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Das Haus des Atreus

Isolde Kurz: Das Haus des Atreus - Kapitel 2
Quellenangabe
typelegend
booktitleDas Haus des Atreus
authorIsolde Kurz
year1939
firstpub1939
publisherRainer Wunderlich
addressTübingen
titleDas Haus des Atreus
pages127
created20141108
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7 Von allen Herrscherhäusern des alten Griechenland war keines mächtiger, reicher und berühmter als das der Atriden, der Nachkommen des Atreus, die auf dem Peloponnes geboten. Ihr Geschlecht stammte von dem Phrygerkönig Tantalos, dem berüchtigten Günstling der Götter, ab, daher sie auch die Tantaliden heißen.

Dieser Ursprung zog in endloser Verkettung alle die jähen Schicksale und furchtbaren Taten nach sich, für die das Haus des Atreus berüchtigt ist.

In der Frühzeit von Hellas lebten die olympischen Götter, die das ihnen feindliche Titanengeschlecht gestürzt und in die tiefsten 8 Erdschlünde verbannt hatten, in traulichem Verkehr mit den Sterblichen. Sie griffen unmittelbar in ihre Geschicke ein, hatten ihre Lieblinge, denen sie helfend und schirmend nahe waren, und nahmen sogar selber zeitweilig auf Erden ihren Wohnsitz. So hütete Phöbos Apollon, der strahlende Lichtgott, als ihn Zeus zur Strafe seiner Auflehnung einmal vom Olymp verbannt hatte, einem sterblichen Mann, dem Admetos, die Schafe und baute dem König Laomedon mit Hilfe seines Oheims Poseidon in der Ebene des Skamandros nicht weit vom Hellespont die Mauern der Stadt Troja, die darum die heilige hieß. Die nach ihrer geraubten Tochter suchende Demeter rastete unter dem Dach des Königs von Eleusis, wartete dessen neugeborenes Söhnchen und lehrte die Gastfreunde beim Abschied den Feldbau und die trostreichen Geheimnisse ihrer Weihe, was zur Stiftung der eleusinischen Mysterien führte. Hephästos, der kunstreiche, beschenkte die Auserwählten mit wunderbaren Waffen und 9 Geschmeiden, Hermes geleitete sie sicher auf ihren Wanderungen.

Auch an den Kämpfen der Sterblichen nahmen die Götter teil, und es konnte sogar vorkommen, daß im Schlachtgewühl den Menschen zuliebe ein Gott feindlich auf den andern traf, obschon sie es in solchen Fällen für gewöhnlich vorzogen, einander aus dem Wege zu bleiben. Besonders Pallas Athene, die ernste kriegerische Jungfrau, die von keiner Mutter geboren, sondern in vollem Waffenschmuck aus dem Haupte des Zeus gesprungen war, mischte sich gerne in die Männerschlacht, um ihre Lieblingshelden in Gefahr mit der erderschütternden Aegis des Zeus, die sie am Arme trug, zu decken oder den Feind durch lockende Gestalten irrezuführen und wohl auch selbst die niemals fehlende Lanze zu werfen. Dem Herakles stieg sie als Helferin herab, so oft er in seiner Not zum Himmel emporweinte, und schaffte in jeder Drangsal seiner zwölf Arbeiten Rat, weil sie von allen Göttern dem großen Vater 10 am nächsten stand und des Donnerers heimlichste Gedanken kannte. Ja, die göttliche Freundin hielt es nicht unter ihrer Würde, dem vielgeprüften Heros mit eigenen kunstfertigen Händen ein Festgewand zu weben, in dem er nach vollbrachten Taten der Ruhe pflog.

Desgleichen waren die Himmlischen stets geneigt, sich mit sterblichen Frauen in Liebesabenteuer zu verstricken, selige Bewohnerinnen des Olymp würdigten schöne Jäger oder Hirten ihrer Gunst, und es war gefährlich, die Werbungen der Unsterblichen abzuweisen. Vor allen andern war es der Götterkönig selbst, der in immer neuen Verwandlungen zur Erde herabstieg, um in den Armen geliebter sterblicher Frauen von den Mühen der Weltregierung und den Launen und Ränken seiner eifernden Gattin Here auszuruhen. Die Europa entführte er als Stier, der Leda gesellte er sich als Schwan, zu der eingeschlossenen Danae drang er als goldener Regen. Aus diesen Begegnungen der Unsterblichen mit den 11 Kindern der Vergänglichkeit sproßte ein Geschlecht halbgöttlicher Heroen, die mit übermenschlicher Tapferkeit, Kraft und Schönheit ausgestattet als Mittelglieder zwischen den Göttern und Menschen standen. Hatte ja Zeus den größten seiner sterblichen Söhne, den gewaltigen Herakles, sogar eigens erzeugt, damit er Göttern und Menschen ein Helfer würde, und der vielgeprüfte Halbgott stieg trotz dem Groll der Here nach der unendlichen Mühsal seiner Erdenbahn aus dem Scheiterhaufen, dem er sich lebend übergab, in den Olymp empor, wo ihn die Götterkönigin versöhnt empfing und mit ihrer eigenen Tochter Hebe, der reizenden Nektarschenkin, vermählte.

Die erlauchtesten Geschlechter Griechenlands rühmten sich alle solcher halbgöttlichen Ahnherrn, die ihre Nachkommen mit dem Olymp verknüpften und ihnen in Stunden der Gefahr als Retter erschienen. Viel haben die Alten von jenen erkorenen Götterlieblingen erzählt, mit denen die 12 Himmlischen wie mit Ihresgleichen verkehrten. Allein sie wußten auch von einem Neide der Götter, der kein allzugroßes Glück der Sterblichen auf die Dauer ertrug, und der ungleiche Freundschaftsbund nahm selten ein gutes Ende.

Kein Erdensohn aber wurde jemals von der Gunst der Götter so hoch getragen, und keiner hatte es so teuer zu bezahlen wie jener Tantalos, der in Kleinasien herrschte und ein Sohn des Zeus von einer Titanide war.

Sein Reichtum an Gold und Kleinodien war unermeßlich, die Herden und Ländereien, die er besaß, dehnten sich zwölf Tagereisen weit vom Idagebirge bis zum Ufer des Marmarameeres. In seiner Königsburg am Sipylos, die ein Wunderbau war, gingen die Götter ein und aus. Sie würdigten ihn ihres vertrauten Gesprächs und gewährten ihm sogar die vermessene Bitte, auf goldenem Stuhl an ihren olympischen Gelagen teilnehmen zu dürfen. Solches Übermaß von Glück und Ehre, das ihn über alle 13 Mitgeschöpfe hob, konnte der Staubgeborene nicht ertragen. Er verlor die Scheu vor den Himmlischen, die er in so vertraulicher Nähe sah, und mißbrauchte die ihm verliehenen Vorrechte, bis ihre Gunst unwiederbringlich verscherzt war. Um ihn zu warnen, hing Zeus während des Mahls einen mächtigen Felsblock in den Lüften schwebend über dem Haupte des Tantalos auf, aber auch diese Drohung brachte den Verblendeten nicht zu sich.

Auf verschiedene Weise haben die Alten die Ursache seines endlichen Sturzes erzählt.

Die Späteren meinten, Tantalos habe die Gespräche der Götter ausgeplaudert und von der olympischen Tafel Nektar und Ambrosia, durch deren Genuß sie sich die ewige Jugend erhielten, entwendet, um aus Prahlerei die Menschen davon kosten zu lassen. Eine frühere Überlieferung aber, an deren Greuel die Folgezeit nicht mehr glauben wollte, bezichtigte ihn der gräßlichsten Tat.

14 Tantalos, hieß es, war allem menschlichen Maß und Gesetz entwachsen, ohne die göttliche Natur dagegen zu gewinnen. Als Tischgenoß der Götter wähnte er ihnen nunmehr in allem gleich zu sein und glaubte darum nicht an die Allwissenheit, deren sie sich berühmten. Um sie auf die Probe zu stellen, lud er die Himmlischen bei sich zu Gaste und schlachtete sein eigenes Söhnchen Pelops, um es ihnen als Speise vorzusetzen. Wenn sie sich betören ließen, so waren sie ihrer Blindheit überführt und standen auf gleicher Stufe wie der Mensch.

Aber Helios, der allschauende Sonnengott, hatte die Tat gesehen. Keiner der Gäste berührte das grause Mahl. Nur die gütige Demeter war so in den Gram um ihre von dem Herrn der Unterwelt geraubte Tochter versenkt, die sie vergeblich über die ganze Erde suchte, daß sie aus Zerstreuung ein Stück von der Schulter zum Munde führte, das sie gleich mit Grausen wieder ausspie.

Jetzt war die Langmut der Götter 15 erschöpft. Wohl entschuldigte sich der Frevler, daß er sie nicht zu erzürnen sondern durch das Opfer seines Teuersten zu ehren geglaubt habe. Zeus gab ihm kein Gehör, sondern schleuderte ihn mit seinem Donnerkeile in den Tartaros, wo in unergründlicher Nacht die verworfensten Verbrecher büßen.

Neun Tage und neun Nächte, singt der Dichter Hesiod, würde ein eherner Dreifuß brauchen, bevor er vom Himmel fallend die Erde erreichte, ebensoviel von der Erde in den Hades und wiederum vom Hades in den Tartaros. Diesen tiefsten aller Schlünde hat Zeus aufgerissen, um die bezwungenen Titanen, die vor ihm Himmel und Erde beherrschten, darunter seinen eigenen Vater Kronos, dort anzuketten. Poseidon umgab den Ort mit ehernen unbezwinglichen Mauern, Zeus umzog ihn mit neunfacher Finsternis und setzte hundertarmige Riesen, die ihm dienen, zu Hütern. Dort wohnen die Verdammten in ewiger Qual: die gattenmörderischen Danaiden 16 schöpfen in das Faß, das sich niemals füllen kann, der hinterlistige Sisyphos, der den Götterkönig auf einem seiner Liebesgänge verriet, wälzt unablässig seinen Felsblock auf die Spitze des Berges, von wo er alsbald wieder zu Tale kollert. Ixion, den Zeus an seinen eigenen Herd gesetzt und vom Morde entsühnt hatte, und der zum Dank dafür der Götterkönigin selber nachstellte, wird auf einem flammenden Rade, an das er mit Schlangen angefesselt ist, in ewigem Wirbel umhergetrieben.

Unter diesen Verdammten büßt auch Tantalos, der einstige Genoß der Götter, was er verbrach. In alle Ewigkeit steht er in blinkendem Wasser bis zum Halse und muß doch vor Durst verschmachten. Denn sobald er sich bückt, weicht das Wasser weit zurück und entblößt den Boden, der augenblicklich vertrocknet. Über seinem Haupte hängen schwerbeladene Obstbäume ihre Früchte nieder; saftige Birnen, reife Feigen, Granaten und rotgesprenkelte Äpfel streifen ihm fast den Mund. Aber so oft er 17 eine der Früchte zu haschen glaubt, schnellt der Zweig in die Höhe und läßt den Verschmachtenden ungesättigt. So sah der Held Odysseus den Unglückseligen auf seiner Irrfahrt, als er auf Göttergeheiß lebendigen Leibes in die Unterwelt hinabstieg.

Die zerstückelten Glieder des kleinen Pelops ließ Zeus in einen Kessel mit siedendem Wasser werfen, woraus er den Knaben heil und neubelebt heraushob. Nur das Schulterstück, von dem Demeter gekostet hatte, war nicht mehr aufzufinden. Zeus füllte die Lücke mit einem Stückchen Elfenbein, daher es hieß, daß alle Nachkommen des Pelops mit einem weißen Mal auf der Schulter geboren wurden.

Des Tantalos Wildheit und Übermut, sein Glück und Fluchverhängnis vererbte sich auf sein ganzes Geschlecht.

Seine Tochter Niobe vermählte sich mit dem König Amphion von Theben, dem musenbegabten Sohn des Zeus, der, nachdem er mit seinem Zwillingsbruder Zethos ihre Mutter Antiope an der grausamen 18 Dirke gerächt hatte, mit jenem gemeinschaftlich die Mauern Thebens baute, deren Steine sich dem Rhythmus seiner Lieder von selber fügten. Niobe war die schönste aller sterblichen Frauen und gebar ihrem Gatten vierzehn blühende Kinder. Auch sie stand den Göttern nahe, und besonders Zeus' hohe Gemahlin Leto würdigte sie ihrer Freundschaft. Oft ergötzten sich beide zusammen am Spiel und rasteten an dem lieblichen Quell der Dirke.

Da erkühnte sich eines Tages Niobe, in maßlosem Mutterstolz ihr eigenes Glück über das der Göttin zu stellen, weil jene nur zwei Kinder, den Apollon und die Artemis, geboren habe, sie selber aber mit der siebenfachen Anzahl gesegnet sei.

Zürnend wandte sich die Göttin ab und entflog voll düsteren Harmes nach dem Olymp. Niobe aber in ihren golddurchwirkten phrygischen Gewändern, Arme und Hals mit reichem Schmuck beladen, durchschritt mit dem Gefolge dienender Frauen die Straßen von Theben, durch die 19 sich eben ein festlicher Aufzug bewegte, denn die Seherin Manto hatte unter göttlicher Eingebung die Bewohnerinnen der Stadt zusammengerufen, um der Leto und ihrem erhabenen Zwillingspaar Weihrauch und Gebete darzubringen.

Niobe aber, von Hochmut verblendet, hieß sie das Fest einstellen, da die Göttin solcher Ehren nicht würdig sei.

Wer ist sie denn, diese unbekannte Titanide, die flüchtig die Erde durchirren mußte, weil kein Land sie aufnehmen wollte, bis das kleine schwimmende Delos, die verachtetste Insel, die nirgends haftet, ihr aus Mitleid den Raum zur Entbindung gewährte! Zwei Kinder gebar sie dort, den siebten Teil meines Segens. Verdiene ich den Weihrauch nicht eher als sie? Seht mich an, die Tochter des Tantalos, der allein unter allen Sterblichen zum Mahle der Götter einging! Mein Vater war ein Sohn des Zeus, und ein Sohn des Zeus ist mein Gemahl, der mit dem Wohlklang seiner Leier die Steine belebte und zum Bau 20 ordnete. Mir gehorchen die Völker von Phrygien, und Theben ist mir untertan; so weit mein Auge reicht, ist alles mein. Ich selber stehe an Wuchs keiner Göttin nach; sieben herrliche Jünglinge sind mir entsprossen und ebensoviel liebreizende Töchter, die mich bald mit Enkeln erfreuen werden. Deshalb schweigt mir von der Leto, die, mit mir verglichen, nahezu unfruchtbar ist.

Die Unsterbliche vernahm in ihrer Höhe die Schmährede und klagte ihrem Zwillingspaar Apollon und Artemis den erlittenen Schimpf.

Um meine Hoheitsrechte ist es geschehen, sagte sie, und meine Altäre werden künftighin verödet stehen, wenn ihr, meine Kinder, euch nicht meiner annehmt.

Jene ließen sie gar nicht zu Ende reden, so jäh entbrannte ihnen das Herz nach Rache. Sie griffen rasch nach Köcher und Bogen, umhüllten sich mit dunklem Gewölke und stürmten im Flug zur Stadt und Burg von Theben hinab.

Nahe der Stadtmauer befand sich dort ein 21 offenes scholliges Feld, auf dem die Söhne der Niobe unter der Aufsicht ihres Erziehers gymnastischen Spielen oblagen. Ismenos, der älteste, warf eben im Wettlauf sein schäumendes Roß zur Seite, als er von einem Pfeil in die Brust getroffen laut aufschrie, die golddurchwirkten Zügel fallen ließ und sterbend am Bug des Rosses herabsank. Sein Bruder Sipylos, der ihm zunächst ritt, hörte den Köcher zum zweitenmal klirren und entfloh mit Sturmesschnelle, aber das Geschoß des Fernhintreffers ereilte ihn doch und durchbohrte ihm den Nacken, daß er vorgestreckt wie er war über den Hals des Tieres tot zur Erde schoß. Zwei andere Söhne der Niobe, Phädimos und Tantalos, übten sich nach vollbrachter Tagesarbeit im Ringspiel und keuchten mit eng verstrickten Gliedern, da traf beide ein Pfeil und heftete sie Brust an Brust zusammen; sie stöhnten auf, krümmten sich vor Schmerz am Boden und verhauchten zu gleicher Zeit den Atem. Ihr Bruder Alphenor sieht den Jammer und eilt 22 herbei, um die Entseelten in seine Arme zu fassen, aber er bricht von einem neuen Pfeil getroffen über ihnen zusammen. Der langlockige Damasichthon ließ die Wurfscheibe, mit der er sich vergnügt hatte, fallen und entfloh, da trifft ihn ein Pfeil ins Knie, und während er bestrebt ist, diesen auszuziehen, fährt ihm ein zweiter tief in die Gurgel. Der jüngste von allen, Ilioneus, hebt die Arme um Mitleid flehend zum Himmel, und gern hätte der Gott sich des zarten Knaben erbarmt, aber schon war der unaufhaltsame Pfeil entschwirrt, und wenn er auch nur leise ritzte, brachte er dem Getroffenen doch den Tod.

