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Das Haus des Sonderlings

Annie Hruschka: Das Haus des Sonderlings - Kapitel 10
Quellenangabe
authorAnnie Hruschka
titleDas Haus des Sonderlings
publisherVerlag von Josef Habbel
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180806
projectid323786c7
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[9].

Am nächsten Tage ließ der Untersuchungsrichter Dr. Herrlinger zu sich bitten.

Er teilte ihm in kurzen Worten das Verlangen Frau Torwestens mit, die Villa Solitudo zu beziehen, sobald ihre Vorstellungen im Olympion beendet seien.

»Ich habe,« schloß er, »darüber die Meinung kompetenter Juristen eingeholt, die der Ansicht sind, daß man dem Ansuchen der Dame zu willfahren hat. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie vor dem Gesetz seine rechtmäßige Frau ist und darum verlangen kann, in dem Hause ihres Mannes zu wohnen. Ehe ich ihr indessen diesen Bescheid zukommen lasse, wollte ich Ihnen, Herr Doktor, davon Mitteilung machen.«

»Das ist sehr loyal von Ihnen. Aber ich muß sofort bemerken, daß ich gegen diesen Bescheid protestiere! Auch ich bin Jurist und als solcher durchaus anderer Meinung. Es ist eine strittige Rechtsfrage, deren Lösung schließlich nur von dem guten Glauben abhängt, den man Frau Torwestens Behauptungen von einer erfolgten Aussöhnung entgegenbringt. Ich habe diesen Glauben nicht! Für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß Torwesten gar nicht daran denkt, je wieder mit dieser Frau zusammen zu leben. Meinung steht also da gegen Meinung. Als Torwestens Anwalt bin ich verpflichtet, sein Eigentum gegen fremde Angriffe zu schützen, und als einen solchen Angriff betrachte ich Frau Torwestens Verlangen.«

»Das heißt, Sie beabsichtigen, sich im Namen Ihres Klienten dagegen zu wehren?«

»Unbedingt. Mit allen mir zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mitteln.«

»Das würde die Angelegenheit nur verzögern. Ihr Klient wird kaum je wieder Gelegenheit haben, seine Villa zu bewohnen ...«

»Möglich. Aber schon die Verzögerung ist für uns Gewinn, denn inzwischen kann Torwesten selbst wieder zum Vorschein kommen und alles erscheint vielleicht in anderem Licht.«

Der Untersuchungsrichter lächelte.

»Hand aufs Herz, Herr Doktor – glauben Sie dies selbst wirklich?«

»Ja! Ihre Beweise für diesen von ihm angeblich begangenen Mord mögen juristisch noch so stark wiegen – ich bin nicht bloß Jurist, sondern auch Mensch – auch Torwestens Freund! Ich bin von seiner Unschuld überzeugt und halte nach wie vor an der Meinung fest, daß er sich durchaus nicht freiwillig verborgen hält, sondern gewaltsam festgehalten wird. Es tut mir leid, Herr Untersuchungsrichter, daß wir dadurch uns als Gegner gegenüberstehen, aber ich kann es nicht ändern!«

»Nun, diese Gegnerschaft bezieht sich ja nur auf Ansichten. Tatsächlich wollen wir doch beide dasselbe: Torwesten auffinden. Und da wir einmal davon sprechen, möchte ich diesbezüglich gleich eine Frage an Sie richten Herr Doktor?«

»Welche?«

»Falls es der Gegenpartei – darunter verstehe ich nämlich Sie, Silas Hempel und eventuell noch Fräulein Siebert – gelänge, Torwestens Aufenthalt zu entdecken ... was würden Sie tun?«

»Ich verstehe Sie nicht ganz. Was sollten wir tun? Die Tatsache an sich würde ja dann genügen!«

»Doch nicht! Aber ich will deutlicher sein. Wenn ich Torwesten auffände, so würde ich ihn, falls er mir nicht in der ersten Stunde absolute Beweise seiner Unschuld geben könnte, natürlich unter der Anklage des Mordes vor die Geschworenen stellen. Daran würde die eventuelle Behauptung, er sei mit Gewalt entführt worden, nichts ändern. Denn erstens kann er den Mord vorher doch begangen, zweitens kann es ein zwischen ihm und seinen Mitschuldigen verabredeter Trick sein. Nun nehmen wir den umgekehrten Fall: Sie finden ihn. Sie kennen meinen Verdacht, meine Indizienbeweise, meine Absicht. Würden Sie da Torwesten nicht nachträglich zur Flucht raten oder ihn wenigstens vor mir verbergen?«

