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Das Haus zur Flamm'

Helene Böhlau: Das Haus zur Flamm' - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDas Haus zur Flamm'
authorHelene Böhlau
year1907
firstpub1907
publisherEgon Fleischel
addressBerlin
titleDas Haus zur Flamm'
pages373
created20140310
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Während Hermann unten im Städtchen Baumgarten heimgesucht hatte und neue Menschen in sein Leben traten, war oben im Berghaus warme Sonnenstille. Jeder tat, was ihm recht und gut schien. Niemand störte den andern. Marianne saß unter den Kirschbäumen vor dem Haus. Sie hatte ihre Schreibmappe vor sich liegen, und das Tintenzeug stand bereit. Sie hatte vorgehabt, einige Briefe zu schreiben; die Menschen aber, an die sie schreiben wollte, standen ihr heute fremd und fern vor der Seele. Sie hatten mit ihr in dieser Stunde nichts gemein. – Ihr ganzes Wesen war bewegt und erfüllt – und so kam es, 245 daß sie die Bogen bald achtlos liegen ließ und hinaus in die Weite blickte und in ihre eigene Seele. Was sie in sich fühlte, war alles so gut, so in wundervollster Harmonie. Wie ein Sommertag aufsteigt, war die Liebe zu Baumgarten in ihr erwacht, klar, wolkenlos, von Sonne und Leben durchdrungen.

Sie lächelte darüber, daß ihr die Liebe zu diesem Menschen so ›wolkenlos‹ erschien, die für jeden andern verhängnisvoll und dunkel sein mußte; daß er für sie so einwandfrei war, stimmte sie sonnigheiter. – Wie gut ihr Leben, wie gut ihr Denken und Wissen, daß sie so empfinden konnte. Was unüberwindlich schien, war für sie gar nicht vorhanden. Sie dachte an eine tiefsinnige Geschichte: Durch die Höllenpforte gingen abgeschiedene selige Geister zu einem Fest in der Hölle, zu dem sie aus allen Himmelsgegenden geladen waren. Ein Sterblicher sah sie durch die festverschlossne, gewaltige, erzne Pforte eintreten, unbehindert, ohne daß dieselbe vor ihnen geöffnet wurde. Und er fragte bescheiden, weshalb sie die Pforte nicht zu öffnen brauchten. ›Weil wir nicht an sie glauben,‹ bekam er zur Antwort.

Und so ging es Marianne zu ihrer tief innerlichen Freude, sie glaubte an die menschengeschaffenen verschlossenen Türen und Mauern längst nicht 246 mehr und ging durch sie hindurch, ohne sie zu spüren.

›Welche Freiheit!‹ dachte sie.

Ihr Blut floß leicht. Sie fühlte sich so froh. ›Wie gut, daß ich auf meinem Berggipfel sitze, im lieben, frischen Wind.‹

Und sie sah das Städtchen und den Fluß und das Bahnräupchen tief unter sich liegen – und in der Weite und Ferne im Licht schwimmende Bergzüge und weiße Schneegipfel – und die weißen Wolkenwelten schwammen im Blau. – ›Und Hermann geht mit mir!‹ dachte sie weiter. ›Als ich so alt war wie er, war ich nicht so reif. Wer hat mir aber auch geholfen? Es ist doch die große Wahrheit zwischen mir und dem Bub, die ihn leichter leben läßt, auch wenn er's schwer gezahlt hat, denn er sah nicht lange unbefangen ins Leben. Aber nun – nun steht er doch vor einem reicheren Blick und braucht sich von der Enge nicht erschrecken zu lassen. – Wie es kam, ist's recht – denn es kam alles natürlich.‹

Mariannens Stimmung war weit und gut, wie ein bequemes Gewand, das nirgends drückt und quält. Die Gedanken bewegten sich frei wie fliegende Vögel. Sie wurden wie von warmer, sonniger Luft getragen. Über die Dinge dieser Welt hinfliegen ist schön und 247 über vergangenes, überwundenes Leid. – Schön und tief verheißend wie reines, ernstes Glück schaut's aus fernen Zeiten, wenn wir rein daraus hervorgingen. Ohne Sehnsucht ist diese Leidensschau und ohne Verlangen, ruhiger und friedvoller wie Glückserinnerung und ohne Schmerz. Sie dachte an das kommende Jahr, daß sie es zum ersten Male in Liebe genießen würde – selbst liebend, zum ersten Male voll lebend. –

Sie sah den Sommer nahen, den heißgeliebten Sommer, in dem ihr Leben sich von jeher in Freude zusammenfaßte. Der Sommer war ihr immer wie ein heiliges, geheimnisvolles Fest erschienen, das sie mitbegehen durfte. Des Sommers wegen hätte sie tausend Jahr alt werden mögen. – Im Sommer war sie ohne jede äußere Freudenursache unendlich beglückt –, ein seliger Mensch. Ja, in ihrem Abendgebete dankte sie oft für den Sommer, erbat ihn schön und sonnig und rosenreich und bat um Stärkung, wenn es zu herbsteln begann, bat um Abwehr schwerer Gedanken um diese Zeit.

