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Das Haus des Sonderlings

Annie Hruschka: Das Haus des Sonderlings - Kapitel 7
Quellenangabe
authorAnnie Hruschka
titleDas Haus des Sonderlings
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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6.

Heidy hatte natürlich nur Augen für die gegenüberliegende Villa, die sie von ihrem Tisch aus prächtig überblicken konnten.

Frau Siebert verhandelte inzwischen mit Rosina wegen des Essens. Es gab nicht viel Auswahl. Eine Suppe, Wiener Schnitzel oder Back-Hühner mit Salat und Kartoffeln, und wenn man wünschte, eine Omelette.

Frau Siebert entschied sich für ein Wiener Schnitzel, weil Hühner doch ein Luxus gewesen wären, wie sie im stillen dachte.

Der junge Mann, der an einem der nebenstehenden Tische saß und erst jetzt von Frau Siebert bemerkt wurde, schien weniger bescheiden.

Er bestellte ein ganzes Backhuhn für sich und eine Flasche guten Wein. Dann unterhielt er sich leise weiter mit dem Burschen, der ihm gegenübersaß und ein halb städtisches, halb ländliches Aussehen hatte.

Nach einer Weile kam der Wirt heraus und blickte mißtrauisch nach dem dunstigen Himmel, an dem jetzt große Wolken mit blitzenden Rändern aufgestiegen waren.

Aus dem Wirtshaus drang das zischende Geräusch brodelnden Fettes und der Duft gebackenen Fleisches. Dann erschien Rosina wieder, um die Tische zu decken.

Heidy benutzte die Gelegenheit, um ein Gespräch mit ihr zu beginnen und schließlich die Frage daran zu knüpfen, ob man den Garten der Villa nicht einmal ansehen dürfe.

Rosina lachte. »Ja, warum denn nicht, Fräulein? Aber es ist nichts zu sehen dort! Bloß Rasen, Bäume und Wege, und hinter dem Haus ein paar Blumen, die ich gepflanzt, und zwei Rettichbeete, die sich Titus angelegt hat. Das können Sie schon ansehen.«

Sie blickte dabei nach dem Burschen am andern Tisch hinüber.

»Das ist wohl Titus?« fragte Heidy.

»Ja. Er ist jetzt bei uns, weil sein Herr verreist ist.« Ein paar weitere Fragen machten Rosina dann sehr mitteilsam. Sie erzählte Heidy, was sie wußte, und schloß bekümmert: »Es ist so schrecklich, daß man nicht einmal recht weiß, was da drüben eigentlich geschehen ist und warum der Herr so plötzlich fort ist. Auf uns armen Leuten bleibt es nun sitzen!«

»Wieso?«

Rosina warf einen scheuen Blick auf ihren Vater, der immer noch an der Haustür stand und unbeweglich zum Himmel emporblickte. Dann antwortete sie flüsternd: »Wir werden beobachtet, obwohl wir es nicht merken sollen. Und Vater muß alle Augenblicke nach Wien, weil sie immer noch etwas wissen wollen von uns. Und wir können doch nichts anderes sagen als die Wahrheit! Und wir sind immer ehrliche Leute gewesen! Vater kann es gar nicht fassen, daß man uns jetzt mißtraut, und kränkt sich heimlich sehr darüber. Und Titus, der mein Bräutigam ist. sagt ...«

»Rosina!« rief die Stimme der Wirtin aus dem Hause.

»Aha, Mutter ist mit dem Essen fertig. Da muß ich laufen. Aber nachher gehen wir in den Garten hinüber, Fräulein.«

Das Essen war gut und reichlich. Mama Siebert hätte sich nun sehr behaglich gefühlt, wenn der immer düsterer werdende Himmel sie nicht beunruhigt hätte.

Dann fing es leise zu donnern an. Rosina, die man im Haus mit Geschirr klappern hörte, war noch nicht wieder erschienen. Dafür kam der Wirt und brachte dem Herrn am Nachbartisch schwarzen Kaffee.

»Gleich wird es regnen!« sagte er. »Und tüchtig auch noch!«

»Na, dann spannen Sie mir eben die Kalesche an und Anton fährt mich zum Bahnhof, meinte der Herr lächelnd. »Es wäre ja eine wahre Wohltat, wenn es sich ein bißchen abkühlte!«

Frau Siebert und ihre Tochter blickten sich ratlos an. »Was tun denn aber wir, wenn es etwa weiterregnet?« fragte jene leise. Heidy beruhigte sie.