Lautes Wehgeschrei der Dienerschaft und des Volkes verkündeten der Mutter den plötzlichen unerhörten Jammer ihres Hauses. Die Stolze konnte es nicht fassen, daß die Himmlischen solches gegen sie gewagt und vermocht hatten. Aber hinzugeeilt, fand sie bei den Leichen der Söhne noch die des Gatten, denn Amphion, von dem Erzieher herbeigeholt, hatte sich aus 23 Verzweiflung über den Tod aller seiner Söhne selbst entleibt. Die Unglückselige warf sich bald auf die eine, bald auf die andere der erkaltenden Leichen, küßte sie alle auf den Mund, dann hob sie die Arme zum Himmel und rief:

Grausame Leto, weide dich denn an deinem Triumph, du hast gesiegt, und ich bin vernichtet.

Da fiel ihr Auge auf ihre Töchter, die in Trauergewändern mit gelösten Haaren die Leichen der Brüder umstanden, und plötzlich rief sie:

Nein, du hast nicht gesiegt. Auch in meinem Elend bin ich noch reicher als du und spreche dir Hohn, du glückliche Mutter!

Kaum hatte sie dies gesprochen, so hörte man aus unsichtbarer Hand das Schwirren einer Bogensehne, daß alle erblaßten, und eine der Schwestern sank tödlich getroffen auf den toten Bruder hinab. Eine andere hatte die Arme um die Mutter geschlungen, um sie zu trösten, aber plötzlich verstummte sie, brach zusammen und verschied. Die 24 andern suchten dahin und dorthin zu fliehen oder sich zu verbergen, aber die Geschosse der Jägerin Artemis trafen so sicher wie die ihres Bruders Apollon. Sechs der Mädchen lagen schon im Tode gestreckt, nur die letzte, kleinste war noch übrig, die die Mutter vergebens in ihr Gewand verhüllte und ganz mit ihrem Leibe zu decken suchte. Während Niobe, endlich in ihrem Stolz gebrochen, um Schonung für die eine, letzte flehte, erblich auch diese in ihren Armen.

Neun Tage und neun Nächte lagen die Toten in ihrem Blut, denn niemand wagte es, die von Götterhand Getroffenen zu berühren, bis Zeus sie endlich durch die Olympischen selber bestatten ließ. Niobe saß erstarrt vor Gram neben den Leichen all der Ihren, ohne Speise und Trank zu nehmen. Unbeweglich standen die Augen in dem erbleichten Gesicht, das kein Leben mehr hatte, die Pulse versiegten, Gaumen und Zunge verharrschten ihr im Munde, der keinen Laut mehr von sich gab, ihre 25 Glieder starrten regungslos, sogar die Eingeweide wurden Stein, und nur die Tränen rannen ununterbrochen an dem versteinerten Frauenbild herab. Da entrückte Zeus die Verwandelte nach ihrem Stammsitze Sipylos in Kleinasien, wo sie als Felsengebild hoch oben im Gebirge festwuchs und einen ewig rinnenden Tränenstrom ergießt.

Auch in Pelops, dem Sohne des alten Tantalos, lebte der väterliche Frevelsinn weiter.

Er war durch den Meergott Poseidon, dessen Herz der reizende Knabe gerührt hatte, mit goldenen Rossen in den Olymp geführt worden, wo er unter den Unsterblichen heranwuchs und mit dem schönen Ganymedes, dem troischen Königsknaben, den Zeus durch seinen Adler hatte rauben lassen, spielte. Als er zum Jüngling geworden war, entließen ihn die Götter, damit er sein väterliches Erbe in Phrygien antrete. Da verlangte ihn nach der schönen Hippodamia, der Königstochter von Elis, von der der Ruf erzählte, daß sie allen ihren Freiern 26 den Tod bringe. Hippodamias Vater Oenomaos, der ein würdiger Sohn des Ares war, besaß nämlich von seinem grausamen Erzeuger ein Viergespann windschneller schwarzer Flügelrosse. Da ihm geweissagt war, daß er durch die Hand seines Eidams den Tod finden würde, wußte er sich der vielen Helden, die um die schöne Hippodamia freiten, nicht anders zu erwehren, als indem er durch ganz Griechenland verkündigen ließ, nur derjenige solle die Hand seiner Tochter und mit ihr das Erbe des Reiches erhalten, der ihn im Wagenrennen überwinden würde; der Unterliegende aber sollte von der Lanze des Siegers den Tod erleiden. Gleichwohl ließen sich die verliebten Jünglinge nicht abschrecken, sondern kamen einer um den andern ihr Glück zu wagen. Am Altare des Ares in Olympia wurde der blutige Vertrag beschworen, dann ließ der arglistige König seine schöne Tochter selbst zu dem Bewerber auf den Wagen steigen, damit sie ihm durch ihre blendende Gegenwart die Sinne verwirre.

27 Von Olympia quer durch den ganzen Peloponnes bis zum Isthmus von Korinth ging die stürmische Fahrt, bei der der König anfangs seine Rosse zurückhielt, um erst ganz nahe am Ziel vorzubrechen und mit seinem überlangen Speer den Freier im Vorüberfahren zu durchbohren, daß er in den Armen der jammernden Hippodamia verblutete.

Schon dreizehn edle Fürstensöhne hatte der grimme Oenomaos mit seiner Lanze getötet und ihre Schädel an dem Heiligtum seines Vaters in Olympia aufgesteckt, als der jugendliche Pelops, dem noch kaum der erste Flaum um das Kinn sproßte, in Elis erschien.

Vor seinem Aufbruch aus Phrygien war er des nachts ans Meer hinabgestiegen und hatte seinen Beschützer Poseidon angerufen, daß er ihm im Wettkampf mit Oenomaos den Sieg verleihe. Der Meergott hatte sein Gebet vernommen und ihm aus der feuchten Tiefe einen mit vier schneeweißen geflügelten Rossen bespannten 28 Silberwagen emporgesendet, der den Jüngling über das Meer nach Elis trug. Als er dort in seiner reichen Phrygertracht und prunkvollem Goldgeschmeide vor Hippodamia trat, stellte sich die Göttin Aphrodite selber unsichtbar neben die Jungfrau und entzündete ihr Herz mit jäher unwiderstehlicher Leidenschaft für den schönen Fremdling.

Heimlich verständigten sich die beiden, und mit Hippodamias Hilfe gewann Pelops des Königs Wagenlenker Myrtilos, der ein Sohn des Gottes Hermes war, daß er den eisernen Pflock im Wagenrade des Oenomaos durch einen wächsernen ersetzte. Das verhängnisvolle Rennen begann, des Königs Wagen stürzte und der schnöde Tyrann erlitt, wie das Orakel verkündet hatte, vom Speer seines Eidams den Tod.

In dieser betrügerischen Wettfahrt des Pelops, die der Ursprung der olympischen Spiele gewesen sein soll und die deshalb auch auf dem noch erhaltenen östlichen Giebelfelde des großen Zeustempels zu Olympia dargestellt ist, sahen die Alten die 29 Quelle alles Unheils, das den Stamm der Pelopiden später traf. Denn als Myrtilos den bedungenen Lohn, die Hälfte des Reiches, einforderte, da erschlug ihn der neue König meuchlings und stürzte seinen Leichnam ins Meer. Sterbend verfluchte Myrtilos den Pelops mit all seinen Nachkommen, und die Rachegöttinnen vernahmen den Schwur. Von nun an begannen im Geschlechte des Tantalos die Greuel sich zu häufen.

Durch seinen Doppelverrat begründete Pelops auf der Halbinsel, die von ihm den Namen Peloponnes erhielt, die Herrschaft seiner Nachkommen. Er selber nahm in Olympia seinen Sitz, wo er nach seinem Tode einen Tempel erhielt, und sein Zepter, ein Wunderwerk des Hephästos, wurde noch in späten Jahren, nachdem längst sein ganzer Stamm erloschen war, als Heiligtum verehrt.

Zwei Söhne gebar Hippodamia ihrem Gatten, den Atreus und den Thyestes. Diese stiftete sie, als sie erwachsen waren, aus 30 Eifersucht an, ihren schönen Halbbruder Chrysippos, den eine Nymphe dem Pelops geboren hatte, aus dem Wege zu räumen. Nach der Tat flüchteten beide nach Mykene zu dem König Euristheus, jenem ungleichen Vetter des Herakles, in dessen Dienste der Heros die zwölf berühmten Arbeiten verrichtet hatte. Euristheus nahm sie freundlich auf, und da er bald hernach gegen die Herakliden ins Feld rücken mußte, gab er beim Auszug den beiden Pelopiden sein Reich zu bewahren. Allein Euristheus kehrte aus diesem Kriege nicht zurück, und nun bestimmte das Orakel von Delphi, daß derjenige sein Nachfolger auf dem erledigten Throne werden sollte, für den die Götter ein sichtbares Zeichen geben würden.

Da entführte Hermes, um den Tod seines Sohnes Myrtilos an den Pelopiden zu rächen, aus den Triften des Gottes Pan hoch oben im Gebirge ein Lamm mit goldenem Vlies und ließ es unter der Herde des Atreus weiden, der dadurch als der Göttergewählte 31 bezeichnet war. Allein des Atreus Gemahlin Airope, eine Tochter des Königs Minos von Kreta und der berüchtigten Pasiphäe, stand mit Thyestes in heimlichem Liebeseinvernehmen und wußte das goldene Lamm, an dem der Besitz der Herrschaft hing, in seine Hände zu bringen. Atreus entdeckte den Verrat, Thyestes mußte fliehen, und die treulose Gattin wurde von dem beleidigten Gatten ertränkt. Später kehrte Thyestes als ein Bittender zurück, der rachsüchtige Atreus stellte sich versöhnt und lud den Bruder zu einem festlichen Friedens- und Freudenschmaus, ließ aber heimlich des Thyestes beide Knäblein schlachten und setzte sie dem ahnungslosen Vater als Speise vor. Die Händchen und Füßchen der Geschlachteten verbarg er unter dem Tische, bis das Mahl zu Ende war und warf sie dann mit wildem Hohn dem Gaste zu. Dieser stürzte schreiend zu Boden, würgte unter gräßlichem Stöhnen das genossene Fleisch heraus und rief Tod und Verderben über das ganze Haus des 32 Tantalos herab. Atreus stieß ihn samt seinem jüngsten Söhnchen Aigisthos, das noch in den Windeln lag, aus dem Lande und bedachte nicht, daß ihm in diesem Kind ein Todfeind seines eigenen Geschlechtes und ein Rächer der Greueltat erwachsen mußte.

An jenem Tage, erzählten die Dichter, habe der Sonnengott sein Antlitz verhüllt und seine Pferde rückwärts gewendet, um die Greuel der Tantaliden nicht mehr zu sehen. Aus dem Hause des Atreus aber wollten von nun an die Fluchgöttinnen nicht mehr weichen.

Atreus hinterließ zwei Söhne, Agamemnon und Menelaos, die durch ihre Heerfahrt nach Troja berühmt wurden.

Dieser Feldzug, die erste gemeinsame Kriegstat der Griechen, die ihre Teilnehmer unsterblich machen sollte, war längst durch den Willen der Schicksalsmächte vorausbeschlossen.

Nachdem Herakles den gefesselten Prometheus, den Wohltäter der Menschheit, befreit und mit Zeus wieder ausgesöhnt hatte, 33 enthüllte der stolze Titane sein lange bewahrtes Geheimnis, das er, an den Felsen des Kaukasus geschmiedet, nächtlicherweile aus dem Gesang der Moiren, der Schicksalsfrauen, erlauscht hatte: nämlich daß die Nereide Thetis einem gewaltigen Sohn das Leben schenken werde, dem es bestimmt sei, größer zu werden als sein Vater. Deshalb stand Zeus von seiner Werbung um die schöne Meerjungfrau ab, damit ihm nicht geschähe wie seinem Vater Kronos, der durch ihn selbst entsetzt und in die Nacht verstoßen war, und die Olympischen gaben zu ihrer eigenen Sicherheit die widerstrebende Thetis einem sterblichen Mann, dem Helden Peleus, der in Phtia herrschte, zur Gemahlin.

In einer Grotte auf der Höhe des Pelion wurde die Hochzeit gefeiert, zu der der ganze Olymp sich einfand und den Neuvermählten reiche Geschenke darbrachte. Nur Eris, die Göttin der Zwietracht, hatte man aus Vorsicht nicht geladen. Um sich zu rächen, warf diese während des 34 Festgelages einen goldenen Apfel mit der Aufschrift »der Schönsten« unter die Gäste.

Alsbald erhob sich zwischen den drei mächtigsten Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite der Streit, welcher von den dreien der Apfel gebühre. Here berief sich auf ihre Würde als oberste Götterkönigin, Athene auf ihr hohes Amt als Gehilfin des Zeus und als Siegesgöttin, die schaumgeborene Aphrodite auf ihre Schönheit und den Gürtel des Reizes, den sie um den Busen trug.

Kein Gott wagte es, zwischen den dreien zu richten, bis sie endlich unter der Führung des Hermes dem jugendlichen Hirten Paris, der auf den Triften des Idagebirges die Rinder weidete, ihren Streit zur Entscheidung vorlegten. Diesen, einen Sohn des trojanischen Königs Priamos, hatten die Eltern gleich nach seiner Geburt ausgesetzt, weil seine Mutter Hekabe im Traum einen Feuerbrand gesehen hatte, der ganz Troja zu verzehren drohte. Auf dem Ida aber war das schreiende Knäblein von den Hirten des Königs gefunden und aufgezogen 35 worden, damit der Beschluß des Schicksals sich erfülle. Paris reichte den Apfel der Liebesgöttin, die ihm zum Lohn das schönste Weib der Erde verhieß.

Unterdessen war im Hause des Königs Tyndareos zu Sparta die aus dem Ei der Leda geborene Zeustochter Helena zur bestrickendsten Schönheit herangereift. Ihr Liebreiz war so groß, daß sie schon als Zehnjährige von dem Helden Theseus geraubt und auf einer festen Burg in Attika gefangen gehalten wurde, bis ihre Brüder, die reisigen Dioskuren, ihr Schwesterchen mit Gewalt befreiten. Als sie erwachsen war, blieb von ihrem Anblick kein Männerherz unverwundet, und der Ruf ihrer Schönheit zog die Fürstensöhne aus allen Gauen Griechenlands als Freier nach Sparta. Unter ihnen erschien auch der Atride Menelaos zur Gattenwahl.

Der kluge Tyndareos, Helenas Nährvater, den der stürmische Andrang erschreckte, ließ die versammelten Freier schwören, daß die Unterliegenden nicht nur dem 36 Vorgezogenen keinen Groll nachtragen, sondern auch seine Rechte gegen jeden Angriff, woher er kommen möge, gemeinsam verteidigen wollten. Als er den Eid erlangt hatte, der ihm Sicherheit gab, stellte er der Helena selber die Wahl anheim, und diese erkor sich zum Gatten den rüstigen Menelaos, dessen älterer Bruder Agamemnon schon mit des Königs eigener Tochter Klytämnestra vermählt war. Und da des Tyndareos Söhne Kastor und Polydeukes damals schon nicht mehr unter den Lebenden weilten, übergab der alternde König mit der Hand der Helena dem Eidam zugleich die Herrschaft in Sparta. Der glückliche Menelaos ließ sich in der Königsburg am Eurotas nieder, allein nicht lange sollte er sich im gefährlichen Besitz des schönsten Weibes sonnen.

Um jene Zeit kam der junge Rinderhirt vom Idagebirge mit einem prächtigen Opferstier nach Troja, wo ein großes Fest gefeiert wurde; das königliche Blut regte sich in ihm, er beteiligte sich an den 37 Kampfspielen, wurde von seiner Schwester Kassandra erkannt und von dem Herrscherpaar, dem die Aussetzung des Sohnes schon längst das Gewissen beschwerte, mit offenen Armen aufgenommen. Als er nun in fürstlichen Gewändern prangte, nahte sich ihm Aphrodite zum zweitenmal, um ihr Versprechen zu erfüllen, und führte ihn selbst zu Schiffe gen Sparta.