Aber ihre Seele flog über alle Jahreszeiten hin und versenkte sich in sie zum ersten Male liebend. Und so kam es, daß sie den Bleistift ergriff und ihr Gesehenes und Gefühltes niederschrieb, in einer Form, die ihr wohltat.

248 So wandelte die sommerliche Frau durchs ganze Jahr – und überlas ihren Zeiten- und Jahrestraum mit halblauter Stimme. Nein, im Gebet:

          ›Januar.Von Anna Spier.

Der erste Monat im Jahr: –
Bestell' das Feld deiner Saaten,
Nun mach dein Gelübde wahr,
Der Segen erblüht aus Taten.

          Februar.

Noch treibt kein Halm und kein Baum,
Du zweifelst, ob es je kommet –
Halte fest deinen Frühlingstraum
Und glaube, daß Wonnen frommet.

          März.

Das fromme Warten, der März
Entfacht es mit Hoffnungsflammen!
Schafft nur mit Händen und Herz
Und haltet die Kraft zusammen.

          April.

Mit Wind und mit Wetterzorn
Erschreckt auch die Mutter Erde;
In ihrem mächtigen Born
Schafft sie am herrlichsten Werde. 249

          Mai.

Und alles Hoffen wird grün,
Die Welt strahlt im Maienglanze,
Die Liebeswunder erblühn,
Die Träume wandern im Tanze.

          Juni.

Die Frucht reift, Rosen am Hag,
Der Tätige ruht beglücket.
Ein Fest jeder neu Tag,
Auch Donner und Blitz entzücket.

          Juli.

Schön lebt sich's im Sonnenschein,
So schön wie im Paradiese!
Glückliches Herz, schlaf nicht ein,
Wisse den Kampf und – genieße!

          August.

Die Sonne steht hoch, sie brennt,
Die Julifreuden ermatten!
Trag stark, was das Schicksal trennt,
Und suche Frieden im Schatten.

          September.

Wehmütig gehst du umher,
Da lockt dich der sonnge Garten. –
Herbstfreuden tragen sich schwer,
Schwer ist es, in Sehnsucht warten! 250

          Oktober.

Die Sommerfreude schläft ein,
Schwer ist's, dem Moste entsagen.
Ernte Erinnerungswein,
Er wärmt dich in Wintertagen.

          November.

Sieh vorwärts und sieh zurück!
Höre das Alte, das Neue,
Baue dein Zukunftsglück,
Halte deiner Seele die Treue!

          Dezember.

So hat du den Liebeslohn
Dem Jahre dir abgewonnen
Und darfst an der Hoffnung Thron
Silvester die Seele sonnen.‹

Hermann kam, als sie noch nachträumend saß. ›Wo kommst du her?‹

›Baumgarten läßt dich grüßen, er muß heut Holz spalten; aber kommt doch ein wenig herauf. – Du, wenn du mein Goldele nicht wärst und ich nicht dein Bub, was täten wir jetzt?‹

Er erzählte vom Doktor und den zwei schönen Schwestern im Winkelhof. ›Du solltest hin, aber ich bin dem Doktor in den Weg gelaufen, da hat er mich erwischt. Die Jüngere,‹ sagte Hermann, ›ist wie 251 Friedel und du. Sie gehört zu den herrlichen Geschöpfen. Die andere ist krank und etwas schleierhaft, weißt du.‹ Marianne wußte schon, was er mit ›schleierhaft‹ meinte. Sie fragte nach Baumgarten und weshalb Hermann ihn in aller Himmelsfrühe aufgesucht habe.

›Zum Guten, Liebling.‹

›Mein Bub!‹

›Sag, was machen eigentlich unsere Erschossenen, Goldele?‹

›Die sitzen miteinander am offenen Fenster. Wir haben den kleinen Baron in den Lehnstuhl gesetzt, Frau Hortensie unterhält ihn. Ich habe an den unglücklichen Ehemann geschrieben, das weißt du.‹

›Nein. Heute?‹

›Schon vorgestern.‹

›So, – na! Da wird er bald da sein! Beneid ich dich nicht, – den wirst du rumkriegen müssen, wegen der dummen Kiste – ich danke!‹

Marianne war über diesen Ausdruck ärgerlich.

