auch das junge bedrückte Geschöpf an.

Sie lachte, wie ein Kind unter Tränen lacht. Hermann empfand dadurch, wie schwer das arme Mädel an ihrer Sorge trug, denn sie war in diesem kurzen, hellen Augenblick wie in Sonne getaucht.

›Sie können ja wie Friedel lachen!‹ meinte er.

›Ja, wir sind die Fröhlichsten gewesen, die Sie sich denken können, wie zwei Vögel. Wer uns kannte, sagte zwar: die armen Dinger, die beiden Herumgestoßenen. Wir sind früh verwaist, und bald steckten wir bei diesen Verwandten, bald bei jenen, und zuletzt haben allerlei Tanten ihr Glück an uns probiert. Wir hatten aber unsere Musik und gehörten zusammen, haben die Heimat mit uns getragen wie unseren kleinen Stutzflügel. Und wir beide waren immer etwas Ganzes miteinander. Ach, Sie glauben nicht, wie gut das alles war. Denken Sie, wir beide lebten ganz in Musik, alle unsere Pläne waren Musik, 290 gelernt haben wir sonst alle zwei nicht viel, ein bisserl Sprachen und was man so braucht. – Und dann wurde Sibyllens Stimme so wundervoll, da lag die ganze Welt uns offen. – Und dann plötzlich brach diese schreckliche Erkrankung des Herzens bei ihr aus. – Sie war immer schon krank gewesen ohne es zu wissen. Mein Klavierspiel hat nun keinen Sinn mehr und ihre Stimme ebensowenig und Sibylle sagt: etwas Sinnloses mit sich herumtragen ist schrecklich. – Wir haben heute miteinander gespielt, aber Sibyllen greift auch das an. Sie ist ganz verzweifelt hinaus in den Garten gegangen. Vor allem schadet ihr Erregung, aber wie kann ich sie davor schützen? Sonst haben wir soviel miteinander gelacht und haben kaum gespürt, daß wir beide heimatlos waren – und jetzt!‹ Tränen stiegen ihr in die Augen. ›Ich weiß mir gar nicht zu helfen – das sehen Sie daran,‹ sie lächelte schmerzlich, ›daß ich mich vor Ihnen so gehen lasse.‹

›Ja,‹ sagte Hermann, ›das finde ich ganz natürlich.‹ Er sprach so einfach und selbstverständlich über die Lage der beiden Mädchen, daß es der Kleinen heimisch zumute wurde. ›Ich habe Ihnen gesagt, daß ich ein Bauer bin und von Kunst nichts verstehe; das ist auch so; – wenn aber etwas im Leben zum 291 Schmerz wird, so nehme ich's ganz wie's ist und grüble nicht weiter. Dann versteh ich's auch, wie sollte ich nicht! Ich liebe auch Kunst, ganz gewiß, wie ich die Natur liebe, wenn sie so echt wie Natur ist; aber so oft habe ich den Verdacht, daß es mit ihr nicht so recht Ernst ist, daß die Leute so eine Art Gefühlsindustrie treiben, und dann langweilt sie mich. Nie wird mich der Kummer Ihrer Schwester langweilen.‹

In dem Augenblick, als Hermann dies ehrlich und energisch gesagt hatte, war Sibylle eingetreten, hatte offenbar die letzten Worte gehört. Sie trug eine rote, faltige Seidenbluse, sah in den Schultern breiter aus als sonst im zarten weißen Kleid. Ihr Kopf, ihre ganze Erscheinung, machte den Eindruck erregter Leidenschaftlichkeit.

›Wen langweil ich?‹ fragte sie herb. ›Dich, Maria?‹ Sie ging in leichten, elastischen Schritten durch den großen, uralten Raum. ›Wenn du dich langweilst, so geh doch! – Das kann ich dir sagen, mir kann kein Mensch helfen! – Niemand! – Ganz gleichgültig, wer da ist! Du bist viel zu gut für mich! Verschwendung!‹ Sie ging ans Klavier, griff ein paar Akkorde heftig und zornig. Maria stand wie ein armes Kind, dem ein schmerzliches Unrecht geschieht, ganz hilflos.

292 ›Sibylle,‹ sagte sie weich. Nicht vorwurfsvoll sprach sie den Namen aus, sondern fast ohne Ausdruck.

