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Das Haus an der Veronabrücke

Friedrich Halm: Das Haus an der Veronabrücke - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleMerkwürdige Geschichten
authorFriedrich Halm
noteEtwa 1935 erschienen
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDas Haus an der Veronabrücke
pages340-448
created19990320
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Halm

Das Haus an der Veronabrücke

Zu Venedig im Pfarrbezirke Santa Maria Zobenigo, hart an der Veronabrücke ( Ponte della Verona), die von S. Fantino her über den Kanal, Rio menuo genannt, nach S. Benedetto und S. Lucia oder links hinüber nach S. Angelo und S. Stefano führt, stand noch im Anfange des 17. Jahrhunderts ein ansehnliches, palastartiges Gebäude. Die schmale, in den beiden oberen Stockwerken mit Balkonen und zierlichen Spitzbogenfenstern geschmückte Vorderseite der Veronabrücke zukehrend, reichte es doppelt, ja dreifach so tief in das enge, kaum fünf Fuß breite Gäßchen hinein, das den Rio mueno mit dem damals noch offenen, jetzt zugeworfenen und in eine Straße verwandelten Kanal Rio degli assassini verbindet. Ursprünglich dem patrizischen Geschlechte der Barozzi gehörig und von der Sage als der Ort bezeichnet, wo vor Jahrhunderten Tiepolo und seine Genossen zusammenkamen, um ihre hochverräterischen Pläne, sich selbst zum Verderben, zu beraten, gelangte das altertümlich finstere Haus an der Veronabrücke, damals allgemein kurz das Brückenhaus ( Cá del ponte) genannt, später in den Besitz der Acotanti. Nach dem Aussterben dieser Familie aber fiel es zuletzt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als Vermächtnis eines Großoheims und als Lohn jahrelanger Krankenpflege an Cornelia Lando, die es ihrem Gatten, dem Handelsherrn Angelo Minelli, als willkommene Mitgift zubrachte, und es nun nach seinem Tode mit ihrer, noch allein ihr zurückgebliebenen Tochter Ambrosia in der tiefen Stille und Zurückgezogenheit bewohnte, die beschränkte Vermögensverhältnisse ihr zur Pflicht, die nie ruhende Gewissensbisse ihr, der Mörderin ihres Gatten, ihres Sohnes, zum Bedürfnisse machten. In der Tat war die Unglückliche, ob sie gleich kein Gerichtshof der Erde der Verbrechen, deren sie sich anklagte, schuldig erkannte hätte, doch nicht ganz von dem Vorwurfe freizusprechen, die schweren Verluste selbst herbeigeführt zu haben, die wie zerschmetternde Racheblitze des Himmels ihr Lebensglück und ihre Seelenruhe zugleich vernichtet hatten.