›Ach was, Goldele, das gehört sich so. Das mußt du dir gefallen lassen.‹

›Ich laß mir gar nichts von dir gefallen, was mir nicht gefällt.‹

Dann sagte er lachend: ›Also nicht Kiste, Familienwirren. Wie du an Worten hängst!‹

252 ›Wie ihr an Körpern hängt! Mir sind Worte, was euch Körper sind – mehr wie Körper – lauter Schöpfer. Und wenn schon einer so alte abgetragene Redensarten führt, denke ich immer, wie muß es in dem Kopf ungewaschen aussehen! Stehende Redensarten versumpfen den Geist.‹

 


 

Am Fenster saßen Hortensie und der Baron. Sie saßen schweigend nebeneinander. – Hortensie fragte hin und wieder: ›Du wirst doch nicht müde,‹ und strich ihm das Kissen zurecht, das seinen verwundeten Kopf stützte.

›Schau nur,‹ sagte sie, ›wie die Sonne an der glatten Felswand hin weiterrückt, immer ein Stückchen weiter, immer ein Stückchen weiter. Bald wird die ganze Wand überstrahlt sein. – Das machte sich nun alle Tage so, – eigentlich langweilig.

›Überhaupt so in diese sonnige Gegend hinaussehen, so einen Tag wie den andern. –‹ Sie gähnte. ›Muß Frau Gamander gesund sein! Ich hab jetzt schon genug. Mir fällt's auf die Nerven.‹

253 Sie sprachen ausführlich davon, wie jedes von ihnen geschlafen hatte. Hortensie klagte, daß das Essen nie so recht warm heraufkäme, sonst fand sie, daß es nicht übel sei. – Zu leben versteht sie, scheint's.

›Ich weiß nicht, Hortensie,‹ sagte der Baron in Gedanken versunken, ›ich komme mir so verheiratet vor.‹

›Nun, und wenn's so wäre?‹ fragte Hortensie. ›Du sagst's so trübselig.‹

›Trübselig? Mir ist's auch ziemlich trübselig zumute – und wenn ich denke, eh wir's erreicht haben, welche Qual! – Wenn ich an unsere Auseinandersetzung mit Karl Theodor denke – und all die entsetzlichen Dinge! Wer so im Tode lebte wie wir, für den ist das Leben eine Brutalität – aber der Tod nicht.‹

Er legte den Arm um seine kleine Gefährtin.

›Hortensie,‹ sagte er schwergestimmt, ›wenn wir jetzt so beieinander sind, vermißt du nichts?‹

›Ich weiß nicht,‹ antwortete sie, ›es ist mir hier zuviel Sonne und eben die weite Gegend. Kein Winkel, der nicht hell ist. Ich vermisse unsere enge Straße und die dämmrigen Zimmer. Wir haben uns nie so in der freien Luft gekannt.‹

›Das mag sein – aber –. Ich vermisse,‹ sagte 254 er leise, ›daß wir nicht mehr vom Tode sprechen können, Kind. Das hatte etwas – so, als säßen wir aneinander gedrängt im hellen, warmen Winterstübchen; – draußen Dunkelheit, Kälte und Stille, und wir besprachen, daß wir hinauswollten. Wir besprachen es so wie Leute, die sich lieben und die sich wohl fühlen. Ich war nie so heimisch auf Erden. – Alles Stumpfe in mir war fort. – Und wie liebten wir uns in der hellen, kleinen Stube, die wie ein Inselchen in der Riesennacht lag. Das Alltägliche, das Brutale war gar nicht da, konnte nirgends herein.‹

Hortensie erwiderte nichts. Sie konnte da nicht recht mit. In dem kleinen Baron lag so weiche Mutlosigkeit und Trübheit der Seele. Die war ganz echt im Stil.

Er blieb nach wie vor bei den zarten Gerichten; die Köchin Kleopatra hatte nur mit dem fast seelischen Ragout aus Kalbs-Bries und Tomaten Glück, mit einem Weingelee wie aus Kristall und höchstens mit einem Forellchen. Hingegen hatte Hortensie nach den Aufregungen der letzten Zeit Appetit bekommen, und die zarte Krankenkost genügte ihr nicht. Die herbe Bergluft tat auch das ihrige dazu. Hortensie hatte immer Hunger und ärgerte sich über die Zartheit und Genügsamkeit ihres Gefährten. Es war etwas 255 Ungeduldiges in ihr. Sie sprachen auch hin und wieder über Nietzsche; aber der Baron war müde, es fehlte die wundervolle Ekstase. – Sie wurden nicht zu Riesenschlangen, sondern blieben zwei kleine, müde Blindschleichen, von denen die eine, ganz nach Blindschleichenart, allerlei Gelüstchen hatte.