»Vielleicht kommt gar nichts!« Gestern sah es auch so drohend aus und dann verzog sich alles wieder.«

Aber wie als Antwort auf diese Frage zuckte jetzt ein Blitzstrahl durch das dunkle Gewölk, dem ein heftiger Donnerschlag folgte. Gleich darauf prasselten mit Regen vermischte Eisstücke nieder, daß es nur so klirrte ringsum auf Tischen und Bänken. Die Bäume bogen sich im Sturm. Alles lief erschrocken ins Haus. Der Wirt mit dem Kaffeegeschirr in der Hand, der Herr mit den zwei Tischtüchern unter dem Arm, die er in der Eile an sich gerissen hatte.

Zu der kleinen Wirtsstube war man dann enganeinandergedrängt. Die Wirtin zündete in der Ecke eine geweihte Wetterkerze an, Rosina und Titus standen neben Lagler am Fenster und blickten ängstlich auf das nun mit unerhörter Wucht niederbrausende Unwetter hinaus. Es war ganz dämmerig geworden. Blitz um Blitz leuchtete in fahlem Blau auf. –

Unter den drei Linden draußen gab es einen kleinen See und aus dem Villengarten drüben, der etwas aufwärts ging, stürzte das mit Erde vermischte Wasser in braungelben Fluten auf die Straße nieder.

Frau Siebert und Heidy standen am zweiten Fenster und starrten beklommen auf die Verwüstung.

»Wie um Gottes willen kommen wir nun von hier fort?« klagte die Mutter. »Wenn es auch aufhört – der Weg wird ja grundlos sein!«

»Leider! Und den einzigen Wagen, den man hätte bekommen können, hat der Herr vorhin schon gemietet. Ich wollte wirklich, wir wären in Wien geblieben!«

Der junge Mann, der diese leise gesprochenen Worte gehört und Heidy schon draußen mit Interesse beobachtet hatte, trat zu den beiden Frauen.

»Wenn die Damen mir gestatten, Ihnen zwei Plätze in der Kalesche anzubieten, so ist uns allen geholfen. Der Wagen ist zwar nur ein Einspänner mit Halbdach, aber ich glaube, wir würden doch ganz gut darin Platz haben,« sagte er.

»Das ist sehr liebenswürdig, und wir nehmen es mit Dank an, mein Herr,« antwortete Frau Siebert erleichtert.

Der junge Mann verbeugte sich.

»Rechtsanwalt Dr. Herrlinger,« stellte er sich vor.

Heidy fuhr überrascht auf.

Dr. Herrlinger –?! Geo ... Herrn Torwestens' Anwalt! Welches Zusammentreffen!« rief sie freudig.

»Sie kennen Freund Torwesten?« fragte Herrlinger nicht minder überrascht, denn das »Geo ...« war ihm nicht entgangen.

»Ja. Ich heiße Heidy Siebert ... dies ist meine Mutter,« sagte sie einfach, während Herrlinger sie überrascht anstarrte.

»O, wirklich? Fräulein Siebert? Das ist in der Tat ein seltsames und frohes Zusammentreffen!«

Man hatte jetzt das Wetter und alles andere vergessen, setzte sich gemütlich an dem Ecktisch der Stube zusammen und sprach von dem einen, der alle drei herausgeführt hatte und ihre Gedanken fortwährend beschäftigte.

Herrlinger war gekommen, um Titus selbst noch einmal um alles zu befragen. Heidy erzählte von ihrer Unterredung mit der Alten im Zeitungskiosk. Man kombinierte und erwog und darüber wurde der Himmel draußen lichter, die Zeit verging.

Nach einer Stunde meldete Rosina, daß der Regen aufgehört habe. »Aber wie sieht's draußen aus! Daß Gott erbarme! Den ganzen Kies hat's uns aus dem Garten weggeschwemmt und drüben in Herrn Torwestens Garten das halbe Erdreich! Der Rasen ist ganz ausgewaschen. Keine Spur, daß Sie hinüber können, Fräulein!«

»Wie schade!«

»Aber ich muß sehen, ob der Regen mir denn wirklich mein Blumenbeet ganz herabgeschwemmt hat, wie's fast den Anschein hat, oder ob ich noch ein paar Blumen für Sie finde, Fräulein,« fuhr Rosina fort. Heidy erhob sich sofort.

»Dann gehe ich doch auch mit!«

Beide Mädchen verließen die Stube.

Es war noch nicht fünf Uhr. Der Himmel war wieder völlig klar. Frau Siebert machte eben Rechnung mit dem Wirt, Dr. Herrlinger war nach dem Stall hinausgegangen, um das Einspannen zu betreiben, da wurden alle jäh aufgeschreckt durch einen gellenden Schrei, der vom Billengarten herüberklang.