Menelaos war eben nach Kreta geschifft, als der verführerische Fremdling mit allen Gaben der Liebesgöttin ausgerüstet über seine Schwelle trat. Er wurde von Tyndareos gastlich aufgenommen und betörte auf den ersten Blick mit seiner jugendlichen Schönheit, dem Duft seiner Salben und seinem asiatischen Goldprunk das leichtbewegliche Herz der Helena, daß sie ihm im Schutze der Nacht auf sein Fahrzeug folgte. Aphrodite glättete die See und gab so guten Fahrwind, daß der Räuber mit seiner schönen Beute und den Kostbarkeiten des reichen Atriden in drei Tagen Troja erreichte.

38 Iris, die windschnelle Götterbotin, hinterbrachte die böse Mär dem Menelaos, der augenblicks nach Hause eilte, wo er sein und der Helena Töchterchen Hermione mutterlos, Kisten und Kasten geplündert fand.

Jetzt erkannte er die Weisheit des Tyndareos, der ihm vorausschauend ein Mittel zur Hilfe und Rache gesichert hatte. Rasend vor Schmerz und Zorn sandte er an alle Fürsten, die einst mit ihm in Sparta um die Hand der Helena geworben hatten, sein Aufgebot, ihm gegen den Räuber beizustehen und die Entführte zurückzuholen. Durch ihren Eid gebunden, scharten sich die ehemaligen Freier der Helena um Menelaos und zogen mit List und Gewalt noch zwei Helden, die ihrer Sache fremd waren, den unbezwinglichen Achilleus, den Sohn des Peleus und der Thetis, und den erfinderischen Odysseus, König von Ithaka, ohne die nach Götterspruch Troja nicht genommen werden konnte, in ihre Reihen. Und so groß war durch ganz Griechenland die 39 Erbitterung über die einem hellenischen Herde angetane Schmach, daß sich noch viele andere Griechenfürsten freiwillig dem Heereszug anschlossen.

Der Atride Agamemnon, der in dem goldreichen Mykene saß und die ganze Argolis nebst vielen Inseln beherrschte, erhielt als der mächtigste unter den Fürsten Griechenlands den Oberbefehl über Heer und Flotte. Am Sunde Euripos, Euböa gegenüber, versammelten sich die Geschwader, um gemeinsam in See zu stechen.

Eine herrlichere Streitmacht hatte die Sonne nie gesehen. Mast schwankte neben Mast, und Tausende von bunten Wimpeln flatterten über dem Sunde, denn die hohen, schön geschnäbelten Fahrzeuge, durch die Abzeichen ihrer Gebieter weithin kenntlich, trugen die ganze Heldenblüte von Griechenland. Agamemnon allein hatte hundert Schiffe gebracht, sechzig stellte Menelaos, die andern, je nach der Zahl der Völker die sie beherrschten, der mehr, der weniger; unter allen aber leuchteten die des 40 Peliden Achilleus, die zu Ehren seiner Mutter Thetis am Buge mit goldenen Nereiden geschmückt waren.

Auf die Nachzügler wartend lagerte das Heer am Strande von Aulis, jede Völkergruppe gesondert um ihren Führer, Zelte wurden aufgeschlagen, ein unübersehbares Gewimmel von Rossen und Männern bedeckte die sonst so stille Bucht, und jedes Lager war von einem Walle blinkender Waffen umstarrt.

Um die müßige Wartezeit zu verkürzen, trieben die Helden allerlei Spiel und Kurzweil auf dem Sande: Odysseus schwang die Wurfscheibe, die beiden Ajas vergnügten sich am Brettspiel, der schnellfüßige Achilleus lief in voller Waffenrüstung mit einem Viergespann um die Wette. Der Atride Agamemnon aber verließ das Lager, um in dem nahen Hain der Artemis, die die Schutzgöttin von Aulis war, zu jagen.

In unbedachtem Jagdeifer erlegte er dort eine buntgesprenkelte geweihte Hirschkuh, und noch nicht zufrieden mit diesem 41 Frevel berühmte er sich, daß seine Pfeile sicherer träfen als die der Göttin selbst.

Heftig zürnend sandte Artemis einen Sturm, der die Fluten des Euripos donnernd an die Küste warf und die Ausfahrt der Flotte hinderte. Die Schiffe mußten aufs Trockene gezogen werden, und tatenlos lagen die Völker und ihre ruhmbegierigen Führer am Strand, auf günstigeres Wetter harrend. Viele Tage lang tobte das Meer mit gleichem Ungestüm und trieb seine Flutwellen bis zu den Gezelten, daß der weiße fliegende Salzschaum die Gesichter der Helden besprühte. Endlich schwieg der Sturm, die Hoffnung der Griechen belebte sich, da trat mit einem Male völlige Windstille ein. Grausame Enttäuschung. Die Sonne versandte unerträgliche Gluten, und über den geglätteten Sund legte sich schwüle, regungslose Meeresstille. Ermattung und Mißmut durchdrang die Völker, deren Reihen sich durch Siechtum lichteten, der Müßiggang begann die Bande der Zucht zu lösen, und drohend erhob sich 42 das Gespenst der Hungersnot, weil das Land kein so großes Heer auf die Länge zu ernähren vermochte.

Wer ist unter uns, der sich an der Gottheit vergangen hat ? Wem zürnt die Schutzherrin von Aulis so, daß sie um seinetwillen das ganze Heer der Griechen schmachvoll an dieser Küste vergehen läßt ? begann es da und dort zu fragen.

Bestürzt wandten sich die Führer an den Oberpriester und Seher Kalchas, der den Zug begleitete, daß er ihnen die Ursache des Götterzorns und die Mittel, ihn zu beschwichtigen, enthülle.

Kalchas schwieg, denn er wollte den Mächtigen nicht verletzen. Aber Tag um Tag verging, das Wasser schlief bleiern, kein Lüftchen regte sich, und Verzweiflung begann sich des Heeres zu bemächtigen. Endlich begab sich Agamemnon selbst, begleitet von Menelaos und Odysseus, zu dem Seher und gebot ihm bei seinem höchsten Zorn, aus dem Wehen der Opferflamme den Willen der Gottheit zu erforschen.

43 So gedrängt brach Kalchas zuletzt sein Schweigen.

Gewaltiger Völkergebieter, ruhmreicher Atride, sagte er, da du befiehlst, muß ich aussprechen, was dir nicht gefallen wird. Dir selber zürnt die Schutzgöttin von Aulis, weil du den Frieden ihres Heiligtums gebrochen hast. Nicht eher wird sie der Griechenflotte günstige Ausfahrt gewähren, bis du ihr zum Ersatz an ihrem Altar dein Teuerstes schlachtest. Für das Blut der Hirschkuh fordert sie das Blut einer fürstlichen Jungfrau, deiner eigenen Erstgeborenen, Iphigenia. Verweigerst du die Sühne, so wird keiner von all den Helden, die hier versammelt sind, je die Mauern von Troja erblicken.

Entsetzt wies Agamemnon die unmenschliche Forderung von sich.

So mögen meinetwegen die Griechenschiffe in Aulis vermodern, möge die unselige Helena für immer im Hause des Priamos bleiben. Lieber will ich ruhmlos und verspottet nach Hause kehren, als der Schlächter meines eigenen Kindes werden.

44 Diese Antwort des obersten Feldherrn tadelten aber die anwesenden Helden, besonders Menelaos, dem das Herz nach der entführten Gemahlin und nach Rache an dem Räuber brannte.

Mit der Beredsamkeit, die seine Leidenschaft ihm eingab, stellte er dem Bruder vor, daß es an ihm sei, die Gottheit, die er beleidigt habe, zu versöhnen und das seinem Oberbefehl anvertraute Heer aus dieser unheilvollen Bucht zu führen.

Ewige Schande wäre es, nicht nur für dich, sondern für das ganze Haus des Atreus, sagte er, wenn aus weichlichen Gründen der Vaterliebe dieser Feldzug, für den so viele strahlende Helden ihr Blut und Leben zu opfern bereit sind, unterbliebe. Es möchte wohl künftig kein Herd in Hellas mehr sicher sein, niemand könnte mehr sein Haus verlassen, ohne für Gattin und Töchter zu zittern, wenn der Raubzug des Paris ungestraft bliebe. Diese Sache ist die Sache von ganz Griechenland. Nicht nur meine Ehre gilt es zu rächen, es gilt ein 45 Strafgericht zu üben, das den Barbaren auf ewige Zeiten das Wiederkommen und das Wegführen hellenischer Weiber und hellenischen Eigentums verleide. Und dieser Gewinn ist auch mit dem Blute Iphigeniens nicht zu teuer bezahlt.

Ihm stimmte Odysseus bei, der diesen Feldzug wider Willen mitmachte, aber, da er einmal dabei war, ihn auch mit Ehren beendet sehen wollte.

Du hast uns an diesen Sund gerufen, sagte er, nun führ' uns auch glücklich hinaus, wenn wir nicht alle hier zugrunde gehen sollen. Die Völker sind entmutigt und zügellos; in der Hoffnung auf Kriegsbeute haben sie Frauen und Kinder verlassen und liegen nun nutzlos in Aulis fest. Entweder entlaß uns, daß wir versuchen, uns nach Hause zu retten, oder versöhne die Gottheit und führe uns in die Ebene des Skamandros, damit wir die Mauern Trojas brechen und mit Ruhm und unermeßlichem Beuteschatz nach Hause kehren.

Im Herzen des Atriden kämpften der Vater 46 und der Feldherr einen schweren Kampf. Endlich siegten die Mahnungen der Freunde und der Gedanke an die Ehre, die seiner an der Spitze eines so gewaltigen Heeres vor Troja harrte.

Wie aber die Tochter, die unter der mütterlichen Obhut im Frauengemach von Mykene zurückgeblieben war, zum Opferaltar nach Aulis schleppen?

Der findige Odysseus war nicht um einen Anschlag verlegen. Auf seinen Rat wurde ganz geheim ein Bote nach Mykene entsandt, der der überraschten Klytämnestra die Freudenkunde überbringen mußte, ihr Gatte habe seine Erstgeborene mit dem großen Sohne der Thetis verlobt, und der Göttliche weigere sich nach Troja weiterzuziehen, wenn ihm nicht noch in Aulis die Atridentochter vermählt werde. Deshalb gebiete der König, ihm ungesäumt Iphigenien zur Hochzeit mit Achilleus ins Lager zu senden.

Freudetrunken eilte Klytämnestra ihre Tochter auf das Glück vorzubereiten, das 47 ihrer in den Armen des herrlichsten Heldenjünglings harrte, der der geheime Traum jeder Griechenjungfrau war. Zwar umstrahlte ihn noch nicht der unsterbliche Ruhm, den er als Städtevertilger und als Überwinder Hektors auf dieser Heerfahrt finden sollte. Aber er war der Sohn der Meeresgöttin, der sich zugleich rühmen durfte, väterlicherseits vom Götterkönig selber abzustammen, und schon erkannte der Ruf ihn als denjenigen an, mit dem sich kein anderer Held, auch nicht der tapfere Telamonier Ajas von Salamis messen konnte. Nicht minder übertraf er an Schönheit und edlem Anstand alle Griechensöhne, denn die Nereiden hatten seine Kindheit gewiegt, und auf den Höhen des Pelion, fern von menschlicher Verderbnis, hatte der weiseste und frömmste aller Sterblichen, der Kentaur Chiron, ihn zum Jüngling erzogen. Die Tochter der Leda, stolz auf ihre Abkunft und ihr herrliches Brüderpaar, die Dioskuren, die damals schon als Zwillingsgestirn am Himmel glänzten, 48 nicht minder stolz, die Gemahlin des obersten Kriegsherrn zu sein, fühlte sich jetzt auf dem Gipfel ihres Glücks, daß sie den Sohn der Göttin Eidam nennen durfte.

Eilig rüstete sie zur Reise, die schönsten Gewänder, die kostbarsten Geschmeide aus der unerschöpflichen Schatzkammer des Atreus wurden aufgeladen, auch das Wasser aus der heimatlichen Quelle Perseia, das die Sitte für das Brautbad vorschrieb, durfte nicht fehlen. Sie selber bestieg mit der Tochter den Wagen und nahm auch den kleinen, erst zweijährigen Orestes mit, daß er den Ehrentag der Schwester verschönen helfe und das Vaterherz noch einmal durch seinen Anblick erquicke. So erreichten sie nach beschwerlicher Reise, von dem Boten geleitet, die Bucht von Aulis.

Auf einer schattigen Waldwiese unter aufgespannten Tüchern machten die fürstlichen Frauen Rast, bevor sie ins Lager einfuhren. Während die ausgeschirrten Pferde grasten, wurde Iphigenie von den mitgebrachten Dienerinnen gebadet, gesalbt und 49 in das schöne safrangelbe Festgewand gehüllt, in dem sie dem herrlichen Bräutigam entgegentreten sollte. Dann sandte Klytämnestra einen Boten voraus, den König auf ihre Ankunft vorzubereiten.

Aber kein freudiger Willkomm ward ihnen von Agamemnon. Längst hatte der Atride seinen unnatürlichen Entschluß bereut und hatte sogar versucht den ganzen Plan rückgängig zu machen, indem er heimlich einen zweiten Boten nach Mykene sandte, der den Auftrag des ersten widerrufen sollte. Jedoch der Diener, der das zweite Schreiben an Klytämnestra trug, war von dem lauernden Menelaos abgefangen worden, und jetzt kam die Schnelligkeit der Frauen jedem weiteren Rettungsversuch zuvor. Iphigenie befand sich im Lager unter dem Kriegsvolk, das ihr bereits schaulustig und bewundernd entgegenströmte und sich in Mutmaßungen über ein bevorstehendes Hochzeitsfest in Aulis erging. Schnell genug mußte es durch den Eifer des Kalchas und des Odysseus den wahren Zweck ihrer 50 Ankunft erfahren, und ihr Tod war nicht mehr abzuwenden.

Verwirrt und traurig empfing der König die zärtlichen Liebkosungen des Töchterleins, das ihm vom Wagen herab in die Arme flog. Wortkarg erwiderte er den Gruß der von Mutterglück und Stolz gehobenen Gemahlin, deren Gegenwart in Aulis ihm eine furchtbare Verlegenheit bereitete. Er verbarg seine Unruhe unter dem Vorwand, daß das Verweilen einer fürstlichen Frau im Lager unter all den Männern unstatthaft sei, und sobald er ihren ersten Fragen nach dem Bräutigam und dem künftigen Verbleib ihrer Tochter durch doppelsinnige Worte genuggetan, ersuchte er sie ungesäumt mit dem kleinen Orestes nach Hause zurückzukehren, um dort der zurückgebliebenen Töchter Elektra und Chrysothemis zu warten. Für die Feier in Aulis genüge des Vaters Anwesenheit, er selber werde Iphigenien die Hochzeitsfackel vorantragen.

Aber entrüstet wies Klytämnestra das 51 befremdende Ansinnen zurück, denn der Mutter liege es ob, die Tochter dem Gatten zuzuführen; Agamemnon möge draußen unter seinem Kriegsvolk schalten, aber in häuslichen Dingen ihr die Leitung überlassen.

Während der König, der nichts Triftiges mehr zu erwidern fand, sich ratlos dem Zwiste entzog, um, wie er sagte, das Hochzeitsopfer, das der Vermählung vorangehen sollte, anzuordnen, in Wahrheit aber um ein ganz anderes Opfer zu beschleunigen, führte ein Zufall den ahnungslosen Peliden nach dem Zelte des Oberfeldherrn. Ihn, dessen redliches Herz die Listigen scheuten, hatte man in das falsche Spiel, zu dem sein Name mißbraucht wurde, gar nicht eingeweiht.

Als ihm aus dem Königszelt eine von Hoheit umstrahlte Frau, schön wie die Götterkönigin, entgegenkam, wollte der junge Held sich bescheiden und ehrfurchtsvoll zurückziehen. Klytämnestra aber nannte ihm lächelnd ihren Namen und trat mit 52 dargebotener Rechten heran, ihn als lieben Eidam zu begrüßen.

Betreten wich der Held zurück und erklärte, nichts von Verlobung zu wissen, noch jemals um ihre Tochter gefreit zu haben.