Baron Renk dichtete wieder. Er saß stundenlang mit seinem goldenen Bleistift in der Hand und seiner Brieftasche aus weichem Leder auf den Knieen und schrieb abgerissene Worte, die sich zu einem Ganzen einigen sollten. Die Musik der Sprache tat ihm wohl. Die Kräfte waren noch nicht zurückgekehrt, um zu gestalten.

Hortensie liebte es, mit dem Hausfräulein zu plaudern. Während der kleine Baron ermattet eingeschlummert war oder im Halbschlaf lag, schwätzten die beiden Frauenzimmerchen im Flüsterton. So auch heute. Hortensie hatte ein ausgezeichnetes Anpassungsvermögen. Wie sie mit großem Talent vor Jahren sich zum stilisierten Weibchen umgemodelt hatte, so verstand sie es auch, sich in Hausfräuleins Nöte und Anfechtungen zu versetzen. Sie ließ sich über die Herzensangelegenheiten der romantischen Stütze der Hausfrau unterrichten. Diese bestanden zum größten Teil aus Sehnsucht und einigen kleinen, unbedeutenden Annäherungsversuchen 256 männlicher Geschöpfe und aus großem Ärger über Marianne Gamander, auf die sie nicht gut zu sprechen war. Heute rechneten sie miteinander ganz gründlich Mariannens Alter aus. Hortensie stibitzte zu diesem Zweck des kleinen Barons goldenen Bleistift, der seinen Fingern im Halbschlaf entfallen war. Sie machten eine ganz famose Rechnung. Dem Sohn wurden einige Jahre zugelegt, die Mutter führten sie sehr spät zum Traualtar, und so bekamen sie ein besonders stattliches Alter heraus, das ihnen selbst zu hoch gegriffen schien.

Der Baron hörte beide flüstern. Das machte ihn nervös. – Er hätte Hortensie schlagen können. – Sein Ideal, mit dem er das Heiligste und Schwerste auf Erden geteilt hatte, – im breiten Dienstbotengeschwätz sich wohlfühlen zu hören! Es überkam ihn eine große Hilflosigkeit. Schwer und matt hob er den Kopf von seinem Kissen und sagte vor innerer Erregung bebend: ›Ich möchte schlafen, – ich will allein sein.‹

›Ist dir nicht wohl, Alexander?‹ fragte Hortensie bestürzt.

Er machte nur eine abwehrende Handbewegung, die ihm eigen war. Hortensie und das Hausfräulein schlichen geräuschlos aus dem Zimmer.

Der kleine Baron aber, als die Türe geschlossen 257 war, brach in heiße Tränen aus. Es war ihm etwas genommen, etwas Unwiederbringliches. Das Schöne seiner Torheit. – Auch er fühlte sich durch Hortensie betrogen. Sie war nicht echt! Die Zartheit ihrer Natur war nicht gewachsen, war nicht das, was er empfunden hatte, eine Umwandlung des Menschlichen in blumenhafte Stoffe. – Ihre Seele war nicht dieser weiche Blumenduft, der ihn berückte. Er hatte Wundervolles in ihr geahnt, das müde, überentwickelte Menschentum, das zarte Sichfortsehnen aus dem Robusten, die Überverfeinerung alles Sinnlichen. Die süßen Gewänderchen hatten ihn betört, die hauchhafte Blondheit, das Sehnende, das Unverstandene. War denn das alles nicht dagewesen? Er hatte es doch empfunden. – Ja, sie hatte früher eine andere Form des Daseins gehabt, eine Form, an die sie selbst nicht gern zurückdachte. Hätte sie damals die Geschichte von Karl Theodors modernem Schlafzimmer gekannt, so würde sie wohl eingesehen haben, daß der kleine Panoramenmaler nicht der Rechte für ihre Stilisierung war. Und so war das reizende Kunstwerk an den kleinen, reichen, ganz sensibeln Baron gekommen, dessen Sensibilität echt war wie Gold, echt bis über den Tod hinaus. Des kleinen Barons Sensibilität überwuchs alles in seiner Natur: Phantasie, Freudigkeit, 258 Lebenslust, Gestaltungskraft, Liebe und Sinnlichkeit. Ihm tat die kühle, feine Linienkunst wirklich wohl, die auch Hortensiens Leben beeinflußt hatte. Ihm war sie Bedürfnis geworden, weil sie ihm nichts aufdrängte, nichts Körperliches nahe brachte, keine eigentliche Lebensäußerung, nicht die Natur, die ihn bedrängte, keine Erinnerung, gewissermaßen keine Vorstellung. Hortensie war das Geschöpf gewesen, das mit ihm zu fühlen schien, ja, das mit ihm in den Tod gegangen war, aus Heimatlosigkeit auf dieser Erde. Welche Hartnäckigkeit im Anempfinden! In welcher Verwirrung und Beeinflussung hatte das arme Geschöpf das Äußerste getan!