›Ja, ich weiß,‹ sagte Sibylle heftig, – ›ich bin schlecht. – Ich bin eine wahre Otter! – Ich weiß nicht – wir sind doch zu schlecht erzogen! Wer hat sich denn um uns gekümmert? – Kein Kuckuck.‹ Sie fiel vor dem Stuhl, der vor dem Flügel stand, in die Kniee und verbarg den Kopf in die Hände. ›Ich weiß, daß ich Maria langweile! Und Sie! – Ich finde es einfach verrückt vom Doktor, daß er Sie zu uns hergeschleppt hat! Ganz verrückt. – Was gehen wir Sie an? – Hätte uns jemand gesagt, daß solche Qualen wie mich die Menschen im Leben treffen können, das wäre gescheiter gewesen wie alles dumme Zeug!‹

Hermann trat Sibylle etwas näher. Sie hatte den tränenüberströmten Kopf wieder aufgerichtet. ›Der Doktor hat bei uns gesagt: wenn Sie Geduld haben würden, ging alles besser, als Sie glauben.‹

›Ah! Ja! – Krüppelei in der Kunst! – Wundervoll! Wo man so schon nur mit Fliegenkräften darangehen muß!‹ Wieder barg sie den Kopf in die Hände. ›Es sollen nur alle aufhören auf mich einzusprechen. Die einzig Vernünftige ist Maria! – Und ich bin so unliebenswürdig, so abscheulich – ganz gemein!‹ Sie sah kindlich hilflos zu den beiden 293 auf. In diesem Augenblick veränderte sich ihr Gesicht, eine gelbliche Blässe überzog es, die Züge bekamen etwas Verzerrtes, der ganze Körper war krampfhaft gepeinigt.

Hermann und Maria neigten sich über sie. Hermann hob sie auf und führte sie, sie halb tragend, zum Sofa. Se lag wie bewußtlos in seinen Armen. Er konnte sich nicht anders helfen, er mußte sich selbst so niederlassen, daß sie ganz an seiner Brust ruhte. Maria hatte ihr die Füße aufs Sofa gehoben. So fühlte er ein fremdes, zartes Leben. Das junge, blasse, leidenschaftliche Gesicht, die gequälte Gestalt, das große Seelenleid, das ihm so nah war und doch so fern, berührte ihn ganz wunderlich. Er staunte über die fremde Körperlichkeit, und daß er dieses Mädchen so geheimnisvoll lebendig empfand. Die Geschöpfe sehen ist anders als sie fühlen und empfinden. Ihr Haar hatte einen natürlichen, sanften Wohlgeruch. Ihr schmiegsamer Körper war so jugendleicht, ihr Gesicht, so erschien es ihm, duftete nach Pfirsich. Ein geheimnisvolles Von-ihr-wissen durchdrang ihn. Ihm erschien es, als kenne er sie inniger wie sonst irgend ein anderes Wesen. –

Bewegt legte er sie, als die Qualen ihres Körpers nachzulassen schienen, auf dem Sofa zurecht. Und 294 nicht lange währte es, so kam wieder leichteres Leben in das arme Geschöpf. Maria kniete vor ihr, streichelte ihr die Wangen, war so zart mit ihr wie eine arme, geängstigte Mutter mit ihrem Kind. Beide Schwestern gingen Hermann sehr zu Herzen, das sonnige, kinderhafte Mädchen in seiner Bedrücktheit erschien ihm unendlich rührend, und er dachte: hier soll mein Goldele wirklich helfen.

Als Sibylle sich von dem schweren Anfall ein wenig erholt hatte, ging Maria zur Wirtin hinunter, um das Abendessen zu bestellen. Der Tisch wurde gedeckt, und alle drei, wie drei gute Kinder, verzehrten ihr Abendbrot miteinander. Maria schnitt Sibyllen ein paar zarte Bissen, und Hermann brachte sie ihr, hielt ihr den Teller, kniete vor ihr und erlaubte nicht, daß sie sich aus ihrer liegenden Stellung aufrichtete. Maria meinte: ›Der Doktor hat recht, der sagte: wie ein guter Bruder würden Sie zu uns sein, und so ist's auch. Sie sind wie ein Verwandter. Mit Ihnen ist die große Rederei gar nicht nötig. Bei andern Leuten denkt man immer, man muß was sagen.‹

›Nein,‹ meinte Hermann, ›wenn uns gerade nichts einfällt, wollen wir uns nicht plagen. Heute erzählte mir Friedels Mutter, daß er gesagt hat, die Blumen haben die größten Seelen, weil sie nie sprechen und 295 nie schimpfen. Ich finde, auch die Menschen sprechen viel zu viel. Jeder will immer sagen: siehst du, so bin ich, und der andere will's gar nicht wissen. Ich weiß, ich habe manche Freunde gewonnen, weil ich zuhören kann, ich höre gern zu, weil ich ganz ruhig in mir selbst bin. Ich will nichts leidenschaftlich und finde mein Urteil durchaus nicht sehr wichtig. Ich bin auch überzeugt, daß wir alle gar nichts besonders tief verstehen, außer uns selbst manchmal.‹

›Ach,‹ sagte Sibylle leise, ›und wir! Ich bin das Gegenteil davon, ich bin nicht ruhig, gar nicht.‹

›Ich kann mir's denken,‹ sagte Hermann.

