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Das Haus des Sonderlings

Annie Hruschka: Das Haus des Sonderlings - Kapitel 9
Quellenangabe
authorAnnie Hruschka
titleDas Haus des Sonderlings
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180806
projectid323786c7
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[8].

Inzwischen gingen die beiden, die der Untersuchungsrichter vergeblich im Kaisergarten suchte, stumm die Ausstellungsstraße entlang gegen den Praterstern.

Es war Heidy Sievert, die Silas Hempel gebeten hatte, sie in den Kaisergarten zu begleiten, weil sie Torwestens Frau unbedingt sehen müsse, ehe sie weitere Entschlüsse fasse.

»Nun, Sie scheinen ja ganz kleinmütig, Fräulein Heidy«, sagte der Detektiv endlich. »Hat Sie die belle Adisane etwa so sehr bezaubert, daß Sie gar kein Wort sprechen können?«

»Bezaubert? Nein! Ich weiß, was hinter dieser Maske steckt. Und doch – wenn ich es zufällig nicht wüßte, würde ich wirklich bezaubert sein und sie sehr bewundern, denn eine große, große Künstlerin ist sie auf alle Fälle!«

»Leider! Denn wer auf der Bühne so vollendet den reinen Engel spielen kann, wird es auch im Leben verstehen. Keinesfalls darf man sich wundern, daß sie sogar einen Mann wie Torwesten täuschte. Ich fürchte, sie brächte es gegebenenfalls noch bei ganz anderen Leuten zuwege. Haben Sie den Herrn vor uns bemerkt, der sich, als wir das Olympion verließen, nach uns umdrehte und Sie so betroffen anstarrte – vermutlich weil er ihre Worte über die Adisane verstanden hatte?«

»Nein. Ich habe auf niemand geachtet. Ich war noch ganz wie benommen.«

»Es war Dr. Wasmuth, der Ihren lieben Georg jetzt steckbrieflich als Mörder verfolgen läßt!«

»O – der?!«

»Ja. Und die schrankenlose Bewunderung für die schöne Adisane leuchtete ihm aus den Augen. Ich wette, er denkt mit keinem Gedanken mehr an die Möglichkeit, daß sie je ein Wässerlein trübte. Die holde Unschuld hat ihn völlig verwirrt, obwohl er sonst durchaus kein Dummkopf ist.«

»Ja, sie wird alle, alle getäuscht haben und dieselben Leute, die früher vielleicht noch auf Georgs Seite waren, weil sie ihn von einer frechen, gewissenlosen Person betrogen glaubten, werden nun sicher ihre Partei ergreifen.«

Sie versank wieder in Schweigen.

»Und wie steht es mit Ihrem Plan fragte der Detektiv nach einer Pause. »Der ist wohl aufgegeben?«

»Nein. Wir haben ja gar keinen andern Weg mehr als sie, nachdem alle andern Spuren der Flüchtigen erloschen scheinen.«

»Muten Sie sich da an Verstellung und Selbstverleugnung nicht zu viel zu?«

»Ich hoffe nicht. Ein fester Wille vermag ja so viel. Ich werde immer an Georg denken – das wird mir Kraft zu allem verleihen. Und Sie?«

»Ich warte erst die Nachrichten und Bilder ab, die ich mir aus London bestellt habe. Dann werden wir weiter sehen.«

»Bilder der Copleys hätten Sie doch auch hier haben können. Im Apollo wurden sie ja verkauft.«

»Die taugen nichts. Einmal beirrt schon das Kostüm, und dann versicherten mir alle, daß sie kaum darauf zu erkennen seien. Natürlich war das ja von vornherein von den Copleys beabsichtigt. Auch brauche ich ein Bild des Alten und auch Daten über ihn. Aber hier ist unser Straßenbahnwagen. Wir haben bis zum Ring den gleichen Weg. Steigen wir also ein.«

Im Straßenbahnwagen war es ziemlich leer. Heidy setzte sich an eins der Fenster und Hempel neben sie. Ihnen gegenüber saß eine korpulente Frau mit einem Marktkorb auf dem Schoß.