Der Baron grübelte beängstigt: wie es auch gewesen sein mochte – sie war nicht echt!

 


 

Karl Theodor ist im Haus zur Flamm' angekommen. Er sitzt bei Marianne im Wohnzimmer. Marianne blickt voll Interesse auf den kleinen Mann mit der kurzen, gedrungenen Gestalt und dem gutmütigen, runden Gesicht. Er hat viel gelitten. Er sieht so 259 verdehnt aus vom Leiden. Es hat ihn geschüttelt, und er stammt doch aus sehr guter Familie, in der Leiden gar nicht recht anständig ist. Man ist in seiner Familie wohl auch einmal krank und stirbt auch, wenn es sein muß, und wird betrauert; aber außerdem ist alles gut bürgerlich. Das Leben an sich ist fast gerade so wenig im Bewußtsein und in der Phantasie seiner Leute wie die Tatsache, daß die Menschen unter den Kleidern nackt sind.

Er aber ist da in etwas hineingekommen, was außerhalb alles Hergebrachten steht. Daß ihm das passiert ist! – Ihm! Fiebertraum! Wenn er an jenen Abend denkt, als Hortensie im weißen Reformkleid den Tuberosenstrauß auf den Tisch stellte und ihm ihre Liebe zu Baron Renk erklärte, bis zu jenem Morgen, als er durch Marianne vom Selbstmordversuch seiner Frau und ihres Geliebten erfuhr, kam er sich selbst ganz unmöglich vor. Er, der die Ruhe so liebte, die Regel, die Gutbürgerlichkeit, hatte ihn doch selbst die Kunst diesem allen nie untreu gemacht! Eifersucht war über ihn hergefallen wie ein Raubtier; – über ihn! Schreck, Angst um die Verschwundene! Entsetzen über das Geklatsch der Leute. Beschmutzt ist er sich vorgekommen! Nicht ausgegangen ist er mehr, er, der Behagliche, der ehrengute Mann!

260 Der Nagel in seinem Schlafzimmer, an dem er abends seinen Humor aufzuhängen pflegte, blieb leer, denn er behielt sein bißchen Humor auch nachts bei sich wie eine Wärmflasche.

Ja, er hatte es sich manchmal vorgestellt in der Zeit seiner Eifersucht, daß er edelmütig sein wollte. Edelmütig! Das war ihm aber so gewissermaßen theatralisch vorgekommen, so dumm schön, daß er fast taktvoll diese Idee sein ließ, als hätte man ihm zugemutet, mit einem Federbarett über die Straße zu gehen. Nein, das brummende Eifersüchtigsein war für ihn gerade das Richtige, so ein kleiner, runder Mann mußte gerade so sein, wenn er in seiner Rolle bleiben wollte. Für seine Rolle, die er im Leben spielte, hatte er sehr viel Gefühl. Er wollte nicht besser sein, als es ihm zukam – und auch nicht schlechter.

Einmal war er aus dieser Rolle gefallen, als er sich das moderne Schlafzimmer gekauft hatte – und das war ihm übel genug bekommen. Treu soll sich einer bleiben. Ein fataler Kerl, der an sich herumpfuscht und Dinge tut, die ihm nicht sitzen.

Karl Theodor war doch Künstler, und ein ganz feiner, ehrlicher Kerl dazu. Das fand auch Marianne Gamander. Sie sprach warm mit dem guten 261 Menschen, sie fühlte das brave Echte und Hilflose seiner Natur.