›Nein, niemand kann sich das denken,‹ flüsterte sie heftig. ›Zu singen wie noch niemand auf Erden sang! – Sonst würd ich es nicht wollen.‹

›Nun, und dann?‹ fragte Hermann. ›Wollen Sie die Menschen damit glücklich oder neidisch machen? Sie wollen sich größer machen als alle. Mich würde das nicht verlocken, aber ich kann mir's denken, daß es Sie verlockt.‹

›Das ist viel tiefer,‹ sagte Sibylle, ›ich wollte – ganz zu Musik werden, ganz ohne Körper, ganz, ganz . . .‹

Hermann blickte sie still an. Nach einer Weile sagte er: ›Ich verstehe Sie doch.‹ Das sagte er 296 einfach und ehrlich, mit voller Gewichtigkeit dieses: ich verstehe Sie doch. Das kranke Mädchen spürte die große Wahrhaftigkeit seiner Natur. Ja, er schien sie verstanden zu haben, und das tat ihr wohl. Sie war aus der Einsamkeit ihres Schmerzes für den Augenblick erlöst. Als hätte ihr dies Mut gegeben, bat sie: ›Maria, spiel etwas.‹

›So spät am Abend, Sibylle?‹

›Ich sehne mich nach Musik.‹ Die Stimme der Kranken war von rührender Zartheit.

Maria spielte, und Hermann verwunderte sich über die große Kunst des wunderschönen Kindes. Sibylle hörte mit tiefen, heißen Augen zu. Hermann blickte sie mit Bewunderung an. Sie trug für ihn ein Leid wie aus einer anderen Welt. Mitleid berührte ihn mächtig, die seherische Kraft seiner Mutter, das Mitleiden; und seine Sinne empfanden noch den Duft des dunklen Haars und den Duft des jungen Gesichts, die ungeahnte Körperlichkeit des fremden Geschöpfes.

Bewegt ging er spät dem Haus zur Flamm' wieder zu. Er fand seine Mutter allein im Salon nach dem Abschied von Onkel Bernus. Hermann empfand, daß sie nicht ruhig war, und so kam es, daß er vor ihrem Stuhl niederkniete und seinen Kopf auf ihre Schulter legte und wortlos so bei ihr 297 blieb. Sie kannten einander. Keins störte das andre. In diesen stummen Augenblicken fühlten sie ihre Zusammengehörigkeit, ihre grenzenlose Wahrheit zueinander wie mit heiligem Schauer.

›Nicht wahr, Goldele,‹ sagte er nach langem Schweigen. ›Ich bleib deine Ewigkeit? – – – Und wie geht's dem Sommertag?‹

Marianne lächelte und preßte ihren großen Bub an sich. – ›Der Sommertag, mein Liebling, ist ein schöner, warmer, sonniger Sommertag.‹ Ihre Stimme klang so weich.

›Sonst wär's keiner, Goldele.‹

›Gönnst du mir's, Bub? – Ist kein Gedanke in dir, der dich quält?‹

›Keiner.‹ Er wühlte sich mit seinem Kopfe in ihre Schulter ein, wie er als Kind schon immer getan hatte, wenn er ihr nah sein wollte; dann erzählte er ihr, daß der Doktor sie hinunter in den Winkelhof hatte haben wollen und daß er wieder statt ihrer gegangen war –.

›Nun, und was konntest du dort tun?‹ fragte Marianne.

›Nichts. Wir haben geplaudert, und ich habe die kranke Schwester in meinen Armen gehalten, als sie so etwas wie ohnmächtig war.‹

298 ›Du?‹ ›Ja.‹ ›War's keine eklige Person, keine Laus? oder wie es dir beliebt dich auszudrücken?‹ ›Nein, Mutterle.‹ ›Da müssen sie ja etwas sehr Merkwürdiges sein.‹ ›Sind sie auch. Du mußt zu ihnen gehn. Eigentlich sollten wir sie hier heraufnehmen. Ich glaube, daß sie es verdienen. Sie sind sehr verlassen.‹ ›So,‹ meinte Marianne, ›ich werde gewiß zu ihnen gehn. Du, Baumgarten hat heut mit mir über dich gesprochen. Er wundert sich, daß du Archäologie studierst.‹