Als sie die eben Eingestiegenen musterte, rief sie plötzlich freudig erstaunt:

»Ja, das ist ja unser Fräulein Heidy! Nein, wie mich das freut, daß ich Sie wieder einmal sehe!«

»Sie sind in Wien, Frau Göbel?« fragte Heidy gleichfalls erstaunt. »Warum suchten Sie uns denn nicht auf? Mama hätte sich sicher sehr gefreut, Sie nach so langer Zeit einmal wiederzusehen!« Sie wandte sich Hempel zu.

»Frau Göbel war nämlich, als Papa noch lebte und wir alljährlich im Sommer nach Neu-Lengbach hinauszogen, unsere Hauswirtin dort. Sie hatte einen wundervollen Gemüsegarten und ihre Erbsen und Radieschen sind uns noch heute in schöner Erinnerung.«

»Die können Sie jetzt wieder bei mir haben, Fräulein Heidy! Damals waren wir ja bloß einfache Bauersleute, und wenn mein Gemüse besser war als anderes, so hatte dies seinen Grund nur darin, daß ich von Haus aus eine Gärtnerstochter bin, die sich auf derlei versteht. Aber jetzt haben wir eine wirkliche Gärtnerei mit Glashaus und Mistbeeten, da sollen Sie erst mal sehen, was wir zustande bringen!«

»Sie haben eine Gärtnerei? Hier in Wien? Wie ist denn das gekommen?«

»O, ganz einfach. Sie wissen ja, Fräulein, daß der ältere Bruder meines Mannes nach Amerika ging ...?«

»Ich erinnere mich. Er war ein Tunichtgut, nicht wahr?«

»Ja. Aber später wurde er ganz brav und ordentlich, und Heimweh hatte er auch, obwohl er davon nie etwas geschrieben hatte. Und das Häuschen in Lengbach, das wissen Sie ja auch, gehörte eigentlich meinem Schwiegervater. Wir führten bloß die Wirtschaft, weil Anton fort war und der Alte selbst es nicht mehr konnte. Vorm Jahr ist er gestorben – Gott habe ihn selig! Da kam dann der Anton wieder heim, und wie sich schon oft etwas schnell macht – verliebte er sich in die hübsche Mariedl vom Bäcker Glawatsch. Erinnern Sie sich noch an ihn?«

»Natürlich! Der dicke Mann, der immer an Asthma litt.«

»Jawohl. Er lebt trotzdem noch. Und seine Marie ist ein bildsauberes Mädel geworden und wurde vor einem Vierteljahr meine Schwägerin. Natürlich übernahm der Anton das Haus. Wir wurden ausgezahlt und fast zu gleicher Zeit starb mein Vater in Klosterneuburg. Da erbte ich auch etwas. Und so meinte mein Karl, wenn ich wollte, könnten wir uns wohl irgendwo eine eigene Gärtnerei kaufen, denn ich verstände doch die Sache und er auch ein bißchen und Freude hätten wir ja beide dazu. Ich war natürlich gleich einverstanden, und so sahen wir uns um. In Erdberg draußen waren mehrere Gärtnereien zum Verkauf ausgeboten. Davon haben wir jetzt eine. Seit drei Wochen erst. Aber ich sage Ihnen, Sie werden Ihre Freude daran haben, wenn Sie sie ansehen. Sie kommen doch einmal mit der Frau Mama, ja? Wir wollten Sie schon immer einmal darum bitten, aber im Anfang gab es halt so viele Arbeit! Wir konnten nie abkommen«

»Gewiß werden wir Sie einmal besuchen, Frau Göbel!«

»Aber bald, Fräulein ja? Dann geb ich Ihnen von den ersten Früherbsen mit und Radieschen, so viel Sie mögen. Heute war ich in Kagran draußen bei einem Verwandten von Karl, der auch eine Gärtnerei hat, Samen holen. Die haben nämlich ganz besondere Sorten von Mangold und Schwarzwurzeln ... aber Herrgott, du meine Zeit! Jetzt hätte ich mich schier beinahe verplauscht und meine Umsteigstelle verpaßt. Adieu, Fräulein Heidy! Und kommen Sie nur recht, recht bald!«

Sie nahm ihren Korb und hastete eilig dem Ausgang zu, denn der Wagen hielt bereits.