Jetzt war die Reihe zu erstaunen an der Königin. Die Haltung des Peliden bewies ihr, daß ihm die ganze Sache fremd war, und vergeblich suchte sie nach der Lösung dieses verwirrenden Rätsels. Die stolze Tochter der Leda wußte nicht mehr, wie dem Jüngling ins Auge schauen, vor dem sie als unberufene Hochzeitsstifterin dastand, und wollte sich tief beschämt und verletzt zurückziehen, allein Achilleus, der ihre Kränkung zartfühlend mitempfand, verlangte nun gleichfalls nach Aufklärung. Da kam ein alter Diener des Hauses, derselbe, dem Menelaos den rettenden Brief entrissen hatte, herzugeschlichen und gab den schreckensvollen Aufschluß des Unbegreiflichen, indem er die Königin von dem Gaukelspiel, das man mit ihr 53 getrieben, und von der bevorstehenden Opferung Iphigeniens unterrichtete.

Klytämnestra wollte zuerst an eine solche Unmenschlichkeit ihres Gemahls nicht glauben. Als sie alles begriff, warf sie sich leidenschaftlich zu den Füßen des Achilleus, der mit Staunen und Entrüstung den ungeheuren Betrug vernommen hatte.

Hörst du, Sohn der Thetis, rief sie, wozu dein Name herhalten mußte? Iphigenie soll sterben, weil sie deine Braut geheißen hat! Ich schäme mich nicht vor dir zu knien, ich, ein sterbliches Weib, vor dem Halbgott. Wenn du wirklich der Sohn der Göttin bist, so rette die Jungfrau, der du, wenn auch fälschlich, als Gatte gegolten hast. Dir glaubte ich sie zu schmücken, dir glaubte ich sie zuzuführen und führte sie statt dessen zur Schlachtbank her. Dein Name ist es, der mich in diesen Jammer gestürzt hat, also bist du mir deinen Schutz schuldig. Ich stehe hier ganz allein, ein Weib unter diesem wilden zügellosen Kriegsvolk, und habe keine andere Zuflucht als dich; 54 denn der uns beschützen müßte, ist rasend geworden und wütet gegen sein eigenes Fleisch und Blut. Nur bei dir ist Rettung, wenn du es willst, da dein Arm mehr gilt als das gesamte Griechenheer.

Fasse dich, schwergekränkte Frau, antwortete der Pelide. Deiner Bitten bedarf es nicht, denn deine Sache ist auch die meinige. Mich haben ja die hochmütigen Atriden beschimpft, indem sie mich zum Werkzeug eines Mordes machen wollten, und ich müßte der feigste Wicht im ganzen Griechenheere sein, wenn ich zugäbe, daß deiner Tochter, die durch meinen Namen hierher gelockt ward, auch nur ein Härchen gekrümmt würde. Sei du getrost, edle Tochter der Leda. Ich bin zwar nicht der Gott, für den du mich hältst, aber dir will ich einer werden.

Klytämnestra erhob sich halb getröstet, und um den jungen Helden noch tiefer zu rühren, erbot sie sich, die Tochter selbst herbeizurufen, damit sie zu seinen Füßen ihm danke.

55 Allein Achilleus wehrte ab, weil er das Schamgefühl der Jungfrau nicht verletzen wollte. Er schwur bei seiner göttlichen Mutter, Iphigenie zu retten, um welchen Preis es auch sei. Bevor es jedoch zum äußersten komme, möge Klytämnestra noch einen Versuch machen, durch Bitten das Herz ihres Gatten zu wenden; denn erst, wenn alle guten Worte vergeblich erschöpft wären, würde er sich entschließen, das Eisen reden zu lassen. Doch werde er unterdessen im stillen über ihre Sicherheit wachen, daß nicht von seiten der Atriden ein Gewaltstreich an ihrer Tochter verübt werde.

Zögernd und schweren Herzens kehrte Agamemnon in sein Zelt zurück, nachdem die Anstalten am Altar getroffen waren, und wollte die Tochter unter Vorspiegelung des Hochzeitsopfers von der Mutter weg zur Artemiswiese führen. Allein schon von weitem vernahm er das Jammern und Weinen der dienenden Frauen, und Klytämnestra trat ihm wie eine gereizte Löwin 56 entgegen, bereit ihr Kind bis aufs äußerste zu verteidigen.

Noch wollte er den Unschuldigen spielen, aber die ersten Worte seiner Gattin zeigten ihm, daß sein Betrug entdeckt war.

Da schlug er die Augen nieder und stand in beklommenem Schweigen, während Klytämnestra ihre Anklagen wie siedendes Öl auf sein Haupt ergoß. Sie hielt ihm vor, welche treubesorgte und gehorsame Gattin sie ihm stets gewesen und wie sie seines Hauses Glanz und Glück gemehrt habe. Drei Töchter habe sie ihm außer dem Stammhalter Orestes geboren, und von diesen wolle er ihr eine in so gräßlicher Weise entreißen; wie ein Rasender wolle er für die ehrvergessene Helena sein eigenes Kind hingeben, das Schlechteste mit dem Besten bezahlen. Warum denn nicht des Menelaos und der Helena Tochter zum Opferherd geführt werde, wenn es durchaus des Blutes einer fürstlichen Jungfrau bedürfe?

Ist das gerecht, rief sie, daß die Buhlerin, die all dies Unheil verschuldet hat, nur 57 nach Sparta zurückzukehren braucht, um ihr Kind wieder in die Arme zu schließen, während ich, die ich schuldlos bin, ewig um das meinige trauern soll? Wenn Frauenwert so wenig gilt, wer mag da künftig dem Manne treu und makellos den Herd bewahren? Wie, und erwartest du, daß ich dir Segenswünsche auf deine Fahrt mitgebe, wenn du mir das Kind, das ich mit Schmerzen geboren habe, schlachtest? Hast du bedacht, wie mir zumute sein wird, wenn ich in das verwaiste Haus zurückkehre und meine Augen dort vergebens Iphigenie suchen und nichts finden als ihren leeren Sessel, der mich stündlich an deine Untat mahnen wird? Und – setzte sie mit drohender Stimme hinzu – mit welchem Gruße, denkst du, werde ich einst den Mörder meines Kindes bei seiner Heimkehr empfangen?

Der Atride fand keine Antwort auf diese herzzerreißenden Anklagen. Aber mehr als die Vorwürfe der stolzen Gemahlin erschütterten ihn die Bitten und Tränen Iphigeniens, die seine Knie umklammerte und 58 ihn mit rührenden Worten anflehte, ihr junges Leben zu schonen. Sie erinnerte ihn, wie sie als erste sich auf seinen Knien geschaukelt und ihm den holden Vaternamen gegeben habe, und wie es ihre süßeste Hoffnung gewesen sei, ihm dereinst im schwachen Greisenalter seine Liebe und Pflege zu vergelten.

Auch der kleine Orestes, der noch nicht verstand, was vorging, aber mitweinte, weil er die andern weinen sah, wurde herbeigeführt, um mit stammelnder Fürbitte das Herz des Vaters zu erweichen.

Agamemnon litt tausend Qualen, gerne hätte er jetzt auf seine ehrgeizigen Wünsche verzichtet, aber es war zu spät.

Schon war der bisher verheimlichte Seherspruch im Lager bekannt geworden, und Odysseus, des Atriden Wankelmut fürchtend, eilte geschäftig von Haufen zu Haufen, um die Völker aufzuhetzen, daß sie den schleunigen Vollzug des Opfers forderten.

Wenn ich auch wollte, sagte der Feldherr 59 schmerzvoll, ich kann diese Flut nicht mehr zurückdämmen. Weigere ich mich, so wird nicht nur die eine Tochter sterben, sondern die Wut der betrogenen Völker wird sich bis Mykene wälzen und mich selbst mit allen Meinigen wegraffen. Ganz Griechenland verlangt deinen Opfertod, o Kind, diesem Drucke können wir nicht widerstehen. Was an mir und dir liegt, das muß geschehen, daß die Ehre des Vaterlandes gerettet werde, und daß kein Barbar es in Zukunft wage, einen hellenischen Herd zu schänden.

Nach diesen Worten entfernte er sich fluchtartig, um nicht noch mehr erweicht zu werden, und weil er die Ausführung der schlimmen Sache fremden Händen überlassen wollte.

Inzwischen war Achilleus selber ins Gedränge geraten, als er dem Heer seinen grausamen Anspruch auszureden suchte. Die Völker, von Odysseus aufgestachelt, tobten wie ein brandendes Meer und forderten stürmisch die Opferung der 60 Jungfrau. Der Pelide wurde überschrien und vom Pöbel, der ihn bezichtigte, aus Liebestollheit der allgemeinen Wohlfahrt entgegen zu sein, mit Steinen bedroht.

Aber der Sohn der Göttin ließ sich nicht einschüchtern. Er zwang seine Myrmidonen, die sich gleichfalls empört hatten, zum Gehorsam zurück und umstellte mit ihnen das Zelt Agamemnons zum Schutz gegen den andringenden Odysseus, der geschworen hatte, die Jungfrau an ihren Haaren zur Opferwiese zu schleifen, wenn die Zögerung noch länger dauere.

Mutter, sie kommen mich mit Gewalt hinwegzuschleppen, rief Iphigenie angstvoll, als sie die Bewaffneten erblickte, und warf sich in die Arme Klytämnestras, die ihr tröstend den Halbgott, ihren Beschützer, zeigte.

Die Jungfrau wollte sich vor den Augen des Peliden im Zelte verbergen, denn der Gedanke an die vorgespiegelte Brautschaft trieb ihr heiße Schamröte in die Wangen, aber die Mutter hielt sie zurück, weil jetzt 61 nicht der Augenblick zu so zarten Gefühlen sei.

Von dem herantretenden Helden erhielten die Frauen die schreckensvolle Bestätigung, daß wirklich das ganze Heer wie ein Mann den Tod Iphigeniens forderte. Doch bereitete er sich zugleich, gegen das ganze Heer für sie zu kämpfen. Er zog seine Myrmidonen enger um das Zelt zusammen, denn aus der Ferne hörte man schon die Stimmen des von Odysseus geführten Haufens, der sich ihrer mit Gewalt bemächtigen wollte. Und jetzt hätte hellenisches Blut den Strand von Aulis gefärbt, wäre nicht Iphigenie selber dazwischen getreten.

In ihr war beim Anblick des herrlichen Helden, der sein Leben für sie einsetzen wollte, und bei der Erkenntnis, daß von ihr allein das Heil ganz Griechenlands und der Sturz von Troja abhänge, eine tiefe Wandlung vorgegangen. Nicht durch Überlegung, sondern plötzlich wie durch himmlische Eingebung hatte ihr Sinn sich gewendet. Ihre Todesfurcht war 62 verschwunden. Sie dankte dem großmütigen Helfer für seinen angebotenen Schutz, erklärte aber, sich freiwillig der Göttin darbringen zu wollen, ihrem Vaterlande zum Heil, sich selber zum ewigen Gedächtnis. Nimmermehr dürfe es geschehen, daß der edle Freund sich ihretwegen mit dem ganzen Heer in Streit verwickle und ein Leben gefährde, das mehr wert sei als das Leben von Tausenden. Auch gehöre sie ja nicht Klytämnestra allein, ganz Griechenland habe Mutterrechte an sie und müsse in der Stunde der Not auf sie zählen können, so gut wie auf alle die Heldensöhne, die sich in Aulis versammelt hätten, um hellenische Schmach an den Barbaren zu rächen.

Mit Staunen und Bewunderung hörte der Göttersohn diese Worte aus dem Munde des Mädchens.

Nun sehe ich erst, o Tochter Agamemnons, wie glücklich mich die Götter machen wollten, als du meine Braut hießest. Du hast erhaben und des Vaterlandes würdig gesprochen. Ja, seit ich deinen hohen Sinn 63 kenne, erscheinst du mir noch schöner und liebenswerter als zuvor. – Vertrau dich meinem Schutz, daß ich die Arme um dich breite und dich unter mein Dach in Phtia führe. Es würde mir das Herz zerbrechen, wenn ich dich nicht retten dürfte. Bedenk' es wohl, es ist nichts Leichtes um das Sterben.

Doch Iphigenie beharrte sanft und fest bei ihrer Entscheidung.

Es ist genug, sagte sie, daß um eines Weibes, um dieser Helena willen, so viele Mütter ihre Söhne beweinen sollen. Um mich, du Großmütiger, soll kein Tropfen Griechenblut fließen. Überlaß es mir, die Wohlfahrt des Vaterlandes zu begründen, wie das Schicksal es von mir heischt.

Diese Worte überzeugten auch den Achilleus, denn sie waren aus seinem eigenen Heldenherzen gesprochen.

Ich kann dir nichts mehr entgegnen, Hochherzige, sagte er. Du hast das edlere Teil erwählt, und jede selbstsüchtige Regung muß vor deiner Heldengröße verstummen. 64 Ich werde dich nicht hindern, wenn du in deinem Entschlusse standhaft bleibst. Aber der Tod ist bitter auch für den Mutigsten. Es könnte sein, daß dein rascher Entschluß dich noch gereute. Darum werde ich mich mit meinen Waffengefährten in deiner Nähe am Opferherd aufstellen. Wenn dir beim Anblick des blanken Eisens das Herz erbebt und du nach Rettung ausblickst, so ist dir der Helfer schon bereit. Leb' wohl indessen, ich eile voran zur Wiese der Artemis, wo wir uns wiedersehen.

Als der Held seine Schar hinweggeführt und auch Odysseus sich zurückgezogen hatte, bereitete Iphigenie sich zum letzten Gang. Die Begleitung der Mutter wies sie zurück, um sich nicht zu erweichen, und rief die Diener Agamemnons aus dem Zelt, die sie würdig zur Opferwiese führen sollten. Sie bat Klytämnestra, sich nicht um ihretwillen die Locken abzuscheren noch schwarze Gewänder anzulegen, auch die Schwestern nicht in Trauer zu kleiden, denn sie gehe ja nicht dem Tode, sondern einem 65 Leben in ewigem Ruhmesglanz entgegen. Die beiden umschlangen sich noch einmal, Iphigenie küßte auch den kleinen Orestes und legte ihn zum Trost in die Arme der Mutter. Als sie aber an diese die letzte Bitte richtete, ihrem Vater keinen Groll nachzutragen, weil er ja nur gezwungen sie aufgeopfert habe, da funkelten Klytämnestras Augen unheilvoll, und sie antwortete: Zweifle nicht, er soll an dich erinnert werden.

Im Hain der Artemis auf sonnenversengter Lichtung neben einer alleinstehenden Platane erhob sich der Herd der Göttin, worauf schon das Feuer brannte, das den jungen Leib verzehren sollte; es loderte bleich und scheinlos in der glühenden Helligkeit. Rings umher hatten sich die Heerführer aufgestellt, unter ihnen Agamemnon, der beim Anblick Iphigeniens laut aufstöhnte und sein Haupt mit dem Mantel verhüllte. Im Hintergrund nach dem Strande zu wogte Kopf an Kopf das ganze Griechenheer.

Leichten Schrittes trat Iphigenie zum 66 Vater und bat ihn die Tochter noch einmal anzusehen, die aus freiem Entschluß zur Opferstätte komme. Dann blickte sie mit holdem Anstand in die Runde und sprach:

Seid von mir gesegnet, ihr Griechenhelden. Möge der Sieg eure Speere kränzen und euch glückliche Heimkehr nach Hellas beschieden sein! Mir gewährt noch eine Bitte: daß keine Faust mich gewaltsam anfasse, damit ich still und ohne Zwang meinen Nacken darbieten kann.

Ergriffen standen die Griechenfürsten und senkten trauernd das Haupt, nur der Held von Phtia hielt, wie er versprochen hatte, sein Auge wachsam auf sie geheftet. Jetzt trat der Herold Talthybios unter das Heer, um Stille zu gebieten, und die Gebräuche nahmen ihren Anfang. Die Stufen des Altars wurden rings mit Wasser besprengt und mit Schrotmehl bestreut, und Kalchas erhob laut seine Stimme, um die Göttin anzuflehen, daß sie das Opfer gnädig entgegennehme und der Flotte glückliche Seefahrt gewähre. Dann riß er schnell das 67 schwere Schlachtmesser aus der Scheide und zückte es auf Iphigeniens weißen vorgeneigten Nacken.