›Komischer Herr, was soll ich denn studieren? – Und bleib ich dabei? – Und wenn ich blieb, Mutterle, doch einzig nur, weil ich hoff damit kein Unheil anzurichten. – Die Vergangenheit ist schmerzlos, und Recht und Unrecht kommt nicht zur Sprache, und die Verantwortung gegen Steine etwa drückt nicht. Wenn einer das Glück hat, kann er in der Erde wühlen wie Friedel. Und es gibt zu ordnen, zu kasteln und zu schnuppern. Richter, wie der Sommertag, werd ich nicht, fiel mir ein – selbstverständlich nicht. Die Harmlosigkeit vom Sommertag, die er so schön hatte, hätte ich nie, Goldele. Zum Narren würd ich auch als Arzt. Ich würde immer von der Pein der Verantwortung verfolgt. Ich guckte einem in den Hals, weshalb nicht? – Dann ließ ich aber natürlich noch einen gucken – 299 und noch einen – und den Bezirksarzt. – Eine Autorität her.‹ Hermann streichelte Marianne, ›ja, Goldele,‹ sagte er, ›tröst dich nur, es muß auch noch eine andere Autoritär her! – denn was sind eigentlich Autoritäten? – Und noch eine! und so weiter – und noch eine! Beim ersten Fall würd ich bis auf den letzten Pfennig verarmen, und wenn ein Patient zugrunde ginge, käm ich um den Verstand und lieferte mich, der Sicherheit wegen, auf alle Fälle selbst im Zuchthaus ab, denn alle Wege auf Erden sind sehr dunkel, nicht wahr, da sind wir doch einer Meinung, Goldele. – Theologie – da käm ich in die Taubstummenanstalt! – Philologie, zu ledern. Und Philologie zum Zweck der Schulschinderei – einfach Narr! – Obernarr! Ins Mittelalter gehören die Hexenprozesse, und Seuchen, Flagellanten, Autodafés. Wir haben die Schule!

›Kunstgeschichtsprofessor nicht übel, Professor aller Ringelspiele und Hollerbuschspiele und aller Haschemannspiele und Versteckspiele auf dieser Erde. – Ja meinetwegen. Siehst du, ich habe keinen Ehrgeiz. – All die Dichter und Denker, die ich bei uns sah, was waren's für kleinliche Herren – in ihrem Jagen nach Ruhm. – Niemanden haben sie erfreut, sich selber nicht – weißt du, Mutter, du hast mich 300 auf einem Berg erzogen, da sieht alles im Tal so klein aus.‹

›Bub,‹ sagte Marianne, ›meiner weltlichen Muttereitelkeit wirst du nicht viel Futter geben, fürcht ich.‹

›Goldele,‹ sagte er ernst und zärtlich, nahm ihren Kopf zwischen beide Hände und sah sie innigst an: ›meiner weltlichen Sohneseitelkeit,‹ wiederholte er sie, ›wirst du auch nicht viel Futter geben, fürcht ich. – Oder du glaubst wohl, daß der Sommertag gerade aus Keiche Nr. 3 kommt, ist ganz besonders mein Fall? – Mach dir aber keine Sorge. Bei uns ist alles ganz gleich. Gelt, wir kennen einander? – Bei uns braucht's kein Geschwätz? Und wenn ich schließlich nichts als Bauer werde –, seid ihr Keichenleute Nr. 3 auch einverstanden?‹^

›Wenn dich's glücklich macht, gewiß, Bub. Gute Nacht.‹

 


 

An einem Abend saßen Marianne und Baumgarten miteinander im niederen großen Zimmer unter der Benareslampe. Zenzi, die Köchin, hatte den Tee hereingebracht. Die Stimmung war von großem, tiefem 301 Glück belebt. Sie hatten geplaudert, wie die Menschen plaudern, die sich unendlich viel zu sagen haben, die auch die Vergangenheit eins dem andern gegenwärtig machen möchten. Sie wollen auch die Vergangenheit nicht getrennt vom geliebten Menschen erlebt haben. Jonathan Baumgarten hatte ihr aus der Keichenzeit die wunderlichsten, herrlichsten Geschichten erzählt, und jetzt sagte er mit unerschütterlichem Ernste, als die kostbare Köchin schlampig verträumt, als ginge sie sich selbst nichts an, zur Türe hinausgegangen war: ›Eine große, große Königin ist deine Zenzi – meinetwegen ist sie Kleopatra, weil diese süße Frau zufällig am Nagel der Geschichte hängen blieb und mir keine andere einfällt. Sie ist's – oder sie ist's nicht –. Königin aber ist sie, – war sie, – bleibt sie! – Und ich werde ihr meine tiefste Ehrfurcht beweisen. – Sag selbst, wenn ich sie grüße, kann man eine Königin ehrfürchtiger grüßen?‹