Gleich darauf jagte Rosina den Kiesweg herab, hinter ihr, etwas langsamer, folgte Heidy, leichenblaß, von Entsetzen geschüttelt.

Herrlinger eilte ihnen erschrocken entgegen. »Was ist geschehen?«

Ehe Heidy antworten konnte, schrie Rosina gellend:

»Vater! Titus! O Gott – sie haben Herrn Torwesten doch ermordet! Unten im Garten – dort liegt er!«

»Unsinn!« fuhr sie Herrlinger an und blickte fragend auf Heidy.

Diese deutete mit bebender Hand scheu hinter sich.

»Ich weiß nicht, wer ... aber eine Hand ... aus der Erde ...« stammelte sie mit weißen Lippen. »Dort oben, hinter dem Haus! ...

Der Advokat schob sie ihrer Mutter zu und eilte mit dem Wirt und Titus hinauf in den Garten. Sollte ein Zufall den Leichnam des unbekannten Ermordeten bloßgelegt haben? Ja! – Dann sahen sie es von weitem, grauenhaft, unheimlich deutlich: einen nackten Männerarm aus der Erde ragend, wie in stummer Anklage zum Himmel erhoben.

In einem von Titus' Radieschenbeeten war es. Man hatte ja damals im Garten gesucht. Aber an das Beet, wo die Pflanzen so nett in Reih' und Glied standen, hatte niemand gedacht, obwohl ja in dem lockeren Gartenbeet das Vergraben am wenigsten Mühe machte. Man brauchte nur zehn bis zwölf der jungen Pflanzen auszuheben und dann wieder darüber zu setzen, so sah alles unverdächtig aus. Besonders, da es am nächsten Tage regnete. Jetzt hatte der Wolkenbruch die obere Erdschicht abgeschwemmt und den Arm freigelegt.

Es sah gräßlich aus und kam allen so unerwartet, daß sie zunächst nur stumm darauf niederstarrten.

Dr. Herrlinger faßte sich zuerst und befahl, daß Anton sofort nach Baden fahre, um Anzeige zu erstatten. Inzwischen müsse hier alles unberührt bleiben.

Er riet Frau Siebert, gleich mitzufahren, er selbst müsse natürlich da bleiben. Aber Heidy weigerte sich energisch.

»Nicht eher, als bis ich weiß, wessen Leiche da unten liegt!« erklärte sie.

Dann saßen sie in bangem Schweigen wartend in der Stube, Stunde um Stunde, bis endlich die Kommission kam.

Herrlinger bestand darauf, daß Heidy nicht mit hinauf ging, sondern ruhig bei ihrer Mutter blieb, bis er ihr das Resultat mitteilen konnte.

»So etwas ist kein Anblick für Sie! Aber ich verspreche Ihnen, daß Sie die erste sind, die erfährt, was die Untersuchung ergeben hat.

Wieder verging eine halbe Stunde.

Dann kam Herrlinger zurück. Er war sehr bleich und seine Stimme klang seltsam gepreßt.

»Es ist nicht Georg, wie ich mir ja gleich dachte! Ein ganz fremder Mensch.«

»Gott sei Dank!« atmete Heidy auf und brach in Tränen aus. Dann fragte sie: »Weiß man, wer es ist?«

»Er hatte in der Rocktasche Briefe und Visitenkarten, die auf den Namen Fred Chambers lauten. Wenn er wirklich so heißt, dann ist es jener Freund der Brüder Lytton, den Torwesten einst bei seiner Frau fand!«

Fast tonlos hatte er gesprochen, wie wenn seine Gedanken anderweitig beschäftigt wären.

Heidy verstand ihn sofort. Angstvoll umklammerte sie seinen Arm.

»Um Gottes willen – Dr. Herrlinger – Sie wollen damit doch nicht sagen, daß ... daß ... Georg ...

»Ich nicht! Nein! Ich müßte dann an mir selber irre werden!« antwortete der Rechtsanwalt beinahe heftig. »Aber – andere werden es sagen! Alles wird jetzt dadurch in anderem Lichte erscheinen! Man wird sich fragen: Wie kam dieser Mensch in sein – gerade sein Haus? Warum wurde er gerade dort ermordet? Wer anders konnte ein Interesse daran haben, ihn zu töten, als der Mann, dessen Ehre er angegriffen, dessen Eheglück er zerstört hat? Es ist zum Verrücktwerden! Das Schweigen des Hundes in jener Nacht, das bisher nur unbegreiflich schien – jetzt wird es zur Anklage werden! Wie der verschwundene Koffer mit Torwestens Kleidern, wie seine Abreise und das Geld, das er von mir verlangte. All das wird zur schweren Belastung.«

Heidy fuhr sich über die Stirn.