Aber er traf ihn nicht. Im Augenblick, wo allen der Atem stockte, war ein Wunder geschehen. Mit einem Schlag hatte sich die Luft verfinstert, und aus der Wolke, die sich auf den Hain herabsenkte, trat die schimmernde Artemis in eigener göttlicher Person, ein Hirschkalb im Arme haltend. Sie hüllte Iphigenien in ihren Silberschleier und verschwand mit ihr, wie sie gekommen war. An Stelle der Jungfrau lag das Hirschkalb mit durchschnittenem Halse auf dem Opferherd und umströmte mit seinem Blute die Stufen. Die Augen der Griechen aber blieben mit Blindheit geschlagen, daß sie von dem Tausche nichts bemerkten. Gleichzeitig wehte schon ein frischer Lufthauch vom Meere her, der die Schwüle durchdrang und alle Herzen erleichterte. Der Priester stimmte ein lautes Dankgebet an und befahl im Namen der Göttin den augenblicklichen Aufbruch. Während die 68 Reste des Opfers auf dem Herd verkohlten, wurden die Zelte abgebrochen und die Schiffe in die aufrauschende Flut gezogen. Hier sah man Tauwerk spannen, dort Gerät und Waffen verladen, fröhliche Schifferlieder ertönten, und bald schwamm die ganze Flotte mit geblähten Segeln stolz durch die Wasser des Euripos dem offenen Meer und der fernen Küste Asiens entgegen.

 

Zehn Jahre lagerten die Griechen vor Ilion, ehe es ihnen mit Götterhilfe gelang, die Mauern zu brechen, die durch Götter beschützt waren.

Als das Heer seine schnellen Schiffe wieder bestieg, war die heilige Troja eine rauchende Trümmerwüste, und der greise Priamos mit all seinen Söhnen lag erschlagen. Aber schwere Opfer hatte der späte Sieg die Hellenen gekostet. Ihre herrlichsten Krieger waren in der Ebene des Skamandros gefallen. Den Peliden deckte längst an der Seite seines Patroklos das hochgetürmte Ehrenmal auf dem Vorgebirge Sigeion, das 69 noch heute der Vorüberfahrende mit den Augen sucht. Der gewaltige Ajas von Salamis, der der tapferste war nach dem Sohne der Thetis, hatte sich aus Verzweiflung selbst entleibt, weil des gefallenen Achilleus Rüstung, die von Hephästos selbst geschmiedet war, dem schlauen Odysseus zugesprochen wurde. Die Heimkehrenden aber traf der Götterzorn zur See und zerstreute die ganze Griechenflotte in Sturm und Nebel, daß kein Schiff vom andern wußte, wo es geblieben war. Den lokrischen Ajas verfolgte Athene, weil er die schutzflehende Kassandra ruchlos von ihrem Heiligtum hinweggerissen und geschändet hatte, sie zerstörte das Schiff, das ihn trug, und Poseidon spaltete mit einem Dreizack den Fels, auf den er sich schwimmend zu retten glaubte. Odysseus wurde hilflos auf ferne Meere verschlagen und sollte erst nach zehnjähriger unendlicher Drangsal sein Ithaka wiedersehen. Menelaos führte zwar die erstrittene Helena, die in unverwelklicher Jugend und Schönheit 70 strahlte, beseligt von dannen, aber auch ihm war noch eine lange Irrfahrt beschieden, bevor er seine Königsburg in Sparta wieder betrat. Nur dem Agamemnon lächelte das Glück, daß er dem Sturm im Ägäischen Meere entrann und mit den unermeßlichen Schätzen der zerstörten Phrygerstadt sicher nach Hause kehrte.

Als herrlichstes Beutelos war ihm Kassandra, die schönste von den Töchtern des Priamos, zugefallen.

Diese hatte einst Apollon zu seiner Priesterin gewählt und ihr die Gabe der Weissagung verliehen, als Gegengabe ihre Liebe heischend. Kassandra hatte das Geschenk empfangen, aber den Lohn versagt, worauf der erzürnte Gott den Fluch über sie verhängte, daß sie wohl das Zukünftige schauen, aber für ihre Eingebungen keinen Glauben finden sollte. So oft ein Unheil drohte, hatte der heilige Wahnsinn Kassandra erfaßt, daß sie auf die Straßen rennend laut ihre Gesichte hinausschreien mußte, aber immer war sie als Närrin verlacht 71 worden, und das Verhängnis ging seinen Weg. Schon als der wiedergefundene Paris in das Haus des Priamos aufgenommen wurde, hatte sie sich widersetzt, weil sie in ihm den Feuerbrand erkannte, der die Stadt verzehren sollte. Beim Einzug der Helena schrie sie ach und wehe, aber niemand wollte ihr Gehör schenken. Halb bemitleidet und halb verachtet lebte sie unter den Geschwistern, in ihrem Priestergewand ein Gespött des Volkes. Und als die verblendeten Trojaner das hölzerne Pferd, das in seinem Bauch die grimmigsten Griechenhelden barg, mit eigenen Händen in ihre Stadtmauern zogen, da hatte die Unglückliche zum letztenmal ihren vergeblichen Warnungsruf erhoben. Jetzt mußte die stolze Königstochter, die die Liebe eines Gottes verschmäht hatte, als Sklavin das Zelt des Atriden teilen. Aber Agamemnon liebte sie und wollte der Gefangenen ein mildes Los in seiner Heimat bereiten. Er ahnte nicht, daß ihn und sie das gleiche Mordbeil dort erwartete.

72 In jenem strengen Felsengelände, hinter den finstern Kyklopenmauern der Atreusburg lauerte die unversöhnliche Feindschaft.

Beim Auszug aus Mykene hatte der König seine Gemahlin zur Reichsverweserin bestellt und ihr seinen Vetter Ägisthos als Beschützer zur Seite gegeben. Dieser, der Sohn des Thyestes, haßte schon von seinem Vater her den ganzen Stamm des Atreus und nährte stetig den Groll Klytämnestras, die ihrem Gatten die Opferung der Tochter nicht verzieh. Ägisthos war ein schöner aber unkriegerischer Mann und deshalb nicht mit vor Troja gezogen. Aber gerade so gefiel er der herrischen Königin, die schwer einen Willen über dem ihrigen ertrug. Lang umschmeichelte er sie, bis er endlich im vierten Jahr nach Agamemnons Auszug Herz und Sinne der stolzen Frau so betörte, daß sie ihn in die Rechte des Gatten und Königs einsetzte. Widerwillig, von der männlichen Hand Klytämnestras niedergehalten, gehorchten die Bürger 73 Mykenes dem ehebrecherischen Paar. Die beiden hofften, der verschollene Agamemnon würde niemals zurückkehren, denn keine Botschaft hatte je von Troja gemeldet, daß er noch lebe.

Da sah in einer Spätsommernacht des zehnten Jahres der Wächter des Palastes von seiner einsamen Warte plötzlich das Bergfeuer aufflammen, das der König einst mit der Königin verabredet hatte als Zeichen, daß Troja gefallen sei. Einen weiten Weg über Inseln und Vorgebirge und über länderscheidende Bergrücken hinweg hatte die Feuerpost zu durchlaufen, bis sie, von Bergwarte zu Bergwarte durch flammende Holzstöße weitergesendet, von dem fernen Ida, zu dessen Füßen Troja lag, die Königsburg von Mykene erreichte. Bei dem längst nicht mehr erhofften Anblick rief der Wächter die Bewohner des Palastes aus dem Schlaf, und unendlicher Jubel meldete der Königin die Siegesbotschaft.

Klytämnestra ließ sich durch die unerwünschte Freudenkunde nicht verwirren. 74 Mit königlicher Sicherheit, ohne ihr wahres Gefühl mit einer Miene zu verraten, entbot sie dem Volke die Nachricht von Trojas Sturz und ordnete durch die ganze Stadt feierliche Dankopfer an. Glutschein und Weihrauchduft stiegen von den Altären der Königsburg, die Klytämnestra unter Dankgebeten opfernd umschritt. Aber anders lauteten die Gebete, die sie heimlich in ihrem Herzen an die Götter des Hauses richtete, und unter der lauten Freudenfeier barg sie einen furchtbaren Entschluß. Denn zu dem alten Groll um die geschlachtete Tochter gesellte sich jetzt die Sorge für ihre eigene Sicherheit: wenn sie fernerhin ihr neues Glück an Ägisthos' Seite genießen wollte, so durfte der heimkehrende Gemahl und König nicht leben.

In Nauplia lief Agamemnon mit dem einen geretteten Schiffe in den Hafen. Von dort sandte er einen Herold voraus, der die Feuerpost vom Falle Trojas bestätigen und der Königin seine Heimkunft melden sollte.

75 Als der Bote beim Eintritt in die Stadt sich niederwarf, die langersehnte Heimaterde zu küssen, umringte ihn alt und jung und bestürmte ihn mit Fragen. Der wollte von der Einnahme Trojas hören und jener vom Lose der hinausgezogenen Freunde; in den Siegesjubel und die Freude über die Rückkehr des geliebten Herrschers mischten sich die Wehklagen um die Gefallenen, und die Erinnerung an die ausgestandenen Leiden erpreßte dem Heimgekehrten wie den Zurückgebliebenen Tränen. Doch die Freude überwog das Leid, in dem heranziehenden Agamemnon sahen die Bürger Mykenes ja nicht nur den Überwinder von Ilion, sondern auch den Erlöser aus einem unwürdigen Joche, das sie in Scham und Gram getragen hatten.

So wurde der Mann zur Königsburg geführt, wo ihn Klytämnestra mit erheuchelter Freude empfing und sich berichten ließ, was ihr zu wissen nötig war. Auch daß die trojanische Königstochter den Sieger begleitete, blieb ihr nicht verborgen, und 76 obwohl sie selber dem Gemahl die Treue gebrochen hatte, sog ihr Haß auch aus dieser Mitkunft, die sie als einen ihr angetanen Schimpf betrachtete, neue Nahrung.

Agamemnon zog mit den Wagen voll Siegesbeute, wozu auch die gefangenen Troerinnen gehörten, über die staubwirbelnde argolische Ebene heran; er selber teilte mit Kassandra den Wagensitz. Wo er durchfuhr, drängte alles Volk sich jubelnd nach.

Vor der Königsburg trat ihm Klytämnestra prachtvoll in ihrer düstern Schönheit an der Spitze der Dienerschaft entgegen, um seinen Einzug mit verwirrendem Gepränge zu feiern. Mit überschwenglichen Worten pries sie seinen Siegesruhm und das Glück des Wiedersehens, das ihr so oft von trügerischen Träumen vorgegaukelt worden sei, daß sie es kaum für Wahrheit zu nehmen wage. Unsägliche Not und Angst habe sie ja um seinetwillen erduldet, und ihre Augen seien trübe vom Wachen und Weinen, weil sie so lange vergebens auf seine Feuerpost harren gemußt. Mehr 77 als einmal habe sie, durch ein Gerücht von seinem Tode geschreckt, sich mit der Schnur zu erdrosseln gesucht und sei nur gegen ihren Willen vom Gesinde gerettet worden.

So sei mir nun willkommen, geliebtes Haupt, sagte sie, seine Hand erfassend, wie dem Verlechzten ein frischer Quell, wie dem Schiffer das unverhofft auftauchende Land. Tritt in dein Haus und überzeuge dich, wie treu deine liebende Gattin dir den Herd behütet, deine Kinder erzogen und deinen Besitz gemehrt hat. Mögen die Götter dir gewähren, was mein Herz für dich erfleht! Für alles andere wird mein Eifer zu sorgen wissen.

Agamemnon stand bei dem gleißnerischen Empfang betreten, und ein warnendes Unbehagen beschlich seine Seele.

Als nun Klytämnestra gar einen flammendroten Prunkteppich von der Schwelle des Tores bis zum Wagen ausbreiten ließ, damit die Füße des königlichen Siegers nicht die nackte Erde beträten, da wies der 78 Feldherr solche ausschweifende Huldigung, wie sie keinem Sterblichen gebühre, von sich.

Du spannest deine Reden nach der Länge meiner Abwesenheit, edle Tochter der Leda, sagte er kalt. Aber laß es nun genug sein. Ich bin ja kein Barbarenfürst, kein Priamos, daß ich mit gebogenen Knien empfangen werden sollte. Mein Ruhm komme mir lieber aus fremdem Munde als aus dem meiner Gattin. Ehre du mich als Menschen, nicht wie einen der Unsterblichen. Wenn ich auf solcher Purpurpracht einherschritte, müßte ich fürchten, den Neid der Götter zu reizen, der leicht mein ganzes Glück zertrümmern könnte.

Aber Klytämnestra, deren Wille etwas Bezwingendes hatte, ließ nicht ab in ihn zu dringen, daß er die Ehrenbezeigung annehme, bis der König nachgab. Er gebot den Sklaven ihn zu entschuhen, und nachdem er seiner Gemahlin das Los der gefangenen Kassandra empfohlen hatte, beschritt er widerstrebend voll heimlicher 79 Scheu auf der blutroten Bahn die Schwelle seiner Väter.

Kassandra war regungslos auf dem Wagensitze zurückgeblieben. Der Königin, die sie aufforderte, gleichfalls ins Haus zu treten und beim Festopfer ihren Platz unter dem Gesinde einzunehmen, hatte sie mit keinem Zucken der Wimper geantwortet. Jetzt aber erblickte sie vor dem Hause die Bildsäule Apollons, und jählings ergriff sie der Geist des Gottes, daß sie laut aufschrie:

O Apollon, Apollon, in welches Schlachthaus hast du mich geführt!

Wie ein Jagdhund witterte die Seherin das altvergossene Blut, und plötzlich wurden ihre Augen schauend.

Sie sah zwei zarte Schemen vor dem Tore gelagert, die geschlachteten Kinder des Thyestes, die in den Händchen Stücke des eigenen Fleisches hielten, von dem der Vater gegessen hatte. Mit Grausen fuhr sie von der Unglücksschwelle zurück, hinter der sie die schrillen Stimmen der Erinnyen zu vernehmen meinte. Da drängte sich 80 auch schon durch Mauern und geschlossene Pforten hindurch das neue Schrecknis in ihre Seele, das im Innern des Hauses der Erfüllung entgegenging. Sie sah ein Ding wie ein Netz über den aus dem Bade steigenden König geworfen und sah das Mordbeil aus der Hand der furchtbaren Klytämnestra auf ihn niedersausen. Ihre Angstrufe wurden von den Umstehenden nicht verstanden. Da erkannte Kassandra, zu welchem Lose der rachsüchtige Gott sie hergeführt hatte und daß ihr nirgends mehr ein Ausweg blieb.

Sei's denn, rief sie verzweiflungsvoll, ich habe Ilion stürzen sehen und alle die Meinigen vom Schwerte sterben. Was kümmert mich fremde Sklavin das Geschick des Atridenhauses! Was frage ich noch nach meinem eigenen, nachdem ich so tief gefallen bin!

Von heiliger Wut ergriffen, riß sie sich das priesterliche Gewand vom Leibe, Seherbinde und Stab, die ihr Apollon selbst verliehen hatte, warf sie durch den Gott 81 getrieben von sich, die heiligen Gegenstände durften nicht mit Blut bespritzt werden, und mit lauten Verwünschungen auf die Fluchehe des Paris ihr Ende bejammernd und die künftige Rache für die Opfer des heutigen Tages vorausverkündend durchschritt sie das ehrwürdige Palasttor, das für sie die Pforte des Hades bedeutete.

 

Die Tat war geschehen, wie Kassandra sie vorausgeschaut: im Palaste lagen Agamemnon und sie selbst an seiner Seite ermordet. Als der König aus der Silberwanne stieg, in der ihm das Bad bereitet worden, hatte die entmenschte Gattin ein endloses Gewebe, weit wie ein Fischernetz, um ihn geschlungen, in das er sich unlösbar verstrickte, und den Wehrlosen zweimal mit dem Beil aufs Haupt getroffen, daß er stöhnend zurücksank; dem Gestürzten versetzte sie noch den dritten Hieb und ließ sich von seinem aufspritzenden Blut wie von einem erquickenden Tau benetzen. Dann erschlug sie mit der blutbefleckten Axt die 82 unglückliche Kassandra, während des Königs ganzes Gefolge, und wer sonst noch zu ihm hielt, von Ägisthos und seinen Bewaffneten niedergemetzelt wurde.

Als sie mit der Arbeit fertig waren, ließ das triumphierende Mörderpaar die Tore weit öffnen und die Leichen dem zusammengerufenen Volke zeigen.

