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Das Haus des Sonderlings

Annie Hruschka: Das Haus des Sonderlings - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAnnie Hruschka
titleDas Haus des Sonderlings
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180806
projectid323786c7
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4.

»Sollte man Heidy Siebert sagen, wie die Dinge standen, oder sie mit dem Trost hinhalten, Herr Brand habe eine Geschäftsreise antreten müssen, die geheim bleiben sollte, doch würde er ihr seinerzeit alles selbst mündlich erklären?«

Der Untersuchungsrichter, den Hempel zu Rate zog, weil Heidy ihn täglich durch Boten und Brieflein quälte, doch endlich zu kommen und ihr seine bisherigen Resultate mitzuteilen, war unbedingt für den letzteren Weg.

»Alle Weiber sind schwatzhaft,« erklärte er mit dem überzeugten Hochmut des eingefleischten Junggesellen, »und wir müssen doch gerade sehr behutsam alles, was wir wissen, noch geheim halten, um die Feinde, deren Aufenthalt wir noch nicht kennen, sicher zu machen. Ich finde es sehr zudringlich von dieser Sprachlehrerin, dich überhaupt zu drängen!«

»Du vergißt, daß sie liebt! Wenn ein Weib wahrhaft liebt, tritt alles andere dagegen zurück. Aus diesem Grunde meine ich auch, daß wir ihr vielleicht volle Offenheit schuldig sind. Nach Schwatzhaftigkeit sieht sie übrigens ganz und gar nicht aus.«

»Was meint denn Dr. Herrlinger?«

»Er stellt die Sache mir anheim, da er Fräulein Siebert nicht persönlich kennt, also kein Urteil über sie hat.«

»Na, dann tu, was du willst! Ich bin grundsätzlich dagegen, will dich aber nicht hindern zu tun, was du für richtig hältst.«

Trotzdem schob Silas Hempel einen Besuch bei Sieberts von Tag zu Tag hinaus, und zwar aus Zeitmangel. Er beruhigte Heidy nur durch ein paar Zeilen, worin er ihr mitteilte, daß Brand bestimmt nicht tot sei und sich auch wahrscheinlich in keiner Gefahr befinde. Alles weitere werde er ihr mitteilen, sowie seine Zeit es erlaube. Vorläufig sei er durch eben diese Nachforschungen vom Morgen bis in die späte Nacht hinein in Anspruch genommen.

In der Tat lief er unermüdlich wie ein Jagdhund, der die Fährte verloren hat, in Wien herum. Denn so leicht es anfangs schien, Torwestens Spur aufzufinden, so schwer erwies es sich jetzt.

Es war, als ob sowohl Warrik mit seinem Opfer als auch seine Söhne spurlos vom Erdboden verschwunden seien, seit man sie in dem Hotel garni der Praterstraße zum letztenmal gesehen hatte.

Die Untersuchung des toten Chauffeurs hatte unzweifelhaft Mord ergeben. Man hatte Wastler erst mit Chloroform betäubt, ihn dann erwürgt und über den Straßenrand in ein Gestrüpp geworfen. Das Auto stieß man dann an derselben Stelle die hohe Böschung hinab, so daß es, sich überschlagend, gerade auf ihn stürzte.

Wahrscheinlich hatte man gehofft, die Leiche werde dadurch so zugerichtet werden, daß sich die Todesursache nicht mehr feststellen ließ. Nur das Gestrüpp, welches das Auto teilweise aufhielt, vereitelte diesen Plan.

Ueber die Brüder Copley war trotz aller Nachforschungen nichts Näheres zu erfahren. Sie gaben sich für Amerikaner aus und behaupteten, Copley sei ihr wahrer Name. Ihre Papiere waren tatsächlich auf diesen Namen ausgestellt und amerikanischen Ursprungs. Der Direktor des Apollotheaters hatte sie durch eine Agentur eingestellt und kannte sie vorher nicht, da sie zum erstenmal nach Oesterreich kamen.

Den angeblichen Wahnsinnsanfall des dritten, der zwar auch unter dem Namen Copley auftrat, aber in Wirklichkeit Fred Chambers hieß, kannte er selbst nur durch Bedienstete seines Etablissements. Es schien ihm ein Streit vorausgegangen zu sein. Die Nummer der Copleys war die dritte im Programm und um neun Uhr zu Ende. Gleich darauf soll Chambres schreiend und mit wildrollenden Augen aus der Garderobe gestürzt und durch den Bühnenausgang hinausgelaufen sein, der ältere Copley ihm nach. Im Vorübergehen rief er dem erschrocken hinzueilenden Direktionssekretär zu, daß Chambers, der Neurastheniker sei, öfter solche Anfälle habe. Sie würden ihn schon wieder zur Ruhe bringen. Dann folgte auch der jüngere Copley. Einer der Brüder hatte Chambers Hut und Mantel über dem Arm, denn dieser war ohne Ueberkleider weggelaufen.