Heidy blickte ihr gerührt nach.

»Sie ist eine so herzensgute Frau und immer noch dankbar für die kleinen Gefälligkeiten, die meine Eltern ihr seinerzeit erwiesen haben. Ich, muß wirklich bald einmal mit Mama hinaus zu ihr.«

Bald darauf war der Ring erreicht, wo auch Hempel umsteigen mußte.

»Herr Untersuchungsrichter, eine Dame ist draußen, die Sie durchaus sprechen will,« meldete der Amtsdiener Doktor Wasmut.

»Schon wieder! Heute ist ja rein der Teufel los, daß man zu keiner Arbeit kommt. Wer ist's denn?«

»Unbekannt, Herr Untersuchungsrichter. War noch nie hier.«

»Was will sie?«

»Ebenfalls unbekannt, Herr Untersuchungsrichter.«

»Feine Dame?«

»Sehr, Herr Untersuchungsrichter! Bildschön, jung, vornehm wie eine Gräfin!«

»Na, na, wir haben noch recht wenig vornehme Gräfinnen hier gesehen, Titz. Fragen Sie, wer sie ist und was sie will! Im übrigen: warten!«

Titz verschwand. Dr. Wasmut vertiefte sich wieder in seine Akten. Nach zwei Minuten kam Titz zurück und schob stumm eine Karte in den Sehkreis seines Vorgesetzten. Wasmut warf einen Blick darauf und sprang plötzlich wie elektrisiert auf.

»Mary Anne Torwesten?« las er halblaut. Er starrte Titz einen Augenblick ungläubig an und befahl dann hastig: »Sofort hereinführen!«

Die Tür tat sich auf, und herein trat schüchtern und verlegen, wie sie vor ein paar Tagen sich im Olympion vor dem Publikum verbeugt hatte, die »Belle Adisane« in einem bescheidenen Trotteurkleid aus weißem Sommerflanell.

Ihr prachtvolles, goldig schimmerndes Haar quoll in seidigen Wellen unter dem einfachen Toquehütchen aus weißem Bast, das eine einzige, allerdings kostbare schwarze Straußfeder schmückte, hervor und umgab das süße, reine Oval ihres rosigen Gesichtes wie einen Heiligenschein.

Kein Schmuck war an ihr zu sehen. Sie trug nur einen Strauß frischer Veilchen an der Brust, der mit seinem leisen, feinen Duft den Raum zu füllen begann.

Der Untersuchungsrichter umfaßte dies alles mit einem Blick. Die Belle Adisane, die Zugnummer der Tingel-Tangels, deren Auftreten von dem Tam-Tam der Reklame und Sensation begleitet wurde, kam zu ihm! Er wußte aus eigener Anschauung, daß sie auch eine wirkliche Künstlerin war. Und zugleich sah er, daß sie eine vollendete Dame war.

Dieser Widerspruch zwischen Beruf und Erscheinung verwirrte ihn. Zum erstenmal – vielleicht in seine Amtstätigkeit fühlte er sich innerlich befangen.

Dazu kam, daß er sie ihrer Karte gemäß offenbar als »Frau Torwesten« ansprechen und behandeln mußte.

»Gnädige Frau,« sagte er darum weniger sicher, als er gewünscht hätte, »Sie sehen mich erstaunt! Vor zwei Tagen hatte ich den Vorzug, Sie als Künstlerin bewundern zu dürfen und nun suchen Sie mich hier in meinem Amtslokal als Frau Torwesten auf – woraus ich schließen muß, daß ... aber bitte, nehmen Sie vor allem Platz.«

Er schob ihr galant einen Stuhl hin und ließ sich auf seinen Sitz am Schreibtisch ihr gegenüber nieder.