Klytämnestra setzte im Rausch der Rache ihren Fuß auf den toten Leib des Gatten und wies frohlockend auf ihre blutigen Hände.

Ihr Werk sei es, rief sie kühn, daß der Schlächter geschlachtet liege. Sein Tod sei der gerechte Lohn für das Blut ihres und seines Kindes, und das fremde Liebchen, das er zur Schmach der Gattin von Ilion hergeführt habe, sei ihrer Rache eine süße Zugabe gewesen.

Aus der Menge tönten ihr nur Jammergeschrei und Verwünschungen entgegen. Aber Klytämnestra ließ sich nicht einschüchtern.

Mich nennt ihr Mörderin, schrie sie wild, 83 und auf diesen da werft ihr keine Schuld, der mir mein liebstes Kind unbedenklich, als wär's ein Schaf aus der Herde, für guten Fahrwind schlachten ließ? Aber redet und droht mir, wie ihr wollt, ich fürchte niemand, solange Ägisthos mir hold bleibt und als mein Beschirmer wie bisher neben mir steht.

Noch lauter wurde der Aufruhr, als der feige Thronräuber mit dem von Pelops ererbten königlichen Zepter Agamemnons an ihre Seite trat und sich berühmte, diese Tat zwar nicht vollführt, aber von lange her ausgesonnen zu haben zum Lohn für die von Agamemnons Vater an ihm und an den Seinigen verübten Frevel. Das Volk drohte ihn zu steinigen, aber der Schwächling, der sich neben dem kühnen Weibe und im Schutz der Waffen sicher fühlte, verhöhnte noch die empörte Menge, und als sich viele Fäuste gegen ihn erhoben, ließ er seine Kriegsknechte auf den wehrlosen Haufen einhauen.

Doch Klytämnestra, die aus ihrem Taumel 84 wieder zu sich gekommen war und das Gewissen erwachen fühlte, gebot dem Blutvergießen Einhalt. Sie forderte die Bürger auf, sich friedlich zu entfernen, damit nicht eine neue Jammersaat aufsprosse. Nicht sie habe diese Tat gewollt, sondern der alte Fluchgeist des Hauses, der Blut um Blut gefordert und ihren Arm bewaffnet habe. Aber jetzt sei es des Unheils genug. Das Volk möge bedenken, daß es führerlos und nicht imstande sei, gegen Bewaffnete zu streiten. Desgleichen möge auch Ägisthos nicht neuen Haß und Trauer säen, sondern dem Groll der Unmächtigen die geziemende Verachtung entgegensetzen und sich mit ihr eines neuen leidbefreiten Lebens erfreuen.

Wieder trug des Weibes Überlegenheit den Sieg davon. Die Bürger zerstreuten sich trauernd aber widerstandslos im Gefühl ihrer Ohnmacht. Es waren ja nur schwache Greise und unflügge Brut, was der Heereszug nach Troja in der Stadt zurückgelassen hatte, und Agamemnons heimgekehrte 85 Genossen lagen mit ihm erschlagen. Der tote Herrscher wurde grausam an Händen und Füßen verstümmelt, was nach griechischem Aberglauben die Rache des Ermordeten unwirksam machen sollte; die Mörderin wischte, wie um sich selbst von der Tat zu reinigen, die blutige Axt an seinem Haupthaar ab und begrub den geschändeten Leichnam ohne die üblichen Totenehren nächtlicherweile vor den Mauern, während die erschlagene Kassandra schmählich in ein Felsgeklüft geworfen wurde.

Klytämnestra thronte nun herrschgewaltig neben dem schwächeren Ägisthos und brauchte sich vor der Öffentlichkeit keine Schranken mehr aufzuerlegen.

Alle Bangigkeit ihrer Seele kämpfte sie nieder, indem sie fortfuhr, den Toten im Grabe zu beschimpfen. So oft der Mordtag sich jährte, feierte sie ein Freudenfest, das sie höhnisch das Gastmahl des Agamemnon nannte. So verwildert war ihr Sinn durch das vergossene Blut, daß sie auch die Kinder des verhaßten Mannes aus ihrem 86 Herzen stieß und ihre ganze Liebe denen zuwandte, die sie dem Ägisthos gebar. Dieselbe Frau, die einst wie eine Löwenmutter für ihre Erstgeborene gekämpft hatte, verfolgte jetzt Iphigeniens Geschwister mit unnatürlichem Haß.

Den unmündigen Orestes hatte seine Schwester Elektra bei dem Blutbad vor ihr und ihrem Buhlen retten müssen und ihn mit seinem Erzieher zum König Strophios, der Agamemnons Schwager war, nach Phokis gesendet. In ihm mußte das Mörderpaar den künftigen Rächer fürchten, denn diese Pflicht fiel unausweichlich dem nächsten männlichen Blutsverwandten zu, weil die Seele des Erschlagenen im Hades keine Ruhe finden konnte, solange sie nicht mit dem Blute des Mörders gesühnt war. Auch Elektra, die nicht aufhörte den Toten zu bejammern und die Mörder anzuklagen, erhielt die beiden in steter Angst vor dem heranwachsenden Orestes. –

Auf dieser Tochter, die der Mutter an Leidenschaft und Willensstärke glich, die aber 87 das Andenken des großen Vaters glühend verehrte, lag Klytämnestras Hand am schwersten. Die Unglückliche mußte Sklavendienste verrichten und wurde wie eine Gefangene gehalten, daß sie weder die Tempel der Götter noch das Grab Agamemnons besuchen durfte. In dem goldreichen väterlichen Palaste ging sie gekleidet wie eine Magd, litt Hunger und Schläge und jede Entwürdigung und war dennoch nicht zum Schweigen zu bringen. Wo sie der Mutter ansichtig wurde, da warf sie ihr mit schneidenden Worten den Mord des Vaters und die Schmach der neuen Ehe, die in ihren Augen nur ein fortgesetzter Ehebruch war, ins Gesicht, bis ihr Ägisthos endlich androhte, sie lebendig in ein unterirdisches Felsverlies einmauern zu lassen, wenn sie nicht auf höre zu schmähen.

Die jüngere Schwester Chrysothemis dagegen war von zaghafter und nachgiebiger Gemütsart, daß sie nur insgeheim den Schmerz Elektras teilte und der Schwester bei jedem Anlaß zur Unterwerfung riet. Sie 88 selber schmiegte sich den Mächtigen an und genoß dafür die Rechte einer Königstochter. Aber auch sie mußte wie Elektra ihre Jugend unvermählt vertrauern, denn Ägisthos wollte sich aus dem Blute der Atridentöchter keinen Rächer erwecken. Während der Schwächling im Wohlleben schwelgte und den Kindern Agamemnons ihr Erbe vorenthielt, um mit dem reichen Schatz an Gold und Sklaven das Land zu knechten, gönnte ihm doch der Argwohn keine ruhige Stunde. Er umgab sich mit einer Leibwache von Lanzenträgern und ließ keinen Fremden die Pforte des Palastes überschreiten.

Im achten Jahr nach Agamemnons Tode wandte sich der zum Jüngling erwachsene Orestes an das delphische Orakel um Weisungen, wie er sich zu verhalten habe. Da gebot ihm Apollon durch den Mund der Priesterin, daß er nicht mit Heeresmacht, sondern allein und heimlich nach Mykene aufbreche, um Trug mit Trug und Mord mit Mord zu vergelten. Für den Fall, daß 89 er sich weigerte, das Blut der Schuldigen zu vergießen, waren ihm die schwersten Strafen: fressendes Siechtum an Leib und Seele und ewige Schmach unter den Menschen geweissagt.

Aber dieses Sporns bedurfte es nicht, denn in Orestes glühte der durch Elektras heimliche Botschaften geschürte Schmerz um das jämmerliche Ende seines Heldenvaters und den Triumph des Verbrecherpaars, das sein Erbgut verpraßte, während er selber fremdes Brot in Armut und Verbannung aß.

In geringer Tracht, nur von seinem Freunde Pylades, dem Sohne des Strophios, und dem alten Erzieher, der den Weg ins Argivische kannte, begleitet, machte er sich auf und erreichte an einem grauenden Frühmorgen, als eben über der strengen Berghöhe die Sterne verglommen, Mykene.

Der Greis zeigte dem erschütterten Jüngling Markt und Tempel seiner Vaterstadt und auf dem felsenumstarrten Hügel den von Kyklopenhänden gemauerten Burghof 90 der Atriden mit jenem Löwentor, das so viele Greuel der Tantaliden gesehen hatte und jetzt der Zeuge einer neuen Schreckenstat werden sollte.

In jener Nacht war Klytämnestra durch einen schweren Traum erschüttert worden. Es schien ihr, als sei sie von einem Drachen entbunden, der ihr, an die Brust gelegt, mit der Muttermilch schwarze Blutklumpen aussauge. In wilder Angst ließ sie das ganze Haus durch Fackeln erhellen, und sobald es tagte, schickte sie die gehorsame Chrysothemis mit frommen Spenden an Milch, Öl und Honig zum Grabe Agamemnons, um seinen Groll zu versöhnen, denn er, glaubte sie, habe ihr diesen Angsttraum gesendet, den sie nur auf Orestes deuten konnte.

Elektra aber, in der Klytämnestras Traum eine wilde Hoffnung entfachte, beredete die Schwester, diese Gaben, die den Toten nur beleidigen könnten, wegzugießen und ihm nichts als die abgeschnittenen Locken seiner beiden Töchter als Opferspende aufs Grab zu legen.

91 Chrysothemis gehorchte. Scheu umherblickend, ob niemand ihr Beginnen ausspähe, näherte sie sich dem Hügel, da sah sie, daß das Grab mit frischen Blumen bekränzt und mit Strömen von Milch begossen war, und als sie ihre und Elektras Locken darauf niederlegen wollte, lag schon eine andere abgeschnittene Locke da, wie nur ein Blutverwandter sie darbringen durfte. Aus diesen Zeichen schloß sie, Orestes, den auch sie heimlich als Erlöser herbeisehnte, müsse selber in der Nähe sein. Voll zitternder Hoffnung flehte sie den Geist des Vaters um Beistand in der Entscheidung an und wollte dann Elektra ebenso leise wie eilig die frohe Nachricht bringen.

Unterdessen hatte des Orestes Erzieher, durch Alter und Verkleidung unkenntlich, am Tore geklopft und die Königin zu sprechen verlangt. Diese opferte soeben in ihrer Angst am Altare des Apollon und flehte um Abwehr der bösen Vorbedeutung. Da nahte sich ihr der fremde Mann, das Haupt mit Blumen bekränzt, wie die Bringer 92 guter Botschaft pflegten, und die Mundart der Phoker nachahmend brachte er ihr von ihrem Gastfreunde Phanoteus aus Phokis, der mit dem König Strophios in Feindschaft lebte und ihr deshalb unverdächtig war, die erheuchelte Meldung, daß sie nichts mehr zu fürchten brauche, weil Orestes tot sei, bei den delphischen Spielen im Wagenrennen verunglückt. Zwei Männer aus dem Phokerlande seien schon mit seiner Aschenurne auf dem Weg nach Mykene, er habe die beiden nur um weniges überholen können, um sich den Botenlohn zu verdienen.

Bei dieser Nachricht, die ihr wie die augenblickliche Erfüllung ihres Gebetes erschien, konnte Klytämnestra kaum ihren Jubel zurückhalten. Zwar wollte sie dem Brauche zu Ehren um den toten Sohn die Klage anstimmen, aber aus ihrer befreiten Brust drang es wie ein Jauchzen, und ihre Augen leuchteten in wahnsinniger Freude, daß sie nun nicht länger wie eine Verurteilte unter dem Schwert zu zittern brauchte.

Elektra aber, die den Ankömmling nicht 93 erkannt hatte, warf sich laut schreiend zur Erde, zerriß ihre Kleider und zerfleischte ihr Gesicht mit den Nägeln.

Da höhnte sie Klytämnestra noch in ihrem Schmerz:

Wo ist er jetzt, der Rächer, mit dem du mir so lange gedroht hast? Möchte ich so leicht wie von dieser Furcht auch von dir befreit werden, du böse Schlange, die mir im eigenen Hause das Herzblut tropfenweise aussaugt. Aber von heute an werde ich nichts mehr von dir zu fürchten haben. Dafür gebührt dem wackern Boten Dank und fürstliche Belohnung.

Damit führte sie den Fremdling ins Innere des Hauses, um ihn reich zu bewirten und noch Genaueres über den Tod des Orestes von ihm zu vernehmen.

Als Chrysothemis mit ihrer frohen Entdeckung vom Grabe Agamemnons zurückkam und Elektra in ihre Hoffnung einweihen wollte, erfuhr sie von dieser, daß ein Blendwerk sie getäuscht habe, und daß der Retter und Rächer tot sei!

94 Da brach ihre zage Seele. Sie sagte sich von der rasend gewordenen Schwester, die sich jetzt selber des Rache- und Befreiungswerkes unterfangen wollte und dazu ihre Mithilfe verlangte, los und war nur noch auf ihre eigene Sicherheit bedacht. Die verzweifelnde Elektra sah sich jetzt auch noch ihrer letzten schwachen Stütze beraubt, sie schloß im Übermaß ihres Jammers die Schwester, die keine Verräterin war, aber auch nicht zu ihr stehen wollte, in ihre Verwünschungen ein, und da sie ihr elendes Leben nichts mehr achtete, verschwor sie sich auch ganz allein die Tat zu vollstrecken oder unterzugehen.

Da traten zwei fremde Männer in den Hof, die einen verhüllten Gegenstand trugen, und erkundigten sich nach Ägisthos. Sie seien vom Könige Strophios aus Phokis gesendet und brächten hier die Aschenurne des Orestes, damit der Unglückliche in heimischer Erde bestattet würde.

Mit einem Wehschrei riß Elektra die Urne an sich und überschwemmte sie mit 95 glühenden Tränen, indem sie bald um den vielgeliebten Bruder, dessen unmündige Kindheit sie selbst gepflegt und behütet, den sie in zarter Jugend den Mörderhänden entrissen hatte, bald um das schreckliche Ende ihres königlichen Vaters, bald um ihr eigenes zertretenes Leben jammerte.

Da konnte sich Orestes – denn er war es selber, der vor ihr stand – nicht länger halten. Der Anblick der Jammergestalt, in der das herrlich blühende Jugendbild Elektras nicht mehr zu erkennen war, ihre verzweifelten Klagen erpreßten auch ihm die Tränen. Er gab sich zu erkennen, ein Siegelring Agamemnons, den sie ihm einst auf die Flucht mitgegeben, mußte zum Wahrzeichen dienen. Jubelnd und schluchzend schloß Elektra den Neugeschenkten in die Arme, ihre Freude war so wild wie vorher ihr Jammer, und sie hätte ihn vielleicht durch das Übermaß ihres Entzückens verraten, wäre nicht der Erzieher herbeigeschlichen, sie zu warnen und die Jünglinge zur raschen Tat zu mahnen. Im Palaste sei 96 Klytämnestra jetzt eben allein, da Ägisthos sich mit seinen Lanzenträgern schon ganz früh aufs Land begeben habe, sie erwarte die Aschenurne, deren Ankunft ihr schon gemeldet sei, um sie nach der Sitte zur Bestattung zu schmücken.

Die Rächer traten ins Haus, während Elektra außen blieb, um Wache zu stehen, damit sie nicht unversehens von Ägisthos überrascht würden. Jetzt konnte Orestes sich selber überzeugen, welch erwünschte Gabe er der Mutter mit seinem vermeintlichen Aschenkrug überbrachte. Sie nahmen die Frevlerin in ihre Mitte, und als sie sich vor Störung sicher sahen, gab Orestes sich zu erkennen.

Du bist überlistet, sagte er, wie du deinen Gatten überlistet hast. Sieh hier den Drachen, den Agamemnon dir sendet.

Klytämnestra schrie auf und erkannte ihren Sohn. Sie warf sich zu seinen Füßen, umklammerte seine Knie und flehte ihn mit entblößtem Busen an, doch die Brust zu scheuen, die ihn genährt habe.

97 Vor diesem Anblick wurde des Sohnes Herz wankend, gern hätte er das Leben der Mutter geschont, aber Pylades erinnerte ihn an das unerbittliche Göttergebot, und von außen rief Elektra ihm zu, der Mörderin unverzüglich zu geben, was ihr gebühre. Da wandte er das Haupt zur Seite und stieß das Schwert zweimal blindlings in die Brust der Mutter.