Am nächsten Morgen war einer der Copleys beim Direktor erschienen und hatte bedauernd mitgeteilt, daß ihre Nummer leider vom Programm gestrichen werden müsse, da sie ohne Chambers unausführbar sei. Chambers aber sei vorläufig unfähig aufzutreten, da seine Neurasthenie in Verfolgungswahn übergegangen sei und er eigentlich ins Irrenhaus gehöre. Doch wollten sie das dem Freund nicht antun, sondern lieber mit ihm einen, stillen Landaufenthalt in Südfrankreich aufsuchen, um ihn dort gesund zu pflegen. Sie seien bereit sofort eine Summe zu erlegen, damit der Direktor keinen Schaden erleide, und bäten nur, die Sache geheim zu halten, weil ihnen sonst das Wiederauftreten später erschwert würde.

Das klang alles so anständig und unverdächtig, daß der Direktor nicht den leisesten Zweifel in diese Angaben setzte. Er bekam 3000 Francs bar ausgezahlt, übergab den Copleys ihre Papiere und kümmerte sich nicht weiter um die Sache.

Hempel hütete sich auch, sein Mißtrauen nachträglich zu wecken. Südfrankreich war natürlich nur ein hingeworfener Brocken, um auf eine falsche Fährte zu locken, falls jemand an Verfolgung dachte.

Die drei Copleys hatten im Hotel »Stern« in der Praterstraße gewohnt, aber fast kein Gepäck mit sich geführt. Am Morgen nach ihrem letzten Auftreten war der jüngste von ihnen dort erschienen und hatte ungefähr dasselbe berichtet, wie der älteste beim Direktor. Sie hätten die ganze Nacht nach ihrem Kollegen gesucht, der sich jetzt unter der Obhut eines Krankenwärters bereits am Bahnhof befinde. Er selbst sei nur gekommen, die Rechnung zu zahlen und das Gepäck zu holen. Er sah dabei sehr bedrückt aus.

Mit diesen dürftigen Angaben war die Spur der Copleys erschöpft. Aber Hempel vermutete, daß es sich bei den Copleys um die Brüder Lytton handelte.

Am Morgen des 1. Juni war dann in der Filiale des Wiener Bankvereins in Linz ein junger, elegant gekleideter Herr, auf den die Beschreibung des älteren Copley so ziemlich stimmte, erschienen. Er hatte die von Dr. Herrlinger angewiesenen 20 000 Kronen abgehoben, wobei er sich als Georg Torwesten ausgab.

Was weiter aus ihm geworden war, konnte nicht festgestellt werden. Niemand kannte, niemand beobachtete ihn.

Das Automobil, mit dem Warrik zur Bahn gefahren war, blieb gleichfalls unauffindbar. Es trug die Nummer 417, war am 30. Mai um 4 Uhr aus der Garage ausgefahren und blieb seither unauffindbar, obwohl man von keinem Unglück hörte.

So standen die Dinge, als Silas Hempel sich am 4. Juni endlich entschloß, abends zu Sieberts zu gehen.

Er tat es ohne festes Programm. Die Umstände sollten entscheiden, ob und wieviel er Heidy von der Wahrheit verriet.

Frau Siebert selbst öffnete ihm. Ihr sympathisches Altfrauengesicht mit dem schwarzen Spitzenhäubchen aus dem grauen Scheitel blickte bekümmert drein. Als Hempel seinen Namen sagte und nach Heidy fragte, führte sie ihn schweigend ins Wohnzimmer.

»Bitte, nehmen Sie Platz! Meine Tochter ist zwar krank; sie hat sich heute so sehr erregt, daß ich darauf drang, sie müsse sich wenigstens aufs Sofa legen. Aber da Sie nun hier sind, möchte ich Ihnen wenigstens gleich mitteilen, was Heidy Ihnen morgen selber sagen wollte.«

Sie machte eine Pause, seufzte und fuhr dann entschlossen fort: »Meine Tochter wollte Sie nämlich bitten, Ihre Zeit nicht mehr auf Nachforschungen nach Herrn Brand zu verschwenden. Sein gegenwärtiger Aufenthalt ist für uns von keinem Interesse mehr.«

Hempel glaubte nicht recht gehört zu haben. Verblüfft starrte er die alte Dame an.