»Niemals! Das hieße ja an seiner Unschuld zweifeln! Wir könnten in diesem Falle nur das gleiche wünschen wie Sie, daß er vor die Geschworenen gestellt würde – natürlich er und diejenigen, die Sie seine »Mitschuldigen« nennen – damit vor aller Welt dargetan wird, wer schuldig ist und wer nicht!«

»Das genügt mir. Ich danke Ihnen, daß auch Sie mit offenem Visier kämpfen. Da wir demselben Ziel zustreben, liegt wirklich wenig daran, daß wir es auf getrennten Wegen tun. Nun aber zur Angelegenheit der Frau Torwesten! Daß Sie mir da Schwierigkeiten machen wollen ...«

»Darin kann ich Ihnen leider keinen anderen Bescheid geben,« unterbrach ihn Herrlinger sehr entschieden.

Der Untersuchungsrichter trommelte mit den Fingern auf einem Aktendeckel herum. Endlich sagte er ebenso entschieden:

»Und dennoch muß es sein. Ich bitte Sie im Interesse der Untersuchung darum!«

»Im Interesse der ... Untersuchung?«

»Ja. Näher kann ich mich darüber nicht äußern ... da wir ja Gegner sind!« fügte er, fein lächelnd, hinzu. Nur andeuten will ich Ihnen einiges. Frau Torwesten ist mir zur Stunde noch ein völlig ungelöstes Rätsel. Es liegt mir daran, sie erstens hier festzuhalten, zweitens zu isolieren, drittens, ihr alles aus dem Wege zu räumen, was sie hindern könnte, etwaige Pläne weiter zu verfolgen. Sie verstehen mich?«

»Ich hoffe ...«

»Gut. Dann werden wir uns wohl einigen. Unterlassen Sie alle Proteste. Ich verspreche Ihnen dafür, Torwestens Eigentum zu wahren. Das ist man ja schließlich auch einem ... Mörder schuldig! Ich werde alle tragbaren Gegenstände von Wert in Torwestens Wohnzimmer, den Baderaum, die Garderobe und Dienerkammer schaffen und diese vier Räume »im Interesse der Untersuchung« versiegeln lassen. Dazu habe ich das Recht. Die anderen Räume mag Frau Torwesten dann nach Belieben benutzen. Sind Sie damit zufriedengestellt?«

»Ja. Vorausgesetzt, daß mit diesem Zugeständnis nicht etwa die endgültige Entscheidung getroffen wird, die Frau Torwesten etwa auch berechtigen würde, als Gattin meines Klienten Gelder aus seinem Vermögen zu beheben. Dagegen würde ich unnachsichtig protestieren.«

»Dieses Recht bleibt Ihnen unbenommen.«

»Gut. Dann verhalte ich mich vorläufig abwartend.«

*

Fast zur selben Stunde drückte Heidy Siebert dem Liftjungen des Palast-Hotels einen Strauß prachtvoller Rosen und eine Visitenkarte in die Hand.

»So, Karl, nun geh' und mach' deine Sache gut! Ich muß unbedingt empfangen werden. Aber vergiß nicht, daß du mich absolut nicht kennst! Wenn dich nachher hier im Hotel jemand fragen sollte, so sagst du den Namen, der hier auf der Karte steht. Hast du ihn gelesen?«

»Ja. Paula Remschmid.«

»Gut. Merke ihn dir!«

Der Junge lief die Treppe hinauf. Heidy blickte ihm herzklopfend nach. Würde es gelingen? Wenn man sie abwies, war alles verloren ...

Aber Karl kam schon nach wenigen Minuten wieder.

»Sie sollen nur hinaufkommen, Fräulein ... Remschmid!« lächelte er verschmitzt. »Nr. 7. Sie brauchen bloß anzuklopfen.«

Heidy ging langsam die Treppe hinauf. Auf ihr Klopfen öffnete ihr eine ältliche Person mit verschwundenen Zügen und unstätem Blick.