›Nein,‹ sagte Marianne scherzend. ›Du bist tadellos.‹

›Selbstverständlich,‹ sagte er, ›denn ich war so gut wie dabei – als ihre Majestät nach jahrtausendlangem Todesschlaf und Träumerei von eigner Herrlichkeit, – Süßigkeit, – Schönheit, eigener anbetungswerter Lasterhaftigkeit, – Genäschigkeit, herrschsüchtiger 302 Verliebtheit, – gebirgshoher Eitelkeit, – Skrupellosigkeit, – Miserabligkeit und den Bemühungen aller Art ihren Lebenshunger zu stillen, gegen den Napoleons Gier ein Kindchen ist, – – erwachte. – Alles Traumöl war aufgebraucht. Sie erwachte aus Frühstückshunger nach den geliebten Sünden unserer schönen Erde. Es packte sie Verschmachten, Sehnsucht, Unverstand sondergleichen, Schöpferkraft sondergleichen, was dasselbe ist – – und eh sie sich's versah – in zeitloser Kürze oder Länge, wurde ihre Seele wiedergeboren von einer armen, lumpigen Dirne. – Ein ungewollter, mürrisch begrüßter Wurm; – ein Zuviel auf Erden – ein wüstes Bündel unbewußten Jammers. – Da hatte sie's, die süße Königin! – Hätte sie sparsamer geträumt! Wer weiß, ob ihr Traumöl nicht Jahrtausende noch ausgereicht hätte. Aber sie war eine Traumschlemmerin. Es ist natürlich alles dasselbe: – ob der Asket gierig dem Leben entsagt, oder die traumsüchtige, verlangenssüchtige süße Königin sich ins Leben wieder einschmuggelt. Sie wollen alle dasselbe – nämlich: alles. – Sie wollen zum All – zum All! zum All! – Und machen ihre Sprünge und Dummheiten – und so saß nun die zärtlich verträumte Königin im Schmutz, im Schlamm des Lebens, ganz unten im Trichter, wo die sitzen, 303 die der Lebenswirbel hinunterdrückt. Natürlich hatte sie nicht anders gemeint, als sie fiele wieder auf einen Thron. – Selbstverständlich. – Aber die Throne jetzt, – das ist eine ganz andere Sache als die ägyptischen zu ihrer Zeit. Und wer weiß, ob unten im Trichter jetzt nicht gewissermaßen mehr Möglichkeiten vorhanden sind, um sich zu amüsieren als gerade auf einem Thron. Und müssen es denn undenkbar wertvolle Perlen sein? Müssen es denn Völker sein und Fürsten? und Gewänder von ausgesuchtem Raffinement? – Tut's nicht auch ein rotes Bändchen? Tut's nicht auch eine bunte Bohne, tun's nicht auch ein paar schmutzige Lausbuben? – Es ist nämlich wirklich alles dasselbe. Und ich kann versichern, daß die süße Königin gar nicht bemerkte, was mit ihr vorgegangen war. Sie saß gerade so königlich prinzeßlich im beißenden Schmutz des letzten Hinterhofes, wie sie als Prinzessin in den Raffinements einer vergessenen Kultur gesessen hatte – gerade so, und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Sie war ein richtiges kleines Schwein und amüsierte sich – und besaß allerlei Kostbarkeiten – und beherrschte eine Schar dreckiger Buben, die ihr dienten und eine Macht spürten, der sie sich unterwarfen. Und was wollte sie mehr? Hatte sie je etwas anderes gehabt? 304 Sie wollte dasselbe, was sie besessen, wieder haben, ihre Herrlichkeiten weiter fortspinnen – und sie spann sie weiter. Ihre heißen Wünsche wurden erfüllt. – Sie war wie ein Kätzchen. Sie schlief und schnurrte in jeder Ecke vortrefflich, und ihr guter Appetit schuf ihr Leckerbissen aller Art. Behende stahl sie auch aus den Körben der Hökerweiber ihrer Untertanen – lachenden Herzens – und so unbedacht wie einst. Es war alles gar nicht schlecht. Und dann kam die große Zeit, in der sie Funken schlagen konnte, in der sie Flammen schüren konnte, in der ein Zwinkern ihrer Augen einen Sklaven machte, in der sie Herzen brennen lassen konnte. Ein Ausgang abends, in der Dämmerung, mit einem Bändchen geschmückt, mit den Röcken geschwippt, mit den Augen geblinkt, – auf Raubzugswegen, nach Katzenart. – Sklaven! Sklaven! – Sklaven!

›Sie war ein Leckerbissen für viele! Gottlob nicht ganz was Besonderes für wenige. Wo wäre da ihr Königreich geblieben! Nein, das Schwammliche, Zartfettliche, Schlangliche, Schlickrige, – das war das Rechte! Das Zwinkern und Blinkern, die Blickchen – und was es da alles gab! Nicht zu sagen, wie gut das alles war.