Ihr Gatte, Angelo Minelli, Kaufmann mit Leib und Seele und nur auf die Erweiterung seines Geschäftes und die Vermehrung seiner Handelsverbindungen bedacht, hatte nämlich bei zunehmenden Jahren das Bedürfnis gefühlt, sich zur Fortsetzung seiner Anstrengungen einen frischen, jugendkräftigen Mitarbeiter beizugesellen und demnach beschlossen, Carlo, seinen Sohn, bei der reichen Begabung und der Charaktertüchtigkeit, die den vielversprechenden Jüngling vor den meisten seiner Altersgenossen auszeichnete, zu seinem Gehilfen und Nachfolger heranzubilden. Carlo jedoch, hochstrebenden, tatendurstigen Geistes, hatte sich nur mit Widerwillen den Wünschen seines Vaters gefügt, und der Drang nach Leben und Bewegung, der sein ganzes Wesen durchglühte, war endlich so übermächtig geworden, daß er eines Tages dem Vater geradezu erklärte, er verabscheue den Handelsstand und gedenke sich dem Waffenhandwerk zu widmen. Minelli seinerseits war dieser Erklärung mit der unbedingten Weigerung entgegengetreten, in irgendeiner Beziehung von den einmal gefaßten Beschlüssen abzugehen. Der Starrsinn des Vaters, durch das beharrliche Andringen des ehrgeizigen Jünglings täglich nur noch mehr gesteigert, hatte den Sohn zuletzt zu offenem Widerstand empört, und so war binnen kurzem der Unfriede in dem stillen, dunklen Hause an der Veronabrücke zu solcher Höhe gestiegen, daß Carlo nach einem mißlungenen Fluchtversuche von seinem Vater den Tag über auf seiner Kammer versperrt gehalten, und ihm erst nachts, nachdem Minelli Haustor und Fensterladen sorgfältig verwahrt und verschlossen hatte, der Verkehr mit Schwester und Mutter gestattet wurde. Diese letztere, die vergebens mit Bitten und Tränen den Zorn des Gatten zu beschwichtigen, den Trotz des Sohnes zu beugen versucht hatte, sah verzweifelnd nur die Wahl zwischen zwei Übeln sich freigestellt: den geliebten Sohn vor ihren Augen von Kummer und Gram verzehrt dem Grabe zuwelken zu lassen, oder gegen den Willen ihres Gatten und gegen ihren eigenen Wunsch die Neigung des Jünglings zu begünstigen. Ihre mütterliche Zärtlichkeit entschied sich um so mehr für das letztere, als die Mittel zur Durchführung des einmal gefaßten Beschlusses ihr so nahe lagen. Ihr Schlafgemach, im Erdgeschoß des Hofraumes gelegen, stand nämlich mit einem der in Venedig häufig vorkommenden, in den heißen Sommermonaten als kühlen und der Plage der Nachtmücke unzugänglichen Ruheort sehr beliebten, fensterlosen Klosette in unmittelbarer Verbindung, dessen Wände und Decke noch aus der Zeit der Barozzi her mit altertümlichen, reich mit kunstvollem Schnitzwerk verzierten Holzgetäfel bekleidet waren. Ein Druck auf eine der Rosen dieses Schnitzwerkes aber öffnete, wie der Großoheim dereinst seiner treuen Pflegerin unter eidlicher Verpflichtung zu unverbrüchlichem Stillschweigen gelehrt, eine in dem Holzgetäfel verborgene Tür, durch welche man in einen schmalen in der Mitte der Grundmauer des Hauses fortlaufenden Gang gelangte. Dieser geheime Ausweg, der im Hinterteile des Hauses in ein Sackgäßchen nahe am Rio degli assassini ausmündete, und von außen her durch eine hinter beweglichen Steinplatten versteckte Tür verschlossen war, hatte zu Tiepolos Zeiten ohne Zweifel den Verschworenen zu ihren Zusammenkünften gedient, und wurde jetzt von einer aus Angst und Unruhe halb wahnsinnigen Mutter benützt, den hartnäckig auf seinem Sinne beharrenden Sohn bei tiefer Nacht aus dem Vaterhause entweichen und in der Fremde das Glück suchen zu lassen, das er in der Heimat nicht zu finden vermochte.

Minelli, in das Geheimnis des verborgenen Ganges nicht eingeweiht und daher um so maßloser über das unbegreifliche Verschwinden des Sohnes erzürnt, hatte weder Geld noch Mühe gespart, des Flüchtlings wieder habhaft zu werden; da aber seine Bemühungen fruchtlos blieben, bemächtigten sich nach dem ersten Rasen der Leidenschaft träger Mißmut und dumpfe Teilnahmlosigkeit seiner Seele so vollkommen, daß sogar die Gefahr bedeutender Verluste, die um jene Zeit sein Geschäft bedrohten, ihn aus dieser Stimmung nicht aufzurütteln und zur Abwehr zu bewegen vermochten. Selbst das wirklich hereingebrochene Unglück vergrößerte nur seine mutlose Versunkenheit, bis endlich ein schweres Siechtum den an Vermögen und Gesundheit gleich herabgekommenen Mann aufs Krankenlager niederwarf, von dem er nicht wieder erstehen sollte. Wenige Tage aber, nachdem ihr unglücklicher, durch die Flucht des Sohnes ins Herz getroffener Gatte den letzten Seufzer ausgehaucht hatte, empfing die von dem bittersten Schmerze, den quälendsten Vorwürfen bestürmte Witwe die Nachricht, ihr Sohn, der zu Florenz unter dem gegen die Franzosen zu Felde liegenden Kriegsvolk der Mediceer Dienste genommen, Carlo, ihr Erstgeborener, ihr Liebling, sei vor Marciano einer französischen Falkonettkugel erlegen.

