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Das Haus der Grimaldi

Richard Voß: Das Haus der Grimaldi - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorRichard Voß
titleDas Haus der Grimaldi
publisherJ. Engelhorns Nachf. in Stuttgart
year1923
firstpub1917
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1

Gesegnetes Land, geheiligtes deutsches Land, dort unten am Fuß des bayrischen Hochgebirgs. Gesegnet durch seine landschaftliche Schönheit, seinen Reichtum an hochstämmigen Wäldern, üppigen Fluren, fruchttragenden Feldern; geheiligt durch die heiße Heimatliebe seines Volks, dieses Stammes blondhaariger und blauäugiger Söhne altangesessener Geschlechter. Hochgewachsen wie seine Tannen, bewahrt das Volk die Kraft seiner Väter, tolle Draufgänger, wenn die Sache es will. Und für die Söhne des Volks will es die Sache oft, sei es in aufflammendem Streit untereinander um ein begehrtes Weib oder um ein erlegtes Wild oder im Kampf mit einem Widersacher. Je grimmiger Streit und Kampf, umso besser! Sie nennen sich Bayern; aber sie sind Deutsche bis ins Mark hinein ...

Frühling am Rand des bayrischen Hochgebirgs!

In keinem der deutschen Gaue erscheint der Frühling in solcher überschwenglichen Pracht, wie in den oberbayrischen Voralpen. Die Buchenwälder gleichen Hügeln von knospendem Gold, die Wiesen sind rote und gelbe, blaue und violette Gefilde, eine buntblütige Flur. Die grauen steinbelasteten Schindeldächer der Bauernhöfe, die spitzen oder zwiebelförmigen Dächer der Gotteshäuser umschimmert die schneeige Fülle der Obstbäume. Die Ufer der Bäche säumen Primeln und Vergißmeinnicht. Mit Primeln und Vergißmeinnicht sind die vielen Christusbilder am Wege bekränzt. Die lieblichen Blumen überwuchern die grausame Dornenkrone auf dem Haupt des sterbenden Heilands. Zu Füßen aber des blutrot angestrichenen Kreuzes steht die Mutter, und aus ihrem von Schwertern durchbohrten Herzen erblüht der Lenz. Wenn dann von Kirche zu Kirche, von Kapelle zu Kapelle die Glockenklänge über das grünende blühende Land schallen, so ist es, als riefe die vom Wintertode erstehende Erde ihr Hosianna gen Himmel. Dann flöten die Amseln, jubilieren die Lerchen, und die Welt ist so heilig schön, als gäbe es auf ihr keine Schuld, kein Unglück, keinen Jammer; als gäbe es in der vom Todesschlaf erwachten Natur, darin alles lebt und webt, überhaupt keine Menschenqual. Am allerwenigsten Vergehen und Sterben ...

Auf den Alpen herrscht noch tiefer Winter und an sonnigen Tagen stehen die Berge gleich einem weißen glanzumflossenen Gewölk über sprießenden Saaten und knospenden Wäldern, ihre Zinken und Zacken in das Himmelsblau bohrend.

Auf einem ihrer Vorberge, gerade unter einem Alpengipfel, liegt ein Schloß, grau, altertümlich, feudal. Von der Landstraße aus, längs des von Weiden umsäumten Gletscherstroms, zieht sich durch die Waldwiese ein Weg empor. Er ist schmal, für Wagen nur mühsam zu benutzen und führt hinab nach dem zum Schlosse gehörigen Dorf. Es ist eines der stattlichsten und wohlhabendsten im ganzen Bezirk: stattlich und wohlhabend geworden durch die sorgende Liebe der Schloßherren, die dort oben von Geschlecht zu Geschlecht ein tüchtiges Leben führten, Mitglieder des Hochadels im lieben schönen Bayernland.

An diesem Maimorgen sprengt aus dem burgähnlichen Tor ein Reiter zu Tal. Es ist ein noch jugendlicher Mann in landesüblicher Tracht aus grauem Loden, mit grünem Tuch aufgeputzt, hinten am weichen Filz einen trotzig aufsteigenden Gamsbart. Die stolze Zier hat der Reiter selbst erbeutet und das auf eigenem Revier, das sich über die nächsten Höhen und weiter die Gipfel und Grate hinaufzieht.

Der noch Jugendliche ist Hanns Wolfram, Freiherr von Wagging, einziger Sohn frühverstorbener Eltern, Herr über ein weites Gebiet von Wäldern, Feldern und Fluren; und sein Geschlecht ist so alt wie das graue Gemäuer unter dem schneeigen Alpengipfel. Nicht gerade schön, vielleicht etwas zu eckig und zu robust, aber hoch und stattlich sitzt der Junker zu Pferd, auf einem feurigen Braunen aus freiherrlicher Zucht. Des Reiters Schönheit liegt in seiner Mannheit und sie liegt in seinen hellen Augen, die mit einem Blick leidenschaftlicher Liebe zur heimatlichen Scholle über das leuchtende Land hinschauen.

Ein altes gebrechliches Weiblein steht am Wege und grüßt zutraulich den jungen Herrn.