Frau Torwesten hatte sich errötend gesetzt.

»Ja, Herr Doktor, ich komme einerseits, Sie um Aufklärungen zu bitten, andererseits, Ihre Hilfe anzurufen.«

»Aufklärungen worüber?«

»Ueber meinen Mann. Ich habe erst in Budapest zufällig erfahren, daß er plötzlich verschwunden sein soll. Gestern aber erwähnte mein gegenwärtiger Direktor zu meinem namenlosen Schrecken etwas von einem Verbrechen, das mein Mann um meinetwillen begangen haben soll, und daß er von der Staatsanwaltschaft gesucht werde! Ich war so entsetzt, daß ich ihn garnicht ausreden ließ, sondern halbtot in meinen Wagen stieg und nach Hause fuhr. Heute früh sandte ich meine Dienerin zu ihm, um mich zu erkundigen, wer die Untersuchung führt, denn es schien mir richtig, nur an kompetenter Stelle Aufklärungen zu erbitten.«

»Sie haben erst gestern erfahren, daß Ihr Mann ein Mörder ist und sich auf der Flucht befindet?« sagte er endlich ungläubig. »Das ist doch gar nicht möglich! Die Zeitungen brachten es doch alles sehr ausführlich, und es wurde sogar benutzt, um ...«

»Ich lese nie Zeitungen!« unterbrach sie ihn stolz.

»Wie – eine Künstlerin ...?«

»Eben darum! Ich hasse dieses Geschwätz von Meinungen und Kritiken. Es beirrt mich in meinen Produktionen. Der eine will es so, der andere so. Ich gebe nur mich selbst. Meine Seele. Mein innerstes Wesen. Es würde mich nur beunruhigen, wenn ich zufällig daran dächte, wie dieser oder jener Kritiker mich nach seinem Geist auffaßt. Darum darf mir kein Zeitungsblatt in die Nähe.«

»Aber Ihre Kolleginnen müssen Ihnen doch gesagt haben ...?«

»Kollegen?« unterbrach sie ihn zum zweitenmal, diesmal mit wegwerfender Verächtlichkeit. »Glauben Sie wirklich, daß ich mit diesen ... Artisten verkehre oder auch nur spreche? Ich bin vom Theater weg, um nicht mit solchen Leuten verkehren zu müssen, was dort ja schon der Proben wegen unvermeidlich war. Im Varieté bin ich ganz unabhängig, so befremdend das Uneingeweihten vielleicht auch erscheinen mag. Ich fahre hin, um meine Nummer zu bringen, und verlasse das Haus sofort, wenn diese vorüber ist. Fragen Sie doch all die Leute, welche im Apollo oder jetzt im Olympion mit mir zugleich angestellt sind, ob mich einer von ihnen persönlich kennt, ob ich je mit einem gesprochen habe!«

»Dann sind Sie allerdings eine seltene Ausnahme, gnädige Frau! Unter diesen besonderen Verhältnissen, die Sie um sich schaffen, wird es schließlich begreiflich, daß Sie sich in Unkenntnis über die Vorgänge der letzten Zeit befinden, die man sogar zu Reklamezwecken ausbeutete.«

»Ich sorge einfach für ... reine Luft um mich! Das bin ich mir selbst, aber auch meinem Manne schuldig. Aber nun, bitte, sagen Sie mir endlich, was eigentlich geschehen ist? –

»Herr Torwesten hat in der Nacht vom 29. zum 30. Mai den Artisten Fred Chambers in seine Villa draußen bei Baden gelockt und ermordet. Man fand den Leichnam erst kürzlich zufällig auf. Er war im Garten vergraben. Erst jetzt verstand man, daß Torwestens geheimnisvolles Verschwinden – Flucht vor der strafenden Gerechtigkeit war.«

Frau Torwesten schien nur den ersten Teil der Worte gehört zu haben. Bei dem Namen Fred Chambers war sie zusammengezuckt, und als sie seinen Tod erfuhr, bedeckte plötzlich Leichenblässe ihr Gesicht.