»Sie träumen! Ging er denn freiwillig? Wissen wir nicht, daß er mit Gewalt fortgebracht wurde?«

»Wissen wir es wirklich? Vermuten wir es nicht nur? Keinesfalls können wir es beweisen. Man wird sich die Dinge nun ganz anders zusammenreimen. Hempel erzählte mir, daß schon damals der Untersuchungsrichter die Bemerkung machte, Torwesten könne um die Zeit, da man hier Licht sah, sehr gut wieder zurückgewesen sein. Und vorhin hörte ich von den Herren der Polizeikommission bereits ähnliche Worte, obwohl diese Leute noch keine Ahnung haben, in welchen Beziehungen Torwesten zu dem Ermordeten stand. Der Chauffeur ist tot. Er kann nicht mehr für seinen Herrn zeugen. Sein Tod aber spricht unbedingt gegen ihn. Man wird sagen, Torwesten habe sich dieses Zeugen entledigen wollen.«

Heidy schwieg. Eine Flut von Gedanken stürmte: durch ihren Kopf.

Ja. Das klang alles so logisch. Man würde vielleicht so denken. Sie aber konnte das keinen Augenblick wankend machen in ihrer Ueberzeugung, daß Torwesten nicht der Mörder Chambers war.

Um seine Unschuld zu beweisen, brauchte man freilich etwas Wichtiges: Torwestens Alibi. Wo war er in jener Nacht von neun Uhr abends bis zum nächsten Morgen, an dem sie ihn in der Mariahilferstraße getroffen hatte, gewesen?

Sonderbar, daß sie alle bis jetzt darüber noch gar nicht nachgedacht hatten!

Dr. Herrlinger hatte ganz richtig vermutet. Die Behörde betrachtete das Verschwinden des Millionärs Torwesten nun plötzlich mit ganz andern Augen.

Mann bleibt schließlich Mann. Daran ändern auch Millionen nichts. Und wenn ein Mann den andern so tief gekränkt hat, so siegt die Natur nur zu oft über Bildung und Beherrschung.

Gott weiß, wie die beiden an jenem Abend aneinander geraten waren und wie sehr der Artist Torwesten gereizt haben mochte? Sicher schien nur, daß dann bei diesem der lang angesammelte Haß sich in besinnungsloser Tat Luft gemacht haben mußte.

Fred Chambers Leichnam war von Messerstichen förmlich zerfleischt. Nur blinde Wut konnte so sinnlos zugestochen haben.

Dr. Wasmut war so fest von dieser Deutung des Verbrechens überzeugt, daß er seine bisherige vorsichtige Taktik sofort änderte und seine Nachforschungen nun in voller Öffentlichkeit machte. Nicht nur bei allen Polizeiämtern, auch in den Zeitungen erschien Torwestens Steckbrief. Alle Umstände seiner Flucht, seine Doppelexistenz, seine Vergangenheit als Gatte der Mary Anne Lytton, welche jetzt unter dem Namen »la belle Adisane« auftrat, wurden bekannt. Zuletzt auch die sensationelle Auffindung der Leiche draußen in der Villa Solitudo.

Der Direktor des Kaisergartens strahlte vor Wonne. Eine so ungeahnte Reklame für seinen neuengagierten Star hatte er nicht ahnen können!

In hellen Haufen würde man ins Olympion strömen, um die schöne Tänzerin zu sehen, die einen Millionär zum Mörder werden ließ.

Silas Hempel bekam auf der Rückfahrt von Budapest den Mordbericht zu Gesicht und las ihn – starr vor Bestürzung.

Dann ballte er das Zeitungsblatt wütend zusammen und schleuderte es hinaus in die Landschaft.

Sein erster Weg vom Bahnhof weg war in das Bureau des Untersuchungsrichters. Er stürmte förmlich hinein und überschüttete Wasmut mit einer Flut von Vorwürfen.

»Wie konntest du zulassen, daß dieses alberne Zeug in die Oeffentlichkeit kam?« schloß er. »Möglicherweise ist uns nun alles verdorben!«

Der Untersuchungsrichter blieb merkwürdig kühl.