Inzwischen hatte auch schon den abwesenden Ägisthos das Gerücht vom Tode des Orestes erreicht. In seiner Freude vergaß er die gewohnte Vorsicht und eilte unbegleitet und waffenlos herbei, um die Fremden selbst zu sprechen.

Im Palasttor stieß er auf die ganz verweinte Elektra, die ihm mit verstellter Unterwürfigkeit begegnete, als ob sie nach dem Tode des Bruders jeden Gedanken an Widerstand und Vergeltung aufgegeben hätte. Von ihr erhielt er die Bestätigung, daß es mit ihren Hoffnungen auf Orestes zu Ende sei. So lief er völlig sicher gemacht dem wartenden Todfeind in die Hände, der ihn 98 neben Klytämnestras Leiche niederstreckte.

Das alles war so rasch und heimlich vor sich gegangen, daß weder die Dienerschaft noch die Schutzwache Zeit gehabt hatte, dem Herrscherpaar beizuspringen. Auch waren die beiden im Haus wie im Lande gleich unbeliebt, und niemand dachte daran, als sie gefallen waren, um ihretwillen das Schwert gegen den Rächer zu ziehen, der sich als den rechtmäßigen Herrn zu erkennen gab. Schon strömte das Volk von Mykene im Burghof zusammen, um mit Jubel den Tod der beiden Frevler und die Rückkehr des Orestes zu begrüßen. Elektra brachte aus den verborgensten Räumen des Hauses das Mordnetz des Agamemnon hervor, das Orestes vor aller Augen entfaltete, damit es durch die noch unverblaßten Blutflecken das grauenvolle Ende des Heldenkönigs bezeuge. Aber während er noch über das Strafgericht frohlocken und seinen gerechten Sieg preisen wollte, ward ihm seltsam weh zumute, sein Herz begann 99 zu zittern, er sah seine eigenen Hände an, die von Mutterblut gerötet waren, und jammerte laut auf, als wäre er selbst ins Herz getroffen.

Vergebens redete ihm Elektra zu, vergebens riefen ihn die dankbaren Bürger als ihren Befreier aus, die tröstenden Worte drangen nicht mehr in sein Inneres. Seine Seele wurde kränker und kränker; verstört, mit rollenden Augen starrte er in einen Winkel des Hauses, wo er seltsame, schattenhafte Gestalten zu erblicken glaubte. Nur von ihm gesehen stiegen schwarzverhüllte Weiber aus der Erde, scheußlich von Anblick, mit bluttriefenden Augen, das Haupt von Schlangen umringelt. Er erkennt sie, es sind die Erinnyen, die Rachegöttinnen, die der Geruch des frischvergossenen Mutterblutes anzieht, Klytämnestra schickt sie ihm, und sie kennen den Weg in dieses Haus. Es werden ihrer immer mehr, sie drängen auf ihn heran, Entsetzen sträubt ihm die Haare, und mit allen Zeichen ausbrechenden Wahnsinns 100 stürzt der unselige Muttermörder von hinnen.

In wildem Lauf, immer verfolgt von der schrecklichen Meute, deren schnaubenden Atem er bald näher, bald ferner hinter sich vernimmt, durcheilt Orestes seinen heimatlichen Boden, die Landenge von Korinth und den waldigen Paß des Kithäron, dann das ganze böotische Küstenland, dem Heiligtum von Delphi zu, wo er allein Schutz erhoffen kann, denn dorthin hat ihn Apollon selbst beschieden. Nirgends darf er rasten, keines Menschen Schwelle darf der Blutbefleckte, dessen Nähe verpestet, überschreiten; einzig der Gott, der ihn zu der Tat getrieben hat, kann ihn entsühnen. Nach unendlicher Mühsal erreicht er die von Weihgeschenken angefüllte Orakelstätte, und am heiligen Nabelsteine – so genannt, weil die Griechen glaubten, daß dies der Mittelpunkt der Erde sei – wirft er sich schutzflehend nieder. Aber hinter ihm dringen schon die gräßlichen Gestalten, des heiligen Ortes nicht achtend, 101 herein, daß die greise Priesterin mit Entsetzen entweicht. Doch auf diesem Boden ist ihre Macht gebrochen. Der Gott selber hat seinen Schützling in Empfang genommen und versenkt die vom wahnsinnigen Jagen ermatteten Erinnyen in tiefen Schlaf. Da liegen sie schnarchend und gräßliche Dünste aushauchend und geben im Traum noch bellende und knurrende Laute von sich, als ob sie auch schlafend von dem gehetzten Wild nicht ablassen wollten. Unterdessen vollzieht der Sehergott, der sonst vor jeder unreinen Berührung zurückschreckt, mit eigenen Händen die Reinigungsbräuche an dem Schuldigen, der dadurch erst wieder das Recht erhält, sich den Häusern der Menschen und den Wohnsitzen der Götter zu nähern. Dann heißt er ihn, während die Scheusale noch schlafen, eilends den Weg ins attische Land nehmen und nirgends rasten noch sich laben, bis er Athen erreicht habe, wo er das alte Pallasbild mit den Armen umklammern und die erhabene Tochter des Zeus anrufen solle, 102 daß sie zwischen ihm und seinen Verfolgerinnen richte. Er selber werde ihm dort als Zeuge und Anwalt zur Seite stehen.

Während jener unter dem Schutze des Hermes, den ihm Apollon zum unsichtbaren Führer gegeben hatte, sicher hinwegeilte, stieg Klytämnestras blutiger Schatten aus der Unterwelt, um die schlummernden Erinnyen zu schelten und wieder auf die Spur ihres Mörders zu hetzen. Mühsam schüttelten die schnarchenden Unholde den Schlummer ab und brachen in ein wütendes Geheul aus, als sie sich um ihre Beute betrogen sahen. Sie schnaubten grimmige Vorwürfe gegen den jüngeren Gott, der sie, die greisen Göttinnen, die Töchter der Urnacht, um ihr Recht betrogen und ihr Ehrenamt beschimpft habe.

Schmach über euer Ehrenamt, ihr scheußliches Gezücht! Geht ihr dahin, wo man foltert und spießt und köpft, aber besudelt nicht mein Heiligtum durch eure greuelvolle Gegenwart! schmähte der schönheitsfrohe Gott und trieb die Erinnyen mit 103 gespanntem Silberbogen aus dem heiligen Bezirk.

In rasender Hast nahmen sie die Verfolgung des Orestes wieder auf. Doch ihre Witterung war unsicher geworden, denn an dem Mörder haftete der frische Blutgeruch nicht mehr, und als sie ihn wieder eingeholt hatten, saß er schon in der Burg Athenes zu Füßen des Götterbildes, das Abzeichen der Schutzflehenden, den mit weißer Wolle umwundenen Ölzweig in der Hand.

Den Anruf des Orestes hörte die Göttin auch aus der Ferne, sie kam von dem Ufer des Skamandros, wo sie eben weilte, um den Anteil der Athener an der troischen Siegesbeute zu vermessen, leichten Schwunges durch die Lüfte daher und sah, zwar nicht erschreckt, aber mit Erstaunen, den grausigen Schwarm, der sich auf ihrem Boden niedergelassen hatte und der ihr völlig unbekannt war, denn Zeus hatte bei dem Antritt seiner Herrschaft die ganze Brut der Nacht weit von seinem und aller 104 olympischen Götter Angesicht in die untersten Schlünde der Erde verbannt.

Wer seid ihr? fragte Pallas Athene hoheitsvoll und ohne zu schelten. – Wer seid ihr und was begehrt ihr in meinem Lande, die ihr weder Göttinnen noch sterblichen Frauen ähnlich seid? Ich habe euresgleichen noch nie gesehen.

Die Erinnyen nannten ihr Geschlecht und ihre Befugnisse und forderten ihr Recht an dem verfolgten Muttermörder, indem sie ihre Sache der gerechten Tochter des Zeus anheimstellten.

Darauf gebot diese auch dem Flüchtling, Namen und Herkunft zu nennen und sich gegen die Anklage der Rachegöttinnen zu verteidigen.

Ich heiße Orestes und bin der Sohn des großen Agamemnon, der die Geschwader der Griechen unter deinem Schutze nach Troja geführt hat, antwortete dieser, und erzählte den jämmerlichen Tod seines Vaters durch Netz und Beil, und wie er selber, herangewachsen, auf Befehl Apollons 105 Blutrache geübt und seine Mutter erschlagen habe. Auch er legte sein letztes Schicksal in die Hand der weisen Göttin und erklärte, ihren Spruch annehmen zu wollen, ob er ihm Rettung oder Verderben bringe.

Jedoch in so schwerer Sache wollte Pallas Athene nicht allein entscheiden.

Sie berief die edelsten Bürger von Athen zum »Areshügel« (so genannt, weil von dort aus vorzeiten das Heer der Amazonen, der kriegerischen Töchter des Ares, die Stadt belagert hatte) und setzte sie im Angesicht des ganzen Volkes, das der Verhandlung beiwohnen sollte, zu Richtern über die Tat des Orestes ein. Nur die letzte Entscheidung behielt sie sich selber vor.

Dann hieß sie die Klägerinnen ihre Sache vorbringen und den Schuldigen sich verantworten.

Die Erinnyen machten ihre ehrwürdigen, unverbrüchlichen Rechte geltend und zeigten, wohin es auf Erden führen würde, wenn der Muttermörder straflos ausginge. Neben den Verklagten aber stellte sich jetzt 106 Phöbos Apollon in eigener Person und bezeugte, daß er selbst von seinem Sehersitze herab nach dem Willen des Zeus den Sohn zur Vaterrache getrieben und daß Orestes unschuldig sei, weil er ja nur das Gebot der Gottheit vollstreckt habe.

Als alle gesprochen hatten, wendete sich Athene an die Richter und kündigte ihnen an, daß dieser Gerichtshof, der heute zum erstenmal über vergossenes Blut erkenne, durch alle Zeiten zum Schutze der Ordnung und Gerechtigkeit fortbestehen solle. Sie ermahnte jeden, gewissenhaft nach seiner Überzeugung zu richten, und erklärte, daß, wenn auch nur die Hälfte der Stimmen für den Beklagten günstig fielen, dieser freigesprochen sein solle, denn sie selber, die von keiner Mutter geboren sei und nur im Vater lebe, werde als letzte ihren Stein zu seinen Gunsten beilegen.

Schweigend traten die Richter zur Urne, während alle stumm in atemloser Erwartung standen. Die Steine wurden gesichtet, und es ergab sich, daß ihre Zahl von 107 beiden Seiten gleich war. Da legte Athene, wie sie verheißen hatte, ihren Stein zu den freisprechenden, und dem für schuldlos Erkannten waren Leben, Ehre und Sitz im Vaterlande gerettet.

Als der freigesprochene Orestes mit heißem Dank und dem Gelöbnis ewiger Bundesfreundschaft von ihrer Stadt geschieden war, hatte Athene um seinetwillen noch einen schweren Sturm zu bestehen.

Denn die Töchter der Urnacht hielten sich durch den Spruch, der gegen sie entschieden hatte, für beschimpft und entehrt, von einem jüngeren Göttergeschlecht mit Füßen getreten. Sie drohten giftigen Geifer über Stadt und Land zu hauchen, Pestilenz und Mißwachs und Bürgerkrieg zu erwecken. Athene redete ihnen besänftigend zu, daß sie keinen Schimpf erfahren und ihre Rechte nicht eingebüßt hätten, da ja die Stimmenzahl gleich gewesen, daß sie deshalb unrecht täten, sich an dem Lande zu rächen. Jene tobten weiter, allein die hohe Tochter des Zeus ward nicht müde zum 108 Guten zu reden. Sie versprach den Schrecklichen, von Göttern und Menschen Gemiedenen, einen Tempelsitz in ihrer Stadt, wo sie hochgeehrt als mächtige Mitherrinnen des Landes neben ihr, der Schirmerin, thronen sollten.

So holde Worte hatten die Grimmigen noch nie gehört, nie waren ihnen so gütliche Anerbietungen gemacht worden. Sie ließen allmählich ihren Zorn fahren und besannen sich, welche Ehren ihrer harrten, wenn sie im edelsten Gau von Hellas Tempel und Gottesdienst erlangten. So nahmen sie Athenes Antrag an, und nachdem sie ihre Flüche in Segnungen gewandelt, zogen sie, von der Göttin selber geführt, von allen Bürgern und Bürgerinnen Athens mit Festgesängen geleitet, nach dem unterirdischen Tempelraum nahe der Gerichtsstätte auf dem » Areshügel«, der ihnen geheiligt wurde. Dort wohnten sie von nun an versöhnt und friedlich, sie wandten ihre Macht nicht mehr zum Verderben, sondern zum Heile an, indem sie Furcht vor dem Gesetz und 109 fromme Scheu verbreiteten, und wie Athene, die Siegesgöttin, die äußeren Feinde niederschlug, vertilgten sie die Frevler und Ruhestörer im Innern. Selbst den gefürchteten Namen der Erinnyen legten sie ab und nannten sich fortan die Holdgesinnten, die »Eumeniden«.

Aus dem Gerichtshof, den Athene zur Schlichtung des Handels zwischen den Erinnyen und Orestes eingesetzt hatte, und der nach dem Hügel, worauf er tagte, Areopag hieß, erwuchs den Bürgern von Athen der Segen der ersten geordneten Rechtspflege. Kein Sohn noch anderer Anverwandter war fürderhin zu der schrecklichen Pflicht der Blutrache gezwungen, weil der Staat selber die Bestrafung des Schuldigen übernahm. Und solange dieses höchste Blutgericht bestand, galt die Satzung Athenes, daß schon die Hälfte der Stimmen genügte, den Angeklagten freizusprechen, denn bei jeder Gerichtsverhandlung wurde die unsichtbare Gegenwart der Göttin mit dem rettenden Stimmstein vorausgesetzt.

110 Indessen sollte der unglückliche Orestes, obwohl entsühnt und losgesprochen, auch jetzt noch keine Ruhe finden. Zwar hatte sein Erbland ihn mit offenen Armen aufgenommen, aber schwere Träume ängsteten ihn fort und fort, denn das vergossene Mutterblut brannte noch immer auf seiner Seele. Er lebte in dem kranken Wahn, nur ein Teil der Erinnyen habe sich durch die Göttin versöhnen lassen, die andern aber seien mit dem Spruche unzufrieden und ließen nicht ab, ihn zu verfolgen.

In seiner Not wandte er sich noch einmal an den delphischen Gott, der ihm Heilung versprach, wenn er das uralt heilige Bild seiner Schwester Artemis von der barbarischen Küste der Taurier nach Athen entführe. Habe er das vollbracht, so sei das Geschick versöhnt und der letzte Fluch vom Geschlechte des Tantalos genommen. Orestes vertraute Haus und Herrschaft seinem Oheim Menelaos an, der erst kürzlich nach achtjährigen Irrfahrten mit der wiedergewonnenen Helena in die Heimat 111 zurückgekehrt war. Dann bemannte er ein Schiff mit fünfzig Ruderern und brach ungesäumt auf, auch diesmal von Pylades, der unterdessen Elektras Gatte geworden war, begleitet. Noch ahnte er nicht, welche zweite Aufgabe ihn an dem Barbarenufer neben dem Raub des Götterbildes erwartete.

Nach schwieriger Fahrt durch die Symplegaden, ein Felsentor, das nach der Meinung der Alten über den durchfahrenden Schiffen zusammenschlug, erreichte er mit seinen Gefährten das wilde taurische Gestade, wo König Thoas, den man den »Vogelschnellen« nannte, jeden aufgegriffenen Fremden nach dem Brauch seiner Väter am Altar der Landesgöttin Artemis schlachten ließ.

Dort im Tempel der Göttin lebte seine totgeglaubte Schwester Iphigenie.

Von Artemis selber vor dem Schlachtmesser des Kalchas gerettet und als Priesterin im taurischen Heiligtum eingesetzt, führte sie an der barbarischen Küste seit achtzehn Jahren ein Leben des Kummers und 112 Heimwehs. Zwar wurden ihr von Thoas und seinen Untertanen hohe Ehren erwiesen, aber der edlen Griechin lag es ob, an den eingefangenen Schlachtopfern die Todesweihe zu vollziehen, ein doppelt schreckliches Amt für sie, die selber unter dem Opferstahl gezittert hatte. Und fast immer waren es Griechen, Landsleute, die dem Schlachtbeil verfielen, denn kein anderes Volk wagte es, das unbekannte Schwarze Meer zu befahren, an dessen Strande die Taurier wohnten. Bei jedem gefangenen Griechen forschte sie nach Kunde aus dem Vaterland, und wohl waren schwankende Gerüchte vom Untergang Trojas zu ihr gedrungen, aber keiner von allen, deren Häupter sie mit den todverheißenden Weihegüssen besprengte, hatte ihr sagen können, was aus Agamemnon und den Seinigen geworden war.