Sie starrte den Untersuchungsrichter mit vor Entsetzen förmlich aus den Höhlen tretenden Augen an.

»Chambers ... tot?« kam es wie ein Aechzen über ihre Lippen. Wasmuth beobachtete sie scharf. Nein. Das war keine Komödie. Dieser Schrecken, der sie stumm machte, war zweifellos echt. Sie hatte wirklich von dem Morde bisher nichts gewußt.

»Sie kennen diesen Chambers natürlich, gnädige Frau?«

»Ja ... er reiste mit meinen Brüdern.«

»Trafen Sie hier in Wien mit ihm zusammen?«

»Nein.«

»Aber Sie wußten, daß er zugleich mit Ihnen im. Apollo auftrat?«

»Ja.«

»Er stand Ihnen früher nahe? Wenn ich nicht irre, war er die Ursache, daß Herr Torwesten sich seinerzeit in England von Ihnen trennte?«

Bisher hatte Frau Torwesten wie geistesabwesend geantwortet. Jetzt fuhr sie sich mit dem spitzenbesetzten Batisttaschentuch über die Stirn und atmete tief auf.

»Nein. So verhält sich die Sache nicht. Richtig ist nur, daß Georg auf Chambers, der mich allerdings mit seinen zudringlichen Huldigungen belästigte, eifersüchtig war. Ich konnte mit Chambers, der der beste Freund meiner Brüder war, nicht gänzlich brechen, weil er sich sonst von ihnen getrennt hätte, wodurch ihre ganze Existenz in Frage gestellt worden wäre. Aber ich habe nie einen Augenblick vergessen, was ich mir und meinem Gatten schuldig bin. Trotzdem quälte mich Georg mit Eifersucht. Dies und sein ewiges Drängen, England zu verlassen, um mit ihm in Oesterreich zu leben, veranlaßten mich endlich, ihm eine Trennung vorzuschlagen. Ich – ihm! Beachten Sie dies wohl, Herr Doktor! Er ging darauf ein, verkaufte sein Haus in England und ging nach Oesterreich. Ich zog mich mit meiner Schwester, die seitdem gestorben ist, in die Einsamkeit eines kleinen Provinzstädtchens zurück. Georg hatte mir zu meinem Unterhalt vorläufig eine größere Summe zurückgelassen, und ich hoffte, daß er auch später für meinen Unterhalt sorgen würde.«

»Tat er dies?«

»Nein. Er ließ nichts mehr von sich hören, und ich war viel zu stolz, um ihn an seine Pflicht zu mahnen. Aber ich war dadurch gezwungen, mir wieder mein Brot zu verdienen. Meine Schwester entdeckte mein Talent für den beseelten Tanz. Sie war Kabarettsängerin gewesen und hatte zeitweise mit verschiedenen berühmten Tänzerinnen zusammen an Bühnen gewirkt. Sie bildete mich aus. Dann gingen wir nach Frankreich, denn England war mir verleidet. Von Paris aus begann ich vor anderthalb Jahren meine Laufbahn als ›Belle Adisane‹. Niemand kannte mich dort, und ich vermied es auch, irgendwelche Bekanntschaften zu machen. Ich wollte frei und unbelästigt bleiben. Ich lebte mich immer mehr in meine Kunst hinein und suchte – zu vergessen. Solange meine Schwester lebte, gelang mir dies auch teilweise. Dann aber fühlte ich mich schrecklich einsam ... Die alten Erinnerungen ... die alte Liebe stiegen wieder in mir auf. Die Belle Adisane, die man abends im Lichterglanz wie toll bejubelte, war ein sehr armes, trauriges Weib, das können Sie mir glauben. Herr Doktor!«

Sie blickte melancholisch zu Boden.

In dem Untersuchungsrichter wallte es warm auf. Mitleidig ruhte sein Blick auf der schönen Frau, die ihm soeben ihr Inneres enthüllt hatte. Diese Frau war wirklich eine Ueberraschung.