»Ich ließ es nicht bloß zu, lieber Silas, sondern lancierte es selbst hinein. Denn ich brauche nun die Hilfe des Publikums, um Torwestens habhaft zu werden. Die Masse muß wissen, was geschah, damit jeder, der vielleicht etwas sah oder beobachtete, sich freiwillig meldet. Wir haben ja leider eine ganze Woche Zelt verloren ...«

»Ja, glaubst du denn diesen Unsinn selber?«

»Unbedingt. Meiner Ansicht nach klärt sich dadurch alles Rätselhafte auf.«

»Wie scharfsinnig! Und der alte Lytton? Mit seiner Fabel vom wahnsinnigen Sohn?«

»Auch das! Versetze dich nur in Torwestens Lage! Als Mörder hatte er sich selbst aus der Gesellschaft ausgestoßen. Die Teilnahme, Hilfe und Freundschaft anständiger Menschen war ihm fortan versagt. An wen muß er sich da naturgemäß halten? Doch nur an die, die geistig mitschuldig waren an seiner Tat, die ihm also am ersten verzeihen werden. An jene, die von ihm noch etwas zu hoffen haben, ihm also helfen müssen, ihn der Gerechtigkeit zu entziehen, wenn sein Geld ihnen nicht ganz verloren gehen soll!«

»Ah so – du bist der Ansicht, Torwesten habe sich freiwillig wieder mit den Lyttons vereinigt, ihnen alles gestanden und sich absichtlich von dem Alten als Wahnsinniger fortbringen lassen, um spurlos zu verschwinden?«

»So ungefähr. Viel anders kann es nicht sein. Das gleichzeitige Verschwinden der Copleys mit Warrik fiel mir gleich auf. Ich habe mich an eine erste Artistenagentur in Paris gewandt und erfahren, daß die Lyttons und ihr Freund Chambers seit ungefähr zwei Jahren mit einer neu einstudierten Sensationsnummer unter dem Namen ›Brothers Copley‹ reisen. Chambers war es, der hier angeblich plötzlich wahnsinnig wurde und verschwand. Jetzt hat man seine Leiche gefunden. Der Wahnsinnige, mit dem die Brüder verschwanden, ist also wahrscheinlich derselbe, den der alte Lytten fortschaffte – nämlich Torwesten«

»Du vergißt dabei nur eines,« sagte Hempel spöttisch, »daß Chambers angeblicher Wahnsinn hier schon bald nach neun Uhr ausbrach, wo er noch lange nicht ermordet war – man also noch gar nicht wissen konnte, was nachher geschah!«

»Daran dachte ich schon. Dieser Punkt ist allerdings noch nicht ganz aufgeklärt. Aber er läßt sich doch erklären. Konnte zwischen ihm und Torwesten nicht schon früher eine Begegnung stattgefunden haben, wobei für die Nacht vom 29. eine Zusammenkunft verabredet wurde? Chambers kann ja die belle Adisane wirklich geliebt haben und auf Torwesten eifersüchtig geworden sein. Er kann auch den Lyttons vorher die Absicht mitgeteilt haben, Torwesten in seiner Villa aufzusuchen. Sie sahen seine Aufregung und folgten ihm, um ihn daran zu hindern. Er kann wirklich wahnsinnig geworden und in diesem Zustande auf Torwesten gestoßen sein. Du siehst, es gibt eine Menge Möglichkeiten! Auch die, daß die Lyttons vorher gar nichts gewußt haben und nachher nur Chambers Erregung benutzten, um sein Verschwinden zu erklären und Torwesten zu helfen.«

Hempel strich sich ärgerlich über die Schläfen

»Mensch – du könntest einen verrückt machen mit deinen ›Möglichkeiten‹! Und doch sagt mir eine innere Stimme, daß alle falsch sind! Torwesten hat diesen Menschen nicht ermordet!«

»Wer sonst?«

»Wer sonst? Willst du mir dies nicht sagen?«

»Ich weiß es nicht. Wenigstens jetzt noch nicht. Irgend ein anderer, dem er im Wege stand.«

»Und der lockte ihn in die so weit entfernte Villa Torwestens, um ihn dort zu ermorden? Wie unwahrscheinlich! Das hätte er ja überall anderswo bequemer gehabt!«

Silas Hempel sagte nichts mehr. Er griff nach seinem Hut.

»Aha!« lächelte der Untersuchungsrichter. »Du fängst schon an, dich mit meiner Theorie zu befreunden, und siehst ein ...«

»Nein, ich sehe nur ein, daß wir fortan jeder unsern eigenen Weg gehen müssen und daß der deine niemals der meine werden kann! Lebe wohl. Wasmut. Ich wünsche dir Glück zu deiner Aufklärungsarbeit!«

Mit diesen Worten hatte er das Zimmer verlassen. Zwei Stunden später saß er bei Sieberts.