›Ja,‹ sagte Karl Theodor, ›das ist alles ganz schön, liebe Frau Gamander; aber glauben Sie mir, die Kleine wird niemals glücklich mit diesem Renk. Zwei Efeustöcke verwirren sich nur ineinander, eins von den beiden müßte doch so etwas Ähnliches wie ein fester Strunk sein.‹

›Jawohl,‹ sagte Marianne, ›Sie guter Mensch; – aber haben Sie denn auch noch jetzt Verantwortung nötig für Ihren Efeustock? – Ich glaube doch kaum? Mir scheint, als hätte er sich recht deutlich von Ihnen weggerankt, und weshalb soll die kleine Hortensie denn durchaus glücklich sein? – Ist gar nicht so notwendig, im Gegenteil. – Weshalb wollen Sie sie so ängstlich vor Leid und Erkennen beschützen?‹

›Ach,‹ sagte Karl Theodor, ›sie ist so ein zarter Wisch, – ich glaube, da wird's nicht viel mit Erkenntnis werden. Es ist schon besser, ich behalte sie – und sehen Sie, sie ist mir teuer zu stehen gekommen.‹

Da griff Karl Theodor in seine Brusttasche, nahm ein Notizbuch heraus, suchte darin und gab Marianne ein quadratisches Blättchen in die Hand. Sie sah es lange an. Eine Zeichnung. – Ein Kreuz, an dem 262 ein kleiner, feister Mann in Lodenjoppe und Sportsbeinkleidern hing, das Filzhütchen im Gesicht. Ein Pfefferkuchenherz auf der Brust, aus dem ein Blutstrahl sprang und auf eine junge Person sprühte, die am Fuß des Kreuzes saß und mit einem jungen Manne scharmuzierte und mit ihm Kaffee trank. Marianne schaute betroffen auf Karl Theodor.

›Ja,‹ sagte dieser, ›das bin ich, so bin ich, so litt ich, so dumm. So dumm sah ich dabei aus; aber schließlich, Schmerz bleibt Schmerz. Viel Worte sind nicht meine Sache. Das Bildchen hier ist mein Paß.‹

Marianne war bewegt. Er hätte nichts Unmittelbareres tun können, um sich ihr verständlich zu machen.

›Die Frau,‹ sagte er, ›ist mir eben teuer zu stehen gekommen. Ich werde sie lassen, wenn es durchaus sein muß. Noch aber sind wir nicht so weit. – Wollen sehen. – Übereilung ist nicht mein Fall. –‹

›Sie sind ein guter Lebenssoldat,‹ sagte Marianne, ›aber ob es das Rechte ist, so hartnäckig festzuhalten? Meinen Sie? Das Bildchen ist wohl aus derselben Herzensnot und Sehnsucht entstanden, aus der die großen Kunstwerke dieser Erde entstehen. – Die Menschen schaffen und handeln nach der Tiefe ihrer Sehnsucht und Seelennot. Ohne das kleine 263 Schmerzenswerk hätte ich Ihnen gewiß auf das wärmste zugeredet: machen Sie sich frei, auf alle Fälle. Nun sage ich: lassen Sie sich von Ihrem Empfinden führen.‹ Sie gab Karl Theodor die Hand.

›Ich möchte,‹ sagte der, ›jetzt schon meine Frau sprechen. Wir müssen nur bedenken, wie es sich am besten einrichten läßt. Möglichst, ohne sie allzusehr zu erregen. Sie können ihr ja sagen, wenn sie es sich nicht selbst sagt, daß ich kein furchterregender Gegenstand bin.‹

So kam es, daß Karl Theodor mit seiner Frau Hortensie einen Spaziergang machte. Marianne hatte das zarte Wesen vorbereitet, hatte sie allein in ihrem Zimmerchen getroffen, in dem sie verstimmt, hungrig und gelangweilt auf dem Bette lag.

Der kleine Baron war bei Tische sehr trübselig gewesen. Hortensiens Betragen am Vormittage lag wie eine schwere, drückende Last auf ihm. Zu Mittag hatte es wieder Forellen gegeben und zum Dessert kristallhelles Weingelee. Hortensie hatte noch immer nicht den Mut gehabt, andere Kost als ihr Gefährte sich auszubitten, so oft Marianne es ihr schon angeboten hatte. Hunger gehörte nun einmal zu ihrer Liebe. Der Baron hatte sie bisher noch niemals ordentlich essen sehen und liebte ihr zartes Nippen 264 und daß sie wie ein Vögelchen pickte. Einem Menschen zuzusehen, der mit gutem Appetit aß, war ihm in der Seele zuwider.

So war Hortensie mit der Zeit recht mutlos geworden. Zu Hause hatte sie immer vorsorgen können und war ziemlich gesättigt an das Picken gegangen; aber hier war das nicht möglich. Und dazu die elegische Verstimmung ihres Gefährten, die vielen stummen Stunden. – Er bemühte sich gar nicht um sie, war ganz in sich selbst versunken und verkrochen. – Ganz anders wie sonst.