Seit jenem Tage verhielten sich die Bewohner des Hauses an der Veronabrücke wie aus der Reihe der Lebenden ausgestrichen; lautlose Stille herrschte in seinen Räumen, und kein Fuß betrat je seine Schwelle als ab und zu der Pfarrherr von Santa Maria Zobenigo. Aber weder sein Zuspruch, noch die Schmeichelworte, die Bitten und Tränen Ambrosias, die neben ihr wie eine Rose in der Wüste heranblühte, vermochten die Witwe Minellis aus ihrem Gram, aus ihrer starren, wort-, tränen- und bewegungslosen Versunkenheit zu wecken. Bei verschlossenen Fensterläden, denn sie wäre des Lichtes der Sonne nicht wert, jede Berührung ihres Kindes ängstlich vermeidend, denn sie wäre verflucht, sagte sie, saß sie tagelang in ihrem Schlafgemach, die Perlen eines Rosenkranzes gedankenlos durch die Finger gleiten lassend, und unverrückt weit offenen Auges in das Dunkel des anstoßenden Klosetts hineinstarrend. Erst wenn die Nacht hereingebrochen war, fingen ihre Züge sich zu beleben an, kam Bewegung in ihre starren Glieder; dafür bemächtigte sich aber immer steigende Unruhe ihres ganzen Wesens; sie drängte die Hausgenossen, sich zu Bette zu begeben, und war dies endlich geschehen und die Türe ihres Schlafgemaches hinter ihr verriegelt, dann hörte man sie stundenlang in der toten Stille der Nacht auf und nieder gehen, bald laute Selbstgespräche führen, bald herzzerreißend schluchzen und wimmern, um dann morgens in todesähnlicher Erschöpfung zusammenzubrechen. Nach zwei Jahren solcher Lebensweise verriet endlich die zum Schatten abgemagerte Gestalt, die unheimliche Glut der tief eingesunkenen Augen, die Fieberröte der hohlen Wangen nur zu deutlich, daß der Körper der nie ruhenden Folterqual der Seele erliege. Gleichwohl wies sie alle ärztliche Hilfe zurück und setzte das Tagewerk ihrer Buße fort, ja sie schien sich ihrer zunehmenden Schwäche in demselben Maße zu freuen, als die um das Leben der Mutter besorgte Ambrosia darüber verzweifelnd sich abhärmte. In ihrem kindliche Angstgefühl hatte diese letztere, um der Mutter näher zu sein, längst ihre Schlafstätte aus dem oberen Stockwerke in das Erdgeschoß zu verlegen gewußt, und eines Tages, als sie eben bekümmert, weil die Mutter den Tag über sich matter und hinfälliger als sonst gezeigt hatte, ihr Nachtgebet verrichtend auf den Knien lag, scholl ein gellender Schrei aus dem Schlafgemache der Kranken zu ihr herüber. Entsetzt und halb besinnungslos emporfahrend flog sie die Hausflur entlang, auf jenes Gemach zu, dessen Türe, obgleich verschlossen, dem Andrange ihrer jugendliche Kraft nachgab, und sie bei dem Scheine einer verglimmenden Nachtlampe die Mutter in dem holzgetäfelten Klosette an der Schwelle der halbgeöffneten geheimen Wandtüre bewußtlos auf dem Estrich hingestreckt erblicken ließ. Als Ambrosia jedoch erschrocken zu ihr sich niederbeugte, und sie nach Hilfe rufend in die Arme faßte, kehre die Bewußtlose alsbald ins Leben zurück: »Stille, stille!« sagte sie, indem halb wahnsinniges Lächeln um ihre Lippen spielte, »niemand darf wissen, daß Carlo hier war! Morgen kommt er mich abzuholen! Stille, stille!« und damit sich emporrichtend, wankte sie auf die geheime Türe zu, drückte sie wieder ins Schloß und ließ sich dann von der Tochter nach ihrem Lager geleiten. Zur Ruhe gebracht, hieß sie Ambrosia auf ihrem Bette sich hinsetzen und zog nach Jahren zum ersten Male die in Tränen zerfließende Tochter wieder liebkosend und zärtlich umschlingend in ihre Arme. »Nun sei der Fluch von ihr genommen,« sagte sie, »nun dürfe sie alles wissen, was sie verschuldet, wie sie gebüßt.« Und nun wie zwei Liebende Wange an Wange gelehnt, erzählte sie Ambrosien, was ihr bisher verborgen geblieben, wie es mit dem geheimen Gange, mir Carlos Flucht sich verhalte. In diesen Gesprächen brachten sie die Nacht hin; gegen Morgen hieß die Kranke die seit Jahren verschlossenen Fensterläden öffnen und freute sich des Sonnenscheins, der auf dem Estrich spielte. So ging ihr, stündlich schwächer werdend, aber ruhig, und der Schimmer himmlischen Friedens über ihr Antlitz verbreitet, bald wie im Schlummer hinliegend, bald Liebesworte mit der Tochter wechselnd, der Tag hin. Mit dem Einbruche der Nacht betete sie lange inbrünstig und ermahnte die Tochter eindringlich, immer Recht zu tun, welche Opfer es ihr auch koste und was auch daraus werden möge! Als aber die Mitternacht heranrückte, ward sie unruhig, fragte nach der Uhr, horchte nach dem Klosett hin, plötzlich aber mit strahlendem Antlitz und leuchtenden Augen sich aufrichtend: »Da ist er!« rief sie; »ich komme, ich komme!« und sank selig lächelnd und selig entschlafen zurück.