»Grüß Gott, Hansei-Baron. Wohin gar so früh?«

Mit kräftigem Ruck hielt der Freiherr seinen Braunen an. »Grüß Gott, Mutter Wabei. Wenn du schon so früh auf bist, kann ich's doch auch sein.«

»Ja, du bist ein Rechter! Unser Hansei-Baron bist du halt!«

»Das mußt du freilich am besten wissen. Hast mich auf den Armen getragen, da ich noch in den Windeln lag; hattest Plag' genug mit mir.«

»Ja freilich. Unbändig genug warst du schon damals, ein rechter Wilder! Aber auch wieder sanft und gut wie ein Jüngferlein.«

»Ach was! Ein Bub war ich, ein ganz schlimmer! Von sanft und gut war keine Rede. Und war ich's einmal wirklich, so darfst du's keiner Seele verraten. Müßt mich ja schämen ... Gehst hinauf ins Schloß? Daß du dort oben nicht wohnen willst! Nicht mit deinem Hansei-Baron unter einem Dach.«

Das Weiblein meinte lachend: »Dann nimmt der Hansel bald eine junge Frau ins Haus, die von dem alten Weiblein nichts wissen will.«

Da aber widersprach der Freiherr: »Die ich einmal als meine Hausfrau ins Haus nehme, wird meiner alten Wärterin am Ofen den wärmsten Platz geben.«

»So denkst du wohl. Denn alles, was du denkst, ist brav. Dafür bist du auch unser Hansl. Aber du mußt bald Hochzeit halten – ich wüßt schon eine liebe Hausfrau für dich – will ich doch noch deine Söhne auf den Armen halten, ein ganzes halbes Dutzend, wenn deine Frau Baronin mich wirklich auf dem Schloß leiden sollt.«

Er lachte. Da sah er so jung aus und so strahlend, wie der Frühlingstag selber. Dann fuhr er fort: »Ein ganzes halbes Dutzend Söhne! Mir wär's recht. Auf den Armen tragen soll meine sechs Freiherrn die alte Wabei und keine andre. Im Haus leiden wird dich gewiß die eine, die wir beide wissen. Nicht bloß leiden wird sie dich im Haus, sondern auch in Ehren halten. Dafür steh ich dir... Du fragst, wohin ich so früh reite? Da wir's beide wissen, darf ich dir's laut sagen: Mutter Wabei, auf die Freit reit' ich aus. Wenigstens befinde ich mich auf dem geraden Weg dahin.«

Die Alte meinte: »Ist nicht gar so weit. Und ich sag' dir auch: sie ist schön und sie ist gut. Aber –«

»Nun, was ist?«

Das Weiblein sprach leise zu dem Reiter hinauf: »Sie soll drüben im Belgierland sein oder wie das fremde Land heißt. Das tut nicht gut. Sie hätte im Land bleiben sollen, im deutschen Land, weil du doch ein deutscher Mann bist. Denn wär nun deine zukünftige Frau in der Fremde eine Fremde geworden? ... Mußt deiner alten Wabei nicht bös sein, du Lieber!«

Ein Schatten flog über des Freiherrn Gesicht und etwas zu hastig gab er der alten Getreuen zur Antwort: »Was fällt dir ein? Meine liebe Base in der Fremde eine Fremde! Als ob das möglich war? Ist sie nicht in Zangenberg bei den guten Klosterfrauen erzogen? Freilich danach für zwei Jahre zu ihrer Ausbildung nach Brüssel geschickt. Auch ich hätt's lieber gesehen, wenn sie im Lande geblieben wäre. Denn um Französisch zu lernen, wäre auch eine deutsche Stadt gut genug gewesen, wenn das Französische für eine Freifrau von Wagging überhaupt eine Notwendigkeit ist. Nun, heute kommt meine liebe Base aus der Fremde zurück, just an diesem gesegneten Maientag, den der Himmel gewiß nur für mich und sie so leuchtend gemacht hat. Dein Hansl-Baron aber reitet jetzt geradewegs zu ihren Eltern und erbittet sich die Erlaubnis, das Komteßchen von der Bahn abzuholen. Wabei, alte Wabei! Ich möchte mir einen Strauß Maiblumen an den Hut stecken, als sei ich schon jetzt ein glücklicher Bräutigam und möchte dazu jubilieren wie Amseln und Lerchen zusammen... Aber da halt' ich mitten auf dem Weg zu meinem Glück und schwatze mit dir und habe mein holdseliges Bäslein seit zwei Jahren nicht gesehen ... Behüt' dich Gott, alte Wabei! Sie sollen dir droben im Schloß einen Kaffee machen, einen extra guten, lass' ich der Schaffnerin sagen ... Vorwärts, Brauner, meinem Lieb entgegen; meinem Glück entgegen!«

Und er gab dem Braunen die Sporen.

Die Alte schaute dem Freiherrn kopfschüttelnd nach, murmelte: »Schön ist sie, das Fräulein Komtesse und gut ist sie auch. Aber das Fremde und Welsche gefällt mir nun einmal nicht; denn für den Hansei paßt nichts Fremdes und Welsches. Der ist bayrisch und will nichts andres sein.«

Kopfschüttelnd und vor sich hinmurmelnd, stieg sie mühselig weiter und wollte doch noch die Söhne ihres Junkers wiegen: ein volles halbes Dutzend.

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