›Es ging alles ausgezeichnet, ganz vortrefflich. Sie 305 hatte sich fast mehr als Königin anstrengen müssen – ja, wirklich viel mehr. Gott weiß, wie es kam, sie wurde Dienstmädel. Sie ging in Stellung. Die alte Kultur ihrer Seele half da, half dort. Nein, eine Barbarin, eine Wilde, wie das Dienstmädchen im allgemeinen ist, war sie gewiß nicht. Es ging! Aber wie! Sie wurde zum wirklichen Kochgenie. Eine verträumte Frau freute sich über den Wohlgeschmack der Speisen, über das schnelle Begreifen und schaute nicht hin und schaute nicht her. – Was die süße Königin kochte, schmeckte nach Sonne, schmeckte nach Glückseligkeiten, schmeckte nach Reichtümern – schmeckte nach geheimnisvoll versunkenen Kulturen. Ihre genußsüchtige Seele steckte ihr bis in den Fingerspitzen. Sonderbar werden die Talente geboren. Es sind oft Erinnerungen vergangener Verlangen und Seligkeiten, oft heiße, versunkene Sehnsüchte, und das Kochgenie der süßen Königin war solcher Art. – Sie hatte für die Hausfrauen etwas Betäubendes, etwas Einschläferndes. Sie ließen zunächst alles gehen, wie es ging – denn sie imponierte ihnen. Sie kochte sich frei – sie kochte sich unsichtbar, wann es ihr beliebte unsichtbar zu werden, – sie kochte sich in die Erfüllung all ihrer Bequemlichkeiten und Schlampereien hinein. Abends stieg sie aus ihren Kleidern. An der Türe begann 306 sie: da fiel das Kleid von ihr ab, und sie stieg heraus wie aus einem zusammengefallenen Luftballon und ließ es liegen: – für die erste Kammerfrau ihrer Majestät. Dann stieg sie gerade so aus dem Rock und ließ ihn liegen: – für die zweite Kammerfrau ihrer Majestät. Dann stieg sie aus dem zweiten und dritten Rock: – für die dritte und vierte Kammerfrau ihrer Majestät. Und so fort in alle Ewigkeit, bis sie an ihr Bett gelangt war und in königlichen Schlummer verfiel. Die Hausfrauen, die die Ehre hatten, daß die süße Königin ihnen ihre Speisen kochte, sahen und hörten also nicht durch ihren Zauber. Sie trug die Strümpfe der einen und lief sie ab, bis sie keine Sohlen mehr hatten. Sie schlupfte in die Schuhe, ins Hemd der guten Frau, sie kämmte sich mit deren Kamm. Sie machte sich duftend mit den sorgsam behüteten Wohlgerüchen. Sie schlupfte in alles, in was sie schlupfen konnte, war Herrin von allem, was sie fand. Sie nahm alles, gebrauchte alles, verschenkte alles, die Zigarren des Herrn, und war im Weinkeller wohl bewandert. Der jüngste Sohn des Hauses schrieb mit Kreide an ihre Zimmertür: ›Hier wohnt das Lutter‹. Der älteste Sohn, der in den Ferien nach Hause kaum, schrieb an die Küchentür: ›Gott segne unsere Schweinewirtschaft‹. Das machte 307 alles nichts. Sie betäubte mit der uralten Kochkunst ihrer uralten Seele, die das Verlangen der Welt in sich trug.‹

›Wo, um Himmels willen, hast du all den Unsinn her?‹ fragte Marianne lachend.