»Was soll das heißen, gnädige Frau? Ich dachte, Ihre Tochter liebt ihren Bräutigam?«

»Ja. Leider! Mehr als ich ahnte – sonst wäre sie jetzt nicht so gänzlich gebrochen, als sie erfuhr, daß er sie betrog!« Und ohne Hempel Zeit zu einer Frage zu lassen, fuhr sie hastig und leise fort: »Sie hat keine Geduld mehr gehabt. Ihre Nachforschungen gingen ihr zu langsam. Da ging sie selbst in das Palace Hotel, wo der Sohn einer ehemaligen Dienerin von uns als Liftjunge angestellt ist ...«

»Ach so!« lächelte der Detektiv, der plötzlich alles begriff. Da erfuhr sie von seinem Besuch bei der Belle Adisane!«

»Ja. Sie wissen dies auch? Die Person war erst noch im Negligee, empfing ihn aber doch, und Brand blieb über eine Stunde bei ihr. Dann fuhr er mit ihr fort. Der Liftjunge sah sie zusammen durch den Flur gehen. Sie duzten sich! Die Person sagte sogar »Mein lieber Georg ...!« Was sagen Sie dazu? Ich wollte es ja anfangs gar nicht glauben, und Heidy noch weniger, aber die Tatsachen sind da! Er hat uns betrogen und hinter Heidys Rücken ein Verhältnis mit der Tänzerin unterhalten, mit der er sich nun wohl auch aus dem Staub gemacht hat. Es ist ein Jammer! Sich so furchtbar in einem Menschen zu täuschen! Selbst ich alte Frau hätte meine Hände für diesen Brand ins Feuer gelegt!«

»Sie können es ruhig auch weiterhin tun, gnädige Frau. Die Sache ist nicht so schlimm wie sie aussieht. Getäuscht hat Brand Sie allerdings, aber nur aus Liebe und in bester Absicht! Aber bitte, rufen Sie Ihre Tochter. Ich möchte meine Beweise gerne in ihrer Gegenwart geben.«

Jetzt starrte ihn Frau Siebert verblüfft an.

»Sie haben wirklich Beweise, daß Brand es ehrlich mit meiner Tochter meint?«

»Für diese Tatsache – ja!«

»Ach, dann muß Heidy freilich gleich kommen! Heidy, Heidy, Liebling ...«

Sie lief aufgeregt ins Nebenzimmer.

Gleich darauf erschien sie mit Heidy, die Hempel blaß und ungläubig anstarrte, während sie ihm stumm die Hand reichte.

Er erzählte nun den hochaufhorchenden Frauen alles. Langsam kehrte das Blut in Heidys Wangen zurück. Dann, atmete sie tief, tief aus.

»Ich danke Ihnen, Herr Hempel – Sie haben mir das Leben wiedergegeben! Der Arme! Arme! Wie schwer muß er getäuscht worden sein, um an selbstlose Liebe nicht mehr zu glauben!«

Frau Siebert war ganz stumm. Ein Millionär! Und der wollte Heidy wirklich heiraten? Es war ihr ganz unheimlich. –

Heidy fuhr heiter fort: »Aber da ist die Sache ja ganz einfach. Diese Leute wollten doch nur Georges Geld, ich aber ihn selbst. Er soll ihnen seine Million geben und nur ganz wenig zurückbehalten, gerade so viel, als wir zu einem bescheidenen Leben brauchen, dann ist uns allen geholfen!« Sie sah ihre Mutter an. Diese lächelte erleichtert. »Ja, das wäre der beste Ausweg. Ich dachte eben darüber nach – ein Millionär, da wäre der Abstand zwischen ihm und uns doch zu groß. Georg würde uns ganz unheimlich fremd dadurch.«

Hempel sah von einer zur andern.