Sie machten gewissermaßen in diesen Tagen, in denen sie so ganz aufeinander angewiesen waren, die Sicherheiten und Alltäglichkeiten der Ehe durch, bekamen einen Vorgeschmack davon. Die Festlichkeit ihrer Liebe war verschleiert. Sie sahen einander zu, wie sie litten, wie sie sich langweilten; die verschiedenartigen Gewohnheiten wurden fürs erste unbequem.

Hortensie fragte Mariannen zaghaft: ›Glauben Sie, Frau Gamander, daß mein Mann auf Scheidung eingehen würde?‹

›Wenn es sein muß, gewiß. Ihr Mann ist ein guter Mensch. Vertrauen Sie ihm.‹

So ging Hortensie ziemlich beruhigt, etwas 265 beklommen und in leidlicher Zuversicht, daß sich etwas mit Karl Theodor erreichen ließe, den Nußbäumen zu, in deren Schatten der Ehemann auf sie wartete. Sie dachte, als sie ihn von weitem sah: ›Er sieht aus wie ein großes Weißbrot.‹ Von dem Weißbrot aber streckte sich ein kurzer, runder Arm aus und faßte ihre Hände wortlos und stumm, und stumm ging er mit ihr. Er fand nichts, was er in diesem Falle hätte sagen können.

Er nahm noch immer wortlos ihren Arm und führte sie, und sie ließ es sich gefallen, betrachtete ihn von der Seite und dachte: ›Wenn wir Kinder hätten, würden es kleine, dicke, hübsche, blondlockige Mädels sein.‹ Ja, er sah aus wie der Vater von allerliebsten, rundlichen, kleinen Mädchen. Komisch, wie ihr so ein Gedanke kam. ›Er hat so ein drolliges Profil wie ein großes Kind.‹

Es war ihr, als sähe sie ihn zum allerersten Mal.

Sie wurde innerlich ganz ruhig und ließ sich von ihm führen. Sie fand es auch richtig, daß er fürs erste nichts sprach. Was in aller Welt hätte er auch sagen sollen. So gingen sie – ihr war das Gehen ganz ungewöhnt, und er bemerkte bald, daß sie müde wurde. ›Ja, ja,‹ sagte er, ›du wirst müde sein.‹

Sie waren auf einem behaglicheren Weg als dem 266 Fußweg, der am schnellsten zum Berghaus führte, halbwegs dem Städtchen nahe gekommen, und so saßen sie bald in einem kühlen Wirtsgarten unter dichten Kastanienbäumen, am Ufer des rauschenden Gebirgsbaches.

Der Abend brach sanft herein, und Karl Theodor bestellte eine ausführliche Mahlzeit. Lauter gute Dinge, deren Namen für Hortensie einen ganz merkwürdig angenehmen Klang hatten. Er bestellte auch Wein mit der gewissen Innigkeit der Stimme, die sie bei dieser Gelegenheit an ihm kannte. Ja, es war immer so gewesen, als schüttete er dem Kellner oder der Kellnerin, wenn es an das Weinbestellen ging, die ganze Tiefe seines Gemütes aus, als hinge das Wohl der Welt daran. Aber heute berührte sie diese heilige Handlung der Weinbestellung auch nicht besonders widerwärtig.

›Meinen Appetit,‹ sagte er, ›habe ich nicht verloren, – du wirst entschuldigen.‹ Er sagte das so leicht hin und ohne scharfe Bosheit, und doch – –. Es lag etwas darin, was Hortensie erröten ließ, was sie tiefer erröten ließ als irgend eine Beschuldigung, die sie im Augenblicke hätte treffen können.

Die einfache Bemerkung Karl Theodors forderte keinen Widerspruch heraus. Sie mußte sie ohne alle 267 Gegenverteidigung hinnehmen. Ganz unvermittelt war ihr mit einem Male bewußt, daß sie ihm etwas Schweres angetan hatte. Bisher war ihr nur ihr eigenes Schicksal gegenwärtig gewesen, von dem seinigen hatte sie nur den Widerstand, den es auf das ihrige ausübte, empfunden. Er war nicht nur ihr unbequem und ihr lästig gewesen – er hatte ja auch gelitten! – Das Sichversenken in den anderen hat immer etwas Befreiendes, sprengt immer ein wenig den Schmetterlingspuppenzustand des Menschen. Hortensie wurde fast zum ersten Male im Leben weicher, als es ihre Art war. Sie kam über ihren ständigen Gefühlswärmegrad hinaus. Ganz unverständlich sah das Leiden Karl Theodors sie an – aber es sah sie doch an – und sie schlug die Augen davor nieder.