›Aus Brenning,‹ sagte Baumgarten ganz unbeirrt. ›Dort wurde die Geschichte der süßen Königin, die mit Schlangenbiß in Ägypten endete, fortgesponnen. Sie geht auch noch weiter, wenn du hören willst? – Bei Brenning steht ein abgelegenes Wirtshaus am See. – Ein Wirtshaus vergessen von der Welt. Ein paar Käuze wissen davon, die dort sich ihre Sommerfrische erhocken. Um das Wirtshaus steht vertrauensvoll eine Handvoll Häuslein, die schauen mit ihren schiefen Fenstern mit verlangendem, ja, ganz deutlich verschmitztem Ausdruck auf ihren soliden Halt, das alte Wirtshaus mit dem Schilde. So schauen keine kleinen, braven Häuser auf ihr Kirchlein. Vor dem Wirtshaus steht ein langer Tisch, da sitzen die Bauern, jahraus jahrein, so bald sich's im Freien sitzen läßt – und schwätzen; die Bauern aus den kleinen, verschmitzten Häusern. Steht die liebe Sonne am Himmel, wärmen sie sich an der Hausmauer entlang sitzend wie die Hühner, und gackern und krähen und hocken und hocken, sehen nichts von der Welt, und der 308 Faden ihres Gebrummels geht ihnen nie aus. Etwas Ähnliches wie einen Gedanken haben sie nie gehabt. – Merkwürdige Leute. Schöne, stattliche Gestalten, zumeist Rotbärte und immer bester Laune. Im Herbst läßt der See seine Nebel gewaltig steigen. Fahles Schilf, das sie am Seeufer geerntet, liegt in Massen auf der moorigen Wiese. Die Hühner kratzen im Schilf herum. Mächtige Kirschbäume auf den nassen Wiesen leuchten wie aus lauter Rubinen gemacht, und die Nebel steigen – steigen, und die Bauern schwatzen, – schwatzen, brummeln in der dumpfen Wirtsstube. Im Winter graben sie sich durch den gewaltigen Schnee Gänge; jeder von seinem Hause aus zu ihrem Allerheiligsten und schwatzen und schwatzen und schwatzen Wintertag und Winternacht hindurch. Dann ist der weltvergeßne Winkel ganz vergessen, und niemand weiß von diesem Bauernparadies. Und die Bauern brummeln, saufen langsam und sparsam. Sie kommen ungewaschen. An ihren Bärten kann man sehen, auf welcher Seite sie nachts gelegen haben. Samstag abends aber, zu jeder Jahreszeit, da haben sie Feierabend, wohl ersessenen, ertrunkenen Feierabend. Da werden die Lachsalven brüllend, da schlagen sie mit den Fäusten auf den Tisch. Da begnügen sie sich nicht wie an den Werktagen mit Grunzen und 309 Brummen, das an das liebe Vieh bei Stallfütterung erinnert – Samstag abend sind sie auf der Weide. Die Weiber finden sich auch ein. Sie huschen aus den grauen Hütten, so wie die Unberechtigten kommen, die nicht recht wissen, ob es schon an der Zeit ist. Ein Lauschen an den Fenstern, ein Kichern, ein Schubsen. Die Kecksten schleichen ein. Das Weibsvolk ist die schwache Seite hier. Ältlich schon die Jungen. Wie kommen diese prächtigen Männer zu solchen armseligen Weibern? Die vielen, vielen Kindlein der köstlichen Väter, die Kindlein die vielen, die auf den moorigen Wiesen wie die Frösche leben, – und die schwere Arbeit in Haus und Stall. Die fröhlichen Eheherren werfen lange, lange Schatten, in diesem Schatten leben die Weibsen. Und schanzen und scharwerken und haben ihre liebe Not mit Vieh und Haus und Kind. Zum Schuhplattln aber müssen sie Samstags kommen, da sind sie notwendig.

›Und zu den Rotbärten mit den Adlerblicken da fand die süße Königin den Weg, der schluzige Leckerbissen, die uralte Seele, die aus uralten versunkenen Kulturen aufgetaucht war, das zart fettliche Bleichgesicht. Mit einer ihrer verträumten, betäubten Hausfrauen war sie da. Irgend eine verspätete Sommerfamilie.

›Und sie tanzte in den Strümpfen der guten 310 Frau, und wenn sie ohne Sohlen waren, warf sie die Strümpfe in den See und nahm andere, kochte für ihre Sommerfrischkäuze und schlampte und kochte sich frei und kochte sich unsichtbar, daß es eine Lust war. Es schmeckte nach Sonne, nach Glückseligkeiten, nach süßen Träumen, was sie kochte. Und alles geschah, wie es ihr bequem war. Sie tat, was sie wollte. Es dudelte und sang und dudelte und sang ihr zu Ehren, Tag und Nacht. Da war kein Rotbart, der nicht ihr Sklave wurde, und kein Weib, das sie nicht haßte. Sie sog Kraft aus dem Erdenleben, ihre Seele verwuchs damit, grub sich ganz darin ein wie ein Maulwurf.

›Erdenwohl war's ihr.

›So hatte sie als Königin nicht getanzt, so hatte sie nicht geliebt, so war sie nicht geliebt, – so hatte man nicht geschrieen, so war nicht gebrüllt, – so nicht gepufft und nicht gekost. – Solch ein Hexensabbat! Was wußte sie von der süßen Königin, die sie selbst war! aber Befriedigung fühlte sie bis in ihre uralte Seele hinein – und streckte sich und reckte sich – und fand es der Mühe wert zu leben – und lachte hell auf, ihr königliches Lachen, wenn sie einen besoffenen Bauern einfach zum niederen Fenster hinauswarfen, daß der unten dumpf aufschlug und weiter 311 schnarchend drunten liegen blieb. Sie hielt tapfer, lebendig aus bis in die Früh, lebendig bis in die Fingerspitzen, und ruhte in den Armen irgend eines Rotbarts. Draußen auf der moorigen Wiese schnarchten die Bauern, die sich nicht mehr heimfinden konnten, in den weißen Nebel hinein, sie lagen im nassen Moor auf dem feuchten Schilf, das hier zum Trocknen gebreitet war, lagen unter den roten Kirschbäumen, und die Blätter fielen wie Blutstropfen auf sie herab. –

›Wie kommst du eigentlich mit ihr aus?‹ fragte Baumgarten.