Der Tod ihrer Mutter war für die nun ganz verwaiste Ambrosia ein schwerer Verlust. Wenn schon die tiefe Stille, die dumpfe Trauer, unter deren Druck die frisch heranblühende Jungfrau gerade die ersten Frühlingsjahre ihres Lebens in dem finsteren stummen Hause an der Veronabrücke zubrachte, einen grauen Schleier über ihre Jugend geworfen hatte, so mußte dieser neue herbe Schlag das letzte frohe Aufwallen jugendlicher Gefühle in Ambrosias Herzen ersticken. Dafür hatten ihr diese trüben, bangen Jahre andere reiche Früchte getragen: Geduld und Selbstverleugnung, und ein fester, leidensstarker Wille waren in ihr herangereift; ihr heller, klarer Verstand, nicht eitlem Traum und vergänglichem Flittertand, sondern notgedrungen dem Ernst des Lebens zugewandt, hatte sie letzteres frühzeitig als Arbeit, nicht als kindisches Spiel begreifen, hatte sie Pflichten erkennen und erfüllen gelehrt, und als nur erst die allmächtige Zeit Balsam in die frische Wunde ihres Herzens geträufelt hatte, so zeigte sich alsbald, zwar nicht fröhlicher Mutwille und jugendliche Schalkhaftigkeit, aber so innige Anmut, so heiterer Ernst und solche jungfräuliche Würde über das achtzehnjährige Mädchen ausgebreitet, daß der siegende Eindruck ihres geistigen Wesens den ihrer blendenden Schönheit noch bei weitem übertraf. Ambrosia bedurfte aber auch dieser Seelenstärke und Geisteshoheit, um der Ungunst der Verhältnisse, die auf sie einstürmten, die Stirne bieten zu können; denn nicht bloß das Gefühl ihrer Verlassenheit und der Trauer um ihre lieben Toten, auch die Sorge für die Erhaltung des geringen Nachlasses ihrer Eltern, den verwickelte, noch vom Vater her ererbte Rechtsstreite und ungeduldig mahnende Gläubiger zu verschlingen drohten, und tausend kleine, aber darum nicht minder empfindliche Entbehrungen bedrängten die verwaiste Ambrosia. Gleichwohl verschmähte sie, auf den Antrag ihres Vormundes, eines Vetters ihrer Mutter, einzugehen und in seinem Hause ihren Aufenthalt zu nehmen, sondern zog es vor, in Gesellschaft einer entfernten Verwandten ein paar bescheidene Stübchen in dem oberen Stockwerke des ihr nun als Erbe zugefallenen Hauses an der Veronabrücke zu beziehen, indem sie in weiser Fürsorge für die Ordnung ihrer Vermögensverhältnisse, obwohl mit schwerem Herzen, den Rest des Hauses zu vermieten beschloß. Das abgelegene und namentlich von S. Marco ziemlich weit entfernte Haus war jedoch lange Zeit durchaus nicht zu verwerten und Ambrosias Gläubiger drangen schon auf dessen Verkauf, als sich für dasselbe ganz unerwartet ein Mieter, und zwar in der Person des Messer Ruggiero Malgrati, eines alten Kriegsmannes, fand, der seit vielen Jahren mit Ambrosias Vater in Geschäftsverbindungen gestanden und während seiner seltenen Besuche in Venedig in dessen Hause Aufnahme und Gastfreundschaft gefunden hatte.

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