Im Schutze der Dunkelheit warf Orestes Anker und barg das Schiff mit den Gefährten in der klippenreichen Bucht.

Als es tagte, stieg er allein mit Pylades ans 113 Land. Schon von weitem konnten sie das Heiligtum erblicken, das mit der überladenen Pracht seiner Säulen und Goldgesimse von einem Felsenvorsprung als dräuendes Wahrzeichen über das Meer hinausragte. Hinzugeschlichen sahen sie im Vorhof den barbarischen Altar, an dem noch das rote Blut klebte und dessen Sims mit grausigen Weihgeschenken, den Waffen und Gewändern geschlachteter Griechenschiffer, behängt war. Das Götterbild aber war nicht zu sehen, es stand in dem festverschlossenen Innern des Tempels, wo es einst der Sage nach vom Himmel auf die Erde gefallen sein sollte. Die mächtigen Tore waren durch schwere Eisenriegel geschützt, die Wände steil und unerklimmbar. Unmöglich das Dach zu ersteigen und, wie sie zuerst geplant hatten, durch die Lichtöffnung sich hinabzulassen, um an das Bild, das man sich als hölzernes Schnitzbild denken muß, zu gelangen.

Bei diesem Anblick entsank dem schwergeprüften Orestes das Herz, und er wäre 114 am liebsten mit seinem Schiffe wieder abgesegelt, um nicht den Freund und Schwager in sein Elend mitzureißen. Aber der besonnene Pylades sprach ihm Mut ein. Sie umgingen das Gebäude forschend von allen Seiten, und nachdem sie sich alles eingeprägt, beschlossen sie, den Tag über in einer Felsengrotte am Ufer, weit entfernt vom Schiffe, versteckt zu bleiben, damit sie nicht, falls ein Eingeborener zufällig das Fahrzeug entdeckte, ergriffen würden. In der Nacht wollten sie dann wiederkommen, um unterhalb des Giebels durch den leeren Raum zwischen den Zieraten in den Tempel einzudringen und das Götterbild herauszuschaffen.

Aber an den Strand zurückgekehrt, wurde der unglückliche Orestes plötzlich von seinen Wahngebilden heimgesucht. Er glaubte die Erinnyen zu sehen, die ihn aufs neue verfolgten; eine Geflügelte war darunter, die die tote Klytämnestra im Arme hielt und ihre Last ihm zuwarf. Er floh und rannte in eine Rinderherde, die von den Hirten zur Schwemme ans Meer getrieben wurde.

115 Ihr Gebrüll und das Bellen der Hunde hielt er für Erinnyengeheul, er riß verzweifelt sein Schwert aus der Scheide und fuhr damit unter die Rinder, die er rechts und links in Bauch und Weichen hieb, daß das seichte Uferwasser sich blutig färbte. Die einfältigen Hirten hatten die beiden Jünglinge schon zuvor bei der Felskluft stehen sehen, sie aber ihres edlen Anblicks halber für Meergottheiten gehalten und aus der Ferne angebetet. Jetzt wurden sie ihres Irrtums inne, sie riefen durch die Muscheltrompete ihre Gefährten zusammen und griffen allesamt mit Steinwürfen und Stockhieben die Fremden an, von denen der eine, erschöpft von seinem eigenen Wüten, kraftlos zusammengebrochen war, der andere mehr darauf dachte, den hingesunkenen Freund zu decken als sich selbst zu schützen. Endlich kam Orestes wieder zu sich, und die Gefahr erkennend stellte er sich zu verzweifelter Gegenwehr an die Seite des Pylades. Wie durch ein Wunder blieben sie beide unter dem Hagel von Steinen 116 unverletzt, aber sie wurden am Ende von der Überzahl bewältigt, gebunden und vor den König Thoas geführt, der sie unverzüglich am Altare der Artemis zu schlachten gebot.

Man brachte sie der Priesterin, damit sie die heiligen Weihegüsse an ihnen vollzöge, denn die Tötung selber lag Männerhänden ob. Und jetzt schien das letzte Ende für den Stamm des Atreus gekommen.

Im Innern des Tempels befand sich eine Felskluft, worin schon das Feuer angezündet wurde, das die Leiber der Getöteten verzehren sollte, sobald sie mit ihrem Blute die grausame Göttin gelabt hätten.

Beim Anblick der Todgeweihten, die die Sprache ihrer Heimat sprachen, ergriff inniges Mitleid die Agamemnonstochter. Nachdem sie ihnen die Fesseln abgenommen, die sich mit der heiligen Weihe nicht vertrugen, fragte sie die Gefangenen nach Herkunft und Namen, worauf Orestes die Antwort verweigerte, weil er nicht mit dem Glanze seines väterlichen Namens das barbarische Opferfest verherrlichen wollte. 117 Auch die Teilnahme der Priesterin wies er schroff zurück, denn der taurische Brauch sei ihnen bekannt, und sie seien beide auf ihr Schicksal gefaßt. Doch gab er ihrem freundlichen Drängen so weit nach, daß er der Überraschten das Land Argos als sein Vaterland und die Stadt Mykene als seinen Stammsitz nannte. Auch war er bereit, der Griechin über die Vorgänge in Griechenland Auskunft zu geben.

Iphigenie fragte, ob Troja wirklich gefallen sei, wer von den Heerführern die Heimat wiedergesehen habe, ob der große Sohn der Thetis noch lebe. Zögernd forschte sie endlich auch nach Agamemnon, und als sie von dem Unbekannten erfuhr, wie gräßlich unterdessen der alte Fluch im Hause des Atreus gewütet habe, verhüllte sie tief erschüttert ihr Haupt.

Ein so heftiger Schmerz über fremdes Geschick erstaunte den Erzähler, der nun seinerseits nach dem Grunde ihres Mitgefühls fragte, jedoch von der Priesterin eine ausweichende Antwort erhielt.

118 Gewaltiger als je zuvor flammte in Iphigenie die Sehnsucht nach der Heimat, nach dem so schwer getroffenen Vaterhaus, nach den überlebenden Geschwistern auf. Sie machte dem Fremdling den Vorschlag, sein Leben vom König Thoas zu erbitten und ihn heil nach Griechenland einzuschiffen, wenn er ihr mit einem unverbrüchlichen Eid gelobe, ihren Lieben im Lande Argos Nachricht von ihr zu bringen. Sein Gefährte freilich müsse bleiben, denn beide zu retten, sei ihr nicht möglich, weil das Volk auf dem Opfer bestehe.

Orestes sagte zu, nur verlangte er, daß der Freund statt seiner gerettet werde, weil er selbst der Unglücksmann sei, den das Geschick an dieses Todesgestade getrieben habe, und jener nur aus Treue seine Not teile. Dem widersetzte sich Pylades, da er es für Schande hielt, sein Los von dem des Freundes zu trennen. Doch mußte er den dringenden Bitten des Orestes nachgeben, der die ferne Schwester nicht verwitwet zurücklassen wollte, und dessen eigenes 119 Leben ja doch zerbrochen war, wenn er dem Götterspruch nicht genügen konnte. Dagegen versprach die Priesterin dem Zurückbleibenden erbarmungsvoll, daß sie selbst ihm an Stelle seiner Blutsverwandten, die Griechin dem Griechen, das Grab mit Opferspenden betauen werde, damit er nicht ungeehrt und friedelos im Hades wohne.

Aber wie wurde den beiden, als nun die Tempelfrau dem Pylades auftrug, nach Mykene ins Haus des Agamemnon zu gehen und dem Orestes zu sagen, seine Schwester Iphigenie lebe und flehe ihn an, sie von dem schrecklichen Ufer der Barbaren, wohin die rettende Göttin sie von Aulis entrückt habe, nach Griechenland heimzuholen.

Kein kleineres Wunder war es für die Schwester, zu hören, daß der in der Ferne gesuchte Bruder leibhaft vor ihr stehe. In dem leidgefurchten Antlitz konnte sie die Züge des holden Knaben, der einst in Aulis für sie gebeten hatte, nicht mehr erkennen. An Täuschung glaubend, wehrte sie 120 zuerst die stürmischen Umarmungen des Fremdlings ab, doch als Orestes sie an Heimlichkeiten des Elternhauses erinnerte, die nur der Familie bekannt waren, an den Speer des Pelops, der in ihrer Jungfrauenkammer aufbewahrt wurde, und an einen Teppich, in den sie selber den Streit des Atreus und Thyestes um das goldene Lamm und den Sonnengott, der seine Pferde vor dem Fluchmahl rückwärts wendet, eingewebt hatte, da konnte Iphigenie nicht länger zweifeln.

Fassungslos vor Freude und Jammer hielten sich die Geschwister umklammert, denen es schien, als wollte der Fluchdämon der Atriden jetzt das Letzte an ihnen vollenden, indem er die Schwester zwang, den Bruder zur Schlachtbank zu führen. Nirgends ein Rettungsweg, denn wenn Iphigenie die beiden Gefangenen befreite, so verfiel sie selbst der Rache des Königs, was der Bruder nicht dulden wollte; und hätte sie sogar ein Mittel gefunden, mit ihnen gemeinsam zu entfliehen, so schwur 121 Orestes, daß er nimmermehr ohne das heilige Bild von hinnen gehe, da ein Leben ohne Heilung ihm bitterer war als der Tod. Die Priesterin aber scheute sich, die räuberische Hand an das ihrer Obhut vertraute Götterbild zu legen.

Für dieses Bedenken jedoch fand Orestes, dessen Lebensmut in den Armen der Schwester erstarkte, die rechte Lösung. Wenn die Göttin, sagte er, nicht selber den Raub wünschte, so würde ja der Gott, der ihr Bruder ist, ihn gar nicht befohlen haben. Und gibt nicht das Wunder unseres Wiederfindens die Gewähr, daß der rätselvolle Sehergott mich nicht getäuscht hat?

Durch dieses Wort ermutigt, sann Iphigenie umher und entwarf nun mit rascher Eingebung einen kühnen Plan.

Sie führte die Fremden wie zur Opferung in das Innere des Tempels. Als Thoas erschien, um der heiligen Handlung beizuwohnen, trat sie ihm mit Gebärden des Schreckens entgegen und hieß ihn außen in der Säulenhalle stehenbleiben. Etwas 122 Furchtbares sei geschehen: das Bild der Göttin sei durch Berührung eines Muttermörders befleckt worden und habe des zum Zeichen sich auf dem Sockel umgewendet und die Augen geschlossen. Es müsse jetzt von ihr unter geheimen Bräuchen am Meeresstrande gewaschen werden, auch die Gefangenen bedürften der Reinigung und Entsühnung, bevor die Göttin ihr Blut huldreich annehmen könne.

Der König lobte ihren Eifer und versprach ihr außerhalb des Tempels in Geduld auf ihre Rückkehr zu warten, während das Heiligtum durch Räucherungen gereinigt und frischer Schmuck für die Göttin herbeigeschafft würde.

Nachdem sie ihm noch eingeschärft hatte, durch die ganze Stadt ausrufen zu lassen, daß jedermann sich zum Schutz vor Befleckung zu Hause halte, und daß ja vor allem niemand den Strand betrete, nahm die Priesterin das Götterbild, das nur sie selber berühren durfte, auf den Arm und schritt damit zum Meeresufer, während die 123 Gefangenen aufs neue gefesselt, mit verhüllten Häuptern und hinter ihnen die Lämmer, die zur Entsühnung dienen sollten, von den Knechten des Thoas nachgeführt wurden. Am Strande angelangt, hieß sie auch die Knechte sich weit aus dem Sehbereich zurückziehen, indessen sie unter lauten Gesängen und Anrufungen das Bild zu waschen vorgab.

Den wartenden Knechten schien die heilige Handlung allzulange zu dauern, doch wagten sie sich nicht aus dem Felsgebüsch, wo sie abgewendet saßen, hervor, bis sie zu fürchten begannen, daß der Priesterin von den beiden Fremden ein Leides geschehen sei. Als sie zum Strande kamen, sahen sie auf dem Wasser ein Griechenschiff mit fünfzig Ruderern zur Abfahrt klar und die beiden Fremden die, der Fesseln ledig, vom Ufer aus Befehle erteilten.

Mit dem Rufe: Verrat! Verrat! bemächtigten sie sich der Priesterin, zu deren Befreiung Orestes und Pylades herbeistürzten. Ein wütender Faustkampf entspann sich 124 zwischen den beiden waffenlosen Parteien, wobei die Knechte des Thoas trotz ihrer Überzahl den kürzeren zogen. Sie flohen übel zugerichtet nach der Felshöhe zurück, um von dort die Fremden mit Steinen niederzustrecken, aber die vom Schiff antworteten mit einem Regen von Pfeilen, der die Freunde deckte, daß sie mit Iphigenien und dem Götterbild auf den Armen das seichtere Wasser durchwaten und die Schiffsleiter erklimmen konnten.

Pfeilschnell durchschoß das Fahrzeug die stille Bucht und hätte glücklich das hohe Meer erreicht, wenn nicht Poseidon, der Ilions Schirmherr gewesen, dem Geschlechte des Agamemnon wegen der Zerstörung seiner Lieblingsstadt gegrollt hätte. Er erregte einen heftigen Orkan, der die Flüchtigen trotz aller Gewalt der Ruder aus der freien See in die verhängnisvolle Bucht zurückwarf. Die Priesterin erhob flehend die Arme zu ihrer Göttin, die Schiffer stimmten einen Bittgesang an, zu dem sie im Takt die Ruder schwangen. Doch umsonst war 125 alles Ringen, der Meergott trieb sie weiter und weiter an das Schreckensufer zurück.

Unterdessen war Thoas von diesen Vorgängen unterrichtet worden; er führte sein vogelschnelles Heer zum Strand, Barken wurden ausgesetzt, Männer warfen sich mit Stricken ins Meer, um sich der Verstürmten zu bemächtigen. Doch in dieser letzten und höchsten Not trat noch einmal Athene sichtbar für Orestes ein, indem sie in eigener Person des Königs Angriff hemmte. Sie befahl ihm, das Griechenschiff mit seiner heiligen Fracht in Frieden fahren zu lassen, ihre Schwester Artemis habe es selber so gewollt, weil sie der blutigen Opfer überdrüssig sei.

Wißt es, sagte sie, daß die Götter nicht grausam sind, ihr schiebt uns nur euren eigenen Blutdurst unter. Haltet die Gottheit nicht auf, die sich zu milderem Dienste in das glückliche Attika sehnt.

Dem Barbarenfürsten blieb nichts übrig als sich zu unterwerfen, und auch Poseidon, der der erhabenen Zeustochter nicht 126 entgegen sein wollte, gab dem Schiffe freie Bahn, daß es glücklich Hellas erreichte.

In Brauron, bei dem Küstenstädtchen Halä, wurde dem Götterbild ein Tempel errichtet, wo Iphigenie als Priesterin waltete, und wo sie nach ihrem Tode selber göttliche Ehren genoß. Jetzt erst war der alte Fluch ganz getilgt. Der genesene Orestes vermählte sich mit Hermione, der Tochter des Menelaos und der Helena, er beherrschte viele Städte des Peloponnes und begründete ein neues, glücklicheres Geschlecht.

 


 

Dies der Mythos vom Hause des Atreus, wie er aus den Überlieferungen einer noch wilden Vorzeit entsprungen, dann aber durch den reinigenden Filter der großen tragischen Dichtkunst der Griechen hindurchgegangen ist. Manche Leser werden vielleicht den feinfühligeren Austrag vermissen, den der Genius Goethes dem Streit um das Götterbild gegeben hat, indem er mit glücklicher Umbiegung den auf die Schwester Apollons gedeuteten Schwesternamen als die Schwester des Orestes meinend sich offenbaren ließ, eine Spitzfindigkeit, die sich mit dem doppelzüngigen Wesen des Sehergottes gut verträgt. Aber der Ethik des Hellenen war die Schonung der Seelenrechte auch des Barbarenfürsten kein Bedürfnis, weil er nur im Hellenen den gleichwertigen Menschen sah. Zudem mußte ihm die Wegnahme des altertümlichen Kultbilds aus dem taurischen Heiligtum gültige Wahrheit bleiben, weil er es ja an seiner Weihestätte in Attika sichtbar vor Augen hatte.

 

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