» I only speak English,« sagte sie.

»Das tut nichts,« antwortete Heidy in derselben Sprache, »auch ich spreche Englisch. Kann ich Mlle. Adisane sehen?«

»Ja. Man erwartet Sie.« Die Kammerfrau öffnete die Tür des anstoßenden Gemaches, wo die schöne Adisane vor einem Schrank stand, in dessen Inhalt sie ziemlich rücksichtslos kramte. Alles lag. dort wie Kraut und Rüben durcheinander: Wäschestücke, Briefe, Schmuck, seidene Schals, Spitzen, Schuhwerk usw. Auch sonst sah es im Gemach sehr unordentlich aus. Obwohl es bereits fast Mittag war, stand das Frühstücksgeschirr noch auf einem Tischchen, und auf allen Möbeln lagen Gebrauchsstücke herum. Mitten im Zimmer standen zwei große halbgepackte Koffer.

Heidy erschrak. Die Adisane wollte doch nicht etwa abreisen?

Bei ihrem Eintritt hatte die Tänzerin den Schrank geschlossen und sich rasch umgewandt. Ihre blauen Augen überflogen prüfend die Gestalt des jungen Mädchens. Dann lächelte sie freundlich.

»Sie haben mir so einen netten Brief geschrieben, Fräulein Remschmid, daß ich dem Wunsche, Sie persönlich kennen zu lernen, nicht widerstehen konnte. Auch sprachen Sie darin von einer Bitte ... aber wir wollen ins Nebenzimmer gehen. Hier sieht es gräulich aus. Sie müssen entschuldigen, daß Jane Sie da herein führte.«

»O, bitte. Aber ich sehe – Koffer hier? Fräulein wollen doch nicht schon Wien verlassen?«

»Ich weiß es noch nicht. Es hängt von einer Botschaft ab, die ich stündlich erwarte. Warum machen Sie denn ein so enttäuschtes Gesichtchen? Täte es Ihnen leid?«

»Sehr! Denn dann könnten Sie ja meine Bitte nicht erfüllen. Und ich wäre so sehr glücklich, wenn Sie es täten!«

Die Tänzerin ließ sich lachend auf ein Sofa nieder und zog Heidy neben sich auf die Polster.

»So! Nun lassen Sie mal hören, worin diese Bitte besteht!«

»Daß Sie mir Unterricht in Ihrer Kunst erteilen! Ich habe Sie tanzen sehen. Das war so großartig, so einzig! Und ich möchte wenigstens das Technische daran auch lernen!«

Die Tänzerin richtet sich betroffen auf und betrachtete Heidy mißtrauisch.

»Sie wollen – meine Schülerin werden?«

»Ja. Es ist mein heißester Wunsch!«

Und Heidy begann mit brennenden Wangen und großer Beredsamkeit ihre Begeisterung für die Kunst der Adisane vorzubringen. Sie bat nicht, sie flehte. Sie schien taub und blind für die anfangs ablehnenden Einwürfe, für das Mißtrauen, das sich so deutlich in Blick und Mienen der Tänzerin spiegelte. Sie wolle ja mit allem zufrieden sein und ihr von Stadt zu Stadt folgen, wenn es sein müßte, denn sie sei gottlob unabhängig und stünde ganz allein auf Erden ohne Verwandte und Freunde.

Allmählich schwand angesichts dieser so naiv ehrlich scheinenden Begeisterung das Mißtrauen aus den Zügen der Tänzerin und sie lächelte geschmeichelt.

»Wollen Sie denn etwa auch Tänzerin werden?« fragte sie endlich, »oder möchten Sie nur zum Vergnügen tanzen lernen?«

»Vorläufig natürlich nur letzteres.«

»Aber, liebes Fräulein, da muß ich Sie voraus aufmerksam machen, daß ich erstens im Begriff stehe, meinen Beruf aufzugeben, zweitens, daß Sie meine Privatverhältnisse sehr wenig zu kennen scheinen. Haben Sie denn nicht in den Zeitungen gelesen, daß ich verheiratet bin?«

»Sind Sie es wirklich? Ich las wohl davon, legte aber der Sache nur Reklamebedeutung bei.«

»Nein, ich bin in der Tat Frau Torwesten.«

Kein Zug in Heidys Gesicht veränderte sich.