Frau Siebert, die sehr gedrückt war, wollte mit Klagen beginnen, wie peinlich die Zeitungsberichte für sie seien, aus denen, wenn auch ihre Namen nicht genannt seien, doch manche ihrer Bekannten errieten, daß Heidys Bräutigam derselbe Brand sei, von dem jetzt so viel die Rede sei. Aber Heidy unterbrach sie rasch.

»Das ist ja so nebensächlich, liebe Mama! Was gehen uns die Leute mit ihrem Geschwätz an? Wir haben doch jetzt viel Wichtigeres zu denken!«

Hempel bewunderte heimlich ihre ruhige Sicherheit.

»Gottlob, auf Sie hat also diese Deutung des Mordes nicht viel Einfluß gehabt!« sagte er befriedigt.

»Nicht den mindesten. Aber Georgs Lage erscheint mir nun viel, viel ernster als früher.«

»Leider! Da die Behörde ...«

»Ich meine nicht das! Um Ihre Behörde würde ich mich nicht so viel kümmern!« Sie schnippte mit den Fingern. »Aber sonst! Ich bin nämlich fest überzeugt, daß man diesen Chambers absichtlich in Solitudo ermordet hat um den Verdacht auf Georg zu lenken!«

Der Detektiv blickte überrascht auf.

»Wie kommen Sie auf diesen Gedanken? Welchen Zweck sollte man dabei verfolgt haben?«

»Einen doppelten. Erstens wollte man Georg die Rückkehr erschweren, indem man, falls ihm eine Flucht gelänge, seinen Angaben von vornherein die Glaubwürdigkeit nahm.«

»Zweitens?«

»Zweitens blieb im Falle seines Todes der Mord unbedingt auf ihm sitzen, und ein geschickt begangener Selbstmord würde der Behörde dann als Verzweiflungsakt sicher nur ganz glaubhaft erscheinen.«

»Aber wer soll den Mord begangen haben?«

»Könnten es nicht die Lyttons selbst gewesen sein?«

»Kaum glaublich. Er war ihr Freund und reiste seit Jahren mit ihnen. Zu einer solchen Tat müßte doch ein ausreichender Beweggrund vorhanden sein.«

»Gut. Er reiste mit ihnen. Aber wenn ihnen ihr Erpressungsplan hier gelang, dann brauchten sie ihren Beruf doch nicht mehr auszuüben. Wäre es nun nicht denkbar, daß Chambers etwas von diesem Plan merkte und sich als ehrlicher Mensch widersetzte?«

»Sie folgern scharf wie ein geborener Kriminalist. Aber der Hund? Ich komme immer wieder auf den Hund zurück, der sich in der Mordnacht nicht rührte! Wenn fremde Leute, wie diese Artisten, ins Haus gedrungen wären – mußte er sich doch rühren!«

»Gut. Lassen wir die Frage nach den wahren Tätern ganz beiseite. Dann bleibt uns nur ein Weg, Georgs Unschuld zu beweisen: sein Alibi für jene Nacht.«

»Eine fast so schwere Frage wie die, wohin man ihn geschafft hat.«

»Nun, die Richtung wenigstens weiß ich bereits.«

Sie erzählte dem Detektiv, wie sie dies mit Hilfe der Zeitungsverkäuferin in Erfahrung gebracht habe.

»Und dann,« schloß sie, »machte ich mich ernstlich daran, herauszubekommen, wo er die Nacht vom 29. Mai verbracht hat. Ich dachte mich in Georgs Lage. Er wollte mit seiner Frau der Scheidung wegen in Verbindung treten, konnte aber ihren Aufenthaltsort nicht ermitteln. Nur daß sie Tänzerin sei, wußte er. Da schickte man ihm jenen Zeitungsbericht über die belle Adisane aus – Wien. Das mußte doch sofort die Vermutung in ihm erregen, daß es sich darin um Mary Anne Lytton handelte, denn wozu hätte man ihm das Blatt sonst zugeschickt? Abends kam dann noch eine spezielle Botschaft von ihr, die ihn nach Wien rief. Da entschloß er sich, sofort zu fahren. In ihrem Absteigquartier konnte er sie aber nachts nicht ohne weiteres aufsuchen. Ich dachte mir also, daß er wahrscheinlich den Versuch gemacht hat, sie im Apollotheater zu treffen, um die Zeit der Zusammenkunft am nächsten Tage zu vereinbaren.«

Hempel, der aufmerksam zugehört hatte, nickte beifällig.