»Aber Sie hatten doch eine Familie? Einen Vater – Brüder!« sagte er endlich.

»Aber ich verkehre nicht mit ihnen. Sie – waren alle Artisten!« murmelte sie leise. »Und mögen Sie es Hochmut nennen: In mir war immer die Sehnsucht, aus der Umgebung, der ich entstammte, herauszukommen! Durch Torwesten hatte ich den Blick in andere – höhere Regionen geworfen. Das hatte die erst leise aussteigende Sehnsucht zu einer brennenden gemacht. Ich konnte keine Ruhe mehr finden.«

Ihre Stimmung hob sich plötzlich.

»Und ich – habe es erreicht! Wenn auch nur – als Traumtänzerin! Aeußerlich mußte ich bleiben, was ich war, weil Herkunft und Talent mich dazu zwangen. Ich hatte ja nichts – gar nichts sonst gelernt, womit ich mich hätte fortbringen können. Aber innerlich bin ich darüber hinausgewachsen. Alles Niedrige, Entwürdigende des Artistentums habe ich mir ferngehalten. Und so glaube ich, bin ich Georgs erst jetzt wirklich würdig geworden.«

Wasmuth vergaß, zu antworten, als sie schwieg. Halb gerührt, halb bewundernd hing sein Blick an ihr, deren wahres Wesen er erst jetzt zu verstehen glaubte.

Dann aber besann er sich. Er war nicht nur Mensch, sondern auch Untersuchungsrichter. Und es gab so vieles, was er sich noch nicht zusammenreimen konnte mit dem, was er soeben gehört.

»Sie sagen, daß Sie nicht mit Ihren Angehörigen verkehren, Frau Torwesten? Dennoch sollen dieselben seinerzeit in England in Torwestens Haus viel verkehrt haben ... obgleich Sie sich ihm gegenüber vorher für eine Waise ausgaben!«

»Das ist richtig.« Sie senkte errötend den Kopf und sagte schuldbewußt: »Es war die einzige Lüge, die ich Georg sagte. Ich tat es aus Scham. Mein Vater befand sich meist in Amerika. Meine Brüder in Schottland. Schwester Jane trat in Marseille auf. Es wäre mir furchtbar gewesen, Georg all dies zu gestehen ... und ich dachte, sie würden nie etwas von meiner Heirat erfahren. Ich könnte für sie einfach verschwinden. Aber das war töricht. Ich war kaum verheiratet, da traf mich einer meiner Brüder zufällig auf der Straße und ließ mich nicht mehr los, bis er alles wußte. Und dann kamen sie ... zu meiner stillen Verzweiflung ... immer öfter ... täglich ...! Sie, die ewig Rastlosen, Heimatlosen, klammerten sich förmlich an mich, die ich Ruhe gefunden hatte in einem sicheren Hafen. Und sie taten mir so leid. Ich hatte nicht das Herz, sie lieblos hinauszujagen ... Selbst als ich merkte, daß mein Glück dadurch bedroht wurde! Können Sie dies nicht verstehen, Herr Doktor?«

»Doch. Bis zu einem gewissen Grade wenigstens. Aber dann hier in Wien – da waren es doch Sie, die mit Torwesten Ihren Vater aufsuchten!«

»Ja.« Vater kannte ihn noch nicht. Als er damals von Amerika zurückkam, waren wir schon getrennt. Er war sehr traurig darüber und wollte, daß wir uns wieder versöhnten. Darum drängte er, daß ich das Engagement hier annähme, weil uns anders die Mittel zu Reise und Aufenthalt gefehlt hätten.«

»Herr Lytton wohnt? nicht bei Ihnen?«

»Nein. Das wollte ich nicht, obwohl er inzwischen seinen Beruf aufgegeben hatte und von meiner Unterstützung lebte.«

»Warum meldete er sich in dem Hotel garni unter falschem Namen?«

»Das weiß ich nicht. Er meinte, es sei gleichgültig, da ihn hier doch niemand kenne.«

»Eben darum hatte es doch gar keinen Zweck! Aber fahren Sie fort. Sie brachten also Torwesten zu ihm?«

»Ja. Und ich war so froh! Wir hatten uns nämlich schon vorher ausgesühnt und beschlossen, wieder zusammen zu leben, sobald meine Engagementspflicht im Olympion, die ich leider unbedacht einging, beendet sei.«

Wasmut starrte sie verblüfft an.