›Ach, ganz vorzüglich,‹ sagte Marianne.

›Sie lernt bei mir das Zeremoniell aufs neue, – und macht es gar nicht schlecht, was schließlich von der Königin Kleopatra nicht zu verwundern ist. Wie du das schilderst – man fühlt, daß du das Sündennest mit lächelndem Interesse erforschtest. Gab's denn da keine besseren Regungen?‹

›Da war kein Ansatz zur Kultur,‹ meinte Baumgarten, ›aber ich verlasse mich auf die Natur, aus den in diesem Sumpfe aufgesparten Kräften wird schon einmal eine große Kraft aufwachsen.‹ 312

 


 

Wieder in einer Dämmerstunde gingen Marianne und Baumgarten vor dem Hause auf und nieder in der heiteren Stimmung, die sie einander brachten.

›Du,‹ sagte sie, ›aber der erste kalte Ton, er wird ja kommen – aber erschrick dann nicht, wenn ich darüber herfahre wie der Falke über eine Maus. Da wirst du mich erst kennen lernen als einen Dämon, als ein Ungewitter mit Hagel und Blitz.‹

›Ja,‹ sagte Baumgarten, ›das sollst du auch, – so will ich dich kennen lernen. Majestätsbeleidigung – Majestätsbeleidigung der Liebe.‹ –

›Ja,‹ – sagte Marianne, ›aus den unbeachteten Worten spinnt sich die große, kühle Atmosphäre, in der die Menschen einander Feinde werden. So ein grobes Wort ist wie ein Windstoß, der eine Geheimtür im Herzen zuschlägt, die sich nicht mehr öffnet; die muß dann aufgeschmolzen werden.

›Jeden Kohlkopf begießen sie, verpflanzen sie, suchen ihm die Raupen ab, nähren ihn, pflegen ihn, und auf dem Wunder Liebe trampeln sie herum und wundern sich, wenn's nicht wächst. Wenn's vergeht, vergeht's, – es ist da zum Vergehen – und wenn's zum Krüppel wird, sie merken's gar nicht. Weißt du, wenn du einmal zu einem Dritten sagst: Ehe? Ja wohl, 313 heiraten – nur das nicht! Nur nicht heiraten! – Die meisten Männer sagen so – und wir haben eine Ehe miteinander, so sei versichert, keine Stunde bleib ich mit dir zusammen. Du wirst nie spüren, daß mein Bub und ich je ein unlebendiges Wort miteinander reden. Wir sind immer bewußt in der Liebe, und das ist kein Geschenk, was uns beiden vom Himmel fiel. O, nein, wir haben aus unserer Liebe eine wundervolle Kunst geschaffen. Wir sind beide verwöhnt durch unsere Kunst einander zu lieben. Die Ehen sind so fürchterlich, weil die Menschen die Gewohnheit nicht ertragen können. Je näher sie sich kommen, je weniger sehen sie einander. – Zuletzt leben sie in großer, großer Dunkelheit, – tauchen nur manchmal voreinander auf, bei einer Gelegenheit, wo fremdes Licht auf sie fällt – oder wenn Angst und Zorn sie ins Feuer bringt. Dann denkt der, der den andern aufleuchten sieht: was ist das? Ist es das Feuer der Liebe, denkt er erstaunt: Welch ein herrliches Geschöpf lebt neben mir, das wußt ich gar nicht. Ist es Zorn, denken sie: welcher Teufel, welche Bestie! Sie sehen nur die glühenden Momente, für die stillen, sanften langen Zeiten, die hin und wieder einen leuchtenden Gipfel tragen, sind die Sinne zu stumpf geworden. Ich aber bin ein Mensch, der getrunken 314 sein will,‹ sagte sie leise, ›langsam, mit Bewußtsein getrunken.‹

›Du bist,‹ sagte Baumgarten, ›wie schwerer Wein.‹ ›Nein,‹ meinte sie, ›ein gutes, frisches Quellwasser – und nur an hohen Feiertagen wie schwerer, süßer Wein. Ich will alles hell haben, nicht nur die höchsten Gipfel, auch die Ebenen und die tiefsten Täler. Ich will Tag in der Liebe, bis ins innerste Herz Tag und Wissen, solch hellen Tag, wie Hermann und ich ihn haben.‹

›Den sollst du haben,‹ sagte Baumgarten, ›schüttle mich, würg mich! wenn ich auch nur die Ohrenspitze vom groben Esel bekomme; nur lauf mir nicht fort, lauf mir nicht fort! mein freies Stück Erde du.‹

 


 

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