»Das ist wirklich Ihr Ernst?«

»Was denn sonst? Nur so kann Georg sofort aus seiner schrecklichen Lage befreit werden. Wir brauchen es bloß dieser Tänzerin vorzuschlagen, die ganz gewiß weiß, wo sich ihr Vater mit Georg verborgen hält, dann geht alles gut.«

»Bedenken Sie doch, welche Vorteile Sie mit Ihrem Vorschlag aus der Hand gäben!« sagte Hempel zu Heidy Siebert. »Torwesten ist in der glücklichen Lage, Ihnen ein glänzendes Leben zu bieten!«

»Meinen Sie, daß es das ist, was wir uns je wünschten? Mama und ich sind bedürfnislos und waren immer sehr zufrieden mit dem wenigen, was wir besaßen. Auch Georg war glücklich dabei. Und hier handelt es sich ja doch vielleicht um sein Leben! Diese Lyttons sind nicht auf eine Abfindungssumme eingegangen – das heißt: sie wollen wohl das Ganze oder fast das Ganze haben. Wahrscheinlich wollen sie ihm irgend ein Dokument zugunsten seiner Frau abpressen, wodurch diese Dame in den Besitz seines Vermögens kommt. Gelingt ihnen dies aber, müßten sie ihn nachher unbedingt töten, weil er sonst später alles rückgängig machen könnte, weil es einfach erpreßt wurde. Sie werden ihn dann irgendwo – vielleicht sehr weit von hier weg – verunglücken lassen, sich selbst erst in Sicherheit bringen, und die Tänzerin, welche offenbar nur im Engagement bleibt, um nachher beweisen zu können, daß sie nichts mit der Sache zu tun hatte, würde die Ernte einheimsen. Wenn Georg irgendwo in den Alpen zerschmettert oder auf einem Eisenbahndamm tot aufgefunden würde, wer könnte dann überhaupt den Beweis erbringen für das, was wir jetzt durch Kombination vermuten? Sie sagen, Georg sei in keiner Lebensgefahr! Ich aber sage Ihnen, er ist in Lebensgefahr! Ich weiß, ich fühle es!«

Sie hatte erregt gesprochen. Hempel starrte sie bewundernd an.

»Ihre Schlüsse sind logisch ganz richtig,« sagte er endlich. »Ich meinte den Mangel an Gefahr auch nur für den gegenwärtigen Zeitpunkt. Man muß doch erst ein solches Dokument von Torwesten haben. Und da er sich alles sagen muß, was Sie vorhin anführten, wird er sich eben weigern, es zu schreiben. Inzwischen müssen wir ihn zu finden trachten!«

»Wo? Da Sie selbst sagen, alle weiteren Spuren seien verloren! Nein es gibt nur einen Weg, ihn rasch zu retten, der ist: Das Geld opfern! Dann müssen sie ihn frei lassen in dem Augenblick, wo man ihnen das Geld ausfolgt und Straflosigkeit zusichert.«

»Dies macht Ihrem Herzen alle Ehre, aber logisch ist es nicht, weil nicht durchführbar. Torwesten selbst würde sich am heftigsten wehren. Es ist sein Geld, und Sie hätten gar kein Recht, es zu verschenken!«

»Aber wenn es sein Leben gilt!« murmelte Heidy kleinlaut.

»Auch dann nicht! Erstens belohnt man Verbrecher nicht! Zweitens würden die Verbrecher den Versprechungen doch nicht trauen und Torwesten um ihrer eigenen Sicherheit willen keinesfalls freigeben. Sie haben sich die Sache wahrscheinlich viel leichter gedacht, da sie von einer Liebe zu Ihnen, die seinen Widerstand stärkt, ja nichts wußten, können aber jetzt nicht mehr zurück.«

Heidy rang verzweifelt die Hände.

»Aber dann ist er in jedem Fall verloren!«

»Nein. Wir müssen ihn eben entdecken. Eine Zeit lang wartet man jedenfalls noch mit dem Aeußersten. Und schließlich sind wir weder aus dem Balkan noch im wilden Westen von Amerika. In einem geordneten Staat muß früher oder später, jeder Mensch zu finden sein.«

»Ach, es gibt doch bei uns so viele abgelegene Gegenden, wohin selten ein Mensch kommt. Wer kann all die einsamen Täler, Gebirgsnester, Häuser und Schlösser absuchen?«

»Man muß auch ein wenig auf das Walten der ewigen Gerechtigkeit vertrauen, die schon so vieles Dunkle ans Licht der Sonne gebracht hat! Die Hauptsache ist: schweigen, daß die Verbrecher gar nicht ahnen, wie wir nach ihnen suchen. Wir haben darum auch in den Zeitungen nichts weiter verlauten lassen. Sie sollen denken, daß wir Torwesten ruhig auf der Fahrt nach Amerika glauben. Ich aber fahre morgen nach Budapest zur Belle Adisane, um mir unverfänglich einige Auskünfte über ihren Gemahl zu erbitten. Vielleicht verrät sie sich in der ersten Ueberraschung.«

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