»Ein ganz logischer Gedanke. Aber ob sich das feststellen lassen wird ...?«

»Es ist bereits festgestellt. Georg war an jenem Abend im Apollo!«

»Wie – auch das haben Sie bereits herausgebracht?«

»Ja. Ich war heute früh mit einer Bekannten, die jetzt im Olympion angestellt ist und früher Garderobiere im Apollo war, dort. Es gelang uns, vom Kassier zu erfahren, daß an jenem Abend gleich nach zehn Uhr ein einzelner Herr erschien, der, da alle Plätze vergriffen waren, sich mit einem Stehplatz begnügen mußte. Er stellte sich rückwärts am Eingang auf, wo auch der Kassier stand, der ihn also genau sehen konnte und nach der ihm vorgezeigten Photographie sofort wiedererkannte.

Als er kam, hatte die Belle Adisane eben ihren zweiten Tanz begonnen. Er sah etwa fünf Minuten zu. Dann wandte er sich an den Kassier und ließ sich von ihm zu der Frau führen, die die Künstlergarderoben zu versorgen hat. Dieser gab er ein rasch mit Bleistift geschriebenes Billett für die Traumtänzerin und verließ hierauf das Theater. Es war fünf Minuten nach einhalb elf Uhr. Er war also genau eine Viertelstunde im Apollo geblieben.«

»O weh! Das ist ein schlechtes Alibi! Denn da konnte er um Mitternacht sehr leicht wieder in Solitudo sein!«

»Konnte! Aber ich bin überzeugt, daß es ihm gar nicht einfiel wieder hinauszufahren. Mindestens ist festgestellt, daß er mit Chambers nicht zusammentraf, denn dieser war ja schon eine Stunde früher fort!«

»Man wird sagen, Torwesten kann ihn nachher getroffen haben!«

»Warten Sie nur. Ein Portier vom Apollo hat den Chauffeur Wastler zufällig von früher her gekannt und mit ihm gesprochen, während Georg im Theater war. Als Georg dann fortfuhr, sah er dem Automobil nach. Es fuhr nur bis zum nächsten Café, wo Georg ausstieg und eintrat. Auch dort habe ich Nachforschungen angestellt. Der Zahlkellner erkannte ihn ebenfalls nach der Photographie. Von ihm erfuhr ich, daß Georg dort einen Bekannten traf, einen älteren Herrn, der offenbar nicht in Wien lebt, denn der Kellner hörte, wie Georg ihn mit den Worten begrüßte: »Welche Ueberraschung! Wie kommst du denn nach Wien, Max?« Sie setzten sich nur auf einige Minuten hin und verließen dann zusammen das Café. Der ältere Herr, der wie ein Gutsbesitzer aussah, stieg mit Georg in das Automobil. Sie fuhren in der Richtung gegen die Mariahilferstraße zu. Das ist alles, was ich bis jetzt herausbrachte. Diesen Herrn ›Max‹ müssen wir natürlich unbedingt finden! Ich denke, da die Freunde sich so unerwartet trafen und dann zusammen fortfuhren, werden sie sich sicher nicht gleich getrennt haben. Damit hätten wir also dann Georgs Alibi für die in Betracht kommende Zeit.«

»Wissen Sie, daß es außerordentlich ist, was Sie in dieser kurzen Zeit geleistet haben? Welche Energie und welche Umsicht! Kein Detektiv von Fach hätte es besser machen können.«

»Ich liebe Georg eben,« sagte Heidy einfach. »Und wenn eine Frau liebt, hat sie, glaube ich, auch immer die Fähigkeit, über sich selbst hinauszugehen. In gewöhnlichem Zustande bin ich ja ein feiger Hase, der sich kaum traut, Fremden gegenüber den Mund aufzumachen. Aber nun kommt die Reihe des Erzählens an Sie, Herr Hempel! Wie ist es Ihnen in Budapest mit der belle Adisane gegangen?«

»Schlecht,« antwortete er mißmutig. »Dieses Weib ist entweder wirklich in nichts eingeweiht, oder sie ist schlauer als ein Teufel. Ich habe nichts, gar nichts von ihr erfahren.«

»Vermutlich ahnte sie, in welcher Absicht Sie kamen? Sie muß sich ja sagen, daß die Behörde den Versuch machen wird, etwas von ihr zu erfahren.«

»Das glaube ich kaum. Wenigstens noch nicht, als ich bei ihr war. Damals schwiegen die Zeitungen noch über alles, und sie konnte gar nicht ahnen, daß man dort ihre Beziehungen zu Torwesten kennt. Selbstverständlich trat ich ihr auch nicht mit dem offenen Visier entgegen.«