Das Essen wurde aufgetragen. Der Duft sehr gut gebratener Beefsteaks stieg Hortensie in das Näschen, und der Anblick einer Schüssel goldbraun gebackener pommes frites tat ihren Augen wohl. In ihrem Glase funkelte der edelste rote Terlaner. Nach den vielen zarten Gerichten vor und nach der Todesstunde tat ihr der erste Bissen dieses reellen Beefsteaks bis in den tiefsten Grund ihrer Seele wohl. Behagen durchrieselte sie. Die goldbraunen, 268 duftenden Kartoffeln gingen ihr natürlicher zu Herzen wie Nietzsches ganze Herrlichkeit.

Ja, sie fühlte ähnlich wie Vater Esau, daß sie das Erstgeburtsrecht, das sie als stilisierte und differenzierte moderne Frau beanspruchen konnte, unbedenklich für diese Schüssel köstlicher pommes frites dahingeben würde, – und nach diesen Empfindungen war auch ihr Appetit.

Karl Theodor sah sie zum ersten Male ganz unverfälscht und unaffektiert essen, – von ganzer Seele und ganzem Leibe und ganzem Gemüte. – Und da war nichts Unechtes! – Das fühlte und sah Karl Theodor. ›Die ist mir gut ausgehungert wieder zugelaufen,‹ dachte er gutmütig, und er betrachtete sie mit ähnlichen Gefühlen, wie er seinen Pudel einst betrachtete, als der sich verloren hatte.

Alles ist sich hier auf Erden so unendlich nah verwandt, auch das sich scheinbar ganz unähnliche. Man fällt nie aus der Einheit der Dinge heraus. Dies vorzügliche eheliche Abendessen des in seiner Ehe gestörten Paares brachte eine wohlgesättigte Stimmung mit sich, etwas ganz Gutes. Hortensie fühlte sich seit langer Zeit zum ersten Male satt und friedlich. Ein kleines junges Hündchen winselte am Tische umher. Sie nahm es auf, spielte mit ihm und sagte: 269 ›Schau nur, wie herzig.‹ Sie sagte das wie ein gutes, eingewöhntes Ehefrauchen, so daß es Karl Theodor nach all der Unbehaglichkeit seiner letzten Jahre ganz warm ums Herz wurde. Um die Welt hätte er jetzt kein störendes Wort ausgesprochen; er, der arme, nach Behagen schnappende, gutmütige Mensch, genoß diese für ihn unmotivierte Stunde wie ein Traumbild seiner Ideale.

So wurde an diesem Abend kein Wort über die schwerwiegende Angelegenheit zwischen den Ehegatten gesprochen. Sie waren so nett miteinander gegangen, wenn auch stumm, sie hatten so gut und friedlich miteinander gegessen, mit so vortrefflichem Appetit. Sie hatten miteinander ein junges Hündchen getätschelt und mit dem Tierchen gespielt; das war, was man von einem ordentlichen Ehepaar auf einem Spaziergang verlangen konnte.

Karl Theodor fiel ganz diesem Eindruck zu und schob alles andere beiseite, denn seine Seele war nach Behagen, seinem Lebenselement, ausgehungert wie ein Wolf, und Hortensie wollte auch nicht denken. Sie war im Grund ganz zermürbt von all den schweren Ereignissen und Seelenerregungen, die ihrer kleinen, kühlen Flatterseele wahrscheinlich kein Bedürfnis gewesen waren. Sie hatte nicht geahnt, daß sie 270 mit der Stilisierung ihres Persönchens das Schicksal und Wesen dieses Stils auf sich geladen hatte.

So gingen sie bei anbrechendem Abend miteinander dem Berghause wieder zu, zum alten Hause zur Flamm'.

Unterwegs wurde Hortensie müde und strauchelte, da hob Karl Theodor die zarte Gestalt auf seine Arme und trug sie, unter der Last schwer schreitend, den Bergweg hinauf.

›Ach geh,‹ sagte Hortensie, ›ach geh!‹ Sie war wirklich ganz beschämt.

Er hielt sie aber – und trug sein Kreuz – sein Ehekreuz – keuchend. Er trug es, weil es ihm so ums Herz war, weil er wohl ein Gewohnheitsmensch war, ein armer, verrannter Teufel, ein Glückssucher auf steinigem Boden, einer von denen, denen nicht zu helfen ist – auf keine Weise, die sich selbst helfen durch ihre grenzenlose Ausdauer; unter deren unverständigem Wollen und Müssen schließlich Steine zu kargem Brote werden. 271

 


 

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