»Ich dachte, er sei zu Ihnen gekommen, um über die Scheidung zu verhandeln, da er wieder heiraten wollte?«

»O – woher wissen Sie das?« fragte Frau Torwesten überrascht, aber nicht erschrocken.

»Ein Zimmernachbar hat Ihre Unterredung damals belauscht.«

»Ach so. Ja, Georg kam allerdings mit dieser Absicht. Aber die alte Liebe zu mir war gottlob noch nicht tot! Als ich ihm alles erzählte, was ich getrieben und wie ich gelebt hatte seit unserer Trennung, war er sehr gerührt und stellte nur noch die Bedingung, daß ich fortan mit ihm in seiner Villa leben müsse, worauf ich mit Freuden einginq. Später, als wir Vater die Freudenbotschaft mitteilten, erklärte er sich sogar, bereit, für ihn zu sorgen. Nur die Brüder sollten nichts erfahren, damit wir ganz für uns blieben.«

»Aber sie kamen ja mit Ihren Brüdern bei Herrn Lytton an!«

»Allerdings. Wir hatten sie unterwegs getroffen, und sie riefen uns an. Aber Georg schickte sie bald unter einem Auftrag an seinen Chauffeur – genau achtete ich nicht darauf.«

»Und dann? Blieben Sie lange bei Herrn Lytton?«

»O nein. Höchstens eine halbe Stunde. Vater wollte noch am selben Tag nach England zurück. Ich mußte nach Budapest, und Georg sagte, er habe noch dringende Geschäfte. Ich glaube, er wollte zu dem Mädchen, dem er leider Hoffnungen gemacht hatte, und dem er nun reinen Wein einschenken mußte für seine veränderten Zukunftspläne. Wir gingen zusammen fort. Er begleitete mich bis an den Praterstern, wo ich einen Wagen nahm. Georgs Auto sollte, glaube ich, irgendwo dort in der Nähe auf ihn warten. Wir trennten uns darum. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört bis ... gestern abend, wo mir der Direktor jene schreckliche Bemerkung machte.«

Sie schwieg. Wasmuth stand auf und ging mit großen Schritten auf und ab.

Er war völlig überzeugt, daß Frau Torwesten die Wahrheit gesprochen hatte und wirklich von den wahren Ereignissen keine Ahnung besaß.

Ebenso fest überzeugt aber war er, daß ihr Vater u. ihre Brüder Torwestens Schuld kannten und ihm zur Flucht verholfen hatten. Es war nun doppelt erklärlich, daß er sich mit seiner Frau ausgesöhnt hatte. Aber davon brauchte sie vorläufig nichts zu erfahren.

»Eine Frage noch, gnädige Frau,« sagte er, stehenbleibend. »Haben Sie seitdem Nachrichten von Ihrem Vater und Ihren Brüdern erhalten und wissen Sie, wo diese sich aufhalten?«

»Nachrichten bekam ich nicht. Wozu auch? Vater ging nach England zurück und die Brüder wollten nach Russland. Sie sind für eine Tournee dorthin engagiert.«

»Ohne Chambers? Wie ist das möglich?«

Sie sah ihn bestürzt an.

»Richtig – Chambers soll ja tot sein! Aber wissen Sie dies denn ganz gewiß?«

»Ja.«

»Dann kann ich mir die Sache nicht erklären.«

»Ich, ja. Torwesten tötete ihn aus Eifersucht. In jener Nacht wußte er ja noch nicht, daß Ihre Liebe ihm gehörte und Sie von Chambers nichts wissen wollten.«

Frau Torwesten senkte schaudernd den Kopf.