»Sie wählten eine Verkleidung?«

»Und was für eine! Ich glaube, mein bester Freund hätte mich nicht in dem ehrenwerten Rentner Gotthold Musbäcker aus Graz wiedererkannt, der seinem alten, lieben Freunde Torwesten eine alte Schuld zurückzahlen will und außer sich ist, das Geld so lange in der Tasche behalten zu müssen, weil er ihn nicht finden kann.«

»Das sagten Sie ihr? War sie denn nicht erstaunt, wie Sie dazu kamen, sich gerade an sie zu wenden?«

»Nein. Ich erklärte ihr, daß ich von Georg selbst in seine Heiratsgeschichte eingeweiht wurde und ihn am 30. früh mit ihr das Palast-Hotel habe verlassen sehen. Ich tat, als ob ich glaubte, sie hätten sich wieder ausgesöhnt. Sie tat dabei ganz unbefangen, blieb aber bei der Behauptung, keine Ahnung zu haben, wo ihr Mann gegenwärtig sei. Sie habe ihn bisher in seiner Villa Solitudo vermutet und sei sehr erstaunt, zu hören, daß er verreist sei.

Als er sie damals im Palast-Hotel aufsuchte, habe er zuerst mit ihr über die Scheidung verhandeln wollen. Später aber hätten sie sich ausgesöhnt und beschlossen, wieder miteinander zu leben. Sie wolle nur ihre Engagementspflicht im Olympion noch erfüllen, dann ihren Beruf aufgeben und zu ihrem Mann nach Solitudo ziehen.

Nachdem sie dies in Gegenwart ihres Vaters ausgemacht hätten, habe Georg mit ihr zu Fuß das Hotel garni verlassen, wo ihr Vater wohnte und sie dann noch ein Stück begleitet.

Am Praterstern trennten sie sich angeblich. Sie konnten den Rest des Tages nicht gemeinsam verbringen, weil sie selbst abreisen mußte und Georg noch eine Verabredung für den Nachmittag hatte. So viel sie wisse, habe er nach der Trennung von ihr sein Auto aufsuchen wollen, das er an die Reichsbrücke vorausgeschickt habe. Seitdem wisse sie nichts mehr von ihm.«

Heidys Gesicht war während dieses Berichtes immer bestürzter geworden.

Jetzt sagte sie wie im Traum: »Sonderbar! Sollten sie sich wirklich ausgesöhnt haben und die Lyttons ohne Wissen der Tänzerin handeln?«

»Darüber kann ich noch kein Urteil fällen. Die Adisane sprach völlig unbefangen und anscheinend die Wahrheit. Wenn sie sich verstellte, geschah es jedenfalls mit vollendetem Geschick. Uebrigens kommt sie morgen nach Wien. Ich werde also wohl Gelegenheit haben, sie noch eingehender zu studieren.«

Heidy sah gedrückt vor sich hin. Eine namenlose Angst schnürte ihr die Kehle zusammen und trieb ihr, ohne daß sie es wußte, Tränen in die Augen.

Der Gedanke, daß es der schönen Tänzerin gelungen sein könnte, Georg wirklich zu einer Aussöhnung zu bewegen, lähmte sie förmlich. War das so ganz undenkbar? Die Adisane war, wie man sagte, berückend schön. Georg hatte sie früher geliebt. Und ... sie war seine Frau! Vor dieser Tatsache mußten dann alle Versuche, ihn ihr wieder abspenstig zu machen, schweigen ...

Dann wallte ihr das Blut heiß zum Herzen.

»Aber, wenn das möglich – nur denkbar wäre, dann hätte er mich doch nie geliebt!« dachte sie schmerzlich. »Dann würde das bedeuten, daß er mich aufgibt ... daß ich ihm nie etwas war ...«

Hempel, der sie beobachtet hatte und ihre Gedanken erriet, klopfte ihr plötzlich lächelnd auf die Schulter.

»Kopf hoch, Fräulein Heidy! Und hübsch vernünftig bleiben! Es ist ja möglich, daß die Adisane nicht weiß, was ihre Verwandten beabsichtigen und wo Torwesten jetzt ist. In einem Punkte ist ihr bereits eine Unwahrheit nachzuweisen: er hat das Hotel garni nicht mit ihr verlassen. Darum glaube ich auch kein Wort von dieser Aussöhnung.«

Kapitelnummerierungsfehler ab hier. Korrigiert. Re

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