»Dann bitte, verzeihen Sie, daß ich Sie vorhin »Fräulein« nannte, und entschuldigen Sie es damit, daß Sie für mich eben in erster Linie die unvergleichliche Künstlerin – die Belle Adisane sind und bleiben! Wollen Sie also meine Bitte erfüllen?«

»Hm – Sie verstehen so warm zu bitten, mein Fräulein, und man kann wirklich nicht anders, als Ihnen gut sein. Aber die Sache wird kaum gehen. Entweder verlasse ich Wien –«

»Dann kann ich Ihnen doch folgen!«

»Oder ich übersiedle in den nächsten Tagen in eine Villa meines Gatten bei Baden. Diese liegt sehr isoliert. – Sie würden gar keine Unterkunft in der Nähe finden.«

»Das lassen Sie nur meine Sorge sein! Schlimmstenfalls miete ich mich in Baden ein und komme hin, so oft Sie mir eine Lektion geben wollen. Das sind ja nur Kleinigkeiten. Die Hauptsache ist, ob Sie wollen!«

Im stillen mußte Heidy alle Willenskraft aufbieten, um ihre Ueberraschung über die letzte Mitteilung zu bemeistern.

Inzwischen hatte Frau Torwesten sie nachdenklich forschend beobachtet.

Plötzlich sagte sie völlig unvermittelt.

»Gut. Ja. Ich will. Zwar habe ich noch nie eine Schülerin gehabt, aber da Ihnen gar so sehr daran liegt, kann ich es nicht abschlagen.

Heidy dankte stürmisch.

Ein Stein war ihr vom Herzen gefallen. Es war ihr dies ja als der einzig mögliche Weg erschienen, sich der Adisane nicht nur unauffällig zu nähern, sondern auch in fester Verbindung mit ihr zu bleiben.

Jetzt klopfte es an die Tür und die Engländerin erschien, um ihrer Herrin ein Billett zu bringen. Die Adisane riß es auf, las und konnte ein Lächeln des Triumphes nicht unterdrücken.

»Man teilt mir mit, daß meiner Uebersiedlung in das Haus meines Gatten kein Hindernis entgegensteht,« sagte sie frohlockend. »Ich werde gleich morgen hinausziehen.«

»Und ich darf mich in Baden einquartieren?«

»Nein. Denn dann müßten Sie ja jedesmal eine Stunde zu Fuß laufen, das wäre denn doch zu unbequem ... selbst für eine so begeisterte Kunstjüngerin wie Sie!«

»Aber Sie sagten doch, es gäbe sonst keine Unterkunft?«

»Ich vergaß, daß es gegenüber unserer Villa ein Landgasthaus geben soll, das »Zu den drei Linden« heißt. Kennen Sie es?«

Heidy merkte den lauernden Schein in Frau Torwestens Blick sehr wohl und antwortete mit vollendeter Unschuld:

»Nein. Ich kenne von Baden nur das Helenental. Wo liegt Ihre Villa? Wie heißt Sie?«

Frau Torwesten beschrieb die Lage von Solitudo. Dann schloß sie:

»Ich hoffe, daß Sie in den »Drei Linden« Unterkunft finden werden, wenn auch nur eine bescheidene. Da uns das Schicksal einmal zusammenführte, möchte ich, daß wir einander auch ganz nahe bleiben und vielleicht Freundinnen werden! Was meinen Sie dazu?«

Wieder merkte Heidy ganz deutlich das Lauernde, Mißtrauische, das in Blick und Ton der Fragerin lag. Und das war ihr eigentlich lieb.

Es wäre so gräßlich gewesen, täuschen zu müssen, wo man wirkliches Vertrauen empfing.

»Ich werde mir alle Mühe geben, Ihnen nahe zu treten, falls Sie dies nicht als Unbescheidenheit zurückweisen, gnädige Frau,« sagte sie doppelsinnig und erhob sich. »Aber nun ist es wirklich Zeit, mich zu verabschieden.«

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