»Es wäre zu gräßlich – wenn Sie recht hätten!« murmelte sie und versank dann in grübelndes Schweigen.

Auch Doktor Wasmut schwieg eine Weile. Dann fragte er, sich besinnend »Sprachen Sie nicht auch davon, daß Sie meine Hilfe anrufen wollten, gnädige Frau? Was meinten Sie damit?«

»In drei Tagen ist mein Kontrakt mit dem Olympion erfüllt und ich möchte dann meinem Georg gegebenen Versprechen gemäß seine Villa in Baden beziehen. Er ist nicht hier – aber ich bin doch nun einmal seine Frau! Ich gehöre zu ihm, jetzt erst recht, wo man einen so schrecklichen Verdacht auf ihn geworfen hat!«

»Das wollen Sie? Solitudo beziehen?«

»Natürlich! Ich fühle, daß es nun doppelt meine Pflicht ist, den Platz einzunehmen, der mir zukommt. Ich habe es Georg ja versprochen ...«

»Hm ... inzwischen hat sich aber manches geändert, gnädige Frau. Vor allem ist Herr Torwesten nicht hier! Sein Haus und sein Eigentum stehen unter Gerichtssiegel.«

»Das weiß ich. Eben darum erbitte ich Ihre Vermittlung. Es kann doch kein Gesetz geben, das der Frau den Eintritt in das Haus ihres Mannes verwehrt, wenn beide Teile damit einverstanden sind!«

Der Untersuchungsrichter fühlte sich einigermaßen in Verlegenheit. Menschlich hatte sie ja recht. Aber eben dieses beiderseitige Einverständnis bedurfte doch erst des Beweises. Bisher hatten sie getrennt gelebt. Von der Versöhnung wußte man nur durch Frau Torwesten. Und sie stand zudem in Widerspruch mit dem, was Torwesten selbst seinem Anwalt mitgeteilt hatte.

Er suchte ihr das schonend begreiflich zu machen. Aber es schien, als ob Frau Torwesten, wie die meisten ihrer Geschlechtsgenossinnen, wenig Sinn für juristische Gründe und gerichtliche Formalitäten besäße.

Sie wollte absolut nicht begreifen, daß man ihr augenblicklich die Villa nicht zur Verfügung stellen könne. Wasmuth konnte sie nur dadurch beruhigen, daß er ihr versprach, sich persönlich mit einigen Juristen zu beraten. Da lächelte sie befriedigt.

»Nun bin ich sicher, daß man meinen Wunsch erfüllen wird! Mein Recht ist sonnenklar! Sie brauchen den Herren nur meinen Trauschein vorzulegen, den ich Ihnen hier lasse, und niemand wird mir verwehren, Georgs Haus zu beziehen.«

Dann war er wieder allein und überdachte noch einmal alle Einzelheiten dieser ihm so unerwartet gekommenen Unterredung.

Titz störte ihn aus seinen Gedanken.

»Eine Expreßsendung aus London von Scotland Yard,« sagte er, indem er ein Paket auf den Schreibtisch legte.

»Von Scotland-Yard? Der Londoner Polizeizentrale?«

Der Untersuchungsrichter riß die Verschnürung auf und untersuchte neugierig den Inhalt. Er bestand aus Aktenstücken und Photographien von Fingerabdrücken.

»Sonderbar,« murmelte er dann, »wo habe ich nur diese Abdrücke kürzlich erst gesehen? Ulnarschlingmuster ... achtzehn Papillarlinien ... Er riß ein Fach seines Schreibtisches auf und nahm eine dort liegende photographische Vergrößerung von Fingerabdrücken heraus.

Im nächsten Augenblick raffte er alles zusammen, verschloß es in ein besonderes Fach und klingelte heftig.

»Titz, rufen Sie mir augenblicklich Inspektor Molnar herauf und telephonieren Sie dann an Detektiv Köhler von der Geheimagentur.«

»Sehr wohl, Herr Untersuchungsrichter.«

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